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Teil 2 -  Das gesunde, ganzheitliche Leben  - Die Aufwärts-Spirale  -  Eine Vorausschau

 

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Theoretisch betrachtet, läßt sich Langeweile problemlos kurieren. Folge dem Beispiel der Helden der Leidenschaft, und begib dich auf die Suche nach etwas Erregendem: Gestehe dir deine geheime Leidenschaft für das Malen, und folge Paul Gauguin in die Südsee. Gehe, so wie Albert Schweitzer, als Missionar nach Afrika. Entwickele ein brennendes wissenschaftliches Interesse, wie etwa Freud es tat. Laß dich vom biodynamischen Obst- und Gemüseanbau faszinieren. 

Alles, was einen begeistert, kommt in Frage. Nimm am Leben teil, und dein Lebensüberdruß wird verschwinden.

In Wirklichkeit ist die Kur gar nicht so leicht, weil auch die Motivation zu handeln verschwunden ist. Es ist kein starkes Verlangen mehr da. Es gibt nichts, was die teilnahmslose Person sich so sehr wünscht, daß es sie aus ihrer Lethargie herausreißen könnte. Der gelangweilte Mensch hat, wie Willy Loman, der Held in Arthur Millers Stück Tod eines Handlungsreisenden, die Fähigkeit zum Träumen eingebüßt.

Doch zum Glück gibt es viele Wege, die Leidenschaft und Lust am Leben wiederzugewinnen. Es ist wie das Schälen einer Apfelsine: Man kann überall anfangen. 

 

Wie wir in unserer bisherigen Analyse gesehen haben, wirkt sich Langeweile auf alle Bereiche der Persönlichkeit aus: die Phantasie, die Gefühle, den Willen, die Erinnerung, die sinnlichen Wahrnehmungen, die Neigung zum Handeln. Wir können anfangen, indem wir irgendeine dieser Fähigkeiten neu beleben. Körper und Persönlichkeit des Menschen stärken seine Gesundheit und Vitalität. Jedes Körperorgan trägt zum Wohl des gesamten Organismus bei. Langeweile ist ein Krankheitssymptom; es zeigt, daß die gesamte Person schlecht »abgestimmt« ist und der Motor »nicht auf vollen Touren« läuft.

Im Zoo von San Diego lebt ein Gepard, dessen Käfig weniger als 30 Meter lang ist und in dem er daher kaum Auslauf hat. Am Käfig ist ein Hinweisschild angebracht, auf dem steht: In freier Wildbahn läuft ein Gepard mit einer Geschwindigkeit von bis zu 90 km/h. Um vital zu sein, muß man der Persönlichkeit Raum geben, damit sie sich ausstrecken und laufen kann. Nur so erreicht sie ihr volles Leistungsvermögen.

Das Geheimnis lautet: Man kann sich sowohl krank machen als auch sich selbst heilen. Unser Gefängnis wird bewacht von den Schuld- und Schamgefühlen. Das Patt besteht zwischen verschiedenen Unterpersönlichkeiten im Selbst. Die Leere hat das Ausweichen vor der eigenen Person erzeugt. Langeweile heißt, man hat weder sich noch die Welt freudig angenommen/ Man hat noch nicht das ganzheitliche, gesunde Leben entdeckt.

Suchen Sie sich eines der folgenden Kapitel aus, das Ihnen am meisten zusagt, und nehmen Sie es als Ausgangspunkt. Erkunden Sie irgendeinen Teil in sich, er wird Sie zu einem größeren Ganzen führen. Die Göttin Hygiene, die Schutzherrin der Gesundheit, ist sehr nachsichtig. Sie fordert nur, daß Sie sich Ihrem Innenleben öffnen.

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 9.  Die Aufwärts-Spirale: Eine Vorausschau

 

Stellen Sie sich vor, die Straße, die aus dem Nacht-Land hinausführt, nimmt ihren Anfang auf der Ebene der Stille und des Schweigens.

Ihre Reise beginnt, wenn Sie aufhören zu flüchten und sich gestatten, nichts zu tun.

Im Gelände der Inneren Leere lernen Sie die Kunst der einfachen Aufmerksamkeit. Schauen. Lauschen. Berühren. Schmecken. Riechen.

Die Gewohnheit des Bewußtseins führt Sie durch das Tor von Schuld und Scham.

Wenn Sie anfangen, Ihre alte Persönlichkeit hinter sich zu lassen, betreten Sie die Felder der Phantasie und den Wald der Gefühle. Tausende frivoler Träume huschen Ihnen durch den Kopf und sterben so rasch, wie sie entstanden sind. Wundersame Gefühle durchstreifen den Körper. Eine Weile verharren Sie in der Dunkelheit der Gefühllosigkeit, des Schmerzes, der Enttäuschung, des Zorns und des Kummers. Und dann gelangen Sie auf eine Lichtung, auf der Einfühlung, Mitgefühl und Mitleid wohnen.

Nachdem sie begonnen haben, im Fühlen und im Wünschen heimisch zu sein, beginnt der Kampf. Der Weg führt durch Ihre Verworrenen Wünsche und Widerstreitenden Werte, bis Sie die Klarheit des Verlangens erreichen.

Nun liegt gähnend breit die Schlucht der Entscheidung vor Ihnen. Sie halten inne und zögern. Sie stählen Ihren Willen und sammeln Entschlußkraft.

Mit allerletzter Kraft stoßen Sie sich ab - und Handeln.

Die Wirkliche Welt ist voller Wunder und Schrecken. Oftmals sind Sie verwirrt. Freude und Leid besuchen Sie. Langeweile und Depression verfliegen, wenn Sie sich auf das Abenteuer des Lebens einlassen. 

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9. Kapitel 

Die fröhliche Kunst des Nichtstuns

 

 

Die erste Maßnahme gegen die Langeweile oder seelische Düsternis muß darin bestehen, nichts zu tun. Legen Sie sich kein Hobby zu! Lassen Sie den Fernsehapparat ausgeschaltet! Suchen Sie sich keine interessante Beschäftigung! Kaufen Sie nicht ein! Übernehmen Sie keine karitativen Aufgaben! Vergrößern Sie nicht die Firma! Beginnen Sie keine Affäre! Machen Sie keinen Urlaub! Wechseln Sie nicht den Arbeitsplatz! Dafür werden Sie später noch viel Zeit haben, falls es sich um Dinge handelt, die Sie sich wirklich wünschen.

Nichtstun ist eine einfache, radikale und dennoch schier unmöglich zu lösende Aufgabe. Den meisten von uns fällt es schwer, etwas ohne Anstrengung zu tun. Lieber schinden und rackern wir, um uns selbst zu beweisen, daß wir ein wertvoller Mensch sind, als daß wir uns nach der Weisheit richten, die früher an jedem unbeschrankten Bahnübergang zu lesen war, (ehe das Reisen mit dem Zug veraltete, weil es uns nicht schnell genug ging): Halt! Sieh dich um und horche!

Hat Ihnen der Arzt ein Medikament verschrieben, das die Krankheit, die er eigentlich heilen will, noch verschlimmert, bringt er damit die iatrogene (durch den Arzt hervorgerufene) Krankheit hervor. So stellte sich zum Beispiel heraus, daß bestimmte, oft verschriebene Beruhigungsmittel, die Depressionen lindern sollten, die Fähigkeit des Herzmuskels verringerten, auf Erregungszustände zu reagieren.

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Auf diese Weise verstärkten sie die Depression. Sowohl in der Psychologie als auch in der Medizin verschlimmern Heilmethoden häufig das Problem, das sie beheben sollen. In jüngster Zeit befürworten viele Ärzte, Politiker und Wirtschaftswissenschaftler eine Kur nach dem Motto »Viel hilft viel«; sie verschreiben anregende Mittel einem bereits erschöpften System. Die quantitative Denkschule - mehr ist besser - beharrt auf der These: Wenn eine große Menge von etwas uns krank macht, dann muß sehr viel mehr uns gesund machen. Mit mehr Energie überwindet man die wirtschaftliche Depression. Höhere Staatsdefizite bremsen die Inflation.

Auch in populärwissenschaftlichen Zeitschriften findet sich diese Auffassung. So empfiehlt Dr. Roy Dreistadt, der psychologische Berater im Science Digest dem Leser gegen Langeweile:

Beginnen Sie mit einem Handlungsverb - besuchen, gehen, nehmen, schreiben. Anders ausgedrückt: Sitzen Sie nicht untätig herum - werden Sie aktiv!

1. Legen Sie sich ein Hobby zu, z.B. Malen, Zaubern, Tischlern oder Gedichteschreiben.

2. Besuchen Sie eine Kunstausstellung, eine Automobil- oder Bootsausstellung, ein Museum oder ein Planetarium.

3. Kaufen Sie sich einen neuen Anzug/ein neues Kostüm, eine Krawatte oder einen Hut.

4. Sehen Sie sich im Fernsehen ein Bildungsprogramm an.

5. Nehmen Sie Tanzunterricht, Fechtunterricht, oder lernen Sie Fallschirmspringen.

6. Besuchen Sie eine Vorlesung, ein Konzert, eine Opern- oder Ballettaufführung, oder gehen Sie ins Theater.

7.  Fahren Sie mit dem Bus durch die Stadt, machen Sie eine Hafenrundfahrt, einen Schiffsausflug oder einen Helikopterrundflug.

8.   Spielen Sie Bowling, Billard oder Tischtennis.

9.   Schreiben Sie Ihrer Frau (Ihrem Mann, Ihrer Freundin oder Ihrem Freund) einen ausführlichen, interessanten Brief.

10. Kaufen Sie sich ein Schachbuch, und lernen Sie die Züge berühmter Spieleröffnungen auswendig (etwa die »Roy Lopez«, die Alelekhaine-Verteidigung oder den »vergifteten« sizilianischen Bauernangriff).!

*

Es könnte kaum schlimmere Ratschläge geben. Es sei denn, man ist entschlossen, sich immer weiter ins Nacht-Land hineinziehen zu lassen. Wenn Sie tiefe Depressionen und Verzweiflung empfinden wollen (eine Erfahrung, die nicht ganz ohne Wert ist), stimulieren Sie sich ruhig weiter. Tun Sie etwas - irgend etwas -, wann immer Sie eine seelische Flaute verspüren. Vermeiden Sie es, ruhig dazusitzen, es sei denn, Ihre Hände sind beschäftigt mit Stricken, Ihre Augen sehen fern, Ihr Mund knabbert etwas oder spricht.

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Die Weisheit des Ostens - die Lehren und Meditationspraktiken, die sich im Buddhismus, Taoismus und Hinduismus entwickelt haben - bietet eine Sicht auf das Phänomen Langeweile, die wir im Westen erst allmählich zu würdigen lernen. (Vielleicht gibt es doch so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit. Der Westen exportierte sein technisches Know-how, und der asiatische Raum - hier vor allem Japan - hat sich in rasantem Tempo zum Weltzentrum für die Herstellung von Geräten zur Telekommunikation entwickelt. Wir gaben ihnen Coca-Cola, Transistoren und Computer, die die Welt mit Lärm und geradezu explosionsartig ansteigenden Informationsmengen und Daten aufheizten. Nun müssen wir ihre uralten spirituellen Technologien importieren, damit wir die kühle Kunst des Lauschens auf die Stille, die alles Tun umgibt, erlernen. Es ist schon paradox, daß wir nun diese Arznei einführen, um uns von einer Krankheit zu heilen, die wir zuvor ausgeführt haben. Heute erkennen wir die Weisheit der freiwillig gewählten Einfachheit. Und zwar zu einem Zeitpunkt, da die Länder der Dritten Welt das Recht auf industrielle Entwicklung fordern. (Vielleicht sind wir ja an der Reihe, der Yogi zu sein, und die Menschen in den armen Ländern der Konsument.) In der buddhistischen Meditation gilt Langeweile als Tor zur Erleuchtung. Der aus Tibet stammende Buddhist Chögyam Trungpa, der ein Unterrichtszentrum in Boulder, Colorado, leitete, gibt folgende Deutung:

Langeweile ist für die Meditation von großer Bedeutung: Sie erhöht die psychologischen Kenntnisse der Praktizierenden.

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Sie lernen Langeweile zu schätzen und entwickeln ihre Kennerschaft, bis die Langeweile zur kühlen Langeweile wird, ähnlich einem Bergbach. Sie fließt und fließt, ruhig und ohne Unterlaß, ist aber auch sehr kühlend und erfrischend. Berge werden es nie leid, Berge zu sein, und Wasserfälle werden es nie leid, Wasserfälle zu sein ... Das soll gar nicht besonders romantisch klingen. Ich entwerfe ein düsteres Bild, doch ich bin etwas vom Thema abgekommen. Es ist ein angenehmes Gefühl, sich zu langweilen, ständig zu sitzen. Erster Gong, zweiter Gong, dritter Gong, und weitere Gongs, die darauf folgen. Sitzen, sitzen, sitzen, sitzen. Wenn wir uns vom spirituellen Materialismus befreien wollen ..., ist die Einführung von Langeweile und Wiederholung äußerst wichtig. Ohne sie gibt es keine Hoffnung.

Langeweile hat viele Aspekte. Da ist das Gefühl, daß nichts geschieht, daß etwas geschehen könnte, oder sogar, daß das, von dem wir wollen, daß es geschieht, das ersetzen könnte, was nicht geschieht. Man kann Langeweile aber auch als schönes Erlebnis schätzen. Meditation läßt sich beschreiben in ihrer Verbindung mit kühler, erfrischender Langeweile - Langeweile, die einem Bergbach gleicht. Sie erfrischt, weil wir weder etwas tun noch erwarten müssen. Es muß aber irgendeinen Sinn für Disziplin geben, wenn wir den Leichtsinn hinter uns lassen oder die Langeweile ersetzen. Deshalb arbeiten wir mit der Atmung, sie ist unsere Form der Meditation. Es ist allerdings einigermaßen monoton und wenig aufregend, nur durch Atmen in Kontakt mit sich zu treten. Denn dabei passiert nichts, absolut nichts ...

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Wenn wir erkennen, daß sich nichts ereignet, dann erkennen wir seltsamerweise auch, es vollzieht sich etwas Würdevolles. Da bleibt weder Raum für Frivolität noch für Geschwindigkeit. Wir atmen einfach und sind da. Das hat etwas sehr Befriedigendes und Gesundes.2

Ich habe dieses Loblied auf die Langeweile ausführlich zitiert, weil es dem Geist des Westens so erstaunlich vorkommt. Langeweile ein verkappter Freund? Eine Wonne? Ein Quell der Erfrischung? Wir betrachten sie doch lediglich als Gegner, der bekämpft werden muß, vor dem man flüchtet und den man meidet. Welches Geheimnis kennen die Buddhisten und andere Meditierende, das westliche Psychologen noch nicht entschlüsselt haben?

Das Gefängnis, das wir alle bewohnen, bezeichnen die östlichen Denker als Ego, die westlichen Psychologen als Charakter, Persona (persona: wörtlich: »Maske«) oder Persönlichkeit. Unser Leben wird öde, wenn wir an den immer gleichen Rollen, Einstellungen, Abwehrmechanismen, inneren Dialogen, Gewohnheiten und Routinen festhalten. Schritt für Schritt morden wir das Staunen, klammern wir uns an die Schutz bietenden und bekannten Verhaltensrepertoires, die sich in uns geformt haben. Da wir das Unbekannte und Unheimliche als zu bedrohlich empfinden, verschließen wir uns der Möglichkeit, Neues, uns Erfrischendes zu erleben. Das Gefangensein in öden Routinen ist ungefährlicher als das Abenteuer in der Wildnis.

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Um dem Gefängnis des Ichs zu entfliehen, das man durch seine charakteristischen Handlungsweisen (Karma) erzeugt hat, muß man zunächst dasitzen, die vorüberziehenden Gedanken beobachten, die Atemzüge zählen und sich beobachten. Studieren Sie die Wege, wie sie sich verschließen, und Sie werden lernen, sich zu öffnen. Finden sie heraus, wie sie Ihre Persönlichkeit konstruieren und Ihre Abwehrmechanismen ausbilden. Werden Sie zum Studierenden Ihres Charakters. Befolgen Sie den Ratschlag des Sokrates: Erkenne dich selbst. Oder den Rat des französischen Philosophen Gustave Thibon:

Du fühlst dich in der Enge. Du träumst von der Flucht. Aber hüte dich vor den Trugbildern. Wenn du dir entgehen willst, darfst du nicht rennen, dich nicht fliehen wollen: Erforsche lieber diesen engen Raum, der dir gegeben ist: Du wirst Gott darin finden und alles. Gott schwimmt nicht an deinem Horizont, er schläft in deiner Enge. Die Eitelkeit rennt, die Liebe ergründet. Wenn du aus dir selber fliehst, wird dein Gefängnis dir folgen und sich noch enger um dich schließen: wenn du dich in dich selbst versenkst, wird es sich zum Paradies ausweiten.3

Sobald Sie sich entschlossen haben, zu schweigen und sich zu studieren, haben Sie sogleich den Eindruck, sich in Gegenwart von etwas Langweiligem zu befinden - Ihrer Persönlichkeit. Bleiben Sie sitzen, und sehen Sie den Reisen Ihrer Gedanken zu. Lauschen Sie Ihren inneren Dialogen. Beobachten Sie Ihre Routinen. Achten Sie darauf, wie Sie sich wiederholen, Tag für Tag, wie Sie stets dasselbe denken, fühlen, tun und sich vorstellen.

Wie oft hatten Sie schon den gleichen Krach mit Ihrem/r Partner/in? Wie oft haben Sie Ihren Kindern schon die gleiche Ermahnung erteilt?

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Sich an dasselbe traumatische Geschehen erinnert? Dasselbe alte Lied erzählt, das erklärt (und rechtfertigt), wie Sie heute sind? Achten Sie einmal darauf, wie sich immer wieder die gleiche Einstellung durchsetzt.

Bei der Neurose, dem westlichen Gegenstück zu den östlichen Vorstellungen vom Ich und Karma, ist man in einer Sichtweise, einem Gefühl oder einem Handlungsmuster gefangen. Karen Horney zufolge gibt es drei grundverschiedene Verhaltensmodi, wie wir uns auf etwas beziehen können: mit etwas, fort von etwas oder gegen etwas - wir können kooperativ, unabhängig oder streitlustig sein. Die meisten von uns übernehmen den neurotischen Stil, mit dem wir unsere Verhaltensweisen begrenzen. Wir werden gewohnheitsmäßig abhängig (mit), sozial isoliert (fort von) oder feindselig (gegen). Tag um Tag langweilt man sich (und andere), indem man dasselbe Zehntel der Möglichkeiten seines Selbst verwendet. Ist man mit seiner Rolle - Arzt, Rechtsanwalt, Händler, Hausfrau verwachsen, und man definiert sich danach, was man gewohnheitsmäßig tut, so hat man eine als eintönig empfundene Identität errichtet.

Die Erkenntnis, daß man sich langweilt, ist der erste Schritt zur Öffnung der Tür, die den Blick auf ein noch nicht erkundetes Terrain freigibt. Tun Sie nichts weiter als zuzusehen, wie Sie gewohnheitsmäßig handeln, und es werden allmählich immer mehr neuartige Erfahrungen in Ihre Einzelzelle kommen. Ihre Welt wird größer und interessanter werden.

Doch passen Sie auf, daß Sie nicht süchtig nach Erregung werden - auch nicht nach dem erregenden Erlebnis der Selbsterforschung. Es gibt zwei Wege, die geradewegs zur Langeweile führen: die Vermeidung von Erregung und die Sucht nach Erregung. 

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Östliche Philosophen preisen die kühle Langeweile und warnen uns, einen Appetit nach Erregung zu kultivieren, weil der starke Wunsch nach intensiven Erlebnissen die Erfahrung ebenso sehr verzerrt wie eine Drogensucht. Ein alter chinesischer Fluch lautet: »Mögen die Götter dich dazu verdammen, in ein interessantes Zeitalter hineingeboren zu werden.« (Eine moderne Version könnte lauten: Mögest du gezwungen sein, in Kalifornien, Manhattan oder Paris zu leben). Das Leben ist nicht unablässig interessant. Wenn man darauf besteht, stets »angetörnt« zu sein und vor Übermut geradezu zu sprühen, entsteht viel falsche Begeisterung. Intensität-Fans werden süchtig nach dem eigenen Adrenalin und büßen die Fähigkeit ein, das natürliche Auf und Ab der Energien, Gefühle und Intensitäten zu ertragen und zu genießen. Bertrand Russell drückt es treffend aus:

Ein Leben mit zuviel Anregung und Aufregung wirkt erschöpfend und verlangt mit der Zeit nach immer stärkeren Reizen, um den Nervenkitzel herbeizuführen, der zu einem wesentlichen Teil des Genusses geworden ist ... Eine gewisse Fähigkeit, Langeweile zu ertragen, ist daher unerläßlich zu einem glücklichen Leben ... Alle großen Bücher enthalten langweilige Stellen, und die Lebensläufe aller Großen weisen öde Strecken auf ... Kant soll sich nie weiter als zehn Meilen von Königsberg entfernt haben. Darwin lebte, nachdem er von seiner Weltreise zurückgekehrt war, bis zu seinem Tode ruhig zu Hause ... Aus all diesen Gründen wird eine Generation, die keine Langeweile zu ertragen vermag, eine Generation von kleinen Leuten sein.4

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Der Zen-Buddhismus behauptet, das wahre Wunder der erleuchteten Person bestehe darin, daß sie sich an den unscheinbaren Ereignissen des täglichen Lebens erfreuen kann. Ein streitbarer Priester forderte einmal den Zen-Meister Bankei heraus:

»Der Gründer unserer Sekte«, prahlte der Priester, »besaß ungeheuer große Zauberkräfte: Einmal saß er am Ufer eines Flusses und hielt einen Pinsel in der Hand. Als sein Begleiter am anderen Ufer ein Blatt Papier hochhielt, schrieb der Meister den heiligen Namen des Amida darauf. Kannst du auch etwas so Wunderbares vollbringen?« Bankei erwiderte leichthin: »Dein Meister mag diesen Trick beherrschen, aber das ist nicht die Kunst des Zen. Mein Wunder ist dies: Ich esse, wenn ich hungrig bin, und trinke, wenn ich durstig bin.«5

In einem sind sich alle Meditationsmeister einig: Das wichtigste Mittel, dem Ich - oder, um Freuds Begriff zu verwenden: dem Wiederholungszwang - zu entkommen, das unsere Persönlichkeit formt, ist Bewußtheit oder aktives Denken. Achten Sie darauf, was geschieht. Lernen Sie, sich zu konzentrieren. Werden Sie zum sanften Beobachter, zum fairen Zeugen Ihres Innenlebens und der Welt ringsum. Dieses einfache und dennoch so schwierig zu befolgende Rezept führt Sie auf eine Reise durch das Selbst. Auf ihr werden die alten Grenzen so weit ausgedehnt, bis Sie erfüllter in der großen Welt der Wunder leben statt im klaustro-phobischen Gefängnis Ihres Ichs.

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Wenn Sie die Kunst des Nichtstuns üben, können Sie schließlich auch von neuem die revolutionäre Stille, den Quell köstlicher Einsamkeit und schöpferischer Handlungen entdecken. Hannah Arendt schreibt in ihrem Werk Vita activa oder Vom tätigen Leben vom Menschen, der den Segen des kontemplativen Denkens für sich entdeckt hat (wobei sie Cato zitiert): »Niemals ist man tätiger, als wenn man dem äußeren Anschein nach nichts tut, niemals ist man weniger allein, als wenn man in der Einsamkeit mit sich allein ist.«

Vielleicht bietet kein Lehrbuch sanftere und hilfreichere Arzneien für den bedrängten Geist als das alte Tao-te-king, das die taoistische Lebensweise schildert. Um uns von den Gefühlen der Übersättigung und des Übermaßes zu heilen, sollten wir, so schlägt es vor, die wunderbare und wundersame Leere erleben.

Dreißig Speichen treffen sich in der Nabe. Auf dem Nichts daran beruht des Wagens Wirksamkeit.

Durch Tonkneten macht man Gefäße, Auf dem Nichts darin beruht des Gefäßes Brauchbarkeit.

Durch Aushöhlen von Türen und Fenstern macht man Häuser,

Auf ihrem Nichts beruht des Hauses Brauchbarkeit. Darum:

Das Seiende ist zwar nützlich, Das Nichts ist das Wirksame.

Das hier gezeichnete Bild zeigt uns ein Ideal der Wachsamkeit ohne seelische Belastungen, das durchaus als Vorbild für ein gesundes, ganzheitliches Leben dienen kann.

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Der Vorzeit Treffliche, geworden zu Meistern, Waren fein, geheimnisvoll, dunkel, eindringend, Tief, nicht auszuloten. Eben weil nicht auszuloten,

Darum kann man nur mit Mühe sich ihre Haltung vorstellen.

Vorsichtig waren sie, wie wer im Winter den Strom durchwatet,

Scheu, wie wer auf den vier Seiten Nachbarn fürchtet.

Zurückhaltend wie Gäste, Zergehend wie Eis, das schmelzen will, Schlicht waren sie wie Rohholz, Leer wie das Tal, Trüb wie Schlammwasser. -

Wer vermag das Schlammwasser zu klären,

So daß es allmählich rein wird?

Wer vermag den Bodensatz aufzurühren,

So daß er langsam lebendig wird?

Wer die Führerin des Alls hegt, begehrt nicht Fülle.

Eben weil er nicht gefüllt ist,

Darum vermag er der Verschlissenheit Gewand zu

tragen

Und erneuerungslos vollkommen zu sein. 

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10. Kapitel

Ausbrechen: Jenseits von Schuld und Scham

 

 

Achten Sie darauf, wie stark Scham- und Schuldgefühle Ihr Leben bestimmen, und ein unerwarteter Weg zur Freiheit wird sich Ihnen zeigen.

Wie bereits gesehen, wird das Gefängnis der chronischen Langeweile von dem Patt errichtet, bei dem unsere wirklichen Wünsche und tyrannischen »Dusollst-Vorschriften« nicht ins Bewußtsein dringen. Das Leben im Schwebezustand heißt: Wir stecken in der Klemme zwischen ungeborenen Wünschen und toten »Du-sollst Vorschriften«.

Die vordringlichste Forderung bei der Introspektion lautet: Untersuche, wie die Vorschriften und Verbote der anderen dein Verhalten prägen. Das Gewissen macht tatsächlich Feiglinge aus uns allen. Fast das ganze Leben verschwenden wir darauf, etwas zu unterlassen, um die Zustimmung anderer Menschen zu gewinnen. Die Augen von Vater, Mutter, Gott und dem Gesetz (die nun alle sich vereinen und im Auge des Gewissens verschmelzen, mit dem wir uns selbst beobachten - oh, wie schmerzhaft ist das Selbst-Bewußtsein) richten, belohnen und bestrafen, bis wir schließlich lernen, Gut und Böse mit eigenen Augen zu betrachten. Seelische Reife entsteht in einem schrittweisen Prozeß, bei dem es zu einer Aussöhnung von »Ich möchte« und »Ich soll« kommt.

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Wenn der Zustand der seelischen Starre Sie gefangennimmt, können Sie davon ausgehen, daß alte Schuld- oder Schamgefühle Sie gefangenhalten. Stewart Brand, der Autor des Whole Earth Catalogues, sagt: »Ich bediene mich der Langeweile als einer Art Auswahlkriterium. Wenn mich eine Sache langweilt, höre ich damit auf. Heute vertraue ich immer mehr der Langeweile und meinen inneren Geboten. (In Grenzen, natürlich. Es gibt Dinge, die muß man einfach tun). Dennoch ist Langeweile ein Zeichen, das mir sagt: >Nein! Halt! Was auch immer du meinst, tun zu müssen, du genießt es nicht. < Das ist dann ein wichtiges Signal, entweder meine Einstellung oder mein Verhalten zu ändern.«

Was sind das nun für geheimnisvolle Kräfte von Scham und Schuld, die unser Leben so stark beherrschen, sich der bewußten Wahrnehmung jedoch weitgehend entziehen?

Niemand ist völlig frei von Schuld. Wir alle haben ein schlechtes Gewissen, wenn wir zuviel essen, die Spesenabrechnung fälschen oder unser Kind anschreien. Doch viele Menschen lassen zu, daß übermäßige Schuldgefühle alle ihre Handlungen tönen und ihr Leben in eine einzige Anstrengung verwandeln, irgendeine imaginäre Schuld zu tilgen oder einem unerreichbaren Ideal gerecht zu werden.

Zu Beginn meiner Nachforschungen darüber, wieviel Schuld und Scham der Durchschnittsamerikaner empfindet, stellte sich heraus, daß die meisten Menschen ihre Gefühle entweder leugnen oder sie ihnen gar nicht bewußt sind. Viele Frauen - und die meisten Männer - litten psychische Qualen, unterlagen chronischen Ängsten, waren geradezu besessen vom Gedanken an Erfolg oder abhängig von der Meinung der Nachbarn.

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Und sie reagierten zornig, als ich fragte, ob sie oft, selten oder nie Schuldgefühle hätten. Eine Frau, die sich ständig entschuldigte, daß ihr Haus so unaufgeräumt sei, die Kinder zu laut seien, nicht genug Milch für den Tee da sei und sie unhöflich sei, antwortete mir mit Nachdruck: »Nein, ich habe kein schlechtes Gewissen. Ich habe nichts falsch gemacht!«

In der Regel verbergen sich Schuldgefühle dicht unter der Oberfläche unserer bewußten Wahrnehmungen. Dr. James Purcell, Familientherapeut in San Francisco, sagt: »Von allen Gefühlen kommt man mit der Schuld am schwersten zu Rande, da sie alles durchdringt und fast unsichtbar ist. sie ähnelt dem Smog. Die meisten Menschen wehren jedes Bewußtsein davon ab, daß Schuldgefühle ihr Verhalten bestimmen, und meinen, man dürfe solche Gefühle nicht haben. Konsequenterweise fühlen wir uns schuldig, weil wir Schuldgefühle haben, sind peinlich berührt, weil wir peinlich berührt sind, schämen uns, weil wir uns schämen. Will man herausfinden, wieviel Schuld oder Scham eine bestimmte Person empfindet, muß man diesen Gefühlen detektivisch nachspüren und nach indirekten Ausdrucksformen fahnden: chronische Langeweile oder Zorn, Depression, Versagen, Zwangsgedanken, Ängstlichkeit, Impotenz, Frigidität, Alkoholismus oder eine psychosomatische Krankheit.«

Woher rühren nun Schuld und Scham? Handelt es sich eher um neurotische oder um »gesunde« Emotionen? Wie wird man am besten mit ihnen fertig?

Schuld und Scham spiegeln unser Selbst-Bild. Dr. Gerhard Piers, Autor des Buchs Shame and Guilt, gibt eine klare Definition: Schuld ist die Angst, die man empfindet, wenn man meint, eine Regel, ein Tabu oder

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ein Gesetz gebrochen zu haben. Wenn wir etwas tun, von dem die Obrigkeit - Eltern, die Kirche, der Staat -sagt, es sei streng verboten, dann ist unser Gewissen verletzt, und wir haben Angst, ertappt und bestraft zu werden. Schuld geht stets einher mit der verschwommenen, irrationalen Angst, wir könnten zutiefst verletzt oder sogar getötet werden, weil wir ungehorsam waren. Wir empfinden Scham, weil wir einem Ideal nicht gerecht wurden oder ein Ziel nicht erreicht haben.

Scham ruft Angst- und Minderwertigkeitsgefühle hervor: »Ich habe versagt und meine Eltern und andere Menschen enttäuscht, die an mich geglaubt haben. Ich bin es nicht wert, geliebt oder respektiert zu werden. Deshalb habe ich Angst, daß man mich verläßt.«

Wenn wir nach den Ursprüngen forschen, fällt es nicht schwer, den Unterschied zwischen Schuld und Scham zu bestimmen. Stellen Sie sich ein Kind vor, irgendein Kind, das in New York in einer Wohnung lebt oder auf einer Farm in Wyoming. Jedes Kind kommt in eine Welt, die bereits von Riesen bevölkert ist, von MÜTTERN, VÄTERN, ERWACHSENEN. Diese Giganten kommen dem Kind wie Götter vor. Denn sie wissen, was wir haben möchten, noch ehe wir darum bitten, und sie verfügen über unbegrenzte Machtbefugnisse, uns zu tadeln oder zu bestrafen. Sie scheinen unsere Gedanken lesen zu können. Wenn wir ihren Wünschen nachkommen, belohnt uns ein zustimmendes Lächeln. Ist man ungehorsam, wird man übersehen oder bestraft, und wir fürchten, man könnte uns verlassen.

Schon sehr früh lernen wir Regeln, die wir beherzigen müssen, eine Liste der Zehn Gebote, ein ganzes System von Richtig und Falsch, von Du-sollst- und Du-sollst-nicht-Vorschriften. An der Mutterbrust lie-

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gend, lernen wir: Beiße nicht in die Brustwarze, die dir Nahrung spendet! Lächle! Es dauert nicht lange, und wir müssen aufs Töpfchen und dürfen nicht mit vollem Mund essen. Endlich im Krabbelalter angelangt, warnt man uns vor Fremden, die uns Süßigkeiten anbieten, und vor stark befahrenen Straßen. Man bringt uns bei, an Gott und den Kapitalismus zu glauben, den Spinat aufzuessen und den Eltern nicht zu widersprechen. Im Kindesalter hängt unser Überleben davon ab, daß wir den Riesen gehorchen und ihre Zuneigung gewinnen. (Die Persönlichkeit ist die Maske, die man in Gegenwart der Giganten aufsetzt.)

Solange ein Kind sich noch nicht außer Sichtweite begeben kann, sorgen die Eltern, die es beobachten, für die Einhaltung der Spielregeln. Drohworte und Bestrafungen folgen auf dem Fuße: »Wenn du deiner Schwester noch einmal an den Haaren ziehst, kriegst du eine Tracht Prügel.« Haben wir uns den fürsorglichen, aber auch tyrannischen Blicken von Vater und Mutter entzogen, stattet uns die Natur, Gott oder die Gesellschaft mit einem »tragbaren« Elternteil aus -dem Gewissen. Es überwacht uns und hält uns auf dem rechten Weg, wenn die Eltern oder der Pfarrer schlafen oder uns nicht sehen können. Das Gewissen flößt uns jedesmal Angst ein, wenn wir auch nur daran denken, eines der Zehn Gebote zu brechen. Es scheint, als wären die Eltern allwissend und könnten aus sicherer Entfernung jede Missetat bestrafen.

Scham entwickelt sich, weil die Eltern immer Ideale und Ziele haben, die ihre Kinder erfüllen und erreichen sollen. John senior will, daß John junior zum richtigen Mann heranreift. Vom ersten Augenblick an gibt er Junior durch sein zustimmendes Lächeln zu verstehen, wenn dieser dem Ideal entspricht. Hat er

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sich den Daumen an einem Felsen gestoßen und fängt an zu weinen, ermahnt ihn der Vater: »Schäm dich was! Glaubst du etwa, John Wayne weint, wenn er sich den Daumen stößt? Männer weinen nicht!«

Allmählich lernt Junior - durch gute Beispiele und Gardinenpredigten -, daß ein Mann schwer arbeiten und alles im Griff haben muß einschließlich der Frauen. Ist er dann zum Mann herangereift, sind seine Gedanken voll von Schwüren und Überzeugungen, an die er glauben und nach denen er sich richten soll. Er muß ein guter Pfadfinder sein: verläßlich, loyal, hilfsbereit, freundlich, ritterlich, nett, gehorsam, fröhlich, sparsam, mutig, sauber und ehrerbietig.

Die Mutter möchte, daß aus der Tochter eine Dame wird. Sie kleidet sie in Röcke, ermahnt sie, mit geschlossenen Beinen dazusitzen, sich nicht schmutzig zu machen und keine Bäume hinaufzuklettern. Ist Mary dann erwachsen, hat sie gelernt, Frauen sollen zwar hübsch und hilfsbereit, aber nicht aggressiv sein. Mache dich lieb Kind; gehe Konflikten aus dem Wege und setze deinen Willen mit Charme und Dienst am anderen durch.

Ohne die Erfahrung von Schuld und Scham kann kein Kind zu einem reifen Menschen heranwachsen. So weise und liebevoll die Eltern auch sein mögen, es gelingt ihnen nicht, uns unschuldig und spontan zu erziehen. Jedes Kind muß seine Umwelt erkunden, seine Grenzen testen, den Gehorsam verweigern. Nur so kann es eine unabhängige Persönlichkeit entwickeln. Wir sind erwachsen, wenn wir unseren Weg zwischen den Mauern erkennen. Sie wurden von Schuld und den Idealen errichtet, die vom Schamgefühl beschützt werden. Betrachten wir eine typische Kindheitssituation, die einen Konflikt erzeugt, der sich nur durch den Ent-

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schluß des Kindes lösen läßt, sich schuldig zu fühlen oder zu schämen. Die Mutter sieht, wie die Tochter mit sich selber spielt, und sagt: »Das tun nur schlimme Mädchen« Mary spürt die Mißbilligung und die Drohung in der Stimme. Beim nächsten Mal, als sie ihren Körper genußvoll berühren will, bekommt sie Angst. »Und wenn mich Mutter nun ertappt?« Jetzt muß sie sich zwischen widerstreitenden Gefühlen und Werten zwischen Schuld und Scham entscheiden. Der Körper sagt ihr, das ist gut, die Mutter sagt, das ist böse. Soll sie ihrer Erfahrung vertrauen oder dem von der Mutter errichteten Tabu? Wenn sie beschließt, nicht mit sich selbst zu spielen, droht keine Gefahr, ertappt zu werden und Mißbilligung und Bestrafung auf sich zu ziehen. Dann ist sie ein »braves« Mädchen, das aber zuläßt, daß die »Du-sollst-Vorschriften« der Mutter sein Verhalten bestimmen.

Doch leider schämt sich Mary, wenn sie ihre Wünsche und Bedürfnisse verdrängt. Sie verrät das eigene Gespür dafür, was gut ist, weil sie die Zuneigung eines anderen Menschen gewinnen möchte. Wenn Mary nie aufbegehrt, sich nie wie ein »schlimmes« Mädchen verhält, nie riskiert, die eigenen Gefühle zu erforschen und die eigenen Werte durchzusetzen, wird sie sich zu einer kindlichen Frau entwickeln. Möglicherweise wird ihr das tiefe Gefühl fehlen, daß sie Lust empfinden darf, wenn sie einen anderen Menschen berührt oder von ihm berührt wird. Früher oder später wird sie gelangweilt und depressiv werden. Wenn Mary aber den anderen Weg beschreitet und zu der Erkenntnis gelangt, lustvolle Berührungen seien das Risiko wert, muß sie mit der Angst leben, ertappt und bestraft zu werden. Sie wird experimentieren und lernen, vor der Mutter Geheimnisse zu bewahren, und sich als selbständigen Menschen erleben. Das kann ihr zwar Gewissensbisse verursachen, aber wenigstens hat sie ihre Bedürfnisse geehrt.

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Mary muß sich - wie alle Kinder - entscheiden, wie sie mit dem Konflikt zwischen dem, was die Mutter und dem, was sie selbst für richtig hält, fertig werden will. Manche Kinder werden zu Spezialisten in Sachen Anpassung und vermeiden alles, was als »böse« gelten könnte. Sie sind lieb und gehorsam, entwickeln sich aber zu gehemmten, schamerfüllten Menschen, weil sie es nie gewagt haben, das Leben auf eigene Faust zu erkunden. Andere Kinder wiederum brechen die Tabus, bezahlen den Preis - die Schuldgefühle - und lernen, sich für jedes echte Leid zu vergeben, das sie sich und anderen zugefügt haben.

Zur Erlangung psychologischer Gesundheit bedarf es der Umwandlung unserer kindlichen Ängste vor dem Verlassenwerden und vor Bestrafung in gereifte Lebensvorstellungen. Wenn wir unsere selbstgewählten Werte mißachten oder ein Ideal, das wir ehren, verraten, empfinden wir angemessene, reife Schuld-und Schamgefühle. Ein psychisch stabiler Erwachsener muß die Verantwortung übernehmen und ein Gewissen entwickeln, das sein Gefühl dafür, was wichtig und heilig ist, schützt.

Um zu erkennen, was ein gesundes Schuldempfinden kennzeichnet, muß man sich nur vorstellen, was geschieht, wenn eine Person zuwenig oder zuviel Schuld spürt. Man kann die »Du-sollst-Vorschriften« -Tabus, Ideale, Moralvorstellungen und Gesetze - mit dem körpereigenen Immunsystem vergleichen. Wenn der Körper zu jedem heranfliegenden Krankheitserreger ja sagt, wenn er nicht zwischen schädlichen und nützlichen Erregern unterscheidet und die zerstörerischen Lebensformen hemmt, dann erkranken wir.

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Doch das Immunsystem kann auch zu gut funktionieren: Der Körper kann einen Fehler begehen und Antikörper bilden, die das körpereigene Eiweiß angreifen und unsere lebenswichtigen Organe zerstören.

Wer zuviel oder zuwenig Schuld- oder Schamgefühle hat, nimmt Schaden an seiner Seele. Das Mädchen, das nicht nein sagen kann, keine moralischen Skrupel kennt, erliegt seinen Triebimpulsen oder den Wünschen der anderen. So wird es keine dauerhaften Beziehungen eingehen können. Impulsive Menschen sind entweder äußerst unterhaltsam oder auf geradezu kriminelle Weise verantwortungslos. Psychopathen kennen kein »Du sollst«, keine Schuldgefühle; sie tun einfach, wonach ihnen zumute ist. Die Frauen, die sich an den Morden des Charles Manson beteiligten, und Lieutenant Calley zeigten keine Reue. Die schlimmsten Verbrechen begehen Menschen, die keine Gewissensbisse haben.

Ein weniger auffälliger Personentypus - die »Graue Maus« - lebt ohne Scham, ohne Ideale und kennt nichts, das so wichtig wäre, daß er einen Sinn darin finden könnte. Diese Menschen passen sich den anderen an und hinterlassen kaum nachhaltige, freundliche Erinnerungen.

Zwanghaft moralische Menschen, die sich dem unterwerfen, was Karen Horney die »Tyrannei des Sol-lens« bezeichnet, sind das Gegenteil der »Grauen Mäuse«. Sie bemühen sich so angestrengt, perfekt zu sein und zu tun, »was sich gehört«, daß sie jedes spontane, lustvolle Gefühl in sich abtöten. Ihr Motto lautet: Wenn es sich gut anfühlt, ist es wahrscheinlich verboten. Die zwanghaft moralische Person bringt es fertig, sich für den kleinsten Wutausbruch oder wegen einer geringfügigen »Schwäche« schuldig zu fühlen.

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Eine junge Frau, die unter solchen perfektionisti-schen Neigungen litt, erzählte mir: »Eigentlich müßte ich alle lieben. Ich dürfte nie zickig werden. Ich müßte perfekt sein. Ich müßte flexibler sein und dürfte nicht so viele Verbote in mir haben.« Der von Zwängen geplagte Mensch vergißt, daß wir Entspannung und Lust erfahren müssen, um psychisch und körperlich gesund zu bleiben. Ein Übermaß von Vorschriften führt zu Streß und Krankheiten.

Um seelisch zu reifen, müssen wir alle einen Prozeß durchlaufen, in dem wir die von den Giganten aufgestellten Regeln einer Prüfung unterziehen. Wir müssen jene Vorschriften und Ideale verwerfen, die unser Wohlergehen zerstören, und uns ein maßgeschneidertes Wertesystem zulegen, das zu unserer Lebenserfahrung paßt. Der reife Mensch erschafft sich seine eigenen zehn oder zwanzig Gebote und befolgt sie. Man kann viele der von den Eltern stammenden Werte von neuem bestätigen. Doch sieht alles ganz anders aus, wenn wir unsere Tabus und Ideale selber wählen, statt sie uns von den Autoritäten aufzwingen zu lassen.

Einen lebensfrohen Erwachsenen wird es beschämen, wenn ihm etwas mißlungen ist, er einem freiwillig gewählten Ideal nicht gerecht geworden ist, und Schuld empfinden, wenn er einen freiwillig gewählten Wert verletzt hat. Fühle ich mich meiner Ehe verpflichtet und lege auf eheliche Treue großen Wert, dürfte ich ein gesundes Schuldgefühl entwickeln, wenn ich eine Affäre beginne. Sollten sich meines Er-achtens Eltern die Zeit nehmen, um sich an ihren Kindern zu erfreuen, schäme ich mich, wenn ich so viel zu tun habe, daß ich mit ihnen nicht herumtollen kann.

Wenn ich meine, der Körper sei etwas Heiliges, werde ich mich schuldig fühlen, wenn ich am Tag zwanzig Zigaretten rauche. Wenn ich glaube, ich habe das Zeug dazu, ein gutes Buch zu schreiben, werde ich mich schämen, wenn ich es nicht wenigstens versuche.

Das reife Gewissen wacht über das, was wir aus freier Entscheidung ehren. Mit seiner Hilfe bewahren wir unsere höchsten Visionen vom Guten, Wahren und Schönen. Es ist der innere Kompaß, der uns auf dem gewählten Weg leitet.

Aber wir greifen vor. Vorerst gilt unser Interesse weniger der Bewältigung von Schuld und Scham, sondern allein deren Erläuterung. Einstweilen mag es reichen, daß Sie sich des Grades bewußt werden, bis zu dem Sie Schuldgefühle plagen. Das ist nicht leicht, denn der Eisberg der Schuld ist zum großen Teil unsichtbar. Um diesen verborgenen Teil einschätzen zu können, müssen Sie sich Rechenschaft über all das ablegen, was Sie tun (oder nicht tun) und wodurch Sie sich immer wieder böse, unfähig (sexuell und im übertragenen Sinne), wütend, krank oder gelangweilt fühlen.

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Keen-1992