Wolfgang Harich
& Freimut Duve

Kommunismus

ohne Wachstum?

Babeuf und der 
Club of Rome  

1975 im Rowohlt-Verlag 

Wolfgang Harich :  Kommunismus ohne Wachstum?   (1975)   Babeuf und der Club Of Rome  -

1975   207 Seiten  (*1923)

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Wikipedia  Duve  (*1936)

Wikipedia  Babeuf  (1760-1797)

 

detopia:  Harich.Start

Kommbuch  Umweltbuch   Utopiebuch

Harich.1991   Hofbauer.1996 

 

 

Inhalt 

Einführung von Freimut Duve  (7) 

ISBN 3-498-02827-8 
Umschlag: Werner Rebhuhn 

Duve:

 

 

Babeuf:

 

1     Dialektischer Materialismus und Ökologie   (12) 

2     Marx + Malthus ?  (22) 

3     Der Club of Rome im Urteil der Kommunisten  (48) 

4     Zum Klassencharakter des Club of Rome  (83) 

5     Ökokrise, Klima und Klassenkampf  (109) 

6     Kommunismus als Lösung (134)   Seite 152

7     Briefe an Duve:  Bedürfnisse und Babeuf  (171)

8     Letztes Interview  1975   (194)   

9     Letzter Brief   (203-207) 

 


(d-2012) Manche Kapitel sind auch heute ergiebig. Carl Amery hat 1976 eine detailreiche Replik geschrieben, der ich mich heute anschließen kann. Allerdings bleibt W.Harich noch notwendig, weil sein Standpunkt selten ist.

Mehr detopia:  Eppler.1975   Gruhl.1975   Bahro.1977   Havemann.1980   R.Henrich   G.Taylor   A.Gehlen 


 

ND-2010:

Später brach Harich mit diesem autoritären Konzept. Er wünschte 1991: »die resolute Abkehr von gewalttätigen Kampfmethoden und […] die Absage an jedwedes Diktaturtheorem undemokratischer Art«. 

Er ging sogar so weit, »Kommunismus ohne Wachstum?« als Warnung umzudeuten: Schaffe es die Menschheit nicht, mit demokratischen Mitteln die ökologischen Probleme in den Griff zu bekommen, werde eine Verteilungsdiktatur unumgänglich sein. 

»Kommunismus ohne Wachstum?« wurde 11.000 Mal verkauft, in Spanien und Schweden erschienen Übersetzungen. Heute ist das Buch dennoch fast in Vergessenheit geraten. Schade eigentlich, denn Harichs Überlegungen können – trotz aller Kritik – noch immer als Anregung dienen. Schließlich sind die Probleme, auf die sie sich beziehen, weiterhin ungelöst. 

 


Babeuf  (1760-1797, 37) 

Die Jakobiner-Diktatur war gescheitert an dem Widerspruch, daß sie einerseits das Privat­eigentum als unantastbares Menschenrecht proklamiert und andererseits dessen Konsequenz, den kapitalistischen Bereicherungsdrang, durch Verbotsdekrete und Terror aus der Welt zu schaffen versucht hatte. Babeuf bot mit der Forderung, alles Privateigentum abzuschaffen, die Formel, die dieses Dilemma gegenstandslos zu machen versprach. (Harich, S.183)

 

Klappentext:  

An der weltweiten Diskussion um die Grenzen wirtschaftlichen Wachstums, um die Grenzen der Ernähr­barkeit und Belast­barkeit dieser Erde, ausgelöst durch den «Club of Rome», haben sich Vertreter der kommun­istischen Staatenwelt kaum beteiligt. Allzusehr schien die Vorstellung von einer Begrenzung des wirtschaft­lichen Wachstums der zentralen Hoffnung des Marxismus zu wider­sprechen: Die Entfaltung der Produktiv­kräfte wurde als letztlich unendlich angesehen.

Der marxistische Philosoph und Literatur­wissenschaftler Wolfgang Harich hat sich schon seit vielen Jahren intensiv mit Fragen des dialektischen Verhältnisses zwischen Gesellschaft und Natur beschäftigt. Die Anstöße, die vom «Club of Rome» und anderen ausgingen, intensiver über das Wachstum nachzudenken, hat Harich in sechs Gesprächen mit Freimut Duve diskutiert. 

Harich setzt sich mit der Wachstums­diskussion des Westens offensiv auseinander. Er unterzieht die Thesen des Malthus erneut einer marxistischen Würdigung, er überprüft den Weg, den die Wirtschaftspolitiker kommunistischer Staaten bei uneingeschränktem Wachstum vorzeichnen müssen. 

Wohl kaum ein marxistischer Philosoph verfügt über eine so intensive Kenntnis der Literatur, die sich mit den «Grenzen des Wachstums» befaßt. Und keiner ist bisher denjenigen seiner marxistischen Kollegen, die in den Warnungen des «Club of Rome» ausschließlich «reaktionäre Machenschaften» sehen, wenn auch verständnisvoll, so doch außer­ordentlich entschieden entgegen­getreten.

Harichs Argumentation bricht in die Tabu-Zonen aller orthodoxen Marxisten ein; er fordert — unter den Endzeit­problemen unserer Zeit — drei Dinge neu zu überdenken:

Harich greift hier auf die radikale Verschwörung zur Gleichheit des Gracchus Babeuf zurück. Harichs Synthese zwischen dem Verteiler­kommunismus des Babeuf und den Forderungen des «Club of Rome» kann, so der Autor, nur durch die internationale Arbeiter­bewegung herbeigeführt werden.

 


(d-2006, 2010) 

Wolfgang Harich's "KoW" ist deshalb keine vollständige Gesellschaftsutopie, weil er zuwenig darüber sagt, wie alles funktionieren soll; also Arbeit, Geld, Macht, Verteidigung. Andererseits müssen wir dann annehmen, daß es so sein soll, wie in der Theorie von Marx und Engels. Denn: So, wie es 1975 real im Sowjetreich funktionierte - so kann Harich es ja nicht gemeint haben. (weil es ja NICHT funktionierte - im Ökopax-Sinne.)

Ich will ihn aber hier mit dabei haben, weil Harich schon früh und deutlich etwas aussprach, was erst 20 Jahre später Dirk Fleck sich wieder auszusprechen wagte: Aufruf zur Ökodiktatur (was ich positiv meine). - Selbstverständlich ist bis heute das Problem nicht gelöst - und kann auch nie gelöst werden - wie es abzusichern ist, daß die Machtbürokratie nicht "entartet", Stichworte: Machtmißbrauch, Vetternwirtschaft, Korruption, usw. - Siehe auch oben: "Ökologische Utopien in der DDR" von Andreas Heyer (2009).

Wolfgang Harich gehört irgendwie dazu, zur Utopiesuche. Bahro war auch der Meinung (Quelle: Nachwort 1990 Alternative) - Die entsprechenden Kritiken bei Havemann und Henrich sind schon okay - nur: sie überzeugen mich nicht. Harich ist wieder ein anderer unabhängiger Denker, wie Havemann, Bahro, Henrich ja auch. - Das zeigt doch nur, daß sich nur Leute in die Zukunftsgestaltung einmischen, deutlich zu Wort melden, die auch wirklich etwas anderes, neues, zu sagen haben, als ihre Vorredner. (Und das weite Feld der Weltrettung verträgt es doch nun wirklich, daß wir 20, 30 genügend verschiedene Meinungen hören. Es ist doch weit und wichtig genug. Zumal ja Harich durchaus unkompliziert sich ausdrücken kann und sicher auch in Bahros Vorlesung hätte eingeladen werden können.) 

Zwar kann ich mir Harich's Utopie nicht ganz konkret und vollständig vorstellen, aber diejenigen seiner Grundgedanken, die ich begriffen habe, finde ich vollkommen gerechtfertigt. Unabhängig von Duve und Harich polarisieren sich ja auch andere Personen und Sekten bei den Lösungsmöglichkeiten. Immer sollen ja die Arbeitsplätze und damit der <soziale Friede> erhalten bleiben. (Ich habe da in meinem Alter überhaupt nichts dagegen. Jetzt werde ich konservativ.) 


Freimut Duve aus Wikipedia

Freimut Duve (* 26. November 1936 in Würzburg) ist ein deutscher Publizist und Politiker. Er war von 1980 bis 1998 für die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) Abgeordneter des Deutschen Bundestages. Duve wurde als Sohn der aus gutbürgerlicher Hamburger Familie stammenden Steuerberaterin Hildegard Duve und des Journalisten Bruno Herzl, eines Neffen des Journalisten und Begründers des politischen Zionismus, Dr. iur. Theodor Herzl, geboren. Er ging auf die Waldorfschule in Hamburg und studierte an der Universität Hamburg Geschichte, Anglistik und Soziologie. Für das Studium der britischen Kolonialgeschichte hatte er 1961 einen Forschungsaufenthalt in Südafrika und Simbabwe. Erfahrungen als Journalist sammelte er bereits während des Studiums. 

1966 trat Duve der SPD bei. Er war 1974 bis 1989 im Hamburger Landesvorstand der Partei und 1966 bis 1969 persönlicher Referent des Hamburger Wirtschaftssenators. In den Jahren 1969/1970 war er Redakteur beim Stern. Von 1970 bis 1989 war als Lektor im Rowohlt Verlag tätig und dort Herausgeber der Buchreihe rororo aktuell. 1990 bis 1992 war er der Herausgeber der Essay-Reihe Luchterhand Essay. 1997 wurde Duve mit dem Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken ausgezeichnet. Er ist Mitglied im Kuratorium der Junge Presse NRW e.V.. 
1998 musste Duve sein Hamburger SPD-Direktmandat für den Deutschen Bundestag an Johannes Kahrs nach 18 Jahren abgeben, dessen Gefolgsleute innerhalb der SPD ihm seinerzeit mangelnde Basisnähe aufgrund seines umfangreichen internationalen und beruflichen Engagements vorwarfen, angeblich hätte Duve bei Parteiveranstaltungen „Ortsvereinsvorsitzende nicht erkannt“. Von 1998 bis Dezember 2003 war Duve erster Beauftragter für die Freiheit der Medien der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) mit Sitz in Wien. Sein Nachfolger in diesem Amt ist seit März 2004 der Ungar Miklos Haraszti.

Werke    1965 - Kap ohne Hoffnung oder die Politik der Apartheid (Hrsg.) 1968 - Die Restauration entläßt ihre Kinder (Hrsg.) 1970 - Der Rassenkrieg findet nicht statt. Entwicklungspolitik zwischen Angst und Armut 1986 - Aufbrüche (Hrsg.) 1994 - Vom Krieg in der Seele.  

 


DIE ZEIT am 12.09.1975 (Nr.38)

Wolfgang Harich reizt zu fruchtbarem Widerspruch 
Zukunft des Kommunismus 
Aufruf zur Askese  
Von Wolfgang Roth 
 
zeit.de/1975/38/Aufruf-zur-Askese   

 

Die Rezeption von politisch-philosophischen Arbeiten aus kommunistisch beherrschten Ländern ist meist auf das Stichen und Auffinden ketzerischer Ausschweifungen gerichtet. Ein bißchen erinnert die Technik des Lesens an jene von pubertierendea Knaben: es wird nach anstößigen Stellen gesucht.

Für diese Lesemethode bietet <Kommunismus ohne "Wachstum?> Bestes. Ganze Breitseiten von Häresien werden abgefeuert. 

Der Höhepunkt der Ketzerei ist erreicht, wenn Harich ökologisch begründet, daß ein künftiger Kommunismus keine Gesellschaftsformation sei, in der „jedem nach seinen Bedürfnissen" zugeteilt wird. Wer sich also bei Harich an mangelnder Linientreue begeistern will, kann dies bei diesem Buche tun. Man muß allerdings recht lüstern sein, wenn man sich mit ihm antikommunistisch zu befriedigen vermag.

Erstens ist Harichs Ketzerei von einer gewaltigen Treue zur marxistisch-leninistischen Bewegung geprägt. Harich versucht also nicht unter der Hand einen demokratischen Sozialismus gegen den leninistischen Zentralismus zu formulieren, wie wir es bei einigen Ketzern des „demokratischen Kommunismus" in Ost und West erlebt haben. Im Gegenteil: Die kommunistische Perspektive von Harich ist auf den autoritären Sozialismus festgelegt. Harich bietet eigentlich eine moderne Rechtfertigung für autoritäre sozialistische Strukturen. 

Abhängiger vom Wachstum?

Zweitens bestehen die Gefahren und Gefährdungen der Biosphäre, die Harich unter Einbeziehung der verschiedensten Wissenschaften im Gespräch skizziert, in der einen Welt. Gesellschaftssysteme, die das Wirtschaftswachstum als ein bestimmendes Ziel haben, sind bedroht und bedrohen die Biosphäre aller. Es ist sicher so, daß das politische System des Westens — die parlamentarische Demokratie — bei unveränderter Machtstruktur im wirtschaftlichen Bereich viel abhängiger vom Wachstum ist, als beispielsweise kommunistische Staaten, in denen eine autoritäre Lenkung der Kapitalakkumulation ideologisch längst legitimiert ist.

Harich vermag drastisch zu zeigen, wie gefährdet die Biosphäre bei weiterem Wachstum in den bisherigen Dimensionen und Strukturen ist. Dem nüchternen Leser, der weder Macht noch Interessen auf diesem Feld zu verteidigen hat, kann gerade Harich den Anstoß geben, die historische Richtigkeit von der Bedrohung zu erfassen. Dabei sind Einzelheiten und vermutete Abläufe sicher falsch, aber die Grundthese von Harich, seine geradezu euphorische Zustimmung zu den Ergebnissen des Club of Rome, hat ihre Wahrheit, weil sie eine historische Gefahr für das Leben schlechthin als strukturelle Tendenz der entwickelten Gesellschaftssysteme des Westens und Ostens ausmacht.

Die Zerstörung der natürlichen Umwelt und der Hilfsquellen der Natur ist als wahrscheinliches Ereignis Voraussetzung der Argumente. Der Wert des Buches liegt vor allem darin, daß gerade der Nichtkommunist die leidenschaftliche Auseinandersetzung eines Kommunisten mit bequemen kommunistischen Theorien der ideologischen Absicherung der bewußtlosen Entwicklung zum Beispiel nehmen kann, die Kritik im eigenen Umfeld ebenso konsequent zu formulieren. Alles andere wäre Heuchelei.

Freimut Duve, der Gesprächspartner Harichs, der diesem als hartnäckiger und unverbesserlicher Sozialdemokrat fürchterlich auf die Nerven geht, hat es gerade vermocht, diese Selbstgerechtigkeit zu vermeiden. Er hat es durch Fragen ohne Lüsternheit geschafft, die gemeinsame Gefahr und Hilflosigkeit, vor der ideologische Konflikte in die richtige Größenordnung kommen, glaubwürdig zutage zu fördern.

Die Zustimmung zum Ausgangspunkt bedeutet natürlich nicht, daß man die ökonomischen und politischen Schlußfolgerungen einfach hinnehmen muß. Im wirtschaftlichen Argument macht Harich einen Rundumschlag gegen die politische Ökonomie. Dabei taucht eine ökonomische Naivität auf, die zu einer zentralen Schwäche des Buches wird. Nullwachstum als gesamtwirtschaftliche Zielsetzung ist schon ökonomisch ein Unsinn. Nullwachstum als Ziel ist viel zu grobschlächtig, gerade wenn man die ökologischen Gefahren wirksam bekämpfen will. Das gilt für den Westen wie für den Osten. 

Bei uns wird das heute sichtbar. Wir haben Nullwachstum, wenn nicht Minuswachstum. Aber dieses Nullwachstum ist gerade nicht bestimmt vom sorgsamen Umgang mit natürlichen Hilfsquellen und der Umwelt. Im Gegenteil, die Großchemie nimmt das Nullwachstum zum Anlaß, um vernünftige Maßnahmen der Umweltsicherung wirksam zu bekämpfen. Ähnliche Tendenzen sind in Phasen der Wachstumsschwäche in kommunistischen Staaten sichtbar.

Dem Konzept Nullwachstum liegt ein fundamentaler Irrtum zugrunde. Er besteht letztlich in der Vorstellung, man könne menschliche Gesellschaften oder auch ihre ökonomische Grundlage auf einem bestimmten materiellen Entwicklungsniveau einfrieren. Historisch ist leicht nachweisbar, daß dies niemals stattfand, aber auch für die zukünftige Entwicklung gibt es keine Wahrscheinlichkeit, daß diese Zielsetzung sinnvoll wird.

Es ist leicht einzusehen, daß eine Gesellschaft mit sorgsamer Ressourcensicherung und Umweltpolitik keine stagnierende Wirtschaft haben kann, wenn man den sozialen Standard einigermaßen sichern will. Es muß Bereiche geben, in denen die Produktivitäten steigen und sich die Inputstrukturen (vor allem die Rohstoffbasis) stark verändern, gerade um umweltfeindliche Produktionen zu ersetzen und zerstörerische Produktionsverfahren zu verbieten. Nullwachstum wäre manchmal ein zufälliges Ergebnis, nie das Ziel. 

Demokratische Selbstbeschränkung

Dem Kommunismus der asketischen Gleichheit, den Harich im Rückgriff auf Ideen Babeufs aus der Zeit der französischen Revolution postuliert und der von einer starken autoritären Führung gesichert werden muß, ist als reale Alternative eine Gesellschaft mit demokratischer Selbstbeschränkung und Entwicklungsförderung entgegenzustellen. Die konsequente Position Harichs sollte weniger zu einer Polemik gegen seine Voraussetzungen führen, sondern zu einer kritischen Diskussion seiner politischen Folgerungen. 

Harich kann in vielen Punkten zu einem fruchtbaren Widerspruch reizen und einen Antrieb liefern, die nostalgische Reformfeindlichkeit wirksamer zu bekämpfen.

Gerade, wenn man entschieden gegen Harich argumentieren will, wird einem klar, wie unsinnig die Hoffnung ist, daß sich ökologische Bedürfnisse und eine primär gewinngesteuerte Großwirtschaft miteinander vereinbaren lassen.

 

 

 

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