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7. Abschließende Gedanken

 

Kommt, lasset uns die Toten zählen

 

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Außer den vielen Gefahren, von denen im Laufe der einzelnen Kapitel die Rede war, wohnen den DD noch zwei weitere Gefahrenmomente inne, auf die bislang noch nicht eingegangen worden ist. Es ist unbekannt, wieviele Waschküchenlabors es weltweit gibt und vor allem, wie sauber oder unsauber, wie gewissenhaft oder gewissenlos sie mit ihren Stoffen und deren wirklichen Abfällen umgehen. Es ist nur anzunehmen, daß es weltweit sehr, sehr viele Labs gibt; und es ist weiterhin anzunehmen, daß sie mit ihren chemischen Abfällen auch nicht viel gewissenhafter umgehen bzw. umgehen können als die große legale Industrie.

Tatsache ist, daß bei der Herstellung von DD chemische Abfälle aller Art entstehen, die in irgendeiner Form weggeworfen werden müssen. Die meisten dieser Abfälle sind selbst giftig, viele enthalten krebserzeugende Stoffe, manche sogar große Mengen Zyanid. Wenn diese Abfälle in den Müll oder in den nächsten Teich geworfen oder der Einfachheit halber in der Toilette hinuntergespült werden, bedeutet das für die Umwelt bzw. für ihre Verschmutzung einen weiteren unberechenbaren (bislang unbeachteten) Faktor, der auf Dauer nicht unwesentlich sein kann.

Der Mensch hat nicht Probleme mit den Drogen schlechthin, er hat Probleme mit solchen Drogen, die in seiner Umgebung, seiner Kultur­gemeinschaft nicht traditionell eingebettet sind. 

Einige Beispiele: In Indien und Nepal, wo Haschisch heute noch täglich öffentlich und in großen Mengen geraucht wird, ist es kein Problem, ein Kiffer zu sein. In Burma und Laos wie auch im Norden Thailands, wo sehr viel von der viel stärkeren Droge Opium konsumiert wird, gibt es so gut wie keine Probleme mit dem Opiumrauchen, Probleme gibt es mit dem dortigen Opiumhandel.

Manch ein Jugendlicher in Bangkok geht an Heroin zugrunde, weil es eine zu starke Form von Opium und weil es illegal ist. Die Indios haben kaum Probleme mit Marihuana, Koka und Meskalin. Kokain hingegen — zu konzentriert und illegal — schadet ihnen beträchtlich.

Wenn Drogen lange und traditionell in der Kulturgemeinschaft eingebettet gewesen sind, gibt es mit Haschisch und Opium im Osten oder mit Koka in Latein­amerika weniger Schwierigkeiten, als der Westen mit Alkoholproblemen hat.

Gegenbeispiele: 

Als Amerika "entdeckt" wurde, gingen die Indianer am Alkohol zugrunde, er war ihnen neu. In Deutschland ist es unüblich und deshalb sehr problematisch, nach dem Essen im Restaurant gemütlich einen Joint zu rauchen; Alkohol zum, nach und auch vor oder statt dem Essen ist kein Problem, mehr noch: in manchen Situationen unvermeidbar. Der Westen, der durchaus seine Alkoholprobleme hat, hätte weniger Schwierigkeiten mit einem 99 Prozent alkohol­haltigen Schnaps als mit einer fremden, ihm neuen Droge — auch wenn diese viel milder wäre als jener Schnaps. 

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Nun sind die DD fast allesamt neue, uns bislang fremde Drogen, die in keiner Kultur dieser Welt eingebettet sind. Sie imitieren eigentlich nur die Wirkung von Drogen, die es schon lange gibt, aber das in einer Potenz und Intensität, die von vornherein so gefährlich ist, wie Heroin auch dem Opiumraucher oder Kokain dem Koka-Raucher gefährlich wird. Drogen, die in keiner Kultur eingebettet sind, sind für alle Kulturen gleicher­maßen gefährlich.

Die Drogen, die Drogenkonsumenten und den Drogenmarkt zu bekämpfen führt in erster Linie dazu, daß die Drogen teurer und der Kampf um sie, wie auch die Einnahmearten immer brutaler werden.

Der Handel mit Drogen bringt den Schwarzmarktunternehmern geschätzte 100 Milliarden US-Dollar jährlich. Die Drogen­kriminalität wird immer organisierter, kalkulierter und straffer, die Gesetze werden entsprechend immer härter, die Maßnahmen und Aktionen ihrer durchführenden Organe ebenso, wobei aber in aller Regel nur die berühmten "kleinen Fische" erwischt werden. 

Betroffen, wirklich betroffen, sind ohnehin die Kleinen und die Schwachen, die kranken Kinder dieser Gesellschaft.  

Die Zahl der Süchtigen ist nur vage zu schätzen, steigt aber — das ist das einzige, was sicher ist — stetig an, für die Zahl der Drogentoten gilt das gleiche.

Den Usern ist es egal, wie gefährlich das Zeug ist, das sie nehmen, denn sie glauben ohnehin niemandem mehr und haben auch sonst keine Werte, die ihr Leben ohne Drogen lebenswert machten. Die Nachfrage ist und bleibt enorm, und einzig die Nachfrage diktiert das Drogenangebot. Die Gesetze und die Polizei wollen zwar die totale Kontrolle gewinnen, bleiben aber in diesem gefährlichen Spiel doch nur die Figuren am Rande, störende, aber nicht wirklich gefährliche Faktoren.

Solange der User nicht sieht, daß das Leben zwar keine exzessiven Endorphin- und Dopaminüber­schwemm­ungen des Hirns, ansonsten aber durchaus etwas zu bieten hat, bleibt er abhängig von seinen "Kicks" und "Rushs" und "Hits". 

Und solange nur der Drogenkonsum bekämpft wird, ohne daß die Motivation, Drogen zu konsumieren, behandelt würde, werden für jedes ausgehobene Lab drei neue entstehen.

Ich habe in diesem Buch oft die offizielle Drogenpolitik kritisiert, ohne eine Alternative aufzuzeigen. 

Vorschläge für eine andere Drogenpolitik zu machen erscheint mir weitgehend sinnlos. Einerseits müßten wirklich alle Länder der Welt die gleiche Politik verfolgen, damit das Problem nicht nur verlagert wird. Andererseits weiß ich auch, daß Kenner der Szene den Politikern zu suspekt sind, um ihren Vorschlägen zu folgen. Zu oft entscheiden Leute, die keine Ahnung haben. Wahrscheinlich bleibt die offizielle Drogenpolitik auf dem eingeschlagenen Weg: 

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Ende 

 

 

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