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2  Freud und Dora  

  

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Wenn sie den genauen Zeitpunkt für den Beginn der modernen Psychotherapie nennen sollten, würden viele Fachleute und an Psychologie Interessierte Freuds Behandlung der Patientin Ida Bauer nennen, die er als Dora bezeichnet hat.1)

Viele, ja die meisten sich auch heute noch im Hinblick auf die Psychotherapie ergebenden Probleme, ihre Schwächen und Stärken, wurden zum erstenmal von Freud in dem Bericht erörtert, den er über den Fall Dora verfaßt hat. Hier behandelt er erstmals die Auswirkungen der »negativen Übertragung«, das heißt, was geschieht, wenn ein Patient sich den Bemühungen des Therapeuten widersetzt, nicht gesund werden, ihn nicht sehen, seine Deutungen nicht akzeptieren und sich nicht an die Spielregeln des Therapeuten halten will. 

Der Bericht enthält auch viele grundsätzliche Aussagen sowie die hinter diesen Aussagen stehenden Vermutungen über die Frage, was bei einem 16jährigen Mädchen als normal und gesund angesehen werden muß, und diese Aussagen haben bis heute einen großen Einfluß auf das, was wir als »pathologisch« bezeichnen. Was Freud nicht getan hat, hat fast ebenso starke Nach­wirkungen wie das, was er getan hat, und daraus können wir viel über das erfahren, was als der angemessene Wirkungs­bereich der Psychotherapie angesehen wird. 

Wenngleich kein Therapeut aus der Schule Freuds allen in diesem wichtigen Bericht ausgesprochenen Vermutungen zustimmen würde, wird doch keiner sagen, er sei im Grunde überholt oder fehlerhaft. Er wirkt bis heute fort und hat einen erheblichen Einfluß auf die psychotherapeutische Praxis.

Freud stand auf der Höhe seiner Leistungsfähigkeit, als er diesen Bericht schrieb, und er enthält die wesent­lichen Bestandteile dessen, was man heute als <dynamisch orientierte Psychotherapie> bezeichnet. Es ist Freuds erste und ausführlichste psychoanalytische Krankengeschichte und zugleich die zur Frage nach den Ursachen der Hysterie bei Frauen am häufigsten zitierte.

Wenn man, wie ich es getan habe, Hunderte von Krankengeschichten aus dem 19. Jahrhundert gelesen hat, dann ist die Begegnung mit dem Fall Dora von Freud wie das Betreten einer Oase in der Wüste. Der Bericht ist glänzend geschrieben, die Argumentation ist überzeugend, und die ganze Arbeit ist sorgfältig komponiert. Sehr rasch fühlt man sich in der Welt Freuds zu Hause; die Darstellung besitzt eine Unmittelbarkeit, wie sie den meisten seither verfaßten Krankengeschichten fehlt. Der Stil ist elegant und flüssig, und so ist es vielleicht die bedeutendste Krankengeschichte in der Literatur der Psychiatrie überhaupt.

Am 14. Oktober 1900 schrieb Freud an Wilhelm Fliess: »Die Zeit war belebt, hat auch wieder einen neuen und für die vorhandene Sammlung von Dietrichen glatt aufgehenden Fall eines 18jährigen Mädchens gebracht« (S. 469).2) Am 25. Januar schrieb er an Fliess:

»Traum und Hysterie« [der Fall Dora] ist gestern fertig geworden, heute fehlt es mir bereits an einer Betäubung. Es ist ein Bruchstück einer Hysterieanalyse, in der sich die Aufklärungen um zwei Träume gruppieren, also eigentlich eine Fortsetzung des Traumbuchs. Außerdem sind Auflösungen hysterischer Symptome und Ausblicke auf das sexuell-organische Fundament des Ganzen [darin enthalten]. Es ist immerhin das Subtilste, was ich bis jetzt geschrieben, und wird noch abschreckender als gewöhnlich wirken. Immerhin, man tut seine Pflicht und schreibt ja nicht für den Tag. Die Arbeit ist schon von Ziehen akzeptiert, der nicht ahnt, daß ich bald ihm auch die Psychopathologie des Alltagslebens anhängen werde. Wie lange Wernicke diese Kuckuckseier vertragen will, ist seine Sache. (S. 476)

Gegen Ende des Monats, am 30. Januar, schrieb Freud an Fliess einen Brief, der fast so klang, als wolle er sich für das entschuldigen, was er über den Fall zu sagen hatte:


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Die Hauptsache darin ist noch immer das Psychologische, die Verwertung des Traumes, einige Besonderheiten der unbewußten Gedanken. Aufs Organische gibt es nur Durchblicke, und zwar auf die erogenen Zonen und die Bisexualität. Aber genannt und anerkannt ist es einmal und vorbereitet für eine ausführliche Darstellung ein anderes Mal. Es ist eine Hysterie mit Tussis nervosa und Aphonie, die sich auf den Charakter der Lutscherin zurückführen lassen, und in den sich bekämpfenden Gedankengängen spielt der Gegensatz zwischen Neigung zum Manne und einer zur Frau die Hauptrolle. (S. 477-478)

Freud lernte Dora im Oktober 1900 kennen und schrieb seine Krankengeschichte im Januar 1901. Er veröffentlichte sie aber erst 1905, fast fünf Jahre später. Warum? 

Nach der Veröffentlichung aller Briefe Freuds an Fliess gibt es eine mögliche Erklärung. In einem Brief, der in der ersten Ausgabe des Briefwechsels fehlt, schreibt Freud am 3. März 1901 an Fliess:

»Traum und Hysterie« habe ich Oscar [Rie, ein naher Freund der Familie, Anm. Masson] auf seinen Wunsch lesen lassen, wenig Freude dabei erlebt. Ich mache keinen Versuch mehr, meine Isolierung zu durchbrechen. Die Zeit ist sonst sehr öde, hervorragend öde! (S. 481)

Freud hat nicht erwartet, daß seine Kollegen viel Freude am Fall Dora haben würden. Zwei Jahre später, als er erkannte, daß Fliess wie so viele andere Mediziner seine Ideen ablehnte und auf seine Freundschaft keinen Wert mehr legte, schrieb ihm Freud am 11. März 1902: »...meine letzte Publikation zog ich vom Druck zurück, da ich kurz vorher an Dir mein letztes Publikum verloren hatte« (S. 501). 

Mit dem Verlust der Freundschaft von Fliess und von dessen Interesse an seinem Werk hatte Freud das Gefühl, es gäbe niemanden, dem das, was er schrieb, etwas bedeutete. Zweifellos spürte er, daß der Fall Dora alles übertraf, was an ähnlichen Berichten in der psychiatrischen Literatur veröffentlicht worden war, und es muß ihn zutiefst enttäuscht haben, zu sehen, wie wenig Verständnis seine engsten Freunde für seine Leistung aufbrachten.

Dora (Ida Bauer, 1882-1945) wurde von ihrem Vater, Philip Bauer, einem reichen Industriellen, zu Freud gebracht. Freud berichtet, als er die Behandlung von Dora übernahm, »war sie zu einem blühenden Mädchen von intelligenten und gefälligen Gesichtszügen herangewachsen« (GW V; 181).


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Vermutlich hat Freud das »zum reifen, im Urteil sehr selbständigen Mädchen herangewachsene Kind« (GW V; 180) beeindruckt. Ihre auffallendsten »Symptome« (wahrscheinlich nach Meinung des Vaters) waren »Verstimmung« und eine Veränderung ihres Charakters. Damit meinte der Vater, daß ihre Beziehungen zu ihm und zu ihrer Mutter sich verschlechtert hatten. Und, was in seinen Augen noch wichtiger war, sie stand sich besonders schlecht mit Herrn K. und dessen Frau, die eng mit den Bauers befreundet waren.

Während einer heftigen Auseinandersetzung mit ihrem Vater hatte sie das Bewußtsein verloren, und Freud glaubte, diese Ohnmacht sei von Krämpfen und Wahnvorstellungen begleitet gewesen, obwohl sich der anschließende Gedächtnisverlust auch durch die Analyse nicht beseitigen ließ. Sie schrieb auch einen Abschiedsbrief, in dem sie erklärte, sie werde sich das Leben nehmen; ihre Angehörigen glaubten aber nicht, daß diese Drohung ernst gemeint sei. Außerdem berichtete Freud, sie habe an taedium vitae (Lebensüberdruß) und zumindest am Anfang an nervösem Husten, Heiserkeit und dem Verlust der Stimme gelitten. Dora erklärte, sie wünsche nicht, analysiert zu werden, aber »es wurde trotz ihres Sträubens bestimmt, daß sie in meine Behandlung treten solle« (GW V; 181).

Vor dem Beginn seines Berichts über die Analyse teilt Freud dem Leser mit, daß er in seinen Studien über Hysterie ein erstes psychisches Trauma voraussetzt, einen Konflikt von Emotionen, »den Konflikt der Affekte und, wie ich in späteren Publikationen hinzugefügt habe, die Ergriffenheit der Sexualsphäre«. Hier bezieht er sich (wie er in einer Fußnote auf Seite 186 der Fallstudie erläutert), auf seine umstrittene Arbeit aus dem Jahr 1896, »Zur Ätiologie der Hysterie«, in der er behauptet hat, daß die Hysterie mit einer sexuellen Verführung im frühen (vorpubertären) Alter begonnen habe. Zweifellos wollte Freud seinen Leser veranlassen, bei der Lektüre des Berichts diese frühere Arbeit zu berücksichtigen, die seine Kollegen empört abgelehnt hatten und die noch jetzt, 90 Jahre nach ihrem Erscheinen, eine hitzige und scharfe Debatte ausgelöst hat.3

Der Rest der Fallstudien besteht in dem Versuch Freuds, die von ihm so bezeichnete »Sexualsphäre« in Doras äußerem und inneren Leben zu schildern und zu analysieren. Doras Vater hatte Freud gesagt, was er für den Kern ihrer Probleme hielt. Er erklärte, ihn verbinde eine intime Freundschaft mit der Familie K. Frau K; hatte ihn während einer langen Krankheit gepflegt, Herr K. sei stets besonders freundlich mit Dora umgegangen, und Dora habe Frau K. und ihre beiden Kinder sehr gern gehabt.


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Doch als sie 16 Jahre alt war, besuchten Dora und ihr Vater die Familie K. in einem Kurort an einem Alpensee. Eines Tages weigerte sich Dora plötzlich, noch länger dort zu bleiben. Einige Wochen darauf sagte sie ihrer Mutter, die dann mit dem Vater darüber sprach, daß Herr K. sie nach einer Bootsfahrt auf dem See bei einem Spaziergang sexuell belästigt habe. Herr K. bestritt entschieden die Vorwürfe Doras und sagte, er habe von seiner Frau erfahren, Dora lese Bücher über Sexualität, besonders Physiologie der Liebe von Paolo Mantegazza, und sie habe sich die ganze von ihr geschilderte Szene nur »eingebildet«. Der Vater sprach mit Freud:

Ich bezweifle nicht (sagte der Vater), daß dieser Vorfall die Schuld an Doras Verstimmung, Gereiztheit und Selbstmordideen trägt. Sie verlangt von mir, daß ich den Verkehr mit Herrn und besonders mit Frau K., die sie früher geradezu verehrt hat, abbreche. Ich kann das aber nicht, denn erstens halte ich selbst die Erzählung Doras von der unsittlichen Zumutung des Mannes für eine Phantasie, die sich ihr aufgedrängt hat, zweitens bin ich an Frau K. durch ehrliche Freundschaft gebunden und mag ihr nicht wehe tun. Die arme Frau ist sehr unglücklich mit ihrem Manne, von dem ich übrigens nicht die beste Meinung habe; sie war selbst sehr nervenleidend und hat an mir den einzigen Anhalt. Bei meinem Gesundheitszustand brauche ich Ihnen wohl nicht zu versichern, daß hinter diesem Verhältnis nichts Unerlaubtes steckt. Wir sind zwei arme Menschen, die einander, so gut es geht, durch freundschaftliche Teilnahme trösten. Daß ich nichts an meiner eigenen Frau habe, ist Ihnen bekannt. Dora aber, die meinen harten Kopf hat, ist von ihrem Haß gegen die K. nicht abzubringen. Ihr letzter Anfall war nach einem Gespräch, in dem sie wiederum dieselbe Forderung an mich stellte. Suchen Sie sie jetzt auf bessere Wege zu bringen. (GW V; 184)

Das war im übrigen das zweite »Trauma«. Der erste sexuelle Vorfall ereignete sich, als Dora 14 Jahre alt war. Herr K. hatte es so eingerichtet, daß sie mit ihm in seinem Büro allein war, dort »preßte er plötzlich das Mädchen an sich und drückte ihm einen Kuß auf die Lippen«. 


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Dora »empfand aber in diesem Moment einen starken Ekel, riß sich los« und lief fort, sprach aber mit niemandem darüber, bis sie es Freud während ihrer Analyse erzählte (GW V; 186). Anschließend vermied sie es eine Zeitlang, mit Herrn K. allein zu sein, und es regte sie auf, wenn er ohne Begleitung in ihrer Nähe auftauchte.

Zwar sah Freud seine Aufgabe nicht im gleichen Licht wie der Vater (er stimmte mit ihm darin überein, daß er glaubte, Dora bilde sich diese Szene, die sie mit 14 Jahren erlebt hatte, nicht ein, sondern sie hätte sich wirklich so zugetragen und sei nicht ihrer Phantasie entsprungen), aber er war mit dem Vater einer Meinung, daß Dora krank sei und eine Behandlung brauche. Sehr bald erfuhr Freud, daß Dora glaubte, ihr Vater habe ein Verhältnis mit Frau K. — und stellte fest, daß sie recht hatte. Außerdem war sie der Ansicht, daß das Leugnen und die Scheinheiligkeit in dieser Angelegenheit Charaktereigenschaften offenbarten, die sie abstoßend fand. Sie sagte Freud, ihr Vater sei unaufrichtig und falsch. Freud meint dazu:

Ich konnte die Charakteristik des Vaters im allgemeinen nicht bestreiten; es war auch leicht zu sehen, mit welchem besonderen Vorwurf Dora im Rechte war. Wenn sie in erbitterter Stimmung war, drängte sich ihr die Auffassung auf, daß sie Herrn K. ausgeliefert worden sei als Preis für seine Duldung der Beziehungen zwischen Doras Vater und seiner Frau, und man konnte hinter ihrer Zärtlichkeit für den Vater die Wut über solche Verwendung ahnen. (S. 193)4

Aber für Dora gab es etwas noch Empörenderes, das die ganze Basis ihres Realitätssinns zu zerstören schien:

Keine seiner [ihres Vaters] Handlungen schien sie übrigens so erbittert zu haben wie seine Bereitwilligkeit, die Szene am See für ein Produkt ihrer Phantasie zu halten. Sie geriet außer sich, wenn sie daran dachte, sie sollte sich damals etwas eingebildet haben. (GW V; 205)

Freud war, zumindest am Anfang, deutlich beeindruckt von der intelligenten, lebendigen und selbständig denkenden jungen Frau in seinem Ordinationszimmer. Er war entschlossen zu ergründen, was sie auf einer Ebene außerhalb ihres Bewußtseins wirklich


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fühlte und glaubte, wenn er das entdeckt (gedeutet) habe, werde Dora zur Einsicht gelangen und ihr Leben in einer gewissen emotionalen Freiheit weiterführen können. Daß dies nicht so gelang, wie Freud es sich gewünscht hätte, sagt uns eine Menge darüber, was die Experten von der Psychotherapie erwarten.

Hier haben wir es mit einem Musterbeispiel zu tun: Zwei willensstarke, energische und zielbewußte Persönlichkeiten befinden sich auf Kollisionskurs: Die eine will die andere verändern, aber diese verlangt nur, in ihrer Haltung bestätigt zu werden. Beide hatten zunächst völlig verschiedene Ziele. Dora war nicht freiwillig gekommen, um neue Einsichten zu gewinnen; ihr Vater hatte sie gezwungen, sich behandeln zu lassen. Doch die Tatsache, daß Freud, zumindest am Anfang, anders als die Menschen in ihrer persönlichen Umgebung, nicht bestritt, daß sie die Wahrheit gesagt hatte, muß sie überzeugt haben, daß dieser Mann irgendwie aus dem Rahmen fiel und es sich daher lohnte, mit ihm zu sprechen. Es ist allerdings unwahrscheinlich, daß Freud Dora das gesagt hat, was er seinen Lesern am Ende seines Berichts sagt:

Aber er war wohl nie ganz aufrichtig. Er hatte die Kur unterstützt, solange er sich Hoffnung machen konnte, ich würde Dora »ausreden«, daß zwischen ihm und Frau K. etwas anderes als Freundschaft bestehe. Sein Interesse erlosch, als er merkte, daß dieser Erfolg nicht in meiner Absicht liege. (GW V; 272)

Hier wird die von Dora erkannte Realität in beeindruckender Weise bestätigt, und das hätte sie zweifellos sehr positiv aufgenommen.

Doch das war nicht das einzige Problem, das sich schon seit Beginn der Analyse stellte. Viel schwerwiegender waren die Vorurteile (ich weiß nicht, wie ich es sonst nennen soll), die Freud in die Analyse mitbrachte. Eines dieser Vorurteile haben wir bisher noch nicht erwähnt. Als Freud am Anfang seiner Darstellung das »klinische Bild« von Dora zeichnet, sagt er:

Verkehr suchte sie zu vermeiden; soweit die Müdigkeit und Zerstreutheit, über die sie klagte, es zuließen, beschäftigte sie sich mit dem Anhören von Vorträgen für Damen und trieb ernstere Studien. (GW V; 181)


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Wir wissen allerdings nicht, was Freud mit »Vorträgen für Damen« gemeint hat. Höchstwahrscheinlich waren es Vorträge von Frauenrechtlerinnen.

Freuds Ansichten über den Feminismus waren nicht positiv. Das geht aus einem Brief an seine Verlobte, Martha Bernays, vom 15. November 1883 hervor, in dem er ihr mitteilt, er habe John Stuart Mill übersetzt: (Ihm) »fehlte der Sinn für das Absurde, in manchen Punkten, so zum Beispiel in der Frage der Frauenemanzipation und in der Frauenfrage überhaupt. Ich erinnere mich, ein Hauptargument in der von mir übersetzten Schrift war, daß die Frau in der Ehe so viel erwerben könne wie der Mann. Wir dürften ziemlich einig darin sein, daß das Zusammenhalten des Hauses und die Pflege und Erziehung der Kinder einen ganzen Menschen erfordert und fast jeden Erwerb ausschließt... Es ist auch ein gar zu lebensunfähiger Gedanke, die Frauen genauso in den Kampf ums Dasein zu schicken wie die Männer. Soll ich mir mein zartes, liebes Mädchen zum Beispiel als Konkurrenten denken; ...ich glaube, alle reformatorische Tätigkeit der Gesetzgebung und Erziehung wird an der Tatsache scheitern, daß die Natur lange vor dem Alter, in dem man in unserer Gesellschaft Stellung erworben haben kann, (die Frau) durch Schönheit, Liebreiz und Güte zu etwas (anderem) bestimmt.«5)

Daß Freud mit den »Vorträgen für Damen« nicht einverstanden war, wird daran erkennbar, daß er ihnen die »ernsteren Studien« gegenüberstellt.6)

Noch entscheidender für den Ausgang der Therapie waren vielleicht die Ansichten Freuds über die weibliche Sexualität. Er selbst sagt, in diesem Fall und daher auch bei seiner Behandlung ginge es in erster Linie um die sexuelle Sphäre. Diese Ansicht kommt im Text deutlich zum Ausdruck. Freud spricht zuerst von der Szene mit dem Kuß und erklärt: »Das war wohl die Situation, um bei einem 14jährigen unberührten Mädchen eine deutliche Empfindung sexueller Erregtheit hervorzubringen« (GW V; 186). Den Leser wird diese Behauptung zweifellos überraschen, und er wird sich fragen, woher Freud (oder sonst jemand) das wissen kann. Im folgenden Abschnitt sagt Freud unzweideutig, was er meint:

In dieser ... Szene ist das Benehmen des 14jährigen Kindes bereits ganz und voll hysterisch. Jede Person, bei welcher ein Anlaß zur sexuellen Erregung überwiegend oder ausschließlich Unlustgefühle hervorruft, würde ich unbedenklich für eine Hysterica halten... (GW V; 187)


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Das ist eine höchst mechanistische Betrachtungsweise der menschlichen Persönlichkeit, denn es besagt, daß Umgebung und persönliche Beziehungen bei den Reaktionen eines Menschen keine Rolle spielen, die demnach rein physischer Natur sind. Der erst 14jährigen Dora nähert sich ein wesentlich älterer Mann in hinterhältiger Weise mit sexuellen Absichten, der ihr Vater sein könnte (und zwei eigene Kinder hat), verheiratet mit einer Frau, die ein Verhältnis mit ihrem Vater hat, und Freud erwartet von ihr, daß sie seinem plötzlichen und von ihr nicht gewünschten sexuellen Annäherungsversuch sofort leidenschaftlich und ohne Zögern nachgibt. Für Freud ist das Verhalten von Dora daher der Beweis, daß sie an einer Hysterie leidet und Gefühle verleugnet (oder verdrängt), die er von ihr erwartet.

Als es zu der zweiten Szene kommt, dem sexuellen Annäherungsversuch am See, ist die Weigerung Doras nach Auffassung von Freud symptomatisch für einen noch ernsteren psychopathologischen Zustand. Doch jetzt sind es nicht Freuds Vorurteile, die ihn zu dieser Interpretation führen, sondern das, was er im Verlauf der Analyse Doras behauptet, aufgedeckt zu haben.

Dora hatte Freud erzählt, sie habe sich sehr gut mit ihrer Hauslehrerin gestanden, »ein älteres, sehr belesenes Mädchen von freien Ansichten« (GW V; 195). Freud lehnte sie entschieden ab (»Diese Gouvernante, die alle Bücher über Geschlechtsleben und dgl. las und mit dem Mädchen darüber sprach.«). Dora beobachtete jedoch, daß die Frau in ihren Vater verliebt war, »daß sie selbst der Gouvernante ganz gleichgültig sei, und daß die ihr erwiesene Liebe tatsächlich dem Papa gelte« (GW V; 196). Statt Verständnis dafür zu zeigen, daß es Dora beunruhigte, daß sie nur ausgenutzt wurde, war die Geschichte für Freud nur insofern von Bedeutung, als sie »ihr mit unerwünschter Klarheit ein Stück ihres eigenen Benehmens beleuchtet« (GW V; 196). Freud kommt zu dem Schluß, daß Doras große Zuneigung für die Kinder des Ehepaars K. nur vorgetäuscht und Mittel zum Zweck waren, »daß sie all diese Jahre über in Herrn K. verliebt gewesen war«. Dora leugnet das. An keiner Stelle des Textes gibt sie zu, daß sie sich von Herrn K. körperlich angezogen gefühlt habe.


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Doch Freud ist überzeugt davon und meint, Herr K., den er kennengelernt habe, sei »noch jung und von einnehmendem Äußeren«. Dann stellt er die folgende wichtige Frage:

Wenn Dora Herrn K. geliebt, wie begründet sich ihre Abweisung in der Szene am See oder wenigstens die brutale, auf Erbitterung deutende Form dieser Abweisung? Wie konnte ein verliebtes Mädchen in der — wie wir später hören werden — keineswegs plumpen oder anstößig vorgebrachten Werbung eine Beleidigung sehen? (GW V; 197)7

Aber Freud erwähnt noch einen anderen Aspekt:

Ich fand es überhaupt noch der Erklärung bedürftig, daß sie sich durch die Werbung K.s so schwer gekränkt gefühlt, zumal da mir die Einsicht aufzugehen begann, daß die Werbung um Dora auch für Herrn K. keinen leichtsinnigen Verführungsversuch bedeutet hatte.8

Während Herr K. bei Freud auf Verständnis stößt, wird Dora kritischer beurteilt:

Daß sie von dem Vorfalle ihre Eltern in Kenntnis gesetzt, legte ich als eine Handlung aus, die bereits unter dem Einflusse krankhafter Rachsucht stand. Ein normales Mädchen wird, so sollte ich meinen, allein mit solchen Angelegenheiten fertig. (GW V; 257)

Das Rachegefühl, von dem Freud spricht, wird später noch eingehender begründet, nachdem er die Beziehungen von Dora zu einer jungen Hauslehrerin erwähnt hat, die bei der Familie K. angestellt war. Freud zitiert hier, was Dora ihm über sie gesagt hat:

Sie erzählte mir dann, Herr K. habe sich ihr zu einer Zeit, als die Frau gerade für mehrere Wochen abwesend war, genähert, sie sehr umworben und sie gebeten, ihm gefällig zu sein; er habe nichts von seiner Frau usw.... (GW V; 268)9

Freud stellt fest, daß Herr K. Dora in der Szene am See mit den gleichen Worten gebeten hat, ihn als Liebhaber zu akzeptieren. (Im übrigen hat Doras Vater über seine Frau dasselbe gesagt, als er Freud seine Beziehung zu Frau K. erklärte.)


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 Nun konnte Freud Dora triumphierend erklären:

Jetzt kenne ich das Motiv jenes Schlages, mit dem Sie die Werbung beantwortet haben. Es war nicht Kränkung über die an Sie gestellte Zumutung, sondern eifersüchtige Rache... Sie sagten sich: Er wagt es, mich zu behandeln wie eine Gouvernante, eine dienende Person? Diese Hochmutskränkung zur Eifersucht... (GW V; 269)

Das ist eine recht einfältige Erklärung. Natürlich war Dora zu Recht beleidigt, ob sie sich nun für Herrn K. interessierte oder nicht. Dazu genügte allein die Tatsache, daß er, wie sie Freud erzählte, eben erst die Hauslehrerin verführt hatte und sie jetzt, nachdem ihm die Eroberung gelungen war, verächtlich behandelte. Und dann hatte er Dora den gleichen Antrag gemacht, und zwar mit der gleichen törichten Begründung, was sie nicht nur verletzen, sondern auch beleidigen mußte. Was er sagte, war für Doras scharfe Ohren eine vorher einstudierte Formel. Es war weder spontan noch aufrichtig, und vor allem war es nicht persönlich gemeint, es war nicht an sie als Persönlichkeit gerichtet. Dora war als bloßes Lustobjekt für Herrn K. behandelt worden. Mit echter Zuneigung, geschweige denn Liebe, hatte dies aber nichts zu tun. Was sie nun bewegte, war nicht Eifersucht, verletzter Stolz oder das Verlangen, sich zu rächen. Die Sache ekelte sie nur an, und das ist mehr als verständlich.

Warum konnte Freud das nicht sehen? Weil Freud zu dem Schluß gekommen war, daß die beste Lösung für alle Beteiligten gewesen wäre, wenn Herr K. sich von seiner Frau scheiden ließe und die inzwischen 16jährige Dora heiratete! So sagte er Dora zunächst, Herr K. habe nach seiner Meinung durchaus ehrenwerte Absichten, dann ging er ins Detail und erklärte,

Nebstbei wäre der Plan gar nicht so unmöglich auszuführen gewesen. Die Beziehungen des Papa zu Frau K., die Sie wahrscheinlich nur darum so lange unterstützt haben, boten Ihnen die Sicherheit, daß die Einwilligung der Frau zur Scheidung zu erreichen wäre, und beim Papa setzen Sie durch, was Sie wollen. Ja, wenn die Versuchung in L. einen anderen Ausgang genommen hätte, wäre dies für alle Teile die einzig mögliche Lösung gewesen. (GW V; 271)


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Konnte Freud wirklich geglaubt haben, daß dieser ganze Wust von Betrug und Täuschung eine so leichte und glückliche Lösung finden würde? Hier offenbart sich eine sehr naive Vorstellung von sexueller Liebe. Aber damit war Freuds Interpretation noch nicht zu Ende. Zu seiner eigenen Genugtuung mußte er noch erklären, weshalb Dora sich so sehr darüber ärgerte, daß man die Szene am See als reine Phantasie behandelte.

Er sagte ihr:

Sie gestehen zu, daß nichts Sie so sehr in Wut bringen kann, als wenn man glaubt, Sie hätten sich die Szene am See eingebildet. Ich weiß nun, woran Sie nicht erinnert werden wollen, daß Sie sich eingebildet, die Werbung sei ernsthaft und Herr K. werde nicht ablassen, bis Sie ihn geheiratet. (GW V; 272)10)

Das waren die letzten Worte, die Freud an Dora richtete.

Sie hatte zugehört, ohne wie sonst zu widersprechen. Sie schien ergriffen, nahm auf liebenswürdigste Weise mit warmen Wünschen zum Jahreswechsel Abschied und — kam nicht wieder. (GW V; 272)

Dieser Ausgang ist nicht überraschend, denn es ist viel wahrscheinlicher, daß sie nicht ergriffen, sondern entsetzt war. Freud hätte das, was ihr am wichtigsten war, als eine Nebensächlichkeit hingestellt und bewiesen, daß er völlig unfähig war, ihre Suche nach der historischen Wahrheit zu verstehen. Zwar hat er nicht bestritten, daß der Verführungsversuch stattgefunden hatte, aber er hatte ihm jede Bedeutung genommen, als er ihn auf seine Weise »deutete«. Er behandelte sie wie eine Patientin und nicht wie ein menschliches Wesen. Freud hatte nie geglaubt, es könnte Dora darauf ankommen, die äußere Wahrheit zu erfahren. Zu Beginn seiner Analyse sagte er: »Sie geriet außer sich, wenn sie daran dachte, sie sollte sich damals etwas eingebildet haben.« Dann fuhr er fort: »Ich war lange Zeit in Verlegenheit zu erraten, welcher Selbstvorwurf sich hinter der leidenschaftlichen Abweisung dieser Erklärung verberge« (GW V; 205).


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Mit anderen Worten, Freud glaubte nicht, daß Dora einen legitimen Anlaß hatte, sich um die äußere Wahrheit zu kümmern; ihr Verhalten mußte als neurotische Abwehrfunktion gedeutet werden. Es handelte sich lediglich um eine Selbsttäuschung, einen inneren Vorwand. Heute wissen wir, daß selbst Opfer von Folterungen die Folter oft als weniger schmerzlich empfinden als die Tatsache, daß man ihnen nicht glaubt.

Freuds Deutungen des Verhaltens von Dora (und wir dürfen nicht vergessen, daß er ihr diese Deutung in den meisten Fällen direkt mitgeteilt hat) dienten der Nichtanerkennung der sichtbaren Realität zugunsten der von ihm vermuteten tieferen Realität. Das führte nicht nur dazu, daß diese tiefere Realität eine automatische Qualität enthielt (was stets geschieht, wenn weniger intelligente Menschen diesen Begriff verwenden), sondern die Deutungen von Freud waren in vieler Hinsicht sogar falsch. So erklärte Freud zum Beispiel, daß bei Dora »kein ernsthafter Selbstmordvorsatz« (GW V; 181) als Ausdruck ihrer »Sehnsucht nach einer ähnlichen Liebe« mit Herrn K. vorliege (GW V; 191, Fn. 1), weil sie gesehen hatte, daß ihr Vater einen Selbst­mord­versuch vortäuschte, um ein geheimes Zusammentreffen mit Frau K. zu rechtfertigen. 

Diese »Erklärung« ließ die viel einfachere und in diesem Falle sehr viel tiefere Bedeutung unbeachtet: Dora war zutiefst unglücklich, und ihre eigenen Vorstellungen, ihr Instinkt und ihre unbeeinflußten Reaktionen auf ihre Umwelt bewiesen oft ein sehr viel tieferes Verständnis als die Deutungen von Freud. So sagte Freud zum Beispiel, Dora habe das Gefühl gehabt, daß ihre Gedanken über ihren Vater »eine besondere Beurteilung herausforderten« (GW V; 214). Freud gab ihr recht, aber nur weil sie ihn veranlaßte, über die Theorie des von ihm sogenannten »überwertigen Gedankens« zu sprechen, das heißt, über ein Denken, das den Geist so stark beschäftigt, daß es alle anderen Gedanken verdrängt. Die einzig mögliche Erklärung von Freud war, daß diese Gedanken mit einer Energie anderer, ins Unbewußte verdrängter Gedankenketten aufgeladen waren. Mit dieser Theorie wollte Freud erklären, weshalb sich Dora vor allem mit ihrem Vater und dem von ihm bestrittenen Verhältnis mit Frau K. beschäftigte. Freud behauptete, Dora identifiziere sich unbewußt mit ihrer Mutter und mit Frau K., weil sie in ihren Vater verliebt sei. Aber Dora hatte offensichtlich recht, wenn sie behauptete, ihre Gedanken über ihren Vater müßten wie die Gedanken jeder Tochter über einen Vater »eine besondere Beurteilung« herausfordern, denn die Beziehung zwischen Vater und Tochter ist immer eine besondere.


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Was sollte ein Kind anderes denken, wenn es von dem Menschen, der ihm in seinem Leben am nächsten gestanden hat, getäuscht und belogen wird und feststellen muß, daß es ihm gleichgültig geworden ist? Mit Sicherheit leidet die Tochter so sehr darunter, daß ihr ganzes Denken davon erfüllt ist. Ist der Wunsch einer Tochter, von ihrem Vater beschützt zu werden, pathologisch? 

Die Situation Doras war so tragisch, weil der Vater ihr diesen Schutz nicht gewähren konnte oder wollte. In der Analyse von Doras erstem Traum sagte Freud:

Das Kind beschließt, mit seinem Vater zu flüchten; in Wirklichkeit flüchtet es sich in der Angst vor dem ihm nachstellenden Mann zu seinem Vater; es ruft eine infantile Neigung zum Vater wach, die es gegen die rezente zu dem Fremden schützen soll. An der gegenwärtigen Gefahr ist der Vater selbst mitschuldig, der sie wegen eigener Liebe s Interessen dem fremden Mann ausgeliefert hat. Wie viel schöner war es doch, als derselbe Vater niemanden anderen lieber hatte als sie und sich bemühte, sie vor den Gefahren, die sie damals bedrohten, zu retten. Der infantile und heute unbewußte Wunsch, den Vater an die Stelle des fremden Mannes zu setzen, ist eine traumbildende Potenz. (GW V; 249)

Aber in Wirklichkeit war dieser Wunsch in keiner Weise »unbewußt«. Dora wußte oder hätte es sehr leicht erkennen können, daß sie von ihrem Vater beschützt und geliebt werden wollte, etwas, das jeder von seinem Vater erwartet. Daß Doras Vater, wie soviele andere, ihr diesen Schutz nicht gewähren konnte, sondern auch für die Gefahr, in der sie sich befand, direkt verant­wortlich war, war Doras Tragödie, die gleiche Tragödie, der sich Freud nicht stellen wollte, obwohl er offen hätte zugeben können, daß Doras Vater für die Gefahr verantwortlich war, in der sie sich befand. Natürlich wandte sich Dora an ihren Vater. Wie konnte sie wissen, daß er kein Interesse dafür hatte, daß sie seinen Schutz vor dieser Gefahr suchte, sondern sich nur für sich selbst interessierte?

Spätestens jetzt können wir erkennen, daß die Beziehung zwischen Dora und Freud von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Jeder wollte von dem anderen etwas völlig anderes, oder vielmehr brauchte jeder von der anderen Person etwas ganz anderes. Sie begegneten sich mit unterschiedlichen Erwartungen, jeder be-

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trachtete die Welt aus einer anderen Perspektive, und als die Arbeit an der Analyse beendet war und sie sich trennten, waren sie beide in ihren ursprünglichen Auffassungen nur bestärkt worden. Ich weiß nicht, ob es stimmt, daß Freud Dora nicht mochte.11)

Aber es ist sicher richtig, daß er infolge seiner vorgefaßten Meinung von ihr nichts über die reale Welt erfahren hat, sondern nur über die Gedankenwelt der Psychoanalyse. Und auch sie hat von Freud nichts über die reale Welt erfahren, sondern nur über die Welt der Psychoanalyse. Am Ende der Analyse glaubte Freud, er wisse, was mit Dora nicht in Ordnung sei. Dafür ist es wichtig, zu erfahren, welche Erkenntnisse er behauptete, gewonnen zu haben.

Freud hat sich oft gefragt, warum Dora krank geworden sei. Er führt es darauf zurück, daß sie sich zu oft verliebt und die Menschen, die sie liebte, zu sehr geliebt hat. Ihre erste Liebe war ihr Vater. (Freud: »Ich müßte annehmen, daß ihre Neigung zum Vater schon frühzeitig den Charakter voller Verliebtheit besessen habe...« GW V; 217). Dann verliebte sie sich in Herrn K. (»Sie sehen, daß Ihre Liebe zu Herrn K. mit jener Szene nicht beendet war, daß sie [sich], wie ich behauptet habe, bis auf den heutigen Tag - allerdings Ihnen unbewußt - fortsetzt«; GW V; 267). Dabei ist entscheidend, daß Freud niemals an das bewußte »Nein« Doras geglaubt hat, sondern sogar meinte: »ein unbewußtes <Nein> gibt es überhaupt nicht« (GW V; 218). Damit hatte Dora keine logische Möglichkeit, ihm zu widersprechen.

Außerdem behauptete Freud, daß Dora eine »tiefwurzelnde homosexuelle Liebe zu Frau K.« empfand (GW V; 267, Fn. 1). Er glaubte sogar, daß dies einer der »am tiefsten verborgenen Gedankenkreise« sei (GW V; 273, Fn. 1). Freud meinte später, es sei ein Fehler gewesen, Dora nichts über diese Liebe zu sagen: »Ich habe es versäumt, rechtzeitig zu erraten und der Kranken mitzuteilen, daß die homosexuelle (gynäkophile) Liebesregung für Frau K. die stärkste der unbewußten Strömungen ihres Seelenlebens war« (GW V; 284, Fn. 1). Der Beweis für diese verdrängte homosexuelle Liebe war die Tatsache, daß Dora es Frau K. augenscheinlich nicht übelnahm, daß sie von ihr betrogen worden war, als Frau K. ihrem Ehemann, den sie verachtete, mitteilte, sie und Dora hätten gemeinsam Bücher über sexuelle Aufklärung gelesen. Freud konnte nicht glauben, daß diese Haltung von Dora mit ihrer Großzügigkeit und Loyalität zu begründen sei. Nach seiner Auffassung mußte eine homosexuelle Liebe dahinterstehen (s. a. GW V; 284, Fn. 1).


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Doch paradoxerweise war sie gleichzeitig in einen jungen deutschen Ingenieur verliebt, obwohl Freud keinen anderen Beweis dafür hatte als seine eigene Vermutung (s. a. GW V; 258, 262) und die seltsam optimistische Behauptung auf der letzten Seite seines Berichts: »Das Mädchen hat sich seither verheiratet, und zwar mit jenem jungen Manne, wenn mich nicht alle Anzeichen trügen, den die Einfälle zu Beginn der Analyse des zweiten Traumes erwähnten« (286). Doch Freud hatte sich getäuscht und hat es in einer Fußnote zu einigen, aber nicht allen späteren Ausgaben seines Berichts über den Fall Dora zugegeben, denn sie hat diesen Ingenieur nicht geheiratet.

Weshalb Dora so häufig verliebt war, hat Freud nicht ergründet. Hier verzichtete er auf die von ihm entwickelten neuen Methoden in der Psychologie und kam auf die im 19. Jahrhundert geltenden Standardvorstellungen über die Vererbung zurück, denn er sagt zum Beispiel, daß »diese frühzeitige Neigung der Tochter zum Vater ... bei den konstitutionell zur Neurose bestimmten, frühreifen und nach Liebe hungrigen Kindern schon anfänglich intensiver angenommen werden« (kann), GW V; 59.

Natürlich glaubte Freud, daß Männer ebenso wie Frauen an Neurosen erkranken können. Aber ich erinnere mich an keinen einzigen Fall in den vierundzwanzig Bänden der Standard-Edition, in dem Freud von einem Mann berichtet, der aus diesen Gründen an einer Neurose erkrankte. Glaubt Freud, daß Neurosen bei Frauen andere Ursachen haben als bei Männern? Gibt es Hinweise dafür, daß sich Dora irgendwie von anderen jungen Menschen unterschied, die das Verlangen haben, zu lieben und um ihrer selbst willen geliebt zu werden? Welches Kind ist schließlich nicht »nach Liebe hungrig«?

Haben Frauen besondere Anlagen, die sie anfälliger für Neurosen machen? Ja.

Der Stolz auf die Gestaltung12 der Genitalien ist bei unseren Frauen ein ganz besonderes Stück ihrer Eitelkeit; Affektionen derselben, welche für geeignet gehalten werden, Abneigung oder selbst Ekel einzuflößen, wirken in ganz unglaublicher Weise kränkend, das Selbstgefühl herabsetzend, machen reizbar, empfindlich und mißtrauisch. Die abnorme Sekretion der Scheidenschleimhaut wird als ekelerregend angesehen. (GW V; 246/47)


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Ist das wirklich so überraschend, und ist es Ausdruck weiblicher Eitelkeit? Wie kommt Freud auf diesen Gedanken? Ich glaube nicht, daß Frauen ihm gesagt haben, sie machten sich Sorgen um ihre Genitalien, wenn es sich nicht um einen krankhaften Zustand der Geschlechtsteile gehandelt hat. Die »Gestaltung« weiblicher Genitalien interessiert in erster Linie den Mann und ist vor allem Gegenstand der Pornographie. Im übrigen waren die Befürchtungen Doras durchaus legitim. Aber als Dora die Tatsache, daß sie böse auf ihren Vater war, damit begründete, daß er sich mit einer Syphilis angesteckt hatte (zweifellos war das auch der Grund dafür, daß Doras Mutter ihren Mann jetzt ablehnte, denn er hatte auch sie angesteckt, und Dora wußte dies) und erklärte, auch sie fürchte, sich infiziert zu haben, betrachtete Freud diese Sorge als einen weiteren Beweis für ihre Neurose: »Ich hütete mich, ihr zu sagen, daß ich... gleichfalls die Ansicht vertrete, die Nachkommenschaft Luetischer sei zu schweren Neuropsychosen ganz besonders prädisponiert« (GW V; 237).

Der Essay über den Fall Dora war von Freud als Anhang zu seiner Traumdeutung gedacht (daher der Originaltitel dieser Arbeit »Traum und Hysterie«). Dieses Buch beschäftigt sich vor allem mit dem Vorhandensein und den Auswirkungen von Emotionen, die dem Betreffenden nicht bewußt sind. Bei Dora waren ihre Träume Ausdruck von Gefühlen wie Liebe, Haß, Eifersucht und Ekel, die sie aus ihrem Bewußtsein verdrängt hatte.

Aber mit der genialen Entdeckung Freuds, daß es Emotionen gibt, von denen wir selbst nichts wissen, war die Frage nach dem Ursprung dieser Emotionen noch nicht beantwortet. Dora mag unbewußt durchaus Rachegefühle gehabt haben, die ihr Verhalten leiteten, aber ihre unbewußten Gefühle waren durchaus in der Wirklichkeit verankert. Wenn ihre Träume zeigten, daß sie enttäuscht war, dann hatte sie auch wirklich allen Grund, enttäuscht zu sein. Doras Traum, in dem ihr Vater sie vor einem Feuer schützte, wurde von Freud sexuell gedeutet, indem er behauptete, das Feuer symbolisiere ihr Verlangen, mit Herrn K. zu schlafen (GW V; 251-255). In dem Traum sollte der Vater nach der Deutung von Freud Dora vor der »Versuchung« schützen, die durch ihr eigenes Verlangen entstanden war. Aber Freud meinte auch, daß »es ja der Vater ist, der sie in diese Gefahr gebracht hatte«. Eine direkte Erklärung für den Traum ist also, daß Dora sich ganz einfach gewünscht hat, ihr Vater möge sie nicht vor einer Versuchung, sondern vor einer Gefahr schützen, der er sie ausgesetzt hatte.


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Das ist ein völlig legitimer Wunsch für ein so junges Mädchen, es ist jedoch auch eine Möglichkeit, die Freud in seinem Eifer, Dora eine Falle zu stellen, gar nicht sehen konnte. Bei jeder Gelegenheit versuchte er, Doras Träume gegen sie zu verwenden und sie in einer Richtung zu deuten, die seinen und nicht ihren Wünschen entsprach. Das ist zweifellos auch der Grund, weshalb Freud nach einer zweistündigen Sitzung, in der die Träume gedeutet wurden, zu Dora sagte, er sei mit dem Ergebnis zufrieden, worauf sie »geringschätzig« antwortete: »Was ist denn da viel herausgekommen?« Das war eine gute Frage, die jedoch unbeantwortet blieb.

Dora selbst dachte, daß etwas ganz anderes mit ihr nicht in Ordnung war. Freud allerdings teilt uns dies nicht mit, aber ihre Betroffenheit verrät uns, daß es ihr in erster Linie um Wahrheit und Ehrlichkeit ging. Sie hatte das Gefühl, man habe sich gegen sie verschworen — und es gab eine solche Verschwörung. Sie glaubte, belogen zu werden — und sie wurde belogen. Sie meinte, sie werde benutzt — und sie wurde benutzt. Sie verlor allmählich ihren Glauben an Gerechtigkeit und an Integrität — kurz gesagt den Glauben an die Welt. Und sie hatte recht. Es war so, als gäbe sie Freud eine letzte Gelegenheit, ihr zu beweisen, daß wenigstens er sie nicht in der Weise benutzte, wie andere es taten, daß er sich um ihrer selbst willen für sie interessierte oder daß er wenigstens objektiv sein und die Wahrheit erkennen und anerkennen werde, wenn er sie sah. 

Sie hatte das Gefühl, daß ihr Vater, der ihr hätte beistehen sollen, sie im Stich gelassen hatte. Freud schrieb: »Sie verglich mich auch immer bewußt mit ihm, suchte sich ängstlich zu vergewissern, ob ich auch ganz aufrichtig gegen sie sei, denn der Vater bevorzuge immer die Heimlichkeit und einen krummen Umweg« (GW V; 282). In dieser Beziehung war Freud eigentlich gar nicht anderer Meinung als Dora. Er ließ lediglich ihre Bedürfnisse zugunsten seiner eigenen unbeachtet, die darin bestanden, daß er die Richtigkeit seiner psychologischen Theorien beweisen wollte. Er hatte das Gefühl, daß seine Aufgabe nicht darin bestand, ihre Weltanschauung zu bestätigen (selbst wenn er sie teilte), sondern sie zu unterlaufen und zu hinterfragen, das heißt ganz einfach zu deuten: »Wer Augen hat zu sehen und Ohren zu hören, überzeugt sich, daß die Sterblichen kein Geheimnis verbergen können. Wessen Lippen schweigen, der schwätzt mit den Fingerspitzen; aus allen Poren dringt ihm der Verrat« (GW V; 240).


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Es liegt fast ein gewisser Zynismus darin, wie Freud seine Behandlung hinauszögerte. Zweifellos hätte er zugegeben, daß die Welt und mit Sicherheit Doras Welt genau so war, wie sie sie sah. Aber ihre Anschauungen interessierten ihn nicht besonders. Und deshalb ignorierte er ganz einfach die eine Art der Wirklichkeit auf seiner Suche nach einer anderen, die ihm bedeutungsvoller erschien. Damit hat er vielleicht sogar recht gehabt. (Ich glaube allerdings, daß er sich irrte.) Aber ob er nun recht hatte oder nicht, er hat Dora nicht geholfen. Am Schluß entzog er ihr sogar seine Sympathie und drängte sie ebenso wie die anderen, die Lösung zu akzeptieren, die nach Meinung der Gesellschaft die richtige für sie war: Sie sollte die Augen vor dem verschließen, was um sie herum geschah.

Freud hatte Dora eine Deutung geliefert, die ausgerechnet den Leuten gefallen mußte, die sie der Unaufrichtigkeit beschuldigten, während sie in Wirklichkeit die einzige in diesem Kreis war, die sich bereit erklärt hatte, die Wahrheit zu akzeptieren. Doch was konnte sie als junges Mädchen gegen einen mächtigen Industriellen unternehmen, hinter dem die ganze Wiener Gesellschaft stand? Wenn Freud schon nicht für sie und seine anderen in ähnlicher Weise mißbrauchten Patientinnen den Kampf aufnehmen konnte, dann hätte er sich wenigstens mit Abscheu von denen abwenden können, die diese jungen Frauen quälten, um nichts mehr mit der emotionalen und intellektuellen Korruption zu tun zu haben, auf die er überall stieß.

Aber Freud hat Dora nicht verteidigt. Statt dessen wandte er seine Aufmerksamkeit einer seiner großen Entdeckungen zu, der »Übertragung«. In seinem Bericht über den Fall Dora spricht Freud zum erstenmal ausführlich über die Übertragung und ihre Bedeutung für die Behandlung. Aber Freuds Erklärung der Übertragung dient in diesem Fall seinen eigenen Zwecken. Dora »übertrug« nichts auf Freud; sie »verglich« Freud nur mit anderen Menschen, die in ihrem Leben eine wichtige Rolle spielten. Sie verglich ihren Analytiker mit ihrem Vater und stellte fest, daß beide sie enttäuschten. Vielleicht ist sich Dora dieser Tatsache gar nicht bewußt gewesen. Viel wichtiger ist jedoch, daß es auch Freud nicht bewußt war. Trotz all seiner fein ausgeklügelten psychologischen Theorien war ihm dieses Mädchen, was die Erkenntnis psychischer Realitäten betraf, weit überlegen. Freud war wie ihr Vater. Seine eigenen Interessen bedeuteten ihm viel mehr als die ihren.


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Es war Freuds Technik, seine Methode, Doras Vorstellung von der Realität als unzutreffend zu bezeichnen und an ihre Stelle eine psychologische Aufgabe zu setzen. Wenn Dora sich über irgend jemanden beschwerte, dann drehte Freud den Spieß um und behauptete, sie müsse die Schuld bei sich selbst suchen: »Eine Reihe von Vorwürfen gegen andere Personen läßt eine Reihe von Selbstvorwürfen des gleichen Inhalts vermuten. Man braucht nur jeden einzelnen Vorwurf auf die Person des Redners zurück­zuwenden« (GW V; 194).13

Obwohl Freud bereit war, partiell zuzugeben, daß Dora die Welt so sah, wie sie wirklich war, verlangte er trotzdem von ihr, sich dieser Welt anzupassen, ob nun das, was dort geschah, richtig oder falsch war. Dora sah sich in dieser Welt um und war entsetzt über die Heuchelei und Unehrlichkeit. Praktisch sagte ihr Freud, ja, vielleicht haben Sie recht, aber es ist die einzige Welt, die Sie haben, und deshalb sollten Sie Frieden mit dieser Welt machen. Allerdings hat er ihr das nicht wörtlich gesagt.

Freud behauptete, Dora habe ganz bestimmte geheime Absichten. Er erklärte, sie wolle sich an den Männern rächen und ganz allgemein an der Scheinheiligkeit der Erwachsenen; ihre Träume zeigten, daß sie das Gefühl hatte, »da alle Männer so abscheulich sind, so will ich lieber nicht heiraten. Dies ist meine Rache.« (GW V; 283/84) Dora hatte gute Gründe, so zu denken. Jeder einzelne Mensch in ihrem engeren Kreis hatte sie zur Erfüllung seiner sexuellen Bedürfnisse benutzt; ihre Hauslehrerin, die mit ihrem Vater schlafen wollte, hatte sich als ihre intime Freundin ausgegeben; die verarmte Frau K., die mit Doras reichem Vater schlafen wollte, gab vor, ihre enge Freundin zu sein, und hatte Dora, als diese selbst noch ein Kind war, ihre Kinder anvertraut und Bücher über Sexualität mit ihr gelesen; sie benutzte diese vorgetäuschte Freundschaff mit Dora jedoch nur dazu, ihre eigenen egoistischen Ziele zu erreichen und kündigte Dora die Freundschaft auf, als diese ihr die Wahrheit über ihren Mann sagte (die ihr im übrigen selbst genau bekannt war); Doras Vater behauptete, seine Tochter zu lieben, war jedoch bereit, sie Herrn K. als Preis dafür anzubieten, damit er sein Verhältnis mit Frau K. fortsetzen konnte; Herr K. war bereit, das Angebot des Vaters anzunehmen und ihm zu erlauben, die Liebesbeziehung zu seiner Frau fortzusetzen, aber nicht, weil er Dora aufrichtig liebte, sondern weil er zur gleichen Zeit ein Verhältnis mit der Hauslehrerin seiner Kinder hatte.


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In dem Bericht über den Fall Dora erwähnt Freud eine Patientin, die glaubte, sie habe davon geträumt, in einem blauen tropischen Ozean zu schwimmen, dann aber erkannte, daß sie in Wirklichkeit »im Meer schwamm, während es gefroren war, mitten zwischen Eisbergen« (GW, V; 255). Das ist unzweifelhaft eine bildliche Darstellung der Kälte und Gefühllosigkeit der Menschen, von denen Dora umgeben war. Ebenso wie diese Träumerin wollte Dora glauben, sie befinde sich in einem warmen, sonnigen Klima. Doch wer würde in einer so kalten und abweisenden Atmosphäre nicht krank werden? Freud gelang es nicht, sich selbst aus diesem Netz von Lügen und Ränken zu befreien, das Dora umgab. Auch er gehörte zu den Männern, die aufgrund ihrer Autorität am besten zu wissen glaubten, was für Dora das Beste sei.

Doras Lösung gefiel Freud ebensowenig wie den anderen Männern in den darauffolgenden Jahren, vor allem den Analytikern. Freud beschreibt sie als Rache an dem Ehepaar K.:

Der Frau sagte sie: Ich weiß, du hast ein Verhältnis mit dem Papa, und diese leugnete nicht. Den Mann veranlaßte sie, die von ihm bestrittene Szene am See zuzugestehen, und brachte diese, sie rechtfertigende Nachricht ihrem Vater. Sie hat den Verkehr mit der Familie nicht wieder aufgenommen. (GW V; 285)

Mit anderen Worten, sie konfrontierte diese Menschen mit der Wirklichkeit und sagte ihnen, was sie ihr angetan hatten, und diese konnten es nicht länger bestreiten. Nachdem sie die Wahrheit eingestanden hatten, brach sie die Beziehungen zu ihnen ab. Das war ein bemerkenswert mutiges Verhalten. Aber 1961 fragte Erik Erikson in einem viel beachteten Vortrag vor der Plenarsitzung der American Psychoanalytic Association in New York: »Warum hat Dora Freud von der Tatsache informiert, daß sie ihre Eltern mit der historischen Wahrheit konfrontiert hat? Viele von uns werden dieses Vorgehen vielleicht heute noch als >Ausagieren< bezeichnen.«14

Aber handelt es sich hier um »Ausagieren« oder einfach um tapferes Verhalten? Doras verdeckte Vorgehensweise war in Wirklichkeit sehr viel vordergründiger als Freud oder Erikson es zuzugeben bereit waren. Ihr kam es nur darauf an, daß die Wahrheit ans Licht kam.


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Im übrigen hat Freud, obwohl er es nicht zugegeben hat, selbst einen geheimen Plan gehabt. Freuds Auffassung von der Bedeutung der realen Ereignisse in der Lebensgeschichte seiner »hysterischen« Patienten — kurz gesagt, seine Verführungs­theorie — hatte zu einer medizinischen Kontroverse mit seinen Kollegen geführt. Die 1896 veröffentlichte Arbeit, auf die sich Freud am Beginn seines Berichts über den Fall Dora bezieht und in der er seine Auffassungen vertritt, fand, wie er Fliess berichtete, eine »eisige Aufnahme«. Freud meinte: »Es sind irgendwelche Parolen ausgegeben worden, mich zu verlassen, denn alles fällt ringsum von mir ab.«

Der Bericht über den Fall Dora war die erste Falldarstellung, die Freud nach diesem Debakel, das überall als öffentliche Bloßstellung empfunden wurde (sein »Irrtum« im Hinblick auf die Verführungstheorie) veröffentlicht hat. Äußerst bemerkenswert ist die Tatsache, daß Freud in diesem Fall nicht mehr nach einem realen Trauma gesucht hat. Der Fall Dora steht am Beginn von Freuds Theoriewechsel (der Aufgabe der Verführungshypothese). Er ist wie eine Erklärung an seine Kollegen, als wolle er ihnen sagen: »Sehen Sie doch, Dora litt an inneren Phantasien und nicht an äußeren Verletzungen. Ihre Krankheit hatte innere und nicht äußere Ursachen; es waren Wahnvorstellungen und keine wirklichen Ereignisse; es war ihre Libido und keine Vergewaltigung.«

Auf persönlicher Ebene war es zudem ein Appell an Fliess, ihn nicht fallenzulassen und ihm nicht die Freundschaft zu kündigen, die Freud sehr viel mehr bedeutete als Fliess. Über einen Fall, den er 1897 behandelte, schreibt Fliess:

Von den Schmerzen ex onanismo möchte ich einen wegen seiner Wichtigkeit besonders hervorheben: den neuralgischen Magenschmerz. Er tritt recht früh bei Onanistinnen auf und kommt bei »jungen Damen« ebenso häufig vor, wie die Onanie selbst.

In seinem Exemplar des Buches von Fliess hatte Freud diesen Absatz unterstrichen.15

Es überrascht daher nicht, daß sich Freud auf Fliess und dessen Auffassung (und vielleicht sogar auf diese Passage) bezieht, wenn er den von ihm angenommenen Ursprung von Doras Krankheit — also ihrer Hysterie — darin zu sehen meint, daß Dora als Kind masturbiert hat:


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... ich halte den Indizienbeweis für die kindliche Masturbation für lückenlos hergestellt. Ich hatte in diesem Falle die Masturbation zu ahnen begonnen, als sie mir von den Magenkrämpfen der Cousine erzählte und sich dann mit dieser identifizierte, indem sie tagelang über die nämlichen schmerzhaften Sensationen klagte. Es ist bekannt, wie häufig Magenkrämpfe gerade bei Masturbation auftreten. Nach einer persönlichen Mitteilung von W. Fließ sind es gerade solche Gastralgien, die durch Kokainisierung der von ihm gefundenen »Magenstelle« in der Nase unterbrochen und durch deren Ätzung geheilt werden können. (GW V; 241)

Außerdem schreibt Freud am Ende seines Berichts einen Satz, der wie ein persönlicher Appell an seinen ehemaligen Freund klingt: »Nur ist die therapeutische Technik rein psychologisch; die Theorie versäumt es keineswegs, auf die organische Grundlage der Neurose hinzuweisen.« (GW V; 276)

Während alle Kollegen Freuds seine Theorie von der Entstehung der Neurosen durch äußere Ursachen, wie sexuelle Verführung, für unglaubwürdig hielten, waren die meisten von ihnen damit einverstanden, diese Ursache in der Masturbation zu sehen. Hier gab es etwas, das man dem Patienten vorwerfen konnte. Masturbation, besonders bei Frauen, war ein Thema, das zur Zeit Freuds häufig in der medizinischen Literatur behandelt wurde.

In seinem vielbeachteten Buch De l'Onanisme chez la femme (Masturbation bei Frauen) empfahl Dr. Thesee Pouillet »die mäßige Kauterisation der gesamten Oberfläche der weiblichen Scham, wobei weder die Klitoris noch die beiden Schamlippen vergessen werden dürften. Auf die zunächst beim Ausbrennen entstehenden Schmerzen, die etwa zwei Stunden anhalten, folgt für die Dauer von sechs bis acht Tagen oder noch länger eine morbide Empfindlichkeit, die sich nur ertragen läßt, solange die Schleimhaut der Scham nicht berührt wird, die jedoch beim ersten Kontakt mit irgend einem Gegenstand zu einem stechenden Schmerz wird, der sich verstärkt, wenn man das Geschlechtsorgan mit den Fingern reibt.« (S. 205) 

Sollte dieser Eingriff nicht zum Erfolg führen, zögerte Dr. Pouillet nicht, die Klitoris herauszuschneiden, und nennt mehrere Beispiele (S. 200-205) für die Ergebnisse, die er nach der chirurgischen Entfernung der Klitoris erzielt hat.16)


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Wir wissen, daß Freuds Patientin Emma Eckstein, die er an Fliess überwiesen hatte, der wegen Masturbation eine Nasenoperation an ihr vornehmen sollte, fast gestorben wäre, weil die Operation unsachgemäß durchgeführt worden war.17)

Freud versuchte Fliess anschließend damit zu entschuldigen, daß er behauptete, er habe die »Einsicht« gewonnen, daß die Patientin nur deshalb fast verblutet wäre, weil sie eine hysterische Bluterin sei. Die Operation habe damit nichts zu tun. Das war im Jahr 1897. Drei Jahre später war Freud wieder bereit, den unsinnigen Theorien von Fliess eine Patientin zu opfern. Dora ahnte nicht, welches Glück sie hatte, als sie sich von Freud trennte, bevor er ihr diese völlig sinnlose Radikalkur empfehlen konnte.

Das Thema der sexuellen Verführung wird in dem Bericht über den Fall Dora nur einmal in einer Fußnote auf Seite 217 angesprochen, wo Freud schreibt: »Das hierfür entscheidende Moment ist wohl das frühzeitige Auftreten echter Genital­sensationen, sei es spontan oder durch Verführung und Masturbation hervorgerufen.«

Freud spricht hier darüber, was geschieht, wenn sich die Libido bei frühreifen Frauen entwickelt oder fixiert wird. Ohne es ausdrücklich zu sagen, kommt er hier auf den Kern des Falles Dora, der auch nach seiner Auffassung in dieser Problematik zu suchen ist. Denn nach seinem Dafürhalten ist Dora krank, weil sie sich nicht eingestehen will, daß sie Herrn K. liebt. Sie kann es deshalb nicht, weil sie sich die Liebe zu ihrem eigenen Vater nicht eingestehen kann. Sie kann nicht zugeben, daß sie ihren Vater liebt, weil sie sich von dieser Liebe im Verlauf ihrer normalen Entwicklung nicht hat befreien können. Nun stellt sich die Frage, warum Dora nicht das durchgemacht hat, was Freud als die normale Entwicklungsstufe einer langsamen Desillusionierung gegenüber dem Vater ansehen würde, oder, milder ausgedrückt eine langsame Loslösung von der ausschließlich sexuellen Liebe zu ihm.18)

Diese Frage ist entscheidend bei der Beurteilung der Theorien Freuds und besonders des Falles Dora. Seine Lösung lautet, daß sie entweder sexuell mißbraucht wurde oder masturbiert hat und dies eine frühreife Fixierung auf die Libido erzeugt habe.19)

Als Freud 1896 seine Arbeit über Hysterie schrieb, war er davon überzeugt, deren Ursache sei eine sexuelle Verführung, und damit meinte er etwas sehr Ernstes. Heute würden wir es »Vergewaltigung« nennen. Damals glaubte er, die Masturbation habe keine so starken traumatischen Auswirkungen.


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Die meisten Verfasser, die sich mit dem Fall Dora beschäftigt haben, sind sich der Tatsache bewußt, daß die Frage der sexuellen Verführung eine Kernfrage ist, und dabei geht es auch darum, ob wir es mit Phantasie oder Wirklichkeit zu tun haben. So hat Steven Marcus bei seinem Vergleich zwischen Freud und Coleridge gesagt (und sich dabei auf eine Aussage in Lyrical Ballads über den freiwilligen Verzicht auf den Zweifel berufen):

Wir wissen sehr wohl, daß Freud mehr als normale Fähigkeiten in dieser Richtung hatte, und daß einer der dramatischsten Augenblicke in der Vorgeschichte der Psychoanalyse gerade damit etwas zu tun hatte, daß er Ereignisse als wirklich angesehen hat, die sich später als Phantasien herausstellten.20)

Auch Jane Gallop schreibt in ihrem Aufsatz »Keys to Dora«:

Es ist üblich geworden, den Augenblick als Wendepunkt in der Geschichte der Psychoanalyse zu bezeichnen, in dem Freud in den 1890er Jahren aufhörte zu glauben, eine »wirkliche« sexuelle Verführung sei die Ursache der Hysterie, und erkannte, daß die Neurose durch kindliche Phantasien ausgelöst wird. Das ist der entscheidende Bruch mit den Theorien der traumatischen Ätiologie und der Augenblick der Entdeckung der kindlichen Sexualität.21)

Die Feststellung einer sexuellen Verführung, eines äußeren Traumas dieser Art, ist nur ein Teil der Wahrheit. Aber wie Philip Rieff in seiner Einführung zur Collier-Ausgabe des Berichts über den Fall Dora scharfsinnig bemerkt, »interessiert sich Freud nicht für alle Wahrheiten und gewiß nicht für die Wahrheiten Doras mit Ausnahme derer, die seinen eigenen widersprechen. Weil die Einsichten Doras Ausdruck ihrer Krankheit sind, mußte sich Freud gegen sie wehren, denn er betrachtete sie als Zeichen ihres Widerstandes gegen seine Einsichten.«22)

Auch Marcus kam bei seiner Bewertung des Falles Dora zu dem Schluß, daß »sich die Wirklichkeit als etwas erweist, das sich praktisch nicht von einer systematischen fiktiven Erfindung unterscheiden läßt« (S.81).


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Der Bericht über den Fall Dora enthält die erste vorsichtige Botschaft Freuds an seine kleine, aber ständig wachsende Gemeinde, der er sagen will, daß er seine Meinung geändert hat und von nun an die Ursachen für Geisteskrankheiten in der Person und nicht in der äußeren Welt suchen wird.

Später haben die Psychoanalytiker sehr verächtlich von Dora gesprochen. Freuds Biograph Ernest Jones hat zum Beispiel viele Jahre später über sie gesagt: »Dora war ein unangenehmes Geschöpf, das ständig die Rache vor die Liebe stellte; dies war auch der Grund, warum sie die Behandlung vorzeitig abbrach und verschiedene hysterische Symptome körperlicher und seelischer Art beibehielt.«23)

Jones hat Dora allerdings nicht persönlich kennengelernt. Er schildert nur seine persönlichen Eindrücke, die er aus Freuds Bericht über den Fall Dora und aus persönlichen Gesprächen mit Freud gewonnen hat. Und Felix Deutsch, Freuds Hausarzt, der es später als Psychoanalytiker zu großem Ansehen gebracht hat, schreibt 1957 über Dora:

Die Unfähigkeit, »ihren Darm zu entleeren«, ihre Verstopfung, ist bis zum Ende ihres Lebens ein Problem für sie gewesen. Da sie sich an ihre Verdauungsbeschwerden gewöhnt hatte, behandelte sie diese augenscheinlich als ein vertrautes Symptom. Ihr Tod an einem Mastdarmkrebs, der zu spät diagnostiziert wurde, um noch erfolgreich operiert zu werden, schien für ihre nächste Umgebung ein Segen zu sein. Sie war, wie mein Gewährsmann sich ausdrückt, »eine der abstoßendsten Hysterikerinnen«, die ihm je begegnet seien.24)

Diesen Eindruck hatte Deutsch nicht persönlich gewonnen, sondern seine Informationen kamen von einem ungenannten »Gewährsmann«! Aber einer einzigen anonym geäußerten Meinung darf, wenn sie von einem Psychoanalytiker wiederholt wird und der nicht direkt zum Ausdruck gebrachten Auffassung Freuds entspricht, nicht widersprochen werden. Die Meinung des Informanten von Deutsch wurde später nicht etwa als böswillige Verleumdung, sondern als Tatsache verbreitet. So schrieb zum Beispiel Marcus in seinem viel zitierten Artikel »Freud and Dora«: »Dora weigerte sich, in der Geschichte, die Freud für sie erfand, eine Rolle zu übernehmen, und wollte sie selbst zu Ende schreiben. Wie wir heute wissen, war das von ihr verfaßte Ende ein sehr böses.«25)


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Diese Sätze beziehen sich auf den Bericht von Deutsch. Man beachte die Selbstsicherheit des Verfassers. Sogar in einem feministischen Bericht von Toril Moi über Dora heißt es zum Beispiel:

Es wäre vielleicht erfreulich, die junge, stolze Dora als leuchtendes Beispiel einer kämpferischen Feministin zu sehen (wie es Cixous tut); wir sollten aber nicht das Bild der alten, nörgelnden, winselnden und mit allem unzufriedenen Dora vergessen, die sie später nach einem verpfuschten Leben gewesen ist.

Woher weiß Toril Moi das so genau? Woher weiß sie, daß Dora ein solcher Mensch war? Woher weiß sie, daß Dora im Leben nichts erreicht hat? Nur weil Deutsch geschrieben hat, irgend jemand habe es ihm erzählt. Andere Aussagen darüber gibt es nicht.26 Jones schreibt:

Diese erste Krankengeschichte diente jahrelang als Modell für Kandidaten der Psychoanalyse... Es war für mich die erste von Freuds postneurologischen Schriften, auf die ich bei ihrer Veröffentlichung stieß, und ich erinnere mich gut, wie tief mich die darin sichtbare Intuition und Beachtung kleinster Einzelheiten beeindruckte... Heutzutage ist es schwer, zu veranschaulichen, welch ungewöhnliches Ereignis es war, daß jemand psychologische Gegebenheiten so ernst nahm. Doch wenn dies heute, nach nicht einmal fünfzig Jahren, ganz selbstverständlich scheint, so läßt sich daran ermessen, welche Revolution durch einen einzigen Menschen bewirkt wurde. (S. 306-307)

Ich muß mich diesem Urteil anschließen und glaube, daß die außergewöhnliche Lebendigkeit des Werks dafür verantwortlich ist. Wenn ich mit meiner Behauptung recht habe, Freud habe Dora vollständig mißverstanden und ihr mit seinen Interpretationen keinen Dienst erwiesen, warum interessiert mich dann diese Krankengeschichte? Diese Frage wird zum Teil in der folgenden, glänzend formulierten Passage von Marcus beantwortet:

Freuds kreative Ehrlichkeit zwang ihn, die Geschichte Doras so zu schreiben, wie er es getan hat, und seine Darstellung erlaubt uns, in diesem bemerkenswerten Fragment ein sehr viel vollständigeres Bild zu entdecken. Wie ich schon einmal gesagt


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habe, ist dieses von Freud verfaßte Fragment vollständiger und zusammenhängender als die ausführlichste Krankengeschichte jedes anderen Verfassers. Freuds Krankengeschichten stellen eine neue Literaturform dar; es sind kreative Erzählungen, die ihre eigene Analyse und Interpretation enthalten. Und doch ist das Material wie alle lebendigen Werke der Literatur stets inhaltsreicher als die Analyse und die Interpretation, die es begleiten, und das bedeutet, daß künftige Generationen auf diese Werke zurückgreifen und darin eine Sprache finden werden, wie sie sie suchen, und eine Geschichte, die sie hören müssen. (S. 90)

 

Es gibt noch einen Grund, weshalb die Geschichte Doras eine so interessante Lektüre ist. Sie erlaubt uns einen Einblick in die Tiefen, die Freud nicht ausgelotet hat. Alles, was ich über Dora gesagt habe und was der Interpretation Freuds so sehr widerspricht, gründet sich auf die Aussagen von Freud. Aber anders als Marcus glaube ich nicht, der Grund dafür sei die Tatsache, daß Freud Literatur geschrieben hat. Ich glaube ganz im Gegenteil, es liegt daran, daß Freud zeitweilig und bis zu einem bestimmten Grad über die reale Welt berichtet hat. Was Freud von all seinen Kollegen unterschied, war, daß er bereit gewesen ist, die Komplexität aller Fälle, mit denen er sich beschäftigt hat, zuzugeben. Er hat diese Komplexität nicht in dem Ausmaß verdeckt, wie es seine Kollegen getan haben, und ist nicht stillschweigend über sie hinweggegangen. Um diesen Gegensatz deutlich zu machen, zitiere ich im folgenden eine typische Krankengeschichte aus dem klassischen Werk von Krafft-Ebing, Psychopathia Sexualis:

Herr Z. 22 Jahre, ledig, wurde mir von seinem Vormund zugeführt behufs ärztlichen Rates, da er höchst nervös und offenbar sexuell nicht normal sei. Mutter und Muttersmutter waren geisteskrank gewesen. Der Vater zeugte ihn zu einer Zeit, wo er sehr nervenleidend war. Pat. soll ein sehr lebhaftes und talentiertes Kind gewesen sein. Schon mit 7 Jahren bemerkte man bei ihm Masturbation. Er wurde vom 9. Jahr ab zerstreut, vergeßlich, kam mit seinen Studien nicht recht vorwärts, bedurfte beständiger Nachhilfe und Protektion, absolvierte mühsam das Realgymnasium und fiel während seines Freiwilligenjahres durch Indolenz, Vergeßlichkeit und verschiedene dumme Streiche auf.


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Anlaß zur Konsultation bot ein Vorfall auf der Straße, indem Z. sich an eine junge Dame angedrängt hatte und in höchst zudringlicher Weise und in großer Aufregung dieselbe zu einer Konversation mit ihm hatte bestimmen wollen. Pt. motiviert diesen Auftritt damit, daß er durch ein Gespräch mit einem anständigen Mädchen sich habe aufregen wollen, um dann zu Koitus mit einer Prostituierten potent zu sein! Z.s Vater bezeichnet ihn als einen von Hause aus gutartigen, moralischen, aber schlaffen, faden, mit sich zerfallenen, über seine schlechten Erfolge in der bisherigen Lebensführung oft desperaten, gleichwohl indolenten Menschen, der sich für nichts, außer für Musik, interessiere, zu welcher er große Begabung besitze. Das Äußere des Patienten — sein plagiozephaler Schädel, seine großen, abstehenden Ohren, die mangelhafte Innervation des rechten Mundfazialis, der neuropathische Ausdruck der Augen — deuten auf eine degenerative neuropathologische Persönlichkeit. Z. ist groß von Statur, von kräftigem Körperbau, eine durchaus männliche Erscheinung. Becken männlich, Hoden gut entwickelt, Penis auffallend groß. Mons veneris reichlich behaart, der rechte Hode hängt tiefer herab als der linke... Pat. bittet, man möge ihn willensstark machen. Linkisches, verlegenes Benehmen, scheuer Blick, schlaffe Haltung deuten auf Masturbation. Pat. gesteht zu, daß er vom 7. Jahr ab bis vor 1 1/2 Jahren ihr ergeben war, jahrelang acht- bis zwölfmal täglich onanierte... er sei immer schüchterner, schlaffer, energieloser geworden, furchtsam.27)

Wenn wir das lesen, wird uns bewußt, wie außergewöhnlich Freuds Werk trotz seiner vielen Schwächen ist. Zweifellos bezeichnet es einen Wendepunkt in der Geschichte der westlichen Kultur. Doch obwohl wir dieses Werk aus vielen Gründen bewundern mögen, hatte es bis heute keinen positiven Einfluß auf die Psychotherapie. Während wir bei der Lektüre des Berichts von Krafft-Ebing vielleicht lachen werden (auch wenn unser Gelächter mit Entsetzen gepaart ist), und merken, wie absurd er argumentiert, reagieren wir auf die Krankengeschichten von Freud ganz anders. Obwohl viele feministische Historikerinnen zugeben werden, daß die Begegnung zwischen Freud und Dora eine Tragödie war, sind sie sich keineswegs sicher, daß die Schuld allein bei Freud lag.


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Das gilt besonders für die französischen Feministinnen, die von der Psychoanalyse stark beeinflußt waren,28) vor allem aber für Jacques Lacan und dessen verständnisvolle Deutung des Falles Dora in einer seiner berühmtesten Vorlesungen über das Thema der Übertragung.

Diese Vorlesung wurde 1952 zum erstenmal gehalten, und Lacan war vielleicht der erste, der erkannt hat, daß die Beziehung zwischen Freud und Dora jene »Mesalliance« gewesen ist, wie sie von vielen bezeichnet wurde. Freud habe sich im Hinblick darauf, was er als vernünftige Lösung für Dora ansah, von seinen Vorurteilen leiten lassen. Andererseits hat Lacan an die Stelle der Vorurteile Freuds nur seine eigenen gesetzt:

Wie bei allen Frauen und aus Gründen, die an der Basis der elementarsten Formen sozialen Umgangs liegen (den gleichen Gründen, die Dora für ihre Revolte angibt), liegt die Schwierigkeit im Grunde darin, sich selbst als Objekt männlicher Begierden zu akzeptieren.29

Suzanne Gearhart schreibt über die Bedeutung des ersten Essays von Lacan:

Die von Jacques Lacan eingeleitete »Rückkehr zu Freud« hat dazu beigetragen, die fundamentale Bedeutung der Äußerungen von Freud gegenüber Fliess zu unterstreichen. Das zeigt sich besonders in Lacans Interpretation des Falles Dora in »Intervention surle transfert«, denn hier ging es zum erstenmal um die psychoanalytische Behandlungsmethode logisch zusammenhängender Beschuldigungen, die vom Patienten als Schutzbehauptungen erhoben werden oder als Symptome angesehen werden können.30

Lacans letztes Wort zum Thema der Übertragung war ein berühmter Satz, der die Tätigkeit der Analyse als die Suche nach der Wahrheit bezeichnet, aber diese Wahrheit ist la verite du desir du patient, die Wahrheit im Wunsch des Patienten.31)

Auf jeden Fall ist es ein Ziel von Freud gewesen, Dora zu der Einsicht zu bewegen, daß sie selbst eine Mitschuld an der tragischen Situation hatte, in der sie sich befand. Die allgemeine Ansicht der Psychotherapeuten zu diesem Fall ist, daß Dora sich nur


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aus dieser furchtbaren Lage hätte befreien können, wenn sie bereit gewesen wäre, ihre eigene Verantwortung zu akzeptieren. Freud hat zugeben müssen, daß er dieses Ziel nicht erreicht hat. Er führt seinen Mißerfolg in dem berühmten Nachwort (das sich nicht genau datieren läßt, aber irgendwann zwischen April 1902, als Dora Freud zum letztenmal besuchte, und Oktober 1905 liegen muß, als die Krankengeschichte in der Monatsschrift veröffentlicht wurde) darauf zurück, daß er sich der negativen Übertragung nicht bewußt gewesen sei, das heißt der Tatsache, daß Dora Freud Eigenschaften zuschrieb, die in Wirklichkeit auf Herrn K. zutrafen, und deshalb Freud so behandeln mußte, wie sie Herrn K. behandeln wollte, an dem sie glaubte sich rächen zu müssen. Freud schreibt, er hätte Dora sagen sollen:

Haben Sie etwas bemerkt, was Sie auf böse Absichten schließen läßt, die denen des Herrn K. (direkt oder in irgend einer Sublimierung) ähnlich sind... Dann hätte sich ihre Aufmerksamkeit auf irgend ein Detail aus unserem Verkehre, an meiner Person oder an meinen Verhältnissen gerichtet, hinter dem etwas Analoges, aber ungleich Wichtigeres, das Herrn K. betraf, sich verborgen hielt, und durch die Lösung dieser Übertragung hätte die Analyse den Zugang zu neuem, wahrscheinlich tatsächlichem Material der Erinnerung gewonnen. (GW V; 282)

Freud glaubte, Dora habe die alten Erinnerungen »ausagiert«, anstatt über sie zu sprechen, indem sie Freud verließ, »weil sie glaubte, von ihm getäuscht und verlassen worden zu sein«.

 

Das ist eine saubere Analyse, aber ist sie auch richtig? Freud nimmt an, alle negativen Qualitäten, die Dora in ihm entdecken konnte und die sie an Herrn K. erinnerten, seien ausschließlich auf die Übertragung zurückzuführen; das heißt, sie seien Phantasien.

Aber alles scheint darauf hinzuweisen, daß Dora tatsächlich Ähnlichkeiten zwischen Herrn K. und Freud wahrnahm, die nicht das Produkt ihrer Einbildung waren. Sie waren wirklich vorhanden. Freud interessierte sich nicht mehr für Doras Wahrheit, als es Herr K. getan hatte. Das ist die versteckte Eigenschaft, die beide Männer hatten. Herr K. hatte Dora getäuscht. Freud hatte es auch getan, denn er hatte sie davon überzeugen wollen, daß seine einzige Sorge darin bestand, die Wahrheit herauszubekommen. Aber Freud mochte sie enttäuscht haben, doch Dora war zweifellos davon überzeugt, daß er sie nicht wissentlich verletzt hatte. 

Es war nichts Neurotisches daran, daß Dora beschloß, Freud zu »verlassen«. Sie trennte sich von ihm, weil sie enttäuscht war. Sie schien nicht einmal böse auf Freud zu sein. Zweifellos war sie zu der Überzeugung gelangt, daß sie ganz allgemein von Männern nichts erwarten durfte. Ihr Zorn richtete sich gerechter­weise gegen den Mann, der ihr am meisten Leid zugefügt hatte, und das war Herr K. Sie fand dann ganz allein und ohne jede Hilfe Freuds den Mut, ihn mit der Wahrheit zu konfrontieren und ein Geständnis zu erzwingen. Das ist kein »neurotisches Ausagieren«. Es ist vielmehr Ausdruck einer bemerkens­wert reifen Haltung.

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