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1. Josef Stalin, 1879-1953 

 

 

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Über Stalins Jugend und frühe Karriere gibt es nur wenige zentrale Fakten, und diese waren seinen Biographen seit langem bekannt. Zu seinen Lebzeiten war Stalin nicht daran interessiert, daß mehr als ein Minimum an Details über seine Jugend in die Öffentlichkeit drang; als er starb und eine freiere Recherche möglich wurde, war es zu spät, um irgendwelche neue und wichtige Details aufzudecken.

Doch vielleicht gab es auch überhaupt nichts zu entdecken.

Stalin wurde am 20. Dezember 1879 als Josef Dschugaschwili in Gori geboren, einer kleinen Stadt im Kaukasus, unweit von Tiflis. Sein Vater, ein Schuhmacher, war ein schwerer Trinker und starb, als sein Sohn elf Jahre alt war. Josef (»Soso«) wurde von seiner Mutter aufgezogen. Sie arbeitete als Waschfrau. Er besuchte die örtliche Schule und bekam, da er ein guter Schüler war, ein Stipendium für das Theologische Seminar in Tiflis. 

Im Alter von 18 Jahren schloß er sich einer im Untergrund arbeitenden sozial­demokratischen Gruppe an. Im Jahr 1899 wurde er deshalb aus dem Seminar ausgeschlossen. Ein Jahr später ging er in den Untergrund, nachdem sein Zimmer von der Polizei durchsucht worden war. Ein weiteres Jahr später erschienen seine ersten Artikel in der illegalen Presse, und er wurde ein Mitglied der lokalen Parteiführung. In der Partei trug er den Spitznamen »Koba«, aber er benutzte auch andere Decknamen.

Zwischen 1901 und 1917 führte er das Leben eines Berufsrevolutionärs. Er hielt sich hauptsächlich in Baku auf, dem wichtigsten Industriezentrum des Kaukasus, aber für einen kürzeren Zeitraum war er auch in der Hauptstadt Petersburg tätig.

Vier- oder fünfmal wurde er festgenommen. Einmal wurde er nach Sibirien verbannt, aber es gelang ihm zu fliehen. Allmählich wurde er auch der inneren Parteiführung bekannt; in einem Brief an Gorki bezeichnete Lenin Stalin als diesen »großartigen Georgier«. Einige Jahre später hatte Lenin den Namen Stalins jedoch wieder vergessen. Stalin nahm an den Parteikongressen in Finnland (1905), Stockholm (1906) und London (1907) teil. Beim Prager Parteikongreß war er nicht dabei, weil er in Haft saß; in Abwesenheit wurde er in das Zentralkomitee kooptiert.

Stalin genoß den Ruf eines hart arbeitenden, verläßlichen und fähigen Parteiarbeiters. Im Unterschied zu vielen anderen führenden Revolutionären war er weder ein überragender Redner noch ein großer Theoretiker. Seine einzige größere Publikation, die vor der Revolution von 1917 unter dem Titel »Der Marxismus und die Nationale Frage« erschienen war, hatte das Niveau einer besseren Seminararbeit. Er war in erster Linie ein Macher, ein brillanter Organisator der konspirativen Arbeit, zu der etwa das Schmuggeln und Verteilen der Parteiliteratur gehörte. 

Er half auch, die »Expropriation« von Banken, d.h. bewaffnete Raubüberfälle, zu organisieren. Wie die Menschewiki 1917 enthüllten, war er aus diesem Grunde aus der Parteiorganisation von Tiflis ausgeschlossen worden. Stalin bestritt, daß er jemals ausgeschlossen worden sei, leugnete jedoch seine Beteiligung an Banküberfällen nicht. Als Hardliner entschied er sich bei den verschiedenen Spaltungen der russischen Sozialdemokratie immer für den radikalsten Flügel, also für die Bolschewiki. Er besaß große Selbstdisziplin, und wenn er weitreichende politische Ambitionen hatte, wußte er sie gut zu verbergen. Stalin war ein dynamisches, furchtloses, unermüdliches Arbeitstier der Partei, zumindest bis zu seiner letzten und längsten Internierung im Jahr 1913.

Während der folgenden vier Verbannungsjahre in dem sibirischen Ort Turuhansk wurde er seltsam lethargisch. Er unternahm keinen Fluchtversuch, und während andere verbannte Bolschewiki die Jahre in Sibirien nutzten, um zu studieren, zu schreiben und zu lesen, schien sich Stalin nur für Jagen und Fischen zu interessieren. Es gab Gerüchte, er sei von der zaristischen Geheimpolizei Ochrana als Agent angeworben worden, aber dafür gibt es keine Beweise. Er verließ Sibirien erst, nachdem das Zarenregime durch die Februarrevolution gestürzt worden war.

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Stalin hatte keine engen Freunde; er war starrköpfig und grob und hatte noch andere (nicht spezifizierte) Charakterzüge, derentwegen ihn viele Partei­genossen mieden. Im Jahr 1903 heiratete er Jekaterina (»Keke«) Swanidse, eine junge Frau aus einem benachbarten georgischen Dorf. Sie starb vier Jahre später. Das Kind aus dieser Ehe, der Sohn Jascha, geriet 1941 in Kriegsgefangenschaft und starb in einem deutschen Lager.

Möglicherweise wurde Stalin im sibirischen Exil Vater eines weiteren Kindes;1) wenn dem so war, zeigte er weder damals noch in späteren Jahren Interesse an seinem Nachkommen. Stalin kümmerte sich jedoch auch sonst wenig um familiäre Bindungen. Seine Mutter lebte noch viele Jahre nach der Revolution, aber er besuchte sie nur ein einziges Mal. Vielleicht war ihm die Gegenwart einer analphabetischen Waschfrau peinlich, vielleicht war sie ihm auch einfach gleichgültig.

Der Mann, der 1917 in Petersburg eintraf, hatte einige Jahre zuvor den Namen Stalin angenommen (zwischen 1910 und 1912), und war 38 Jahre alt — nach den Maßstäben jener Zeit kein junger Mann mehr, sondern ein reifer Revolutionär. (Der neun Jahre ältere Lenin war unter dem Namen Starik, »der Alte«, bekannt.) Stalin war klein von Statur, hatte aber einen kräftigen Körperbau; sein Gesicht war pockennarbig, und seinen berühmten Schnurrbart scheint er schon seit 1910 getragen zu haben. Er verfügte über eine schnelle Auffassungsgabe und ein phänomenales Gedächtnis, war aber nur wenig gebildet und hatte kaum andere Interessen als die Politik der Arbeiterklasse. Er beherrschte die russische Sprache perfekt, sprach jedoch mit einem starken Akzent. Als Mitglied des »russischen Büros« der Bolschewiki war er ein ranghoher Parteifunktionär; im Jahr 1917 war er jedoch vermutlich der am wenigsten bekannte Führer vergleichbaren Ranges innerhalb der Partei und besonders außerhalb.

Im Jahr der beiden Revolutionen spielte er keine führende Rolle. In Berichten aus der Revolutionszeit wird er selten oder gar nicht erwähnt, außer als Mitglied des Exekutivkomitees der Partei. Einer dieser Berichte charakterisiert in als »einen grauen Nebel, der sich ab und zu düster und drohend erhebt, ohne irgendeine Spur zu hinterlassen«. (N. N. Suchanow).

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In späteren Jahren, als die meisten seiner einstigen Genossen bereits tot waren, schrieb Stalin die sowjetische Geschichte um und gab sich selber neben Lenin eine maßgebliche Rolle bei der Vorbereitung und Ausführung der Revolution. Nichts ist weiter von der Wahrheit entfernt, denn er spielte 1917 eine ausgesprochen bescheidene Rolle. Er war jedoch weder ein grauer Nebel oder eine unbedeutende Figur, noch eine »Kreatur der Parteibürokratie«, wie Trotzki in späteren Jahren behauptete. Er machte nicht als Volkstribun Karriere, sondern erwarb seinen Einfluß durch geduldige organisatorische Arbeit, die sich in kleinen Hinterzimmern abspielte, fern der Menschenmengen auf den Straßen und der großen Versammlungen. Trotzdem fand seine Arbeit Anerkennung, und als nach dem Aufstand die erste Liste von 15 Ministern (»Volkskommissaren«) erstellt wurde, war Stalin darunter — als Volkskommissar für Nationalitäten.

Es gibt interessante Divergenzen zwischen der Stalin-Legende und den wirklichen Fakten, sogar in der Zeit vor 1917. Stalin hatte in einem Grenzgebiet des russischen Reichs klein angefangen, und diese Herkunft mußte er herunterspielen, da sie nicht zu einem großen Führer paßte. Ebenso mußte er auch seine terroristische Vergangenheit verschleiern. Solche Aspekte von Stalins Vergangenheit vertrugen sich nicht mit seinem Image eines weisen Staatsmanns und Vaters des Volkes. Er sah sich selbst als ein Russe und wollte auch als Russe bezeichnet werden. Ist es aber letztlich so wichtig, daß Stalin im Alter von 23 Jahren in Batumi oder ein paar Jahre später in Baku noch kein Führer von internationalem Rang und Bekanntheitsgrad war, daß er neben Männern wie Schaumjan und anderen die zweite Geige spielte und nur auf einem kleinen Nebenkriegsschauplatz aktiv war? Er stand noch nicht im Zentrum der russischen Politik, und daß er nach 1930 die Geschichte seiner frühen Jahre umschreiben ließ, ist allein aus diesem Grund nicht sehr bedeutsam.

All das begann sich mit der Oktoberrevolution zu ändern. Ab diesem Zeitpunkt nähert sich die Biographie Josef Stalins immer mehr der Geschichte der Sowjetunion an, bis sie sich schließlich decken. Er spielte eine relativ bedeutende Rolle im Bürgerkrieg, besonders bei der Verteidigung von Zarizyn, dem späteren Stalingrad und heutigen Wolgograd.

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Auch wurde er mit Spezialaufträgen an andere Frontabschnitte geschickt. Im Jahr 1919 ernannte man ihn zum Mitglied des Politbüros, des höchsten Exekutivorgans der Partei. Drei Jahre später wurde er Generalsekretär. Es hatte schon seit 1919 ohne große politische Konsequenzen eine Art General­sekretariat gegeben, aber Stalin machte es zur eigentlichen Machtzentrale der Partei. Als Lenin kurz vor seinem Tod versuchte, Stalin zu entmachten, war es bereits zu spät; Lenins berühmtes Testament wurde von der Partei ignoriert. 

Trotzki, nach Lenin der größte Parteiführer, war zwar ein brillanter Redner und Schriftsteller, aber ein schlechter Taktiker. Er hatte eich in eine Lage hineinmanövriert, die ihn wirksam daran hinderte, sich am Kampf um Lenins Nachfolge zu beteiligen. Ab 1923 wurde das Land von einem Triumvirat regiert, das aus Stalin, G. E. Sinowjew und L. B. Kamenew bestand.

Im Jahr 1925 vollzog Stalin eine Wende nach rechts und bildete eine Koalition mit gemäßigten Führern wie Bucharin, Rykow und Tomski. Sie hielt bis 1928, als die Kollektivierung der Landwirtschaft begann und die forcierte Industrialisierung im Rahmen der Fünf-Jahres-Pläne eingeleitet wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatte Stalin bereits seinen eigenen Apparat in der Partei etabliert, und wer immer sich seiner Gefolgschaft nicht anschloß, wurde systematisch entmachtet. Bis 1930 war seine Herrschaft absolut, und nach einigen weiteren Jahren war das stalinistische System etabliert. Dabei handelte es sich um eine Herrschaft mittels Propaganda und Terror, die später euphemistisch »Personenkult« genannt wurde.

Die Säuberungen und Massenprozesse schienen zunächst eine rationale Qualität zu haben, weil ihnen hauptsächlich frühere Widersacher und Rivalen oder doch potentielle Feinde Stalins zum Opfer fielen. Allmählich wurde jedoch immer unvorhersehbarer, wen es traf, und die Verfolgung begann sich auch auf Stalins blinde, bedingungslose Gefolgsleute auszudehnen.

In den dreißiger Jahren wurde aus Stalin, dem Boß (Chosjain), ein großer Staatsmann, ein großer Ökonom und ein großer Ideologe — der vorerst lediglich Lenins Werk fortsetzte, dessen treuester Schüler er war. Nach der deutschen Invasion im Juni 1941 ließ sich Stalin auch zum überragenden militärischen Führer stilisieren.

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Vielleicht mit Ausnahme Adolf Hitlers hatte in der modernen Geschichte kein Führer soviel Macht in einer Hand konzentriert wie Stalin. Hitler aber führte sein Land in die Niederlage, während die Sowjetunion triumphierend aus dem Krieg hervorging. Deshalb befand sich Stalin 1945 auf dem Höhepunkt seiner Macht; sein Prestige war im Ausland ebenso groß wie daheim. Unter seiner Führung hatte sich die Sowjetunion zur bei weitem größten Macht in Europa entwickelt, zu einer Weltmacht, die den Vereinigten Staaten an Stärke gleichkam.

Daß Stalins letzte Jahre in vieler Hinsicht ein Abstieg waren, wird erst nach seinem Tod im Jahr 1953 richtig deutlich. Wer in der Sowjetunion auf mehr Freiheit und Wohlstand gehofft hatte, sah sich enttäuscht; die Propagandamaschine und der Terrorapparat wurden auch weiterhin hemmungslos betrieben, die Verhaftungen und Exekutionen wurden fortgesetzt, und die Sowjetunion blieb ein Reich der Angst. 

 

Stalins intellektuelle Aktivitäten und Interessen wurden noch verschrobener als vor dem Krieg. Er schrieb jetzt sogar pseudowissenschaftliche Aufsätze über Linguistik. Der wirtschaftliche Wiederaufbau des verwüsteten Landes wurde in Angriff genommen und machte gewisse Fortschritte, aber es ging langsamer voran als in vielen anderen Ländern. In den osteuropäischen Ländern, die in der letzten Phase des Krieges besetzt worden waren, wurde die Sowjetmacht konsolidiert. Die Art und Weise, wie dies geschah, wurde jedoch zur Ursache späterer Widerstände und Konflikte — zunächst in Jugoslawien und später in anderen kommunistischen Ländern.

Als Stalin 1953 starb, wurde er von vielen seiner Untertanen betrauert. Ob sie wirklich das Gefühl hatten, einen Verlust erlitten zu haben, oder ob sie Angst vor der Zukunft hatten, wissen wir nicht. Stalin hatte systematisch den Glauben gezüchtet, nur er sei weitsichtig genug, das Land zu führen, und das sowjetische Volk sei ohne ihn verloren — eine leichte Beute für die vielen Feinde der Nation.

Es gab jedoch eine Menge Sowjetbürger, die echte Bewunderung für Stalin hegten und glaubten, sein Regime sei für das Land das Beste. Die Fragen, warum sie dieser Ansicht waren und warum sie ihn wirklich vermißten, werden Gegenstände der vorliegenden Untersuchung sein.

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Daß Stalin keine Vorsorge für seine Nachfolge getroffen hatte, führte zu einem Machtkampf, der Jahre dauern sollte. Die Partei und der Staatsapparat waren schwerfällig und immer weniger in der Lage, mit den wirtschaftlichen Problemen des Landes fertigzuwerden. Der Außenpolitik lag weder ein klares Ziel noch eine Strategie zugrunde; man bereitete keine Eroberungskriege vor, trieb aber auch keine konsequente Friedenspolitik. Wie nachhaltig das stalinistische Erbe wirkte, zeigte sich nach 1956, als gewisse Exzesse des »Personenkults« eingestanden wurden, die Institutionen sich jedoch kaum veränderten, weil der Stalinismus in der Mentalität von Herrschern und Beherrschten gleichermaßen zu tiefe Spuren hinterlassen hatte.

Ein Mann, der zu seinen Lebzeiten einen derart gewaltigen Einfluß auf sein Volk gehabt hatte — und noch viele Jahre danach —, ein Mann, der einem ganzen Zeitalter seinen Stempel aufgedrückt hatte, war offensichtlich ein großer politischer Führer. Er war nicht unbedingt ein positiver Held, aber er war dennoch groß, weil seine Taten sich auf das Leben von Millionen Menschen auswirkten. Natürlich war all dies zu einem gut Teil der Größe der historischen Bühne zu verdanken, auf der er agiert hatte; wäre Stalin in Persien oder Afghanistan geboren und hätte dort regiert, wäre er nur als Randfigur in die Weltgeschichte eingegangen.

Was hatte seinen Aufstieg möglich gemacht? Welche Eigenschaft hatte er den anderen kommunistischen Führern seiner Generation voraus? Stalin hätte sich in keiner Weise als Idol der Massen geeignet: Weder war er eine dämonische, hypnotisch wirkende Figur wie Hitler oder Mussolini, die beide Millionen von Menschen emotional aufpeitschen konnten, noch war er der Typ »Rattenfänger«, der auf die Massen verführerisch gewirkt hätte. Im Gegensatz zu Lenin hatte er über seine Mitkämpfer keine natürliche Autorität. Auch war er kein Intellektueller. Trotzki, Bucharin und viele andere waren ihm in dieser Hinsicht überlegen. Außergewöhnliche moralische Qualitäten waren sicher auch nicht der Grund, warum er an die Macht kam; im Gegenteil, er hatte einen starken Hang zu Verbrechertum und Wahnsinn, der mit zunehmendem Alter immer stärker wurde.

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Stalin, der große Schurke, hätte für einen Historiker der Antike wie Plutarch (der ihn zweifellos mit Hitler verglichen hätte) einen geeigneteren Stoff abgegeben als für die zeitgenössischen westlichen Biographen. Sie sind weder auf das Ausmaß seiner Verbrechen noch auf seine Motive gut vorbereitet, weil seine Taten einer anderen Zeit und Zivilisationsstufe zu entstammen scheinen.

Eines hatten Stalin und Hitler auf jeden Fall gemeinsam: Sie wurden stark unterschätzt, bevor sie die Macht an sich rissen. Was einer seiner Biographen kürzlich über Hitler schrieb, trifft auch auf Stalin zu:

Tucholsky sprach für viele, als er schrieb: "Den Mann gibt es gar nicht; er ist nur der Lärm, den er verursacht." — Um so größer war der psychologische Rückschlag, als der Mann sich nach 1933 als ein überaus tatkräftiger, einfallsreicher und effizienter Macher erwies. 2)  

In Stalins Fall war es nicht einmal eine Frage des Lärms, denn im Gegensatz zu Hitler war er nicht als ein fesselnder Redner und Demagoge in Erscheinung getreten; auch hatte Stalin keinen signifikanten Beitrag zur marxistischen Theorie geleistet, obwohl es für die kommunistische Bewegung charakteristisch war, daß der Ideologie großes Gewicht beigemessen wurde. Es gibt zwei Antworten auf dieses scheinbare Rätsel: Stalin verfügte erstens über ein enormes Selbstvertrauen, und er war zweitens außerordentlich zielstrebig. 

Er war kein Intellektueller, ja er verachtete die Intellektuellen, und litt deshalb auch nicht unter der für sie charakteristischen Unentschlossenheit oder Selbst­zweifeln. Gerade diese Eigenschaften Stalins waren von entscheidender Bedeutung, als die bolschewistische Partei den Untergrund verließ und zur regierenden Staatspartei aufstieg. Früher hatte ihr Führer in erster Linie ein Agitator sein müssen, der die Massen mobilisieren konnte. Jetzt jedoch brauchte sie einen Techniker der Macht. 

Diese Kunst beherrschte Stalin besser als seine Zeitgenossen; er war ein erstklassiger Taktiker, Intrigant und Ränkeschmied, und er spielte wirkliche oder potentielle Feinde meisterhaft gegeneinander aus. Wie oben ausgeführt, verfügte er über gesunden Menschenverstand und eine rasche Auffassungsgabe.

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Trotzki war klüger als er und hatte viel mehr Bücher gelesen, aber im Gegensatz zu Stalin war er nicht in der Lage, einfache Wahrheiten zu verstehen — etwa die Tatsache, daß der Aufbau des Sozialismus in Rußland der einzig gangbare Weg war, nachdem es die erwartete Weltrevolution nicht gegeben hatte. Daß dabei eine andere Art von Sozialismus herauskommen würde, als es sich die alten Bolschewiki und die meisten anderen Leute vorgestellt hatten, stand auf einem anderen Blatt.

 

Die alten Bolschewiki waren keine Heiligen, und ihre revolutionären Überzeugungen verführten sie dazu, mehr und mehr Gewalt anzuwenden. Stalin war jedoch unendlich skrupelloser als sie; er hatte nämlich gar keine Skrupel, und diese Eigenschaft war für seinen Aufstieg und für seine erfolgreiche Machterhaltung von entscheidender Bedeutung. 

Obwohl ihn große Brutalität auszeichnete, brüstete er sich nur selten mit seiner Skrupellosigkeit. Er war im Gegenteil ein Meister der Scheinheiligkeit, der Heuchelei und Verlogenheit — im Unterschied zu Hitler, der praktisch kein Geheimnis aus seinen mörderischen Absichten machte. Hitler hatte, wie ein sowjetischer Autor gezeigt hat, nie vorgegeben, er sei ein Freund der Juden, der Slawen oder anderer »Untermenschen«.3) Neben vielen anderen Dingen hielt es Stalin auch für wichtig, als der größte Humanist seiner Zeit, wenn nicht sogar aller Zeiten, zu gelten.

Dennoch sind all diese Eigenschaften keine ausreichende Erklärung für Stalins phänomenalen Aufstieg und für die Tatsache, daß er drei Jahrzehnte lang an der Macht blieb und die sowjetische Politik weit über seinen Tod hinaus beeinflußte. Es wurde immer offensichtlicher, daß seine Herrschaft mit gewissen Traditionen zusammenhing. Einige davon stammen aus den Ursprüngen und frühen Praktiken des Bolschewismus, während andere sich aus der autokratischen Tradition der russischen Geschichte erklären lassen.

Die Verbindung zwischen Stalinismus und Leninismus ist endlos diskutiert und von den Leninisten leidenschaftlich verneint worden. Es ist unbestreitbar, daß zwischen Lenins und Stalins Stil und zwischen vielen ihrer Auffassungen Welten liegen. Es ist jedoch ebenso wahr, daß Lenin von Anfang an einen starken diktatorischen und antidemokratischen Zug hatte. Die Machtergreifung des Bolschewismus war das Ergebnis eines Putsches gegen demokratische Mehrheiten in Petrograd und Moskau, und nachdem dieser Weg einmal eingeschlagen war, gab es keine Garantie mehr dafür, daß die Diktatur des höchsten Parteikomitees nicht zur Diktatur eines Individuums werden könnte.

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Weitsichtige Führer der Linken wie Rosa Luxemburg hatten bereits wenige Wochen nach der Macht­ergreifung der Bolschewiki eine solche Entwicklung vorausgesagt. Nur ein sehr naiver Mann — und Lenin war nicht naiv — hätte daran glauben können, daß die Diktatur des Proletariats, d.h. des Politbüros, mehr oder weniger automatisch einer höheren Form der Demokratie weichen würde. Dies erklärt vielleicht, warum es Stalin relativ leicht gelang, einen beherrschenden Einfluß auf die Partei zu erringen. Es erklärt jedoch nicht die Popularität, die der Stalinismus auf dem Höhepunkt seiner Macht genoß.

Stalin und sein System waren offenbar wirklich populär. Für viele Millionen seiner Untertanen war er eine ideale Vaterfigur, streng, aber gerecht und weise. Das ist jedoch keine Erklärung dafür, warum viele Sowjetbürger auch nach Stalins Tod zumindest in gewissem Umfang noch an Stalin und den Stalinismus glaubten, obwohl doch die Verbrechen und Fehler des Systems bereits allgemein bekannt waren. Dieses Phänomen kann nur mit dem Fehlen einer demokratischen Tradition in Rußland erklärt werden. 

Das Land war Jahrhunderte lang von Autokraten regiert worden, deren Macht von keinerlei verfassungs­rechtlichen Beschränkungen begrenzt war. In der Tat waren einige dieser Herrscher autokratischer als andere, aber das Volk akzeptierte sie im großen und ganzen nicht nur pflichtgemäß als ein notwendiges Übel, sondern brachte ihnen echten Respekt und sogar Liebe entgegen. Sie waren gleichsam gottgesandt, und Widerstand durfte ihnen nicht geleistet werden, ganz gleich, wie verrückt oder grausam sie sich gebärdeten.

Zu all diesen psychologischen und historischen Erklärungen kommt hinzu, daß Stalin einfach Glück hatte. Er hätte von der Kugel eines Attentäters getroffen werden oder einer Krankheit erliegen können. Sein Glück bestand nicht nur in seiner eisernen Konstitution und in der Tatsache, daß er es mit dem schon so lange leidenden russischen Volk zu tun hatte, sondern auch darin, daß keiner seiner Gegner innerhalb der Partei den Mut und die Fähigkeit besaß, ihm wirkungsvoll Widerstand zu leisten.

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Selbst wenn Trotzki ein besserer Politiker gewesen wäre, hätte er als Jude die Parteiführung nicht erringen können, und Bucharin hatte nicht den erforderlichen Ehrgeiz. Es ist zwar richtig, daß Tausende von Politikern Rußland hätten regieren können, aber es gab in den dreißiger Jahren keine wirklich gefährlichen Verschwörer. Viele Parteimitglieder waren von Stalin eingeschüchtert oder fühlten sich durch ihre Loyalität zur Partei gebunden, eine Loyalität, die Stalin selbst völlig fremd war. 

Es ist faszinierend, darüber zu spekulieren, wie sich die sowjetische Geschichte unter einem anderen Führer entwickelt hätte, aber die Geschichtsschreibung befaßt sich prinzipiell nur mit Ereignissen, die wirklich statt­gefunden haben, und nicht mit solchen, die hätten stattfinden können. Ursprünglich gab es viele Alternativen zu Stalin, aber es gehörte zu seiner »Größe«, daß er erfolgreich den Anschein erweckte, es gebe keine. Auch trifft natürlich zu, daß jede seiner Handlungen eine andere nach sich zog, was die Entscheidungsfreiheit immer mehr einschränkte. Um ein besonders einleuchtendes Beispiel für diesen Sachverhalt zu geben: Durch die von Stalin angeordnete Exekution der Oberkommandeure der Roten Armee hatte die Sowjetunion als Militärmacht (und als potentieller Verbündeter) viel an Gewicht eingebüßt. Dies trug dazu bei, daß die Verhandlungen zwischen Moskau und den Westmächten im Sommer 1939 scheiterten und führte letztlich zum Pakt mit Nazi-Deutschland.

Führende Soziologen haben verschiedene Kategorien für unterschiedliche Regierungsweisen entwickelt: die charismatische, die rational-legale und die traditionelle. Stalins Herrschaft entsprach keinem dieser Muster, nicht einmal dem traditionellen. Iwan Grosnyj (Iwan der Schreckliche) war Stalin vielleicht am ähnlichsten, obwohl er über drei Jahrhunderte vor ihm gelebt hatte. Stalin war anscheinend von diesem Herrscher fasziniert, allerdings kritisierte er ihn, weil er nicht grosnyj genug gewesen sei.

Manche Historiker und Philosophen haben Parallelen zwischen Stalin und gewissen römischen (Nero, Commodus) oder byzantinischen Herrschern gezogen, andere verglichen seine Herrschaft mit orientalischen Despotien. Keiner dieser Vergleiche ist jedoch besonders hilfreich für die Erklärung des Phänomens Stalin.

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Die faszinierende Geschichte des Stalinkults ist noch nicht geschrieben. Sie begann 1929 anläßlich von Stalins 50. Geburtstag und erreichte auf dem 17. Parteikongreß einen ersten Höhepunkt (eine offizielle Geschichte der Sowjetunion aus der Ära nach Stalin bezeichnete diesen Parteikongreß »als den Schauplatz der exzessivsten Lobpreisung seiner Verdienste«). Die kurze offizielle Biographie, die 1940 veröffentlicht wurde, nannte ihn den großen Strategen der sozialistischen Revolution und ein allwissendes Genie. Jeder kenne, so die Schrift, die überwältigende Kraft der stalinistischen Logik, die kristallene Klarheit des Stalinschen Geistes, seinen stählernen Willen, seine hingebungsvolle Treue zur Partei, seinen brennenden Glauben an das Volk und seine Liebe zum Volk: »Jeder kennt seine Bescheidenheit, seine Einfachheit, seine Sanftheit im Umgang mit den Menschen und seine Gnadenlosigkeit gegenüber den Feinden des Volkes.«4)

Dies waren jedoch nur die vergleichsweise zurückhaltenden Worte der Parteitheoretiker. In vielen Tausenden von Leitartikeln, Reden, Gedichten, Theaterstücken, Liedern, in Filmen und auf Bildern war das Lob noch viel enthusiastischer und extravaganter. Stalin wurde mit einem Bergadler verglichen (mit Tausenden von Jungadlern), mit einem Falken, mit der Sonne, dem Mond und den Sternen. Er war nicht nur der unbestrittene Führer der Sowjetunion, sondern der ganzen fortschrittlichen Menschheit, der größte Mann, der je gelebt hatte. Kleine Kinder schrieben Gedichte wie das folgende: »Stalin! Du bist uns teurer als sonst irgend etwas auf der Welt.« Der Delegierte einer Parteikonferenz, der Schriftsteller A. Awdejenko, erklärte feierlich, das erste Wort seines noch ungeborenen Kindes werde »Stalin« lauten.

In seiner Stalinbiographie schrieb Barbusse: »Wenn in diesem Land die Pflastersteine der Straßen reden könnten, würden sie Stalin sagen.« Stalins 60. und 70. Geburtstag waren weitere Gelegenheiten, die Begeisterung der Massen zu organisieren, für Aufsätze von Mitgliedern des Politbüros, Verse von führenden Dichtern, für Statuen und Bilder von führenden Künstlern und für Lieder der führenden Komponisten. Astronomen, Chirurgen, Romanistikprofessoren, sie alle betonten gleichermaßen, wieviel sie von Stalin und seinen Werken gelernt hätten, und wie sehr er sie inspiriert habe.

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Stalin hatte, wie die Dichter behaupteten, die Eigenschaften der Gottkönige früherer Zivilisationen. Er ließ die Sonne aufgehen und scheinen; er hatte den Mond und die Sterne geschaffen; er ließ die Menschheit atmen; er hatte die Erde fruchtbar gemacht; er schuf die Frühlingsblüte und ließ die Saiten der Musikinstrumente schwingen. 

Dies waren jedoch nur noch Wiederholungen, der Kult hatte seinen Höhepunkt bereits erreicht, und eigentlich standen keine neuen Superlative mehr zur Verfügung.

Einige dieser Geschichten und Gedichte wurden von Leuten geschrieben, die um ihr Leben fürchteten (so Bulgakow, Mandelstam und Pasternak), aber ein Großteil der Begeisterung war zweifellos echt. Stalin selbst äußerte einige Male milde Kritik an dem übertriebenen Lob, mit dem man ihn überhäufte, und bezeichnete es als nicht im Sinne der bolschewistischen Tradition. Viel öfter aber war er bei der Organisation der Lobhudelei behilflich und legte, um die Rolle seiner Person stärker zur Geltung zu bringen, beim Umschreiben von offiziellen Geschichtsbüchern, Leitartikeln, Romanen und Drehbüchern selbst mit Hand an.

 

Auch Ausländer trugen zu dem Kult bei. Die damals vielleicht meistgelesene Stalinbiographie hatte Henri Barbusse* verfaßt, Autor des berühmtesten Antikriegsromans des Jahrhunderts und späteres Mitglied der kommunistischen Partei. Im Laufe von 17 Jahren Stalinscher Herrschaft hatte sich die Sowjetunion laut Barbusse in jeder Beziehung zum zivilisiertesten Land der Erde entwickelt. Stalins Geschichte bestand aus einer Kette von Erfolgen, die trotz noch nie dagewesener Schwierigkeiten errungen wurden.

Er war ein Mann aus Eisen und Stahl und von gewaltigem praktischem Verstand; er verfügte über die Weisheit und die Vorsicht eines Löwen. Er war ein Mann mit breitester Bildung, von leidenschaftlicher Integrität und unerschütterlicher Entschlossenheit, kurz, er war der Lenin seiner Zeit. Er hatte viele wichtige Bücher geschrieben. In mancher Hinsicht war er sogar größer als Lenin, war dieser doch ein bloßer Agitator gewesen, während Stalin vor allem ein Staatsmann war. Seine »schreckliche Geduld« war eine seiner hervorstechendsten Eigenschaften.

Außerdem war er einer der allerbescheidensten Männer, er kümmerte sich um alles und hatte nur einen Sekretär — nicht 32 wie Lloyd George. Auch schrieb er seine Reden selbst und beantwortete all seine Post. Er lachte wie ein Kind, und er liebte Kinder.

 

* Olf, 2009:   wikipedia.org/wiki/Henri_Barbusse  

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Er war nett, herzlich, feinfühlig und vergnügt. Er versuchte nie zu glänzen, sondern hielt sich immer im Hintergrund. Seiner Einfachheit und Unkompliziertheit wegen war er manchmal schwer zu verstehen.

Er handelte nicht aus persönlicher Eitelkeit, sondern aus Überzeugung und Vertrauen. Stalin glaubte an die Massen, genau wie die Massen an ihn glaubten. Er war der wichtigste aller Zeitgenossen. Die anderen Sowjetführer glaubten an ihn und brauchten ihn. Unter Stalins Führung versuchten Wissenschaftler Tote wiederzuerwecken und die Lebenden mit dem Blut der Toten zu retten. Auf seine Art überragte Stalin in seiner Größe Europa und Asien, das Gestern und das Heute gleichzeitig. Die Biographie endete mit einer Apotheose auf dem Roten Platz:

Hier ist der väterliche Bruder. Er wacht über jedermann. Obwohl du ihn nicht kennst, kennt er doch dich und denkt an dich. Wer du auch bist, du brauchst diesen Wohltäter. Wer du auch bist, der edelste Teil deines Schicksals liegt in der Hand dieses Mannes. Er wacht über dich und arbeitet für dich — dieser Mann mit dem Geist eines Gelehrten, dem Gesicht eines Arbeiters und der Kleidung eines einfachen Soldaten.5)

 

Die Barbusse-Biographie wurde von einem Kommunisten geschrieben und ist ein extremes Beispiel für die Stalin entgegen­gebrachte Lobhudelei. Es gab jedoch auch andere Werke, die fast ebenso schmeichlerisch waren, wenn auch zurückhaltender im Ton. J.T. Murphy war aus der kommunistischen Partei ausgetreten, was ihn jedoch nicht daran hinderte, Stalin als ein »großes menschliches Kraftwerk« zu bezeichnen, als einen Staatsmann, dessen gigantische Erfolge und sichere Zukunftsaussichten größer seien als die all seiner Zeitgenossen:

Er kann seinem Volk mit Zuversicht gegenübertreten: Seine Grenzen sind gesichert, und vor ihm liegt ein wirtschaftlicher und sozialer Aufschwung, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat. Die volle Kraft des riesigen russischen Produktionsapparats und seiner Hilfsquellen wird sich darauf richten, die Wunden des Krieges zu heilen und den Lebensstandard jedes Mannes, jeder Frau und jedes Kindes in der Sowjetunion zu erhöhen. So wird die neue, am 7. November 1917 geborene Welt an Stärke immerfort zunehmen, und jedermann wird bezeugen, daß Josef Stalin, der sie mit erschuf und aufbaute, sich den Beinamen des »Großen« wohl verdient hat.6)

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Isaac Deutscher, ein früherer Trotzkist und unabhängiger marxistischer Schriftsteller, stand gewissen Aspekten von Stalins Herrschaft nicht unkritisch gegenüber. Auch er zeigte sich jedoch in seiner Gesamt­beurteilung tief beeindruckt von dem Mann:

Viele der alliierten Besucher, die während der Kriegsjahre im Kreml vorsprachen, zeigten sich immer wieder aufs neue davon beeindruckt, daß Stalin so oft in großen wie in kleinen, in militärischen, politischen wie diplomatischen Fragen die letzte Entscheidung persönlich fällte. Er war sein eigener Oberbefehlshaber, sein eigener Kriegsminister, sein eigener Generalquartiermeister, sein eigener Außenminister, sogar sein eigener Protokollchef. So verbrachte er einen Tag nach dem anderen, während der vier Jahre des Krieges, eine unvorstellbare Leistung der Geduld, der Standhaftigkeit und der Wachsamkeit, beinahe allgegenwärtig, beinahe allwissend.

Jahre später sollte Deutscher argumentieren, daß man »Allgegenwart« und »Allwissenheit« nicht hätte wörtlich verstehen dürfen, sondern daß er diese Begriffe ironisch verwendet habe. Es ist jedoch nicht sicher, ob ihn sein Gedächtnis in diesem Punkt nicht trog. Russische Nationalisten und Neostalinisten führten solche Schriften später als Argument für ihre These an, daß der Stalinkult keineswegs eine spezifisch russische (oder sowjetische) Angelegenheit, sondern ein weltweites Phänomen gewesen sei, das »von Madrid bis Schanghai« gewirkt habe.8)

Ein Vierteljahrhundert lang hätten viele westliche Intellektuelle sämtliche Siege und Erfolge Stalin und der Idee des Personenkults zugeschrieben, da diese Idee die Massen ergriffen habe und dadurch in eine sehr mächtige materielle Kraft transformiert worden sei. Diese Theorie klingt interessant, hat aber einen fundamentalen Fehler. Der Stalinismus hatte zu jener Zeit nämlich weder in Spanien noch in Frankreich noch anderswo triumphiert.

Und wenn einige westliche Intellektuelle Enthusiasmus für Stalin entwickelten, war das eher auf ihre Furcht vor Hitler als auf ihre Liebe zu Stalin zurückzuführen. Andere hatten Stalin scharf angegriffen, und ihre Zahl war mit den Säuberungen und mit dem Hitler-Stalin-Pakt gewachsen. Man hätte mit gleicher oder ähnlicher Berechtigung die dreißiger Jahre als das »Zeitalter des Faschismus« bezeichnen können, da es praktisch in allen europäischen Ländern große oder kleine faschistische Parteien gab. In Italien und Deutschland kamen sie an die Macht; in Großbritannien und Frankreich blieben sie Sekten von marginaler Bedeutung.

Stalin starb am 6. März 1953, und innerhalb von wenigen Tagen war der Stalin-Kult eingefroren. Aber er wirkte noch lange nach: Stalingrad und all die anderen Städte, Dörfer und Straßen behielten ihre Namen, und zunächst wurde keine offene Kritik an dem verstorbenen Führer geübt. Sein Name wurde in der Presse und im Radio nur noch selten erwähnt. Die letzte Terror­kampagne (gegen die »Mörder-Ärzte«) wurde eingestellt. Die Opfer wurden aus den Gefängnissen entlassen, und allmählich wurde eine generelle Amnestie eingeleitet.

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