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Ich habe immer alles für dich getan

  Kurt   Johannes   Carsten   Christian   Heiner  

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Mütter interessieren sich häufig nicht für das eigentliche Wesen ihrer Söhne, sondern brauchen ein Vorzeige­kind. Das Kind und seine Leistungen bringen der Mutter Prestige, aus sich selbst heraus sind diese Mütter schwach und unlebendig.

Mütter mit echtem Interesse an ihren Söhnen entwickeln eine schöpferische Aktivität, die den Sohn nicht nur »zur Welt bringt«, sondern ihm bei seinen eigenen Schritten ins Leben hilft. Echtes Interesse hält nicht fest, bindet nicht mit Schuldgefühl, sondern akzeptiert — aufgrund eigener Lebendigkeit — den Wunsch des Sohnes nach eigener Bewegung, eigenem Leben, Expansion und Weltaneignung.

Eine eigenständige, interessierte Mutter wendet sich den Gefühlen des Sohnes zu und will wirklich wissen, wie es ihm geht, was ihn beschäftigt, was ihn freut oder ängstigt. Sie wird seine Gefühle von Schmerz, Trauer und Hilflosigkeit nicht mit Appellen an sein zukünftiges Mannsein lächerlich machen oder zurückweisen, sondern versuchen, ihn zu trösten, zu entlasten, zu ermutigen.

Das kann eine Mutter ihrem Sohn nur vermitteln, wenn sie selbst über entsprechende Erfahrungen verfügt: Wenn sie Interesse an der Entwicklung ihrer eigenen Person hat. Wenn sie den Kontakt zu Freunden und Verwandten pflegt. Wenn sie sich auf Feldern engagiert, die ihr Spaß und Selbstbewusstsein vermitteln. Wenn sie sich ein soziales Umfeld aufbaut, in dem ihr Respekt, Achtung, Wertschätzung und Unterstützung entgegengebracht werden. Dann ist sie nicht darauf angewiesen, über ihren Sohn eigene unerfüllte Wünsche und Bedürfnisse zu realisieren.

Viele Männer haben als Söhne bei ihren Müttern Akte von Selbstverleugnung und Selbstaufopferung miterlebt, die »aus Liebe« und im Interesse der Söhne stattfanden, in Wirklichkeit aber häufig Ausdruck mangelnder Konfliktfähigkeit und Selbstbehauptung waren. Für Familie, Haus und Garten gaben diese Mütter alles — doch echte Zuwendung zum Wesen der Söhne fehlte. 

Die äußeren Bedürfnisse wurden gestillt, der Junge war ordentlich genährt und adrett gekleidet, doch hinter den mütterlichen Pflichten verschwand der Mensch. Die Mutter blieb trotz aller ihrer Fürsorge unnahbar. Echte Nähe und echte Auseinandersetzung waren unmöglich. 

Was diesen Söhnen oft auch fehlte, war die Solidarität der Mutter. Sie stand immer auf Seiten der anderen. Der Sohn musste ebenso funktionieren und den Erwartungen entsprechen wie sie selbst. Möglicher Widerstand dagegen wurde gebrochen — alles nur zu seinem Besten.

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»Werde endlich wach und kümmere dich um dich«

   Kurt Reichard   

Ich bin 37 Jahre alt, verheiratet, Vater eines sieben Jahre alten Sohnes. Ich bin Geschäftsbereichs­leiter und Prokurist in einem größeren Industrieunternehmen. Mein Vater ist Hochschullehrer, die Mutter Hausfrau.

 

Mutter,

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unsere Beziehung ist ja nun heute sehr schlecht, eigentlich haben wir keine existierende Beziehung mehr. Ich will mich dir nicht mehr öffnen, vermeide unbewusst auch eher den Kontakt; und du, du vermeidest gezielt den Kontakt mit mir. Du rufst auch nicht an, gehst nicht ans Telefon, obwohl du doch ganz gut im Gefühl hast, wann ich anrufe. 

Ich kann mich seit Jahren schon nicht mehr daran erinnern, dass du mich ernsthaft fragst, wie es mir geht. Du fragst zwar, aber in Momenten, in denen eine ausführliche Antwort gar nicht möglich ist. Wahrscheinlich hast du Angst vor meiner ausführlichen Antwort. Ansonsten konzentrierst du dich völlig auf meinen Sohn! Das ist eine Frechheit von dir, du lässt mich einfach links liegen, erwartest aber, dass ich dir meinen Sohn für dich zur Verfügung stelle. Du brauchst eigentlich keine Angst zu haben, dass ich dich verdamme! Dies tue ich überhaupt nicht, ich möchte gerne eine freundliche, offene Beziehung zu dir haben. Ich weiß, dass du für mich viel getan hast. Sicher war es zuviel für mich, denn für mich wäre es besser gewesen, du hättest mehr für dich getan! 

Es ist eine kaum zu tragende Lebenslast, die Lebensaufgabe eines Menschen zu sein, der sich selber aufgegeben hat. Dann wird man nämlich zum Subjekt seiner (hier: deiner) Lebensplanung. Es hat mich wahnsinnig Kraft und Schmerzen gekostet, da herauszukommen. Aber ich sehe durchaus deine Leistungen, wie du mich auf meinem Lebensweg unterstützt hast. So bin ich froh, dass du mir das Loslösen von zu Hause und von dir erleichtert hast - obwohl es dir sehr schwer fiel und du immer noch versuchst, mich zu halten. 

Ich weiß noch gut, dass du von mir mit circa sechzehn Jahren gefordert hast, meine Hemden selber zu waschen. Du hast es zwar nicht komplett durchgehalten, aber tatsächlich: Diese Momente haben mir gutgetan. Da hast du mir geholfen, ein eigenständiger Mensch zu werden. Aber ich will hier nicht so sehr die positiven Seiten unserer Beziehung beschreiben, denn Lobhuldigungen für dich gab es genug. Sicher reicht dir das nicht, aber das ist dein Problem. Ich will nicht dein Lebensinhalt sein, und Anerkennung musst du dir auch woanders holen. Ich war früher dein Schmusebär und Alleinunterhalter. Den Mutterethos haben wir alle zu Hause reichlich hochgehalten, und am Muttertag waren wir alle recht brav. Nur, so bekommen wir unsere Beziehung nicht mehr hin, soviel Zeit haben wir alle nicht mehr, denn über unsere Probleme, Schwierigkeiten haben wir ja noch gar nicht angefangen, uns auszutauschen und auseinanderzusetzen. 

Ich habe mich seit meinem siebzehnten Lebensjahr damit auseinandergesetzt und beschäftige mich also seit zwanzig Jahren damit, seit acht Jahren durch meine Arbeit in der Männergruppe sehr, sehr intensiv. Bei dir sehe ich davon nichts! Du empfindest deine Haltung und dein Tun als absolut richtig, jegliche Kritik wird als Ankratzen deiner göttlichen Mutterfigur gesehen! So geht es natürlich nicht. Es ist mir mittlerweile schon klar, dass dahinter bei dir die Angst steht, alles falsch gemacht zu haben. Das ist Quatsch. Was soll das? Das ist gemein, hochaggressiv, ja, erpresserisch! Ich hasse das! Und du bist auch nicht zu alt, dich nun langsam mit mir als Sohn auseinander zu setzen.

Das heißt aber, dass du dich endlich ernst nimmst und mit dir beschäftigst. Deine Krankheiten sind alle psychisch verursacht. Leider sagt dir das keiner, weil du permanent Schonung einforderst, und die bekommst du reichlich. Aber so schwach bist du gar nicht, in vielem bist du zum Beispiel viel stärker als Vater. Deine Augenkrankheit deutet klar darauf hin, dass du unwahrscheinlich unter Druck stehst, dass du vieles nicht mehr aushältst. Ich erinnere mich gut, du hast nie zu mir gesagt, dass du etwas nicht mehr hören kannst, du hast immer gesagt, du kannst es nicht mehr sehen! Und nun beginnt dein Körper, eben tatsächlich dein Blickfeld einzugrenzen. Mir geht es heute so, dass ich schon ganz gut ohne dich leben kann. 

Die subtile Ablehnung durch dich, die mir heute entgegenschlägt, weil ich nicht mehr der brave Junge bin, der liebe Kurt, schmerzt mich sehr. Aber so bekommst du mich nicht mehr zurück. Manchmal kommt mir die Idee, du glaubst, ich hätte eine verrückte Phase und irgendwann einmal würde ich wieder zu dir zurückkehren. Als der dankbare liebe Sohn, der dir wieder deinen Lebenssinn zurückbringt! Nein!! Das werde ich nicht! Ich bin immer wieder platt, wenn du - besser: dein Übersetzer und Helfershelfer, Vater - anfragst, wann wir denn Weihnachten oder Ostern oder ... kommen. Ja, ich glaub', ich spinne. Seit Jahren kommen wir schon nicht mehr, und für dich ist es immer noch selbstverständlich, dass wir kommen. Da lebst du in einer Illusion, du willst einfach die Realität nicht erkennen, nur, um dich mit dir nicht auseinander zu setzen. Werde endlich einmal wach und kümmere dich um dich.

Dein Sohn

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»Ich hörte dir immer zu, aber du mir nicht«

  Johannes Meyser   

Ich hin 1956 geboren und habe sieben Geschwister. Meine Mutter führte mit meinem Vater zusammen ein Bäcker- und Konditoreigeschäft. Nach einer Berufsausbildung und einem Ingenieurstudium studierte ich Berufspädagogik, um zunächst als Berufsschullehrer zu arbeiten. Danach war ich fünf Jahre lang wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Berlin am Institut für berufliche Bildung und promovierte zum Dr. phil.

 

Liebe Mutter,

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ich habe dir schon viele Briefe geschrieben. Immer wenn ich dir mitteilte, wie ich mich mit dir gefühlt habe, hast du dich sehr erschrocken, warst wütend. Geantwortet hast du mir fast nie. Ich war schon froh, wenn du überhaupt eine kurze Mitteilung gemacht hast. 

»Ich kann dir nicht auf deinen Brief antworten. Es ist zu schwer.« Du hast bis heute nicht den Mut gefunden. Manchmal hast du meinen Geschwistern gesagt, was du empfunden hast. Einem Gespräch mit mir bist du ausgewichen. Früher war es so, dass ich dir sehr viel zugehört habe. Ich kannte deine Ängste und Nöte. Du hast noch nie zuhören können, wenn ich von mir sprach. Eine so einseitige Beziehung zu dir entspricht aber schon lange nicht mehr meiner Vorstellung von einem Kontakt zu dir.

Deshalb versuche ich es heute wieder, mich dir zu nähern, indem ich dir schreibe, wie ich gefühlt, gebangt und gehofft habe.

Was machte dein Leben so schwer? Es gibt vieles, von dem du mir berichtet hast, vieles, was mich dann bedrückte, weil du nichts an deiner Situation verändert hast. Du hast dich bei mir entlastet, mir zuviel zugemutet. Was weiß ich von dir? Du bist aufgewachsen auf einem Bauernhof. Dein Bruder wurde bevorzugt, er sollte den Bauernhof erben. Du wolltest Lehrerin werden, hast das Gymnasium besucht, doch bekamst du wenig Unterstützung von deiner Mutter. Sie drehte dir das Licht aus, wenn du am Abend noch lesen wolltest. ... Du warst eine junge, stolze und sehr hübsche Frau, die sicher mit vielem alleingelassen wurde und zu wenig Freiheit hatte für ihre Wünsche. Du warst noch nicht mit dem Abitur fertig, als du meinen Vater kennenlerntest, einen lebensfrohen und tüchtigen Mann aus dem Nachbarort, der dich sehr umwarb. Er war Konditor, wollte die Meisterprüfung machen und einen eigenen Betrieb gründen. 

Du wolltest weg von zu Hause, und mit ihm schien es möglich zu sein, endlich frei zu werden, dein Leben zu leben. Doch vieles waren nur Träume. Bald schon wurdest du schwanger, und damals gab es keine andere Möglichkeit als die, zu heiraten. Da mein Vater noch nicht volljährig war, brauchte er dazu das Einverständnis der Eltern. Diese waren sehr hart und verweigerten sich.... Du warst im achten Monat schwanger, als dann eure Hochzeit war ... und gerade erst 21 Jahre alt, als Karin geboren wurde. Gleichzeitig legte in dieser Zeit mein Vater die Meisterprüfung ab und Ihr gründetet eure Konditor- und Bäckerei. Dein Abitur hast du nicht mehr gemacht und deinem Plan, Lehrerin zu werden, konntest du nicht mehr nachgehen. Die Träume verflogen. Ein Jahr später wurde das zweite Kind geboren, Johannes. Er musste unter ein Sauerstoffzelt, und weil eine Krankenschwester einen Fehler mit dem Beatmungsgerät machte, starb er nach drei Tagen. Das hat dich sehr belastet und du hast lange um dein Kind getrauert. Jahre später noch hast du immer wieder davon erzählt. 

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Ein weiteres Jahr später kam ich zur Welt. Ihr nanntet mich Jakob Johannes. Aber ich wurde immer Johannes gerufen, genau wie der verstorbene Sohn und genau wie mein Vater. Warum habt Ihr das so gemacht? Allein das war schon eine Hypothek für mich. Nach mir kamen noch sechs weitere Kinder. Acht Kinder. Du hast uns versorgt, aber ob du uns geliebt hast, das weiß ich nicht einmal. Wir waren für dich vor allem viel Arbeit und du hast es uns spüren lassen. Wir waren eine Last für dich. Es schmerzt mich noch heute, wenn ich daran denke, dass du uns es zum Vorwurf gemacht hast, dass wir da sind. Als wären wir zur Welt gekommen ohne dein Zutun und nur, um dir dein Leben schwer zu machen. Ich habe versucht, dich zu entlasten, habe dir geholfen, wo es ging, um das Gefühl von dir zu bekommen, angenommen zu werden.

Wärme und Zärtlichkeit habe ich von dir nicht bekommen. Du hast mich nie gehalten oder getröstet. Sicher, du warst sehr belastet. Du führtest das Geschäft. Du warst sehr tüchtig. Du hast viel gearbeitet. Auch der riesige Umbau des Betriebes hat sicherlich zuviel Kraft gekostet. Aber das entschuldigt nicht, dass du so hart zu mir warst. Du hast deinen ganzen Ärger und Frust auf mich und meine Geschwister abgeladen. Einiges hast du mir auch gegeben. Ich habe gespürt, dass du stolz auf mich bist. Du mochtest mich auch. Wenn ich krank war, spürte ich deine Zuneigung am deutlichsten. Mit einem Jahr musste ich ins Krankenhaus. Ein Leistenbruch musste operiert werden, und du sorgtest dich sehr. Du hast mir im letzten Jahr geschrieben: Meiner Meinung nach haben Papa und ich alles Gute gewollt und getan. In Krankheit haben wir um dich gezittert und geholfen, daß alles gut geht. Ich kann mich nicht an die Zeit im Krankenhaus erinnern, aber du hast es mir gesagt und ich weiß, dass es so war. Du hast um mich gezittert, hattest Angst um mein Leben. Aber warum hast du mich nie im Arm gehalten? Du warst sehr impulsiv, und viele deiner Gefühle waren sehr deutlich.

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Du hast sie ganz offen gezeigt. Du warst nicht so diplomatisch wie mein Vater. Das schätze ich an dir. Aber du warst dann kaum noch für mich zu erreichen, wenn du geweint und geschimpft hast, dass keiner dich mag. Ich wusste nicht, wie ich dich hätte trösten können. Du kamst gar nicht mehr heraus aus deinem Gefühl. Du hieltest an deiner Verletztheit fest, warst schwer versöhnlich und lange gekränkt. Deine Verzweiflung und Traurigkeit, deine Depression und deine Wut haben mir sehr weh getan und ich habe gelitten, wenn ich dich habe weinen sehen. Ich wollte dir helfen, weil ich auch um mich bangte. Du hast dich fast nie weich oder sanft gezeigt. Nie habe ich gesehen, dass du deinen Mann, meinen Vater, gestreichelt hast, dass ihr zärtlich miteinander gewesen seid. Wenn er dich küssen wollte, hast du dich immer abgewendet, so, als sei es dir unangenehm. Auch mit mir warst du nie warmherzig. Meinen Vater habe ich da anders erlebt.

Du hast viel geklagt über dein Leben. Warum aber hast du nicht stärker die Verantwortung dafür übernommen? Du hast dich doch dafür entschieden, acht Kinder zu haben, die Bäckerei und ein Leben voller Arbeit. Immer wieder hast du vor mir tränenvoll geklagt, den falschen Mann zu haben. Letztlich seien wir Kinder Schuld an deinem Unglück, denn sonst hättest du ihn nie geheiratet. Ich habe mich dabei so elend gefühlt, verschreckt und von dir in Panik versetzt. Wie konntest du mir so etwas antun? Hast du nicht gewusst, dass du mich damit enorm gequält hast? Du bist meine Mutter und warst die Frau, die ich damals am meisten liebte und die mich gleichzeitig am meisten bedrohte. Die Angst, dich zu verlieren, hat mich an dich gebunden. Dadurch waren viele Situationen viel zu eng, ich konnte nicht einfach gehen, wenn du klagtest.

Eine wirkliche und wohltuende Nähe entstand dabei aber auch nicht. Ich konnte nicht mit meinen Wünschen zu dir kommen, denn schon so war ich dir zuviel. Diesen Konflikt

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konnte ich als Kind nicht lösen, und er ist heute noch in mir. Ich brauchte den Kontakt zu dir so sehr und gleichzeitig musste ich mich vor dir schützen. Ich musste eine innere Distanz einlegen zu dir, sonst hätte mich deine Not erdrückt. Du hast mir vermittelt, dass ich die Ursache für dein bedrängtes Leben sei. Du hast mich nicht im Gefühl gehabt, sonst hättest du das nicht tun können, so etwas zu sagen. Du hast dich an mir gerächt dafür, dass du mit dir unzufrieden warst. Auch wenn du es immer abgelehnt hast, du warst nicht das Opfer, das völlig ohnmächtig war. Ich brauchte dich, deine Wärme, deine Zuneigung, deine Zärtlichkeit, deine Hilfe, deine Unterstützung, deinen Trost, dein Mitgefühl und deine Liebe. Dafür war aber neben deinem Schmerz und deiner Not kein Platz. Ich wollte dir helfen, dich trösten und unterstützen, weil ich dich liebte und weil ich dich brauchte und Angst hatte, dich zu verlieren. Immer wieder hast du gedroht, uns zu verlassen. Ich wusste nie, ob du eines Tages gehen würdest. Du hast mir permanent Angst damit gemacht und gleichzeitig hast du mich damit festgehalten, indem du mich in Unruhe versetzt hast.

Richtig gestritten habt ihr euch eigentlich nicht. Mein Vater hat dich einfach reden lassen. Oft ist er am Tisch eingeschlafen, wenn du mit ihm sprechen wolltest. Warum hast du dir das gefallen lassen? Ich hatte Angst davor, von deinem Leid überschwemmt zu werden. Konkret hast du aber nie die Situation geändert. Nie hast du eindeutig deinen Mann gefordert. Du hast mitgemacht, ohne verantwortlich zu handeln. Es ging dir nicht um Veränderung. Du hast nichts getan, um die Situation zu verbessern. Du hast mich belastet, um dich zu erleichtern. Du wolltest alles so lassen, wie es war, und hieltest mich ständig in Atem. Meine Sorgen und Nöte waren im Vergleich zu deinen immer unwichtig. Du hast mich nie in Ruhe angehört oder mich gefragt, wie es mir geht. Du hast dich nicht um mich gekümmert. Du bist nur um dich gekreist. Ich habe mich dann irgendwann nicht

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mehr an dich gewandt, mich zurückgezogen. Meine Gefühle zu äußern, war gefährlich, weil du dann sofort über deinen Mangel klagtest. Du konntest dich nicht einmal mit mir freuen, auch dann erinnertest du dich an dein Unglück. Du hast nicht an meinem Leben teilgenommen. Ich nahm mir dann irgendwann als Kind vor, niemandem mehr meine Gefühle zu zeigen. Gefühle schienen mir gefährlich zu sein.

Irgendwie ging ich unter. Außerdem waren ja auch noch die Kleinen da, die auch alle was von dir wollten. Heute noch fällt es mir oft schwer, nicht immer der Große und Starke zu sein. Als zweitältestes Kind musste ich schnell vernünftig werden, auch wenn ich mich zunächst noch dagegen sträubte. Ich habe lange in die Hose gemacht, vielleicht deshalb, damit du dich um mich kümmerst. Du hast es nicht verstanden und hast mich manchmal geschlagen, wenn du mich dreimal am Tag sauber machen musstest. Ich war aber noch ein kleines Kind. Selbst wenn man bedenkt, wie viele Windeln du gewechselt hast bei acht Kindern, kannst du die Schläge nicht rechtfertigen. Das war brutal und voller Gewalt.... Ich hätte früher zärtliche Berührungen gebraucht und sie sind auch heute für mich enorm wichtig. Ich kann ohne sie nicht leben. Wie du mich oft angefasst hast, spürte ich die Wut, die du eigentlich auf dich und deinen Mann hattest. Aber du hattest sie auch auf mich. Du konntest ihn nicht ertragen, meinen Wunsch nach sanfter Berührung und zartem Kontakt. Er erinnerte dich vielleicht zu sehr an deinen Mangel. Ich fühlte deine Ablehnung und Zurückweisung. Auch ein Säugling empfindet es ganz untrügerisch, ob er angenommen oder abgewiesen wird. Meine erste Erinnerung sind »kalte Hände«. Du warst oft gehetzt, und ich fühlte mich abgefertigt. Nach dem Baden hast du mich immer ganz schnell abgerubbelt, sanft war das nicht. Du hattest wenig Geduld und warst grob.

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Durch deine große Belastung kam auch deine Lebensfreude zu kurz. Es fehlten Leichtigkeit und Vergnügen. Besonders für uns Kinder war die viele Arbeit in der Bäckerei eine große Plackerei. All die »Dienste«, die zu erfüllen waren. Schon mit sechs Jahren trug ich die Brötchen aus. Nach der Schule musste ich in der Backstube helfen oder Kunden beliefern. Donnerstags habe ich oft bis 22 Uhr Buttercremetorten gemacht. Samstags, immer ein fürchterlicher Stresstag, wurde, nachdem die eigentliche Arbeit erledigt war, auch noch Baiser hergestellt, danach Rasenschneiden, Schwimmbad putzen, Straße fegen, Papier pressen, Müll wegfahren. Sonntags, nach der Kirche, wurden die Sahnetorten produziert, die am Nachmittag im Laden verkauft oder ausgeliefert wurden. Am Abend musste ich dann in der Backstube die Vorbereitungen für die nächste Woche treffen.

Es war schon furchtbar viel Arbeit, die uns alle fast erdrückt hätte. Nicht nur du hast darunter gelitten, ich tat es auch. Warum hast du dich nicht für mich eingesetzt? Wir Kinder wurden von euch ausgebeutet, und ich weiß noch, dass ich mit meiner Schwester zum Gewerbeaufsichtsamt gehen wollte, um euch wegen Kinderarbeit anzuzeigen. Ich war damals 14 Jahre alt und wollte wenigstens die Jüngeren vor euch schützen. Irgendwann musste das doch aufhören. Sie sollten das nicht auch alles mitmachen müssen. Mit dir konnte ich darüber nicht sprechen. Ich habe mich nicht getraut, den Plan wirklich umzusetzen. Weißt du, in welcher Not sich ein Junge in diesem Alter befindet, der sich und seinen Geschwistern so zu helfen versucht? Du hast dich in die Rolle der Märtyrerin geflüchtet. Selbst schöne Dinge verloren dadurch ihren Wert. Ich weiß noch, wie du für uns Kinder Karnevalskostüme genäht hast, oft bis spät in die Nacht, weil nach Ladenschluss um halb sieben erst der Backzettel geschrieben und Bestellungen und Rechnungen überprüft werden mussten. Und dann hatte die Freude nicht mehr genug Platz.

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Ja, wir hatten auch schöne Zeiten. Fast jeden Sonntagvormittag machten wir eine Radtour durch die Felder. Ich weiß, wie das Korn riecht und wie man sich im Wald fühlt. Am Rhein haben wir oft Picknick gemacht. Die Decken wurden ausgebreitet, und nachdem wir alle satt waren, rannten wir Kinder über die Wiesen. Es war für mich unheimlich schön, dich und meinen Vater dann zu sehen, wie ihr ruhig in der Sonne lagt und euch an uns freutet. Auch die Besuche bei unseren Verwandten waren oft sehr lustig. Da habt Ihr uns freigelassen. ... Solche Dinge, die ich sehr genossen habe, freuen mich noch heute und ich kann an sie anknüpfen. Das war die Lebensstimmung, die gut getan hat.

Meine erste Freundin, die ich dir vorstellte, hast du schlecht gemacht. Sie hatte hennarot gefärbtes Haar und sah etwas flippig aus. Mir hat sie gefallen und ich blieb mit ihr zusammen. Sie konnte wenigstens zu sich stehen. Erzählt habe ich dir nichts mehr. Du hast mich aber auch nie gefragt, ob ich glücklich bin mit ihr. Überhaupt hast du mich nie gefragt, wie es mir geht. Nicht einmal nach der Doktorarbeit hast du dich erkundigt. Du meldest dich auch fast nie bei mir. Jedes Jahr habe ich dich eingeladen, mich mal in Berlin zu besuchen. Du warst in den 16 Jahren erst zweimal hier. Einmal bei meiner Hochzeit und dann noch mal, als dein Mann, mein Vater, gestorben war. Ich habe dich nun schon lange nicht mehr gefragt. Meine Briefe hast du oft nicht beantwortet. Du hast vielleicht nicht die Kraft, mir zu antworten. Wahrscheinlich hast du niemanden außer deinen Kindern, mit dem du darüber sprechen kannst.

Heute lebst du allein und es ist keiner mehr da, der dich unterstützt. Seitdem dein Mann tot ist und die letzten meiner Geschwister ausgezogen sind, hast du niemanden mehr. Du bist oft einsam. Aber du hast dafür die Verantwortung. Es liegt an dir, wenn du keine Freunde hast und keinen Partner. So wie du mit uns umgegangen bist, kannst du dich anderen gegenüber nicht verhalten.

Sie halten das nicht aus, was ich als Kind ausgehalten habe. Viele meiner Gedanken und Gefühle habe ich dir schon geschrieben. Einmal warst du darüber so wütend und empört, dass sogar meine Schwester nach Berlin kam und mich beschimpfte, wie ich dich nur so in Unruhe versetzen kann. Es hat dich geschmerzt, meine Wahrheit zu hören. Vieles hast du als Vorwurf empfunden, du hast mir geantwortet: Ihr wart mir alle lieb... Wenn ich dich nicht gern gehabt hätte, hätte ich nichts für dich getan. Den ersten großen Schmerz hatte ich bei deiner Geburt erfahren dürfen, den zweiten Schmerz, den du mir zufügst, ist jetzt der seelische und größte bleibende.

Es geht mir nicht darum, dich zu verletzen. Ich glaube auch nicht, dass es besser ist, dir die Dinge nicht zu sagen und nur mit anderen darüber zu sprechen. Auch meine Schwestern sollten überlegen, was sie dir nicht sagen, wenn sie mich dafür kritisieren. Du bist mir zu wichtig, als dass ich dich aussparen möchte. Ich halte dich für lebendig und stark genug, dir das zuzumuten. Ich will dich nicht schonen. Ich teile dir mit, was ich erlebt, was ich gefühlt, was ich ver-misst habe und welche Schmerzen du mir zugefügt hast. »Lass mein Leben bitte aus dem Spiel, darüber kann ich selber Bilanz ziehen«, sagst du mir. Das kann ich nicht, weil ein Teil davon auch mein Leben ist. Vielleicht besteht doch noch eine Chance, dass du mich besser verstehst.

Johannes

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»Du nimmst mich überhaupt nicht ernst«

  Carsten Dierig  

Ich bin 30 Jahre alt und arbeite ah Zahnarzt. Ich lebe mit zwei Freunden zusammen in einer Wohngemeinschaft. Seit zwei Jahren habe ich eine Freundin, sie hat zwei Kinder mit in unsere Partnerschaft gebracht.

 

Liebe Brigitte!

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Wir haben gestern telefoniert und uns später in einem Cafe getroffen. Und ich spüre eins immer deutlicher, nämlich, dass ich Aggressionen gegen dich habe. 

Das fängt bei solchen Kleinigkeiten an wie bei der Sache mit dem Walkman. Alleine bei unserem Telefonat und dem anschließenden Wortwechsel im Cafe waren so viele »Kleinigkeiten«, die mir so bekannt sind aus unserem Umgang miteinander, dass ich mich sofort ärgere. Früher haben wir diese Sachen auf sich beruhen lassen. Doch das kann ich jetzt nicht mehr. Ich mache da nicht mehr mit, und ich will nicht, dass du mich weiterhin so behandelst. Ich hatte dir meinen Walkman geliehen und rief dich an, weil ich ihn wiederbekommen wollte, am liebsten noch an diesem Wochenende. Du sagtest, am Wochenende ginge es schlecht und du könntest dir vorstellen, dass es am Montag auch noch reicht. Was soll das denn? Wieso stellst du dir vor, es reicht für mich, ihn am Montag zu bekommen? Weißt du, was für mich gut ist? Ich war sprachlos, fühlte mich behandelt wie ein kleiner Junge. Was soll denn das? Dann erzählst du mir auch noch ganz stolz, du hättest diesmal ganz alleine herausgefunden, wie der Walkman funktioniert. Ich stutze, überlege, aber das hatte ich dir doch erklärt, als ich ihn dir gegeben habe! »Stimmt!« sagst du, nachdem ich nachgefragt habe, aber du müsstest eben immer erst noch mal alleine probieren, wie so etwas geht. Ja, das kenne ich schon. Es kam schon so oft vor, dass ich mir Mühe gegeben habe, dir etwas zu erklären, und Erklären ist etwas, was ich wirklich gut kann, und du dann sagtest: »Ach, das verstehe ich jetzt nicht, ich muss mir das noch mal alleine angucken!«

Weißt du was? Mach' es gleich alleine! Es nervt mich, mir später auch noch anhören zu müssen, du hättest alles allein herausgefunden. Das ist doch eine Frechheit! Erst machst du dich klein, sagst, du kannst das nicht, verstehst das nicht. Du machst dich so klein, dass man dir gar nichts mehr zutrauen kann. Meiner Schwester geht es auch so, sie ist extra einen Umweg gefahren, um dich abzuholen, weil sie dir nicht zugetraut hatte, dass du allein den Flugsteig der British Airways findest - und hinterher machst du den anderen klein, sagst, du hättest alles allein herausgefunden. Du hättest die Hilfe gar nicht gebraucht, der andere hat sich Mühe gegeben, das wird von dir einfach weggewischt, als ob es gar nicht so war. Ich musste tatsächlich überlegen, ob ich dir erklärt hatte, wie der Walkman funktioniert, oder nicht. Ja, ich habe es getan, aber das war das letzte Mal! Ich werde das nicht mehr machen, ich werde dir auch nicht mehr irgendwelche Wege erklären. Es gibt so viele Beispiele aus der Vergangenheit, bei denen du dich erst klein gemacht und dich regelrecht dumm gestellt hast, um dann zu sagen, du müsstest dir das noch mal allein anschauen. Mach' es gleich alleine, ich stelle mich nicht mehr hin und erkläre dir etwas! Du bist alt genug.

Um bei dem Walkman-Beispiel zu bleiben - ich habe schließlich gesagt: »Gut, Montag reicht mir!« Plötzlich sagst du, Montag sei ungünstig, lieber erst Dienstag. Ich war wieder sprachlos. Das ist doch reinste Provokation. Was soll das? Was machst du da? Ich lasse mir das nicht mehr gefal-

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len. Was ist eigentlich so kompliziert daran, mir den Walkman zurückzugeben? Nichts! Doch du machst es kompliziert. Ich habe keine Ahnung, warum du das machst, auf jeden Fall ärgert es mich. Deine Art hat den Effekt, mich einerseits auf die Palme zu bringen, gleichzeitig bleibst du dabei auch irgendwie unerreichbar. Das ist verwirrend. Dieses Unerreichbare kann ich dir nicht richtig erklären, aber eins kann ich dir sagen: Ich werde mich in Zukunft nicht mehr um deine »Ich-mach-das jetzt-mal-kompliziert«-Manöver und was du sonst noch so auf Lager hast, um geschont zu werden, kümmern, sondern ich werde dir einfach sagen, was mich ärgert. Und ich werde mich auf keine Diskussionen mit dir einlassen, die nur dazu dienen, mein Gefühl in Frage zu stellen und dich selbst zu rechtfertigen. Das ist mir zu anstrengend und es ist unbefriedigend. Es ist nämlich sehr schwer, dich zu erreichen, besonders mit Kritik. Du tust alles Mögliche, damit dich Kritik nicht erreicht. Du hörst mir nicht zu. Du ignorierst es, gehst gar nicht darauf ein. Du behauptest, es sei nicht so und wiegelst ab, beschwichtigst, rechtfertigst dich, und wenn ich mal gar nicht locker gelassen habe, dann warst du beleidigt und hast dich zurückgezogen. Durch diese ganzen Tricks hindurchzukommen ist sehr anstrengend.

Das letzte Mal musste ich eine halbe Stunde reden und immer wieder neu ansetzen, bis du an dich heranlassen konntest, was ich meinte. ... Das mache ich nicht mehr. Höre mir zu oder lasse es sein. Bei meinen Freunden muss ich nicht so kämpfen, bis sie mir zuhören, die interessiert es, was ich zu sagen habe. Die fragen nach und nehmen mich ernst. 

Wenn dich nicht interessiert, was ich zu sagen habe, dann lasse es bleiben. Ich lasse mich nicht mehr von deiner »Ich-weiß-gar-nicht-was-du- meinst«-Haltung irritieren und laufe mit Ärger herum, weil du nicht erreichbar bist. Das tut mir nicht gut. 

Du schienst mir immer zu zerbrechlich für meine Wut. Schluss damit! Du bist nämlich nicht so zerbrechlich, wie du immer tust. Du bist ein verdammt zäher Knochen! Die alten Rollen, die wir jahrelang eingeübt haben, die hauen nicht mehr hin: Du tust so, als hättest du keine Ahnung, und ich tue so, als hätte ich keinen Ärger! Doch ich ärgere mich, und du weißt das ganz genau! Und meine Kritik hörst du ganz genau, ich glaube nämlich nicht, dass du so unerreichbar bist, wie du tust. So, jetzt habe ich geschrieben, was mich ärgert. Und weißt du, was passiert? Ich spüre eine Freude in mir. Es ist ein tolles Gefühl. Jetzt ist der Ärger ausgesprochen, ich schicke ihn dir mit der Post, und dann hast du ihn, das freut mich. Mal sehen, was du damit machst. Ich behalte ihn jedenfalls nicht mehr für mich. Viele Grüße,

Carsten

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»Nicht ich bringe dich ins Grab«

  Christian Haller  

Ich bin 34 Jahre alt, ledig, von Beruf Agraringenieur und arbeite als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand. Meine Mutter ist Schneidermeisterin. Mein Vater war Architekt und starb mit 49 Jahren an einem Herzanfall. Ich habe zwei Schwestern und einen Bruder, die neun bis vierzehn Jahre älter sind als ich.

 

Liebe Mutter,

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vor neun Jahren, mit fünfundzwanzig Jahren, bin ich bei dir, aus meinem Elternhaus ausgezogen, erst nach Hannover, zehn Kilometer weiter, dann, zwei Jahre später, nach Berlin. 

Die ersten Jahre war ich noch beinahe wöchentlich bei dir zu Besuch, mittlerweile nur noch drei- bis viermal im Jahr. Dieser zeitliche und räumliche Abstand hilft mir, meine Lebensgeschichte mit der Unterstützung von Freunden zu erkunden, meine Zeit bei dir, wie du mich geprägt hast und was davon mich heute noch beschäftigt, mich hemmt, mir Schwierigkeiten bereitet. Als ich acht Jahre alt war, starb mein Vater, dein Mann. Die Nächte hattet ihr beide durchgearbeitet, um das Haus zu finanzieren, um uns einen gewissen Lebensstandard zu ermöglichen. ... als ihr meintet, aus dem Gröbsten heraus zu sein, dieser Schicksalsschlag. Von nun an rückte der finanzielle Druck noch weiter in den Vordergrund.

Heute habe ich großen Respekt vor dem, was du damals geleistet hast, erst noch mit deinem Mann zusammen, später dann allein. Aber das Erreichte ist auch teuer erkauft worden. Entbehrungen standen dem auf der anderen Seite entgegen. Und spätestens von da an hast du dir mich und meinen Bruder Hans gekrallt, hast uns an dich gefesselt und nicht losgelassen. Deine finanziellen Sorgen, deine Gefühle von Einsamkeit und Überforderung hast du uns scheinbar beiläufig wissen lassen, aber sie waren uns stets bewusst, auch wenn du immer wieder hinzufügtest: »Mit diesen Dingen will ich euch nicht belasten.« Das Leben im eigenen Haus mit Garten war mir eine angenehme Gewohnheit, eine Selbstverständlichkeit geworden. Natürlich wollte ich dort auch weiterhin wohnen bleiben, und deine Visionen, wir müssten das Haus verkaufen, wenn wir nicht sparsam wären und wenn du aus irgendeinem Grund nicht mehr soviel arbeiten könntest wie bis dahin, machten mir Angst. So war ich dann auch möglichst darauf bedacht, dir nicht auch noch Sorgen und Schwierigkeiten zu bereiten. Ich war, in meiner Erinnerung, brav und artig, habe meine Probleme und Sorgen damals für mich behalten, ja, habe sie offenbar so erfolgreich verdrängt, dass ich mich heute kaum mehr an sie erinnere kann. Meine größte Sorge war, du könntest uns auch noch wegsterben.

»Ihr bringt mich noch ins Grab!« hast du immer mal wieder gesagt. Und dann dazu diese Szenarien: ich käme dann ins Waisenhaus, zu fremden Leuten oder ins Internat, alles ganz furchtbare Drohungen, noch heute furchtbare Vorstellungen für mich. So etwas hatte ich einmal für ein paar Wochen erlebt, mit sechs Jahren, bei einer »Kinderkur«. Ich bin gegängelt, bevormundet, drangsaliert worden, wie ich es niemals wieder erlebt habe. Schon damals, als mein Vater noch lebte, bin ich mit dem Schreckenserlebnis allein geblieben. Ich sehe noch heute das Bild vor mir, wie ihr damals bei meiner Rückkehr zufrieden feststelltet, dass ich runder im Gesicht geworden war und artiger. Ja, unter dem Schutz meines Vaters konnte ich mir vieles erlauben. Ich war ja sein ganzer Stolz, sein »feines Söhnchen«, solange er noch lebte.

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Als er dann tot war, bliebst mir nur noch du. Dich durfte ich unter keinen Umständen auch noch verlieren.

Wie oft bist du damals krank gewesen! Ich sehe dich vor mir, wie du im Bett lagst mit Kreislaufproblemen, schwach und gebrechlich, den Arzt bei dir. Du kamst immer wieder auf die Beine, zum Glück, aber die Ungewissheit, wann es wieder soweit sei und wie es dann ausgehen würde, diese Angst bestand fort. Wie hätte ich in solcher Atmosphäre mehr Raum einnehmen sollen? »Wenigstens du machst mir keine Sorgen!« bekomme ich heute noch hin und wieder von dir zu hören. Dahinter steckt das Gebot: Mach mir keine Sorgen! Natürlich habe ich nach Möglichkeit alles zu vermeiden versucht, was dich hätte belasten können. Heute noch fällt es mir schwer, meine Sorgen und Probleme nicht für mich zu behalten, mich damit an gute Freunde zu wenden und mir helfen zu lassen.

Zu dieser Schwierigkeit beigetragen hat auch das Misstrauen, das du bei mir gegenüber anderen geschürt hast. Anderen darf man nichts anvertrauen, die nutzen das nur aus, und verlassen kann man sich sowieso nur auf die Familie -das waren deine Botschaften. Aber in der Familie war auch kein Platz für meine Sorgen. So blieb ich dann damit allein. Statt dessen war ich für deine Sorgen zuständig. Auf dem Flughafen, bei der Rückreise aus dem Urlaub, in dem mein Vater gestorben war, habe ich versucht, dich zu trösten oder wenigstens zu beruhigen, als du in Tränen aufgelöst warst. »Was sollen die Leute denken? Reiß dich doch zusammen!« habe ich zu dir gesagt, wie du mir selbst erzählt hast. Ich sei damals so vernünftig gewesen. Das Zusammenreißen beherrschte ich bereits als achtjähriger Halbwaise. Trost zu spenden, damit war ich völlig überfordert. Was ich dann gelernt habe, war, gute Stimmung zu verbreiten, Spaße zu machen, Zerstreuung zu bringen, lustig zu sein, eine Zeitlang von den Sorgen abzulenken. Diese Rolle beherrsche ich heute noch so gut wie keine andere. Möglichst sorglos erscheinen zu wollen, mit diesen Worten hat mich ein Freund charakterisiert, und so kennt man mich auch. Oft noch verfalle ich ins Unernste, selbst wenn ich von meinen Problemen spreche.

Du hast dich mit deinen Nöten an deine Kinder, besonders an uns, deine beiden Söhne, gehalten, anstatt dir einen neuen Partner zu suchen. Wir waren dir sicher. Meine Abhängigkeit war dir willkommen, ich konnte dir nicht abhanden kommen, so wie mein Vater oder dein erster Mann. Uns hast du dann vorgeschoben: wir hätten dir all die anderen Männer madig gemacht, wir wären es gewesen, die verhindert hätten, dass du einen neuen Partner findest. Welch eine Verdrehung! Wenn du wirklich ernsthaftes Interesse daran gehabt hättest, hättest du auch einen gefunden! Statt dessen bürdest du uns die Verantwortung dafür auf! Aber die weise ich zurück. Und ich will mich nicht mehr für deine Sorgen zuständig fühlen, sondern mich endlich um meine eigenen kümmern können. Neulich sagtest du mir vor meiner Rückreise nach Berlin: »Wenn du heute abend weg bist und ich dann allein zu Hause sitze, werde ich wieder ganz traurig sein.« Damit lasse ich mich nicht mehr unter Druck setzen, sieh zu, dass du deine Einsamkeit anderweitig beendest. Du hast auch heute, mit fünfundsiebzig Jahren, noch bewundernswert viel Energie, machst endlich Reisen, worüber ich mich sehr freue, und bist auch ansonsten sehr rührig, kannst sehr gesellig sein, und es geht dir gut dabei. Du bist dabei nicht auf mich angewiesen, wie auch ich heute nicht mehr von dir abhängig bin. Vor kurzem sagtest du mir am Telefon auf die Frage, wie es dir gehe: »Ich habe das Gefühl, ich sterbe bald, aber das darf ich ja nicht, meine Kinder brauchen mich doch noch!« Das stimmt nicht, wir, deine Kinder, führen unser Leben selbst. Und das ist gut so. Ich wünsche dir noch viele Jahre voller Gesundheit, Energie und Lebensfreude.

Dein Sohn Christian

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»Du hast mir mein Leben ausgesaugt, du hast es mir gestohlen«

  Heiner Nefot  

Ich bin 45 Jahre alt, Lehrer, verheiratet und habe einen Sohn.

 

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Du wolltest alles lieber als gar keinen Kontakt mehr zu mir. Bitte, das kannst du haben. Dann musst du mir aber zuhören, zum ersten Mal in meinem Leben musst du mir zuhören und mich nicht unterbrechen, wenigstens einmal hörst du mir zu und hältst deinen Mund! Jetzt rede ich! 

Du hast nämlich keine Ahnung von meinem Leben. Du denkst zwar, du kennst mein Leben genau, aber du weißt nicht das Geringste darüber, wie ich mein Leben fand. Du hast mir nämlich mein Leben gestohlen. Gib es wieder her! Du hast mir von klein auf gezeigt, dass ich dein Lieblingskind war. Hättest du die schwierige A. als erstes Kind gehabt, hättest du keine weiteren Kinder haben wollen, hast du gesagt und sie deutlich spüren lassen, dass du mich bevorzugt und als ihr Vorbild aufgebaut hast. Damit hast du mein Verhältnis zu meiner Schwester nachhaltig gestört. Wir haben bis heute keinen Kontakt.

Du hast mich völlig von deiner Zuwendung abhängig gemacht und mich zu deinem Ideal umgemodelt. Den Vater hast du ins Abseits der Familie gestellt und mir das Gefühl vermittelt, dass er unmöglich ist, dass ich besser bin als Mensch, als Partner. Du hast mich zu deinem Partner gemacht. Deinen Mann hast du so schlechtgemacht, dass ich ihn verachtet habe. Du hast dich als sein Opfer dargestellt und dir mein Mitgefühl angeeignet, aus mir Trost und Unterstützung gesaugt. Die schlimmste Beschimpfung in einem Streit war: »du bist ja schon wie dein Vater!« Und als Reaktion auf mein späteres zaghaftes Interesse an ihm hast du mir vorgeworfen: »Wie kannst du mit meinem schlimmsten Feind Kontakt aufnehmen!« Du hast mich erpresst. Ich sollte ausschließlich für dich da sein. Du hast mich einsam gemacht. Statt dich von deinem Mann zu trennen, wozu wir Kinder dir unsere Unterstützung zugesichert hatten, hast du erzählst, dass es das größte Unglück in deinem Leben gewesen ist, diesem Mann zu begegnen und ihn zu heiraten.

So ein Schmarren! Dein ganzes Leben bestand für dich immer nur aus furchtbaren Schicksalsschlägen und schlimmen Ereignissen, die gerade dir passiert sind. Du hast zuwenig Verantwortung für dich übernommen. Du hast dein Leben nicht angepackt und statt dessen uns allen in der Familie deine depressive Stimmung aufgebürdet. Du hast meine geistige Entwicklung zu deiner gemacht. Alles, was ich gut fand, hast du auch gut gefunden: die Beatles, die Malerei, die Literatur, alles. Von allem, was ich entdeckt habe, hast du mitgegessen. Du hast dich auch gut entwickelt, aber auf meine Kosten, ich musste dich nähren. Du hast mir mein Leben ausgesaugt. Du hast es mir gestohlen. Meine körperliche, insbesondere sexuelle Entwicklung hast du außerordentlich behindert. Sexualität war nicht nur tabu, sie war überhaupt nicht existent. Die einzige Andeutung von dir in diese Richtung war so: ich kam aus der Schule. Du sahst wieder so traurig aus, so niedergeschlagen, dass ich fragte: »Geht es dir nicht gut?« du, nach mehrmaligem Nachfragen: »Ach, na ja, female trouble.« Ich: »Was bedeutet das denn?« du: »Schau im Wörterbuch nach.« Vermutlich hattest du deine Tage. Durch diese Art hast du mir das Frau sein und die Sexualität als peinliches Leiden vorgeführt, möglichst unsichtbar, auf alle Fälle unaussprechlich.  ...

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Du hast mich bedürfnislos und stumm gemacht. Bei dem Besuch einer Tante, als ich selbst schon lange Vater war, meinte diese, dass ich als kleiner Junge oft so traurige Augen gehabt hätte. Du hattest davon nie etwas bemerkt. Außerdem kam zur Sprache, dass ihr mich mit zweieinhalb Jahren ins Kinderheim gebracht habt, weil du ins Krankenhaus musstest. Ihr habt mich dort zurückgelassen, in dem ihr gewartet habt, bis ich mit einem Mädchen zu spielen anfing, und seid dann abgehauen. Ohne die Tante hätte ich die Geschichte nie in dieser Deutlichkeit erfahren. 

Kurz darauf habe ich dich nochmals darauf angesprochen, mir wurde langsam spürbar, was da mit mir passiert war, und ich sagte: »Das muss ja fürchterlich für mich als kleinen Jungen gewesen sein, so plötzlich völlig verlassen und verloren zu sein, hoffnungslos.« Darauf du: »Ja, was glaubst du denn, wie schlimm das erst für mich war?« Meine Gefühle zählen nicht, interessieren nicht, nur deine sind wichtig, du hast mir mein Leben gestohlen.

Als kleiner Junge kam ich einmal aus der Schule, erste oder zweite Klasse, fremde Menschen waren in der Wohnung, du lagst reglos im Bett, ich durfte nicht zu dir, auf den Gesichtern der Leute große Besorgnis. Ich dachte, du stirbst. Ich dachte, ich bin daran schuld. Ich dachte, ich war nicht lieb genug. Ich dachte: Wenn ich nicht lieb genug zu ihr bin, stirbt die Mutter. Du hast, als du wieder gesund warst, nie mit mir über diese Situation angesprochen. 

Als ich dich vor wenigen Jahren ganz fassungslos gefragt habe, warum nicht, und dabei auch an meinen eigenen Sohn dachte, hast du gesagt: »Auf so eine Idee bin ich überhaupt nicht gekommen.« Das ist unglaublich egoistisch und igno-rant. In Konflikten, das heißt, wenn ich etwas gemacht hatte, was du nicht wolltest, zum Beispiel, als ich mit elf, zwölf Jahren heimlich in meinem Zimmer geraucht hatte, hast du mich mit leidendem verbittertem Gesicht und langem Nicht-mit-mir-Sprechen gequält und deinen Vorstellungen wieder unterworfen. 

Der Preis für deine »Liebe« war also, mich selbst völlig aufgeben zu müssen. Ständig drohte mir der Liebesentzug. Diese Unsicherheit und Angst spüre ich noch heute: du hast mir mein Leben gestohlen. Meine Ängste, zum Beispiel vor Prüfungen, hast du, scheinbar wohlmeinend, abgeschmettert mit: »du wirst das schon wieder ganz prima machen.« Damit hast du mich abgeblockt und zugleich den Zwang bekräftigt, deine Erwartungen nach Problemlosigkeit und guten Leistungen nicht enttäuschen zu dürfen. Für meine Ängste und meine Unsicherheiten war nie Platz. ... Du hast dich nie für mich interessiert. Du nennst es Liebe. Ich nenne es Missbrauch. Du hast mir mein Leben gestohlen. Ich hole es mir wieder.

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