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4  Zum Klassencharakter des Club-of-Rome   

 

     Wolfgang Harich und Freimut Duve 1975 

 

 

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Duve: Wenn Sie Verständnis für die sozialen Motive aufbringen, aus denen die meisten westeuropäischen Kommunisten den Club of Rome angreifen, dann muß Ihnen erst recht der Verdacht einleuchten, der sich gegen den gesellschaftlichen Status seiner Initiatoren und gegen die Herkunft der Gelder richtet, die seinen bisherigen Publikationen zugeflossen sind. Der Spiritus rector des Ganzen, Dr. Aurelio Peccei, ist ein mit Fiat und Olivetti liierter Konzernmanager. Die Forschungen, die in den beiden ersten Berichten an den Club, in der MIT-Studie sowie in dem Buch von Mesarovic und Pestel, ihren Niederschlag gefunden haben, wurden von großen westlichen Automobilkonzernen, von Fiat bzw. dem Volkswagenwerk, finanziert.

Harich: Verdächtig ist das durchaus, und ich bin jedesmal, wenn ich in den Verlautbarungen des Club of Rome lese oder mir über sie meine Gedanken mache, bemüht, diesen Hintergrund möglichst nicht aus dem Auge zu verlieren. Verschiedene Erwägungen lassen es mir jedoch als angeraten erscheinen, den Argwohn nicht zu übertreiben, ihn auf sein gehöriges Maß zu reduzieren. 

Erstens sind viele der Forschungen, die im Marxismus ihren Niederschlag gefunden haben, einst von der kapitalistischen Firma Ermen & Engels in Manchester finanziert worden, was den Wahrheitsgehalt ihrer Ergebnisse nicht sonderlich beeinträchtigt hat.

Zweitens fände ich es, bei aller Verabscheuung des Fiat-Konzerns, schizophren, gegen die mit seiner Lizenz in Togliatti* gebauten Automobile weniger Verdacht zu hegen als gegen eine aus seinen Geldmitteln finanzierte wissenschaftliche Studie. 

Drittens ist das Automobil — nach meinem Dafürhalten mit vollem Recht — das nächstliegende Angriffsziel aller, die gegen Umwelt­verschmutzung, eingebauten Verschleiß und sinnlose Energievergeudung aufbegehren, weshalb ich gut verstehe, daß gerade die Hersteller von Automobilen sich mit der Finanzierung ökologischer Studien ein Alibi zu schaffen suchen. 

Mir scheint, es handelt sich hier um eine Fortsetzung bürgerlicher Wohltätigkeit in einer neuen Spielart und noch kein klassenbewußter Proletarier, dem eine Fabrikantengattin mit mitleidsvollem Augenaufschlag einen Präsentkorb in seine Bude trug, hat durch sein wachsam durchschauendes Mißtrauen gegen solche Gesten (durch seine Weigerung, auf sie hereinzufallen), sich je davon abhalten lassen, die mitgebrachten Gaben bis auf den letzten Brocken zu verzehren. 

Viertens: Die Monopolbourgeoisie ist, was die Rohstoffversorgung, die Marktbeherrschung, die bei Investitionen zu beachtenden Prioritäten, usw., betrifft, im Hinblick auf ihre langfristigen Strategien an futurologischer Forschung überaus interessiert. Daß die MIT-Studie von da her Impulse empfangen hat, merkt man ihr insofern an, als sie der Rohstoffkalamität, die in den meisten ökologischen Büchern davor gar nicht oder immer nur am Rande behandelt wurde, große Aufmerksamkeit schenkt. 

Ich muß gestehen, daß ich dies als Vorteil empfinde. Ich bin zwar kein Käufer von Rohstoffen, aber durch meinen bisherigen Gewährsmann in Umwelt­fragen, der für seine Forschungen von der Industrie noch keinen Pfennig erhalten hat  — durch Gordon R. Taylor —, war ich über diesen Aspekt der uns bedrohenden Katastrophen ungenügend aufgeklärt worden. 

Wenn ich von meiner 17 Jahre zurückliegenden Lektüre einer rde-Broschüre Hugh Nicols absehe, hat erst Meadows mir das Problem der Rohstoff­verknappung in seiner ganzen Tragweite zu Bewußtsein gebracht. Dies nur nebenbei. 

Grundsätzlich ist zu derartigen vom Monopolkapital an die Wissenschaft vergebenen Aufträgen folgendes zu bemerken. 

Daß die Beauftragten in jedem Fall unehrliche, korrupte Elemente sein müssen, ist nicht gesagt. Und wenn sie es sind, so ist nicht gesagt, daß in jedem Fall von ihnen verlangt wird, das Blaue vom Himmel zu lügen. 

Wird aber von einem ehrlichen, nicht korrupten Wissenschaftler verlangt, daß er die Wahrheit sage — weil es im Interesse der Auftraggeber liegt, zuverlässig informiert zu werden —, dann ist in unserer Epoche immer mit der Möglichkeit von Ergebnissen zu rechnen, die für das Kapital nicht angenehm sind und eben deswegen, so wenig das beabsichtigt war, das Proletariat mit zusätzlichen Waffen für seinen Kampf ausrüsten. 

Dies ist hier offensichtlich geschehen, und nicht zum erstenmal hat die Bourgeoisie mit einer Fehlinvestition im Bereich der Wissenschaft Schlangen an ihrem Busen genährt. Denken Sie an die APO. 

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Duve: Was hat die denn damit zu tun?

Harich: Sehr einfach. Warum sind seit den fünfziger Jahren solche Unmengen von Soziologen und Politologen an den bundes­republikanischen Universitäten ausgebildet worden? Doch deswegen, weil die Bourgeoisie, teils für den Kalten Krieg gegen die sozialistischen Länder, teils im Innern für die Herstellung eines ihr günstigen Betriebsklimas auf allen Ebenen, Scharen theoretisch versierter Klopffechter ihrer Interessen zu benötigen glaubte. 

Und was war der Erfolg? Die jungen Leute, denen man empfohlen hatte, sich mit Marx auseinander­zusetzen, damit sie ihn besser bekämpfen könnten, machten sich massenhaft seine Theorien zu eigen und gingen ins Lager der radikalen Linken über. 

 

Duve: Bei Forrester, Meadows usw. ist davon keine Rede. 

Harich: Dennoch haben wir es hier mit einem, mutatis mutandis, verwandten Vorgang zu tun. Allgemein erwünscht sind dem Monopolkapital Prognostiken, die seinen langfristigen strategischen Dispositonen dienlich sein sollen. Dies erklärt die Förderung der Futurologie, und so kamen eines Tages am Massachusetts Institute for Technology (MIT) auch Fragestellungen von der Art zustande: Wie wird die Welt in 50 bis 60 Jahren aussehen? Forresters und Meadows Computer antworteten: Wenn alles so weiterläuft wie bisher — die Umweltzerstörung, der Rohstoffverschleiß, beides verschärft durch die exponentielle Zunahme der Weltbevölkerung —, dann wird bis dahin die Menschheit der Selbstvernichtung anheimgefallen sein. 

Sie erinnern sich, daß John Maynard Keynes, dem der Kapitalismus die staatsmonopolistischen Tricks zu verdanken hat, mit denen er seine Krisen hinausschiebt, auf die Frage: "Kann das auf längere Sicht gutgehen?" stets zu antworten pflegte: "Auf längere Sicht sind wir alle tot." Was damals erst «auf längere Sicht» zu erwarten war, beginnt jetzt einzutreffen, und da zeigt sich: Nicht nur Keynes' Generation liegt unter der Erde oder wankt ins Grab, nein, diese zynische Redensart hat heute einen viel schrecklicheren Sinn. «Wir alle», das heißt: alle Menschen werden bald tot sein, wenn es so weitergeht. 

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Und nun nehmen Sie die Parole des Nullwachstums, von der Rechtziegler und Reinhold richtig sagen, daß ihre Verwirklichung die Abschaffung des Kapitalismus voraussetze. Meadows bringt Nullwachstum in Empfehlung als Rettungsmittel zur Vermeidung unseres Untergangs. Das bedeutet: Ohne es zu wissen und zu wollen, geschweige auszusprechen, ist er zu dem Resultat gelangt, daß von der schnellen Abschaffung des Kapitalismus das Überleben des Homo sapiens auf der Erde abhängt. Warten wir ab, was ihm daraufhin zustoßen wird. 

Die Bourgeoisie wird alles daransetzen, um den Schaden, den sie mit der Ermunterung futurologischer Forschung ihren eigenen Klasseninteressen zugefügt hat, wieder aus der Welt zu schaffen. Sie wird Forrester, Meadows, möglichst den Club of Rome überhaupt, dazu überreden wollen, ihre Ergebnisse zu widerrufen. Und wenn Überredung nichts hilft, wird sie sie unter Druck setzen. Aber wird das Erfolg haben? Werden diese ehrlichen, wahrheitsliebenden, um das Wohl der Menschheit besorgten Wissenschaftler zu Kreuze kriechen? Werden sie Bestechungen zugänglich sein? Oder werden sie auf ihrer Sache beharren? Und wenn sie auf ihr beharren, werden sie sich dann, gesellschaftlich isoliert, zu Tode hetzen lassen? Vielleicht werden sie es vorziehen, zu den Feinden der Bourgeoisie, zur Arbeiterklasse, überzugehen; wer weiß. 

Das alles ist noch nicht entschieden. Es muß abgewartet werden. Und solange keine handfesten Beweise dafür vorliegen, daß diese Gelehrten dem Druck der Bourgeoisie nachzugeben bereit sind, kann die Linke nichts Falscheres tun, als sie durch Mißtrauen a priori, durch Verdächtigungen und Gehässigkeiten in die weit geöffneten Arme ihrer Klasse zurückzustoßen. In den beiden Berichten, die bisher dem Club of Rome vorgelegt und auf seinen Beschluß veröffentlicht wurden, steht keine Zeile, die zu dem Schluß berechtigen würde, daß die Verfasser ideologische Handlanger von Automobilkonzernen sind. Aber wenn wir voreilig behaupten, sie seien es, dann könnten sie es eines Tages werden. 

Und nun die fünfte Erwägung, die meinem Argwohn gegen den Klassencharakter des Club of Rome Grenzen setzt. Peccei ist ein Konzernmanager. Was soll das heißen? 

Die Arbeiterbewegung hat nie in einzelnen Individuen, die der herrschenden Klasse angehören, von vornherein Feinde gesehen. Engels war ein kapitalist­ischer Fabrikant, Marx der Sohn eines preußischen Justizrats, Lenin Sohn eines geadelten Beamten der zaristischen Schulbürokratie.

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Und weiter, was heißt das: Die Berichte an den Club of Rome sind von Konzernen finanziert worden? Einzelne Konzerne können Geldgeschenke an wer weiß wen vergeben, ohne daß die Bourgeoisie im ganzen, als Klasse, davon Nutzen haben muß. Aber durch den Mund eines McNamara, Präsidenten der Weltbank, ehemaligen amerikanischen Kriegsministers, und aus den Stellungnahmen des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, da spricht die herrschende Klasse selbst und nicht nur diese oder jene Einzelpersönlichkeit, Fraktion oder Branche. Was McNamara und der BDI gegen den Club of Rome sagten, das war das Wort des Imperialismus schlechthin. Man muß jeden Klasseninstinkt verloren haben, um es als Marxist fertigzubringen, das gesellschaftliche Gewicht, das diesen negativen Stellungnahmen zukommt, mit der Erklärung herunterzuspielen, es gebe halt auch unter den Bürgerlichen manchmal Meinungsverschiedenheiten. Natürlich gibt es sie, aber McNamara und der BDI artikulieren die herrschende Meinung, und der kann sich ein Linker unter keinen Umständen anschließen. 

Unterdessen ist auf den ersten Publicity-Erfolg die Taktik des Totschweigens und auf sie zügellose Hetze gefolgt. Schon von der Westberliner Tagung des Clubs, mit dem zweiten, von Mesarovic und Pestel verfaßten Bericht, nahmen die Massenmedien im Oktober 1974 kaum noch Notiz. Im Fernsehen kommentierte Gerd von Paczensky, in ökologischen Fragen ein Ignorant, das Ereignis gehässig abwertend. Und dann kam die große Fernsehsendung von Gottfried Kludas gegen den Club of Rome, am 3. Februar 1975, ausgestrahlt zur günstigsten Sendezeit vom Sender Freies Berlin im Abendprogramm der ARD. Wenn ich die schärfsten Kommentare eines Matthias Walden oder Gerhard Löwenthal gegen links noch einmal Revue passieren ließe, dann würde ich darin nichts finden, was an Tatsachenverdrehung und Unterstellung, an Unsachlichkeit, Gehässigkeit, mangelnder Fairness auch nur entfernt den haltlosen Beschuldigungen gleichkäme, mit denen da Kludas, als dezidierter Ruhmredner der Fortschrittlichkeit des freien Unternehmertums, den Club of Rome überschüttete. 

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Daß in deutscher Sprache hervorragende Wissenschaftler dermaßen geschmäht und verleumdet worden sind, das hat es seit der Hetze der Nazis gegen Freud und Einstein nicht mehr gegeben. Die hohe Auflage von «Grenzen des Wachstums» deutete Kludas z.B. als Beweis dafür, daß die Autoren, weil sie geldgierig seien, aus der von ihnen grundlos erzeugten Zukunftsangst der Massen ein gewinnbringendes Geschäft für sich machten. Außerdem seien eigentlich sie an der Ölkrise schuld. Denn mit ihrer Vorhersage der Rohstofferschöpfung hätten sie die arabischen Staaten erst auf den Gedanken gebracht, die Ölpreise heraufzusetzen. In diesem Stil ging es immer weiter. Eine Infamie jagte die andere. 

Doch wen kann so etwas wundern? Mich überrascht es nicht. Kein Mensch ist über die hypothetische Prognose der MIT-Studie glücklich. Auch wir Kommunisten haben keinen Grund, über sie zu frohlocken. Aber die Studie flößt uns, falls wir uns weder von den linken noch den rechten Wachstums­fetischisten das Gehirn verkleistern lassen, das Bewußtsein ein, daß die proletarische Weltrevolution, die wir schon längst für überfällig hielten, nicht nur, wie wir bisher glaubten, für die Erringung eines besseren Lebens unerläßlich ist, sondern für die Rettung und Sicherung des Lebens überhaupt. Diese Wahrheit ist für die Bourgeoisie unerträglich, und deshalb muß Herr Kludas ihre Prämissen bekämpfen. 

 

Duve: Sicco Mansholt hat die MIT-Studie für ein Zufallsprodukt ihres bürgerlichen Milieus erklärt. Er sagte: 

«Da die Forschungen größtenteils von der Industrie finanziert werden, weigern sich die Unternehmensbosse, Ergebnisse und Studienberichte zu veröffentlichen, die ihren Interessen zuwiderlaufen. Was mit dem Bericht der Meadows-Gruppe für den Club of Rome geschehen ist, wird sich nicht wiederholen. Diese erste Veröffentlichung ist zufällig erfolgt. Der Club of Rome hat die Tragweite dieses Berichts nicht erkannt. Zur Zeit gehen seine Mitglieder rückwärts, sie modeln teilweise um oder verkehren ins Gegenteil, was Dennis und Donella Meadows geschrieben haben.» 

Mich würde interessieren, was Sie dazu sagen, nachdem Sie sich in der Zwischenzeit mit dem zweiten Bericht an den Club, der Studie «Menschheit am Wendepunkt» von Mesarovic und Pestel (Oktober 1974), eingehend beschäftigt haben.

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Harich: Mir ist diese Äußerung Mansholts bereits aus der Veröffentlichung seiner Gespräche bekannt («Die Krise», Reinbek 1974, rororo aktuell Nr. 1823, S. 123). Verhielte es sich so, wie Mansholt annimmt — und er verfügt über bessere Informationen als ich —, dann würde das meine eben geschilderten Erwartungen bestätigen. Ich sagte ja, daß die Bourgeoisie versuchen werde, den Club of Rome zum Widerruf zu bewegen. Aber bei Mesarovic/Pestel, die übrigens von Kludas mit derselben Heftigkeit wie Forrester und die Meadows angegriffen wurden, vermag ich den vermuteten Rückzieher noch nicht — fast nicht — wahrzunehmen. 

Duve: Fast? Ein bißchen also doch?

Harich:  Ich werde gleich darauf zurückkommen. Vorausschicken möchte ich, daß Mansholt in einem Punkt offensichtlich falsch unterrichtet war. Der Club of Rome, so behauptete er (a.a.O., S. 95), setze hinsichtlich des Energieproblems seine Hoffnungen auf die Kernspaltung, von der er sich unbegrenzte Energien verspreche. Davon ist bei Mesarovic-Pestel keine Spur zu entdecken. Das ganze zehnte Kapitel ihrer Studie warnt eindringlich vor der Errichtung von Kernreaktoren.

Duve: Nun mißtrauen Sie der anderen Äußerung Mansholts auch. 

Harich:  Nein, durchaus nicht. Sie paßt genau in das Bild hinein, das man sich als Marxist von der Angelegenheit machen muß. Nur glaube ich nicht genauer: kaum, daß bereits die zweite Studie Spuren von Korrumpierung und Einschüchterung aufweist, denn aus ihr lassen sich dieselben kommunistischen Konsequenzen ableiten wie aus der ersten. Forrester und Meadows haben eine abstrakt-pauschale Wahrheit ausgesprochen, die von Mesarovic und Pestel in ihrer Substanz nicht bekämpft, geschweige widerlegt, sondern nur konkreter gefaßt wird, und zwar zunächst unter Berücksichtigung der je besonderen Verhältnisse in zehn verschiedenen Weltregionen. 

Dabei hat auch diese Konkretisierung abermals nur einen Näherungswert: einmal in der Richtung, in der sie sich bewegt — z.B. werden die starken regionalen Unterschiede, die etwa zwischen der DDR und Albanien oder zwischen Israel, Australien und Südafrika bestehen, nicht beachtet —, zum anderen, weil die Konkretisierung sich in prinzipiell anderer Richtung bewegen müßte, um beispielsweise die Strukturunterschiede der auf der Erde koexistierenden gegensätzlichen Gesellschaftssysteme auf den Begriff zu bringen, die wieder — immer noch — ausgeklammert werden.

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Machen Mesarovic-Pestel also Forrester-Meadows einen Vorwurf daraus, daß diese auf Grund einer Betrachtungsweise, die «wenig aussagekräftig, ja irreführend» sei, die Welt als einförmiges homogenes System angesehen hätten, dann dürfen sie sich nicht wundern, wenn man nächstens gegen sie selbst analoge Vorwürfe erheben wird. Wären beide Parteien vertraut mit dem, was Hegel und Marx über abstrakte und konkrete Wahrheit ausführen, hätten sie Lenins Darlegungen über den Annäherungscharakter der Erkenntnis gelesen und kapiert, dann würden sie ihre Weltmodelle als Stadien eines approximativen Prozesses begreifen und die Überflüssigkeit ihrer Kontroverse einsehen. 

Doch man darf die philosophische Bildung dieser Computer-Spezialisten, denen von früh auf positivistische Denkgewohnheiten anerzogen worden sind, wohl nicht überfordern. Stellen Sie sich vor, jemand würde das «Kapital» von Marx «wenig aussagekräftig, ja irreführend» nennen, weil es die Besonderheiten der kapitalistischen Entwicklung in Deutschland und England nicht reflektiert und noch nicht die Aussagen Lenins über den Imperialismus enthält! 

Forrester-Meadows sagen voraus, daß, wenn die gegenwärtigen Trends sich unverändert fortsetzen, das Weltsystem etwa um die Mitte des 21. Jahrhunderts zusammengebrochen sein wird. Mesarovic-Pestel erwidern: Nein, es wird nicht auf einen Schlag, sondern stückweise, Region für Region sowie aus unterschiedlichen Gründen zusammenbrechen, und in gewissen Gebieten werden die Katastrophen bereits viel früher einsetzen. Dann aber fügen sie hinzu: «Allerdings werden diese regionalen Zusammenbrüche in der ganzen Welt auf Grund der alle Regionen verbindenden systematischen Zusammenhänge fühlbare Folgen haben.» 

Damit landen wir doch wieder bei der globalen Ganzheit, von der Forrester-Meadows ausgegangen sind, und die «fühlbaren Folgen» geben uns die Gewähr, daß die sich verkettenden sukzessiven Regionalkatastrophen ungefähr bis zu dem schon in der ersten Studie prognostizierten Zeitpunkt den allgemeinen Untergang vollendet haben werden — eine subtilere, verzwicktere, sich auf mehr Details einlassende Beschreibung desselben Sachverhalts.

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Duve:  Für die Wissenschaft wichtig, verwirrend für die Öffentlichkeit.

Harich:  Ganz meine Meinung. Natürlich war die erste Studie eine horrende Abstraktion. Und natürlich ist es gut, ist es ein Schritt voran, daß ihre Pauschal­isierungen jetzt der Wirklichkeit mehr angenähert werden. Aber als politisch denkender Mensch wehre ich mich dagegen, daß in einer Frage, in der es um Leben und Tod der Menschheit geht, dieser Fortschritt durch eine Expertenkontroverse vollzogen wird, die bei den betroffenen Massen den absolut falschen Eindruck erwecken muß: «Es wird schon alles nicht so schlimm sein. Über unseren Untergang streiten ja noch die Gelehrten, und vielleicht — hoffentlich — haben diejenigen unter ihnen, die seine greifbar nahe Möglichkeit leugnen, recht.» Nein, Mesarovic und Pestel leugnen seine greifbar nahe Möglichkeit durchaus nicht, ebensowenig wie Forrester und Meadows. Wenn es so weitergeht wie bisher, dann wird uns bald ein böses Ende beschieden sein — darin sind alle vier sich einig. 

Duve: Welche der beiden Studien scheint Ihnen politisch brauchbarer?

Harich: Beide sind wertvoll. «Grenzen des Wachstums» hat den Vorzug der Evidenz durch Abstraktion, der Konzentration auf das Allerwesentlichste, der lapidaren Einfachheit seiner Grundaussagen. «Menschheit am Wendepunkt» dürfte sich als praktikabler erweisen, wenn es darum geht, konkrete politische Entscheidungen zu treffen. Nehmen wir das Wettrüsten. In der einen Schrift kommt es überhaupt nicht vor, und zwar nicht deswegen, weil Meadows sich mit dem Rüstungswettlauf abfinden würde, sondern weil die Einbeziehung dieser Komponente sein Modell überladen hätte. Die andere Schrift dagegen fordert energisch umfassende Abrüstungsmaßnahmen. Oder nehmen wir die Energieversorgung. In der einen Schrift wird der Vereinfachung halber unerschöpflicher Energievorrat unterstellt — was reine Fiktion ist, obendrein eine hyperoptimistische Fiktion, die das Lamentieren über pessimistische Voreingenommenheit Forresters und Meadows Lügen straft. 

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In der anderen Schrift gehen demgegenüber die Vorschläge zur Bewältigung der Energiekrise dermaßen ins Detail, daß die optimalen Kompromißformeln zwischen ölexportierenden und ölverbrauchenden Ländern ausgerechnet werden und den Staatsmännern der arabischen Welt schon jetzt angeraten wird, möglichst bald in ihren dafür idealen Wüstengebieten große Sonnenlicht-Reflektoren zu installieren, damit sie auch nach Erschöpfung ihrer Erdölvorräte die wichtigsten Energielieferanten Europas bleiben können. 

Das ist sicher gut gemeint. Aber die Konkretisierung gleitet im zweiten Buch unmerklich ins praktizistische Krisenmanagement hinüber. Man sieht Herrn Professor Pestel förmlich vor sich, wie er, als eine Art Umwelt-Kissinger, nächstens zwischen Washington und Moskau, Peking und Neu-Delhi, Bonn und Teheran hin- und herreisen und überall gute Ratschläge erteilen wird. Und über den Einzelheiten geraten die Grundfragen mitunter schon außer Sicht. Und da ohnehin nicht alle Einzelheiten zur Sprache kommen können — sonst hätte das Buch den Umfang einer mehrbändigen Enzyklopädie angenommen —, bleibt die Auswahl dem Belieben der Autoren überlassen. Wenn Mesarovic und Pestel sich beispielsweise darüber ausschweigen, daß ihre «Region 5, sozialistische Länder» dank der dort herrschenden Eigentumsverhältnisse für die Bewältigung der ökologischen Krise strukturell andere Voraussetzungen mitbringt als die übrige Welt, dann scheinen sie mir eine — mit Verlaub gesagt — Einzelheit zu ignorieren, die für die Zukunft mindestens so belangvoll sein dürfte wie die Eignung der Sahara für das Aufstellen von Sonnenreflektoren. Meadows hatte auch schon den Gegensatz Kapitalismus-Sozialismus ausgeklammert, doch im Rahmen eines dermaßen abstrakten Modells, daß man ihm das, in Respektierung seines Bemühens um Einfachheit, allenfalls noch verzeihen konnte. Bei Mesarovic und Pestel wird es unverzeihlich. 

Duve: Die wichtigste Differenz beider Studien besteht doch wohl darin, daß die zweite nicht mehr Nullwachstum fordert, sondern zwischen krebsartigem und organischem Wachstum einen Unterschied macht und das organische bejaht.

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Harich:  Der Begriff «Nullwachstum» ist — seien wir ehrlich — eine contradictio in adjecto, ein hölzernes Eisen. Etwas wächst entweder, oder es wächst nicht. Affirmativ zu sagen, es wachse, und dann hinzuzufügen: aber nur um den Betrag Null, ergibt keinen Sinn. Da der Ausdruck sich nun aber mal eingebürgert hat, wollen wir es bei ihm bewenden lassen. «Zero Growth» wäre nicht das erste terminologische Coca-Cola, das wir in unseren Sprachgebrauch mixen. Dies zum ersten. 

Zweitens: Die zunehmende Umweltzerstörung, die sich nur in ihren qualitativen Auswirkungen ökologisch adäquat erfassen läßt, mit der Zunahme der Bevölkerungsgröße und mit dem Abnehmen, Sicherschöpfen der nichtregenerierbaren Rohstoffvorräte und dann auch noch mit der erweiterten Reproduktion in der Volkswirtschaft unter denselben Begriff «Wachstum» zu subsumieren, nur damit die Korrelationen zwischen diesen heterogenen Prozessen vom Computer verdaut werden können, ist, philosophisch gesehen, reichlich kühn. Trotzdem bleibt es wahr, daß diese Prozesse wechselseitig aufeinander einwirken, und es bleibt ebenfalls wahr, daß sie eines gemeinsam haben: in einem endlichen System, wie der Biosphäre, nicht endlos weiterlaufen zu können, schon gar nicht exponentiell, und daraus bezieht das kühne Verfahren seine Legitimation. Folglich können wir den so gewonnenen Wachstumsbegriff getrost gelten lassen. Er ist einfach und anschaulich, ohne daß die Vorstellungen, die er heraufbeschwört, falsch wären. Für die Bezeichnung seiner Negation wählen Mesarovic und Pestel den logisch glücklicheren Ausdruck «Nichtwachstum». In der Sache meinen sie dasselbe. Daß sie den eingebürgerten Terminus «Nullwachstum» fallenlassen, ist somit reine Pedanterie, die wieder von mangelndem Verständnis für die Notwendigkeit zeugt, die Massen aufzuklären, die die Sache, um die es geht, um so schwerer begreifen werden, je öfter die Schlagworte wechseln. 

Drittens: Forrester und Meadows meinen, die Weltwirtschaft, im ganzen genommen, dürfe wegen der Umweltbelastung und der drohenden Rohstoff­erschöpfung nicht weiterwachsen. Mesarovic und Pestel teilen diese Auffassung, ohne sie jedoch noch einmal expressis verbis zu wiederholen, was abermals der Aufklärung der Massen abträglich ist. Sie teilen sie, aber da sie das Weltmodell regionalisieren, erklären sie: In den unterentwickelten Regionen (der Dritten Welt) muß und soll die Wirtschaft weiterwachsen, woraus sich ergibt, daß deren Wachstum, damit nichtdestoweniger die Gesamtbilanz statisch bleibe, in manchen entwickelten, industrialisierten Regionen nicht nur aufzuhalten, sondern sogar zurückzuschrauben sein wird.

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Den so zustande kommenden Ausgleich nennen die beiden Autoren nun «organisch», in Analogie zu den Wachstumsvorgängen im Organismus, die jedes Organ nur eine bestimmte Größe annehmen lassen, bei der es, sobald sie einmal erreicht ist, im Fließgleichgewicht verharrt. Der Organismus, genannt Menschheit, hat nach dieser Analogie, diesem Bild, dieser Metapher gewisse Organe, die verkümmert sind, und andere, die krebsartig auswuchern. Die Bevölkerung etwa wächst fast überall krebsartig, besonders jedoch in der Dritten Welt, am meisten in Südasien. Die Wirtschaft wieder wächst krebsartig in den industrialisierten Regionen, während sie in den unterentwickelten, in der Dritten Welt, verkümmert. 

Ich bin überzeugt davon, daß Forrester und Meadows diesen Gedanken nicht ablehnend gegenüberstehen. Auch sie werden nicht leugnen, daß es in den unter- und den überentwickelten Territorien jeweils andere Maßnahmen zu ergreifen gilt, und schon ihr abstrakteres Modell hat ausgereicht, Sicco Mansholt zu dem Vorschlag zu inspirieren, daß die EWG-Länder ihren Lebensstandard drastisch einschränken sollten, um den Ländern der Dritten Welt echte, wirksame Entwicklungshilfe leisten zu können. Die weit verbreitete Vorstellung, daß die MIT-Studie das Elend der Dritten Welt zu verewigen empfehle, ist falsch; sie entspringt der Unfähigkeit, die Aussagen eines abstrakten Modells richtig zu explizieren. Mesarovic und Pestel beseitigen dieses Mißverständnis, indem sie die Implikation explizit machen. Dagegen ist nichts einzuwenden, im Gegenteil, es war dringend nötig. 

Zu beanstanden ist aber wieder, daß sie die Explikation in polemischer Form vornehmen. Es ist deswegen zu beanstanden, weil dadurch in der Öffentlichkeit der Eindruck hervorgerufen wird, der Club of Rome sei das eine Mal gegen, das nächste Mal für Wachstum; er wisse offenbar nicht, was er wolle. Schon bei einem gebildeten Mann wie Mansholt stellt sich infolgedessen, da er, als Sozialdemokrat, die Klassenfrage im Kopf hat, der Verdacht des Widerrufs, des Rückziehers ein. Was sollen da erst die einfachen, ungebildeten Arbeiter denken! Für sie sind beide Studien eine zu schwierige Lektüre. Also werden sie verwirrt, werden ratlos gemacht. 

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Mesarovic und Pestel haben in Wirklichkeit nichts widerrufen, ihnen ist kein Rückzieher vorzuwerfen. Doch sie sind nur darauf aus, den Regierungen zu empfehlen, wie künftig alles besser gemacht werden könnte, und kümmern sich nicht darum, die Warnungen des Club of Rome den Massen verständlich zu machen. Die bürgerlichen Regierungen werden auf ihre Vorschläge nicht hören, und die Massen, die sie aufgreifen und für ihre Verwirklichung kämpfen könnten, werden auf sie auch nicht hören, solange ihre Führer, die Linksparteien, zu denen sie Vertrauen haben, ihnen nicht klarmachen, daß das verbale Hü und Hott von «Nullwachstum» und «organischem Wachstum» im Grunde wenig besagt, daß es an den Grundproblemen, die angepackt werden müssen, überhaupt nichts ändert. 

Im biologischen Bereich wächst ein Organ, das seine optimale Größe erreicht hat, in dem Sinne weiter, daß seine Zellen sich erneuern. Aber es wächst nicht weiter in dem Sinne, daß es dabei im ganzen weiterhin größer würde; es verharrt im Fließgleichgewicht. Überträgt man den an diesem Vorgang gewonnenen Wachstumsbegriff auf die Gesellschaft, dann muß man den industrialisierten Regionen zumindest Übergang zum ökonomischen Analogon des Fließgleich­gewichts, nämlich zur bloßen einfachen Reproduktion, empfehlen, und damit empfiehlt man ihnen, wenn man dies tut, nichts anderes als das, was Forrester und Meadows Nullwachstum nennen. 

 

Duve: Vielleicht nennen Mesarovic und Pestel es «organisches Wachstum», um die über die MIT-Studie entsetzten Industriellen zu besänftigen.

Harich: Sehen Sie, diesen Verdacht habe ich auch. Eben deswegen sagte ich vorhin, Spuren von Korrumpierung und Einschüchterung könne ich in «Menschheit am Wendepunkt» fast keine entdecken. «Fast» sollte heißen: Bei unverändertem Inhalt der Grundaussage beginnt der von Mansholt aufgespürte Druck der «Wirtschaftsbosse» in der Bevorzugung anderer Wörter kenntlich zu werden. Welcher Unternehmer hätte nicht das Gefühl, daß sein Betrieb «organisch» wächst und ein unentbehrliches «Organ» des volkswirtschaftlichen Gesamt«organismus» ist! Ob es Mesarovic und Pestel auf die Dauer viel nützen wird, sich solchen Gefühlen verbal akkommodiert zu haben — ich glaube es nicht. 

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Die Polemik von Kludas, die uneingeschränkt auch gegen sie gerichtet war, spricht dagegen. Voraussehen läßt sich, daß der Druck sich verstärken und, unbekümmert um Verbalien, den substantiellen Gehalt der Konzeption des Club of Rome angreifen wird. Dann wird sich zeigen, wes Geistes Kind seine Mitglieder sind, ob sie Charakter haben und wo, auf welcher Seite sie stehen. Schädlich ist es auf jeden Fall, wenn Wissenschaftler, die mit ihren Forschungen die theoretischen Voraussetzungen für die Bewältigung der ökologischen Krise schaffen wollen, Differenzen über Probleme von untergeordneter Bedeutung aus Eifersucht oder auch aus Eitelkeit, um sich als eigenwillige Persönlichkeiten zu profilieren, unnötig aufbauschen. 

Ich könnte zig Seiten vollschreiben, um die fundamentalen Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten, die einen Mann wie Robert Jungk mit dem Club of Rome verbinden. Trotzdem stellt Jungk sich hin und erklärt: «Ehrlich gestanden, fürchte ich Forrester. Ich habe ihn kennengelernt. Er ist ein stalinistischer Typ.» Und in demselben Interview sagt er: «Ich bin der Ansicht, daß dem Wachstum keine Grenzen gesetzt sind. In humaner und sozialer Hinsicht sind wir unterentwickelt», womit er unterderhand einen ganz anderen Wachstumsbegriff in die Debatte einführt als den, der in der MIT-Studie gemeint ist, und die Tatsache verschleiern hilft, daß die humane und soziale Entwicklung, die er meint, von Forrester und Meadows genauso gefordert wird wie von ihm. 

Bei Gunnar Myrdal las ich: 

«Meine Studien haben mich längst zu der Überzeugung gebracht, daß wir erkennen und uns darauf einstellen müssen, daß dem Wachstum Grenzen gesetzt sind, deren Komponenten allesamt exponentielle Kurven ergeben ... Als Staatsbürger wie als Weltbürger hat es uns zu kümmern, was unsere Kinder und Kindeskinder werden ertragen müssen, wenn diese Art von exponentiellem Wirtschaftswachstum anhält ... Wir fordern eine Katastrophe geradezu heraus, wenn wir nicht bei uns schnellstens Beschränkungen von Produktion und Konsumtion und selbstverständlich auch unseres Lebensstils einführen oder verschärfen.» 

Trotzdem hat Myrdal den Club of Rome mit den Worten geschmäht: «Das ganze Geschwätz über planetarische und globale Lösungen ist einfach Humbug», hat von den «dummen, falschen Prämissen» der MIT-Studie gesprochen und im gleichen Atem die eigenen Bedenken gegen das Wirtschaftswachstum mit der Feststellung desavouiert: «Immerhin finden wir jetzt endlich heraus, daß zwischen Reformen zur Gleich­berechtigung im modernen Wohlfahrtsstaat und wirtschaftlichem Wachstum kein Widerspruch besteht.»

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Es läßt sich kaum beschreiben, welch desorientierenden Einfluß solche Stellungnahmen auf eine Öffentlichkeit ausüben der es ohnehin schwerfällt, sich in den komplizierten Zusammenhängen der ökologischen Krise zurechtzufinden. Wenn es aber schon, aus dieser Erwägung, zu verurteilen ist, daß der Club of Rome von Außenstehenden, die mit seinen Bestrebungen im Grunde übereinstimmen, angegriffen wird, dann muß es erst recht bedenklich stimmen, in seinen eigenen Reihen Kontroversen aufbrechen zu sehen, die sich hätten vermeiden lassen. 

Daß Mesarovic und Pestel mit der Wahl ihres Sprachgebrauchs die Bourgeoisie hätten beschwichtigen wollen, mag eine unbeweisbare Behauptung sein. Fest steht, daß sie ihre Konkretisierung und Spezifizierung des Meadowschen Modells mit überflüssiger Polemik belastet und es zugleich versäumt haben, von vornherein mit deutlichen Worten das naheliegende Mißverständnis auszuräumen, durch das von ihnen postulierte «organische Wachstum» sei nunmehr die Forderung des «Nullwachstums» hinfällig. Sie ist es nicht, sie gilt nach wie vor, und der Club of Rome täte gut daran, sich zu dieser Wahrheit klar und unmiß­verständlich zu bekennen, ohne Rücksicht auf die Industrie, aber vor allem ohne Rücksicht auf das Originalitätsgespreize, von dem bürgerliche Intellektuelle anscheinend auch dann nicht lassen können, wenn sie den Untergang der Menschheit aufhalten wollen. 

Die Kräfte, welche die heraufziehenden Gefahren sehen und gegen sie ankämpfen, müssen zusammenhalten, sie müssen das, was ihnen gemeinsam ist, in den Vordergrund stellen, individualistische Anwandlungen unterdrücken, sich eines einheitlichen Sprachgebrauchs befleißigen und die Massen aufklären und mobilisieren, statt sie zu verwirren und einzulullen. 

Im übrigen gilt der Ausspruch Nicolai Hartmanns: «Die Epigonen sind immer viel klüger, aber der Meister ist größer.» Mesarovic und Pestel sind insofern klüger, als sie auf viele Detailfragen eingehen, auf die die MIT-Studie keine Antwort gibt, ja, die in ihr nicht einmal als Fragen vorkommen. Gleichwohl sind Forrester und Meadows größer. Ihnen gebührt das Verdienst, die entscheidende Pionierleistung vollbracht zu haben. 

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Duve:  Nach dem, was Sie jetzt gesagt haben, glaube ich, daß Sicco Mansholt Ihnen hier sicher zustimmen wird. 

Harich:  Hier vermutlich ja. Sonst sicher nicht, denn ich bin ja ein rabiater Gegner dessen, was Sie, was Ihre Sozialdemokratie und damit natürlich auch Mansholt «demokratischen Sozialismus» nennen.

Duve: Wir hatten uns darauf geeinigt, daß wir meine Meinung und die meiner Partei in diesem Gespräch nicht erörtern. Es geht um die Diskussion in Ihrem Lager. So wollen wir diesen kontroversen Punkt beiseite lassen. Mir ging es jetzt — in Ihrer Terminologie ausgedrückt — um den «Klassencharakter des Club of Rome». Ich glaube, daß Sie da mit Mansholt konform gehen. 

Harich: Auch da nicht ganz, nur bedingt. Ich sehe die Sache so: Bei Sicco Mansholt verbinden sich mit der MIT-Studie aufs engste die sozialistischen Konsequenzen, die er, als er die Studie las, sofort aus ihr gezogen hat und die vernünftigerweise aus ihr auch gezogen werden müssen. Da er nun den psychologischen Fehler begeht, von sich auf andere zu schließen, fällt es ihm schwer, sich in Menschen hineinzuversetzen, bei denen das ihm zuteil gewordene Aha-Erlebnis ausbleibt. Infolgedessen wittert er den Einfluß der Bourgeoisie erst dort, wo er Kräfte, sowohl innerhalb des Club of Rome als auch von außen auf ihn einwirkend, am Werk sieht, die «das, was Dennis und Donella Meadows geschrieben haben, teilweise modeln oder ins Gegenteil verkehren wollen». Und er denkt, wenn er das sagt, an direkte Interventionen des Monopolkapitals, der «Wirtschaftsbosse». Den Einfluß der bürgerlichen Ideologie zieht er nicht in Betracht. So entgeht ihm ein sehr wesentlicher Umstand: daß bereits die MIT-Studie als solche ein Produkt bürgerlichen Denkens ist.

Duve: Demnach halten Sie deren Veröffentlichung, im Gegensatz zu Mansholt, für keinen Zufall und glauben nicht, daß sie nur deshalb erfolgt sei, weil der — überwiegend bürgerliche — Club of Rome ihre Tragweite nicht erkannt habe. 

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Harich: Das Denken Forresters und der Meadows bewegt sich in einem Spielraum, dem die bürgerliche Ideologie Schranken setzt, Erkenntnisschranken. Diesen Gelehrten ist deshalb wahrscheinlich selbst die Tragweite ihres Berichts nicht voll bewußt gewesen, und schon das kann man nicht als Zufall ansehen. Der Inhalt der MIT-Studie drängt auf sozialistische, sogar — wie ich meine — auf ausgesprochen kommunistische Lösungen hin — ja. Jeder mit Konsequenz vernünftig denkende Mensch muß das einsehen. Aber die bürgerliche Ideologie, in der sowohl Forrester und die Meadows als auch die meisten Mitglieder des Club of Rome (mit Ausnahme einer kleinen Minorität, zu der die Jugoslawen und Adam Schaff gehören) befangen sind, gibt so viel Vernunft nicht her. Wer hat denn mit holländischen Jungarbeitern diskutiert und hinterher freudestrahlend berichtet, diese seien, unter der Bedingung, daß das kapitalistische System verschwinde, zu materiellen Opfern bereit? Forrester? Die Meadows? Nein, Sicco Mansholt! 

Und von Mansholt, nicht von den Autoren der MIT-Studie, stammen die für uns Kommunisten so bedeutungsschweren Sätze: 

«Auch das System des Staats­sozialismus, wie es in der Sowjetunion besteht, hat das materielle Wachstum und die Expansion zum Ziel. Ich glaube jedoch, daß es eher imstande ist, sich einer Gesellschaft ohne Wachstum anzupassen als das System des Kapitalismus. Es hat eine planmäßig gesteuerte Produktion, und die wird sich auf einfachere Weise anpassen können.» 

Forrester und die Meadows klammern die Klassenfrage aus. Der Unterschied von Sozialismus und Kapitalismus verschwindet bei ihnen hinter den gemeinsamen Merkmalen aller Industriegesellschaften — womit sie, unter Umkehrung des Vorzeichens, die törichte Konvergenztheorie der sechziger Jahre fortsetzen —, und die Frage, welche bestimmten gesellschaftlichen Kräfte im Westen ihre Ideen verwirklichen könnten, stellen sie gar nicht; sie appellieren an alle Welt, an die Vernunft der Regierungen u. dgl. Deshalb vergleicht Fjodorow diese Gelehrten ja auch mit den utopischen Sozialisten, wohl wissend, daß auch die bereits bürgerliche Ideologen waren. 

Die Zukunftsentwürfe der Saint-Simon, Fourier und Owen hatten aber immerhin, obwohl bürgerlich, eindeutig sozialistischen Charakter, während Forrester und die Meadows, ohne mit einer Silbe die Eigentumsfrage zu berühren, sich darauf beschränken, der Weltwirtschaft einen allgemeinen Wachstumsstopp zu verordnen, dem überhaupt erst der Sozialdemokrat Mansholt und der Kommunist Fjodorow seine sozialistischen Implikationen anmerken.

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Duve: Und nicht jeder Linke merkt sie der MIT-Studie an. Bei den meisten fällt der Groschen nur stockend, bei vielen gar nicht. Daher das wütende Reagieren nicht nur bei McNamara, Herman Kahn und dem Bundesverband der Deutschen Industrie, sondern auch bei den linken Wachstums­fetischisten von der Art Biolats und Gärtners. Würden Sie so weit gehen, zu sagen, daß, so gesehen, deren Aversion nicht jeder Berechtigung entbehre? 

Harich: Ich verstehe beide sehr gut. Ich teile ihren Standpunkt nicht, halte ihn für falsch. Aber ich verstehe ihn. 

 

Duve: Wegen der Arbeitsplätze all jener, die an der «Concorde» bauen?

Harich: Nicht nur. Die Ablehnung hat noch massivere Gründe. Erinnern Sie sich bitte an die Situation, die Ende 1973 in der Bundesrepublik bestand, wenige Wochen nach der spektakulären Verleihung des Buchhändler-Friedenspreises an den Club of Rome. Da gab es, im Zusammenhang mit dem Jom Kippur-Krieg, den Rudolf Augstein die «Kulturwende» nennt, das arabische Öl-Embargo. Die Bundesregierung reagierte darauf mit dem Verbot privater Autofahrten an Sonn- und Feiertagen. Kurz danach hielt Willy Brandt, damals noch Bundeskanzler, seine letzte Neujahrsansprache, in der er, offensichtlich unter dem Eindruck der MIT-Studie und mit Blick auf die Scharen sonntäglicher Spaziergänger, die Vorzüge eines einfachen, bescheidenen Lebens pries. Zahllose Menschen gaben ihm recht. Dann aber spitzte sich im Januar 1974 der Konflikt zwischen der Regierung Brandt und der ÖTV zu. Die ÖTV verlangte mit ihren Lohnforderungen weiter nichts als einen annähernden — keineswegs vollständigen — Ausgleich für die materiellen Verluste, die ihren Mitgliedern aus der Inflation entstanden waren. Genscher, damals Innenminister, lehnte die Forderungen als zu hoch, als für die Staatskasse nicht tragbar ab und zwang so die ÖTV, von ihrem letzten Kampfmittel, der Waffe des Streiks, Gebrauch zu machen. Schon im Lichte dieses Ereignisses erhielt die Neujahrsansprache nachträglich einen fatalen Klang.

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Vollends makaber aber wurde sie, als man erfuhr, daß in der ganzen Zeit die multinationalen Ölkonzerne unter Ausnutzung des arabischen Embargos riesige, märchenhafte Extraprofite gescheffelt hatten. Ich bitte Sie: Wenn Vorgänge solcher Art zusammentreffen, dann muß man als Sozialist, als Kommunist doch einfach aus der Haut fahren vor Empörung. Und es ist diese tief berechtigte Empörung, die damals in dem vorhin von mir zitierten Artikel Edgar Gärtners ihren Niederschlag gefunden hat. Wem dient denn — wird Gärtner sich gefragt haben — das einfache, bescheidene Leben? Dem Schutz der Natur? Dem sparsamen Umgang mit nichtregenerierbaren Roh- und Brennstoffen? Nein, der Gier der Konzernherren auf Kosten der arbeitenden Menschen! So ist Gärtners wütender Angriff auf die MIT-Studie zustande gekommen, so auch sein Seitenhieb gegen das — nach seiner Meinung bahnbrechende — «Kursbuch 33», in dem Enzensberger die radikale Linke in der BRD erstmals an die ökologische Problematik heranzuführen versucht hatte. 

 

Duve: Die Statistik der Bundesrepublik zählt in dem Augenblick, da wir dieses Gespräch führen — Ende Februar 1975 —, über eine Million Arbeitslose, die vielen Kurzarbeiter nicht gerechnet. Nach dem, was Sie eben ausgeführt haben, müßten Sie überzeugt sein, daß der Club of Rome mit dazu beiträgt, diese Menschen mit ihrem Schicksal auszusöhnen.

Harich: Er könnte dazu beitragen, falls die Linke es versäumt, seinen Warnungen hinzuzufügen, daß der Übergang zum Kommunismus der Ausweg wäre, um mit der Meisterung der derzeitigen ökonomischen Krise zugleich die mit ihr verfilzte ökologische Krise in den Griff zu bekommen. Bleiben die Warnungen so abstrakt im Raum stehen, wie der Club of Rome sie formuliert, dann ist nicht auszuschließen, daß sie auf den Klassenkampf einen dämpfenden Effekt ausüben, indem sie Teilen des Proletariats suggerieren, Arbeitslosigkeit und Preissteigerungen hätten auch eine gute Seite: Sie verzögerten das Wachstums­tempo, verminderten den Konsum, und das sei unter ökologischen Gesichtspunkten wünschenswert. 

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Aber damit allein wäre die negative Wirkung noch nicht einmal hinreichend beschrieben, die die öffentliche Resonanz des Club of Rome bereits ausgeübt hat und die sie ausüben konnte, weil die Linksparteien seine Appelle entweder verwarfen oder, falls sie sie aufgriffen, nicht mit revolutionären Losungen zu verknüpfen wußten. Seit dem Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre bereitet der Monopolkapitalismus, bereiten namentlich die multinationalen Konzerne eine neue Welle der Kapitalverwertung vor, die eine tiefgreifende Umstrukturierung des gesamten Produktionspotentials verlangt. Die ökologische Krise weist die Richtung, in der sie sich bewegen soll. Die ungeheuren Kosten wälzen die Multis teils durch ihre Preistreibereien, teils über die aus Steuergeldern gespeisten Staatshaushalte auf die werktätigen Massen ab. Daher in der momentan akuten Krise die bisher in der Geschichte einzig dastehende Kombination wachsender Arbeitslosigkeit mit wachsender Geldentwertung, «Stagflation» genannt, zusätzlich flankiert von der dreisten Forderung des Kapitals an die Regierungen, die Konjunktur mit staatlichen Investitionsbeihilfen wieder anzukurbeln. 

In dieser Situation hat der Club of Rome, indem er aus seinen hypothetischen Prognosen solche fundamentalen Komponenten der zukünftigen Weltentwicklung wie den Gegensatz von Kapitalismus und Sozialismus, wie den Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat ausklammerte, bei den Massen die Stimmung erzeugen helfen, in der ihre Bereitschaft wuchs, Opfer zu bringen — Opfer vermeintlich für den Umweltschutz, die Schonung der natürlichen Ressourcen, die Hilfe für die hungernde Dritte Welt, in Wahrheit für die Ausrüstung des Kapitalismus mit einem neuen Produktionsapparat, nachdem die Möglichkeiten des alten erschöpft sind, weiteres Absinken der Profitrate zu vermeiden. Aus zwei Gründen werden diese Opfer, weil für den Kapitalismus erbracht, völlig sinnlos sein. Einmal ist keine technologische Entwicklung und keine Erschließung neuer Energiequellen denkbar, durch die dieses System befähigt werden könnte, die bis zur Lebensgefährlichkeit gestörte Beziehung von Mensch und Natur, Gesellschaft und Biosphäre in eine auf Dauer gestellte Harmonie zu überführen. Dazu müßte der Konsum erst aufhören, als Absatzmarkt zu fungieren, Mittel zur Realisierung des Mehrwerts zu sein, dazu müßten die Gebrauchswerte ihre Warenform abstreifen, und das wäre Kommunismus.

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Zum anderen würde die Umstrukturierung des Produktionspotentials, wenn sie bei Aufrechterhaltung des kapitalistischen Weltmarktes und seiner Gesetze erfolgte, den Abstand zwischen den industrialisierten und den unterentwickelten Regionen des Erdballs noch vergrößern, die Länder der Dritten Welt durch gesteigerte Konkurrenzunfähigkeit in noch schrecklicheres Elend stürzen und somit den Nord-Süd-Konflikt eminent verschärfen. Den Weltmarkt abschaffen, ihn durch ein globales System gerechter Verteilung von Gebrauchswerten, nach dem Grundsatz der Gleichheit, ersetzen könnte aber wieder nur der Kommunismus.

Duve: Warum wären dann aber nach Ihrer Meinung McNamara, Herman Kahn und der Bundesverband der Deutschen Industrie gegen den Club of Rome? Wie Sie die Dinge jetzt darstellen, müßten sie ihm dankbar sein.

Harich: Fragen Sie sie doch einmal, ob sie ihm nicht dankbar dafür sind, daß er wenigstens davon Abstand genommen hat, seine Appelle durch den Ruf nach Verwirklichung des Kommunismus zu ergänzen. Sie werden die Antwort erhalten: «Natürlich, das erkennen wir an! Aber die Forderung des Nullwachstums stört uns.» Und warum stört sie diese Herren so sehr? Weil gerade die neue Kapitalverwertungswelle einen ungeheuren Aufschwung des Wachstums nach sich ziehen soll und weil die Massen, während sie zur Kasse gebeten werden und bereitwillig den Gürtel enger schnallen, gleichwohl die Hoffnung in sich wachhalten sollen, daß die nächste große Konjunktur ihnen sowohl üppigen Konsum bei Vollbeschäftigung als auch, dank der neuen Technologien und Energiequellen, Schutz der Natur nebst unerschöpfbaren Ressourcen bieten werde. Daher bedurfte die plötzliche Panikmache der gleichzeitigen Ergänzung durch die fortdauernde Verbreitung der alten wachstumsfetischistischen Illusionen. Und neuerdings haben diese wieder Oberwasser. Denn die Notwendigkeit des Umweltschutzes wird jetzt von der Bevölkerung allgemein akzeptiert, und die Ölkrise sorgt, viel gründlicher, als alle Appelle des Club of Rome dies tun könnten, dafür, daß auch der Gedanke an die Unentbehrlichkeit neuer Energiequellen nicht mehr aus dem Bewußtsein der Öffentlichkeit verschwindet. Das genügt. Mehr wäre zuviel. Der Club hat somit seine Schuldigkeit getan, er kann wieder abtreten. 

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So erklärt sich das Herunterspielen der Bedeutung seiner Westberliner Tagung vom Oktober 1974, so der massive Angriff von Kludas auf ihn im Fernsehen, so vielleicht — wir wollen es nicht hoffen — auch die neue, weniger anstößige Parole vom «organischen Wachstum», zu der er selbst sich inzwischen durchgerungen hat. 

Jetzt ist dem Monopolkapital daran gelegen, daß die Einsicht in die Notwendigkeit umweltschützender Maßnahmen möglichst allgemein, verschwommen und inkonsequent bleibt — damit die profitablen Errungenschaften, die man auf dem Energie- und technologischen Sektor einzuführen gedenkt, nicht genauer unter die Lupe genommen, nicht als unzulänglich oder gar als Quelle neuer Gefahren erkannt werden —, daß ferner das Nullwachstum aus dem Bewußtsein schnell wieder verdrängt wird und daß, vor allem, dieses Postulat nicht, mit expliciten antikapitalistischen Schlußfolgerungen verknüpft, ins Waffenarsenal der Linken übergeht, ein Verhängnis, das sich in der Argumentation Sicco Mansholts und Jochen Steffens, in Enzensbergers «Kursbuch 33», in sowjetischen Veröffentlichungen wie dem Buch von Fjodorow, in der Solidarisierung des größten lebenden Sowjetwissenschaftlers, Pjotr Kapizas, mit Mansholt usw. deutlich abzuzeichnen beginnt. 

Der Kapitalismus will nicht die Naturbasis der Gesellschaft retten, er will sich selber retten, und dazu braucht er Wachstum, d. h. Kapitalakkumulation, die aus den Schwierigkeiten der ökologischen Krise Profit herauswirtschaftet, und wenn die Menschheit dabei zugrunde geht. 

Duve: Immerhin hätte der Club of Rome, wenn Ihre Auffassung der Sache zutrifft, in der Phase seiner größten Popularität, 1972/73, sich in ein Spiel mit verteilten Rollen hineinziehen lassen. Hinter seinen Aktivitäten verbarg sich eine Strategie, die ihm in diesem Spiel die Rolle des plötzlichen Panikmachers zugewiesen hätte, während gleichzeitig McNamara, Herman Kahn, der BDI usw. die Kontinuität der alten Illusionen aufrechterhielten. 

Harich: Ich glaube nicht an ein Zentralkomitee der Großbourgeoisie, das den Beschluß faßt, ein derartiges Spiel zu inszenieren, und dann an Gruppen von Wissenschaftlern entsprechende Aufträge erteilt. Noch weniger glaube ich, daß die dem Club of Rome angehörenden Wissenschaftler bereit wären, solche Aufträge zu erfüllen. 

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Vielmehr: McNamara und Kahn haben das Nullwachstum verdammt, weil ihre mit den Grundinteressen der Bourgeoisie koinzidierende Gesinnung sich gegen diesen Vorschlag aufbäumte. Und der Club of Rome hat Nullwachstum gefordert aus echter Besorgnis um die Zukunft der Menschheit, wobei die bürgerliche Ideologie, in der seine meisten Mitglieder befangen sind, ihn daran hinderte, in seine Warnungen eine klare Aussage gegen den Kapitalismus aufzunehmen, ja die antikapitalistischen Konsequenzen seines Entwurfs überhaupt zu ahnen. So hat das Spiel mit verteilten Rollen sich von selbst ergeben, spontan. Es brauchte von niemandem inszeniert zu werden. Denn der Club of Rome setzt sich aus Vertretern unterschiedlicher Weltanschauungen und politischer Richtungen zusammen. Es sind auch einige Linke dabei. Ich denke jetzt nicht nur an Schaff und die Jugoslawen. 

Nehmen Sie z. B. die Broschüre von Aurelio Peccei und Manfred Siebker («Die Grenzen des Wachstums. Fazit und Folgestudien», Reinbek 1974, rororo sachbuch 6905). Da wird die Frage aufgeworfen, ob nicht «eine Senkung des Lebensstandards selbst in den industriellen Ländern mit schweren Belastungen für die benachteiligten Gruppen der Gesellschaft verbunden sein» werde. 

Die Autoren antworten: «Das trifft für eine rein kapitalistische Gesellschaft zu. Man muß dann allerdings die Frage stellen, ob eine Gesellschaft, deren Hauptmotiv der materielle Profit ist, in einer homöostatischen Welt überhaupt noch einen Platz haben kann.» Dann wird Stellung genommen zu dem Einwand von Leonard Silk, daß «Wachstum seit seinem Ursprung im späten Mittelalter ein Charakteristikum des Kapitalismus gewesen und es zweifelhaft» sei, «ob die persönlichen und unternehmerischen Freiheiten in einer Welt des Nullwachstums gewahrt bleiben könnten»

Siebker und Peccei erwidern darauf: 

«Das ist richtig. Die persönliche Freiheit hat sich in der Vergangenheit als Schlagwort erwiesen, das sich glänzend zur Einführung und Aufrecht­erhaltung von Sklaverei und Ausbeutung eignete. Es eröffnete den Starken, den Gewissenlosen und den Privilegierten alle Möglichkeiten, während es die Benachteiligten, die Integeren und die Unterprivilegierten nicht nur der Willkür, sondern auch der Verachtung preisgab. Wie ist es heute? Gleiche Freiheit für alle sollte unser Ziel sein. Aber optimale persönliche Freiheit für alle muß zwangsläufig Freiheit in den Grenzen sozialer Verantwortung bedeuten, eine Einschränkung, die nur auf den ersten Blick negativ erscheint.»

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Solche Gedanken tauchen im Club of Rome also auch auf, und immerhin werden sie in diesem Fall u.a. von dem Initiator, von Peccei, diesem so verdächtigen Konzernmanager, geäußert. Die Mehrheit der Mitglieder besteht aber aus Intellektuellen, denen sozialistische Gedankengänge fernliegen, aus Liberalen, Konservativen und gänzlich Unpolitischen. Nur eines verbindet sie alle: die Sorge um das Überleben der Menschheit, das sie durch die Bevölkerungs­lawine, die Umweltzerstörung, die Erschöpfung der natürlichen Ressourcen, die drohende Welternährungskrise, das Wettrüsten in Frage gestellt sehen. 

Auf die Erforschung dieser Probleme und die Erarbeitung von Vorschlägen, wie sie gelöst werden könnten, konzentrieren die Mitglieder sich. Dabei setzen sie, um die Verständigung untereinander nicht unnötig zu stören, ihre politischen, religiösen, philosophischen Meinungsverschiedenheiten beiseite, was im Prinzip sogar gut ist. Aber hier — nicht in irgendwelchen betrügerischen Absichten — ist auch das erste Motiv für die Ausklammerung der Klassenfrage zu suchen, die übrigens bürgerlichen Ideologen bekanntlich sowieso, ohne daß sie eigens dazu beauftragt werden müßten, sie zu verschleiern, nicht als schlechthin zentral zu erscheinen pflegt. 

Hinzu kommt das Bestreben des Clubs, die Lösungsvorschläge, auf die seine Mitglieder sich geeinigt haben, möglichst an sämtliche Regierungen, Parteien, Organisationen, Kirchen usw. in der ganzen Welt heranzutragen, um sie alle, unterschiedslos, zu Maßnahmen zu bewegen, die der Rettung der Menschheit vor dem Untergang dienlich sein können. Keiner der Adressaten soll dabei durch Angriffe auf sein Gesellschaftssystem, seine Staatsdoktrin, seine Gesetze und sittlichen Normen vor den Kopf gestoßen werden. Alle werden respektiert, alle mit gleicher Loyalität und Freundlichkeit umworben. Antikommunistische Hetze entfällt, Entlarvung imperialistischer Machenschaften desgleichen. Auf diese Weise verschwinden die Klassenfragen vollständig, und das ist eben gar nicht mehr gut. 

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Es sei «die Tradition des Club of Rome», sagen Peccei und Alexander King, «im laufenden politischen Geschäft unserer Tage keine Partei zu ergreifen.» Ich bin überzeugt, daß dies aufrichtig so gemeint ist, wie es dasteht, daß es sich um keine Heuchelei handelt, daß auch nichts Bösartiges dahintersteckt, aber es ist nun einmal durch und durch bürgerliche Ideologie, und die fügt sich immer in irgendwelche Strategien des Kapitals ein, woraus sich im vorliegenden Fall objektiv die eben beschriebenen Folgen ergeben haben.

 

Duve: Nun zählen lautere Absichten in der Politik nicht viel. Entscheidend ist, was herauskommt. Und Kommunisten, das weiß man doch, neigen besonders dazu, «objektiv Schuldige» zu bekämpfen. 

Harich:  Erstens kommt es darauf an, von welchem Standpunkt aus man den Club of Rome bekämpft und was man ihm entgegensetzt.

Wenn man die Gefahren, auf die er eindringlich hingewiesen hat, bagatellisiert durch verantwortungsloses Geschwätz über noch unentdeckte Rohstoff­vorkommen, über rein technologische Lösungen, mit denen sich ein ausreichender Umweltschutz bewerkstelligen ließe, über die Möglichkeit, ungenutzte Anbauflächen unter den Pflug zu nehmen, über die angebliche Harmlosigkeit von Kernreaktoren, und wenn man gleichzeitig unaufhörlichem Wirtschafts­wachstum das Wort redet, dann hilft man selber und erst recht eine Ideologie verbreiten, die den Interessen der Konzerne Vorschub leistet, und zwar nicht nur für zwei, drei Jahre, sondern auf Dauer. 

Bekämpfen muß man am Club of Rome etwas ganz anderes: daß er, aus den eben beschriebenen Motiven, die Klassenfragen ausgeklammert und damit sein Teil dazu beigetragen hat, Verwirrung zu stiften. Hinweisen muß man seine Mitglieder z.B. darauf, daß es auf der Linie, die von Forrester-Meadows' Studie zu der von Mesarovic-Pestel führt, läge, die begonnene Konkretisierung nun endlich bis zu der Frage voranzutreiben, welche gesellschaftlichen Kräfte auf Grund ihrer objektiven Interessenlage am ehesten bereit sein könnten, den in beiden Studien enthaltenen Vorschlägen zum Durchbruch in der Politik zu verhelfen, und welches der koexistierenden Gesellschaftssysteme über die größeren Potenzen verfügt, der ökologischen Krise Herr zu werden. 

Aber vielleicht will der Club of Rome diese Fragen nicht aufwerfen, geschweige beantworten, weil das gegen sein Prinzip verstieße, «im laufenden politischen Geschäft unserer Tage keine Partei zu ergreifen».

Sollte es sich so verhalten, dann würde ich zweitens sagen: Wie käme dieses notorisch bürgerliche Gremium auch dazu, uns Marxisten die Aufgabe abzunehmen, aus den Wahrheiten, die es ans Licht bringt, kommunistische Konsequenzen zu ziehen? Dazu sind wir ja da! Was erwarten wir eigentlich? Soll der Club of Rome uns über die welthistorische Mission der Arbeiterklasse belehren? Soll er uns darüber aufklären, daß der Kommunismus die Kraft besäße, mit tödlichen Krisen fertig zu werden? Das sind Dinge, die wir wissen müssen, und an uns liegt es, sie den Massen jetzt so zu vermitteln, daß ihnen ein realer, nicht-illusorischer Ausweg aus dem derzeitigen Schlamassel gezeigt wird. Wir klammern die Klassenfragen ja nicht aus. Wir stellen sie in den Mittelpunkt unserer Analysen. Und sobald wir das tun, streifen die Warnungen des Club of Rome, von uns aufgegriffen, ihre bürgerlich-ideologische Hülle ab, hören sie auf, für jene Panikmache brauchbar zu sein, die im Wechselspiel mit dem Illusionismus der Wachstumsapostel die neue Welle der Kapitalverwertung vorbereiten sollte. 

Den Club zu entlarven und zu bekämpfen wären wir dann verpflichtet, wenn er die Grenzen, die er sich selbst gesetzt hat — und die wir getrost als seine Grenzen respektieren können —, unter dem Druck der Bourgeoisie in einer Richtung überschritte, die zur Verfälschung seiner eigenen Resultate, zum Widerruf der von ihm erzielten Einsichten führt. Widersteht der Club dieser Versuchung, so sollten wir, im vollen Bewußtsein des nur begrenzten Werts seiner Aussagen, jedes Argument, das er vorzubringen hat, jeden Vorschlag, den er unterbreitet, sorgfältig prüfen, an unseren philosophischen, historischen, sozialen und politischen Maßstäben messen und, wenn er sich für die Sache der Arbeiterklasse als nutzbringend erweist, in unser Programm einbauen.

Hassenswert ist nicht der Club of Rome, wenn er zum Schutz der Biosphäre, zur Schonung der Ressourcen aufruft. Hassenswert ist die Bourgeoisie, die daraus auf ihre Weise Kapital geschlagen hat. Was ihr der Club natürlich leichtmachte, was wir ihr aber noch leichter machen, wenn wir seine Warnungen in den Wind schlagen, mit dem Erfolg, daß es das Privileg der Bourgeoisie bleibt, auf sie ihre Strategien abzustimmen.

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