Start    Weiter

5  Ökokrise, Klimakrise

 und der Klassenkampf

  Klimabuch

  Wolfgang Harich und Freimut Duve 1975

    

109-133

Duve: Aus Ihren bisherigen Antworten geht deutlich hervor: Sie würden es begrüßen, wenn die Parteien der Linken sich die Appelle des Club of Rome zu eigen machten.

Harich: Ich hielte es für richtig, wenn sie das täten. Und ich bin überzeugt: Über kurz oder lang werden sie es tun. 

Duve: Kommunisten und Sozialdemokraten werden auf solche Appelle gewiß verschieden reagieren. Aber Sie machen da keinen Unterschied mehr?

Harich:  Der Sturz der Bourgeoisie, die Errichtung der Diktatur des Proletariats und die Verwirklichung des Kommunismus sind die Voraussetzungen dafür, die Forderungen des Club of Rome in der Gesellschaft durchzusetzen. - Ich sehe nicht, daß die Sozialdemokratie gewillt und imstande wäre, diese Voraus­setzungen zu schaffen. Aber die Aufgabe, für das Überleben der Menschheit auf unserem Planeten zu kämpfen, erhebt sich heute vor allen Fraktionen der internationalen Arbeiterbewegung, egal, ob sie auf revolutionäre oder auf reformistische Konzeptionen eingeschworen sind. Und es ist ein sozial-demokratischer Staatsmann, Sicco Mansholt, der, im Hinblick auf diese Aufgabe, als erster die vom Club of Rome formulierten Vorschläge mit sozialistischen Gedankengängen in Verbindung gebracht hat. Überleben wird die Menschheit nur, wenn es ihr gelingt: 

Alle darauf abzielenden Pläne und Maßnahmen wären zum Scheitern verurteilt, wenn sie nicht von der Arbeiterklasse getragen würden. Sie aber hört, in von Land zu Land unterschiedlichem Maße, auf das Wort der kommunistischen und der sozialdemokratischen Parteien. An ihnen liegt es, die Arbeiter auf diesen Weg zu führen. Folgt die Sozialdemokratie dem Beispiel Mansholts, so wird sie dazu wesentlich beitragen, obwohl ihr «demokratischer Sozialismus» den radikalen Lösungen, die historisch fällig sind, abträglich sein dürfte. 

 

Duve:  Während man bei den Kommunisten — zugegeben: außer den genannten Beispielen in der Sowjetunion — nur Hohn und Spott für die Begrenzungs­debatte beobachten kann, haben die Demokratischen Sozialisten sich seit Jahren intensiv mit diesen Fragen beschäftigt. Erhard Eppler, Joachim Steffen, ja selbst der Entwurf des neuen Orientierungsrahmens der SPD gehen sehr ernsthaft auf diese Diskussion ein. Bei der DKP und den anderen westeuropäischen kommunistischen Parteien vermißt man ähnliche Stellungnahmen. Im Westen werden die Parteien der Linken jedoch — wenn sie die Vorschläge des Club of Rome akzeptieren — die Völker der industrialisierten Regionen der Erde dafür gewinnen müssen, auf Ausweitung ihres Konsums, auf steigenden Lebensstandard zu verzichten. Und das ist unser zentrales Problem. 

Harich: Allerdings. Und die fühlbarsten Einschränkungen, gemessen an ihrem derzeitigen Lebensstandard, hätten die Nationen der kapitalistischen Industrie­länder, namentlich der USA, Westeuropas und Japans, auf sich zu nehmen, da bisher sie den größten Teil des Weltenergie­aufkommens und der Rohmaterialien verbrauchen und die Völker der Dritten Welt von ihren Konzernherren ausgeplündert oder zumindest in Rückständigkeit gehalten werden.

 

D:  Unser Problem ist, daß wir den Kampf für den Demokratischen Sozialismus lähmen, wenn wir in ihn bereits die Losungen des Nullwachstums und des Konsum­verzichts hineintragen. 

H:  Es kommt darauf an, wie man das macht. Die Linksparteien sollten schon jetzt, sofort damit anfangen, der Arbeiterklasse die Gründe darzulegen, aus denen sie, sobald sie zur Macht gelangt sind, das Wirtschaftswachstum stoppen und der ganzen Bevölkerung, mit Einschluß der Arbeiter, materielle Einschränkungen auferlegen werden. Sie sollten aber gleichzeitig klarstellen, daß es zu eben diesem Zweck notwendig sein wird, die kapitalistischen Produktions- und Eigentums­verhältnisse zu beseitigen, und den Arbeitern dringend anraten, jede materielle Einbuße zu verweigern, solange diese Verhältnisse noch nicht überwunden sind.

110/111

D: Erstens haben die Linken auch kein Allheilmittel, und zweitens klingt das kompliziert.

H:  Es ist keineswegs kompliziert. Die holländischen Jungarbeiter, mit denen Sicco Mansholt sprach, haben es so gut verstanden, daß sie es von sich aus vorschlugen, indem sie sagten: «Opfer ja, aber erst muß der Kapitalismus weg!» Dies ist die Formel, welche die Parteien der Linken fortan in den Mittelpunkt ihrer Agitation und Propaganda stellen sollten. 

Dem Proletariat liegen asketische Ideale an sich fern. Aber wenn es darauf ankam, hat es noch stets bewiesen, daß es eine heroische Klasse ist — in den Tagen der Pariser Commune, in drei russischen Revolutionen, im spanischen Bürgerkrieg, im Widerstandskampf gegen Hitler, in zahllosen Aufständen und politischen Massenstreiks, zuletzt wieder in Paris, während des glorreichen Mai-Juni 1968. 

Das Proletariat wird bereit sein, für die Erhaltung der Biosphäre, für die Rettung der Menschheit vor dem Untergang, auch für ein besseres, menschen­würdigeres Leben der Völker der Dritten Welt jedes Opfer zu bringen, von dem die Wissenschaft nachweist, daß es nötig ist. 

Aber der Bourgeoisie wird es und soll es gar nichts opfern. Die Zumutung, sich im Rahmen des kapitalistischen Systems mit einem einfachen, bescheidenen Leben abzufinden, wird es ablehnen, mit vollem Recht. 

Und selbst angenommen, das Proletariat ließe von Demagogen, die mit den Argumenten der Ökologie oder mit dem Ruf nach besserer Lebensqualität Mißbrauch treiben, sich hier bereits zu Verzichtleistungen überreden, so wären diese, weil unter kapitalistischen Bedingungen erbracht, ohne jeden Sinn. Der Kapitalismus kann, da Kapitalakkumulation und Kapitalverwertung sein Lebensgesetz sind, unmöglich von der erweiterten zur einfachen Reproduktion übergehen. 

Je geringer daher der Anteil ist, den die Arbeiterklasse vom Bruttosozialprodukt erhält, desto größere Summen investiert die Bourgeoisie in die Erweiterung des — umweltzerstörenden, Rohstoffe verschlingenden — Reproduktionsprozesses. Etwas anderes ist nicht möglich. Erst der Sozialismus kennt diese Zwangsläufigkeit nicht mehr. Erst hier kann eine Einschränkung des Massenkonsums, je nach den Zielen, die sich die Wirtschaftsplanung setzt, sowohl der erweiterten Reproduktion als auch ganz anderen, entgegengesetzten Zwecken dienen, z.B. dem Schutz der Natur, der Schonung der Ressourcen — ganz wie der Arbeiter- und Bauernstaat es aus außerökonomischen Beweggründen haben will. 

 

DDie Anti-Konsum-Diktatur des Proletariats? Der Club of Rome rät dringend zum Anhalten des Wirtschaftswachstums und zur Konsum­einschränkung: und Arbeits­losigkeit und Preissteigerungen haben eben diese Wirkung.

H:  Nur hat die Biosphäre nichts davon. Sehen Sie sich in dem Milieu, in dem Sie leben, um und fragen Sie sich, ob der keineswegs planvoll und überlegt, sondern durch soziale Mißstände spontan hervorgerufene Rückgang von Produktion und Konsum dort ökologisch überhaupt zum Tragen kommen kann. Ein Blick in die nächste Mülltonne wird Sie darüber belehren, daß das nicht der Fall ist.

Ihr Entschluß, die Anschaffung eines neuen PKW zu vertagen und den alten, klapprigen noch eine Weile zu behalten, reinigt ja auch nicht dessen Abgase von Schadstoffen. Wer sich von der veränderten Lebensweise des Arbeitslosenheeres in einer kapitalistischen Industriegesellschaft ein Plus an Naturschutz erhofft, könnte ebensogut die Zunahme der Erkrankungen an Gebärmutterkrebs als erfreuliches Anzeichen dafür werten, daß nun bald die Bevölkerungs­lawine zum Stillstand kommen werde. 

Mit albernen, makaberen Vorstellungen dieser Art ließen sich ganze Kabarett-Programme bestreiten. Doch selbst gesetzt den Fall, Rezession und Inflation hätten tatsächlich einen nennenswert umweltschonenden, Rohstoffe streckenden Effekt, so hieße das, ökologisch gesehen, doch nur, daß das Wirtschafts­wachstum die unaufhebbare Naturschranke, die ihm gesetzt ist, nicht mit kontinuierlich zunehmendem Druck, sondern durch den Wechsel von Konjunktur und Krise ruckweise, in Stößen zerschlägt. Und der nächste Stoß — darauf können Sie sich verlassen — wird um so heftiger ausfallen, je gründlicher die multinationalen Konzerne jetzt den Volksmassen die Bankkonten und Geldbörsen ausräumen, um den im Vollzug begriffenen Umbau ihres Produktions­apparats finanzieren zu können.

111-112/113


Duve:  Sie stimmen also nicht in den Chor derer ein, die die Gewerkschaften zum «Maßhalten» auffordern.

H: Solange der Kapitalismus existiert, auf keinen Fall, weder in Zeiten der Konjunktur noch in Zeiten der Krise, und schon gar nicht aus ökologischen Erwägungen. Erst müßte die Arbeiterklasse die politische Macht erobert und mit der Vergesellschaftung der Produktionsmittel völlig neue Bedingungen geschaffen haben.

 

Duve: Aber Sie plädieren dafür, daß die politische Arbeiterbewegung, d.h. die sozialdemokratischen und in Italien und Frankreich kommunistischen Parteien des Westens, unbeirrt durch Konjunktur und Krise und unbeschadet ihrer Unterstützung des gewerkschaftlichen Kampfes, aus ökologischen Erwägungen offen ihre Absicht bekennen soll, die ihr zufallende Macht einst dazu nutzen zu wollen, das Wirtschaftswachstum anzuhalten und den Lebensstandard der Bevölkerung zu senken. Eine wahrhaft selbstmörderische Wahlaussage, zumal es keinen sogenannten sozialistischen Staat gibt, der eine plausible Alternative bietet. 

H: Die ökonomische Arbeiterbewegung, repräsentiert durch die Gewerkschaften, darf keine andere Aufgabe kennen, als sich im Rahmen des bestehenden kapitalistischen Systems für die unmittelbaren materiellen Interessen der Arbeiter und Angestellten, für die Verbesserung ihres Lebensstandards, für höhere Löhne, menschlichere Arbeitsbedingungen, Kündigungsschutz usw. einzusetzen. Die politische Arbeiterbewegung muß sich mit diesen Bestrebungen solidarisieren, sie unterstützen, muß zugleich aber auch über ein klares Konzept für die Umgestaltung der Gesellschaft im ganzen verfügen und es jederzeit öffentlich vertreten, ein Konzept, dessen Zielsetzungen den engen Horizont der bürgerlichen Verhältnisse überschreiten. Realistisch kann dieses Konzept heute nur sein, wenn es die Voraussage der Wissenschaft mit ins Kalkül zieht, daß bei Fortdauer der gegenwärtigen Trends der Weltentwicklung die Menschheit in zwei, drei Generationen zugrunde gehen wird. 

113/114

Und human, den Traditionen der Arbeiterbewegung würdig kann das Konzept nur sein, wenn es diese Perspektive nicht, mit dem Hintergedanken: «Nach uns die Sintflut», aus dem öffentlichen Bewußtsein verdrängen hilft, sondern von dem leidenschaftlichen Willen durchdrungen ist, den verhängnisvollen Gang der Dinge mit allen zu Gebote stehenden Mitteln aufzuhalten. Dazu bedarf es einer großen strategischen Zielsetzung, nämlich der, die menschliche Gesellschaft und ihre Kultur endgültig, für immer harmonisch in die Biosphäre einzugliedern. 

Und es bedarf dazu eines beizeiten erarbeiteten, auf lange Sicht berechneten Aktionsprogramms, das vor den drohenden Katastrophen warnt, schonungslos deren Ursachen aufdeckt und ein System wissenschaftlich begründeter Maßnahmen entwickelt, die garantieren, daß diese Ursachen radikal beseitigt werden.

D: Beseitigt durch ein System sehr unpopulärer Maßnahmen. 

H:  So populär, wie es möglich, und so unpopulär, wie es nach dem Urteil der Wissenschaft nötig ist. Je unpopulärer die Maßnahmen aber sein werden, desto früher und ungeschminkter muß man sie der Öffentlichkeit plausibel machen. Nur so wird man vertrauenswürdig auf weite Sicht. Popularitäts­hascherei, die mit Illusionen, gar mit Lügen operiert, verurteilt einen Politiker dazu, eine Eintagsfliege zu bleiben.

 

D:  Sie sagten, das Konzept müsse realistisch sein. Die Maßstäbe der Politik für das, was realistisch genannt zu werden verdient, sind andere als die der Ökologie. Ist es nicht unrealistisch, zu glauben, daß die Bevölkerung eine Partei, die ihr für den Fall ihres Sieges Versagungen und Entbehrungen in Aussicht stellt, mit Mehrheit ins Parlament wählen, ja für sie auf die Barrikade steigen wird?

H:  Diese Partei wird es wahrscheinlich vorübergehend auf sich nehmen müssen, gegen den Strom zu schwimmen — den Strom des Wohlstands­denkens, des Wachstumsfetischismus, der Konsumillusionen, den Strom der Unwissenheit und Gewissenlosigkeit in Sachen Ökologie. Aber das macht nichts. Die wenigen revolutionären Marxisten, die es zu Beginn dieses Jahrhunderts in den Reihen der II. Internationale gab, unter ihnen Lenin, Liebknecht, Rosa Luxemburg, sind bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs gegen eine gewaltige Hochflut des Chauvinismus angeschwommen. 

Drei, vier Jahre später trug gerade deswegen das Vertrauen der Massen sie zu Führern der Revolution empor. Und welche Partei heute das Vermächtnis Lenins, Liebknechts, Luxemburgs verkörpert, bewahrt und in die Zukunft trägt, ist bekannt. Bekannt ist ebenfalls, daß diese Partei es unterdes nicht verlernt hat, gegen den Strom zu schwimmen. Sie hat beispielsweise die Endgültigkeit der Oder-Neiße-Grenze und die Realität DDR schon zu einer Zeit anerkannt, als die rechten SPD-Führer noch die Vertriebenenverbände hofierten.

114


Duve: Was das Wohlstandsdenken und den Wachstumsfetischismus anbelangt, so sieht es vorläufig nicht so aus, als seien die DKP oder andere kommun­istische Parteien Westeuropas geneigt, auch gegen diesen Strom zu schwimmen. Ich erinnere Sie an die Auslassungen von Guy Biolat und Edgar Gärtner. 

Doch angenommen, dies änderte sich, was müßte dann geschehen, damit der Strom den Berg hinauf- und nicht mehr herunterfließt? Mit der Predigt des Verzichts Wahlen zu gewinnen wird schwerfallen, und zur Entfesselung von Revolutionen dürfte sie sich noch weniger eignen.

H: Die Revolution der Puritaner ist als Geburtshelfer der bürgerlichen Gesellschaft aus der Geschichte nicht fortzudenken. Sie predigte Verzicht.

D: Das waren andere Zeiten. Außerdem wurde einer anderen Klasse gepredigt. Sie selbst haben eben betont, daß den Arbeitern asketische Ideale fremd seien.

H: Um hinzuzufügen, daß gleichwohl das Proletariat eine heroische Klasse ist. Worauf beruhte der geschichtliche Erfolg der Puritaner? Die Produktiv­kräfte der bürgerlichen Gesellschaft waren im 17. Jahrhundert noch so unentwickelt, daß um der Akkumulation des Kapitals willen Konsumverzicht zu üben im Interesse der frühen Bourgeoisie lag.

Aus einem ungleich stärkeren Motiv: um als Gattung auf diesem Planeten überleben zu können, wird fortan die Menschheit sich vieles versagen müssen, weil inzwischen die Produktivkräfte, besonders durch die Automation, einen nicht mehr zu überbietenden Stand ihrer Entwicklung erreicht haben, dergestalt, daß nunmehr der Akkumulationsprozeß des Kapitals an die letzte, absolute Grenze stößt, hinter der nur noch die Dämonen der Vernichtung des Lebens lauern, der Selbstvernichtung alles menschlichen Lebens. Die Menschheit weiß das nur noch nicht. Eine kleine Vorhut ihrer Wissenschaftler weiß es.

Die Spätbourgeoisie, an der Spitze die multinationalen Konzerne, entschlossen, eher den Untergang aller zu riskieren, als vom Schauplatz der Geschichte abzutreten, hat die vage aufflackernde Ahnung, die sie 1972/73 unbedachterweise einen Moment lang aus den Computern des Club of Rome, aus dessen schwer entzifferbaren statistischen Diagrammen ins Bewußtsein breiter Massen überspringen ließ, schleunigst aus den Köpfen wieder zu verdrängen gewußt; was den Köpfen nicht unwillkommen ist, da das Gefühl, in Mordanschläge auf die eigenen Enkel verstrickt zu sein, auf die Dauer Unbehagen erzeugt. 

Jäh hochgespielt, schnell verramscht, gleich wieder vergessen, teilt die MIT-Studie — mit den übrigen Sensationen der Wegwerf-Gesellschaft, mit den Herzver­pflanzungen und dem ersten Mondflug, mit der APO und dem Friedensnobel-Preis für einen deutschen Nachkriegskanzler — das Schicksal, heute nur noch Gähnen hervorzurufen, so sehr die Warnungen der Studie mit jeder verrinnenden Minute exponentiell an Aktualität zunehmen. Jetzt sind die Todfeinde der Bourgeoisie, die Kommunisten, an der Reihe, die drohende Gefahr dem Gedächtnisschwund der mit Neuigkeiten überfrachteten Gehirne wieder zu entreißen. 

Jetzt ist es ihrer pausenlos einhämmernden Agitation aufgetragen, den Menschen ohne Pardon zu offenbaren, was sie, was ihre Kinder und Kindeskinder erwartet, falls die Dinge so weitertreiben. Und wenn erst die Kommunisten sich auf diese ihre Pflicht besonnen haben werden, dann wird der Gesellschaft der industrialisierten Regionen in ihrer überwältigenden Mehrheit nicht mehr lange verborgen bleiben, daß berechenbares Klima, daß die Luft zum Atmen, daß dauerhafter Frieden, gesicherte Existenz, Gesundheit an Leib und Seele lebenswichtiger sind als ein Wohlstand, den sie sich überdies unter strapaziösem Leistungsdruck mit Arbeitshetze, Stress, Frustrationen aller Art, kulturellem Tiefstand ohnegleichen viel zu teuer erkaufen muß. 

Am lebenswichtigsten für die Arbeiter aber ist die Integrität des proletarischen Internationalismus, die verlorenginge, wenn sie, mit den Millionen hungernder Kinder der Dritten Welt vor Augen, nicht daran dächten, die künftige eigene Macht für die Einebnung des Wohlstandsgefälles zwischen Nord und Süd einzusetzen.

115-116


Duve: Was schlagen Sie vor?

H: Ich schlage den kommunistischen Parteien vor, in ihre gegen den Kapitalismus gerichtete Agitation und Propaganda Aufklärungskampagnen über die Katastrophen mit einzubeziehen, auf die wir uns bei Anhalten der ökologischen Krise gefaßt machen müssen. Die wissenschaftlichen Beweismittel für die Richtigkeit ihrer Argumente sollten die Kommunisten dabei den Studien des Club of Rome entnehmen, und als rettenden Ausweg sollten sie eine asketische Variante des Kommunismus propagieren, die den von der Ökologie als lebensnotwendig erachteten Konsumverzicht unter strenger Wahrung sozialer Gerechtigkeit durchzuführen erlaubt. 

Zwei Dinge möchte ich aber ergänzend hinzufügen. Erstens geht es nicht nur um die Wahrung sozialer Gerechtigkeit bei der Aufteilung der nach ökologischen Kriterien noch zulässigen Konsumgüter — obwohl auch dies ein wichtiger Gesichtspunkt ist —, sondern mehr noch darum, daß, wie ich schon sagte, Einschränkung des Konsums unter kapitalistischen Bedingungen die Ausweitung der Reproduktion begünstigen würde, die es gerade zu verhindern gilt.

Zweitens sollten die in den Aufklärungskampagnen zu verbreitenden Argumente nicht ausschließlich aus den Studien des Club of Rome bezogen werden. Diese sind zwar eine Fundgrube an schlagenden Beweisgründen, soweit es sich um die Bevölkerungsexplosion, die Rohstoff- und die Welt­ernährungs­krise handelt, aber bei weitem nicht ergiebig genug, um die ökologische Krise im engeren Sinne, nämlich die Umweltbelastung durch die industrielle Zivilisation, evident zu machen. 

Zu diesem Punkt müßte weitere Literatur herangezogen werden, vor allem das hervorragende «Doomsdaybook» von G. R. Taylor. Zu empfehlen wäre desgleichen, alle einschlägigen Ausführungen, die von sowjetischen Experten auf dem Moskauer Symposion «Mensch und Umwelt» vorgetragen worden sind, auszuwerten und zu popularisieren. Die MIT-Studie krankt daran, daß sie aus den vielen Faktoren, welche die Umwelt belasten und zerstören, wohl wegen der relativ leichten Quantifizierbarkeit für den Computer, nur die Emission von Schadstoffen herausgreift. 

* (u2014)  Doomsdaybook bei Detopia  

117


Duve: Ist das nicht die gefährlichste Komponente der Umweltverschmutzung? Erinnern Sie sich an die Quecksilberkatastrophe von Minamata in Japan!

H: Wo denken Sie hin! Gegen das, was uns bevorsteht, wenn wir so weitermachen wie bisher, war Minamata, bei all seiner Schrecklichkeit, ein harmloser kleiner Betriebsunfall, kaum der Rede wert. Es fängt damit an, daß schon in dem Ausdruck <Umweltverschmutzung> — auch die MIT-Studie bevorzugt ihn — eine Welt von Schönfärberei und Verharmlosung steckt. Ich gebrauche dieses Wort daher ungern. Man assoziiert mit ihm die Vorstellung weggeworfener alter Konservenbüchsen in einem Waldstück. Man denkt allenfalls noch an den Smog und die Autoabgase und bildet sich dann ein, mit dem Anbringen von Filtervorrichtungen sei das Problem erledigt. 

Wenn man überdurchschnittlich Bescheid weiß, sagt man «Minamata» und beruhigt sich bei dem Gedanken, daß dort zu den 15.000 Quecksilber­geschädigten seit Jahr und Tag keine weiteren mehr hinzugekommen sind. Es geht aber gar nicht so sehr um «Schmutz», sei es selbst noch so giftigen, sondern darum, daß wir im Begriff sind, die Naturbasis tierischer und menschlicher Existenz überhaupt zu zerstören. Die Emission von Schadstoffen aller Art — von Asbest, Blei, Cadmium, Quecksilber usw., erst recht von radioaktiven Abfallstoffen wie Strontium oder Jod, Krypton und Tritium — trägt dazu wesentlich bei; ich will das nicht leugnen. Sie allein würde schon ausreichen, uns in absehbarer Zeit umzubringen, sei es direkt, durch schleichenden Vergiftungstod, sei es auf dem Umweg über die Störung von Naturkreisläufen, die für uns lebenswichtig sind. Aber es gibt, teils kombiniert mit den Schadstoffen, teils unabhängig von ihnen, andere, ebenso große Gefahrenquellen, von denen sehr wenig geredet wird.

118


Duve: Vorhin zitierten Sie die Warnungen Medunins vor der Beeinträchtigung der globalen Sauerstoffbilanz durch Düsenflugzeuge und Pestizide.

H:  Ich habe da aus polemischem Anlaß die Zitate so ausgewählt, daß sich eine Zuspitzung auf die von Biolat verteidigten zweifelhaften Errungen­schaften ergab. Zu den Düsenflugzeugen, von denen ständig über dreitausend in der Luft sind, kommen ja noch viele andere Sauerstoff-Fresser hinzu, etwa vom Kaliber der Hochöfen. Und dem Phytoplankton setzen die Tankerhavarien nicht weniger zu als die Pestizide. Nimmt man das Problem in seiner ganzen Tragweite, so besagt es, daß die auf der Erde fortwährend stattfindenden Verbrennungs­prozesse in ihrer Gesamtheit bald mehr an Sauerstoff verbrauchen werden, als die Photosynthese der Meeres- und Landpflanzen reproduzieren kann, zumal wenn sie durch zunehmende Schadstoff­konzentration in den Ozeanen und durch den Raubbau an Wäldern weiterhin beeinträchtigt wird. 

Die heutigen Zuwachsraten der Industrieanlagen und der immer mehr anwachsende Verkehr bewegen sich auf den Punkt zu, an dem eines nicht fernen Tages die unterste Grenze der zur Erhaltung des Lebens unerläßlichen Sauerstoffkonzentration erreicht sein wird. Wird sie überschritten, dann verwandelt die Erdatmosphäre sich wieder in eine Art Uratmosphäre zurück, in der Leben, das auf Sauerstoff angewiesen ist, nicht mehr existieren kann, und schon heute regenerieren die USA nur 60 Prozent ihres Sauerstoffbedarfs im Lande selbst, während südlich davon die brasilianischen Faschisten sich anschicken, die Urwälder am Amazonas zu roden. 

Ferner: Man kann nicht eindringlich genug vor den ungeheuerlichen Konsequenzen warnen, die sich über kurz oder lang aus den vom Wirtschafts­wachstum bewirkten Veränderungen des Klimas, der Wetterverhältnisse ergeben werden.

Es sind durch die Industrialisierung Prozesse ausgelöst worden, die teils auf eine neue Eiszeit, teils auf den Hitzetod hintreiben, und niemand weiß, wie sie sich, unter welchen Unwetter­katastrophen, und ob sie sich überhaupt einmal ausbalancieren werden. Die letzten anomalen Wintertemperaturen lassen bereits nichts Gutes ahnen. Es kann durchaus geschehen, daß in Zukunft die Mittelmeerländer und Kalifornien das Klima der afrikanischen Wüstengebiete, mit allen verheerenden Folgen für die Landwirtschaft und die Wasserversorgung der Städte, haben werden — Sahelzonen quer durch Europa, quer durch die USA. 

Diese Aussicht erscheint mir als die wahrscheinlichere. Durch Beton und Asphalt, durch Städtebau, großräumige Landwirtschaft, Rodung von Wäldern, Anlage von Stauseen erhöhen wir laufend die Albedo, wie die Astronomen das Verhältnis zwischen eingestrahlter und reflektierter Sonnenenergie nennen. Gleichzeitig geben alle Verbrennungsprozesse an ihre Umgebung Wärme ab, die Atomkraftwerke übrigens noch hundertmal mehr als herkömmliche Kraftwerke vergleichbarer Kapazität. 

Von beiden zivilisationsbedingten Faktoren befürchte ich, daß sie sich in den letzten Jahren gefährlich mit der langen Welle des natürlichen, kosmisch bedingten Klimarhythmus zu verschränken begonnen haben, die, nach den Schätzungen von Schnitnikow (Leningrad) und Winstanley (London), bis ins erste Drittel des kommenden Jahrhunderts sowieso zunehmende Erwärmung mit sich häufenden Trockenperioden bringen wird und die Lenk (Saarbrücken) sogar einen Jahrhunderte währenden «astronomischen Sommer» voraussagen läßt. 

Es kann aber natürlich auch sein, daß vorübergehend die Eiszeit-Hypothese recht behält, die von der zunehmenden Bewölkung infolge industrieller Luft­verunreinigung ausgeht. Wie dem auch sei: Das Klima ist nicht so stabil, wie wir gewöhnlich annehmen. Es befindet sich in einem delikaten Gleichgewicht, auf das wir mit unabsehbaren Folgen störend einwirken. 

Dann ist da das eskalierende Problem der Erdbeben, von denen mancher zu Unrecht glaubt, daß sie — was für die unmittelbar Betroffenen aber schon schlimm genug wäre — bloße lokale Katastrophen seien. In Wahrheit können sie Verspannungen der Erdrinde über Tausende von Meilen hervorrufen, die unter Umständen weitere Beben, an ganz anderen Orten, begünstigen. Auch dies beginnt sich, da gleichzeitig die Anzahl der Kernreaktoren, nebst der beliebten Ablagerung des Atommülls in alten Salzbergwerken, zunimmt, zu einer tödlichen Gefahrenquelle auszuwachsen. 

Die Japaner haben früher ihre Häuser aus so leichtem Material gebaut, daß sie bei einem Erdbeben über ihren Bewohnern zusammenbrachen, ohne diese zu töten. Jetzt hat man nördlich von Tokio, einer Betonwüste wie jede andere Weltstadt, in 3510 Meter Tiefe einen seismischen Beobachtungspunkt eingerichtet, von dem aus man hofft — hofft! — eine seismische Welle 10 Sekunden vor ihrem Eintreffen erfassen und signalisieren zu können, um dann in diesen Sekunden die — man denke — Atomkraftwerke, die Gas- und Stromversorgung abzuschalten, die Ölhähne zuzudrehen, die Züge zu stoppen, damit, wie es heißt, «das Schlimmste verhütet werde». 

Dieser Wahnsinn — Atomkraftwerke in einem traditionellen, natürlichen Erdbebengebiet — spielt sich in Japan ab, einem Land, von dem man hätte annehmen sollen, es werde seine bösen Erfahrungen mit dem Atomtod nicht so bald vergessen. Andernorts wird durch das Anlegen von Stauseen, durch das Bohren tiefer Löcher zur Beseitigung gefährlichen Abfalls und durch unterirdische Kernexplosionen für Dauerbelastungen oder plötzliche Erschütterungen gesorgt, die auf ein Spiel mit der Möglichkeit künstlicher, von Menschenhand fabrizierter Erdbeben hinauslaufen. Und da wagt man, vor dem Hintergrund sich auffällig häufender Erdbeben an allen Ecken und Enden, die Sorgen des Club of Rome um die drohende Erschöpfung der nichtregenerierbaren Rohstoffe mit der Vertröstung auf die denkbare Ergiebigkeit von Bohrungen in noch unvorstellbare Tiefen abzuwehren, die uns eines Tages vielleicht weiterhelfen würden, oder von Bergwerken unter dem Meeresgrund der Ozeane zu phantasieren. Schließlich das immer prekärer werdende Problem unserer Wasserversorgung ...

 

Duve: .... dann folgt auf die Wasserkalamität die Welternährungskrise, mitsamt den mineralischen Düngemitteln, die einerseits zur Neige gehen, andererseits auch umweltschädigende Wirkungen ausüben.... 

H: Sehr richtig, das tun sie....

Duve: Ja, aber es führt uns zu sehr in die Details. Um es zusammenzufassen, meinen Sie, daß schreckliche Naturkatastrophen auf uns zukommen, die wir selber heraufbeschwören, indem wir dem Wirtschaftswachstum nicht Einhalt gebieten. 

H: Nicht nur unmittelbare Naturkatastrophen kommen auf uns zu. Die zu erwartenden gesellschaftlich vermittelten Katastrophen der ökologischen Krise sind nicht weniger bedrohlich. 

Duve: Was verstehen Sie darunter? Mir schien, daß die Katastrophen, die Sie eben prophezeit haben, auch «gesellschaftlich vermittelt» sind.

119-121


H: Nein, sie hätten, wenn sie sich ereigneten, gesellschaftliche Ursachen; das ist etwas anderes. Man muß Kategorien von Katastrophen erkennen und unterscheiden. Da sind erstens die einfachen Naturkatastrophen, an deren Zustandekommen menschliche Aktivitäten keinerlei Anteil haben, z. B. die klassischen Erdbeben an den Rändern der Kontinente. Da sind zweitens Naturkatastrophen aus gesellschaftlichen Ursachen. Von ihnen haben wir bisher nur hier und dort einen harmlosen Vorgeschmack zu spüren bekommen. Sie entstehen aus dem Einwirken des Menschen auf die Natur.

Duve: Unbeabsichtigt, aus umweltschädigenden Nebenwirkungen des Produktionsprozesses.

H: Im allgemeinen ja, unter Umständen aber auch beabsichtigt, in einem Krieg, der mit atomaren, bakteriologischen und chemischen Massen­vernichtungs­mitteln ausgetragen wird. 

Duve: Eine Unterkategorie. Klammern wir sie aus. 

H: Drittens kann die Einwirkung der Gesellschaft auf die Natur eine Lage schaffen, die dann wieder die Gesellschaft dazu treibt, in einer Katastrophe Zuflucht zu suchen: in einem Krieg, der schlimmstenfalls mit ABC-Waffen geführt wird.

 

Duve: Nach marxistischer Auffassung sind es nie natürliche Gegebenheiten, sondern immer gesellschaftliche Gegensätze, die Kriege hervor­treiben.

Harich: Gewiß, die Präponderanz dieser Gegensätze bestreite ich auch nicht. Trotzdem müssen wir in einer Zeit, in der das Wirtschafts­wachstum an unaufhebbare Naturschranken stößt, auch da ein wenig umlernen. Unter den Bedingungen der ökologischen Krise verfilzen sich die natürlichen und die gesellschaftlichen Faktoren in nie dagewesener Weise. 

Nehmen Sie den Kabeljaukrieg. Die Gesellschaft hat zu stark die Fischgründe um Island ausgebeutet. Um diese naturgesetzlich begrenzte Ressource seiner Volksernährung zu schützen, dehnt Island seine Hoheitsgewässer aus. Großbritannien und die Bundesrepublik sind nicht bereit, dies als Rechtens anzuerkennen. So kommt es zwischen ihnen und Island zu den bekannten kleinen Gewalttätigkeiten um die Fischtrawler, zu gekappten Fangnetzen u. dgl. 

Oder nehmen Sie die Eskalation dieses qualitativ neuartigen Konflikttyps in der derzeitigen Energiekrise: das Verfilztsein des arabisch-israelischen Gegensatzes, einer klassischen, rein innergesellschaftlichen Konfliktmaterie, mit der Erdölfündigkeit bestimmter arabischer

122


Landstriche, mit dem Umstand, daß die Erdölvorkommen in naher Zukunft erschöpft sein werden, mit dem ansonsten unterentwickelten Zustand der Araberstaaten, mit der Erdölsüchtigkeit der industrialisierten Regionen, mit der Jagd der multinationalen Konzerne nach Extraprofiten usw. 

Ich meine: Wenn die USA sich eines Tages dazu hinreißen lassen sollten, die Aggressionsdrohung Kissingers gegen die erdölexportierenden arabischen Staaten wahrzumachen, dann wäre dies eine Katastrophe, in der die ökologische Krise, nämlich das akute — oder demnächst zu erwartende — Anprallen der industriellen Zivilisation und ihres Wirtschaftswachstums an eine Naturschranke, hier: an die Erschöpfbarkeit der Erdölressourcen, sich nicht direkt geltend machen würde, wie im Falle der gesellschaftlich verursachten Naturkatastrophen, sondern vermittelt durch einen innergesellschaftlichen Antagonismus, hier: durch den Interessengegensatz zwischen dem amerikanischen Imperialismus und den von ihm ausgeplünderten Völkern der Dritten Welt.

 

Duve: Das heißt, unter den auf uns zukommenden Katastrophen bezeichnen Sie als gesellschaftlich vermittelt diejenigen, die zwar letztlich auch auf den Raubbau an der Natur zurückzuführen sind, aber, noch bevor dessen natürliche Konsequenzen unmittelbar katastrophenartig zutage treten, die Form bewaffneter Konflikte zwischen Staaten und ganzen Kontinenten annehmen. 

H: Was in unserer waffenstarrenden Welt, deren nukleares Vernichtungspotential zu mehrfacher Auslöschung der Menschheit hinreicht, eben eine Katastrophe wäre, kaum geringer als der Wärmetod oder das Wegbleiben des Sauerstoffs. Ich füge hinzu: Auch den gesellschaftlich vermittelten ökologischen Katastrophen beugt man, genau wie den unvermittelt naturhaften, am sichersten und wirksamsten dadurch vor, daß man den Kommunismus verwirklicht und auf seiner Grundlage das Wirtschaftswachstum stoppt und den Konsum einschränkt. Mit anderen Worten: Der darauf abzielende politische Kampf dient nicht zuletzt der Erhaltung und Sicherung des Weltfriedens. 

 

Duve: Kurz, Sie sind überzeugt, daß Wachstumsfetischismus und Wohlstandsdenken einer Aufklärungskampagne, die mit solchen Argumenten operiert, auf die Dauer nicht werden standhalten können, besonders dann nicht, wenn die Katastrophen, vor denen sie beizeiten gewarnt hat, akut zu werden beginnen.

123/124

Harich: Ja, davon bin ich felsenfest überzeugt, und zwar um so mehr, als sich in den kapitalistischen Industrieländern in verworrener, unausgegorener Weise längst Gegenströmungen bemerkbar machen, die jenen heute prokapitalistischen Ideologien opponieren, sie unterhöhlen und abbröckeln lassen. Für ökologisches Denken am meisten aufgeschlossen ist da selbstverständlich die alte Bewegung der Naturfreunde, die sich erneuert, verjüngt und mehr und mehr an Boden gewinnt. Obwohl ursprünglich harmlos und seit jeher apolitisch, artikuliert und organisiert sie Bestrebungen, die in der Epoche der ökologischen Krise ein überaus wertvolles, nicht zu unterschätzendes revolutionäres Potential freisetzen. Es ist sich freilich seiner wahren Bedeutung noch nicht bewußt. Aber das beginnt sich zu ändern. 

Denn in demselben Maße, wie die Naturfreunde die Bürgerinitiativen mit wissenschaftlich begründeten Argumenten ausrüsten, werden sie ihrerseits durch sie in den politischen Kampf hineingezogen — ein vielversprechender Vorgang. Weiter: Konsumfeindliche Einstellung war, ohne in ökologischem Wissen fundiert zu sein, bereits ein hervorstechender Zug der Neuen Linken Ende der sechziger, zu Beginn der siebziger Jahre: der Hippies, der Gammler, der — von Roszak so genannten — «Gegenkultur», auch der Studentenrebellion, auch der APO, des ganzen Neoanarchismus bis hin zu dem terroristischen Extrem, das schließlich die deutsche Gründlichkeit uns in Gestalt der Baader-Meinhof-Gruppe beschert hat. 

Denken Sie daran, daß Gudrun Ensslin und Andreas Baader, bevor sie zur Roten-Armee-Fraktion stießen, sich als Kaufhausbrandstifter strafbar gemacht hatten. So sehr schon ihre damaligen Aktivitäten als politisch sinnlos zu verwerfen sind, ihre Motivation hatte gleichwohl einen nur zu berechtigten Kern. Kaufhäuser anzuzünden führt zu nichts, es sei denn zur Gefährdung des Lebens unschuldiger Menschen. Politisch kann es nur schaden; soviel steht fest. Aber ein kommunistischer Weltwirtschaftsplan, durchdrungen vom Geist der Kaufhausbrandstiftung, will sagen: mit seinen Kennziffern die in den Kaufhäusern angestapelte Materialverschwendung von den Regalen fegend, wäre der Menschheit unter ökologischen Gesichts­punkten heilsam; das steht auch fest.

124


Analoges gilt für einen weiteren charakteristischen Zug der RAF: für ihre ins Fanatische übersteigerte Solidarisierung mit Vietnam, wie sie am vernehmlichsten das im Heidelberger amerikanischen Hauptquartier verübte Attentat zum Ausdruck brachte. Als politisches Kampfmittel sind isolierte Attentate untauglich, zugegeben. Die Geschichte des Anarchismus, des Narodnowolzentums, auch der Tupamaros beweist es. Und daß Attentate unter den in der Bundesrepublik 1972 bestehenden Verhältnissen einen von den Volksmassen getragenen Partisanenkrieg gegen die amerikanischen Imperialisten, zur Entlastung des vietnamesischen Volkes hätten auslösen können, war eine wirklichkeitsfremde Illusion, sicher. 

Aber hängt das Überleben der Menschheit etwa nicht von einer Entwicklungshilfe ab, die kein Kapitalexport bleiben darf, sondern selbstlose, opferbereite Solidarität werden muß, mit dem erklärten Ziel, das Nord-Süd-Gefälle des Lebensstandards einzuebnen, wenn der Dritten Welt, und damit letztlich uns selbst, wirklich geholfen werden soll? Die Frage stellen heißt erkennen, daß die Gesinnung, die sich in dem Heidelberger Attentat offenbart, zu den ermutigendsten Zeitsymptomen gehört, heißt wünschen, sie griffe, jedoch gepaart mit politischer Vernunft, ohne anarchistisches Abenteurertum, in der Gesellschaft der industrialisierten Regionen weiter um sich und gewönne hier dauerhaft an Boden.

 

Duve: Was Sie da eben zu dem Heidelberger Attentat sagten, bei dem immerhin amerikanische Bürger umgebracht wurden, zeigt doch die Richtung der Gefahren an, auf die wir uns zubewegen, sobald die Begrenzungsdebatte uns eine globale «Revolution der sinkenden Erwartungen» beschert. Sobald es einige globale Kenntnisse und Fakten gibt, nutzt ein unberechenbarer, sich mit globaler Verantwortung garnierender anarchischer Terrorismus diese neue Rechtfertigungsebene aus: Der global operierende Anarchismus und Terrorismus wird jederzeit, bei jedem Anlaß gegenüber jedem Menschen mit jedem Mittel auch die brutalste Handlung begehen und sich mit der globalen Verantwortung rechtfertigen. 

Ich sehe in unserem neugewonnenen globalen Verantwortungsbewußtsein nicht nur eine große Chance, den Bedrohungen zu begegnen, sondern ebensosehr eine ungeheure Gefahr. Ich befürchte, daß politische Schwarmgeister, ebenso wie kriminalisierte Anarchisten, die staatlichen Ordnungen in einen weltweiten permanenten Bürgerkrieg hineinziehen, der etwa jene Freiheiten, die wir demokratischen Sozialisten im Westen als Voraussetzung einer wirklichen Alternative zur Wachstumspolitik sehen, vernichten wird. Es sind, so glaube ich, weniger die sozialistischen Errungenschaften als die allgegenwärtige Staatsmacht, die UdSSR und DDR bislang von den Erscheinungsformen des sich global rechtfertigenden Anarchismus verschont hat. Und Sie sehen da eine — sehr merkwürdige — taktische Reserve! 

Harich: Ich habe nur von ursprünglichen Motiven, soweit sie mir bekannt wurden, gesprochen. Klammern wir die Anarchismusfrage aus. Daß ich Gegner des Anarchismus bin, wissen Sie ja. Die potentielle Koalition ist im übrigen für mich viel breiter und noch bunter zusammengewürfelt. Ich behaupte nämlich, daß sogar die Nostalgiewelle, wie auch immer reaktionär irregeleitet, kommerzialisiert und durch den Kommerz in Konsumkanäle abgedrängt, einem Zeitbedürfnis Ausdruck verleiht, das sich leicht gegen den Wachstumsfetischismus und das Wohlstandsdenken ins Gefecht führen ließe. Gestatten Sie, daß ich ein paar einschlägige Passagen aus dem «Spiegel» zitiere: 

«Wer <in> ist, fühlt nostalgisch und weidet sich ... am Heimweh nach den Nichtigkeiten und Wichtigkeiten einer verklärten Vergangenheit. ... Wie mit Ketchup und Coca-Cola infizierte Amerikas Konsum-Imperialismus den alten Kontinent nun auch mit seinem neuen Leiden, dem lustvollen Heimweh nach dem verlorenen Paradies, nach seiner vermeintlichen Unschuld. ... Gelangweilt von perfektionierter Technik, vom geleckten Design der Hülsta, Braun und Knoll, verdrossen über den rationalisierten Alltag, haben sich diese Privilegierten aus der angestrengten Sachlichkeit in eine hausgemachte Krimskramsromantik geflüchtet. ... Das neue Gefühlsgemisch aus Landluft und Altbewährt, Sehnsucht nach unverschmutzter Natur und nach verflossener Kultur hat auch in Kosmetik und Mode neue Bewegungen in Gang gesetzt. ... Auch im Hang zum Volkstheater, zum Dialektstück, zum erdigen Realismus der wiederentdeckten Horvath und Marieluise Fleißer, der Kroetz und Faßbinder ist ein Nostalgie-Zug zu entdecken — weg vom Asphalt, hin zum Einfachen, Kreatürlichen.»

125-126


Duve: Sie, Herr Harich, wollen aber Revolution. Nostalgie ist das genaue Gegenteil: Abkehr von der Politik, Versinken in Wehmut und Mutlosigkeit. In dem Artikel wird Zwerenz zitiert: «Die große Revolte ist vorüber, die große Nostalgie ist geblieben.». Da heißt es: «Was bleibt, stiften die Nostalgiker: eine Stimmung des Scheiterns, des Unglaubens an Zukunft.» Zitiert wird Alfred Schmidt: «Je mehr die menschliche und außermenschliche Natur zusätzlich überkrustet, ja zerstört wird ...» 

Harich: Eben, eben: Natur — überkrustet, ja zerstört. Die Frankfurter Schule merkt es auch schon.

 

Duve: Hören Sie Schmidt weiter: «... desto größer wird das Verlangen nach der verschwundenen Unmittelbarkeit. Diese Sehnsucht nach dem naturhaft Ungebrochenen - also nach einem vorkapitalistischen Zustand - kann ins Auge gehen, wenn sie sich als Regression auswirkt.»

H:  Einverstanden. Sie kann, wenn sie sich so auswirkt. Aber mit kommunistischem Vorzeichen wird sie sich ganz anders auswirken. Die Kommunisten sind keine Romantiker, keine Idylliker, weiß Gott nicht, ebensowenig, wie sie Asketen und Puritaner sind. Aber sie werden sich nie und nimmer damit abfinden, daß die Menschheit zum Untergang verurteilt ist. Sie werden sich dieser Entwicklung mit ihrer ganzen Kraft, ihrer Kühnheit, ihrem Heroismus, ihrem Opfermut und auch mit ihrer politischen List und Tücke in den Weg stellen. 

Wenn sie nun, dies als selbstverständlich vorausgesetzt, dem einhelligen Urteil der Wissenschaft, formuliert nicht nur von Forrester und Meadows, sondern auch von Männern wie Kapiza, Rytschkow, Budyko, Medunin, entnehmen, daß umfassender Naturschutz und sparsamer Umgang mit den natürlichen Ressourcen das einzige Mittel sind, das Verhängnis aufzuhalten, und wenn sie mit dieser Erkenntnis die ihnen aus dem «Kapital» von Marx vertraute Einsicht verknüpfen, daß der Kapitalismus bei Strafe seines Untergangs zur erweiterten Reproduktion, die Naturschutz und Schonung der Ressourcen nun einmal ausschließt, gezwungen ist, dann werden sie unweigerlich, unentrinnbar zur Konzeption eines Kommunismus gelangen, der die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse auf die Erhaltung der Biosphäre abstimmt, der dadurch in den industrialisierten Regionen ein einfacheres, bescheideneres, weniger hektisches Leben entstehen läßt und der so auch den im Grunde nicht unberechtigten Sehnsüchten, die in der Nostalgie-Welle mitschwingen, Erfüllung bietet. 

127


Lassen Sie sich doch unter diesem Gesichtspunkt bitte einmal die folgenden Worte über <linke Nostalgiker> aus dem <Spiegel>-Artikel durch den Kopf gehen: Nach Ernst Bloch wird, so heißt es da, der Kommunismus «in der Welt etwas entstehen lassen, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat». «Nun», fügt der <Spiegel> hinzu, 

«da es gegenüber der verlorenen Hoffnung auf die Blochsche <Heimat> Zukunft nicht einmal mehr zu einem renitenten Vertriebenen­bewußtsein zu reichen scheint, da statt des von Herbert Marcuse noch ausgedachten künftigen vernünftigen Paradieses Umwelt­prognostiker der gegenwärtigen Dreck- und Schreckenswelt ein Ende mit Verrecken im Hunger-, Schmutz- und Energietod voraussagen, werden fröhliche Aussichten zunehmend zu traurigen Rück-Sichten.» 

Ja, so ist es. Aber warum denn? Weil sowohl Bloch als auch Marcuse, als die — nächst Lukacs — bedeutendsten philosophischen Repräsentanten der Linken aus der Zeit vor der ökologischen Krise, den Kommunismus, diese Heimat, noch als Überflußgesellschaft konzipiert und beschrieben haben. Wie aber, wenn er nun heimatliche Geborgenheit bieten könnte ohne Überfluß? Dann wäre es für die vom «Spiegel» aufgespürten «linken Nostalgiker», die sich mit ihren «Rück-Sichten» an diese Frage ja heranzutasten beginnen — und dabei auf dem besten Wege sind, die Schönheiten Rousseauscher Unschulds­zustände neu zu entdecken —, an der Zeit, ein gut Teil ihrer Traurigkeit wieder abzulegen. 

Ich will mit alledem nur sagen: Wenn die Gesellschaft sich einem großen geschichtlichen Wendepunkt nähert, dann pflegt der Sinn für die heranreifenden notwendigen Entscheidungen sich zuerst immer in verschwommenen, unklaren, widerspruchsvollen Zeitstimmungen, die auch mißbrauchbar sind, in der Form ratlosen Suchens, das auch in falsche Richtungen gelenkt werden kann, zu äußern, so lange, bis die revolutionäre Theorie das erlösende Wort spricht, das dem unbewußt Gewollten zum Bewußtsein verhilft, so daß die regressiven Verirrungen, in die es sich verstrickt hatte, auf der Strecke bleiben. 

Ein dem Überfluß abschwörender Kommunismus wäre die Lösung, auf die Naturschützer, Nostalgiker und geschlagene, mutlos gewordene Neue Linke sich so einigen könnten, daß sie zugleich die Verworrenheiten und reaktionären Ingredienzien der sie trennenden Ideologien loswürden.

128


Duve: Die Arbeiter, auf die Sie vor allem setzen, sind weder von Nostalgie angekränkelt, noch hatten sie mit der Neuen Linken viel im Sinn.

Harich: Aber sie sind jetzt am härtesten von den mit der kapitalistischen Krise verbundenen Leiden betroffen, nachdem vorher die Hektik der kapitalistischen Konjunktur sie am meisten zermürbt hatte. Die Umweltproblematik ist ihnen, wie die von der «Humanite Dimanche» verzeichneten Umfrageergebnisse beweisen, in hohem Maße bewußt geworden. Die Ölkrise, verfilzt mit dem Nahost-Konflikt, läßt sie um die Erhaltung des Weltfriedens bangen und konfrontiert sie gleichzeitig sowohl mit der Erschöpfung der Ressourcen wie mit den Preistreibereien der Konzerne, die schon aus drohender Verknappung, wie sehr erst aus akuter, Profit zu ziehen wissen. Es müßte nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn unter diesen Umständen eine den Übergang zum Kommunismus propagierende Aufklärungsarbeit, die politische, soziale und ökologische Argumente miteinander verknüpft, bei der Arbeiterklasse auf taube Ohren stieße.

 

Duve: Aber es ist ein Kommunismus der rationierten Gebrauchsgüter, der da propagiert werden soll.

Harich: Der Kapitalismus rationiert die Gebrauchsgüter auch, mittels der Preise, und das heißt: Er rationiert sie ungerecht, nämlich so, daß es den Reichen nach wie vor unbenommen bleibt, in allen Genüssen, Vergnügungen und Lastern zu schwelgen, während die (Massen den Gürtel enger schnallen müssen. Außerdem läßt sich, wie vorhin schon von mir dargelegt, nachweisen, daß bei dieser Art Rationierung nichts ökologisch Ersprießliches herauskommt.

129


Duve: Die Warnung vor den drohenden ökologischen Katastrophen, den naturhaften wie den gesellschaftlich vermittelten, müßte, um jetzt schon unmittelbar einleuchtend zu sein — jetzt, d. h. bevor die katastrophale Entwicklung, die sie als richtig bestätigen wird, ihren Lauf nimmt — von einer Kritik an denjenigen industriellen Fertigungsprozessen und Industrieprodukten ausgehen, die besonders umweltzerstörend sind. Wie soll die politische Linke es anstellen, gleichzeitig die betreffenden Industriezweige zu bekämpfen und sich dafür einzusetzen, daß in ihnen die Arbeitsplätze erhalten bleiben? Sie erwähnten das Beispiel der «Concorde» und sagten, wenn Biolat ihren Bau rechtfertige, so sei das ökologisch verantwortungslos und falsch, aber im Hinblick auf die Arbeitsplätze zu verstehen. Wie soll Biolat mit diesem Widerstreit seiner Pflichten fertig werden?

Harich: Arbeitsplätze sind kein Selbstzweck, kein Wert an sich, sondern der Ort, an dem Menschen die Mittel ihres Lebensunterhalts verdienen. Man muß dafür kämpfen, daß ihr Lebensunterhalt ungeschmälert gewährleistet bleibt, wenn eine umweltzerstörende Produktion eingestellt wird, und für deren Beendigung muß man erst recht kämpfen. Eins schließt das andere nicht aus. 

Duve: Wie stellen Sie sich das praktisch vor? Wer käme für den Lebensunterhalt von 48.000 Beschäftigten auf, wenn die französische Regierung sich unter dem Druck der für Umweltschutz kämpfenden Öffentlichkeit gezwungen sähe, den Bau der «Concorde» aufzugeben?

Harich: Dafür aufkommen müßten die Konzernherren und die Regierung selbst, die eine ökologisch nicht zu verantwortende Produktion in Gang gesetzt haben. So verstehe ich das sonst so gepriesene «Verschuldensprinzip». Von den Herrschenden wäre zu verlangen, daß sie allen, die ihre Arbeitsplätze verlieren, so lange vollen Lohn- und Gehaltsausgleich zahlen, bis eine angemessene neue Beschäftigung für sie gefunden worden ist. 

Duve: Das Geld dafür käme dann nicht aus den Steuern, sondern aus der Druckerei. Eine solche Politik würde ein modernes Land unregierbar machen.

130


Harich: Ein kapitalistisches Industrieland sicher. Der Kampf für die Durchsetzung sozialer Forderungen und der gleichzeitige Kampf für radikalen, umfassenden Umweltschutz würden das Regime im Zangengriff zerbrechen. Aber das wäre doch gut. Die Linke ist nicht dazu da, einem kapitalistischen Regime das Leben zu verlängern, um so weniger, wenn sie über ein Konzept verfügt, das die Befriedigung der Bedürfnisse aller arbeitenden Menschen mit dem Schutz der Biosphäre in Einklang zu bringen erlaubt. 

 

Duve: Das Konzept eines Kommunismus der Rationierung. Sozialismus allein würde, nach Ihrer Meinung, nicht genügen, die anstehenden Probleme in den Griff zu bekommen. Warum nicht? 

Harich: Sozialismus heißt: politische Herrschaft der Arbeiterklasse, Vergesellschaftung aller Produktionsmittel. Dies ist die unerläßliche Voraussetzung für die Verwirklichung dessen, was heute nottut. Aber nur die Voraussetzung, nicht mehr. Die Vorzüge des sozialistischen Systems müßten dazu genutzt werden, die Produktion aller materiellen Güter planmäßig so zu regeln, daß sie optimal den Kriterien der Ökologie, einem strengen Sparsamkeitsregime bei der Verwendung der Rohstoffe und überdies der Aufgabe, das Nord-Süd-Gefälle einzuebnen, gerecht wird. Daraus ergäben sich automatisch Verteilungsprobleme, die unter Wahrung des Grundsatzes sozialer Gerechtigkeit nur durch Rationierung der verfügbaren Warenmenge gelöst werden könnten. Totale Rationierung aber würde das Geld überflüssig machen, und mit seiner Abschaffung hörten die zur Verteilung gelangenden Gebrauchswerte auf, Waren zu sein. Das wäre dann Kommunismus und nicht mehr bloß Sozialismus.

 

Duve: Über Ihre Vorstellung von Kommunismus müssen wir noch einmal gesondert sprechen. Das ist nämlich der Punkt, an dem Sie, nach meiner Meinung, aufhören, Marxist zu sein. Und Sie selbst beriefen sich ja bereits auf Babeuf. Ich schlage vor, daß wir diesen Fragenkomplex erst einmal ausklammern.*    * Vgl. Briefe von W. Harich an F. Duve auf S. 171 dieses Buches.

Nur eines möchte ich jetzt schon wissen: Nach Lenins Doktrin von der ungleichmäßigen Entwicklung siegt die proletarische Revolution nicht in allen Ländern auf einmal, mit einem Schlage, sondern, je nach den Umständen, bald in diesem, bald in jenem Land. 

Nehmen wir an, die Arbeiter der Bundesrepublik oder Frankreichs oder Italiens verfügten über die Machtmittel, in ihrem Land den von Ihnen propagierten Typ des Kommunismus einzuführen. Könnten sie das, wenn in der übrigen westlichen Welt der Kapitalismus bestehen bliebe? Ernest Mandel hat die Überzeugung geäußert, daß der Übergang zum Kommunismus nur auf der ganzen Erde gleichzeitig möglich sein werde. Ich halte das für utopisch, auch keineswegs für wünschenswert.

131/132

Harich: Auch Mandel faßt, der «Kritik des Gothaer Programms» getreu, den Kommunismus als Überflußgesellschaft auf. Deshalb meinte er neulich im Fernsehen — sinngemäß —, daß die paradiesischen Zustände in einem isolierten kommunistischen Land alle übrigen, noch unter kapitalistischen Verhältnissen lebenden Völker unwiderstehlich anlocken würden, in dieses Land überzusiedeln. Es würde so die paradoxe Situation entstehen, daß ausgerechnet der Kommunismus vom Augenblick seiner Verwirklichung an gezwungen wäre, an seinen Grenzen mit bewaffneter Gewalt das Eindringen ganzer Völkerwanderungen in seine Gefilde abzuwehren. Aus keinem anderen Grunde würden siegreiche proletarische Revolutionen auch in Zukunft selbst bei maximaler Entfaltung der Produktivkräfte so lange auf der Stufe des Sozialismus verharren müssen, bis die Weltrevolution überall auf dem Planeten gesiegt hätte. Es liegt auf der Hand, daß ein Kommunismus der Rationierung solcher Sorgen enthoben wäre. Er wäre kein Paradies, sondern «nur» eine Heimstatt ökologischer Vernunft bei strenger sozialer Gerechtigkeit.

Aber das eben ist: das Beste, was sich überhaupt je wird erreichen lassen. Die ausschweifenden Phantasien unbegrenzten Wohllebens, die sich bisher mit dem Begriff des Kommunismus verbanden, werden wir fallenlassen müssen. Daher: Zurück zu Babeuf! 

 

Duve: Wie soll denn nach Ihrer Vorstellung ein Land, das bei sich den Kommunismus der Rationierung eingeführt also das Geld abgeschafft hat, seine Handelsbeziehungen mit einer noch kapitalistischen Umwelt abwickeln?

Harich: Erstens gäbe es, notfalls, die Möglichkeit der Autarkie, die ich aber für keine glückliche Lösung hielte. Zweitens wäre die Umwelt keine rein kapitalistische mehr, denn es existieren ja bereits 14 sozialistische Staaten, die im Außenhandel sowieso gerne Produkt gegen Produkt tauschen. Drittens könnte ein kommunistisches Land seine Austauschbeziehungen durchaus auch mit kapitalistischen Ländern nach diesem Verfahren gestalten und dabei zugestehen, daß die Wertrelationen zwischen den zu tauschenden Produkten sich nach denen richten, die am Preisgefüge des kapitalistischen Weltmarktes abzulesen sind. Wieso sollte es unmöglich sein, Importware im Inland als reinen Gebrauchswert zu behandeln und Gebrauchswerten, die man im Inland erzeugt, eigens für den Export die Warenform zu geben?

 

Duve: Glauben Sie nicht, daß ein westliches Land, wenn es heute zum Kommunismus überginge, damit gegen sich eine Intervention der übrigen westlichen Mächte heraufbeschwören würde, die seine militärische Liquidierung zur Folge hätte? Wie im umgekehrten Falle in der CSSR geschehen.

H: Derselben Gefahr wäre ein westliches Land, das nur zum Sozialismus überginge, in nicht geringerem Maße ausgesetzt. Und in beiden Fällen reichte, angesichts des derzeit bestehenden Kräfteverhältnisses in der Welt, die militärische Macht der bereits existierenden sozialistischen Staaten­gemeinschaft, kombiniert mit dem Friedenskampf und den zu erwartenden Solidaritätsaktionen der Werktätigen aller Länder, aus, die potentiellen Interventen in Schach zu halten und ihnen, wenn sie es wagen sollten, zur Aggression zu schreiten, eine vernichtende Abfuhr zu erteilen. Daß das kommunistische Land selbst, falls man es angriffe, sich gebührend zur Wehr setzte, versteht sich am Rande. 

 

Duve: Es soll also, obwohl kommunistisch organisiert, Verteidigungsstreitkräfte behalten?

Harich: Von einem Anarcho-Kommunismus Kropotkinscher Provenienz, ohne staatliche Autorität, ohne bewaffnete Machtorgane, wäre es so weit entfernt wie alle sozialistischen Staaten, die es bereits gibt. Kommunistisch wäre es lediglich durch sein Verteilungssystem, das zu dem sozialistischen Volkseigentum an den Produktionsmitteln noch hinzukäme. Womit gesagt ist, daß ein solches Land selbstverständlich Verteidigungsstreitkräfte besäße, so lange, bis überall auf der Welt der Kommunismus gesiegt hat, oder wenigstens so lange, bis die auf Vorschlag der Sowjetunion von den Vereinten Nationen beschlossene allgemeine und vollständige Abrüstung überall durchgeführt worden ist, die es natürlich befürworten, für die es sich jederzeit einsetzen würde.

133

#

 

detopia-2019:

Die Arbeiterklasse bzw. Arbeiterschaft bzw. die Werktätigen - ist ja heute anders, finde ich. Die körperliche Arbeit wurde leichter (bzw. 'anders schwer') durch technische Hilfsmittel und Arbeitsschutz. Dementsprechend auch der Stolz bzw. 'das Bewusstsein' (im Sinne von Selbstsicherheit).

 

 

  ^^^^

 www.detopia.de

Wolfgang Harich und Freimut Duve im Gespräch zur Ökokrise und Klassenkampf