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6  MPTP  

 

 

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In dem Kapitel über Designer-Opiate war auch von einem anderen synthetischen Narkotikum die Rede, welches obwohl dem Heroin sehr ähnlich in der Wirkung nicht zu den Designer-Opiaten (wohl aber zu den Designer-Narkotika) gezählt wird, da die molekulare Struktur eine völlig andere ist als die des Opiates. 

Die Fentanyle, von denen am Anfang die Rede war, sind gefährlich, weil sie so extrem wirksam sind: Allzu leicht kann es zu Überdosierungen kommen. Dieses andere "neue Heroin", worum es in diesem Kapitel gehen wird, war und ist verantwortlich für einige Hundert Fälle der Parkinsonschen Krankheit: Junge Menschen altern über Nacht um Jahrzehnte und verfallen einer Art innerer Kältestarre, die sie buchstäblich lähmt für immer. Alle Symptome sind identisch mit denen des Parkinson-Syndroms, inklusive Unheilbarkeit.

Seit Mitte dieses Jahrzehnts (wahrscheinlich noch länger) wird neben den verschiedenen Fentanylen auch MPPP als "neues Heroin", "synthetisches Heroin" und oft genug auch als echtes Heroin verkauft. MPPP ist ein Derivat des schmerzstillenden Mittels Demerol (Meperidin) und wirkt dem Heroin so verblüffend ähnlich, daß selbst langjährige Junkies nicht unbedingt einen Unterschied bemerken. Doch entsteht bei der Synthese von MPPP sehr leicht ein toxisches Nebenprodukt namens MPTP.

Je mehr MPTP in der eingenommenen Portion enthalten ist, desto schneller lähmt das Gift die Areale des Gehirns, die für die Bewegung und Bewegungs­koordination zuständig sind, zerstört schließlich deren Zellen. Oft genug passiert es, daß das, was als MPPP angeboten wird, nicht etwa MPTP enthält, sondern ausschließlich aus MPTP besteht. In solchen Fällen reicht schon eine Portion, um beim User Parkinsonismus auszulösen.

 

Ja, ich habe einmal MTPT erwischt, hatte Glück, daß es nur wenig war: Mein Freund und ich hatten das Zeug als <neues Heroin> gekauft; wir waren sehr neugierig, denn wir hatten Unglaubliches gehört über Fentanyle und Meperidin. In einem Motel habe ich meine Portion eingesnifft, mein Freund hat seine injiziert. 

Unmittelbar danach klagte er über ein schlimmes Brennen in seinem Arm, begann dann zu zittern und zu weinen; mir selbst wurde sehr, sehr mulmig im Kopf ... und dann waren wir gute 24 Stunden weg, völlig weg. Ich meine damit nicht, daß wir berauscht waren und träumten, nein, wir waren einfach abwesend, im Niemandsland. Das Einzige, woran ich mich erinnere, war die unerträgliche Kälte, die ich in meiner starren Ohnmacht übergroß erlebte.

Als wir wieder zu uns kamen, sagte mein Freund, er glaube, er werde nie wieder der alte sein, und ein ganz ähnliches Gefühl hatte ich selbst mit mir. Wir waren zwar nach weiteren 24 Stunden wieder in Ordnung, aber wir sind — beide — nie das Gefühl losgeworden, daß mit diesem Zeug in uns irgend etwas für immer vor die Hunde gegangen ist. 

Sally, Lehrerin, 35 Jahre

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Zunächst sah das Ganze aus wie ein typisch kalifornisches Problem: Die ersten 400 Opfer waren alle aus Kalifornien bzw. hatten sich den Stoff dort besorgt. Doch nach und nach kam es auch an anderen Orten zu weiteren Fällen. Die Toxikologen der <Drug Enforcement Administration> kamen bei ihren Studien mit MPTP zu immer besorgniserregenderen Ergebnissen. Erstens kann MPTP nicht nur bei falscher Synthese von MPPP, sondern auch bei falscher Synthese aller möglicher anderer DD entstehen, wenn auch in kleineren Mengen. (Die häufigste Ursache soll sein, daß die Köche, statt die Masse lange Zeit auf kleiner Flamme, nur kurze Zeit auf großer Flamme aufkochen um Zeit zu sparen.)

Das heißt, daß überall, wo DD hergestellt und eingenommen werden, Menschen unter anderem geringe Mengen MPTP einnehmen. Zweitens kann MPTP vom Körper nicht verdaut werden; es sammelt sich an, bildet Depots und wenn die angesammelte Menge an Gift ausreichend ist, kommt es, vielleicht erst nach Jahren, zu genau jenen neurodegenerativen Symptomen, die das Parkinson-Syndrom ausmachen: zunehmende Steifheit bis hin zur völligen Lähmung und eine innere Kälte.

 

Menschen, die heute noch, wissend um all die dubiosen Substanzen, die als Drogen angeboten werden, bereit sind, irgend etwas mit phantasievollem Namen zu schlucken, zu rauchen, zu sniffen oder gar zu injizieren, haben über­haupt keine Selbstwertschätzung und keinerlei Konzept für die Zukunft; sie sind extrem unreif und extrem selbst­zerstörerisch.

Dr. Sidney Cohen, in: <Drug Abuse & Alcoholism Newsletter>

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Schon bei den Toxikologen, die MPTP studierten, kam es durch Berührung und Inhalation des Stoffes zu ernsten Lähmungs­erscheinungen: MPTP (1-Methyl-4-phenyl-1,2,5,6-tetrahydroperidin) in flüssiger Form verdunstet bei Zimmer­temperatur und entfaltet, wenn eingeatmet, seine volle Giftigkeit. Auch läßt sich MPTP über die Haut schnell aufnehmen. Erst einmal im Körper, setzt sich MPTP in der "substantia nigra" (schwarze Masse), im Zentrum des Gehirns, fest. 

Nun wirkt eigentlich jede Droge zunächst auf die substantia nigra ein, denn aller Rausch, der im Organismus entsteht, wird von hier aus gesteuert. Doch die Wirkung, die MPTP dort entfaltet, läßt sich mit der berauschenden Wirkung anderer Drogen nicht vergleichen.

 

Man kann sich's kaum vorstellen: MPPP herzustellen ist ungeheuer schwierig: Wenn's ein Laie tut, muß dabei praktisch auch MPTP entstehen, da führt kein Weg dran vorbei. Die Regierung hat auch mit allen Mitteln versucht, auf diese Tatsache aufmerksam zu machen. Aber nein: Nicht nur produzieren die Brüder ihr Gift immer weiter und verkaufen es als feinen Stoff, nein, wenn's nur das wäre: Sie verkaufen auch die fotokopierten Rezepte für ein paar Dollar. Grotesk genug: Ganz oben warnen sie den angehenden Drogen-Koch, er solle sauber arbeiten, damit keine Giftstoffe entstehen könnten, und in der Mitte steht die Anweisung zur Herstellung von MPPP; aber so, daß mindestens 40 Prozent MPTP dabei herauskommen muß. Man könnte sich fragen, ob die aus purem Zynismus handeln.

Dr. William Langston, in <The Dangers of the Designer Drug Phenomenon>

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MPPP wird für gewöhnlich als weißes Pulver verkauft, das, von kleinen Bröckchen durchsetzt, dem (weißen) Heroin zum Verwechseln ähnlich sieht. MPPP kann — wie Heroin — geraucht, geschluckt, gesnifft und injiziert werden. Mit MPTP versetztes MPPP brennt im ganzen Arm, manchmal gar im ganzen Körper, wenn es injiziert wird, ansonsten aber hat der User keine Möglichkeit, zu erkennen, was er da zu sich nimmt. 1986 entwickelten die forensischen Toxikologen James Woodford und Robert Vogt einen Farbtest, anhand dessen man MPTP in Drogen und im Urin sehr leicht nachweisen kann: Ist der zu untersuchende Stoff MPTP-versetzt, so färbt sich die ganze Masse bei Zugabe des Farbtests dunkelrot. So vorteilhaft das sein mag, was die Forschung betrifft, so wenig bringt es dem User auf der Straße: Sein einziger Teststoff ist seine Gesundheit.

 

Nein, es ist nicht wahrscheinlich, daß die Designer-Drogen-Köche in irgendeiner Form vereinigt sind: Das beginnt ja schon damit, daß alles im Verborgenen abläuft, wann immer es um Drogen geht. Sicher, der eine oder andere Koch, der eine oder andere Dealer kennen sich aus dem Gefängnis oder aus ihrer gemeinsamen Zeit, als sie noch konsumierende Drogies auf der Szene waren. Aber alles in allem ist das Geheime, das Verborgene, das unter der Oberfläche Stattfindende das Prinzip des Drogenmarktes und das Prinzip der Schwarzmarktunternehmer. Die wohnen vielleicht in nächster Nachbarschaft und wissen nichts voneinander: Der PCP-Koch denkt, sein Nachbar sei wirklich Ingenieur, und der MPPP-Koch hält den PCP-Koch für einen praktizierenden Rechtsanwalt. Wie sollten die sich vereinigen. Und vor allem: warum? Sie sind letztlich Konkurrenten. Sicherlich, sie haben einen gemeinsamen Feind, nämlich die Polizei, aber wie sollen sie sich gegen die Polizei vereinigen, was sollten sie da tun? 

---Chuck, Narcotic Detective---

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Ist jemand kleinen Mengen von MPTP ausgesetzt, so sind Taubheit der Arme und Beine, Muskelkrämpfe und Steilheit sowie verzerrte Optik die Folge der Vergiftung. Akute Vergiftungen mit MPTP, zum Beispiel durch die Injektion einer Portion reinen MPTPs, resultieren in Brennen in den Venen, metallischem Geschmack im Mund, unkontrolliertem Ausschlagen der Arme und Beine, Muskelkrämpfen und -schmerzen, massiven Gleichgewichtsstörungen, Taubheit aller Extremitäten, Verlust an Gesichtsausdruck, erhöhter Fettigkeit der Haut, exzessivem Schwitzen, Halluzinationen, verzerrter Optik, Sprachverlust und innerer Kälte, die zu lähmender Starre wird.

Solange MPTP noch nicht mehr als die Hälfte der substantia nigra zerstört hat, wird der Rausch des MPPP als narkotisch, ja, identisch mit dem des Heroin erlebt. Einige User glauben im MPPP die Brücke zwischen Heroin und PCP gefunden zu haben und berichten von Angel Dust-ähnlichen Visionen im narkotischen Schlaf. Sind aber erst einmal etwa 60 Prozent der schwarzen Masse zerstört, so wird gar kein Rausch mehr erlebt — nie wieder! Das Hinterhältige am MPTP ist eben nicht, daß es sich im Gehirn depotbildend festsetzt, sondern daß es unkorrigierbaren Schaden anrichtet — der mit der Zeit auch immer schlimmer wird.

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Auch wenn Sie sich's nicht vorstellen können: Es gibt eine nicht kleine und durchaus seriös arbeitende Vereinigung der Designer-Drogen-Köche: Unser Ziel ist es, bessere, sauberere Drogen auf die Straße zu bringen. Wir haben überhaupt kein Interesse daran, unsere Kundschaft zu vergiften, schließlich sind wir auch so etwas wie Geschäftsleute. Und welcher Kaufmann hat schon Interesse daran, seinen Käufer krank zu machen oder gar umzubringen.

Auf der Straße (Schwarzmarkt) herrscht eine unwahrscheinliche Hitze (Polizeidruck); das kommt einzig daher, daß so viele Leute von schmutzigen Drogen vor die Hunde gehen. Wenn die Drogen, die auf die Straße kommen, verdaulich sind, wenn keiner ausflippt, verkrüppelt wird oder stirbt, hat die Polizei wirklich Besseres zu tun, als uns zu belästigen. Aber wenn jeder zweite Trip im Parkinsonismus endet, dann wird die Hitze natürlich unerträglich; da kann kein Mensch mehr arbeiten.

Wir, die Vereinigung der Designer-Drogen-Köche, wollen gute Arbeit leisten, wir wollen das produzieren, was die Leute wollen; und — selbstverständlich — wir wollen unser Geschäft machen. Jeder unorganisierte Koch, jeder Ungelernte, der irgendetwas zusammenbraut und verkauft, ist unser Feind, ein Feind, schlimmer als die Polizei und der Gesetzgeber. Und diese Feinde bekämpfen wir auch, und das sehr intensiv: Die Vereinigung der Designer-Drogen-Köche hat so etwas wie ihre eigene Polizei, ja, wir haben etwas, das man paramilitärisches Einsatzkommando nennen könnte. Es ist nichts, wovon die Zeitungen berichten würden, denn alles, was unter der Oberfläche verläuft, das bekommen die gar nicht mit, die tun nur so tiefsichtig; aber wenn Sie mir glauben wollen, will ich Ihnen erzählen, wie wir arbeiten: Unsere Polizei, die fast ausschließlich aus ehemaligen oder tatsächlichen Usern besteht, womit ich sagen will, daß sie aussieht wie eine Horde Acid-, Benzie-, Coke-, Demerol-, Ephedrin-, Fentanyl-, undsoweiter-Freaks, kauft in unserem Auftrag Drogen-Proben von Straßendealern.

Diese Proben untersuchen wir dann unmittelbar in unseren Labors. Ist der Stoff sauber, wird derselbe Dealer meist noch am selben Tag angesprochen, ob er und sein Koch sich nicht mitorganisieren wollen, womit sie die vielen Vorteile einer großen Organisation genießen würden. Da auf diese Art niemandes Gewinn geschmälert, aber die Sicherheit vergrößert wird, sind wir mit dieser Weise, neue Verbündete zu finden, sehr erfolgreich.

Da andererseits jeder in der Drogen-Szene mit einem Pseudonym a la 'Black Jack' oder 'Pink Fiat Joe' arbeitet und da alles in allem nur die Unter- und Hintermänner einander kennen und in Kontakt sind, gibt es auch nichts zu befürchten, was undichte Stellen im Gebilde angeht. Ist aber der Stoff, den der fremde Dealer verkauft, unsauber, dann werden wir vehement: Der Dealer wird — man kennt sich ja in der Szene! — irgendwo erwischt, bekommt erst einmal so viel Prügel, wie er einstecken kann, ohne bewegungsunfähig zu sein, und wird dann mit einem Brief zu seinem Koch geschickt: Darin wird der Koch gewarnt, entweder seinen Dreck sofort vom Markt zu ziehen oder aber in Kauf zu nehmen, ab morgen früh von der tatsächlichen Polizei und, was viel härter ist, von unserer parapolizeilichen Einheit auf Leben und Tod gejagt zu werden.

Ehrlich, Mann, kein wirklicher Geschäftsmann und kein gewissenhafter Drogen-Koch dieser Welt haben Interesse daran, MPTP unters Volk zu bringen. Und ich schwöre: Wenn es uns, wenn es die Vereinigung der Designer Drogen-Köche nicht gäbe — es hätte schon sehr viel mehr Tote und Krüppel gegeben.

---J.S.R., ehemaliger Drogen-Koch und -Dealer, zur Zeit in Haft, 47 Jahre---

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Das Parkinson-Syndrom gehört zu den geheimnisvollsten Krankheiten unserer Tage. Es wurde 1817 von James Parkinson studiert und beschrieben: Aus dem (unerklärlichen) Tod der Zellen der substantia nigra resultiert, daß kein Dopamin mehr produziert werden kann.

Dopamin ist nicht nur ein Neurotransmitter im Dienste der Lustvermittlung, sondern auch dafür zuständig, ein höheres Hirnareal namens Striatum anzusteuern, das für Bewegungen und Bewegungskoordination sowie Regulierung der Körpertemperatur verantwortlich ist. Je weniger Dopamin die schwarze Masse produzieren kann, desto freudloser, aber auch gelähmter, steifer und kälter wird die Welt des Parkinsonisten. 

Der Zellverfall setzt sich nach dem Einsatz der Krankheit noch fort: Er ist nicht zu stoppen. Das einzige, was man für Parkinsonisten oder aber für MPTP-Parkinsonisten tun kann, ist ihnen L-Dopa zu verabreichen, ein Medikament, das im Gehirn zu Dopamin umgewandelt wird: Allerdings braucht der Patient um so mehr L-Dopa, je weniger Zellen ihm geblieben sind. Das wiederum bewirkt, daß die Nebenwirkungen von (hohen Dosen) L-Dopa weitere ungünstige Reaktionen bewirken (z.B. ständiges unkontrolliertes Zucken, aber auch schmerzvolles Sichwinden) und das Krankheitsbild noch verkomplizieren.

Die Medizin hofft, daß sie Parkinsonismus eines Tages schon im Frühstadium orten und entsprechend effektiver behandeln kann. Möglicherweise kann MPTP den Forschern auf diesem Gebiet helfen. Die Metaboliten des MPTP haben große Ähnlichkeit mit denen einiger Pestizide und Herbizide. Wo diese Pestizide und Herbizide häufig zum Einsatz kommen, sind Fälle des Parkinson-Syndroms recht häufig. Nun wird derzeit studiert, ob vielleicht bei der Herstellung dieser gebräuchlichen Industrie­chemikalien vielleicht ganz ähnlich wie bei der Synthese von MPPP oder anderen DD toxische Nebenprodukte entstehen, die dem MPTP sehr ähnlich, vielleicht sogar mit ihm identisch sind.

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