Wolfgang Gust

Der Völkermord
an den Armeniern

Die Tragödie
des ältesten Christenvolkes der Welt

 

1993 im Carl Hanser Verlag 

 

Audio 2014  Lepsius

 

1993   313 (325) Seiten

wikipedia.Autor  (*1935) 

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Geschichtsbuch

Werfel: Musa Dagh 

 

  wikipedia  The_Cut   2014 Film  

 

 

Inhalt

Vorwort  (7) 

 

Literatur-verzeichnis (314)

Namen-register (321) 

 

(d-2006:)

Das Buch zeigt auch die Schwierigkeiten auf, selbst die jüngere Geschichte zu rekonstruieren. Für die Kenner des Werfel-Romans: die Verteidiger des Musa Dagh. 

 


Offener und latenter Rassismus bricht sich Bahn – in Deutschland und in anderen Ländern. Überwunden geglaubter nationalistischer Fanatismus entfesselt Völkermorde, ob in Bosnien, in Kambodscha oder am Amazonas. Was heute vor den Augen der Weltöffent­lichkeit geschieht und zum erstenmal in der Geschichte internationale Interventionen und Sanktionen herausfordert, ist am Anfang unseres Jahrhunderts beharrlich totgeschwiegen worden: der Völkermord an den Armeniern 1915.

Wolfgang Gust hat das ganze Drama dieses Genozids anhand deutscher, amerikanischer und türkischer Quellen erstmals lückenlos rekonstruiert. Sein Buch klärt nicht nur über ein Kapitel in der mörderischen Geschichte des 20. Jahrhunderts auf, sondern auch über die Mechanismen und Energien von ideologischem Radikalismus, Haß und Gewalttätigkeit, die auch heute wieder aktiv sind und unbeherrschbar zu bleiben drohen, wenn Geschichte dem Vergessen und der Verantwortungslosigkeit anheimfällt.

1  Dieses Schauspiel hätte Felsen zu Tränen gerührt  Die Vernichtungsaktionen  (9)

Der Genozid (12)  Verhaftungen und Folter (18) Systematische Tötung der armenischen Soldaten (25) Die Tötung der Männer (27) Vernichtung ganzer Deportationszüge (29) Die Vertreibungen (35) Leiden und Tod der Kinder (41) Das Schicksal der Frauen und Mädchen (43) Die Bereicherungen (47) Die Zwangsislamisierung (51)  Die Vernichtungslager (54) 

 

2  Kriminelle Gleichgültigkeit der Menschheit  Die Armenier im Osmanischen Reich (60)

Die Geschichte Armeniens (61) Das Milletsystem (64) Armenier und Türken 67 • Die Europäer 70 • Moslemische Flüchtlinge aus Rußland 72 • Abdul Harnid und die Reformen 74 • Armenier und westliche Ideen 77 • Die Rebellenstadt Zeitun 79 • Rußland und die armenischen Reformen 82 • Der Berliner Kongreß 85 • Die Gründung der armenischen Parteien 90 • Pan-Islam und die Hamidiye 96 • Die armenische Widerstandsbewegung 99 • Der Aufstand von Sassun 102 • Die Massaker von 1895 105 • Überfall auf die Osmanische Bank 110 • Gewaltsame Russifizierung im Transkaukasus 116

 

3  In orientalischem Überschwang den Bruderkuß erteilt  Die Jungtürken  (123)
Der Militärputsch von 1908 126 • Kampf um die Macht im Innern 127 • Die Massaker in Kilikien 129 • Deutsche Hilfe aus Versehen 132 • Islamisten gegen Westler • Die geistigen Strömungen 135 • Die Balkankriege 142 • Das Triumvirat 147 • Reformpaket für die Armenier 148 • Weltkrieg und Werbung um die Armenier 156 • Die türkische Niederlage in Sarikamis 160

 

4  Verschwörung mit dem Vergrößerungsglas betrachtet  Die Vorwände zum Genozid ....166
Die Rebellion von Zeitun 167 • Der Aufstand von Van 172

 

5  Sehen wir einen Armenier, schneiden wir ihm den Kopf ab  Die Abwehrkämpfe nach dem Beginn der Ausrottung 185
Musch und Sassun 186 • Der Kampf um Urfa 189 • Die Verteidiger des Musa Dagh (197)

 

Keiner bändigt die vielköpfige Hydra des Komitees  Die Verantwortlichen des Genozids ....201
Der angebliche Komplott der Armenier 209 • Die Regierung und das "Komitee für Einheit und Fortschritt" 213 • Die Spezialorganisation 215 • Die zehn Gebote des Völkermords 222 • Widerstand gegen die Mordbefehle 225 • Befehle und Gegenbefehle 227 • Die Anordnungen zum Völkermord 231 • Die wahren Motive der Jungtürken 237 • Äußerungen gegenüber Ausländern 240 • Die Statistiken des Völkermords 245 • Die Bereicherungen 249 • War der Völkermord Vorwand zum Krieg? 254

 

7  Ausrottung der Armenier gutgeheißen und verlangt  Die Rolle der Deutschen beim Genozid  ....262  #  Die Zensur 262 • Die deutschen Diplomaten 265 • Die deutschen Militärs 271

 

8  Warum hängt ihr die Mischpoke denn nicht auf? Der Aufstieg der Profiteure des Genozids 281  # Die Kriegsverbrecherprozesse (282) Kemals Aufstieg zur Macht (286) Der nationale Umschwung (288) Die Armeniermörder als Stützen des Staates (292) Die armenischen Rächer (296)  

 

9  Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?   Der Genozid und die Gegenwart ....300   #  Die Deutschen und der Genozid (301) Ächtung des Genozids an den Armeniern (303) Der Genozid in der heutigen Publizistik (308)

 

   

Vorwort

7

Das wohl schrecklichste Ereignis der Weltgeschichte, der Völkermord an sechs Millionen Juden, hat uns Deutsche, die Täter, nicht immun gemacht gegen den Virus Intoleranz in seinen zahlreichen Formen — vor allem Mißachtung von Minoritäten aller Art, ob Ausländern oder Behinderten. Die braune Pest, von der die meisten von uns hofften, sie sei für alle Zeiten gebannt, geht wieder um.

Ein paar Tausend unendlich stupider und dreister Nazis, beklatscht und angestachelt von ein paar Hunderttausend ahnungs- und instinktloser Bundesbürger, haben wenige Jahre nach der Wiedervereinigung die Angst vor einer neuen "Kristallnacht" wachgerufen. Wieder einmal packen Juden ihre Koffer, um frühzeitig zu entkommen, und manche Türken tun es auch.

Das Unglück will es, daß dieses Buch zu einem Zeitpunkt erscheint, in der türkische Mitbürger um ihr Leben bangen müssen oder es bereits verloren haben. Vielleicht war das Drama von Mölln ein trauriger Höhepunkt der Hatz gegen Fremde, Andersartige, Andersdenkende, vielleicht steht uns auch noch Schlimmeres bevor.

Ein materialreiches Buch braucht Jahre der Vorbereitung, und niemand kann wissen, welche Ereignisse zum Zeitpunkt des Erscheinens die Tagespolitik bestimmen. Es sollte aber eine Botschaft vermitteln, die unabhängig vom aktuellen Geschehen ist: Intoleranz schlägt schnell um in Rassenwahn, zumal wenn demagogische Führer ihn schüren oder auch nur träge und kurzsichtige Politiker nicht gegen ihn einschreiten. Und auch dies sollte bedacht werden: Humanität, so scheint es, ist den Menschen nicht angeboren. Es bedarf großer Mühen und auch solider Kenntnisse, um gegen die Dämonen des Rassismus gefeit zu sein, und einer Tradition des fairen Miteinanderumgehens. Die mag sich in England, Frankreich und den Vereinigten Staaten herausgebildet haben. In Deutschland gibt es sie wohl noch nicht und wohl auch nicht in der Türkei.

Hätten die Deutschen den Mut gehabt und das Verlangen, beizeiten den Völkermord an den Armeniern zu begreifen und zu verurteilen, vielleicht wäre die Hürde für die Nazis höher gewesen, zumal eine deutsche Mitschuld am ersten Genozid dieses Jahrhunderts wahrscheinlich ist. Hätten die Türken diesen Völkermord zu verarbeiten versucht, vielleicht wäre ihre Intoleranz gegenüber den Kurden geringer, ihre Wachsamkeit vor einer Wiederholung der grausigen Ereignisse von 1915 größer.

In der Bundesrepublik lebt eine große türkische Minderheit, wie einst in der Türkei eine große armenische Minderheit lebte. Und die hatte damals keinen Staat, der mit Mahnungen oder auch Druck den Landsleuten Hilfe bringen konnte, wie auch heute die Kurden keinen Staat besitzen, der sich für sie einsetzt. Und was alle beunruhigen sollte: In Europa werden wieder Menschen verfolgt, vertrieben und vernichtet, ob in Deutschland, in Bosnien oder auch in der Türkei, wo Lautsprecherwagen der Stadtverwaltung durch die Straßen fahren und zum Boykott gegen Kurden aufrufen oder paramilitärische Trupps wieder unschuldige Dorfbewohner töten, weil ihnen deren Gesinnung nicht paßt.

Für den Schutz der moslemischen Minderheit in Bosnien ruft die Türkische Republik zu den Waffen gegen mordende und schändende Serben. Das ist sicher keine Lösung, aber verständlich ist es schon. Als einst die bedrängten Armenier die Europäer zu Hilfe riefen oder ihre eigene Verteidigung organisierten, reagierten die Herrschenden im Osmanischen Reich mit Massenmord.

Manchmal rächt sich die Geschichte, manchmal wiederholt sie sich, immer können wir aus ihr lernen.

8

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 Gust 1993