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Zur Einführung

 

von Freimut Duve 1975

 

 

 

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Erst die — von vielen als «Zeitenwende» empfundene — Energiekrise hat die Debatten um wirtschaftliches Wachstum, um die Endlichkeit unserer natür­lichen Ressourcen in die politische Dimension umschlagen lassen. Erst als deutlich wurde, daß die Endlichkeit des Rohstoffes Erdöl schon Jahrzehnte vor ihrem eigentlichen Eintreffen gewaltige politische Prozesse in Gang setzen würde, befleißigten sich auch politische Publizisten apokalyptischer Deutungen, die sie zuvor den <Weltuntergangsaposteln> von Commoner bis zum Club of Rome überlassen hatten. 

Allenfalls der Papst oder Staats­oberhäupter, ohnehin eher auf das Über­zeitliche beschränkt, äußerten sich hin und wieder sorgenvoll über die trüben Gesamt­aussichten der Menschheit.

Endzeitwarnungen haben jedoch auch nach der Ölkrise keinerlei konkrete politische Schritte in Gang gesetzt. Nach wie vor findet Wirtschaftspolitik aller Staaten — ohne Ausnahme — statt, als hätte es die Studien des Club of Rome etwa nie gegeben. Im Gegenteil, unter dem Eindruck wirtschaftlicher Rezession, bei geradezu erzwungener Tendenz des Wachstums, sich auf die Nullzone hin zu bewegen, haben sich die Wirtschaftspolitiker wieder eines Besseren besonnen. Heute ist es schon sehr viel leichter als vor noch drei Jahren, einen engagierten Umweltschützer als irregeleiteten dummen August hinzustellen. Die Verächtlich­machung der Bürgerinitiativen gegen Atomkraftwerke zeigt dies ganz deutlich.

All das trifft gewiß auch auf die führenden Politiker des kommunistischen Lagers zu. Wie nie zuvor suchen sie wirtschaftliches Wachstum mit Hilfe westlicher Firmen anzukurbeln. Selten hatte man wachstumskritische Stimmen von staatlich offiziöser Seite im Ostblock gehört, ganz umgekehrt: Mit "Pestpredigern des ausgehenden Mittelalters" hat der DDR-Philosoph Hermann Ley Autoren verglichen, die, ähnlich dem Club of Rome, vor weiterem Wirtschafts­wachstum warnen. wikipedia / Hermann_Ley 1911-1990 ) 

Andere Gesell­schafts­wissen­schaftler aus östlichem marxistischen Lager urteilen ähnlich — bei westlichen Marxisten ist alles Gerede um die Wachstums­krise vollends verwerflich und nur Ausdruck kapitalistischer Manipulation. Wachstumspolitiker in West schienen sich mit ihren Kollegen in Ost einig, daß die Diskussion um Grenzen eine kleinbürgerliche Tagesmode sei. Anders sowjetische Natur­wissenschaftler.

Harich diskutiert vom Standpunkt des marxistischen Philosophen ausführlich die ökologischen Besorgnisse, wie sie von führenden sowjetischen Natur­wissen­schaftlern vorgetragen werden. Er weist auf eine in der letzten Konsequenz tiefe Meinungs­verschiedenheit zwischen sowjetischen Naturwissen­schaftlern und marxistischen Gesellschafts­wissen­schaftlern hin. Er selber äußert sich leidenschaftlich und wohl als erster marxistischer Philosoph nahezu unein­geschränkt zustimmend zur Wachstums­begrenzung. Und zum erstenmal bricht ein Marxist der DDR in die Tabuzonen aller orthodoxen Marxisten ein: Unter den Endzeit­problemen unserer Zeit seien drei Dinge neu zu überdenken, und zwar rasch und ohne Verzug:

  1. Es sei nicht mehr ausgemacht, daß die derzeitige kommunistisch-sozialistische Welt als erste den Übergang zum Kommunismus schaffe. Dies könne ebenso im Westen geschehen. Denn aus ökologischen Gründen sei dieser Übergang hier sehr viel dringender geboten.

  2. Der bislang vorgestellte Kommunismus — als allmähliches Absterben des Staates — müsse endlich als Utopie entlarvt werden. Die Endzeit­bedingungen machten diesen — anarchistischen — Teil der kommunistischen Zukunftsgewißheit obsolet. Nunmehr gehe es um einen starken, hart durchgreifenden Zuteilungsstaat, der sich — wohl auf ewig — auf ein wachstumsloses ökonomisches Gleichgewicht im Interesse der Erhaltung der Biosphäre einpendeln werde.

  3. Dieser asketische Verteilungsstaat sei einzig in der Lage — weltweit —, die drohenden ökologischen und Versorgungs­gefahren zu bannen, in denen wir uns schon mittendrin befinden.

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Harich greift hier auf die radikale Verschwörung zur Gleichheit des Gracchus Babeuf zurück. Harich sagt es nicht, aber die Konsequenz seiner Endzeitutopie ist gewiß der totale Polizeistaat globaler Versorgung, den er offenbar bejaht. Bei dieser erschreckenden Vision fällt dreierlei auf:

  1. Die Fixierung auf die eine Institution «Club of Rome», als handele es sich hier um eine Firma oder fest gefügte Organisation. Das mag im Denken des einst an der Partei geschulten Kommunisten gründen. Thesen, Pläne, Warnungen und Vorschläge können für ihn immer nur von Organisationen kommen. Ihnen gegenüber müssen Standpunkte erarbeitet, Haltungen eingenommen, Stellungen bezogen werden.

  2. Der Glaube an die Wissenschaftlichkeit der Erkenntnisse, an die Institution Wissenschaft, die in der Lage sein müsse, die genauen Daten anzugeben, die die globale kommunistische Versorgungs­gesellschaft zum Funktionieren braucht.

  3. Und schließlich die Vorstellung, daß überhaupt eine globale Machbarkeit irgendwelcher Vorgänge zu erreichen sei.

Die Erkenntnis globaler Probleme scheint den Menschen keineswegs zu befähigen, zugleich nun auch globale Lösungsvorschläge durchzusetzen. Zwei Beispiele mögen dies erläutern. 

Sollte einer der notwendigen Schritte zu einer globalen Lösung sein, daß alle Menschen nur eine einzige Sprache sprechen, so würde es immerhin — bei der gleichen Ausbreitungs­geschwindigkeit, die das Englische in den letzten zweihundert Jahren erreicht hat — noch einmal achthundert Jahre dauern, bis alle Menschen (die heutige Anzahl angenommen) Englisch erlernt hätten. 

Sollte es nötig sein, daß auch nur alle amerikanischen Häuser mit einem bestimmten billigen Typus von hauseigenem Sonnenkraftwerk ausgestattet würden, so dauerte auch dieser Austauschprozeß auf Sonnen­energie für alle Häuser der USA nahezu einhundert Jahre — bei Nutzung aller gegenwärtig vorhandenen Baukapazität der USA für nur diesen einen Zweck. 

Hinzu kommt, daß der Mensch weit unfähiger zu sein scheint, komplexe Problemlösungen nicht nur zu planen, sondern auch konkret durchzuführen, als bislang angenommen wurde. Zwei Gießener Psychologen haben festgestellt, daß selbst in einem kleinen überschaubaren Gebiet die Lösungsversuche bei komplexen Problemlagen stets dazu führen, durch die Beseitigung eines Problemfeldes gleich ein oder zwei neue aufzutun (Spiegel, Nr. 21, 1975, S. 135).

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Die Freiheit, Einsicht zu haben in globale Notwendigkeiten — wie Harich sie sieht —, ist keine mehr. Das absolute Gleichheitspostulat — durchgeführt als asketische «Revolution der sinkenden Erwartungen» (Karl W. Deutsch) — müßte den Zuteilungs­bürokratien eine unumschränkte Herrschaft verleihen, die auch den Anspruch der Verteilungs­gerechtigkeit zunichte machen würde.

Ob allerdings die (westliche) Hoffnung auf eine freiheitliche Lösung der Verteilungskämpfe bei Nullwachstum Aussicht auf Erfolg hat, scheint auch dem optimistischen Demokraten fraglich. Die Verwaltung des Mangels wird in jedem Fall den Verwaltern die eigentliche Macht geben. Harichs Hoffnung auf den Kommunismus übersieht die Herrschaftsformen auch der asketisch-kommunistischen Diktatur Babeufschen Zuschnitts.

Wobei beide Gesprächspartner die gewiß wesentliche Frage außer acht ließen, ob nicht die politische Reaktion auf globale Bedrohungsdaten, lokale partizipa­torische Politik sein müsse, ob nicht globale Erkenntnisse, die Politik der kleineren womöglich kleinsten Einheit nach sich zögen; mit allen Konsequenzen: Drosselung des Weltmarktes, zunehmendes Autarkiestreben etc. Wir haben uns vorgenommen, dieses zu einem späteren Zeitpunkt zu diskutieren.

Bei aller Kritik also, die der Interviewer an Harichs Asketismus üben muß, überwiegt die Anerkennung, daß sich hier ein marxistischer Philosoph nicht einfach über unsere Wachstums­diskussionen hinwegsetzt, daß er sich nicht scheut, die auf Wirtschafts­wachstum nach wie vor eingeschworenen Ideologen des eigenen Lagers scharf zu kritisieren. Er möchte dazu beitragen, daß sich auch dort ein schärferes Problembewußtsein herausbildet. 

Eben dieses ausgeprägte Problembewußtsein bei Harich selbst machte unsere — auch beim Interview unvermeidlichen — Auseinandersetzungen fruchtbar. Es zeigte sich jedoch ebenfalls, wie unversöhnlich die Gegensätze zwischen freiheitlicher Lösung, die wir anstreben, und Harichs autoritär-kommun­istischen Vorstellungen auch bei Fragen sind, die das Überleben der Menschheit betreffen.

Ein wichtiges Verdienst gebührt Harich, auch wenn man seine Babeufschen Schlußfolgerungen ablehnt: Er zeigt auf, wie stark die Einschätzung unserer globalen Zukunft durch marxistische Naturwissenschaftler differiert von der marxistischer Gesellschafts- oder Wirtschafts­wissen­schaftler.

Seit über zwei Jahren habe ich mit Wolfgang Harich bei gelegentlichen Besuchen über die Wachstumsfrage diskutiert. Sechs Interviews des vorliegenden Bandes sind ein Teil dieser Gespräche, von uns seit Oktober 1974 teils nach Notizen, teils nach dem Gedächtnis aufgeschrieben und gemeinsam redigiert. Sie werden in der vorliegenden Form veröffentlicht, da Wolfgang Harich auf Grund einer schweren Herz­erkrankung und der Anordnungen des Arztes, die strenge Schonung verlangen, sich nicht in der Lage sieht, den Text so zu bearbeiten, wie es seinen eigenen Qualitäts­ansprüchen entsprochen hätte. So ist denn auch das geplante siebte Interview zu den Briefen (S. 171) an mich verkürzt worden, die lediglich die wichtigsten Grundgedanken darlegten, die noch ausführlich zu diskutieren wir vorhatten. Er hat mich gebeten, dieses zur Einführung darzulegen. Er hält die Sache — die Auseinandersetzung mit den «Wachstums­fetischisten» aller Lager — für so dringlich, daß er baldige Veröffentlichung wünschte.

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Hamburg, Juni 1975, 
Freimut Duve 

 

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