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1  Dialektischer Materialismus und Ökologie

 

Fragesteller: Freimut Duve 

 

 

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1) Vor einem halben Jahr, Anfang April 1974, wollten Sie mit Arnold Gehlen und Rudolf Augstein ein öffentliches Streitgespräch führen. Thema: <Risiken und Chancen der Zukunft: die ökologische Krise als Geschichtswende>. Das Gespräch fand nicht statt. Es wurde wohl durch eine Voreiligkeit des Westdeutschen Rundfunks und eine Überempfindlichkeit der DDR verhindert. 

Warum beschäftigt sich ein marxistischer Literaturhistoriker mit Fragen der Wachstumskrise? Und was ist sein Standpunkt gegenüber der Forderung nach einem globalen differenzierten Stopp des Prozesses der "Entfaltung der Produktivkräfte"?

Harich:  Mein Interesse an der Ökologie reicht bis 1948 zurück. Ich war damals Philosophiestudent, Nebenfach Germanistik, und verdiente mir gleichzeitig mit journalistischer Arbeit, als Kritiker, meinen Lebensunterhalt. Da beschloß die SED, der ich als Mitglied angehörte, in die Universitäts­lehrpläne der SBZ, der späteren DDR, Vorlesungszyklen über marxistische Philosophie aufzunehmen. Einige philosophisch versierte Genossen, darunter ich, wurden auf einem Dozentenkurs der Parteihochschule auf diese Aufgabe vorbereitet. Danach erhielten wir entsprechende Lehraufträge, ich an der Pädagogischen Fakultät der Humboldt-Universität, fast drei Jahre vor meiner Promotion. Den Stoff trugen wir unter Zugrundelegung von Stalins Traktat <Über dialektischen und historischen Materialismus>, von 1936, vor.

Stalins lapidare Thesen erläuterten wir anhand von Beispielen aus den verschiedensten Wissensgebieten, wobei wir uns, den Intentionen der Partei folgend, darum bemühten, auch den Naturwissenschaften - nach "neuestem Erkenntnisstand" versteht sich - Rechnung zu tragen. Für einen Schöngeist wie mich, einen Theaterkritiker, war das ziemlich lästig, zumal ich den Ehrgeiz hatte, den "neuesten Erkenntnisstand" nicht ausschließlich aus dem <Anti-Dühring> und der <Dialektik der Natur> von Friedrich Engels zu beziehen. 

Aus der Zeit vor meiner Hinwendung zum Marxismus war ich zwar, durch die Ontologie meines Lehrers Nicolai Hartmann, grundsätzlich darauf vorbereitet, im Rahmen philosophischer Systematik u.a. auf Grundlagenprobleme der Naturwissenschaften einzugehen. Doch mir lag das nicht sehr, und so werden meine Vorlesungen streckenweise sicher dilettantisch gewesen sein. Was ich den Zuhörern damals aber auch beigebracht haben mag, meiner eigenen Entwicklung gereichte es zum Vorteil, daß ich mit 24 Jahren ein mathematisches und naturkundliches Schulwissen wieder auffrischen mußte, das sonst meinem Gedächtnis für immer entschwunden wäre. Auf bestimmten Gebieten, besonders in Physik, Astronomie und Biologie, gewann ich neue Kenntnisse hinzu. 

  wikipedia / Ontologie    wikipedia / Nicolai_Hartmann 1882-1950 

2) Ökologische Kenntnisse in der Biologie? 

Harich: Nicht nur. Für die Erläuterung des Entwicklungsgedankens erwies die Abstammungslehre sich als ergiebiger. Aber in der organischen Natur mußte ich halt auch nach Beispielen fahnden, die geeignet erschienen, Stalins "ersten Grundzug der materialistischen Dialektik" zu erhärten, und hierbei bin ich auf die Ökologie gestoßen, von der ich bis dahin nie gehört hatte. Es galt, detailliert die These zu begründen, daß "die Natur ein zusammenhängendes einheitliches Ganzes" ist, in welchem "die Dinge und Erscheinungen miteinander organisch verbunden sind, voneinander abhängen und einander bedingen". Auf physikalischer Ebene ließ sich dies anhand der dynamischen Gefüge im kosmischen wie im atomaren Bereich demonstrieren. Die biologischen Bestätigungen jedoch fand ich in der "Pflanzensoziologie" von Du Rietz, in Wohlfahrts "Waldkunde", Baloghs "Grundzügen der Zoozönologie" und in einer Abhandlung von Thienemann, "Der See als Lebenseinheit". 

Indes las ich diese Werke, so sehr sie mich fesselten, noch nicht unter den heute aktuellen Gesichtspunkten. Ihnen Argumente für die Notwendigkeit umweltschützender Maßnahmen zu entnehmen, gar apokalyptische Geschichtsprognosen aus ihnen abzuleiten, wäre mir nicht im Traum eingefallen. Mich interessierte an der Ökologie zunächst etwas anderes ...

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3) Sie wollten herausfinden, daß ausgerechnet Stalin recht hatte?

Harich: Das ohnehin. Nein, als angehenden Philosophiehistoriker interessierte mich das Schneckentempo, mit dem die empirische Naturforschung sich erst im 20. Jahrhundert an Zusammenhänge herangetastet hatte, die im Prinzip bereits Hegel, dank der Kraft seiner spekulativen Dialektik, geläufig gewesen waren. Ich meine die Ausführungen über Kausalität und Wechselwirkung, die in der "Wissenschaft der Logik" stehen; namentlich Hegels Kritik an dem, was wir heute "lineare Kausalität" und "monokausales Denken" nennen, und sein Dringen darauf, jedesmal die konkrete Totalität auf den Begriff zu bringen.

Stalins "erster Grundzug" ist ja nichts anderes als eine populäre Vereinfachung und Vergröberung dieser Totalitäts-Kategorie. Wer die im Kopf hat und sie überdies materialistisch zu fassen sucht, wird, sobald er Ökologie zu studieren beginnt, entdecken, daß sämtliche Öko-Gefüge — die Biotopoi, die Biozönosen, die Holocoen — "konkrete Totalitäten" im Hegelschen Sinne sind, daß mithin für sie mutatis mutandis dasselbe gilt wie für die gesellschaftlichen Totalitäten, auf die sich der historische Materialismus bezieht. Ich sage: mutatis mutandis; der qualitative Unterschied zwischen organischer Natur und gesellschaftlichem Sein darf selbstredend nicht übersehen werden. Aber dann gibt es da auch noch das Umschlossensein der Gesellschaft im ganzen von der Totalität der Natur...

 

4) Das waren Erkenntnisse des Jahres 1948. Wann ist Ihnen die futurologische Dimension der Ökologie aufgegangen? Und wodurch?

Harich: Genau zehn Jahre später durch zwei Bändchen von Rowohlts <Deutscher Enzyklopädie>, die meine Mutter mir in den Strafvollzug schicken durfte: "Leben und Umwelt" von dem mir bereits bekannten August Friedrich Thienemann und "Der Mensch und die Mikroben" von Hugh Nicol. Der große Limnologe Thienemann brachte mir jetzt erstmals Gedanken nahe, die mir früher im ökologischen Schrifttum, auch bei ihm selbst, nicht begegnet, jedenfalls nicht aufgefallen waren. Sie betrafen den Menschen als "überorganischen Faktor", der von seiner Naturbasis nicht nur getragen wird, sondern auf sie auch zurückwirkt — unter Umständen zerstörend.

Mir erschien dies im allgemeinen als glänzende Bestätigung der Aussagen des dialektischen Materialismus über die zwischen Natur und Gesellschaft obwaltenden Wechselbeziehungen, die Hartmann mit seiner Schichtentheorie so stark simplifiziert, und zugleich wurde ich im besonderen zum erstenmal darüber belehrt, daß auf unserem Planeten die organische Natur á la longue durch die industrielle Zivilisation und deren Agrikultur gefährdet sei. Bei der Lektüre des rde-Bändchens von Nicol sah ich mich obendrein noch mit dem Problem unserer Abhängigkeit von nichtregenerierbaren Roh- und Brennstoffen konfrontiert, deren Vorrat eines Tages erschöpft sein werde.

 

5) Beide Broschüren sind schon 1956 veröffentlicht worden. Konnten Sie ihnen bereits die Nähe der uns heute bedrohenden Gefahren entnehmen?

Harich:  Nein, die ist mir erst später ins Bewußtsein gerückt worden: 

  • durch G.Taylors <Doomsdaybook> 1970, 

  • durch das englische <Blueprint for Survival> 1972 

  • und am eindringlichsten durch die Kassandra-Rufe des Club of Rome 

  • MIT-Studie <The Limits to Growth> von Dennis Meadows 1972; 

  • <Menschheit am Wendepunkt> von M.Mesarovic und E.Pestel, 1974. 

Seit dem Bekanntwerden mit Taylors Buch lese ich kaum noch etwas anderes als Literatur zu diesen Fragen. 

 

6) Sind Ihnen dadurch, trotz Stalin als Ausgangspunkt Ihrer Studien, nicht inzwischen manche Aspekte des Marxismus fragwürdig geworden? Mir jedenfalls ist es so ergangen. Ich meine: "Marx hilft nur begrenzt, wo sich endgültige Grenzen bei der Entfaltung der Produktivkräfte auftun" (vgl. Editorial Technologie und Politik I). Was sagen Sie dazu?

Harich: Ihre Frage bedarf einer differenzierenden Beantwortung. Um mit den philosophischen Aspekten des Marxismus anzufangen, so werden die durch die Resultate der Ökologie in keinem Punkt in Frage gestellt, sondern, im Gegenteil, auf der ganzen Linie empirisch bestätigt und konkretisiert, wie ich das im Verlauf meines Bildungsganges als marxistischer Philosoph nach und nach erfahren habe.

7) Vielleicht hat sich bei Ihnen da eine Privatmeinung herausgebildet, mit der Sie sich von Ihrem Ausgangspunkt weiter entfernt haben, als Ihnen bewußt ist. Sind Sie sicher, daß Ihre Auffassungen mit der marxistisch-leninistischen Orthodoxie der kommunistischen Parteien in Einklang stehen?

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Harich: Die Schlußfolgerungen, die ich aus den ökologischen Befunden ziehe, dürften beim derzeitigen Stand der einschlägigen Diskussion noch umstritten sein. Aber meine prinzipielle Einstellung zur Ökologie ist so orthodox, wie man es sich nur wünschen kann. Gestatten Sie, daß ich mit ein paar Zitaten aufwarte.

"Die Ökologie", schreibt der französische Kommunist Guy Biolat, "ist durch das Studium der Wechselwirkungen zwischen den Lebewesen und den anderen Elementen der Natur zu einer echten Wissenschaft von der Ökonomie der natürlichen Systeme geworden. Sie liefert damit eine Arbeitsmethode, mit der sich untersuchen läßt, wie der Mensch die Organisation natürlicher Systeme zu seinem Vorteil orientieren kann. Man kann also zu Recht behaupten, daß die Entwicklung der Ökologie einem neuen, zutiefst dialektischen Herangehen an das Studium der Natur entspricht." Dies steht in dem Buch "Marxisme et environnement" (Paris 1973), das deutsch bald bei Dietz, im Parteiverlag der SED, erscheinen wird. 

Unter den jüngsten sowjetischen Publikationen zum Thema nenne ich Ihnen ein Werk, dem durchweg dieselbe Auffassung zugrunde liegt: "Die Wechselwirkung zwischen Natur und Gesellschaft" von E. K. Fjodorow (Leningrad 1972, deutsch Berlin 1974). Der Verfasser ist der Leiter der Hauptverwaltung Hydrometeorologischer Dienst beim Ministerrat der UdSSR. Ich darf Sie ferner auf die mehrtägige Round-table-Konferenz zum Thema "Mensch und Umwelt" aufmerksam machen, die im November 1972 in Moskau von der Redaktion der Zeitschrift "Woprossy filosofii" veranstaltet wurde; man hat sie, ungeachtet der Teilnahme hervorragender Koryphäen der Sowjetwissenschaft an ihr, im Westen leider kaum beachtet. 

In diesem "Club of Moscow" traten divergierende Auffassungen zutage. Aber alle Redner gingen von der selbstverständlichen Voraussetzung aus, daß der dialektische Materialismus die uneingeschränkte Bejahung der Ökologie impliziere. Und hier noch zwei Engels-Zitate, die aus einer Zeit stammen, als es die Ökologie noch nicht gab. 

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Wir werden, sagt Engels in der "Dialektik der Natur", "bei jedem Schritt daran erinnert, daß wir keineswegs die Natur beherrschen, wie ein Eroberer ein fremdes Gebiet beherrscht, wie jemand, der außer ihr steht, sondern daß wir mit Fleisch und Blut und Hirn ihr angehören und mitten in ihr stehen, und daß unsre ganze Herrschaft über sie darin besteht, im Vorzug vor allen ändern Geschöpfen ihre Gesetze erkennen und richtig anwenden zu können." 

Und in Engels' Schrift "Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen" heißt es einmal: "Gegenüber der Natur wie der Gesellschaft kommt bei der heutigen Produktionsweise nur der erste, handgreiflichste Erfolg in Betracht; und dann wundert man sich noch, daß die entferntesten Nachwirkungen der hierauf gerichteten Handlungen ganz andre, meist ganz entgegengesetzte sind." 

Fragen Sie G. R. Taylor, und er wird zugeben, daß dies kein unpassendes Motto für sein "Doomsdaybook" wäre. Aber es gibt in der Philosophie des Westens quasi-marxistische Richtungen, die im Rahmen ihrer Problemstellung und Systematik für ökologische Überlegungen keinen Raum lassen. Ich denke etwa an den späten Sartre (den frühen, rein existenzialistischen sowieso) oder auch, was die Bundesrepublik anbelangt, an die "kritische Theorie" der Frankfurter Schule. Horkheimer, Adorno, Habermas, Alfred Schmidt, Oscar Negt usw. haben in den fünfziger und sechziger Jahren die vorhin erwähnten rde-Broschüren von Thienemann und Nicol, obwohl es ihnen leichter gefallen wäre als mir, sie sich zu beschaffen, garantiert nicht gelesen; darauf könnte ich wetten. 

8) Was berechtigt Sie zu dieser Vermutung? 

Harich: Der Dogmenkatalog der "kritischen Theorie". Er gebietet, aus dem Marxismus die gnoseologische Abbildtheorie, die allgemeine Ontologie der Wirklichkeit und damit besonders die Naturdialektik zu eliminieren, zu welchem Zweck jedesmal ein angeblich authentischer Marx gegen das universal-philosophische Geistesinteresse von Engels und gegen die von Lenin präzisierte marxistische Erkenntnistheorie ausgespielt wird. 

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9) Ich wüßte nicht, daß irgendwo in der klassischen Literatur des Marxismus das Wort "Ontologie" vorkommt. 

Harich: Das Wort nicht. Es stammt von Christian Wolff und ist erst zu Beginn dieses Jahrhunderts von Hans Pichler, in bezug auf die Meinongsche Gegenstandstheorie, wieder in Gebrauch genommen worden. Aber die Sache kommt im Marxismus vor. Der dialektische Materialismus ist seinem Wesen nach eine Ontologie, und kein Geringerer als Georg Lukacs hat in seinen letzten Lebensjahren damit angefangen, sie konkret auszuarbeiten, nachdem übrigens ich ihn 1955 dazu angeregt hatte, sich mit den Werken Nicolai Hartmanns, mit dessen Ontologie, vertraut zu machen.

10) Wenn ich Sie recht verstehe, werfen Sie der Frankfurter Schule vor, daß sie den Marxismus auf eine bloße Gesellschaftstheorie einenge.

Harich: Genau das. Ich will jetzt nicht gegen die philosophischen Irrtümer polemisieren, die darin zum Vorschein kommen; sie gehen auf den frühen Lukacs, den Verfasser von "Geschichte und Klassenbewußtsein", sowie auf Karl Korschs "Marxismus und Philosophie" zurück, und der spätere Lukacs hat sie schon in den dreißiger Jahren gründlich überwunden. Ich will auch keinen der zahlreichen philologischen Beweise dafür heranziehen, daß die Frankfurter Vorstellungen über den authentischen Marx auf Unkenntnis, wenn nicht auf Unterschlagung bzw. Verfälschung klassischer Texte und Briefstellen basieren. All dies würde vom zentralen Gegenstand unseres Gesprächs zu weit wegführen. 

Doch gesagt werden muß, daß die "kritische Theorie" sich mit besagten Dogmen ein asylum ignorantiae geschaffen hat, das es ihr erlaubt, riesige Problembereiche der Philosophie — und zwar die Bereiche, die einseitig geisteswissenschaftlich gebildeten Intellektuellen nicht liegen — mit bestem Gewissen zu vernachlässigen. Sie kann es sich leisten, über den systematischen Ertrag des naturphilosophischen Erbes der Vergangenheit, von den Vorsokratikern bis Schelling, mit einem Achselzucken hinwegzugehen; sie braucht sich auf Auseinandersetzungen mit der Relativitäts­theorie, dem physikalischen Indeterminismus, dem Vitalismus in der Biologie u. dgl. gar nicht erst einzulassen; und ebenso bleibt ihr die Unbequemlichkeit erspart, zu den Befunden der Ökologie Stellung nehmen zu müssen. Der dialektische Materialismus ist da immer, selbst in Gestalt des primitiven, vulgären Zerrbilds, zu dem die Stalinsche Periode ihn zeitweilig depraviert hat, für ein viel breiteres Spektrum an Fragen offen gewesen, und das erweist sich heute, in Anbetracht der ökologischen Krise, als lebenswichtiger Vorzug.

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11) Einer der Väter der "kritischen Theorie", Herbert Marcuse, hat in den letzten Jahren ökologische Fragen in seine Kapitalismus-Kritik mit einbezogen, und Hans Magnus Enzensberger hat ihnen sogar ein ganzes Heft seines "Kursbuchs" gewidmet. Insofern finde ich Ihr pauschales Urteil etwas ungerecht.

Harich: Wenn der Gesellschaftskritiker, der politische Denker Marcuse Umweltverschmutzung anprangert - wofür man ihm dankbar sein muß -, dann heißt das noch lange nicht, daß seine Philosophie eine naturdialektische Dimension dazugewonnen hätte. Und nur darum geht es in einem Zusammenhang, in dem das Verhältnis des dialektischen Materialismus zur Ökologie zur Debatte steht. Was Enzensberger betrifft, so hat er sich Ende 1973 mit seinem "Kursbuch 33" große Verdienste erworben; das bestreite ich nicht, so sehr ich beanstande, daß es bei diesem einen Vorstoß geblieben ist. Aber die meisten Autoren des Hefts stehen der "kritischen Theorie" fern, und überall dort, wo deren Tendenzen sich, ausnahmsweise, doch geltend machen, da geschieht es zum Schaden der Sache. So, wenn beispielsweise die Romorens mit der durch nichts zu beweisenden Behauptung operieren, für den Marxismus sei es "ein Unding, von der Natur <als solcher> zu sprechen", da "der Mensch nur von dem sinnvoll reden" könne, "was er ergreifen, wozu er sich verhalten kann". 

12) Ist das so falsch?

Harich: Es ist anthropozentrisch gedacht und läuft erkenntnistheoretisch auf subjektiven Idealismus hinaus. Astronomie und Astrophysik reden durchaus sinnvoll von — sagen wir — der Sonne, ohne daß je ein Mensch die Sonne "ergriffen" hätte. Die Romorens teilen den gnoseologisch unhaltbaren Standpunkt der "kritischen Theorie", "der" Gegenstand — also jeder, auch die Sonne, auch der Andromeda-Nebel — werde erst durch sein Hineinverwickeltsein in menschliche Praxis konstituiert; wobei ihr Gebrauch des Wortes "sinnvoll" darauf schließen läßt, daß sie dieses Dogma auch noch positivistisch anreichern. Wahr ist das Umgekehrte: Die objektive, die an sich seiende Eigengesetzlichkeit der Natur "als solcher" bedingt, daß das Einwirken menschlicher Praxis auf sie, wo immer es vorkommt, gewollt oder ungewollt diese und jene Folgen zeitigt. Im übrigen hat Marx sich sehr wohl, häufig genug auf die Natur "als solche" bezogen. 

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13) Und Enzensbergers eigener Beitrag zu dem Heft? 

Harich: Den würde ich hervorragend, für die Linke in der Bundesrepublik geradezu bahnbrechend nennen, wenn nicht die einleitenden methodologischen Bemerkungen einer Warnung vor der Ökologie gleichkämen. Enzensberger will diese als Wissenschaft nur so weit gelten lassen, wie sie sich darauf beschränkt, ein Zweig der Biologie zu sein, d.h. die pflanzliche bzw. tierische Spezies in ihren Beziehungen zur anorganischen und organischen Umgebung zu erforschen. 

Durch die Einbeziehung des Menschen, meint er, sei die Ökologie in eine unabsehbare Kompetenz- und Methodenkrise gestürzt worden. Vollends hätte ihre "futurologische Deformation" einen schwer zu beschreibenden "Wirrwarr" heraufbeschworen. Bei der Vielfalt der von ihr synthetisierten Disziplinen könne keine Rede mehr davon sein, einen für sie kompetenten Personenkreis ausfindig zu machen. Ökologe sei "fortan im Grenzfall jedermann" usw. Das klingt, im Gegensatz zu den vorhin zitierten Worten Biolats, wenig vertrauen­erweckend. Einem Adepten der "kritischen Theorie" muß die Sachlage aber so erscheinen. Da er nicht auf dem Boden des dialektischen Materialismus steht, ist es nur folgerichtig, daß ihm die Borniertheit der Einzeldisziplin als Kompetenzkriterium gilt - wieder ganz ähnlich wie den Positivisten, auf deren Bekämpfung die Frankfurter Schule sich soviel zugute hält. Nein, ich bleibe dabei: Es liegt im Wesen dieser Richtung quasi-marxistischen Denkens, für die Wechselbeziehung von Natur und Gesellschaft auf unserem Planeten kein Organ zu haben, und wenn einzelne ihrer Anhänger sich unter dem Druck einer unentrinnbaren Problemsituation doch dazu äußern, dann tun sie es entweder, bestenfalls, als Häretiker ihrer eigentlichen philosophischen Überzeugungen, oder sie tun es in einem unangemessenen, sachfremden Sinne.

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14) Borniertheit als Kompetenzkriterium — das klingt fast so, als sähen Sie in Enzensberger einen Befürworter des Fachidiotentums.

Harich: Ein Fachidiot ist er selber, weiß Gott, nicht. Seine Abhandlung bezeugt, daß ihm durchaus die Qualitäten des "Generalisten" eigen sind, der sich, laut Robert Jungk, "vom Spezialisten durch die Vielseitigkeit seiner Interessen, die Vielfalt seiner Informationen und die Fähigkeit, über zahlreichen Einzelheiten nicht den Blick für das Ganze zu verlieren, unterscheidet". Aber da Enzensberger unter dem Einfluß der "kritischen Theorie" steht und wahrscheinlich auch unter dem des Positivismus, ist er ein "Generalist" mit schlechtem Gewissen. Er hat vorzügliche Lyrik geschrieben. Folglich, glaubt er, stehe es ihm eigentlich nicht zu, sich zu ökologischen Fragen zu äußern. So versieht er sein Apercu: "Ökologe ist fortan im Grenzfall jedermann" in Klammern mit dem verschämten Zusatz: "Was im übrigen die Äußerungen in der vorliegenden Drucksache überhaupt erst ermöglicht." Können Sie sich vorstellen, daß Goethe, von dem auch einiges an Lyrik herrührt, bei der Abfassung der Farbenlehre oder bei der Entdeckung des menschlichen Zwischenkieferknochens derartige Entschuldigungen gestammelt hätte?

 

15) Verlangen Sie, Enzensberger solle sich Goethe zum Leitbild setzen?

Harich: Warum nicht? In der Wahl seiner Leitbilder kann man nicht anspruchsvoll genug sein. Und daß begabte Menschen massenhaft danach streben, "Generalisten" im Jungkschen Sinne zu werden, ist heute für die Gesellschaft eine Frage auf Leben und Tod. Angesichts der hochkomplexen Probleme, mit denen die ökologische Krise uns konfrontiert, ist niemand inkompetenter — und damit gesellschaftsgefährlicher — als der bloße Fachmann. 

Goethe war kein Fachmann, Hegel war es nicht, Marx und Engels waren es nicht. Also zurück zu dem ihnen gemeinsamen Ideal der "allseitig gebildeten Persönlichkeit", das sie einst der Verkrüppelung und Zerstückelung des Menschen durch die kapitalistische Arbeitsteilung entgegen­gesetzt haben. 

Jay Forrester, auf dessen Forschungen die MIT-Studie sich stützt, sagt sehr richtig — und sehr ähnlich wie sein Gegner Jungk —: "Die Welt hat eine neue Variante des <Renaissancemenschen> nötig; damit meine ich Individuen, die sich zwischen geistigen Disziplinen bewegen können, die viele Gebiete und ihre signifikanten Interrelationen begreifen können." Der Marxismus hat dem nichts hinzuzufügen. Genau das tut uns not.

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