Harald Welzer

 

Futur Zwo:

"Wir werden etwas

 getan haben"

 

Wikipedia.Autor  *1958 bei Hannover 

DNB.Welzer

FuturZwei.org  mit Welzer

Google.Autor      Bing.Autor

 

detopia

Umweltbuch   W.htm 

Klimabuch  Utopiebuch

Gerstengarbe

 

 

 

 

(detopia-2014:)   H.Welzer ist der aktuelle und populäre Gesamtdenker in Öko-, Pax-, Klima- und Zukunftsfragen - in der Nachfolge von Robert Jungk, Petra Kelly und weiteren Zukunftsforschern. Es gibt heute weniger als früher, die sich auch mündlich melden (nicht nur schriftlich) bzw. überhaupt ins Radio dürfen. Gut, dass wir einen <gehabt haben werden> :-))

 


 

Welzerbücher, einige:

 

2008  Klimakriege  DNB.Buch    Amazon Klimakriege     Dyer.2008.Klimakrieg

2013  "Selbst denken" (460 Seiten) DNB.Buch

2018  Welzer wundert sich  DNB Buch  175 Seiten

2019  "Alles könnte..." (320 Seiten)   DNB.Buch

 


 

detopia-mehr:

A.Boron   G.Brandt   S.Emmott   P.Grottian   B.Skinner    D.Meadows   R.Kreibich   McKibben   U.Beck    Schellnhuber 

 


Audio mit Harald Welzer:

 

 

2011: 31.12.2011 Jahresrückblick über 40 Jahre Umweltbücher

 

2012Stiftung Futur 2  Gespräch

 

2013Buch Selbstdenken ... auch das Buch einer persönlichen Entwicklung...

Buch Selbstdenken  Alternativen gibt es immer

Buch Selbstdenken Der Soziologe...

2014:

Buch Thiel    Generation Y     Die Nacht    Transformationsdesign    Wachstum 

Buch Öko-Populismus    Rede: "Das Ende der Verantwortung - und Totalitarismus" 

2015Millionär Flüchtlingen mp3

2019: Über SPD-Böhmermann mp3

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

    

 

     

 

 

 

 

 

 

 

 

Welzer zum Emmottbuch 2013

 

Der renommierte Forscher Stephen Emmott will das Publikum mit Fakten zum Klimawandel aufrütteln. 

Ob das hilft? 

Von Harald Welzer

DIE ZEIT  37/2013 vom 14.09.2013 

zeit.de/2013/37/sachbuch-stephen-emmott-zehn-milliarden 

 

Die erste Geschichte: Vor Jahren war ich auf einer Open-Space-Konferenz zur Lage des Klimas. <Open Space> heißt, dass weder die Themen im Detail festgelegt sind noch die Referenten. Man meldet in Abstimmungsrunden thematische Workshops an, erläutert kurz, was man dort zu bearbeiten gedenkt, und schaut, wie viele Leute das interessant finden. Workshops gab es zum Thema Forschungsförderung, zu Szenarien der künftigen Klimaentwicklung, zu <Kultur und Klimawandel> und einen weiteren, vorgeschlagen von einem britischen Kollegen, zum Thema <What if we fail?>. 

Dabei sollte es um die Frage gehen, welche soziale und politische Situation man zu erwarten habe, wenn eintritt, was die Klimaforschung mit überwältigender Evidenz prognostiziert: vermehrte Extremwetter-Ereignisse, Anstieg der Meere, Schmelzen des arktischen Eises und so weiter. Klar, dass solch eine Entwicklung die geopolitische Architektur heftig in Turbulenzen stürzen würde. Daher die Frage: <Was ist, wenn wir recht haben?> 
Die meisten angebotenen Workshops der Konferenz waren gut besucht. Bei dem des britischen Kollegen waren nur zwei Teilnehmer: er selbst und ich.

Die zweite Geschichte: Im vergangenen Jahr fand in Hannover eine wissenschaftliche Tagung statt, weil sich das Erscheinen des Berichts <Grenzen des Wachstums> zum 40. Mal jährte. Mehr als 160 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus allen Teilen der Welt kamen, um ein Resümee zu ziehen, wo man heute stehe. Dennis Meadows höchstselbst hielt den Eröffnungsvortrag und teilte den Anwesenden mit, dass er heute keinen Pfad zu einer nachhaltigen Entwicklung mehr sehe. Zu viel sei irreversibel ausgebeutet, zerstört, vermüllt, überlastet worden, als dass ein Umsteuern noch möglich sei. Die einzige Strategie, die er noch empfehlen könne: Stellt euch auf extrem wachsenden Stress ein, macht euch für die kommenden Krisen bereit, trainiert eure Widerstandskräfte.  

Die Reaktion der Zuhörer: donnernder Applaus. 
Die Konsequenz für den weiteren Verlauf der Tagung: keine.  

Alle hielten sie ihre vorbereiteten Power-Point-Vorträge, fast alle mit katastrophalem Ausblick. Die Klimaerwärmung schreitet so ungebrochen voran wie das Bevölkerungswachstum, die Überfischung der Meere, die Übernutzung der Böden. Alle Redner beendeten ihre Vorträge mit der dringenden Aufforderung, "sofort zu handeln", um das Schlimmste noch zu verhindern.

Die dritte Geschichte: In London ist letztes Jahr am <Royal Court Theatre> mit großem Erfolg ein Bühnenstück aufgeführt worden, das <Ten Billion> heißt und im Wesentlichen darin besteht, dass jemand alle wichtigen Fakten zum drohenden Kollaps deklamiert. Das Stück endet nicht tröstlich. Kurz vor Schluss fasst der Autor und Rezitator Stephen Emmott bündig zusammen: "I think we’re fucked". 

Emmott leitet hauptberuflich ein Microsoft-Labor für rechnergestützte Naturwissenschaft und lehrt außerdem in Oxford. Da kommt also einer aus dem Establishment, stellt sich auf eine Bühne und gibt die absehbare Katastrophe als Stück. Die Leute sind tief betroffen, das Buch ist ein Bestseller, Emmott ein Star. 

Und jetzt die heiße Frage: 

Wie viele derjenigen, die das wahrlich erschütternde und gut gemachte Stück gesehen oder das gleichermaßen aufrüttelnde Buch gelesen haben, werden aus dem ästhetischen Erlebnis eine praktische Folgerung ziehen?

Das ist die interessante Frage an Emmotts Experiment: 

Ist die ästhetische Übersetzung der Daten ein Mittel, das die Leute endlich dem glauben ließe, was sie wissen? 

Der tief greifende Bewusstseinswandel, der in den westlichen Ländern stattgefunden hat, hat ja nie wirklich das Handeln erreicht: Jedes Jahr gibt es einen neuen Rekord im Material- und Energieverbrauch, in den Emissions- und Müllmengen. 

Deshalb ist Emmotts Versuch, den Weg der wissenschaftlichen Aufklärung zu verlassen, zu begrüßen, denn inzwischen sind all die Nachrichten, Statistiken und Diagramme zum Niedergang der Zukunftsaussichten in die kommunikativen Benutzer­oberflächen moderner Gesellschaften eingepreist.

Es hat sich eine Besorgnisindustrie etabliert, die Realängste bewirtschaftet, die aus den Daten resultieren sollten. Sie kanalisiert die Ängste, bis jeder in die Rhetorik des "Wenn wir nicht ..." einstimmt, die aber nur die Ornamentik zum ungebrochenen Weitermachen liefert. 

Das heißt: Die Besorgnis hat einen anderen sozialen und politischen Ort als die Produktion, der Konsum einen anderen als das Bewusstsein, und deshalb geht alles so weiter wie gehabt. Bis es eben nicht mehr weitergeht.

Wenn dem so ist, so Emmotts Ansatz, muss man das Problem ästhetisch angehen, in ein Drama übersetzen, in dem die Zuschauer das bewegende und verursachende Element darstellen und in dem kein Deus ex Machina erscheint, der das Unheil abwendet – "we’re fucked".

Dass aus dieser Formulierung in der Übersetzung ein gemütliches "Ich glaube, wir sind nicht mehr zu retten" geworden ist, läuft dem kathartischen Prinzip zuwider, das Emmott verfolgt. 

In der Originalfassung treibt die Aufzählung aller beunruhigenden Fakten auf ein Finale zu, das keine Hoffnung auf einen guten Ausgang mehr vorsieht. Im Gegenteil: Das Stück endet noch schlimmer, weshalb ich das Ende hier nicht verrate. Das Publikum wird alleingelassen mit dem, was es anrichtet, weil es niemanden als dieses Publikum gibt, das davon ablassen könnte, weiterzumachen.

Emmotts Hinweise auf das Mögliche bleiben vage: Nur eine radikale Verhaltensänderung und eine diese nachvollziehende und unterstützende radikal veränderte Politik könnten noch das Schlimmste verhindern. 

Aber Emmott glaubt nicht daran, dass so etwas geschehen könnte: "Nichts deutet darauf hin, dass dies gerade geschieht oder irgendwann geschehen wird. Ich glaube, alles wird einfach so weitergehen wie bisher." 

In der ästhetischen Logik des Stücks ist angelegt, dass nirgends Hoffnung aufscheint. Insofern erzeugt Emmotts atemlose Aufzählung den Schock der Ausweglosigkeit, aus dem wohl der Impuls zur radikalen Veränderung entstehen soll. 

Das ist eine Strategie der paradoxen Intervention. 

Dumm ist nur, dass die selbst gemachte Apokalypse eben keine ist, die unterschiedslos alle trifft. Sondern sie zieht sich über Jahrzehnte hin und bleibt gerade für diejenigen unernst und unwirklich, die noch davon profitieren, dass alles so weitergeht. 

Man mag der Emmottschen Katharsis allen Erfolg wünschen. Auf ihre Wirkung vertrauen sollte man nicht.

 


 

TAZ zum Welzerbuch <Klimakriege>:

Nichts für Optimisten. Für Harald Welzer ist der Klimawandel kein naturwissenschaftliches, sondern ein kulturelles Problem - das viele Todesopfer fordern wird.

TAZ, 17.05.2008   VON JÖRG PLATH     taz.de  URL 

Dieses Buch hat zwei Schlusskapitel. Und Harald Welzer empfiehlt dem optimistischen Leser fürsorglich, die Lektüre besser mit dem ersten zu beenden. Das zweite raube ihm den Optimismus. 

Dabei hat Welzer schon auf den vorangegangenen Seiten auch dem Zuversichtlichsten den Boden unter den Füßen weggezogen. "Klimakriege" der nahen Zukunft schildert er, und der Untertitel präzisiert in aller Deutlichkeit: "Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird."

Drei argumentative Grundlinien verflicht dieses Buch miteinander: dass der globale Klimawandel zu großen Spannungen führen wird, dass der Überlebenskampf mit Gewalt ausgetragen wird und dass der Mensch als moralisches Wesen solchen Veränderungen gegenüber hilflos ist.

<Klimakriege> ist ein tiefschwarzes und darin überzeugendes Buch.

Für Welzer ist der Klimawandel kein naturwissenschaftliches, sondern ein kulturelles Problem:

Er bedroht das Zusammenleben von Menschen. Steigende Temperaturen verschieben fruchtbare und bewohnbare Zonen, Wüsten rücken vor, Wasser wird knapper oder überflutet das Land. Für die Verursacher, die früh industrialisierten Länder Westeuropas und Nordamerikas, fallen die Veränderungen noch am geringsten aus. Am meisten leiden die armen Länder. 

Unter ihnen trifft es besonders jene, die zugleich die schwächsten Institutionen und die geringsten Kapazitäten haben, um den Katastrophen zu begegnen. Ihre Bürger werden im Überlebenskampf zur Gewalt greifen, weil arme Staaten ihre Rechte nur unzureichend schützen können.

Umweltveränderungen und Gewalt lassen die Flüchtlingsströme anschwellen:

Bis 2050 wird mit ihrer Verzehnfachung gerechnet. Spätestens dann sowie aufgrund des Zusammenbrechens der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen erreichen die Folgen des Klimawandels auch die von ihm vergleichsweise gering betroffenen Länder - von Welzer zutreffend "Verursacherstaaten" genannt.

Die EU und die USA haben bereits damit begonnen, ihre Grenzen aufwendig abzuschotten, die Verantwortung für Flüchtlinge an die Transitstaaten etwa in Nordafrika zu delegieren und Bürgerrechte zugunsten der Terrorismusbekämpfung einzuschränken. Das hierzu von Welzer zusammengetragene Material ist in seiner Fülle erschreckend.

Der in Essen lehrende Sozialpsychologe listet keine zukünftigen Konflikte auf, er präsentiert die bisher eingetretenen Veränderungen des Sozialen so wie Naturwissenschaftler ihre Messergebnisse.

Die zweite Ebene seines Buches handelt von der Gewalt.

Da Welzer wie der polnische Philosoph Zygmunt Baumann den Holocaust nicht für einen Betriebsunfall der Moderne, sondern für deren rationale Konsequenz hält, zeigt er den bisher erreichten Standard der Gewaltanwendung an den Konflikten des 20. Jahrhunderts auf: an der nationalsozialistischen Judenvernichtung, am Völkermord an den Tutsi, den Kriegen und ethnischen Säuberungen in Jugoslawien, Darfur und Sudan. Mittlerweile sind zwischenstaatliche Kriege die Ausnahme.

Es gibt Gewaltmärkte und Warlords, die mit Gewalt Geld verdienen und an der Beendigung von Kriegen kein Interesse haben.

Fatalerweise erkennen Menschen weder die Veränderungen des Klimas noch des Sozialen.

Ihre Sicht der Wirklichkeit verändert sich nämlich mit der Wirklichkeit.

"Shifting baselines" nennen Umweltpsychologen das Phänomen, dass Menschen jenen Zustand für "natürlich" halten, der mit ihrer Lebens- und Erfahrungszeit zusammenfällt. 

Jüngere Fischer halten es für normal, dass sie nur auf hoher See fischen können. Während sich Ältere noch an Fänge in anderen Gebieten erinnern, gab es für sie dort niemals Fische.

Mit sich verschiebenden Referenzrahmen im Sozialen versuchte Welzer schon in seiner Studie über nationalsozialistische "Täter" von 2005 zu erklären, "Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden". Noch 1933 wäre die Judenvernichtung undenkbar gewesen, atemberaubend wenige Jahre später war sie es nicht mehr. Die "gefühlten Probleme" des Klimawandels, prophezeit Welzer, werden Menschen zu radikalen Lösungen greifen lassen, an die sie zuvor nie gedacht hätten.

"Klimakriege" ist ein Beitrag zur Katastrophensoziologie, der es an Düsterkeit mit seinem Gegenstand aufnehmen kann. Lösungen bietet Welzer nicht. 

Seine einzige Hoffnung ist ein kultureller Wandel: erweiterte, außerparlamentarische "Kommunikations- und Teilhabechancen" sollen es den Bürgern erlauben, sich mit ihrer Gesellschaft zu identifizieren und die dringenden Zukunftsprobleme zu lösen.

Verglichen mit dem Zukunftsszenario der Klimakriege, klingt diese Hoffnung wolkig. Doch nach der niederschmetternden Lektüre dürften nicht nur Optimisten sie dankbar aufnehmen.

 


Zum Welzerbuch Selbst denken

Lesebericht von Volker Kempf  2013   herbert-gruhl.de  haraldwelzer.html 

 

Von einer Veranstaltung zum 40. Jahrestag der “Grenzen des Wachstums” in München im Herbst 2012 berichtete ein Vorstandsmitglied aus Bayern und findet seine Einschätzung in einem SZ-Interview mit Harald Welzer vom 2./3. März gut getroffen.

Dennis Meadows hatte vor Klimaforschern erklärt, der Abzweig zur Nachhaltigkeit sei verpaßt worden, es könne nur noch um andere Szenarien gehen.

Die Klimaforscher seien darauf nicht eingegangen, trugen ihre mitgebrachten Power-Point-Präsentationen vor und flogen wieder mit dem Flugzeug davon. Ein solcher Wissenschaftsdiskurs hat autistische Züge, keine Frage.

Von Welzer liegt auch ein Buch mit dem Titel “Selbst denken” vor. Der Untertitel lautet “Eine Anleitung zum Widerstand”.

Schlägt man das Buch auf, findet sich darin ein Kapitel mit der bemerkenswerten Überschrift “Das Wunder des grünen Puddings”. Hier heißt es gleich zu Anfang:

“Kinder, Betrunkene und neu ins Amt berufene Minister sagen die Wahrheit. So war der zufällig Bundesumweltminister gewordene CDU-Politiker Peter Altmaier erstaunt, als ihm gleich nach Amtsantritt der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) eine Studie vorlegte und damit die Forderung an die Regierung verband, sie möge doch bitte dafür sorgen, dass künftig das Wirtschaftswachstum vom Ressourcenverbrauch entkoppelt werde. Altmaier sagte verlegen lächelnd, das höre sich ja gut an, er könne sich aber nicht recht vorstellen, wie das gehen solle. Mit diesem Zweifel lag der Minister in der Sache durchaus richtig ...”

Welzers Einschätzung stützt sich auf den Ökonomen Nico Paech; aber auch Herbert Gruhl ließe sich mit entsprechenden Zweifeln anführen, da ihm Umweltvorsorge und Wirtschaftswachstum nicht einfach mit einem Kunstgriff in Einklang zu bringen waren (“Herbert Gruhl - Pionier der Umweltsoziologie”).

Diese angebliche Entkoppelung etwa durch Ressourceneffizienzsteigerung bleibt immer ein höchst relativer Vorgang. Mehr Wirtschaftswachstum ist immer ressourcenaufwendiger als weniger. Entsprechendes gilt für die Zahl der Menschen in einem einzelnen Land oder auf der ganzen Welt. Altmaier war also mit seinem Geistesblitz durchaus auf der Höhe so mancher skeptischer Denker angekommen, doch habe er schon wenige Wochen später auf dem Weltrettungsgipfel “Rio +20” im Juni 2012 mitgeteilt: die Zukunft der Erde sei gefährdet, wenn man das Wirtschaftswachstum nicht vom Ressourcenverbrauch entkoppele. Altmaier “hat das Falsche dazugelernt und verkündet es nun wie alle anderen.“

Altmaier ist in den “grünen Pudding” getreten. Er hätte einfach weiter selber denken müssen, wie das Welzer mit seinem Buchtitel empfiehlt. Doch das sozialpsychologische Wirkungsgefüge war stärker als das eigene Selbst. Wie Altmaier geht es vielen, nur wenige illustre Gestalten lassen sich nicht so leicht beirren.

Kants “Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen”, ist eben nicht einfach zu haben. Im Gegenteil, der Preis solchen Mutes ist oft hoch und die letzten Jahre wohl auch weiter gestiegen. Wer große Versprechen im akademischen Gewand macht und damit in Kommissionen, Politik oder Medien wirken darf, wird den Nachwuchs schon auf Linie zu bringen verstehen, der dann das Falsche dazulernen darf.

Das dürfte erklären, weshalb Selberdenker mit entsprechender Originalität so selten in Erscheinung treten und “Der Campus” (Dietrich Schwanitz) längst Stoff für realsatirisch angehauchte Romane hergibt.

Eine Anleitung zum Widerstand gegen die Bevormundung des Denkens auch in ökologischen Fragen war da überfällig. Graphiken, die das Bevölkerungswachstum und andere ökologisch problematische Zuwächse zeigen, sind sicher zur Orientierung hilfreich. Welzer schöpft aus einem faktenreichen Hintergrundwissen und vermag ein breites Publikum mit seinem essayistischen Stil anzusprechen.

Ob Welzers Werk das wichtigste Buch des Jahres ist, wie die taz sich laut Klappentext schon im laufenden Jahr festlegt, sei dahingestellt; ein anregender Schmöker ist “Selbst denken” allemal.

Auch bleibt das Buch nicht beim Denken stehen, sondern bezieht das Handeln in zwölf Widerstandsregeln mit ein. Die 13. Regel wäre noch hinzuzufügen: Selbst lesen. 

 


 

Zu Selbst denken im DLF

Die drei bis fünf Prozent Veränderer in der Gesellschaft

Von Martin Hubert    dradio.de/dlf/sendungen/andruck/2122220/   

 

Einer der Vordenker der kapitalismuskritischen Schule ist der Sozialpsychologe Harald Welzer. Er setzt darauf, dass in jedem Bereich wenige Beteiligte - drei bis fünf Prozent - eine Veränderung anstoßen können.

Harald Welzers Buch ist auch das Buch einer persönlichen Entwicklung. Denn vor einigen Monaten verließ der bekannte Sozialpsychologe das Kulturwissenschaftliche Institut in Essen, an dem er jahrelang gearbeitet hat. Er wollte nicht länger immer neue Daten über den Lauf der Welt sammeln, sondern die Welt selbst verändern. Nun ist er Direktor der Berliner Stiftung "Futur Zwei". Deren Motto heißt: Wir werden etwas getan haben.

Welzer und seine Mitarbeiter wollen Geschichten von vorbildlichen Projekten erzählen, die in die Zukunft weisen: ökologisch, sozial, nicht an Wachstum und Profit orientiert. Einige solcher Geschichten finden sich auch in Welzers Buch.

"Die GLS-Bank definiert als ihr Unternehmensziel eine "nachhaltige Gesellschaftsentwicklung". Zurzeit finanziert sie etwa 18.000 Projekte von der ökologischen Landwirtschaft bis zu Behinderteneinrichtungen."

Welzer malt diese Geschichten jedoch erst im letzten Viertel seines Buches aus. Auf den vorherigen 250 Seiten versucht er zu begründen, warum er sie erzählt. Seine Frage lautet: Wie lässt sich die heutige Wachstumsgesellschaft verändern und warum muss man dabei auf Geschichten selbst denkender und handelnder Menschen bauen?

Mal locker und sehr persönlich, mal wissenschaftlich argumentierend berührt Welzer dabei fast alle Aspekte eines Projekts der Gesellschaftsveränderung: Autonomie und Bündnispolitik, Utopie und Realismus, Freiheit und Verantwortung, Spaß und Widerstand.

Warum aber überhaupt dieses große Wort: "Widerstand?" Für Welzer zerstört die Wachstums-und Konsumlogik der Gesellschaft nicht nur die natürlichen Ressourcen. Sie sei, schreibt er, fast schon zu unserer inneren Natur geworden und definiere unser Selbstverständnis als autonomes Individuum.

"Es könnte sein, dass der heutige Totalitarismus ausgerechnet im Gewand der Freiheit auftritt: In jedem Augenblick alles haben und sein zu können, was man haben und sein zu wollen glaubt. Wenn diese Diagnose richtig ist, dann ist allerdings Widerstand nötig. Widerstand gegen die physische Zerstörung der künftigen Überlebenschancen. Widerstand gegen die freiwillige Hingabe der Freiheit. Widerstand gegen die Dummheit. Widerstand gegen die Verführbarkeit seiner selbst."

Das sind starke Worte. Als Sozialpsychologe weiß Welzer jedoch, dass solche Deklarationen genauso wenig wie rationale Argumente reichen, um aus den verinnerlichten Zwängen herauszukommen, wie er sie unterstellt. Notwendig sei vielmehr eine neue Praxis, die sich immer schon an den Wünschen und Hoffnungen eines guten Lebens orientiert. Deshalb seien die Geschichten von Projekten, die in diese Richtung weisen, weiter zu tragen, sodass sich eine neue Kultur etabliert. In ihr wird lieber repariert, getauscht und geliehen statt immer wieder neu gekauft, regionale Güter- und Verkehrskreisläufe schonen die Ressourcen, Genossenschaften funktionieren mit verkürzter Arbeitszeit.

"Alle diese höchst unterschiedlichen Projekte haben ein gemeinsames Merkmal: Sie verändern einen zum Teil winzigen Aspekt des gewöhnlichen Umgangs mit den Menschen und Dingen. Das Weitererzählen solcher Geschichten des Gelingens perforiert selbst schon die nur scheinbar hermetische Wirklichkeit. Aber: Das Schreiben einer solchen Geschichte darf man sich nicht gemütlich vorstellen. Sie wird nur unter der Voraussetzung wirkungsmächtig werden, dass in jedem gesellschaftlichen Segment, in jeder Schicht, in jedem Beruf, in jeder Funktion ein paar Prozent der Beteiligten beginnen, die Dinge anders zu machen: Es müssen drei bis fünf Prozent sein."

Vieles von dem, was Welzer schreibt, kommt einem bekannt vor. Die Kritik des 68er an Konsumterror und manipuliertem Bewusstsein klingt genauso an wie basisdemokratische Konzepte einer Gesellschaftsveränderung durch exemplarische Projekte. Aber Welzer schreibt diese Ideen für eine Gegenwart fort, in der die ökonomische und ökologische Krise tatsächlich bedrohliche Züge angenommen hat. Und er setzt auf eine utopische Praxis, die das Realitätsprinzip nicht verleugnet. Es gibt keinen Masterplan, schreibt er, nur ein Experiment nach dem Motto: Ihr müsst risikoreich euer Leben ändern, wenn ihr die Gesellschaft ändern wollt.

"Die Zukunft wird nur auf einem Weg zu erreichen sein, der selbst durch Irr- und Abwege, unpassierbare Stellen, gute Passagen, Steigungen und Gefälle, kurz: durch alles andere als Geradlinigkeit gekennzeichnet ist. Das ist keine Zukunft für Zwangscharaktere, weil man sich von vornherein als fehlerfreundlich verstehen muss. Wir wissen ja eben heute noch nicht, wie denn eine nachhaltige, moderne Welt aussieht, die frei, demokratisch, sicher, gerecht auf der Basis eines Ressourcenbedarfs ist, der gegenüber heute um den Faktor fünf bis zehn verringert ist. Also entwirft man den nächsten und allenfalls den übernächsten Schritt auf Probe und prüft, wie das Ergebnis jeweils ausfällt. Ob man weiterkommt oder nicht."

Wie von selbst fallen einem beim Lesen dieses Buches serienweise Einwände ein. Ist es nicht zu individualistisch, kulturpessimistisch und moralisch, eine naive Münchhausiade? Der Mensch, verstrickt in die Wachstumslogik, soll sich irgendwie selbst aus deren Sumpf herausziehen? Fehlt nicht eine genaue Analyse des ökonomischen Systems und seiner globalen Abhängigkeiten? Unterschätzt Welzer nicht die Notwendigkeit politisch-strategischen Handelns? All das hat seine Berechtigung. Aber doch nicht ganz. Denn Welzer sieht beispielsweise durchaus die klassische politische Ebene, wenn er schreibt:

"Eine Bürgerinitiative, die gegen die Interessen der großen Energieversorger arbeitet, braucht die Unterstützung der Kommune. Eine erfolgreiche Carsharing-Initiative braucht den Politiker, der eine andere Parkraumbewirtschaftung durchsetzt. Eine Nachhaltigkeitsinitiative in einem Unternehmensvorstand braucht den Betriebsrat."

Welzers Buch spielt Kulturrevolution nicht gegen Politik aus. Es erkundet die psychologischen Aspekte einer zivilgesellschaftlichen Veränderung, die angesichts der Krisen in den letzten Jahren immer wieder einmal beschworen wurde. So etwas hat versucht werden müssen. Denn hier kann jeder überprüfen, ob er zu den drei bis fünf Prozent gehören will, denen eine nachhaltige Gesellschaft mit all ihren Anspruchsverlusten die Mühe wert ist.

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DLF zu Welzerbuch Selbst Denken

 

von Martin Tschechne  - dradio.de/dkultur/sendungen/lesart/2072446/ 

LESART    14.04.2013 ·

 

Recht charmant leitet Harald Welzer die Leser von "Selbst Denken" an, nicht immer mit allem einverstanden zu sein. Seine Analyse und Argumentation belegt der Sozialpsychologe mit konkreten Geschichten, aus denen er handfeste Empfehlungen zum Widerstand ableitet.

"Sie werden es schon bemerkt haben", so wendet sich der Autor Harald Welzer zum Ende eines Kapitels an seine Leser: "Sie werden es bemerkt haben: Ich spreche über Sie."

Die kleine Adresse an die Leser sagt eine Menge über den Ton des Buches - jovial, lässig, ein bisschen keck -, und natürlich auch etwas über dessen Inhalt. Es geht um einen Lebensstil, den kaum einer in Frage stellt. Um eine Kultur, die den Alltag bestimmt in Europa, den USA, immer mehr auch in Indien, China oder Brasilien. Eine Kultur, die ganz offensichtlich an ihr natürliches Ende stößt oder längst gestoßen ist - nur wollen das die wenigsten zugeben, solange sich Geschäfte damit machen lassen.

Konsum als Religion

Bisweilen auch spricht Welzer von einer Religion, wenn es um Wachstum geht. Und das Konsumieren wäre dann so etwas wie ein Gottesdienst. Wie sagte noch der damalige New Yorker Bürgermeister Robert Giuliani gleich nach den Anschlägen auf das World Trade Center? "Zeigt, dass ihr keine Angst habt. Geht einkaufen!"

Um es deutlich zu sagen: Harald Welzer, Jahrgang '58, Sozialpsychologe, Direktor eines eigenen Instituts in Berlin und Professor für ein selbst entwickeltes und maßgeschneidertes Fach mit Namen "Transformationsdesign" an der Uni Flensburg - Welzer tritt nicht auf als mönchischer Fortschritts- und Konsumverweigerer. Er ist über Mobiltelefon zu erreichen, kommuniziert und recherchiert im Internet, und wenn er etwa als Vortragsredner gefragt ist, dann setzt er sich eben in die Bahn. An einer Stelle des Buches gesteht er sogar, dass auch er Brot wegschmeißt, ohne mit der Wimper zu zucken.

"Ich bin ja nicht auf die Welt gekommen, und da stand eine in weiße Laken gehüllte Person neben mir, die gesagt hat: Du bist zu uns gekommen, um die Welt zu retten. Es ist ja niemandem von uns als Aufgabe gestellt, die Welt zu retten. Wenn man moralisch argumentiert, dann würde ich sagen, es ist lediglich die Aufgabe, aus dem, was man tun kann, das möglichst meiste zu machen. Punkt. Und da wir ja nun - ich in meiner Position, Sie in Ihrer, aber überhaupt alle in so einer hyperreichen Gesellschaft - wahnsinnig viel tun können, warum sollen Sie es denn um Himmels Namen nicht tun?"

Also beruft sich Welzer auf den Philosophen Theodor W. Adorno, der in seinen "Minima Moralia" konstatiert: "Intelligenz ist eine moralische Kategorie." Sprich: Wer den Verstand hat, etwas zu tun, um Unglück abzuwenden - der ist auch dazu verpflichtet.

Gewissenloses Unwissen

Dies ist der Punkt, an dem die Streitschrift ansetzt. Der Punkt, an dem Wissen in Handeln mündet, und Unwissen, Wissen-Losigkeit in Gewissenlosigkeit umschlägt. Denn jeder weiß um die Folgen eines ins Hysterische gesteigerten Konsumismus, jeder um die Endlichkeit der Ressourcen, die Gefahr globaler Erwärmung, die wachsenden Berge von Abfall. Jeder weiß, dass und wie eigenes Verhalten zum ökonomischen und ökologischen Kollaps beiträgt. Doch die schiere Information, so Welzer, ist nicht das Problem. Im Gegenteil. Eher schon lenkt sie ab von dem, worauf es ankommt.

"Informationsvermittlung ist etwas völlig anderes. Das ist eines dieser ganzen Defizite innerhalb dieser Öko-Bewegung, dass die darauf setzt, dass sie Information vermittelt. Über CO2 oder den Zustand des Regenwaldes oder so etwas. Was keinen Menschen wirklich vital interessiert. Aber Geschichten interessieren Menschen."

Geschichten sind psychologische Einheiten, in denen Abläufe und Entwicklungen transparent werden. Wo Zahlen überwältigen oder irreleiten, wo Massen von Fakten die Zusammenhänge eher verschleiern als erklären - da belegen Geschichten, wie das Leben funktioniert. Oder: wie es funktionieren könnte.

"Ich halte das Geschichtenerzählen für ein radikal unterschätztes politisches Mittel. Radikal unterschätzt. Und jetzt kommt auch noch mal der Anknüpfungspunkt zu dem, was ich gesagt habe, dass die Öko- und Nachhaltigkeits-Bewegung nur reaktiv argumentiert, und dies unter Heranziehung von wissenschaftlichen Daten sonder gleichen. Das heißt im Umkehrschluss: Sie hat keine Gegengeschichte zu erzählen. Und ich kann Gesellschaft nur verändern, indem ich eine andere Geschichte erzähle. Keine soziale Bewegung ist ausgekommen, ohne eine andere Geschichte über sich und über einen zukünftigen Zustand zu erzählen."

Konkrete Geschichten vom Widerstand

Und so streut Welzer in seine Analysen eben Geschichten ein. Von Menschen, die "selbst denken", wie es der Titel des Buches empfiehlt. Die meisten sind tatsächlich so geschehen - wie die Geschichte von der Frau, die nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl damit begann, Erzeuger von Ökostrom aus der eigenen Nachbarschaft zu einem Netz zusammenzuschließen. Sehr erfolgreich. Es wächst bis heute. Und manche könnten so geschehen - wie die Geschichte von dem Mann, der eine neue Bohrmaschine kaufen will und bei der Bestellung im Internet erst mal an eine Reparaturwerkstatt verwiesen wird. Und dann an einen Nachbarn, der eine ähnliche Maschine schon besitzt. Warum nicht teilen? Eine Bohrmaschine braucht man dreimal im Jahr. Und worin soll da, bitte, ein Verzicht auf Lebensqualität liegen?

"Man kann die Frage ja blitzartig umdrehen und sagen: Worauf verzichten wir denn im Augenblick? Die Suggestion ist ja genau die: In dem Moment, wo ich sage, da müssen wir aber verzichten - ist ja der Status quo schon geadelt. Als etwas, der alles bietet und gar keinen Verzicht beinhaltet. Aber der Status quo beinhaltet ja gigantische Verzichte. Wahnsinn! Und wenn ich sagen würde: eine autofreie Stadt - wo soll da ein Verzicht sein? Worauf sollte man in einer autofreien Stadt verzichten? Ist doch völlig rätselhaft, wo da der Verzicht sein soll. Es ist ein gigantischer Gewinn. Oder ( ... ) wo liegt denn der Verzicht, wenn ich die Papaya nicht ganzjährig kriege? Das ist doch totaler Schwachsinn! Das ist doch kein Verzicht!"

Der Charme an Welzers Buch ist, dass es Analyse und Argumentation mit konkretem Handeln belegt. Mit Geschichten eben. Dass es darüber hinaus Emotionen zulässt, Ironie, Spott und - wo es angebracht ist, also ziemlich häufig - auch heiligen Zorn. Und dass es, drittens, aus allen Fakten und Prognosen auch handfeste Empfehlungen ableitet. Etwa: "Hören Sie auf, einverstanden zu sein." Oder: "Leisten Sie Widerstand, sobald Sie nicht einverstanden sind." Das wäre doch mal ein Anfang ...

 


 

 

 

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Harald Welzer