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»Erst bekam ich Schläge, dann hast du geweint«

     Sven 

  Joachim Pelzer  

Ich bin 61 Jahre alt, Industriemeister und REFA-Techniker, seit einem Jahr im vorgezogenen Ruhestand. Meine erste Ehe wurde nach 17 Jahren geschieden, unser Sohn ist heute 36 Jahre alt. Seit 1975 bin ich wieder verheiratet.  

Liebe Mutti !

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Allein der Automatismus in der Ansprache ist irgendwie nicht stimmig, Ich habe dich immer »Mutti« genannt und, wenn ich dir aus dem Urlaub Karten geschrieben habe, stets mit »Liebe Mutti« begonnen. Das macht man eben so! Wo war — oder ist — sie eigentlich, unsere Liebe zueinander? 

Unendliche Traurigkeit überkommt mich. Was hast du mit mir gemacht? Du hast uns, meine vier Jahre jüngere Schwester und mich, gefüttert, nach deinem Willen gekleidet, gewaschen, gebadet, eben versorgt, und dann?

Wenn es mir nur einfallen würde, wenn ich nur spüren könnte. Wo waren Liebe, Trost, sich ausweinen dürfen, den kleinen Jungen anhören, ihn in den Arm nehmen, sanft wiegen, ihn beruhigen, die einfachen Dinge des Lebens, die ihm so schwierig erschienen, erklären? Artig sein, ruhig sein, immer schön aufessen, Bock austreiben, das kenne ich. Es ist so ein großer Hohlraum in meinem Herzen. Ich fühlte und fühle mich verlassen. Inzwischen bin ich einundsechzig Jahre alt, selbst Vater, habe einiges erreicht, vieles nicht, viel von der Welt gesehen. Leider hast du an meiner Entwicklung wenig Anteil. Artig, Angst und angepasst! 

Diese Begriffe sind mir wohlbekannt. Sie waren dein Erziehungsmuster, folglich auch mein Lebensplan. Du bist sechsundachtzig Jahre alt, warst, so weit ich denken kann, nie ernsthaft krank. Sorgst noch immer gut für dich. Alle, die dich kennen, loben deine Freundlichkeit, deine Hilfsbereitschaft, das sich Kümmern und Machen um und für andere. Dein Käsekuchen, dein Bienenstich sind heute noch bei allen Festlichkeiten begehrt.

»Wir haben die beste Mutter, die man sich denken kann«, sagt Ingrid, deine Tochter, meine Schwester. Fühle und denke ich das auch? Darf man die Mutter kritisieren, die immer nur das Beste für ihre Kinder wollte? Warum geht es mir so schlecht damit? 

Ich komme zwar in unregelmäßigen Abständen zu dir, wenn etwas zu reparieren ist, wenn dir etwas zu schwer ist, aus Pflichtgefühl oder weil ich ein schlechtes Gewissen habe. Wir sprechen miteinander, aber ich glaube, wir reden schon seit Jahren, nein, eigentlich schon immer aneinander vorbei. Du hörst mich nicht. Du verstehst mich nicht. Du erwartest nur Berichterstattung. Keine Gefühle, keine Sorgen, keine Schwierigkeiten. Damit willst und wolltest du nie etwas zu tun haben. Vielleicht hilft uns dieser Brief, in dem ich versuche, mich an meine Kindheit zu erinnern, heranzukommen an den Schmerz, die Hilflosigkeit, die Angst, die Trauer, die Wut, die Verlassenheit und an all den Groll in meinem Bauch. 

Hast du mich je geliebt? Hast du überhaupt je einen Menschen richtig geliebt? Du hast uns aufopfernd und pflichtbewusst versorgt, niemand sollte dir etwas nachsagen.

Ich kann mich an keine Zärtlichkeit, an kein Schmusen, an keine liebevolle Umarmung, an kein Trösten, an kein Gefühl von Geborgenheit erinnern. Deutlich spüre ich noch immer deine festen Hände, die zupacken konnten, wenn du mir den Kopf gewaschen hast. Ich schrie, weil Seife in meine Augen gekommen war. Meine Angst, im Wasser zu versinken, hast du ignoriert. Du hast weiter gerubbelt. 

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Oder beim Reinigen meiner Ohren mit diesen Wattestäbchen. Es tat entsetzlich weh. »Wir müssen das machen, Alles muss sauber sein, Was sollen denn die Leute denken, wenn ich dich so rumlaufen lasse!« Die Leute, die Nachbarn, die anderen, die waren dir schon immer wichtig, sind es heute noch. Ich habe mich vor der mit Wasser gefüllten Gummiwärmflasche gefürchtet. Du hast sie auf den Tisch gelegt, wenn ich nicht essen wollte. Meinen Ekel gegen dieses wabbelige Dinge hast du benutzt, um mich gefügig zu machen. Ich bin an meinem Möhrenbrei fast erstickt. Sollte das Erziehung sein?

Oft hast du mich allein in der Wohnung gelassen. Ich habe geweint und das ganze Haus zusammengeschrien. Meine Angst vor bösen Geistern, überhaupt vor Dunkelheit wurde nicht ernst genommen. Gewiss, du warst ja nicht weit. Nur beim Vater in der Kneipe. Für mich jedenfalls unerreichbar. Die Tür war verschlossen. Jedesmal hast du mir versprochen, nicht mehr wegzugehen. Aber es ist wieder und wieder geschehen. Die große Not, verlassen zu werden, war dir scheinbar egal. Belogen hast du mich, wenn ich fragte, ob du heute wieder weggehen willst. Ich spürte genau, es stimmt nicht, wenn du verneintest und nur darauf gewartet hast, dass wir Kinder einschliefen. Kinder glauben an die Versprechungen der Erwachsenen, doch ich wurde immer wieder getäuscht.

Noch heute fallen mir Sprüche ein: »Wer nicht hören will, muß fühlen!« »Messer, Gabel, Schere, Licht! Sind für kleine Kinder nicht!« »Wer die Hand gegen die Eltern erhebt, dem wird sie abfallen.« »Kinder nachts ruhig schreien lassen, das kräftigt die Lungen.« »Kinder haben zu schweigen, wenn Erwachsene reden.« »Eltern zu widersprechen ist ungehörig, undankbar.« 

Nach diesen Mustern hast du mich dressiert! Aber wann hast du mit mir gespielt? Mir etwas beigebracht, etwas geduldig erklärt? Du hast mich spielen lassen, allein oder mit anderen Kindern. Aber wo warst du? — 

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Ich sehe dich mit anderen Frauen auf Parkbänken sitzen und stricken, immer nur stricken. Diese langen, ekelhaft kratzenden Strümpfe. Jedesmal war Terror, Weinen und nutzloses Sträuben angesagt. Ich musste sie trotzdem anziehen. Weinen, viel weinen, daran kann ich mich gut erinnern. Du hast geweint, wenn Papa nicht aus der Kneipe kann, wenn dir ein Kuchen misslungen ist, wenn jemand etwas Schlechtes über dich sprach, wenn du Kummer hattest, aber auch, wenn du wütend warst, es nicht nach deinem Willen ging. 

Erst bekam ich Schläge, dann hast du geweint. 

Dieses Weinen hat mich hilflos gemacht und große Schuldgefühle in mir hinterlassen. Auf mein ängstliches Nachfragen »Warum weinst du?« bekam ich nie eine Antwort. Nicht am nächsten Tag. Bis heute eigentlich nicht! Meine kindlichen Versuche, dich zu trösten, wurden abgewiesen. Ich wollte helfen, dich in den Arm nehmen. Doch ich vermochte es nicht und stand nur ratlos da, völlig leer werdend. »Ich weine nicht!«, hab ich wohl damals beschlossen. Weinen ist weibisch. Jungen und Männer weinen nicht. Sie zeigen keine Trauer, keinen Schmerz, keinen Kummer und werden auch nicht ohnmächtig. Erniedrigungen und Bestrafungen müssen klang- und wortlos hingenommen werden. Rechtfertigungen machen die Erwachsenen noch wütender und erhöhen das Strafmaß. Von da an habe ich auch nicht mehr geweint, meine Gefühle verborgen und versucht, ein tapferer Mann zu werden. Das ist natürlich gründlich misslungen. Von den vielen heimlichen Tränen in mein Kopfkissen, der großen Sehnsucht nach Nähe und Trost habe ich niemandem erzählt.

Pünktlichkeit und blinder Gehorsam war dein oberstes Gebot. Kam ich später als einundzwanzig Uhr nach Hause (ich war etwa fünfzehn Jahre alt), hast du mich ohne Vorwarnung geschlagen. Mit deinen kleinen, aber harten Händen oder mit dem Teppichklopfer. Weil ich nicht schnell genug die Arme schützend hochbekam, einmal direkt ins Gesicht, selbst auf der Straße, vor meinen Freunden. 

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Du zeigtest mir deine (Ohn-)Macht. Mein Schmerz, die Scham, die Peinlichkeit, vor meinen Freunden verprügelt zu werden, waren dir egal. Nur deine Wut konnte ich spüren und die Angst, Vorwürfe von deinem Mann zu hören, du könntest dich nicht durchsetzen. Du hast mir nichts zugetraut und auch nicht vertraut.

Sexualität war kein Thema bei uns. Alles, was unterhalb des Bauchnabels ist, war tabu. Meine Entwicklung auf diesem Gebiet ist sprachlos an dir und mir vorübergegangen. Die Ausrede »Wir haben es vor fünfundvierzig Jahren eben nicht gekonnt!« befriedigt mich nur wenig. Hast du jemals bemerkt, wie schlecht oder gar nicht ich mit Mädchen spielen konnte? Wie ihre Anwesenheit mich verlegen und ängstlich gemacht hat? Die wollten mich doch nur immer an- und umfassen, bemuttern. Ich habe es nicht zulassen können. Lieber raufen und kämpfen. Das war mir vertraut. 

Später hatte ich Freundinnen, war verliebt und wusste nicht, wie man damit umgeht. Liebevolle Umarmungen, zärtliches Streicheln oder gar Küssen waren mir fremd. Habe ich bei dir auch nie gesehen, also auch nicht gelernt. Hatte ich Liebeskummer, konnte ich mit dir nicht reden. Du musstest kochen, waschen, putzen, einkaufen. Deinen Mann in Kneipen suchen. Dabei durfte und sollte ich dir noch helfen. Für mich blieb keine Zeit. Warst selbst hilflos, also ließ ich es sein. Wieder allein, wieder verlassen. Meine Entwicklung nach meinem neunzehnten Lebensjahr war dir scheinbar egal. Nie hast du ernsthaft gefragt, was ich wohl mache. Fühlte ich mich krank, dann zeigtest du sofort Verantwortungsgefühl und kamst mit deiner Kamillentee- und Zwieback-Therapie. Hatte ich Konflikte, Streit irgendwo, warst du nicht an meiner Seite. »Der Klügere gibt nach!« war dein Wahlspruch. Was für ein Schwachsinn!

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Fröhliche Verdrängung, sich nichts anmerken lassen, nicht nachtragend sein. Das habe ich bei dir gelernt. Eine von dir bei mir vermutete Vorhautverengung (ich war fünfzehn Jahre alt) ließ dich zu einer üblen Maßnahme greifen. Wegen meiner Knieerkrankung mußte ich ohnehin zum Arzt. Selbst zu feige, schicktest du meine Tante mit, die erklärte dem Arzt mein angebliches Leiden. Nach der aufmunternden Aufforderung »Na, dann lass mal deine Hose runter, Joachim!« stand ich da mit feuerrotem Kopf. Mir wurde speiübel vor Scham. Ich fühlte mich gedemütigt und hätte in den Boden versinken mögen. Nach Untersuchung meines Gliedes und Begutachtung durch den Arzt mit der Bemerkung »Alles in Ordnung!« zog ich meine Hose wieder hoch und konnte gehen. Warum bist du nicht mitgekommen? Warum hast du mich nicht vorher informiert? Konntest du mit mir über so banale Dinge nicht vorher reden? Ich war so wütend, bin es heute noch, wenn ich nur dran denke. Wie wenig hast du mich gekannt. Wie wenig hast du mir zugetraut. Bei Familienfeiern, wenn du besonders lustig sein wolltest, hast du mich umarmt, geküsst. Dauernd musste ich mit dir tanzen. Wie eine Aufziehpuppe. Alle sollten sehen, wie stolz du auf deinen Sohn bist. Mir hat das nicht gefallen, und ich habe mich gegen die überfallartigen, besitzergreifenden Umarmungen gesträubt und völlig wehrlos gefühlt.

Du hast so wenig aus dir gemacht! Wo war dein Leben? Wo deine Bedürfnisse, deine Sehnsüchte? Natürlich konntest du mit deiner kaputten Wirbelsäule und deiner Schwerhörigkeit nicht als Trümmerfrau »Steine klopfen« gehen. Doch später, wir Kinder waren ja schon alt genug, ist dir nie in den Sinn gekommen, eine angemessene Arbeit zu suchen, um für dich eine kleine unabhängige Welt zu schaffen. Zu wachsen an neuen Aufgaben mit anderen Menschen. Die Ausrede, die Männer wollten eben nicht, dass ihre Frauen mitarbeiten und dadurch unabhängiger werden, tröstet mich nicht.

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Ich habe mir immer eine Mutter gewünscht, die eine eigene Meinung hat, die sagt, was sie denkt, die ihre Wünsche und Bedürfnisse klar benennen kann, zu der ich hätte aufblicken können. In unserer Familie hat keine Weiterentwicklung stattgefunden. Du wohnst sechzig Jahre im gleichen Haus, bist sogar stolz darauf. Allein daran ist zu erkennen, wie wenig du für dich beansprucht hast. Dein Leben ist von einer gleichförmigen Monotonie geprägt.

In den folgenden Jahren haben wir ein seltsames System von oberflächlicher Unterhaltung entwickelt. Es beruht auf einem absoluten Harmoniebedürfnis. Man darf dem anderen nichts zumuten und will selbst auch nicht auf seine inneren Gefühle angesprochen werden. Oh, ja! Über unsere Mitmenschen wussten wir gut Bescheid. Es ist so wohltuend, von denen zu reden, die nicht anwesend sind. Stärkt das eigene Selbstbewusstsein. Nur wir haben uns dabei gewissenhaft vergessen.

Bei Gesprächen, die uns betrafen, hast du es immer gut verstanden, dich herauszuwinden und abzulenken. Nur keine Konfrontation! Niemals nachtragend sein! Schon komisch! Das steckt auch in mir. Immer freundlich, pflegeleicht, niemandem weh tun, für jedermann der Liebenswürdige, der Gute sein. Absolute Harmoniesucht. Das will ich jetzt nicht mehr! Darum habe ich dir vor nicht langer Zeit erstmalig etwas zugemutet und dich gefragt, ob du überhaupt weißt, wie es mir geht, was ich fühle, was ich mache, wer ich überhaupt bin. Fast zwei Stunden haben wir geredet. Es war ein schmerzhaftes, aber sehr wichtiges Gespräch. Du hast, wie immer, zuerst geweint, doch dann wenigstens zugehört. Ich habe dich erreicht und bin mit einem guten Gefühl nach Hause gefahren. Vielleicht gelingt uns eine Fortsetzung dieser Unterhaltung. Es ist noch nicht zu spät, einiges zwischen uns zu klären.

Eigentlich liebe ich dich ja! Du bist nämlich die einzige Mutter, die ich habe.

Joachim

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»Ich besuche dich nicht, weil ich nicht weiß, was ich dort soll«

  Sven Sprattler  

Ich bin 30 Jahre alt und arbeite zur Zeit an meiner Diplomarbeit im Fach Wasserbau. Mein Vater führt ein Einzelhandelsgeschäft, meine Mutter arbeitet darin mit. Ich lebe mit zwei Männern in einer Wohngemeinschaft. Ich bin auf der Suche nach einer Partnerin.

 

Hallo, Mama,

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vielen Dank für deinen Brief, ich habe mich gefreut. Aber leider schreibst du gar nichts über dich und wie es dir geht. Das würde mich schon interessieren. 

Warum ich nicht nach Neusitz komme? Ich habe hier so viele Dinge zu tun, die mir wichtig sind und die ich interessant finde. In den vier Wochen, bis das Praktikum beginnt, wollte ich das machen, was in den letzten Wochen zu kurz gekommen ist, lesen, mein Fahrrad reparieren, in der Antifa-Gruppe, in der ich bin, mehr machen, mich mit Freunden treffen, ins Kino, Theater, Konzert und Veranstaltungen gehen, mit Celine zusammen etwas unternehmen (wenn sie wieder arbeitet, hat sie leider immer viel Stress und wenig Zeit), Sehenswürdigkeiten anschauen, baden gehen. Am 13.08. findet eine Antifa-Demo statt, die von uns mit organisiert wird. 

Ein anderer Grund, warum ich keine Lust habe, nach Neusitz zu kommen, ist, dass ich nicht recht weiß, was ich dort soll. Ich habe halt auch das Gefühl, dass du mich nicht ernst nimmst und zu sehr bemutterst. Deswegen habe ich auch meistens keine Lust, von mir etwas zu erzählen, weil ich glaube, dass du das nicht ernst nimmst, wenn es deiner Meinung widerspricht oder dass es dich gar nicht interessiert, weil du nicht offen bist für Neues, Unbequemes, Kritisches. 

Sonst habe ich ja keinen Kontakt mehr zu Leuten von früher, die ich in Rothenburg besuchen könnte. Ich freue mich natürlich, wenn du mich hier in Berlin besuchen würdest. Du kannst dir ja vorher überlegen, was du hier gerne sehen würdest.

Alles Gute, Sven 

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