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1  Der Feuerschein des Oktobers

 

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Anfang 1917 war Josef Wissarionowitsch Stalin 37 Jahre alt. Das Dorf Kurejka im kalten Turuchansker Gebiet war nun schon seit vier Jahren sein Aufent­haltsort. Zeit und Gründe zum Nachdenken gab es ausreichend. Unter dem unaufhörlichen Geheul der Schneestürme, die das Bauernhäuschen bis zum Dach begruben, werden Stalins Gedanken oft zurückgeschweift sein zu denk­würdigen Ereignissen. 

Die erste Begegnung mit Lenin auf der Parteikonferenz in Tammerfors. Die heftigen Diskussionen während der Sitzungen und die freundschaftlichen Gespräche in den Pausen; das hatte Stalin in Verwunderung versetzt. Er erinnerte sich auch an die Parteitage in Stockholm (April/Mai 1906) und London (Mai/Juni 1907). Dort hatte er zum erstenmal die Kunst des politischen Kampfes kennengelernt, die Kunst der Suche nach Kompromissen, ohne dabei Grundsätze aufzugeben.

Auf seinen nicht sehr zahlreichen Reisen ins Ausland fühlte er sich unsicher. Oft kam er sich fremd und überflüssig vor zwischen den scharfsinnigen Gesprächspartnern. Stalin konnte nicht so schnell und geschickt mit Worten fechten, wie es Georgij Plechanow, Pawel Axelrod und L. Martow taten. 

In ihm wuchsen Aggressionen und das Gefühl, intellektuell minderwertig zu sein. Schon damals keimte in ihm eine unbeirrbare Feindschaft gegenüber den politischen Emigranten, gegenüber der Fremde, gegenüber der Intelligenz. Sie wurde noch verstärkt durch die endlosen Diskussionen in billigen Cafes, in verqualmten, herunter­gekommenen Hotelzimmern, durch die Auseinandersetzungen über philosophische und ökonomische Lehren.

Die Biographie Stalins vor der Oktoberrevolution läßt sich zusammenfassen zu sieben Verhaftungen und fünf Fluchten aus den Gefängnissen und Verbannungs­orten des Zaren.

Der zukünftige »Führer« liebte es nicht, sich öffentlich an diese Periode zu erinnern. Nie hat er später davon gesprochen, daß er an »bewaffneten Expropriationen« zugunsten der Parteikasse teilgenommen hat. Auch nicht davon, daß er, als er in Baku war, den Standpunkt vertreten hatte: »Vereinigung mit den Menschewiki, koste es, was es wolle«, und schon gar nicht von seinen ersten hilflosen literarischen Versuchen.

Während der Schneesturm das Bauernhaus schüttelte, kam Stalin eines seiner Gedichte in den Sinn. Er liebte es. Es war in der Zeitung »Iberija« sogar veröffentlicht worden. Als er es geschrieben hatte, war er ein sechzehn- oder siebzehnjähriger Teilnehmer am Priesterseminar gewesen. Die Zeilen verstärkten seine Sehnsucht nach Freiheit und riefen eine trübe Hoffnung in ihm hervor. Stalin hatte ein hervorragendes Gedächtnis, und mit halblauter Stimme, beinahe flüsternd, hob er an zu sprechen:

 

Wenn der Mond mit seinem Schein
Plötzlich die Erde erhellt
Und sein Licht über weitem Horizont
Spielt in blassem Blau,
Wenn über Hainen in lazur
Die Nachtigallen singen
Und die sanfte Stimme der Schalmei
Frei erklingt, ohne zu schmelzen,
Wenn für einen Augenblick verstummen,
Um von neuem einzusetzen die rauschenden Quellen der Berge,
Und wenn das sanfte Lied des Windes
Weckt in der Nacht den stummen Wald,
Wenn der Flüchtende vor seinem Feinde flieht
Und wieder in seine kummervolle Heimat findet,
Wenn erschöpft vor Finsternis,
Er plötzlich die Sonne erblickt
- Dann weicht von drückenden Wolken der Seele
Die finstere Decke.
Die Hoffnung mit mächtiger Stimme
Dir das Herz von neuem weckt.
In die Höhe strebt die Seele des Poeten,
Und das Herz schlägt nicht vergebens. 
Ich weiß, daß diese Hoffnung Gesegnet ist und rein!

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Während er das Gedicht vor sich hin murmelte, schaute die Inhaberin des armseligen Häuschens einige Male zu ihm hinüber. Sie war verwundert über den mürrischen Mieter. Dieser saß über einem aufgeschlagenen Buch unter einer flackernden Kerze und schaute auf das blinde, vereiste Fenster. Auch Stalin war über sich erstaunt, denn schon längst hatte er mit der Jugend jegliche sentimentale Empfindung hinter sich gelassen. Seiner Mutter schrieb er selten. Eine schwere Kindheit und das Leben eines konspirativ arbeitenden Revolutionärs machten den immer Flüchtenden engherzig, mißtrauisch und kalt.

Stalin konnte Gedanken und Erinnerungen, die schmerzhaft waren, vertreiben. Es waren nun schon zehn Jahre seit dem Tod seiner Frau Kato vergangen, doch ihr vom Typhus gezeichnetes Bild stand immer wieder vor ihm. Er wird sich erinnert haben an die heimliche Trauung, die von Christophor Tchinwoleli in der Kirche des heiligen David im Juni 1904 vollzogen worden war.

Kato – Jekaterina Swanidse – war eine schöne junge Frau, die verliebt und ergeben ihre großen Augen auf ihren Mann gerichtet hatte, auf den Mann, der kurz auftauchte, um dann für lange Zeit zu verschwinden. Das Familienleben war kurz. Der erbarmungslose Typhus nahm Stalin das einzige Geschöpf, das er wahrscheinlich aufrichtig liebte. Auf einer Fotografie, die die Beerdigung seiner Frau festhält, steht Stalin am Kopfende des Grabes, mit wirrem Haar, mager und klein, tiefe Trauer im Gesicht.

Seit seinem neunzehnten Lebensjahr tat er nichts anderes, als sich zu verstecken, Aufträge von Parteikomitees zu erfüllen und sich verhaften zu lassen. Er änderte ständig Namen und Wohnsitz, beschaffte sich gefälschte Pässe. In den Gefängnissen und Verbannungsorten blieb er nicht lange, er floh und tauchte von neuem unter.

Das Leben lehrte Stalin viel: Gerissenheit, Berechnung und nicht zuletzt die Fähigkeit abzuwarten. Die Verschlossenheit, die ihm seit den Jugendjahren anhaftete, verwandelte sich mit der Zeit in Gefühllosigkeit und Erbarmungslosigkeit. Und später lernte Stalin, die Maske des ruhigen, ja menschen­freundlichen Mannes mit den scharfen Augen zu tragen.

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Warum ist Josef Dschugaschwili Revolutionär geworden? Vielleicht, weil er sich schon früh die Krumen der intellektuellen Nahrung der Pfarrschule in Gori (1888-1893) und des Tifliser Priesterseminars (1894-1899) einverleibt hatte? Wer weiß. Wenn ihm nicht zufällig die Bücher von Rousseau, Nietzsche und Locke in die Hände gefallen wären, hätte der Seminarist sich auch dann gefragt, warum sein Vater, der Schuhmacher, immer nur die Schuhe der Armen flickte? Oder hat ihn das unbefriedigende religiöse Einsiedlerdasein zum Rebellen gemacht? Vielleicht hat ihm die kleine verschlissene Broschüre »Grundlagen des Marxismus« die Augen geöffnet? Niemand wird diese Frage beantworten können.

 

En face und im Profil  

Bald nach der Oktoberrevolution hat der unauffällige Stalin allmählich begonnen, einen sichtbaren Schatten zu werfen. Und der Schatten wurde größer. In den dreißiger Jahren wurde er riesig, und in den letzten Jahren seines Lebens wurde er gigantisch.

Wer konnte bis 1917 auch nur ahnen, daß der profillose Revolutionär sich nach 1922 auf der Leiter zum Gipfel der Macht zielstrebig nach oben bewegen würde? Bis zum Beginn der Revolution war dieser Mensch nur der Polizei hinlänglich bekannt. Bei jedem neuen Kontakt mit der Polizei hatte man Dschugaschwili sorgfältig fotografiert, en face und im Profil. So auch in Baku. Die Aufnahmen zeigen einen gutmütig dreinblickenden, unrasierten jungen Mann. In der Personenbeschreibung ist präzise festgehalten, daß Dschugaschwili »dünn« sei und sein Haar »schwarz und dicht«, daß er »keinen Bart, aber einen schmalen Schnurrbart« trage, daß das Gesicht »pockennarbig« sei, die Kopfform »oval«, die Stirn »gerade und niedrig«, die Augenbrauen »langgezogen«, die Augen »eingefallen, braungelb«, die Nase »gerade«, Körpergröße »mittel, 2 Arschin und 4,5 Werschok«, Körperbau »mittelmäßig«, Kinn »spitz«, Stimme »ruhig«, »Muttermal am linken Ohr«, am linken Fuß »zweiter und dritter Zeh zusammengewachsen« und noch zwei Dutzend andere Merkmale.

Wenn Dschugaschwili die Macht ergriffen haben wird, werden sich seine Wächter der Staatssicherheit nicht mit solchen Kleinigkeiten aufhalten. Und keinem politischen Gefangenen sollte es gelingen, fünfmal aus dem Gefängnis zu entfliehen.

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Schicken wir voraus: Stalin war nicht von Kindesbeinen an ein Verbrecher, wie einige annehmen. Jedoch muß man sich seine Kindheit betrachten, wenn man den Charakter des späteren »Führers« verstehen will.

 

Über die Kindheit Dschugaschwilis ist kaum etwas bekannt. Stalin mochte sich nicht an diese Zeit erinnern. Sie war düster und trostlos. Jekaterina und Wissarion Dschugaschwili waren arme Leute und lebten in furchtbarer Not. Von drei Söhnen starben zwei, Michail und Georgij, nach weniger als einem Jahr; es blieb ihnen nur Soso, wie sie Josef nannten. Aber auch er erkrankte im Alter von fünf Jahren an Pocken, entging knapp dem Tod und trug die Narben davon, die später in der Personenbeschreibung der Bakuer Polizei eine Rolle spielen werden.

Wie der georgische Menschewik I. Iremaschwili, der die Familie Dschugaschwili gut kannte, schrieb, war Stalins Vater ständig betrunken. Soso und seine Mutter wurden häufig Opfer seiner Brutalität. Der betrunkene Vater hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, dem eigensinnigen Sohn vor dem Schlafengehen einen ordentlichen Hieb zu versetzen, dem Sohn, der seinen Vater offensichtlich nicht liebte. Soso lernte es, dem betrunkenen Vater geschickt aus dem Weg zu gehen. Die grundlosen Schläge verhärteten den kleinen Jungen. Die Mutter opferte sich für den Sohn auf. Unter größten Anstrengungen gelang es ihr, Soso in einer geistlichen Schule unterzubringen und später in einer Seminarschule. Die familiäre Zwietracht dauerte an. Bald kam es zum Bruch zwischen Stalins Eltern. Wissarion Dschugaschwili zog nach Tiflis, starb dort einsam in einem Nachtasyl und wurde auf Staatskosten beerdigt.

Nachdem Josef Dschugaschwili zum Berufsrevolutionär geworden war, verließ er sein Elternhaus für immer. Nach 1903 sah er seine Mutter vier- oder fünfmal. Jekaterina Georgijewna besuchte ihren Sohn in Moskau zum erstenmal in dem Jahr, als er Generalsekretär geworden war. Das letztemal sah Stalin seine Mutter 1935. Dachte der Sohn daran, daß es seine Mutter, die Analphabetin, war, die ihn durch ihren starken Willen aus der bittersten Not gerettet hatte, dachte er daran, daß sie ihm die Chance gegeben hatte, zu dem zu werden, der er nun war? Sie starb einsam im Juli des tragischen Jahres 1937.

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Im Dezember 1931 sprach der deutsche Schriftsteller Emil Ludwig mit Stalin:

Ludwig: »Was trieb Sie in Opposition? Vielleicht schlechte Behandlung seitens Ihrer Eltern?«
Stalin: »Nein. Meine Eltern waren zwar keine gebildeten Leute, aber sie behandelten mich keineswegs schlecht.«

Aufgrund dessen, was wir über die Kindheit Dschugaschwilis wissen, können wir erraten, daß das, was Stalin dem Schriftsteller sagte, sich ausschließlich auf die Mutter bezog. Ludwig hatte seinerzeit Porträts über Mussolini, Kaiser Wilhelm II. und Masaryk geschrieben. In einer einstündigen Unterhaltung wollte er Einblick nehmen in die Innenwelt des »sagenhaften sowjetischen Diktators«. Dies ist ihm wohl kaum gelungen. Über die Einzelheiten der frühen Jahre seines Daseins wollte Stalin sich nicht auslassen.

Der junge Soso hat in den geistlichen Schulen einige Fähigkeiten erworben, darunter ein phänomenales Gedächtnis. Die religiösen Texte lernte er schneller auswendig als seine Mitschüler. Die Bücher des Alten und Neuen Testaments haben sein ungeteiltes Interesse genossen. Er wollte das Ideal des einzigen Gottes erreichen als Träger absoluter Macht und absoluten Wissens. Jedoch war dem jungen Dschugaschwili das Erlernen der Theologie als Synthese von Dogmen und moralischen Prinzipien dann doch bald über.

Mehr als zehn Jahre verbrachte er in geistlichen Schulen, und dies konnte nicht ohne Einfluß bleiben auf das Bewußtsein des jungen Schülers. Dazu kamen später noch zehn Jahre Gefängnis für »Koba« (»Der Unbeugsame«; türkisches Dialektwort), wie sich der junge Stalin damals nannte nach einem Helden aus dem georgischen Epos »Vatermörder«. Der Eindruck, von der Gesellschaft ausgestoßen und verraten worden zu sein, verstärkte die Gefühlskälte in dem jungen Revolutionär und machte ihn unzufrieden mit seinem Schicksal. Die sonderbare Synthese der zunächst angenommenen, dann verworfenen religiösen Dogmen und die soziale Diskriminierung hatten einen unbestimmten Drang nach »rebellischer« Aktivität ausgelöst und hinterließen ihre Spuren in Stalins Charakter.

Eine Folge davon ist das Bestreben, jedes beliebige Wissen zu systematisieren und zu klassifizieren, alles in intellektuellen Schubladen einzusortieren.

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Meist hinterläßt dieses katechismusartige Denken bei der Umgebung den Eindruck, dieser Mensch sei fähig, organisiert und konsequent zu denken. Eine andere Eigentümlichkeit Stalins war das Fehlen einer kritischen Einstellung zu den eigenen Ideen und der eigenen Vorgehensweise. Dschugaschwili hat sein Leben lang an Postulate geglaubt: zunächst an christliche und später an marxistische. Alles, was nicht in das eigene Konzept paßte, erklärte Soso für ketzerisch und später für opportunistisch. Nach seiner Meinung ist er niemals von den Prinzipien des Marxismus abgewichen. Wahrscheinlich gab er dem Glauben den Vorrang vor der Wahrheit, obwohl er dies nicht einmal sich selbst eingestanden haben dürfte. Es ist gut, wenn man an Ideale glaubt. Aber ist es auch gut, wenn der Glaube die Wahrheit in den Hintergrund drängt? Die religiöse Nahrung und die sozialen Umstände ließen einen verborgenen, tiefgehenden Egozentrismus in Dschugaschwili entstehen.

Stalin hat schon früh geglaubt, daß er sich im Leben auf niemanden verlassen könne – außer auf sich selbst. Die Genossen in Baku und Tiflis haben nicht nur einmal zu Koba gesagt: »Du hast einen starken Willen.« Dieses Lob beeindruckte Stalin. Er beschloß, diese Charaktereigenschaft mit einem revolutionären Pseudonym zu unterstreichen. Ab 1912 unterschrieb Dschugaschwili seine Artikel bereits mit »Stalin«: der Stählerne.

Übrigens verspürte nicht nur er den Drang, die Härte seines Charakters mit einem Namen zu betonen. Der Revolutionär Lew Borrisowitsch Rosenfeld, der bei weitem nicht den starken Willen Dschugaschwilis besaß, begnügte sich mit dem Namen »Kamenew«: der Steinerne. Aber der »Stein« wird den »Stahl« nicht überdauern, wie die Geschichte später zeigen wird.

Die religiöse Ausbildung befähigte Dschugaschwili-Stalin, eine stabile dogmatische Gedankenwelt zu formieren; obgleich der zukünftige »Führer« den Dogmatismus nicht selten kritisierte. Er neigte dazu, die eine oder andere These der marxistischen Theorie heiligzusprechen, wobei er häufig zu katastrophalen Schluß­folgerungen gelangte.

Stalin hatte niemanden, dem er sich nahe fühlte. Es gibt wohl keinen Menschen, für den er ein Leben lang Zuneigung empfunden hätte. Sein berechnender Charakter, seine Gefühllosigkeit und seine moralische Taubheit erlaubten ihm nicht, Freunde zu haben.

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Um so verwunderlicher ist es, daß er sich gegen Ende seines Lebens an seine ehemaligen Mitschüler erinnerte. Davon erzählt die folgende Geschichte.

Während des Kriegs sah Stalin zufällig, daß sich im Safe seines Helfers Alexander Nikolajewitsch Poskrebyschew eine Menge Geld befand. »Was ist das für Geld?« fragte Stalin und sah dabei nicht auf die Geldscheine, sondern verständnislos in die Augen seines Helfers. »Das ist Ihr Deputiertenlohn. Er hat sich in den vielen Jahren angehäuft. Von hier nehme ich nur Geld, um Ihre Mitgliedsbeiträge an die Partei zu bezahlen«, antwortete Poskrebyschew. Stalin schwieg, aber einige Tage später gab er Anweisung, das Geld an Petr Kopanadse, Grigorij Glurdschidse, Michail Dseradse zu schicken. Eigenhändig schrieb er auf die Zahlungsanweisungen: 

»1. Meinem Freund Petja, 40 000 Rubel
2. 30 000 Rubel für Grischa
3. 30 000 Rubel für Dseradse  
9. Mai 1944. Soso«

Im persönlichen Archiv Stalins sind noch einige ähnliche Notizen erhalten. In seinem siebten Lebensjahrzehnt, inmitten des Kriegs, entwickelte Stalin unerwartete philanthropische Neigungen. Es ist zwar charakteristisch, daß er sich an Jugendfreunde, mit denen er die geistliche Schule besucht hatte, erinnerte, aber die Sache bleibt verwunderlich, denn Stalin hat sich nie durch eine Neigung zu Sentimentalität und Güte ausgezeichnet. Es ist mir noch ein Fall bekannt, in dem Stalin nach dem Krieg Menschlichkeit praktizierte. Der »Führer« schrieb einen Brief ins Dorf Ptscholka im Rayon von Tomsk:

»Genossen W. G. Solomin,
ich habe Ihren Brief, den Sie mir über das Akademiemitglied Zizyn zukommen ließen, erhalten. Ich habe und werde Sie und die Freunde in Turuchansk niemals vergessen. Ich sende Ihnen von meinem Deputiertenlohn 6000 Rubel. Es ist keine große Summe, aber möglicherweise könnte sie Ihnen von Nutzen sein. Ich wünsche Ihnen Gesundheit. J. Stalin«

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Der alte Bolschewist I. D. Perfilew mußte auch noch einige Zeit nach der Revolution in einem Verbannungs­ort verbringen, in dem auch Stalin zuvor gewohnt hatte. Er erzählte mir, daß Stalin eine Liebschaft mit einer Einheimischen gehabt und daß sie ein Kind von ihm geboren habe. Der »Führer« hat es natürlich tunlichst vermieden, darüber zu sprechen. Ich hatte leider nicht die Möglichkeit zu erkunden, ob Stalin Sorge getragen hat für diese Frau, die den Weg des verbannten Revolutionärs gekreuzt hatte. Oder beschränkte sich seine Fürsorge auf die Worte: »Ich werde euch niemals vergessen«?

Die Kälte, die Berechnung und das Mißtrauen in Stalins Charakter wurden verschärft durch die Schwierigkeiten des Lebens eines Berufsrevolutionärs, der sechzehn Jahre im Untergrund, in der Verbannung oder in Gefängnissen lebte. Alle, die Stalin damals kannten, bemerkten seine Fähigkeiten: seine Selbstbeherrschung, seine Ausdauer und seine Unerschütterlichkeit. Er konnte bei lautem Getöse schlafen, regungslos Urteile, die gegen ihn ausgesprochen wurden, entgegennehmen, standhaft hielt er die Polizeivorschriften beim Transport von einem Gefangenenlager ins andere ein. Nur ein einziges Mal sah man ihn tief bewegt: als seine Frau an Typhus starb. Sie hinterließ ihrem Herumtreiberehemann einen zwei Monate alten Sohn. Das Kind wurde von einer gutherzigen Frau namens Monaselidse großgezogen.

Das Dorf Kurejka war Stalins letzter Verbannungsort vor der Revolution. Dort befanden sich auch andere Revolutionäre, unter ihnen Jakob Swerdlow. Stalin zeigte sich dort als besonders menschenscheu und finster. Swerdlow schreibt in einem Brief über Stalin: »Er ist ein guter Junge, aber viel zu sehr Individualist im alltäglichen Leben, während ich für ein Mindestmaß von Ordnung bin.«

Stalin war in dieser Zeit bereits Mitglied des Zentralkomitees der Partei (am selben Verbannungsort befanden sich damals außer Stalin und Swerdlow noch zwei weitere Mitglieder des ZK: Suren Spandarian und F. I. Goloschtschokin). Es schien, als interessierten Stalin nur die Jagd und der Fischfang. Zeitweilig versuchte er Esperanto zu lernen (einer der Mitverbannten besaß ein Lehrbuch), aber diese Leidenschaft kühlte schnell ab. Sein Einsiedlerdasein unterbrach er nur durch vereinzelte Fahrten zu Spandarian, der im Dorf Monastyrskoje lebte.

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Auf den Versammlungen, die von den Verbannten abgehalten wurden, schwieg sich Stalin meist aus, nur ab und zu machte er sich durch kurze Zwischenfragen bemerkbar. Es entstand der Eindruck, als ob Stalin auf irgend etwas wartete oder als ob er der Fluchten aus der Verbannung müde geworden sei. In jedem Fall ist seine politische und soziale Passivität in den letzten zwei bis drei Jahren vor der Revolution erstaunlich.

Stalin hatte 1913 in Wien die gelungene Schrift »Marxismus und nationale Frage« verfaßt. Er hatte auch manchen längeren Aufenthalt in der Verbannung genutzt, um literarisch zu arbeiten; er war mit keinerlei Parteipflichten belastet worden. Ihm war das positive Urteil Lenins über die Wiener Arbeit offensichtlich bekannt. Aber das motivierte Stalin nicht dazu, sich weiter mit diesem Thema zu beschäftigen. Die literarische und gesellschaftliche Passivität während dieser langen Jahre zeugen von einer Depression des Verbannten. Im Verlauf der letzten vier Jahre vor der Revolution hat Stalin nicht einmal den Versuch gemacht, irgend etwas Ernsthaftes zu schreiben, obwohl ihm eine umfangreiche Bibliothek und viel Zeit zur Verfügung standen. Im übrigen hatte Stalin auch zuvor schon ein ähnliches Verhalten an den Tag gelegt: in den Jahren 1908 und 1909, als er nach Solwytschegodsk in die Verbannung geschickt worden war. Wahrscheinlich versetzte ihm die weitgehende Isolation von den revolutionären Zentren in einen Zustand der Passivität, dem er nur durch Flucht entkommen konnte.

Meist haben die in Gefängnissen oder in der Verbannung lebenden Revolutionäre viel gelesen. Für sie stellten Gefängnis und Verbannung eine Art Universität dar. So erinnerte sich Grigorij Konstantinowitsch Ordschonikidse, daß er in der Schlüsselburger Festung Adam Smith, Ricardo, Plechanow, Bogdanow, Tayior, Kljutschewski, Kostomarow, Dostojewski, Ibsen, Bunin und andere Autoren gelesen habe. Auch Stalin las nicht wenig, und es erstaunte ihn, wie lasch sich das Zarenregime zu seinen »Totengräbern« verhielt; man konnte lesen, soviel es einem beliebte, man wurde nicht zum Arbeiten gezwungen, und man konnte sogar fliehen. Um aus der Verbannung zu fliehen, benötigte man nur eines: den Wunsch dazu. Möglicherweise führten diese Umstände zu der Schlußfolgerung, die er später nicht nur einmal verkündete: Eine starke Macht müsse starke Straforgane haben.

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Nachdem er zum »Führer« geworden war und den Staat blutig gesäubert hatte, akzeptierte Stalin den Vorschlag Jeschows, die Lage der politischen Gefangenen zu verschärfen. Auf dem Februar-März-Plenum des ZK 1937 wurde nach dem Bericht Jeschows und auf dessen Betreiben hin beschlossen, daß »das Gefängnisregime für die Feinde der Sowjetmacht (Trotzkisten, Sinowjewisten, Sozialrevolutionäre u. a.) untragbar« sei und daß es »eher einem erzwungenen Erholungsheimaufenthalt als einem Gefängnis gleiche; Kontakte, Schriftverkehr sind gestattet, und es ist möglich, Pakete zu empfangen«.

Nun konnte für die Unglücklichen von »Universität« keine Rede mehr sein. Die Menschen, die in die weitab gelegenen Lager gerieten, führten einen verzweifelten Kampf ums Überleben. Und diesen gewannen bei weitem nicht alle. Sogar vereinzelte Fluchtversuche waren bedeutende Ereignisse und wurden Stalin gemeldet. So geschah es am 30. Juli 1948, als der Innenminister Stalin und Berija mitteilte:

»Das MWD (Innenministerium der UdSSR; A. d. Ü.) berichtet, daß am 23. Juni dieses Jahres eine Gruppe von 33 Gefangenen aus dem Obsker Besserungs- und Arbeitslager an der nördlichen Eisenbahn-Baustrecke des MWD der UdSSR entflohen ist. Besagte entwaffneten zwei sie bewachende Soldaten und bemächtigten sich zweier Gewehre mit vierzig Patronen. Ihnen gelang die Flucht über das linke Flußufer des Ob, flußaufwärts (...).

Nach dem Stand vom 29. Juni wurden vier der Flüchtigen getötet, zwölf gefangengenommen, die übrigen werden verfolgt. S. Kruglow«

Stalin befahl, einen Verantwortlichen vor Ort zu schicken. Dort sollten auch die übrigen Flüchtigen gefangen werden, und ihm sollte in jedem Fall berichtet werden, wie die Operation ausgegangen sei. Die Straforgane Stalins waren nicht zu vergleichen mit denen des zaristischen Regimes.

Aber nehmen wir den chronologischen Faden unseres Berichts wieder auf. Stalin las die Zeitungen, die mit einiger Verspätung ins Verbannungslager bei Turuchansk gelangten, und der zukünftige »Führer« ahnte früh, daß große Ereignisse bevorstanden.

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Als das Gemetzel des Ersten Weltkriegs anhob, verflüchtigten sich auch die letzten Anzeichen von politischer oder sozialer Aktivität. Wohl oder übel entsteht der Eindruck, daß Stalin nun nicht mehr aus der Verbannung fliehen wollte, obwohl er es eigentlich vorgehabt hatte. In Kriegszeiten war die Lage der Illegalen zum einen besonders schwer. Und zum anderen wollte er es wohl verhindern, zur Armee eingezogen zu werden. Im Februar 1917 befand eine Musterungskommission in Krasnojarsk übrigens Stalin für vollkommen untauglich aufgrund seiner steifen Hand und einer Beinverletzung.

In diesen vier Jahren, als in der Gesellschaft die sozialen Widersprüche und die Unzufriedenheit des Volks mit dem imperialistischen Krieg wuchsen, hat Stalin abgewartet. Vielleicht hatte die Enttäuschung über fast zwanzig Jahre fruchtloser revolutionärer Arbeit sein Bewußtsein übermannt? Oder spürte Stalin, daß ihm ein anderer Abschnitt des Lebens und des Kampfes bevorstand? Möglicherweise befielen ihn Zweifel an der Möglichkeit, die Autokratie zu stürzen? Wir werden es nie erfahren. Über diese Periode seines Lebens hat Stalin nichts geschrieben und wenig gesprochen.

Ganze vier Jahre war Stalin passiv, er hat praktisch nichts geschrieben, und er hat sich keineswegs als Mitglied des Zentral­komitees der Partei hervorgetan. Die Führer in der Verbannung waren Spandarian und Swerdlow. Die Verbannten scharten sich um diese beiden Persönlichkeiten. Stalin hielt sich zurück, allerdings verbarg er nicht seine verhaltene Sympathie für Spandarjan. Dem zornigen Revolutionär Suren Spandarjan war es nicht vergönnt, den Feuerschein der Revolution zu sehen. Er erkrankte und starb 1916 in der Verbannung. Man gewinnt den Eindruck, daß die Phase der Passivität, die man bei Stalin über lange Jahre in der Verbannung beobachten konnte, eine Zeit des Abwägens war: Welchen Weg sollte er in der Zukunft gehen? Irgendwo wuchs sein Sohn auf, dem er nie etwas gegeben hatte und dem er nie etwas geben konnte. Er wußte nichts über seine Mutter. Er war nun fast vierzig Jahre alt, und seine Perspektiven lagen im Nebel. Stalin hatte keinen Beruf, er konnte keiner Arbeit nachgehen, und tatsächlich hat er nie gearbeitet, sieht man von der Politik ab.

Mit einem Wort, ein Mensch ohne Beruf hat dreißig Jahre lang unsere Partei und unser Land beherrscht, es sei denn, man akzeptiert den »unvollendeten Priester« als Beruf.

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Molotow absolvierte die Realschule, Malenkow brach zwar sein Studium ab, aber er erwies sich schon in seiner Jugend als ein fleißiger Sekretär des Partei­apparats. Kaganowitsch war kein schlechter Schuhmacher, aber Stalin hätte nicht einmal Schuhmacher werden können wie sein Vater. Die zaristischen Polizeibeamten schrieben bei ihren Personenbeschreibungen »Kontorist« in die Rubrik »Beruf/Handwerk«, oder sie zogen einen Strich. Stalin kam in die Verlegenheit, wenn er Fragebögen ausfüllen sollte, in denen auf Parteitagen über Geschlecht, Beschäftigung und soziale Herkunft Auskunft gegeben werden sollte. Zum Beispiel hat er in dem Fragebogen für die Delegierten des 11. Parteitags (März/April 1922), an dem er mit beratender Stimme teilnahm, die Frage »Welcher sozialen Gruppe ordnen Sie sich zu (Arbeiter, Bauer, Angestellter)?« offengelassen, da er sich nicht entscheiden konnte, was er eintragen sollte.

Der zukünftige Generalsekretär kannte das Leben eines Arbeiters, eines Bauern oder eines Beamten weniger als das eines Verbannten oder Gefangenen. Vielleicht war dies unter den damaligen Umständen unvermeidlich. Aber Stalin glaubte, viel zu wissen über das Leben der Arbeiter. In der Tat, die Zeit sollte kommen, da er alles wissen und können würde.

Das lange Schweigen von Turuchansk war möglicherweise eine Art innere »Revision«. Alle Anzeichen sprachen dafür, daß es für Stalin zu spät war, den Pfad des Berufsrevolutionärs zu verlassen. Die Nachrichten über die zunehmende Antikriegsstimmung und über den neuen Aufschwung der revolutionären Bewegung in Petrograd gaben Stalin nach und nach den Glauben an sich selbst zurück. Bei der Betrachtung von Stalins Biographie vor der Revolution dürfen wir nicht vergessen zu erwähnen, daß er damals schon einige Zeit einen Ruf als »Expropriator« hatte. Zur Jahrhundertwende war bei einigen Radikalen in der Arbeiterbewegung die Auffassung verbreitet, daß Enteignungen »im Interesse der revolutionären Bewegung« zulässig seien. In den schriftlichen Zeugnissen von Fjodor Dan, L. Martow, Boris Souvarine und einer Reihe anderer Zeitgenossen Stalins wird bestätigt, daß der »kaukasische Revolutionskämpfer Dschugaschwili« beteiligt war an Expropriationen, und wenn nicht persönlich, so war er einer ihrer Organisatoren. Im einzelnen berichtet Martow, daß 1907 ein Überfall auf einen von Kosaken bewachten Geldtransport bei Tiflis »nicht ohne Stalin vonstatten gegangen ist«.

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Es wurden dabei 300.000 Rubel »enteignet«. Sich darauf beziehend, schreibt Martow: »Daß die kaukasischen Bolschewiki bei allen möglichen dreisten Unternehmungen in der Art von Expropriationen ihre Hand im Spiel hatten, sollte doch gerade diesem Bürger Stalin sehr gut bekannt sein, der seinerzeit wegen einer Expropriations­affäre aus der Partei ausgeschlossen wurde.«

Bei der Erklärung, die Stalin zu den Vorwürfen abgab, betonte er lediglich, daß er niemals aus der Partei ausgeschlossen worden sei, doch die Frage nach seiner Beteiligung an Enteignungen ließ er offen. Eine indirekte Antwort darauf gab Stalin in dem erwähnten Gespräch mit Emil Ludwig. Dieser fragte ihn: »Ihre Biographie enthält Momente sozusagen räuberischen Aktionen. Haben Sie sich für die Persönlichkeit Stepan Rasins interessiert? Wie stellen Sie sich zu ihm, diesem >Räuber aus Idealismus<? - Stalin. Wir Bolschewiki haben uns stets für solche historischen Persönlichkeiten wie Bolotnikow, Rasin, Pugatschow und andere interessiert.«

Stalin ließ sich zwar noch weiter über diese Bauernführer aus, jedoch ist ihm kein einziges Wort entwichen, aus dem man auf eine räuberische Tätigkeit bei ihm selbst hätte schließen können.

Die Jahre seiner Beteiligung an der revolutionären Arbeit, wenn auch nur auf regionaler Ebene, der romantische Heiligenschein des »Expropriateurs«, die Gefängnisjahre, die sibirische Verbannung verliehen Stalin nach und nach den Ruf des »Revolutions­kämpfers«, des Praktikers, des Mannes der Tat. Diese Charakterisierung ist der Wirklichkeit zumindest nahe, sieht man von der Phase der Passivität während der letzten Verbannungsjahre ab.

Natürlich hatte Lenin einen wesentlichen Einfluß darauf gehabt, daß Stalin Marxist wurde. Den ersten Brief an Stalin schrieb Lenin 1903. Damals war Stalin gerade verbannt in das Dorf Nowaja Uda in der Nähe von Irkutsk. Lenin interessierte sich für die Revolutionäre aus abgelegenen Gebieten und wurde auf Stalin aufmerksam aufgrund einiger Publikationen in der Parteipresse und Erzählungen von Parteigenossen. In seinem Brief erklärte er Dschugaschwili einige aktuelle Probleme der Parteiarbeit. Das erstemal hat Stalin sich Ende Januar 1924 bei einer Feier mit Kremlkursanten zu Ehren Lenins öffentlich über diesen Brief geäußert.

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 Mit ausdrucksloser Summe erzählte er von seinen Begegnungen mit Lenin:

»Zum erstenmal lernte ich Lenin im Jahre 1903 kennen. Allerdings war es keine persönliche und unmittelbare Bekanntschaft, sondern sie erfolgte auf schriftlichem Wege. (...) Lenins Brief war verhältnismäßig kurz, aber er gab eine kühne, furchtlose Kritik der Praxis unserer Partei und eine ausgezeichnet klare und gedrängte Darlegung des ganzen Plans der Parteiarbeit für die nächste Periode. (...) Dieser schlichte und kühne Brief festigte in mir noch mehr die Überzeugung, daß wir in Lenin den Bergadler unserer Partei besitzen. Ich kann mir nicht verzeihen, daß ich diesen Brief Lenins, wie auch viele andere Briefe, nach Art und Gewohnheit eines alten illegalen Parteiarbeiters verbrannt habe.«

Stalin konnte über mangelnde Aufmerksamkeit Lenins nicht klagen. Als Stalin sich vor der Revolution noch in der Verbannung befand, wurde auf einer Sitzung des ZK der SDAPR(B) — der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands (Bolschewiki) — unter Vorsitz Lenins die Frage erörtert, wie die Flucht von Swerdlow und Stalin organisiert werden sollte. Einige Zeit zuvor hatte Lenin 120 Franken an Stalin geschickt. Lenin hatte außerdem einen Brief Stalins erhalten, in dem dieser die Frage stellte, ob es möglich sei, seinen Artikel über »die kulturell-nationale Autonomie« und seine Schrift »Marxismus und nationale Frage« in einem Sammelband zu veröffentlichen, und Lenin hatte den Brief aufmerksam gelesen.

Bis 1917 haben sich Lenin und Stalin einige Male getroffen. Die längste Begegnung fand in Krakau statt. Zuvor hatten sie sich auf dem 4. Parteitag in Stockholm und auf dem 5. Parteitag in London gesehen. Allerdings interpretierte Stalin diese Begegnungen später anders. Schon 1931 erklärte er: »Immer, wenn ich ihn im Ausland besuchte — 1906, 1907, 1912, 1913 (...).« Dies vermittelt den Eindruck, daß Stalin nicht zu den Parteitagen, sondern zu Lenin fuhr. Diese Verschiebung biographischer Details hatte das Ziel, die Konzeption der »zwei Führer« zu untermalen, einen Mythos zu schaffen über eine besondere Beziehung zwischen Stalin und Lenin schon vor der Revolution. Stalin hat bei seinen Auslassungen über seine angeblich enge Beziehung zu Lenin äußerste Vorsicht walten lassen. Wie er überhaupt ein vorsichtiger Mann war.

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Hier ein Beispiel dafür. Kurz vor Beginn des deutschen Überfalls 1941 erhielt Poskrebyschew einen Brief mit folgendem Inhalt:

»Genossen Poskrebyschew.
Ich bitte Sie um die Erlaubnis für die Veröffentlichung der Information in der Presse: >Das Museum der Revolution. In Erinnerung an Lenin.<
Verantwortlicher Leiter der TASS 
5. Januar 1940 
Ja. Chawinson«

Dem Brief beigelegt war das Dokument, das der Absender veröffentlicht sehen wollte:

»An W. I. Lenin, über Krupskaja, in Krakau, 7. März 1912.
Wir haben Literatur mit einem Gewicht von etwa zwei Pud (1 Pud = 16,381 Kilogramm, A.d. Ü.) gebracht. Wir haben keine finanziellen Mittel, nicht eine Kopeke. Schreiben Sie an die betreffende Stelle, daß man uns einige Leute oder Geld schicken soll (...).
Mit freundlichen Grüßen. Tschischikow«

Unten auf dem Dokument resümierte Stalin:

»Der Brief Tschischikows ist nicht von mir geschrieben worden, obwohl ich eine Zeitlang diesen Namen als Pseudonym benutzt habe. J. Stalin«

 

Stalin hätte hinzufügen können, daß er noch weitere Pseudonyme benutzt hatte, nämlich: Iwanowitsch, Tschopur, Gilaschwili. Im genannten Fall war der Name »Tschischikow« entweder einer anderen Person »übertragen« worden, oder aber Stalin war zu dem Schluß gekommen, daß solch ein Brief ihn nicht »erhebe«. Eines ist in jedem Fall klar: Der »Führer« wollte nicht einmal gedanklich in die Vergangenheit zurückkehren — auch nicht in Verbindung mit Lenin.

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Der Februarprolog

Wahrscheinlich spürte Stalin schon vor Beginn des Jahres 1917, daß er bald wieder nach Petrograd kommen würde; dorthin, wo ihn die Geheimpolizei vier Jahre zuvor bei einer Feier der örtlichen Parteiorganisation im Saal der Kalaschnikowbörse verhaftet hatte. Als die Februarrevolution ausbrach, drängte es die Verbannten in die Freiheit, dorthin, wo die stürmischen Ereignisse in vollem Gang waren. Der mürrische Georgier war auf der Prager Parteikonferenz im Januar 1912 als Mitglied des Zentralkomitees kooptiert worden. Trotzdem war er unter den Verbannten keine populäre Persönlichkeit. Allerdings hatte er zu Kamenew recht freundschaftliche Beziehungen unterhalten. 

Eine Fotografie, die in Monastyrskoje entstanden ist, zeigt Stalin neben seinem zukünftigen Verbündeten und späteren Gegner. Die »bunte Gemeinde« der Verbannten zog ihn nicht an, jene Gemeinschaft von Menschen, die sich beschäftigte mit Briefen und Nachrichten aus der »Freiheit«, mit Familienproblemen, mit endlosen Diskussionen über die klassenlose Gesellschaft, über Gerechtigkeit und Gleichheit. Ihm war jede Intellektualität fremd; nicht zufällig nannte er sich selbst nach 1917 »ungelernter Arbeiter der Revolution«. In den Augen derer, die ihn damals kannten, war Stalin ein »Revolutionskämpfer«, ein Untergrundpraktiker ohne Phantasie.

Während Kurejka die Verbannten hartnäckig buchstäblich an sich festfror, gingen in Rußland bis dahin nie gesehene Ereignisse vor sich. Der Moloch des Weltkriegs trieb seit nunmehr dreißig Monaten seine blutige Ernte ein. Die schmutzigen und blutigen Schützengräben, die Gasangriffe, die erstarrten grauen Soldatenkörper im Stacheldraht waren weit weg von Stalin.

Aber aus den manchmal durchsickernden Nachrichten wußte er, daß die Industrieproduktion gesunken war, daß der Hunger das Land beherrschte und daß die Unzufriedenheit im Volk wuchs. Der Krieg verschärfte die Krise des russischen Imperiums bis zum äußersten. Eine revolutionäre Explosion reifte heran.

Die Bourgeoisie hoffte, einen Ausweg zu finden, indem sie eine Demokratie westlicher Art forderte. Nikolaj II. hatte bei all seiner Mittelmäßigkeit ziemlich lange geschickt laviert. Er suchte nach Kompromissen und war bereit, teilweise auf die Forderungen des Bürgertums einzugehen, um die Monarchie zu retten.

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Zu spät. Der Vorsitzende der letzten Duma, der Führer der Oktobristen, Michail Wladimirowitsch Rodsjanko, sagte drei Wochen vor dem Sturz der Autokratie zum Zaren: »Um sie herum, Herrscher, ist nicht ein einziger zuverlässiger und ehrenhafter Mensch geblieben: Alle guten sind weit entfernt oder sind fortgegangen. Es sind nur die geblieben, die sich eines häßlichen Ruhms erfreuen.« Der Vorsitzende der Duma flehte den Zaren an, »dem Volk eine Verfassung zu schenken«, um den Thron zu retten. Aber nun konnte ihn niemand und nichts mehr retten.

Wir nahem uns wieder der Revolution, schrieb Lenin. Aufmerksam registrierte er in seinem Schweizer Exil deren Vorboten. Der erste und zentrale Akt des Februarprologs war die Zertrümmerung der Autokratie. Die Verbannten, unter ihnen auch Stalin, glaubten zwar an die Unvermeidlichkeit dieses Akts, doch hätte keiner von ihnen gedacht, daß er so plötzlich eintreten würde.

Einer der Konterrevolutionäre dieser Zeit, Wassili Witaljewitsch Schulgin, der beinahe ein ganzes Jahrhundert überlebte, erinnerte sich in seinen Memoiren »Die Tage«, wie die Selbstherrschaft endete. Als er und Alexander Iwanowitsch Gutschkow am 2. März 1917 auf Befehl des Provisorischen Komitees der Staatsduma in Pskow waren, um die Abdankung des Zaren vom Thron entgegenzunehmen, hofften sie noch, die Monarchie retten zu können. »Der Imperator«, schreibt Schulgin, »war wie immer ruhig. Nach der verworrenen Rede Gutschkows sagte Nikolaj mit monotoner Stimme, ohne Gefühle preiszugeben: >Ich habe die Entscheidung getroffen, vom Thron abzudanken. Bis drei Uhr des heutigen Tages glaubte ich, daß ich zugunsten meines Sohnes Alexej abdanken würde (...). Nun habe ich den Entschluß geändert und verzichte zugunsten meines Bruders Michail auf den Thron.<«

Zu dieser Zeit befand sich eine Gruppe Verbannter aus Monastyrskoje und Kurejka bereits in Krasnojarsk, Kansk und Atschinsk. Stalin und Kamenew waren in Atschinsk. Die Nachricht von der Abdankung Nikolajs zugunsten Michails und von dessen Weigerung, die Krone anzunehmen, nahmen sie mit Freude auf. Unter ein Telegramm, in dem Michail zu seiner weitsichtigen Entscheidung beglückwünscht wurde, setzte zu Stalins Überraschung auch Kamenew seinen Namen.

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Neun Jahre später sollte davon noch einmal die Rede sein, und zwar auf einer Sitzung des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (EKKI). Stalin versuchte. Kamenews »Schwäche für die Monarchie« auszuschlachten. Seine Rede führte zurück in die weit entfernte Zeit des Jahres 1917. »Es geschah in der Stadt Atschinsk im Jahre 1917«, begann Stalin ungewohnt aufgebracht, »nach der Februarrevolution, wo ich mich zusammen mit dem Genossen Kamenew in der Verbannung befand. Es fand dort ein Bankett oder ein Meeting statt; ich erinnere mich nicht genau. Nun, und auf dieser Versammlung haben einige Bürger zusammen mit dem Genossen Kamenew ein Telegramm an Michail Romanow geschickt.« Kamenew ruft von seinem Platz: »Gib zu, daß du lügst, gib zu, daß du lügst!«

»Seien Sie still, Kamenew!« Kamenew ruft wieder: »Gib zu, daß du lügst!« »Kamenew, seien Sie still, sonst wird es noch schlimmer für Sie.« (Der Leiter der Sitzung, der deutsche Kommunist Ernst Thälmann, ruft Kamenew zur Ordnung.)

Stalin fährt fort: »Das Telegramm an Romanow, als ersten Bürger Rußlands, wurde von einigen Kaufleuten und dem Genossen Kamenew entsandt. Ich habe es erst am nächsten Tag erfahren, und zwar von Kamenew selbst, der zu mir kam und mir gestand, daß er sich eine Dummheit erlaubt habe.«

Kamenew ruft erneut: »Du lügst, ich habe dir niemals dergleichen erzählt!«

Stalin: »Das Telegramm wurde in allen Zeitungen veröffentlicht, außer in den bolschewistischen. Hier wäre das erste Faktum. Hier ist das zweite Faktum: Auf der Parteikonferenz im April erhoben die Delegierten die Frage, daß man einen Menschen wie Kamenew wegen dieses Telegramms auf gar keinen Fall ins ZK wählen sollte. Zweimal wurden geschlossene Versammlungen der Bolschewik! abgehalten, wobei Lenin den Genossen Kamenew verteidigte; und mit Anstrengung gelang es ihm, ihm als Kandidaten die Mitgliedschaft im ZK zu erhalten. Nur Lenin konnte Kamenew retten. Auch ich verteidigte Kamenew damals noch. Hier das dritte Faktum: Es war tatsächlich richtig, daß die >Prawda< damals zum Text eine Gegendarstellung Kamenews veröffentlichte, da dies das einzige Mittel war, Kamenew zu retten und die Partei vor

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Angriffen durch die Feinde zu schützen. Hier sehen Sie, daß Kamenew durchaus in der Lage ist, zu lügen und die Komintern zu täuschen.
Noch zwei Worte: Wie Sie nun sehen, kann und will Genosse Kamenew den Tatsachen nichts mehr entgegensetzen. Deshalb bitte ich Sie, mir die Erlaubnis zu geben, die Unterschriften derer zu sammeln, die damals auf den Ausschluß Kamenews aus dem ZK wegen dieses Telegramms bestanden.« 

Trotzki vom Platz: »Fehlt nur die Unterschrift Lenins.« 
Stalin: »Genosse Trotzki, für Sie wäre es besser. Sie schwiegen!« 
Trotzki: »Machen Sie mir keine Angst, machen Sie mir nur keine Angst!«
Stalin: »Sie gehen gegen die Wahrheit an, aber gerade diese sollten Sie fürchten.«
Trotzki: »Das ist die Stalinsche Wahrheit, das ist Grobheit und Illoyalität.«
Stalin: »So, wie Kamenew dieses Telegramm unterschrieben hat, so werde ich auch die Unterschriften sammeln.«

 

Wir haben der Zeit ein wenig vorgegriffen, aber hier wurde eine Diskussion geführt, die die Ereignisse des beginnenden Jahres 1917 betrifft. Sogar Kamenew, der sich als einen orthodoxen Marxisten begriff, sah damals in der »Großherzigkeit Michails« einen Beweis für den Erfolg der Revolution. Das ist uns heute klar. Aber damals waren die Manöver des Zaren und der Bourgeoisie in der Lage, sogar einige Mitglieder des ZK der Partei aufs Glatteis zu locken.

Aber alles Manövrieren half nichts. In der Nacht zum 28. Februar befanden sich die Minister der letzten Zarenregierung in der Peter-Pauls-Festung in Arrest. Die bürgerlich-demokratische Februarevolution hatte gesiegt. Sie war der Prolog des großen Oktobers.

In den Verbannungsorten bereiteten sich Tausende auf die Abreise vor nach Petrograd, Moskau, Kiew, Odessa, Tiflis, Baku und in andere Revolutionszentren. Stalin hatte, wie andere Verbannte, eine Fahrkarte dritter Klasse erhalten. Er saß im Waggon und schaute auf die riesigen Schneeflächen Sibiriens, die er nun hinter sich lassen würde. Er konnte nicht wissen, daß er zehn Jahre später zurückkommen würde, aber dieses Mal nicht als »ungelernter Arbeiter der Revolution«, sondern als Führer der Partei, der immer und immer mächtiger werden sollte.

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Während Stalin unterwegs an den Stationen aus dem Zug sprang, um heißes Wasser für den Tee zu holen, konnte er es sich nicht vorstellen, daß rund eineinhalb Jahre später auf dieser Erde Blut fließen würde. Stalin wußte nicht, was ihn in Petrograd erwartete, was er tun, welchen Parteiführern er begegnen würde.

Auf den Bahnhöfen, die sie durchführen, wurden die Verbannten stürmisch begrüßt. In fast jedem Zug befanden sich in jenen Tagen Verbannte. Auf den Versammlungen erklang die Marseillaise, ertönten Reden. Es sprachen der redegewandte Kamenew, der energische Swerdlow und andere zurückkehrende Verbannte. Stalin betrachtete schweigend die plötzliche Euphorie. Ihm kamen die vor kurzem gelesenen Worte Robespierres in Erinnerung: »Wenn nicht das ganze Volk sich erhebt, stirbt die ganze Wahrheit.« Wird es sich erheben? Stalin wußte es nicht.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die bürgerliche Demokratie hoch erhoben. Das Kleinbürgertum liebäugelte mal mit den »linken Kapitalisten«, mal mit dem Proletariat. Der Wunsch nach Reformen wuchs. Aber das Wichtigste schien getan zu sein. Die Monarchie war gestürzt. »Eine riesige kleinbürgerliche Woge hat alles überflutet«, schrieb Lenin, »sie hat das klassenbewußte Proletariat nicht nur durch ihre zahlenmäßige Stärke, sondern auch ideologisch überwältigt.« Es entstanden zwei Machtorgane. Dies war die Eigenart dieses Moments, die sich nicht in die klassischen Schemata bürgerlich-demokratischer Revolutionen fügen ließ. Der politische Terminus für diese eigenartige Erscheinung lautete »Doppelherrschaft«. 

Beide Machtorgane versammelten sich in ein und demselben Gebäude, dem Taurischen Palast. In einem Flügel des Schlosses das Provisorische Komitee der Staatsduma. Hier gab das »linke« Bürgertum, gaben die Kadetten den Ton an. Im anderen Flügel hatte sich der Petrograder Arbeiter- und Soldatenrat als Organ der Revolutionsmacht niedergelassen. Die Führung des Rats hatten die Menschewild Nikolaj Semjonowitsch Tscheidse, Matwej Iwanowitsch Skobelew und Alexander Fjodorowitsch Kerenski von der Gruppe der Trudowiki. Im Exekutivkomitee des Rats waren die Bolschewiki in der Minderheit. Und das war kein Zufall, denn die Menschewiki konnten schon vor dem Februar legal arbeiten, und sie hatten ihre Möglichkeiten genutzt. In ihren Reihen gab es viele bekannte Intellektuelle, Propagandisten und Theoretiker des wissenschaftlichen Sozialismus.

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Zu dieser Zeit war Lenin zwar anerkannter Führer der bolschewistischen Partei, aber er befand sich noch in der Emigration. Andrej Sergejewitsch Bubnow, Felix Edmundowitsch Dserschinski, Matwej Konstantinowitsch Muranow, Jan Ernestowitsch Rudsutak, »Sergo« Ordschonikidse, Jakob Michajiowitsch Swerdlow, Stalin, Jelena Dimitrijewna Stassowa und andere Parteiführer waren noch in der Verbannung, in Gefängnissen oder in Zwangsarbeitslagern. Sie wurden jedoch jeden Augenblick zurückerwartet.

Die menschewistische Rätemehrheit und die Duma befürworteten gemeinsam die Übergabe der vollziehenden Staatsgewalt an die Bourgeoisie in Form einer Provisorischen Regierung. Zereteli und Kerenski erklärten, daß »die neue Revolutionsregierung unter der Kontrolle des Räte« arbeiten werde, dies sei »der Wille der Geschichte«. Die Demagogie und das Pathos beherrschten das gesellschaftliche Bewußtsein, und die meisten Menschen unterstützten die Provisorische Regierung.

Kerenski, der alles für den Sieg des Bürgertums getan hatte, wollte die Repräsentanten der Dynastie schützen. Später, als er fliehen mußte, schrieb er einen Artikel unter der Überschrift: »Die Abreise Nikolajs II. nach Tobolsk«. Darin berichtet er: »Den Verleumdungen und dem Verrat zum Trotz hat die Provisorische Regierung beschlossen, schon Anfang März die Zarenfamilie ins Ausland zu schicken. Ich selbst habe am 7. (20.) März auf der Sitzung des Moskauer Rats auf die wilden Rufe >Tod dem Zaren!<, >Henkt den Zaren!< erwidert:

>Das wird nicht geschehen, solange wir an der Macht sind. Die Provisorische Regierung hat für die persönliche Sicherheit des Zaren und seiner Familie die Verantwortung übernommen. Diese Verpflichtung werden wir bis zum Ende einhalten. Der Zar und seine Familie werden ins Ausland nach England gebracht, ich selbst werde sie nach Murmansk bringen.«

»Meine Erklärung rief«, so Kerenski weiter, »in den Sowjetkreisen beider Hauptstädte eine explosions­artige Empörung hervor (...). Jedoch schon im Sommer, als der Verbleib der Zarenfamilie in Zarskoje Selo unmöglich geworden war, haben wir, die Provisorische Regierung, eine kategorische offizielle Erklärung [aus England] erhalten, daß die Übersiedlung des Zaren und seiner Familie ins Territorium des Britischen Empire bis zum Ende des Kriegs unmöglich sei.«

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Die Revolution hatte in diesem Moment ihre erste Etappe vollendet. Offiziell schien die Macht in den Händen der Provisorischen Regierung zu liegen, die den alten Staatsapparat kontrollierte. Dicht neben ihr lärmte der Petrograder Rat der Arbeiter- und Soldatendeputierten. Keines von beiden Organen hatte die ganze Macht, keines konnte sie bislang vollständig an sich reißen.

Aber die Doppelherrschaft vermochte die revolutionäre Kreativität der Massen nicht zu lahmen. So wurde am 2. März 1917 in der Zeitung »Iswestija« der berühmte Befehl Nr. l des Arbeiter- und Soldatenrats veröffentlicht. Er regelte die Einführung demokratischer Prinzipien in der Armee: Wahlen von Komitees innerhalb der Truppen, Abschaffung militärischer Ränge und Titel, Unterstützung von Anordnungen der Provisorischen Regierung nur nach Genehmigung durch die Räte, Wahrung der revolutionären Disziplin, gleiche Bürgerrechte für Soldaten und Offiziere.

Lenin bereitete sich auf die Heimreise ins rebellierende Rußland vor, Trotzki kam Ende Mai nach Petrograd, und er wußte noch nicht, wem er sich anschließen sollte, den Menschewiki oder den Bolschewik!. Die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre beherrschten den Petrograder Sowjet. Sie unterstützten die Regierung von »zehn Kapitalisten und sechs Sozialisten«. Kerenski, Zereteli, Tschernow, Skobe-lew sorgten sich nur um eines: »auf keinen Fall zulassen, daß die revolutionäre Energie außer Kontrolle geriet«.

Die Revolution wird nicht mit Parteien gemacht. »Nicht die Reichsduma – die Duma der Gutsbesitzer und der Reichen –, sondern die aufständischen Arbeiter und Soldaten haben den Zaren gestürzt«, schrieb Lenin im März. Aber an der Spitze dieser Aufständischen muß ihre Partei stehen.

Wodurch hat sich Stalin in der Februarrevolution und später in der Oktoberrevolution hervorgetan? Was war seine wahre Rolle? Wer war er in der Revolution: Führer oder Statist? Die Analyse von Parteidokumenten und anderen Materialien, die Zeugnisse von Personen, die an den Ereignissen teilgenommen haben, ermöglichten es, diese Fragen zu beantworten.

Lange Zeit wurde Stalins Rolle in der Literatur falsch dargestellt. In der »Kurzen Biographie« etwa steht:

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»In dieser verantwortungsvollen Periode hat Stalin die Partei um sich geschart, um die bürgerlich-demokratische Revolution in eine sozialistische übergehen zu lassen. Stalin und Molotow leiteten gemeinsam die Arbeit des Zentralkomitees und des Petrograder Komitees der Bolschewiki. In den Artikeln Stalins erhielten die Bolschewik! prinzipielle Richtlinien für ihre Arbeit.«

Das klingt so, als wäre er der Führer der Revolution gewesen, als hätte er zu dieser Zeit die Rolle Lenins innegehabt. Wie die wahre Chronik der Ereignisse zeigt, gibt es für diese Darstellung keinerlei Grundlage. Stalin hat überhaupt keine Richtlinien gegeben. Nachdem er nach Petrograd gekommen war, wurde er zu einem Parteifunktionär unter vielen. In den Dokumenten jener Periode, in denen die Personen aufgelistet sind, die Aufgaben im Zentralkomitee der Partei wahrgenommen haben, begegnet man dem Namen Stalins äußerst selten. Ja, Stalin saß in hohen politischen Organen, aber er machte sich in keinem von ihnen bemerkbar. Ihn kannte kaum jemand außerhalb eines engen Personenkreises. Er war ein unauffälliger Mensch, ein »Vertreter der entlegenen Nationen«. Er besaß absolut keine Popularität. Das ist die Wahrheit.

In seinem Buch »Geschichte der russischen Revolution« beschreibt Trotzki Stalin wie folgt: »Die Lage wurde noch verwickelter Mitte März, nach der Ankunft Kamenews und Stalins aus der Verbannung, die das Steuer der offiziellen Parteipolitik schroff nach rechts warfen. (...) Blieb Kamenew in der Eigenschaft eines Publizisten eine Reihe von Jahren mit Lenin in der Emigration, wo sich der Herd der theoretischen Arbeit der Partei befand, so war Stalin als sogenannter Praktiker ohne theoretischen Horizont, ohne breite politische Interessen und ohne Kenntnis fremder Sprachen vom russischen Boden nicht zu trennen. (...) Die Fraktion Stalin-Kamenew verwandelte sich immer mehr in die linke Flanke der sogenannten revolutionären Demokratie und schloß sich der Mechanik des parlamentarischen Hinter-den-Kulissen->Drucks< auf die Bourgeoisie an, diesen durch einen Druck hinter den Kulissen auf die Demokratie ergänzend.« In seinem Buch beschuldigt Trotzki Stalin, die Politik der Vaterlandsverteidigung unterstützt zu haben, was nicht immer der Wahrheit entsprach. Aber man darf Trotzkis Hinweis auf das Fehlen von theoretischen Maßstäben bei Stalin vor der Oktoberrevolution nicht unbeachtet lassen.

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»Diese Unzulänglichkeiten führten zu beschränktem Praktizismus, der nur vom Rahmen der allernächsten Perspektiven begrenzt wurde«, schreibt Trotzki.

Der Februar traf Stalin nicht völlig unvorbereitet an. Er glaubte schon einige Zeit daran, daß die Revolution unumgänglich sei. Er glaubte es buchstäblich, denn die Wahrheit war für ihn untrennbar vom Glauben an sie. Wenn die Wahrheit nicht das Gewand des Glaubens trug, war sie für ihn nicht vollkommen. Es ist durchaus möglich, daß hierin nichts Verwerfliches liegt, aber es schafft einen Nährboden für die Dogmatisierung des Denkens.

 

In Nebenrollen

Am 12. März traf Stalin in Petrograd ein. Weder ihn noch Kamenew, noch Muranow, die alle im selben Zug angekommen waren, erwartete irgend jemand am Bahnhof. Petrograd war mit seiner Revolutionsarbeit beschäftigt. Die unauffällige Ankunft des zukünftigen »Führers« entsprach seiner Bedeutung. Er nahm seine Sperrholzkiste unter den Arm und begab sich zu den Allilujews. Sie haben ihn herzlich wie einen vertrauten Freund empfangen. Während der vergangenen langen Jahre hatte er nur von einem regelmäßig Briefe erhalten, von Sergej Jakowlewitsch Allilujew, seinem zukünftigen Schwiegervater. Allilujew war ein Bolschewik, der in die Geschichte eingegangen ist, weil er während der dramatischen Tage im Juli 1917 Lenin vor den Häschern der Provisorischen Regierung bei sich versteckte.

An diesem Tag traf er auch einige ZK-Mitglieder. Am Abend nahm man ihn ins Russische Büro des Zentralkomitees und in die Redaktion der »Prawda« auf. Nach der Stille Kurejkas konnte sich Stalin schwer an den Lärm und an das Gedränge des Revolutionsalltags gewöhnen.

Faktisch lag die redaktionelle Führung der »Prawda« seit Mitte März in den Händen von Kamenew, Muranow und Stalin. Schon während der ersten Tage ihrer Arbeit unterliefen ihnen eine Reihe von bemerkenswerten theoretischen und politischen Fehlem. Und diese Fehler waren kein Zufall. Stalin dachte nicht selbständig, er hatte keinen festen Standpunkt und kein klares Verständnis für die Schwierigkeiten des Voroktobergewitters.

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Er war es gewohnt, Anordnungen auszuführen und einer »Linie« zu folgen. Aber in der »Prawda« kam es darauf an, Entscheidungen zu treffen. Die Fehler begannen mit der Veröffentlichung eines Artikels von Kamenew unter dem Titel »Die Provisorische Regierung und die revolutionäre Sozialdemokratie«. Stalin unterstützte die Publikation dieses Beitrags, in dem Kamenew forderte, daß die Bolschewik! die Provisorische Regierung unterstützen sollten, denn diese »kämpft wirklich mit den Überresten des alten Regimes«. Diese Aufforderung widersprach den Auffassungen Lenins.

Am nächsten Tag veröffentlichte Kamenew bereits einen zweiten Artikel: »Ohne Geheimdiplomatie«. In diesem Artikel plädierte er für eine »revolutionäre Vaterlandsverteidigung«. Sobald die deutschen Armeen den Krieg fortsetzten, werde das revolutionäre Volk »fest auf seinem Posten stehen, Kugeln wird es mit Kugeln erwidern, Granaten wird es mit Granaten beantworten. Das ist unabänderlich.«

Solche halbmenschewistischen Ansichten Kamenews stießen nicht auf Stalins Widerstand, der damals noch wenig von den Feinheiten der großen Politik verstand. Dies zeigte sich auch, als Stalin sich am Tag nach der Veröffentlichung von Kamenews Artikel selbst in der »Prawda« zu Wort meldete. Er veröffentlichte den Artikel »Über den Krieg«. Dieser Artikel ging zwar von einer Antikriegsposition aus, aber er entsprach gleichwohl nicht Lenins Auffassungen. Einen Ausweg aus dem imperialistischen Krieg sah Stalin nur »in dem Weg des Drucks auf die Provisorische Regierung, indem man von ihr fordert, der unverzüglichen Einleitung von Friedensverhandlungen zuzustimmen«.

Der Gerechtigkeit halber muß man erwähnen, daß Stalin später seinen Fehler öffentlich eingestanden hat: 1924, auf dem Plenum der kommunistischen Fraktion im Zentralrat der Gewerkschaften. Er beschrieb seine damalige Position zur Provisorischen Regierung und deren Haltung zum Frieden und sagte: »Dies war jedoch eine zutiefst falsche Position, denn sie erzeugte pazifistische Illusionen, leitete Wasser auf die Mühle der >Vaterlandsverteidiger< und erschwerte die revolutionäre Erziehung der Massen.« Er fügte hinzu, daß fast die ganze Partei damals diese Auffassung verfochten habe und daß es nur wenige Parteiorganisationen gegeben habe, die den richtigen Ton eingeschlagen hätten. In den zwanziger Jahren war Stalin noch in der Lage, Fehler einzugestehen.

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Nicht ohne Stalins Einfluß verabschiedete das Büro des ZK eine Woche nach der Veröffentlichung des Artikels »Über den Krieg« die Arbeit »Über Krieg und Frieden«. Auch darin wird gefordert, Druck auf die Provisorische Regierung auszuüben mit dem Ziel, sie zur Eröffnung von Friedensverhandlungen zu veranlassen.

Während der Abwesenheit Lenins war Kamenews Gewicht in der »Prawda« groß. Er galt zu dieser Zeit als bedeutender Parteiführer. Die Politik der Vaterlandsverteidigung und die Annäherung an Positionen der Menschewiki wurden im März auf sein Betreiben hin vertreten. Stalin konnte Kamenew noch nichts entgegensetzen, da er wenig Autorität und Einfluß besaß. Auch in Abwesenheit Lenins und anderer angesehener Bolschewik! konnte Stalin, der gerade aus der Illegalität aufgetaucht war, als es notwendig gewesen wäre, der Partei einen Zusammenhalt zu geben, sich nicht als »Führer« bewähren. Swerdlow, Kamenew und Alexander Gawrilowitsch Schljapnikow machten eher von sich reden. In der schwierigen Lage formulierten sie die politischen Orientierungen und bestimmten die Marschrouten für die Politik der Partei.

Ich glaube, Stalin hat sich in dieser Zeit nicht vorstellen können, daß Lenin weniger als einen Monat später die Bolschewik! auf den Kurs der sozialistischen Revolution steuern würde. Die Manöver, mit denen Stalin sich befaßte, zeigten, daß dieser das Ziel schon für erreicht hielt. In diesen Märztagen spürte man die Abwesenheit Lenins besonders stark. Ein Mittelmaß an Intellekt und an revolutionärer Leidenschaft macht es unmöglich, wichtige Aufgaben zu lösen. Zu dieser Zeit schrieb einer der menschewistischen Führer und Theoretiker, Nikolaj Nikolajewitsch Suchanow (Gimmer): »Stalin war in der politischen Arena nicht mehr als ein grauer, matter Fleck.« Auch andere bolschewistische Führer wie Pjotr Salutzki, Watscheslaw Michajiowitsch Molotow, Schljapnikow, Michail Iwanowitsch Kalinin und Michail Stepanowitsch Olminski konnten die Weisungen, die Lenin in seinen »Briefen aus der Ferne« gab, nicht immer richtig umsetzen. Es war offenkundig, daß Stalin, Kamenew und andere sich noch nicht frei gemacht hatten von der Illusion der Vaterlandsverteidigung und ebensowenig vom Glauben an die Provisorische Regierung. Sie hielten die bürgerlich-demokratischen Errungenschaften für den Gipfel des Erreichbaren.

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Die Schwankungen Stalins im Voroktober sind auf eindeutige Gründe zurückzuführen. Stalin hatte kein eigenes Konzept zur Verwirklichung der großen Idee. In der Februarrevolution und in den Tagen des Oktobersturms offenbarte er seine schwachen Seiten: geringe theoretische Kenntnisse, beschränkte Fähigkeiten zur revolutionären Kreativität, das (damals noch vorhandene) Unvermögen, politische Losungen in konkrete Aktionsprogramme zu verwandeln. Nie hat jemand Stalin einen Vorwurf daraus gemacht, daß er dem Kampf auswich, daß er nach unbeschwerlichen Wegen suchte und die Konfrontation mit dem politischen Gegner fürchtete.

Diesem Menschen mangelte es nicht am Willen. Jedoch wird ein aufmerksamer Betrachter des politischen Wegs Stalins erkennen, daß er, der Berufsrevolutionär, schon damals einen äußerst wunden Punkt hatte. Er selbst kannte ihn gut. Als es nötig war, in die Zechen, in die Fabriken zu gehen, zu den Truppen zu sprechen, auf Straßenkundgebungen aufzutreten, machte sich in Stalin das Gefühl von Unsicherheit und Unruhe breit. Im Gegensatz zu vielen anderen Revolutionären hat es ihn nie zu den Massen hingezogen. Er verstand es nicht, vor einem großen Publikum zu reden. In einem Bericht, der vom Beginn der zwanziger Jahre stammt, schildert der Arbeiter I. Kobsew einen Auftritt Stalins bei einem Meeting auf der Petrograder Wassili-Insel im April 1917: »Im Grunde hat er alles richtig, verständlich und einfach gesagt; jedoch hat sein Auftritt keinen besonderen Eindruck hinterlassen.« Nicht zufällig war Stalin seltener als irgendein anderer aus Lenins näherer Umgebung als Redner auf Versammlungen und Kundgebungen zu hören.

Es wurde besonders schwierig für Stalin, vor den Massen aufzutreten, als Lenin und Trotzki zurückgekehrt waren, als Lunatscharski, Wolodarski, Kamenew, Sinowjew und andere glänzende Redner auf den Versammlungen die Massen begeisterten. Trotzki wählte den Zirkus »Modern« zu seinem ständigen Auftrittsort, der immer voller Menschen war, die ihn hören wollten. Nicht selten wurde Trotzki auf Händen zur Rednertribüne getragen. Allerdings entstand der Eindruck, als stellte Trotzki den Inhalt seiner Reden Untenan. Er schien vor allem die Emotionen seiner Zuhörer ansprechen zu wollen. 

In den ersten Tagen seines Aufenthalts in Petrograd, berichtet Suchanow in seinem »Tagebuch der russischen Revolution«, eilte Trotzki, nachdem er im Zirkus »Modern« gesprochen hatte, sofort weiter zur Obuchowskifabrik, von dort zur Trubotschnifabrik, schließlich zu den Putilow-Werken, zur Baltischen Fabrik und in die Kasernen.

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Es schien, als hätte er überall gleichzeitig gesprochen. Trotzki berauschte sich am Anwachsen seiner Popularität, in der Tat konnte kein zweiter so stark die Massen anheizen wie er. Stalin hörte Trotzki auf verschiedenen Sitzungen und Versammlungen sprechen, und in ihm wuchsen Feindschaft und Neid gegenüber dem glänzenden Rhetoriker. Trotzki stand im Zentrum der Aufmerksamkeit. Nicht so Stalin, den Trotzki bis zum Oktober buchstäblich übersah.

Anstatt öffentlich aufzutreten, zog Stalin es vor, Artikel und Notizen zu dem einen oder anderen Ereignis zu schreiben. Seit seiner Rückkehr aus der Verbannung verfaßte Stalin von Mitte März bis Oktober 1917 sechzig Beiträge für »Prawda«, »Proletarij«, »Soldatskaja Prawda«, »Proletarskoje Delo«, »Rabotschij i Soldat«, »Rabotschij«, »Rabotschij Put« und andere.

Stalin arbeitete am liebsten im »Stab«: in der Verwaltung, in leitenden Organen, in den Büros, in den Komitees, im Rat. Schon im März hatte das Büro des ZK ihm eine weitere Aufgabe übertragen. Es delegierte ihn in das Exekutivkomitee des Petrograder Rats der Arbeiter- und Soldatendeputierten. Das Büro versammelte sich täglich, erörterte Fragen des revolutionären Alltags und erteilte Parteimitgliedern Aufgaben. So erhielt Stalin den Auftrag, stabile Verbindungen zu den Parteiorganisationen in den Gebieten des Transkaukasus und in anderen Regionen des Landes herzustellen.

Zu dieser Zeit entstanden an vielen Orten des Landes gemeinsame Organisationen von Menschewiki und Bolschewiki. Das ZK war gegen solche Vereinigungen. Von unserem heutigen Kenntnisstand aus können wir sagen, daß diese Haltung des Zentralkomitees in vielerlei Hinsicht zweifelhaft war. Die Zusammenschlüsse von Bolschewiki und Menschewiki hatten die Revolution geführt, zunächst im Kampf gegen die Autokratie, später gegen die Bourgeoisie. Von den Beteiligten wurden sie wohl als politischer Kompromiß zur Erreichung bestimmter Ziele betrachtet. Stalin verwandte große Energie darauf, die Zusammen­arbeit zu zerstören.

Zweifellos war es gerechtfertigt, das Zusammenwirken der beiden Parteien zu beenden, als es die bolschewistischen Zielsetzungen behinderte. Aber die konzentrierte Gewalt gegen die Menschewiki und Sozialrevolutionäre hat, wie mir scheint, mehr Schaden als Nutzen eingebracht. Mit der Zeit sollte dies eine traurige Tradition werden.

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Der Faschismus der dreißiger Jahre hatte schon seine Zielfernrohre auf uns gerichtet. Wir jedoch sahen immer noch unseren »Hauptfeind« in den Sozialdemokraten.

Lenin wollte nach Rußland zurückkehren, aber dies war äußerst schwierig. Nachdem er alle Möglichkeiten abgewogen hatte, beschloß er, mit einer Gruppe russischer Emigranten, unter denen sich auch Grigorij Jewsejewitsch Sinowjew (Radomysiski) befand, aus der Schweiz über Deutschland und Schweden nach Rußland zu reisen. Am 3. April traf Lenin auf dem ersten Bahnhof auf russischem Territorium, Bjeloostrow, ein. Don erwarteten ihn Vertreter des ZK, des Petrograder Komitees der SDAPR(B) und Arbeiterdelegationen. Unter den Wartenden waren Kamenew, Alexandra Kollontaj, Stalin, Uljanowa, Fjedor Raskolnikow und Schljapnikow. Raskolnikow war der erste, der Lenins Abteil betrat. Später erinnerte er sich: »Ich war von der ersten Frage Lenins wie vor den Kopf gestoßen: >Was wird bei euch in der >Prawda< geschrieben? Wir haben einige Nummern gesehen und tüchtig auf euch geschimpft.«

Auf dem Weg von Bjeloostrow bis Petrograd sprach Lenin mit seinen Genossen über die Lage der Partei. Dabei hat Lenin Kamenew für seine Artikel in der »Prawda« kritisiert, mit denen dieser faktisch die Provisorische Regierung unterstützt hatte.

Stalin hat später berichtet, daß ihm schon am Abend des 3. April »vieles bedeutend klarer« geworden sei. Lenin hatte, obwohl er weit vom Ort des Geschehens entfernt gewesen war, dennoch besser als andere die historischen Eigenheiten des Moments verstanden. Am nächsten Tag hörte Stalin Lenins Rede im Taurischen Palast, in der dieser seine bedeutenden zehn Thesen verkündete und erläuterte. Sie sind als »Aprilthesen« in die Geschichte eingegangen. Die Thesen standen im krassen Gegensatz zur Taktik Stalins und Kamenews und zeigten die Gefahren ihrer Passivität.

Lenin war der anerkannte Führer, aber er war nicht unantastbar. Die politische Lage war so kompliziert, und die Aprilthesen waren so neu und mutig, daß sogar viele leitende Funktionäre der Partei Lenins Programm nicht akzeptierten. Es wurden Stimmen laut, Lenin habe sich im Ausland von der russischen Wirklichkeit entfernt und sei einem extremen Radikalismus verfallen. Nach Stalins vorsichtigen Reden im März klangen Lenins Forderungen wie direkte Vorwürfe. 

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Suchanow schrieb später über den Eindruck, den Lenins Rede auf viele machte: »Die Gebildeten aber, während sie kräftig und anhaltend klatschten, starrten mit einem merkwürdigen Augenausdruck einen unbestimmten Punkt an oder ließen ihren geistesabwesenden Blick über die Versammlung streifen und dokumentierten damit ihre völlige Verwirrung.«

Auf der Versammlung der Bolschewiki am 4. April, auf der Lenin seine Thesen vorstellte, trat nur Alexandra Kollontaj auf seine Seite. Viele waren nicht einverstanden mit Lenins Thesen, viele kritisierten ihn, viele zogen seine Schlußfolgerungen in Zweifel — und nicht nur Sinowjew, Kamenew und Trotzki, wie früher meist bei uns zu lesen war.

Auch nach der Revolution wurde Lenin kritisiert, und er selbst legte Wert darauf, daß dies möglich war. Im Mai 1919 schrieb zum Beispiel Wladimir Alexandrowitsch Antonow-Owsejenko einen scharfen Brief an das ZK, in dem er erklärte, daß er nicht einverstanden sei mit Lenins Beurteilung der militärischen Lage eines Abschnitts der Südfront. Das war nichts Ungewöhnliches. Geradeaus seine Meinung zu äußern war die Norm. Lenin beauftragte einen Verantwortlichen aus dem Revolutionären Kriegsrat, eine kompetente Schlußfolgerung aus Antonow-Owsejenkos Kritik zu ziehen.

Die genialen Aprilthesen fanden bis zur 7. Parteikonferenz keine Mehrheit im Petrograder Komitee. Lenin war nicht selten in der Minderheit, woraus er keine Tragödie machte, genauso, wie er nicht triumphierte, wenn, und das war natürlich häufiger der Fall, die Mehrheit auf seiner Seite war. Lenin hielt sich immer an das, was er für richtig erkannt hatte. Eine Mehrheit kann weniger wert sein als eine Situation, in der offen verschiedene Meinungen geäußert und neue, originelle Vorgehensweisen vorgeschlagen werden. Wenn ich glaube, daß ich mich im Recht befinde, so ist es nicht tragisch, wenn ich in der Minderheit bleibe. In diesem Fall sagte Lenin: »Lieber allein bleiben wie Liebknecht: einer gegen hundertzehn.«

Nach Lenins Ankunft veränderte sich auch die »Prawda«. Lenin übernahm die Leitung des zentralen Parteiorgans. Jetzt erschienen keine fehlerhaften Artikel mehr wie zu der Zeit, als Kamenew und Stalin die Zeitung redigierten. Stalin arbeitete weiterhin in der »Prawda«-Redaktion, jedoch machte er sich nur noch durch kurze Repliken, Mitteilungen und Bemerkungen zu Alltagsfragen bemerkbar.

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Lenins Thesen wurden auf der 7. Gesamtrussischen Konferenz der SDAPR(B) vom 24. bis 29. April 1917 angenommen und zur Grundlage der Parteipolitik gemacht. 151 Konferenzdelegierte vertraten 80.000 Parteimitglieder. Und diese Handvoll, verglichen mit den vielen Millionen Einwohnern Rußlands, wollte nun die Welt erschüttern.

Auf dieser Konferenz sprach Lenin umfassend über die Fragen der russischen Revolution: über den Übergang der bürgerlich-demokratischen zur sozialistischen Etappe, über das Verhältnis des Proletariats zu seiner Partei, über den Krieg und die Provisorische Regierung, über die Rolle der Räte, über den Weg zur Erlangung der Mehrheit in ihnen und über vieles andere. Es entstand eine heftige Debatte. Kamenew warf Lenin vor, daß dieser nicht die tatsächliche Lage erkenne, denn sie zwinge die Partei dazu, mit der Provisorischen Regierung zusammenzuarbeiten. Auch Smidowitsch, Rykow, Georgij Leonidowitsch Pjatakow, Wladimir Pawlowitsch Miljutin und Bagdatjew wandten sich gegen Lenin. Es sollte noch eine Zeit kommen, da Stalin diese Auftritte als »verräterisch«, »feindlich« und »konterrevolutionär« abqualifizieren sollte.

Stalin unterstützte Lenins Thesen. Jedoch war seine Rede blaß und wenig überzeugend, denn es mangelte ihm an starken Argumenten. Gewichtiger war sein Bericht über die nationale Frage, in dem er den Gedanken ausführte, daß »die Organisierung des Proletariats eines bestimmten Staates nach Nationalitäten lediglich zum Untergang der Idee der Klassensolidarität führt«. Für das Proletariat eines Vielvölkerstaats sei es notwendig, eine einheitliche Partei zu schaffen. Deshalb sei die Forderung nach »kultureller Autonomie« nicht internationalistisch. Er gab sich als Mann der Praxis, aber er beeindruckte niemanden. Generell versuchte Stalin in diesen hitzigen Tagen, »in der Mitte« zu bleiben, da er erkannt hatte, daß dies die günstigste Position war bei einem schnellen Wandel der Ereignisse.

Bei der Durchsicht der Dokumente jener Zeit – der Beschlüsse des ZK, der Stenogramme von Parteiversammlungen, der Telegramme der revolutionären Organe – bemerkt man, daß im Gegensatz zu den Namen Sinowjews, Kamenews, Trotzkis (der erst im Mai 1917 aus der Emigration zurückkehrte), Bucharins, Swerdlows, Dserschinskis und anderer Stalins Name äußerst selten zu lesen ist. Bei der Lektüre von Stalins Werken und seiner »Kurzen Biographie« dagegen gewinnt man den Eindruck, als wäre Stalin immer an Lenins Seite gewesen. Da heißt es etwa:

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»10. Oktober – (...) Das ZK nimmt W. I. Lenins Resolution über den bewaffneten Aufstand an und setzt für die Leitung des Aufstands ein aus sieben Personen bestehendes Politisches Büro des ZK mit W. I. Lenin und J. W. Stalin an der Spitze ein. (...) 24.-25. Oktober – (...) W. I. Lenin und J. W. Stalin leiten den bewaffneten Oktoberaufstand.«

 

Solche »Tatsachen«, die weit von der Wahrheit entfernt sind, nahmen Millionen von Menschen während langer Jahre für bare Münze.

Gehen wir aus von den Protokollen, den stenographischen Berichten, Memoiren und Tagebüchern, in denen Stalins Name erwähnt wird, so kommen wir zu dem Schluß, daß er nicht als herausragende Persönlichkeit, nicht als Führer, nicht als glühender Redner und Organisator in der Revolution auftrat, sondern als kaum wahrzunehmender Funktionär des Parteiapparats. Zum Beispiel wird in einer Chronik, die eine historische Kommission über die Oktoberrevolution 1924 anfertigte, Stalin im Zeitraum von Juni bis September 1917 gerade neunmal erwähnt, Boris Viktorowitsch Sawinkow dagegen mehr als vierzigmal, Matwei Iwanowitsch Skobelew mehr als fünfzigmal und Trotzki mehr als achtzigmal.

Es läßt sich darüber streiten, ob solch eine statistische Art der Beurteilung politischer Aktivität angemessen ist. Aber sie zeigt immerhin, welche Spuren Stalin in der öffentlichen Meinung hinterlassen hat. Ja, er war Mitglied des ZK, er arbeitete in der »Prawda«, er saß in einer Reihe von weiteren Gremien, Räten und Kommissionen. Aber außer einer einfachen Aufzählung seiner Mitgliedschaft in verschiedenen Organen gibt es wenig, was man über die konkreten Inhalte seiner Tätigkeit sagen könnte.

Die Hauptursache dafür liegt meiner Meinung nach in Stalins Mangel an revolutionärer Kreativität. Er eignete sich gut dafür, Aufträge auszuführen, aber er besaß nur wenig Phantasie. Es war kein Zufall, daß Stalin im März nicht mehr hervorgebracht hatte als die Warnung, »die Ereignisse nicht zu forcieren«. Wenn Lenin Aufgaben des heutigen Tages löste, sah er schon auf die Zukunft. 

Stalin jedoch war weiter vom Volk entfernt, nur durch den Apparat und seine Funktionäre hielt er Kontakt zu ihm. Lenin nahm jede Gelegenheit zum Dialog mit Menschen wahr, Stalin beschränkte sich auf die Verbindung zu Vertretern der Organisationen und Komitees.

Stalin war während der stürmischen Monate des Jahres 1917 unfähig, über den Alltag hinauszudenken. Viele von denen, die damals in seiner Nähe waren, zeichneten sich durch weit mehr Individualität aus. 

Es ist wenig wahrscheinlich, daß Stalin in jener Zeit bereits Ambitionen verspürt hatte. Seine Fehler im März waren nicht zufällig und machten häufig von sich reden. Aber seine ständige Gegenwart in den »hinteren Rängen« stabilisierte Stalins Platz innerhalb der bolschewistischen Führung. Auf der April­konferenz wurde Stalin erneut ins Zentralkomitee der Partei gewählt.

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