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   7.  Die Spielarten des Aussterbens  

 

Löbsack-1983

 

 

Warum sterben Tiere aus? — Spezialisierungen: vorteilhaft und riskant zugleich — Urpferdchen — Das Dollosche Gesetz — 

Je weniger speziell, desto anpassungsfähiger — Cope durchschaut ein Geheimnis — Die Zweckmäßigkeit von Organen am Beispiel des Spechtschnabels — 

Sterben der Langohren — Saurier-Friedhöfe — Urzeit-Echsen — Vor 63 Millionen Jahren: ein Meteoriten-Einschlag? — 

Wenn die Natur mal was erfand, hält sie lange daran fest — Das orthogenetische Prinzip — Wale mit Lungen — Manche Organe werden immer größer — 

Größenwachstum — die Wachstumsallometrie — Säbelzahnkatzen — Brüllaffen — Auch das Großhirn ist ein Exzessiv-Organ — 

»Wir können auch sagen, warum...« — Wie der Untergang des Menschen aussehen könnte.

 

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Das Leben ist zäh. Das wissen alle, die einmal versucht haben, Blattläuse oder Mehltau im Garten zu bekämpfen. Alljährlich werden wir von Schädlingen und Krankheits­erregern heimgesucht. Man weiß nicht, woher sie kommen, wie aus dem Nichts tauchen sie auf, um sich auf die unerfreulichste Weise breitzumachen. 

Auch Stechmücken und Ratten scheinen mancherorts fast unausrottbar zu sein, und wären wir sarkastisch, so müßten wir auch den Menschen zu den großen Plagen dieses Planeten rechnen. Schon ist das Wort vom Homo sapiens als einer »Krebsgeschwulst« gefallen, die die Erde überziehe, immer weiter sich ausdehnend, in alle Winkel vordringend.

So leicht ist das Leben also nicht totzukriegen. Genauer: Bestimmte Lebensformen, gewisse erfolgreiche Arten und Gattungen sind es nicht. Sie scheinen buchstäblich allen Fährnissen zu trotzen.

Andererseits gibt es ungezählte Tiere und Pflanzen, die im Lauf der Stammesgeschichte ausgestorben sind. Wie die noch lebenden Arten zählen sie nach Millionen. Ja, man muß sogar sagen, das Aussterben gehört genauso zur Evolution wie die Entstehung neuer Arten und Gattungen. Allerdings starben Tiere und Pflanzen nicht zu allen Erdepochen gleich häufig aus. Es hat Zeiten großer Lebensfülle, aber auch solche des Faunenwandels gegeben, beispielsweise das Ende des Perm oder der Übergang von der Kreide- zur Tertiärzeit. Auch die Gründe für das Aussterben unterscheiden sich.

Ziemlich häufig geschah es, daß bestimmte Lebewesen »Konkurrenten« bekamen, die sich in der betreffenden Umwelt als erfolgreicher erwiesen und die weniger gut Angepaßten aus ihren ökologischen Nischen verdrängten. Ausgestorben sind Tiere oder Pflanzen auch dann, wenn sich die Umwelt änderte und es ihnen nicht gelang, den neuen Lebensverhältnissen gerecht zu werden. Nicht selten sind Fälle gewesen, in denen sich bei einer Tierart ein bestimmtes Organ übertrieben stark entwickelte, so daß es seine ursprüngliche Aufgabe zuletzt nicht mehr erfüllen konnte. Auch ein erbliches besonders auffälliges Verhalten kann zum Verhängnis führen, indem es die betreffenden Arten zunehmend zum Ziel feindlicher Angriffe macht.

Sehen wir uns einmal nach solchen Beispielen um und fragen wir schließlich danach, ob eine der Ursachen schicksalhaft auch für den Menschen werden könnte.

Manchmal war für das Aussterben einer Art die verfehlte Entwicklung bestimmter Körperteile verantwortlich. Einen solchen Fall liefert wahrscheinlich das Gebiß der pflanzenfressenden Titanotherien, die im frühen Tertiär vor etwa 60 Millionen Jahren lebten. Zu ihnen gehörte auch der zwar gewaltige, aber harmlose Brontops, eine über vier Meter lange Urzeit-Kreatur mit zwei stumpfen, zapfenartigen Hörnern über der Nase und einem Gehirn, das kaum größer als ein Apfel gewesen sein mag. Dieses Ungetüm besaß Backenzähne mit sägeförmigen Schmelzleisten am Außenrand, während der Innenrand der Zähne mehr stumpf-höckerig wirkte. Zwischen den hochragenden Außen- und den niedrigeren Innenkanten der Zähne bestand ein sozusagen gesundheits­gefährdender Höhenunterschied. 

Ihn werten manche Paläontologen als verhängnisvolles Handicap für die Tiere. Denn die »Höcker« konnten zum Kauen praktisch erst benutzt werden, nachdem die äußeren, zackenförmigen Schmelzleisten weit genug abgekaut waren. Nicht grundlos achtet ja bei uns Menschen der Zahnarzt darauf, daß nach Gebißregulierungen oder dann, wenn man eine Prothese braucht, die Kauflächen gut aufeinanderpassen. Möglicherweise hat es also beim Brontops allmählich zunehmende Ernährungs­probleme gegeben, an denen die Tiere schließlich scheiterten. Das ist allerdings nur eine mögliche Erklärung für ihr Aussterben. Andere, mit den Titanotherien im Eozän konkurrierende Huftiere jedenfalls besaßen zweckmäßigere Backenzähne, wie man von Skelettfunden weiß. Sie sind damals offenbar die besseren Nahrungsverwerter gewesen.

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Im Oligozän vor etwa 35 Millionen Jahren schlägt die Stunde für die sogenannten Gespenstermakis, eine Gruppe kleiner primitiver Affen mit großen Augen und langen buschigen Schwänzen: nächtlich lebende Tiere mit großen Hinterbeinen und besonders langen Füßen. Im immerwährenden Konkurrenz­kampf müssen sie den besser angepaßten Altweltaffen weichen, den Pavianen, Meerkatzen und den menschenähnlichen Affen. Viel früher schon, im Oberkarbon oder Perm vor etwa 300 Millionen Jahren, verschwanden die ersten geflügelten Gliedertiere, die Urinsekten, um erfolgreicheren Insektenordnungen das Feld zu überlassen.

Auch vor vielen räuberisch lebenden Tieren der Erdvergangenheit hat der Artentod nicht haltgemacht. An die Stelle der kleinen, fleisch- und pflanzen­fressenden Ur-Raubtiere traten im oberen Eozän vor etwa 45 Millionen Jahren die hundeartigen, im Rudel jagenden Raubtiere und die katzenartigen Einzelgänger, die ihnen schon von der Größe her überlegen waren. Bekannt ist das Beispiel des australischen Wildhundes (Dingo), der unter anderen den Beutelwolf vom australischen Festland verdrängte, nicht, weil dieser »degeneriert« gewesen wäre, sondern weil sich die Jagdmethode des Dingo als erfolgreicher erwies.

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Beziehungsreicher für den Menschen sind andere Ursachen, die zum Aussterben führten. In diesen Fällen traten nicht überlegene Konkurrenten auf, sondern die betroffenen Arten schaufelten sich sozusagen selbst ihr Grab. Offenbar ließ ihre Lebenstauglichkeit durch innere körperliche Vorgänge im Lauf der Generationen allmählich nach. Eine Art einseitig gerichteter Entwicklung trat ein, die in stammesgeschichtliche Sackgassen führte.

Um das zu verstehen, müssen wir uns mit dem Begriff der Spezialisierung vertraut machen. Verfolgt man das Schicksal mancher Tiergruppen über lange Zeiträume, so stellt man fest, daß bei ihnen bestimmte Organe oder Eigenschaften von anfangs robuster und einfacher Form sich allmählich immer mehr komplizierten, was zwar zunächst vorteilhaft war, später jedoch auch Risiken barg.

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Ein Beispiel dafür ist das Pferd, dessen stammesgeschichtliche Entwicklung sich weitgehend auf dem nordamerikanischen Kontinent abgespielt hat. 

Das kleine und träge, nur etwa terriergroße Urpferdchen (Eohippus) bewohnte vor 65 bis 70 Millionen Jahren noch die Wälder. Seine Füße hatten damals fünf Zehen. Dann jedoch begann der Fuß sich zu verändern. Beim Hyracotherium im unteren Eozän verkümmerte eine Zehe, später fehlt sie ganz, und so geht es weiter: Aus dem vierzehigen Orohippus des mittleren Eozäns wird das Pferd des Oligozäns (Mesohippus) mit ausgeprägter Mittelzehe. Das Hipparion des Pliozäns vor rund fünf Millionen Jahren präsentiert sich schon als schneller, an die Steppe angepaßter Einhufer, an dessen Lauffüßen die beiden die Mittelzehe flankierenden Zehen stark verkümmert sind. Beim heutigen Pferd (Equus) finden wir schließlich den typischen einzehigen Springfuß. Eine »geradlinige« Entwicklung also vom langsamen, kleinen und vielseitigen Waldbewohner zum »hochgezüchteten« schnellen Steppenläufer — eine »Spezialisierung«.

Parallel zu der auf bessere Laufeigenschaften gerichteten Evolution ging beim Pferd nicht nur ein Größenwachstum einher, sondern auch die Zähne veränderten sich und paßten sich dem neuen Nahrungsangebot an. Die Form der Zähne läßt ja immer erkennen, wovon sich ein Tier hauptsächlich ernährt hat. Da zahlreiche Pferdegebisse aus früheren Erdperioden erhalten geblieben sind, können wir schließen: Der Eohippus mit seinem vergleichsweise unspezialisierten Gebiß wird noch ebenso pflanzliche wie tierische Nahrung verzehrt haben. Die nächste Entwicklungsstufe, das Hyracotherium im unteren Eozän, besaß schon vierhöckerige Backenzähne. Dieses Tier fraß vor allem Laub. Mit der Zeit wurden dann die Höcker flacher und die Kauflächen größer, indem die Höcker zu »Leisten« zusammenflossen. Der Zahnschmelz schlug sozusagen Falten wie ein zusammengeschobener Teppich, was die Tiere noch weitergehend zu Pflanzenfressern spezialisierte. Beim heutigen Pferd schließlich, das für seine harte Grasnahrung eine wirksame Mahlvorrichtung braucht, sind die Zähne mit Zement umgeben und die Kauflächen für ihre Aufgabe voll ausgereift.

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Ähnliche Entwicklungsvorgänge haben sich in der Natur ziemlich zahlreich abgespielt. Sie werden auch verständlich, wenn wir uns daran erinnern, daß die Auslese stets diejenigen Merkmale fördert, die für ihre Träger vorteilhaft sind. Das Prinzip von Versuch und Irrtum, die tastenden Verbesserungsversuche, bei denen Bewährtes bewahrt und Untaugliches verworfen wird, dieses Prinzip macht sich ja auch der Mensch inzwischen bei zahlreichen technischen Problemen erfolgreich zunutze [56]. Die ersten Fahrräder mit ihren verschieden großen Rädern kamen noch ziemlich unbeholfen voran. Heute ist das Fahrrad so gut entwickelt, daß prinzipielle Verbesserungen kaum noch denkbar sind. Beim hochgezüchteten, leichtgewichtigen Rennsportrad ist ein Perfektionsgrad erreicht, der dieses Rad zwar extrem schnell macht, es aber auch nahezu ausschließlich für diesen Zweck spezialisiert. Andere Vorzüge wiederum hat das »Tourenrad«.

Oder denken wir an den Fußballschuh mit seinen »Stollen«. Die Form der kleinen Zapfen unter der Lauffläche kann entsprechend den Platzverhältnissen gewählt werden. Die Stollen bieten optimale Sicherheit und Spielmöglichkeiten — weit mehr als ein Schuh mit glatter Sohle. Auch hier haben wir es mit einer Spezialisierung zu tun. So wie das Pflanzenfressergebiß bei den Tieren nicht mehr zum Beutezerreißen taugt, so wenig würde sich der Fußballspieler mit seinen Stollen unter den Schuhen auf dem Tanzparkett oder beim Wandern wohlfühlen, und so wenig lädt das Rennrad zu einer bequemen Picknickfahrt ins Grüne ein.

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Auch bei der Form anderer Körperteile bringt die Spezialisierung Vorteile mit sich, doch birgt sie manchmal auch das Risiko, die betreffenden Arten in größte Überlebens­probleme zu stürzen. Das kann passieren, wenn sich ihre Umwelt einmal ändert oder sie in Gebiete verschlagen werden, wo ihre Eigenschaften oder Merkmale plötzlich nichts mehr taugen. Um beim Fußballspieler zu bleiben: Die zunächst für den trockenen Rasen gewählten Schuhe werden zunehmend unzweckmäßiger, wenn es im Spielverlauf zu regnen beginnt. Während aber die Spieler solchem Ungemach begegnen und ihre Schuhe bei Halbzeit wechseln können, hat eine Umweltänderung für eine spezialisierte Tier- oder Pflanzenart zuweilen verheerende Folgen.

Tatsächlich ist solches Unheil in der Stammesgeschichte des Lebens wiederholt eingetreten. Wir wissen beispielsweise, daß mit der nacheiszeitlichen Versteppung in Ostafrika die Waldtiere dort bis auf jene fast völlig ausgestorben sind, die noch »unspezialisiert« genug waren, um sich auf die Steppe einzustellen. Nur wenige Arten überlebten damals, unter ihnen die Eichhörnchen der Gattung Xerus, die lernten, sich Erdhöhlen zu graben.

Nun könnte man natürlich fragen: Wenn schon eine Spezialisierung von Organen auf zweckmäßigere Funktion hin möglich ist, warum sollte dann nicht auch umgekehrt eine Umweltänderung die spezialisierten Organe wieder in primitivere, unspezialisiertere zurückverwandeln können? Mit anderen Worten: Warum sollte die eingetretene Merkmalsveränderung nicht wieder rückgängig zu machen sein?

So nahe dieser Gedanke liegt, so steht ihm doch ein biologisches Prinzip entgegen, das der belgische Paläontologe Louis Dollo im Jahre 1893 entdeckt hat. Es ist das Gesetz der Irreversibilität (der Nichtumkehrbarkeit) einer stammesgeschichtlichen Entwicklung, das Dollosche Gesetz. Danach kann ein einmal erreichter Spezialisierungsgrad nicht ohne weiteres rückgängig gemacht, ein speziell abgewandeltes Organ also nicht wieder in seinen Ausgangszustand zurückversetzt werden.

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Ein Beispiel für das Dollosche Gesetz führen uns die warmblütigen Wale vor. Als Säugetiere stammen sie von den kiementragenden Fischen ab und entwickelten als Landwirbeltiere Lungen (aus dieser Zeit stammen auch die heute noch vorhandenen rudimentären Beckenknochen). Als sie dann zum Leben im Meer zurückfanden, bildeten sich nicht wieder Kiemen, sondern es blieb bei den Lungen. Ergänzend entstand lediglich eine Atemöffnung am Rumpf, durch die die Wale bis heute bei ihrem regelmäßigen Auftauchen aus dem Wasser Luft holen müssen.

Auch die Panzerung mancher Schildkröten, die vom Land- zum Meeresleben übergewechselt sind, spricht für Dollo. Diese Tiere verloren während der Jura- und Kreidezeit im Wasser allmählich ihren schweren Panzer, der ihnen dort nur hinderlich war. Als sie später an die Küsten zurückkehrten, wuchs ihnen zwar ein neuer Panzer, doch bildete er sich aus einem anderen Hautgewebe als der erste Panzer der auf dem Lande lebenden Stammform.

Wenn es vom Dolloschen Gesetz Ausnahmen gibt, so betreffen sie höchstens kleine und kleinste Veränderungen. Für sie sind einfache Erbabweichungen verantwortlich, sogenannte »Punktmutationen«. Immer dann, wenn es um die Verwandlung ganzer Organe während vieler Jahrtausende geht, müßten aber viele Mutationsschritte in gleicher Richtung stattfinden. Die Erbänderungen müßten in bestimmter rückläufiger Weise eintreten, um den alten Zustand wieder herzustellen. Das ist zwar nicht völlig ausgeschlossen, aber extrem unwahrscheinlich.

Auch hier stehen wir vor der ganzen Kompliziertheit des Evolutionsgeschehens. Entwickeln sich Organe oder wandeln sich Tierarten um, so wirken dabei zahlreiche Kräfte mit und müssen viele Bedingungen erfüllt sein, die dann einen neuen, der gleichen Umwelt besser oder einer neuen Umwelt angepaßten Typ hervorbringen. Schon die Wahrscheinlichkeitsgesetze schließen es nahezu aus, daß sich ein solcher Vorgang in völlig gleicher Weise wiederholt.

Verallgemeinernd läßt sich sagen, daß spezialisierte Tierformen schwerer mit neuen Umweltverhältnissen zurechtkommen als unspezialisierte. Selbst wenn man stammesgeschichtlich große Zeiträume veranschlagt, werden sich aus den stark spezialisierten Elefanten niemals wieder Vögel entwickeln können und aus dem Rothirsch auch niemals kleine gewandte Klettertiere, die eichhörnchengleich von Ast zu Ast springen.

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Umgekehrt dürfte die Umstellung auf neue Umwelten solchen Tieren leichter fallen, die noch keine allzu speziellen Merkmale erworben haben. Beispielsweise wäre es denkbar, daß die weltweit verbreitete Ratte sich noch als Stammform für neue Tierarten entpuppt, etwa für solche, die auf spezielle Umwelten angewiesen sind wie das Wasser, die Baumkronen oder die Polarzonen.

Diesen Zusammenhang versuchte der amerikanische Paläontologe E. Cope gegen Ende des vorigen Jahrhunderts mit seinem Gesetz von der Unspezialisiert­heit (Law of the Unspecialized) zu erfassen. Es besagt, daß die spezialisierten Lebewesen aller erdgeschichtlichen Epochen sich im allgemeinen schwer getan haben, jene veränderten Umweltbedingungen zu »verkraften«, die die jeweils folgenden Epochen mit sich brachten. Manchmal wirkten sich die neuen Erdzeitalter geradezu verheerend auf solche Artengruppen aus. Andererseits haben unspezialisierte Tierarten die Umwälzungen besser überlebt. Allesfresser konnten sich leichter an klimabedingte Veränderungen im Nahrungsangebot anpassen als Tiere, die auf eine ganz spezielle Pflanzenkost oder bestimmte Beutetiere angewiesen waren. Auch lösten körperlich kleine Arten allfällige Ernährungsprobleme leichter als große.

Das Copesche Gesetz hat sich vielfach bestätigt, wenn auch mit wachsendem Wissen Einschränkungen nötig wurden, so daß man heute besser von einer »Regel« sprechen sollte. Sie trifft übrigens auch auf Tiere mit Organen zu, die im Lauf der Zeit immer größer und schließlich zu groß, also unzweckmäßig wurden. Doch davon später. Hier müssen wir zunächst noch über die Zweckmäßigkeit als solche sprechen.

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Immer wieder staunt man über die vielen sinnvollen Anpassungen von Tieren und Pflanzen an ihre Umweltverhältnisse: die Stromlinienform bei gewandten Schwimmern wie Haien oder Delphinen, die Flügel der Albatrosse, das Echolot-Organ der Fledermäuse, die weichen, zum lautlosen Schleichen gepolsterten Katzenpfoten — die Beispiele sind Legion. In der Botanik imponieren die Anpassungen der Blütenformen an die Mundwerkzeuge der Insekten, die Tricks der fleischfressenden Pflanzen beim Fang ihrer Beute, die wasserspeichernden Blätter der Sukkulenten und vieles mehr.

Selbst Organe, deren Zweck besser erfüllt würde, wenn sie anders geformt wären, werden in ihrer vermeintlich weniger zweckmäßigen Form verständlich, wenn sich erweist, daß sie mehrere Funktionen haben. Ihre Form ist dann einfach der bestmögliche Kompromiß für die verschiedenen Aufgaben. Ein Beispiel ist die Haut der Amphibien, die sowohl zur Atmung als auch zum Schutz dient, also weder zu dick noch zu dünn sein darf. Der Spechtschnabel dient als Pinzette beim Aufpicken von Larven, als Schaufel beim Suchen im Laub, als Meißel beim Bau der Spechthöhle, als Resonanzboden, wenn der Specht ruft, und als Instrument zur Gefiederpflege. Würde er nur einem dieser Zwecke dienen müssen, hätte er sicher auch eine andere, eben diesem einen Zweck angemessene Form.

Ohne ausgesprochene Spezialisten zu sein, können Tierarten auch unmittelbar durch andere vernichtet werden. Ein solches Drama hat sich - unter Mithilfe des Menschen - im vorigen Jahrhundert auf der Karibikinsel Jamaika abgespielt. Nachdem dort im Jahre 1872 neun indische Mungos von Seeleuten ausgesetzt worden waren, vermehrten sich die kleinen langschwänzigen Schleichkatzen nicht nur äußerst rasch, sondern vernichteten in kurzer Zeit auch zahlreiche Arten von Schlangen, Eidechsen, Landkrabben und Schildkröten, außerdem die dort bodenbrütenden Tauben, den Sturmvogel und fast alle Ratten.

Auch verheerende Epidemien muß man hier nennen, zumal wenn sie solche Tiere heimsuchen, die in eng begrenzten Verbreitungsgebieten leben und nicht ausweichen können. Werden hier Krankheitserreger aus entlegenen Gebieten eingeschleppt, so kann das katastrophale Folgen haben. 

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Während die Lebewesen im Heimatgebiet der Erreger vielleicht schon unempfindlich gegen sie geworden sind, trifft die Krankheit die neuen Opfer mit ganzer Härte. Ein Beispiel dafür aus jüngster Zeit ist die Kaninchenkrankheit Myxomatose. Die südamerikanischen und kalifornischen Langohren leiden unter dieser Viruskrankheit nur geringfügig, für die europäischen Kaninchenrassen dagegen bedeutete sie Tod und Verderben. Das als »Kaninchenpest« bekannte Leiden wurde im Jahre 1952 über Frankreich nach Mitteleuropa eingeschleppt, später setzte man das Virus auch gezielt zur Bekämpfung der wildlebenden Nager in Australien ein. Dabei machten sich die Forstleute die »Empfindlichkeit« der australischen Kaninchen gegenüber dem Virus für einen fragwürdigen Ausrottungsfeldzug zunutze. Es kam zu dem bekannten Massensterben. Ähnlich verheerend wirkte sich der vermutlich aus Nordamerika nach Europa gelangte Algenpilz Aphanomyces astaci aus. Er suchte die Flußkrebse in Teilen Europas heim, ließ jedoch einen artverwandten Krebs, den aus den USA stammenden und in Havel und Spree häufigen Cambarus affinis, ungeschoren. Dieser trotzte dem Pilz, weil er sich schon in seiner amerikanischen Heimat gegen ihn »zu wehren« gelernt hatte, also immun geworden war.

Eng begrenzte Verbreitungsgebiete — Isolate genannt — bergen ein weiteres Risiko. Wird eine hier lebende Art etwa durch eine Krankheit nicht völlig ausgelöscht, sondern nur stark dezimiert, so setzt ein neuer, gegebenenfalls verhängnisvoller Mechanismus ein. Es kann dann immer häufiger zur geschlechtlichen Vereinigung von Verwandten kommen, schließlich zur Inzucht. Man weiß zwar noch nicht, ob der Schwellenwert für das Aussterben bei 100, 50 oder 10 Individuen liegt (das dürfte von Art zu Art verschieden sein), doch kann Inzucht die Lebenstüchtigkeit herabsetzen und schließlich auch das Aussterben besiegeln (Inzucht-Depression).

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Nicht auszuschließen als »Artenkiller« sind wahrscheinlich kosmische Einflüsse wie der schwankende Anteil des ultravioletten Sonnenlichts. Normalerweise werden die energiereichen Strahlen von der Ozonschicht über der Erde soweit abgeschwächt, daß sie keinen Schaden mehr anrichten können. Die Dicke und damit die Bremskraft der Ozonschicht ist aber vermutlich nicht zu allen Zeiten gleich gewesen. Erreichte weniger ultraviolette Strahlung die Erde, so hätte dies zu einer geringeren Vitamin-D-Bildung in der Haut führen, mehr Strahlung hätte die Mutationsrate hochtreiben können. Das heißt, unter den dafür empfindlichen Lebewesen hätten sich entweder chronische Krankheiten oder genetischer Verfall eingestellt.

Manche Forscher denken hier besonders an die Riesensaurier, die allerdings auch an Ernährungsstörungen gelitten haben können. Man verweist dazu auf Funde in sogenannten Saurier-Friedhöfen, so etwa in Südfrankreich, und die dort gefundenen Eierschalenreste. Die Schalen waren so dünn, daß sie möglicherweise unter dem Gewicht der Tiere beim Brüten zerbrochen sind. Vielleicht hat aber auch die Körperwärme der Saurier nicht mehr ausgereicht, um die Eier auszubrüten. Das alles sind noch offene Fragen.

Auch die zahlreichen Deutungsversuche für das Massensterben zahlreicher ganz verschiedener Artengruppen beim Übergang vom Perm zur Trias und von der Kreide zum Tertiär zeigen, wie schwankend der Boden noch ist, auf dem sich die Paläontologen vortasten. Da wird diskutiert, ob es überlegene Konkurrenten oder Krankheiten gewesen sein könnten, oder ob es Schwankungen des Meeresspiegels gegeben hätte.

Einige Wissenschaftler nehmen an, daß durch die Verschiebung der Kontinente gegeneinander das System der großen Meeresströmungen drastisch beeinflußt worden ist. Wieder andere gehen von der chemischen Zusammensetzung des Meerwassers aus, die sich aus irgendwelchen Gründen so stark verändert habe, daß die Meereslebewesen kein Auskommen mehr fanden. Ungeklärt bliebe aber in allen diesen Fällen, warum fast gleichzeitig mit dem Tod im Meer auch viele landlebende Tiere ihr Ende fanden.

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Wir können alle diese Hypothesen hier nicht im einzelnen beschreiben oder untersuchen. Auf zwei besonders interessante Forschungsergebnisse der letzten Jahre wollen wir aber eingehen, weil sie die heute wahrscheinlichste Erklärung für das große Sterben so vieler Land- und Meereslebewesen vor etwa 63 Millionen Jahren liefern.

Einmal sind dies Tiefseebohrungen des Forschungsschiffes Glomar Challenger an der Ostflanke des mittelatlantischen Rückens, etwa in Höhe des afrikanischen Staates Namibia. Die Bohrkerne mit den Meeresablagerungen aus jener Zeit enthielten ungewöhnlich große Mengen an Nickel, Eisen und vor allem Iridium — also Elemente, die in Meteoriten vorkommen. Auf große Iridium-Mengen stieß man auch in den italienischen Apenninen bei Gubbio. Dort treten Kalksteinschichten aus der jüngeren Kreidezeit zutage. Unmittelbar über ihnen liegt eine zwei Zentimeter dicke Tonschicht, und über dieser wiederum lagert Kalkstein des ältesten Tertiär — eine Aufeinanderfolge von Meeresablagerungen also, die in der Zeit vor, während und nach dem großen Sterben entstanden sind.

Den interessantesten Hinweis lieferte der Ton. Als ihn die Wissenschaftler analysierten, fanden sie, daß er dreißigmal soviel Iridium enthielt wie die benachbarten Kalkschichten. Das war ein ganz ähnlicher Befund wie bei den Tiefseebohrungen. Beide Ergebnisse lassen die These zu, es könnte gegen Ende der Kreidezeit, also am Ausgang des Erdmittelalters, ein besonders großer Meteorit auf die Erdoberfläche gestürzt sein. Sein Aufprall könnte eine riesige Wolke feinster Staubteilchen aufgewirbelt haben. Der Staub hätte sich für längere Zeit in der Luft gehalten, die Sonnenstrahlung abgeschwächt, einen Klimasturz verursacht und die Photosynthese der grünen Pflanzen behindert. Es wäre auf der Erde dunkler und kälter geworden. In dieser verdunkelten Welt aber, so kann man schließen, seien viele Pflanzen zugrunde gegangen, und mit ihnen wäre die Nahrungsgrundlage für zahlreiche Tiere vernichtet worden. Die Opfer, darunter die Dinosaurier, wären schlicht verhungert.

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Sicher ist bei all diesen Spekulationen: 

Das große Verderben vor etwa 63 Millionen Jahren fand in einem geologisch sehr kurzen Zeitraum von nur etwa 100.000 Jahren statt. Im Meer überlebten damals nur wenige robuste, einzellige Pflanzen. Nur allmählich konnte sich die marine Fauna wieder erholen und neu entfalten. Bedenkt man jedenfalls das Schicksal der vielen seinerzeit ebenfalls ausgestorbenen Landtiere, so hat die Meteoritenthese zur Zeit gewiß die größte Wahrscheinlichkeit für sich.

Für sie sprechen auch Entdeckungen am kanadischen Dinosaurier-Fundplatz Red Deer Valley im Staate Alberta. Hier fand man sowohl Überreste der vermutlich letzten Dinosaurier, nämlich des dreihörnigen, nashornartigen Triceratops und des auf zwei Beinen laufenden Raubdinosauriers Tyrannosaurus, als auch — gleich daneben — Fossilien aus dem anschließenden Säugetierzeitalter, dem Tertiär.

Der Zeitpunkt, zu dem der Faunenwechsel stattfand, konnte mittels moderner geologischer Zeitmeßverfahren ziemlich genau mit 63,1 Millionen Jahren vor der Gegenwart bestimmt werden. Pollenanalysen aus geologisch aufeinanderfolgenden Erdepochen im Red Deer Valley gaben dann weitere Aufschlüsse. Es kam heraus, daß die wärmeliebende Landflora damals in eine andere, mehr dem gemäßigten Klima entsprechende Pflanzenwelt überging, für die die Laub- und Nadelbäume unserer Breiten charakteristisch sind.

Aussterben — wie dieses Beispiel zeigt — bedeutet nicht nur Tod und Verderben. Es macht auch ökologische Nischen frei, die nun von anderen Arten besetzt werden können. Es bedeutet die Chance für einen Neubeginn, für neue Arten, für deren Ausbreitung und Weiterentwicklung. Das alles gehört zur Evolution als einem Geschehen, das von vielen Kräften unterhalten und gesteuert wird.

Greifen wir das Stichwort hier aber auch aus einem anderen Grunde nochmals auf. 

Vor allem ist ja die Evolution ein Prozeß, bei dem aus Einfachem Komplizierteres entsteht, will sagen, aus weniger differenzierten Lebewesen immer besser angepaßte und auf Umweltreize feiner und abgestufter reagierende hervorgehen. 

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Schaut man sich die Ergebnisse dieses Wandels an, so fällt auf, wie viele Erscheinungsformen es da gibt. Tiere und Pflanzen bilden eine unerhörte Fülle von Gestalten mit einer Unzahl der verschiedensten Merkmale. Trotzdem läßt sich eine gewisse Ordnung, lassen sich bestimmte Grundzüge erkennen. Viele »Baupläne« bei Pflanzen und Tieren ähneln sich, und das ist immerhin merkwürdig. Angesichts der praktisch unbegrenzten erblichen Veränderungs­möglichkeiten durch Mutation und Auslese sollte man vielmehr erwarten, daß Körperformen, Organe, Eigenschaften und Verhaltensweisen ziemlich regellos entstehen. Die Evolution könnte doch gewissermaßen auch wie der Weg durch einen Irrgarten verlaufen. 

Das ist aber nicht der Fall. Vielmehr läßt sich deutlich eine Geradlinigkeit erkennen, ein Beharren auf einer einmal eingeschlagenen Entwicklungsrichtung. Es ist, als bevorzuge die Auslese immer wieder die gleichen vorteilhaften Errungenschaften und behalte sie vielfach auch dann noch bei, wenn eine Steigerung der Zweckmäßigkeit nicht mehr erzielbar ist. Die Biologen nennen dieses Prinzip die »Orthogenesis«. Auch seine Entdeckung geht auf E. D. Cope zurück. Und auch Cope sah schon, daß in diesen Fällen der Stammestod oft schon vorprogrammiert ist.

Eindrucksvoll finden wir das orthogenetische Prinzip in der zunehmenden Größe sowohl vieler Wirbelloser als auch bei Wirbeltieren im Verlauf der Stammes­geschichte verwirklicht. Cope hat viele Beispiele für die Größen­steigerung zusammengetragen. Er fand sie bei praktisch allen größeren Tiergruppen und für fast alle geologischen Epochen bestätigt. Unter den Beuteltieren beispielsweise gibt es zunächst nur ratten- oder hasengroße Vertreter. Später treten größere auf, bis hin zum Riesenkänguruh. Die pflanzenfressenden Diprotodontier im Australien des Pleistozäns, ebenfalls Beuteltiere, erreichten sogar die Ausmaße eines Nashorns. 

Ähnliches gilt für die Gürteltiere. Aus kleinen Urformen im Miozän entstanden, steigerten sie sich im Pleistozän schon einmal zu Rhinozerosgröße. Besonders eindrucksvoll ist die Größenzunahme bei den Fleischfressern: Bären, Hyänen, Hunde und Schleichkatzen begannen ihren stammesgeschichtlichen Werdegang durchweg als relativ kleine Tiere, um dann zunehmend größere Arten zu bilden.

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Die heute größten Tiere überhaupt, die Wale, stammen vom Urwal Protocetus ab, der Knochenfunden zufolge im mittleren Eozän nur einen Schädel von 60 Zentimetern Länge besaß. Die ursprünglichen Vertreter der Huftiere erreichten im Eozän höchstens Schäferhundgröße, um dann ebenfalls immer größere Vertreter hervorzubringen. Von den Pferden haben wir schon im Zusammenhang mit der Spezialisierung ihrer Läufe gesprochen. Was ihre Größe betrifft, so kamen ihre Vorfahren im frühen Tertiär nur etwa auf die Ausmaße von Terriern oder Füchsen. Unscheinbare Vorfahren hatten sowohl die Rüsseltiere als auch die Affen. Das gleiche gilt von den Kamelen und Lamas, deren Urahnen allenfalls Hasenstatur besaßen. Auch die Hirsche lebten im Miozän als zunächst kleinwüchsige Waldbewohner, um dann im Pleistozän zu jenen Riesenformen »auszuarten«, wie etwa dem Megaloceros giganteus mit seinem 3,50 Meter klafternden Geweih.

Schließlich folgt sogar der Mensch der Copeschen Regel. 

Irgendwann im Eozän vor 50 Millionen Jahren lebten in Südostasien die Vorfahren der heutigen Menschenaffen, also letztlich auch die des Menschen in Gestalt kleiner, großäugiger Nachttiere, wir haben sie schon erwähnt: die Gespenstermakis. Ein anderer, als gemeinsamer Vorfahr für Menschenaffen und Menschen geltender Affe war der nur etwa fünf Kilogramm schwere Aegyptopithecus zeuxis, der vor etwa 30 Millionen Jahren gelebt haben soll. Im weiteren Verlauf des Oligozän haben wir es mit den schon größeren Altweltaffen mit ihrer schmalen Nasenscheidewand und nach unten gerichteten Nasenöffnungen zu tun, später im Tertiär dann mit den Menschenaffen. Auch sie wiederum sind stammesgeschichtlich »gewachsen«. Schließlich finden wir die nochmals größeren Australopithecus-Typen und den Homo erectus, und am Ende dieser Stammesreihe den Homo sapiens.

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Ist es bloßer Zufall, daß der Mensch auch heute immer noch wächst? 

Wir alle kennen das Phänomen der Akzeleration. Würden wir uns heute in eine Rüstung aus der Ritterzeit zu zwängen versuchen, wir würden rasch merken, um wieviel größer unsere Art inzwischen geworden ist — dies allerdings, das muß man einschränkend sagen, in einer atemberaubend kurzen Zeitspanne. Und verglichen mit den oben genannten Beispielen vollzieht sich unser Größenschub auch innerhalb der Art und nicht »trans­spezifisch«. Es bestätigt sich aber auch hier offenbar die Copesche Regel. Das Gegenteil, ein stufenweises Kleinerwerden innerhalb der Stammesreihen ist zumindest extrem selten.

Die Frage stellt sich nun, wie die merkwürdige Größenzunahme erklärt werden kann, mit anderen Worten: ob sie tatsächlich ein Auslesevorteil gewesen ist und entsprechend zwangsläufig eintreten mußte. Tatsächlich gibt es Hinweise darauf, daß mit zunehmenden Körpermaßen auch die Überlebens- und Fortpflanzungschancen steigen. Unter anderen hat Bernhard Rehsch diese Fragen genauer untersucht [58]. Er verweist zunächst darauf, daß Tiere mit größeren Körpern im allgemeinen kräftiger und widerstandsfähiger sind als kleinere. Bei den Säugetieren, die meist mehrere Junge haben, werden die schwächsten häufig tot geboren oder sterben bald nach der Geburt. Beim Säugen verdrängen die stärkeren die schwächeren. Bei den Vögeln sind die kräftigeren Jungen meist erfolgreicher, wenn sie um Nahrung betteln, auch gedeihen sie entsprechend besser. Im Vorteil sind die größeren, kräftigeren Tiere gewöhnlich bei der Flucht vor Feinden, auf der Futtersuche und im Brunftkampf um die Weibchen.

Bei den größeren Formen tritt überdies häufig etwas ein, das die Biologen positive oder negative »Wachstumsallometrie« nennen. Allometrisch heißt soviel wie ungleichmäßig. Hier bezieht es sich auf das unterschiedlich rasche Wachstum einzelner Organe gegenüber dem Gesamtkörper im Laufe der individuellen Entwicklung. So kann ein Organ wie das Herz oder das Gehirn relativ schneller wachsen und größer werden, als es ihm im Verhältnis zum übrigen Körper eigentlich zukäme (positive Allometrie).

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Bei den betroffenen Tieren stimmen also quasi die Proportionen nicht. Wir alle kennen, zumindest von Fotos oder Zeichnungen her, überzeugende Beispiele dafür. Imponierend sind die riesigen Kieferzangen der Hirschkäfer, die Krebsscheren, die Hörner und Geweihe mancher Wiederkäuer oder die Eck-, beziehungsweise Fangzähne vieler Raubtiere. Solche vergrößerten Körperteile bringen Auslesevorteile mit sich insofern, als sie dank ihrer Größe auch ihrer Funktion besser gerecht werden. Das gilt allerdings nur solange, wie sie nicht zu groß werden, denn dann schlägt der anfängliche Vorteil zum Nachteil um, und das Aussterben droht.

Auch die umgekehrte Erscheinung ist bekannt, also die relativ zum Körper verringerte Größe einzelner Organe (negative Allometrie). Hier gibt es einen anderen Begleiteffekt. Es kann nämlich, indem ein Körperteil zurückbleibt, ein anderer davon profitieren. Bei den Wirbeltieren beispielsweise finden sich negative Wachstumsallometrien bei Leber, Herz und Nieren. Indem diese Organe relativ klein bleiben, entstand in der Leibeshöhle Platz für einen größeren Darm und für die Gebärmutter. Das kam sowohl der Nahrungsverwertung zugute, als auch ermöglichte es eine längere Tragezeit der Jungen. Besonders interessant ist eine negative Wachstumsallometrie bei den größeren Säugetieren, die schließlich das Vorderhirn wachsen ließ. Bei diesen Tieren ist der sogenannte Hirnstamm mit den stammesgeschichtlich ältesten Gehirnabschnitten verhältnismäßig zurückgeblieben. Wir finden diese Erscheinung beim Vergleich etwa der Kuh mit dem Schaf, des Berberlöwen mit der Katze und des Menschen mit dem Schimpansen [58].

Der kleiner bleibende Hirnstamm bei den größeren Säugern ließ die Entfaltung von Teilen des Großhirns zu. Der damit verbundene Vorteil ist kaum zu verkennen: Da Tiere mit umfangreicheren Großhirnen dank der hier entstehenden Zentren für höhere psychische Leistungen kompliziertere assoziative Leistungen vollbringen können, vermochten sie Umweltreize nicht nur zweckmäßiger und überlegter zu beantworten, sondern konnten auch Erfahrungen und Erlerntes zur späteren Anwendung besser und länger behalten.

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Mit der Größenzunahme der Tiere wuchsen auch die Augen und vermehrten sich die Sehzellen. So konnten die Tiere ihre Umwelt besser wahrnehmen. Sie vermochten kleinere Details auszumachen und zweckmäßiger auf optische Reize zu reagieren — Vorteile also für den Daseinskampf.

Schließlich ist bekannt, daß der Stoffwechsel bei größeren Säugetieren ökonomischer abläuft, weil der Wärmeverlust bei ihnen wegen der relativ geringeren Körperoberfläche kleiner ist. Mehr für den Stoffwechsel nützliche Wärme bleibt dem Körper erhalten. Wahrscheinlich nicht zuletzt deshalb konnten die Riesentiere der Eiszeit, die Mammute, den gesunkenen Temperaturen eher trotzen. Die damals so zahlreichen Riesenformen sind also sicher kein bloßer Zufall gewesen, wenn auch der übertriebene Riesenwuchs neue Nachteile mit sich brachte, die dann für eine insgesamt negative Bilanz der Merkmale gesorgt und den Untergang dieser Arten mitbewirkt haben mögen.

In den Zusammenhang mit der Größenzunahme gehört auch die längere Lebensdauer der größeren warmblütigen und eines Teiles der wechselwarmen Tiere (deren Körpertemperatur von der Umgebung abhängt). Die längere Lebenszeit kommt Tieren wie Elefanten, Affen, Krokodilen, Riesenschildkröten und anderen als Auslesevorteil deshalb zugute, weil sie nun auch aus diesem Grund mehr Gelegenheit bekamen, Erfahrungen zu sammeln und damit im Konkurrenzkampf ums Überleben differenzierter, sprich angemessener und zweckmäßiger auf die jeweilige Umweltsituation reagieren konnten.

 

Wir wollen jetzt einen Schritt weitergehen und von solchen Fällen sprechen, in denen das eine oder andere Organ so groß geworden ist, daß es seine Funktion schließlich nicht mehr erfüllen konnte, seine Träger also zunehmend belastete und sie gegebenenfalls auch zugrunde richtete.

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Es ist zwar behauptet worden, ein Organ könnte sich nicht »gegen den Selektionsdruck« entwickeln. Doch muß man bedenken, daß die Auslese nie an nur einem einzelnen Merkmal angreift. Wenn etwa die Körpergröße einer Tierart in einer bestimmten Umwelt bedeutende Vorteile bot, dann wurden auch übermäßig große oder gar funktionsgeschwächte Organe noch toleriert oder »mitgeschleppt«. Mit anderen Worten: Nicht die Wertigkeit einzelner, sondern die Gesamtbilanz der Merkmale mit positivem und negativem Auslesewert ist entscheidend. Erst wenn in solchen Fällen ein Merkmal einen funktionell noch zweckmäßigen Ausbildungsgrad weit überschritten und einen ausgesprochen schädlichen erreicht hat, wendet sich das Blatt.

Typisch dafür sind die Zähne mancher Großtiere wie die von Walrossen, Elefanten, Nilpferden und manchen Schweinearten, wie man sie heute in jedem größeren Zoo besichtigen kann. Obwohl diese Gebilde eigentlich zu groß sind, gereichen sie den Tieren doch nicht zum Schaden. Unter den Großkatzen entwickelten sich aus einem nur etwa luchsgroßen Tier des mittleren Oligozäns, dem Hoplopboneus, über eine Mackairodus genannte Zwischenform im Miozän schließlich die berühmten Säbelzahnkatzen Smilodon im Pleistozän. Diese löwengroßen Raubtiere besaßen krumm-dolchartige, außerordentlich lange obere Fangzähne, von denen man annimmt, sie seien den Tieren beim Ergreifen der Beute zunehmend hinderlich geworden. Die Tiere hätten ihre Rachen schließlich nicht mehr weit genug aufreißen können, um die Zähne in ihre Opfer einzuschlagen. Hinzu kam allerdings, daß die Säbelzahnkatzen vorzugsweise dem elefantenartigen Mastodon nachstellten, das vor 9000 bis 10.000 Jahren ausstarb. Das kleinhirnige Katzentier, so wird vermutet, konnte sich daraufhin mit seinem Fangzahn-Handicap nicht mehr auf andere Beutetiere umstellen.

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Schon vor 230 Millionen Jahren, in der mittleren Trias, starb die Giraffenhals-Echse Tanystropheus longobardicus aus. Ihr Kopf saß auf einem fast dreieinhalb Meter langen und sehr beweglichen Hals, mit dem das Reptil peitschenartig nach Beute schnappte. Man mache sich aber einmal klar, welche Leistung dem Herzmuskel der Echse abverlangt wurde, wenn er nicht nur den rund sechs Meter langen Körper mit Blut versorgen, sondern das Blut bei hoch gerecktem Hals auch noch in das dreieinhalb Meter höher sitzende Gehirn pumpen sollte. Das dürfte eine weit größere Belastung gewesen sein, als sie etwa die heutigen Giraffen ihrem Herzen zumuten müssen. Außerdem wird es bei der extrem langen Luftröhre nicht gerade einfach gewesen sein, beim Ausatmen das Kohlendioxid wieder aus dem Körper zu entfernen [75].

Ein anderes Beispiel:  

Auf den indonesischen Inseln Celebes und Buru lebt noch heute die wahrscheinlich größte Schweineart der betreffenden stammes­geschichtlichen Reihe, der Hirscheber Babirussa. Dieses Tier besitzt ähnlich wie seinerzeit das eiszeitliche Mammut stark bogenförmig nach oben und hinten gebogene Hauer, die ihm weder zum Wühlen noch als Waffen dienen können. Trotzdem ist es noch nicht ausgestorben, weil ihm offenbar andere Eigenschaften von größerem Selektionswert noch genügend Vorteile im Daseinskampf verschaffen. Die zwecklos gewordenen Hauer werden gewissermaßen kompensiert. Als Überspezialisierung werden sie noch mitgeschleppt, vielleicht so lange, bis sie sich — weiterwachsend — in die Schädel der Tiere einzubohren beginnen. Allerdings wird es dazu kaum noch kommen, da der Mensch die indonesischen Hirscheber längst vorher ausgerottet haben wird.

Man kann diese Beispiele noch vermehren. Zu nennen wären die überlangen, schnabelartig spitzen und zahnlosen Kiefer der Flugsaurier. Auch diese Tiere sind besonders große Endformen ihrer stammesgeschichtlichen Verwandtschaftsreihe gewesen. Hinzuweisen wäre auf die extrem langen Schwanzfedern, Schnäbel und Beine mancher Stelzvögel und anderes mehr. Imponierende Körperteile besitzen auch manche Käferarten, wie sie Bernhard Rensch in einer Zeichnung veranschaulicht hat [58]. Es sind Exzessivformen mit überproportional entwickelten Kiefern, Brustfortsätzen, Vorderbeinen, Fühlern und anderen Organen. Auch hier finden sich die abnorm veränderten Körperteile jeweils bei den besonders großen Vertretern innerhalb einer Familie [58].

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Es mag abwegig klingen, aber sogar Verhaltensweisen können »ausufern«. Zu den Beispielen dafür gehören die »Brüllorgien« der Brüllaffen und die »Schreitumulte« bestimmter Papageien- und Kuckucksvögel. Da die Tiere nicht nur während der Paarungszeit lärmen und ihr Geschrei unter Umständen sie selbst gefährdet, indem es Feinde anlockt, muß man auch hierin ein schon über die Zweckmäßigkeit hinaus entwickeltes Merkmal sehen. Anscheinend wird das Risiko aber auch bei ihnen noch durch andere, genügend vorteilhafte Merkmale soweit verringert, daß die Merkmalsbilanz der Tiere insgesamt noch keine »roten Zahlen« aufweist.

Wohl in den meisten dieser Fälle hat die Anpassungsfähigkeit der betreffenden Arten im Lauf der Zeit mehr und mehr nachgelassen. Die jeweiligen Stammes­reihen alterten und starben schließlich aus, weil zuletzt oft schon geringfügige Umweltänderungen, auftauchende neue Feinde oder Krankheiten durch erbliche Merkmalsänderungen nicht mehr pariert werden konnten. So triumphierte schließlich die Umwelt über ein zunächst geduldetes Produkt, das an seiner exzessiven Form oder Funktion scheiterte und seine Träger mit sich in den Aussterbetod riß.

Auch das Großhirn des Menschen muß nach allem, was es leistet oder nicht leistet, als eine Entwicklung betrachtet werden, die einer positiven Wachstums­allometrie entspricht. Auch dieses Organ ist eine Exzessivbildung, eine Überspezialisierung mit allen Merkmalen des Gefährlichen für die Zukunft des Homo sapiens.

Und wir können auch sagen, welche seiner Eigenschaften den Untergang herbeiführen werden, ob wir uns dagegen wehren mögen oder nicht. Es ist einmal die in den Urtagen der Menschheit erworbene Fähigkeit zum Lösen von Problemen, die inzwischen technische Erfindungen von immer bedrohlicheren Ausmaßen ermöglicht hat und weiter ermöglicht.

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Beispiele aus jüngster Zeit sind die ambivalenten Erfindungen und Entdeckungen wie die Kernkraft, die arbeitsplatz­vernichtende Mikroelektronik mit allen ihren Folgen, die Anhäufung von Massen­vernichtungsmitteln, die zum mehrfachen overkill der Menschheit ausreichen und die Fortschritte der Medizin, die unbeabsichtigt, aber zwangsläufig zum Erbverfall und zur Bevölkerungsexplosion geführt haben.

Es ist zweitens die Unfähigkeit des Großhirns, Probleme höherer Ordnung noch zu beherrschen und in einem weltweiten Konsens noch sinnvoll zu beeinflussen, Probleme, die sich aus den selbstgeschaffenen sozialen, politischen und wirtschaftlichen »Umweltverhältnissen« vor allem im letzten Jahrhundert ergeben haben. Bevölkerungslawine, Rohstoff-Raubbau, Naturzerstörung, Hunger, unüberbrückbare politische Gegensätze und Anspruchs­verhalten — all das treibt einer Katastrophe der Menschheit entgegen.

Bei Lebewesen mit kleineren Großhirnen gibt es die genannten Probleme nicht. Diese sind allein menschheitsspezifisch. Und darum ist die Einsicht auch zwingend: Mit seiner Größenzunahme und den damit erworbenen Eigenschaften hat das Großhirn das Maß des biologisch Tragbaren überschritten. 

Mag sein, daß der Mensch in grenzenloser Hochachtung vor den Leistungen seines »Meistergewebes« im Schädel die Rolle, die es wirklich spielt, nicht sieht. Mag sogar sein, daß er den Untergang seiner Art für ausgeschlossen hält. Doch das Großhirn des Menschen hat keine stammesgeschichtliche Zukunft mehr. Es hat ausgedient. Es hat seine Träger zu einem Verhalten bestimmt, das ihnen jetzt mehr und mehr zum Verhängnis wird.

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Zu welcher Zeit der Artentod des Homo sapiens eintreten wird, ist freilich ungewiß, wenn auch die »Stunde X« angesichts der rasch sich zuspitzenden Lage nur noch wenige Generationen entfernt zu sein scheint. Auch das »Wie« eines solchen Vorgangs läßt sich heute nur vermuten: 

Es könnten auch mehrere dieser dezimierenden Einflüsse zusammenwirken und den Untergang wellenförmig gestalten — vergleichbar Vorgängen, wie wir sie von einfachen Lebewesen her kennen, die sich unter üppigen Lebensbedingungen zunächst stürmisch vermehren.

Auf sie werden wir im nächsten Kapitel noch eingehen. Sicher jedenfalls dürfte sein, daß der Mensch den Höhepunkt seiner Entwicklung die Glanzzeit seiner irdischen Präsenz hinter sich hat. Es kann — lapidar gesagt — nur noch bergab mit ihm gehen. 

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 wikipedia  Edward_Drinker_Cope  1840-1897, USA

 

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Die letzten Jahre der Menschheit - 1983 - Theo Löbsack