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Vorwort   1998 von Johan Galtung

 

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Das vorliegende Buch Die andere Globalisierung — Perspektiven für eine zivilisierte Weltgesellschaft im 21. Jahrhundert besteht aus einer Essay-Sammlung, mit der einige Themen vertieft werden sollen, die ich bereits in meinem Buch Frieden mit friedlichen Mitteln unter den vier Überschriften Frieden, Konflikt, Entwicklung und Kultur diskutiert habe. Die Hauptaussage jenes Buches ist, daß ungelöste Konflikte die wichtigste Quelle für Gewalt darstellen, insbesondere dann, wenn es um grundsätzliche Ziele geht und die Konflikte nicht angepackt werden. Dies gilt um so mehr, wenn die Gewalt in politischen und ökonomischen Strukturen als strukturelle Gewalt verankert ist und zudem durch kulturelle Verhaltensmuster als kulturelle Gewalt legitimiert wird.

"Die andere Globalisierung" ist nach denselben vier Kategorien gegliedert und enthält darüber hinaus einen autobiographischen Essay als Anhang. Das liegt daran, daß ich oft mehr Fragen zu meinem "kleinen Ich" bekomme als zum "großen Frieden". Hier finden sich also einige autorisierte Antworten.

Der eigentliche Zweck der Friedensforschung ist natürlich nicht die Forschung, sondern der Frieden. Es geht hierbei um Macht und um die sanfte Anwendung derselben. Frieden kann man nicht erkaufen, und eine "militärische Lösung" ist aufgrund der negativen Folgewirkungen ein Widerspruch in sich, weil sie unter anderem zu Revanchismus, Triumphalismus, einer allgemeinen Kultur der Gewalt sowie autoritären Strukturen führen kann. Nur ein Waffenstillstand läßt sich erkaufen und/oder erzwingen. Bei Politik geht es ebenfalls um Macht, also ist Frieden Politik.

In diesem Geiste dreht sich das erste Kapitel unter der Abschnittsüberschrift Frieden um die "Politik der Friedensarbeit". Das Kapitel handelt von meinen persönlichen Anstrengungen und Erfahrungen und sollte den Lesern die Möglichkeit bieten, die Theorie im Lichte der Praxis eines Theoretikers zu sehen. Ich möchte hier nur hinzufügen, daß sehr viele Menschen für den Frieden arbeiten können, wenn sie nicht mehr daran glauben, daß Diplomaten und Staatsmänner über eine Art von Monopol und versteckter Weisheit verfügen.

Ich bin seit 1958, also seit 40 Jahren, aktiv als Friedens- und Konfliktarbeiter tätig. Für mich war und ist dies keine Nebenbeschäftigung, sondern meine Haupttätigkeit. Eine meiner ersten Formulierungen für eine "Friedensforschung II" findet sich im zweiten Kapitel: "Friedensforschung: erst Diagnose, dann Prognose — und jetzt Therapie". Kapitel 2 basiert im wesentlichen auf den im ersten Kapitel beschriebenen persönlichen Erfahrungen: Aktion, nicht nur Forschung und Lehre.


Dieser Abschnitt wird dann durch zwei Kapitel zum "Militär im Umbruch" und zur NATO-Osterweiterung vertieft. Auf der einen Seite war der Einfluß der Friedensbewegung auf das Militär beträchtlich. Viele Militärs haben sich ideologisch von Clausewitz zu Sun Tzu gewendet, also weg von der Kriegsführung für politische Zwecke und hin zu einer Rolle des Militärs als Autorität, die nur unter sehr besonderen Umständen eingesetzt wird. Auf führende Politiker des Westens und insbesondere auf die außenpolitische Elite der USA hatte die Friedensbewegung hingegen keinen oder nur einen minimalen Einfluß. 

Meine eigene skeptische Sichtweise dessen, was in Europa passiert, wird durch die Politik in und zu Jugoslawien sowie die gegenwärtigen Bestrebungen zur NATO-Erweiterung mehr als bestätigt. Letztere Entscheidung läßt den Versailler Vertrag von 1919 vergleichsweise brillant erscheinen. Diese Entscheidung wird zu einer Vertiefung des Grabens zwischen Rußland und dem Westen führen. Das läßt sich bereits jetzt erkennen.

Es folgt eine Zukunftsvision für das Militär, wie ich sie vor verschiedenen Militärakademien in Europa vorgetragen habe. Ich kann hier nur anfügen, daß sich das Militär verändert hat, und zwar grundlegend, und dies zum Teil schon während des Kalten Krieges. Könnte es sein, daß die Militärs über mehr Einsicht verfügen als die Top-Politiker?

Der Abschnitt über Konflikt versucht, zukünftige Konflikte in ihrer sozialen und globalen Dimension zu erfassen. Dabei sollen die Beziehungen zwischen Staat, Kapital, der Zivilgesellschaft und den Medien im sozialen Raum und die Entwicklung von Agenden nach dem Kalten Krieg im globalen Raum beleuchtet werden. Die Konflikte werden nicht detailliert dargestellt, aber einige von ihnen sind schon jetzt erkennbar. Konflikte werden durch soziale, also strukturelle und kulturelle Prozesse hervorgerufen. Diese Prozesse müssen angegangen werden, falls es so etwas wie eine präventive Diplomatie zur Gewaltvermeidung geben soll.

Der Abschnitt über Entwicklung beginnt mit einem normativen Bild, was "Entwicklung" sein könnte. Dabei werden einige Ansätze untersucht, um dieses schwer faßbare Ziel zu verwirklichen. Es folgt ein eher nüchternes Kapitel, welches uns in die 90er Jahre bringt, das Jahrzehnt der Globalisierung und Privatisierung. Es wird dabei herausgearbeitet, wie kontraproduktiv diese Vorhaben sein können, wenn man sich die negativen Externalitäten anschaut, die sich bereits auftürmen.

Der Abschnitt über Kultur soll wie in Frieden mit friedlichen Mitteln versuchen, mehr in die Tiefe zu gehen, um herauszufinden, welche Codes der Kriegs- und Friedenspolitik zugrunde liegen.

Das Kapitel zum kulturellen Frieden greift die drei leitenden Konzepte auf, die hinter der Politik der Friedensarbeit (Kapitel 1) stehen: Gewaltfreiheit, Kreativität und Empathie. Es wird dabei die Frage aufgeworfen, wofür diese drei Konzepte als Beispiele stehen. Was ist das genus, der jeweilige Gattungsbegriff hinter diesen drei spezifischen Eigenschaften, oder anders ausgedrückt: Worauf können wir eigentlich zurückgreifen? Dieser Punkt wird in dem Kapitel über Religion konkretisiert, in dem festgestellt wird, daß keine Religion vollständig kulturellen Frieden oder kulturellen Krieg bedeutet. Es gibt sanfte und harte Elemente und Aspekte in jeder Religion.

Bei dem letzten Aufsatz handelt es sich um eine erste Annäherung an ein Thema, das sicherlich anti-kantianisch gesehen werden kann. Es geht hierbei um Fragen der Umkehrbarkeit, die schon mehrfach in anderen Essays angeschnitten worden sind. Es soll als eine Warnung auch an mich selbst dienen: Sei dir niemals zu sicher... — du könntest auch falsch liegen. Versuche niemals etwas zu tun, was nicht wieder rückgängig gemacht werden kann. Das schließt natürlich die Anwendung von Gewalt aus, aber auch eine Reihe von anderen Handlungsweisen, und umfaßt einige sehr konkrete Perspektiven bezüglich der Kräfte und Prinzipien, mit denen sich Frieden schaffen läßt.

Es gibt keine Schlußbemerkung in dem Bemühen, Frieden zu schaffen. Alles ist ein Prozeß, wobei der Dialog ein Ausdruck desselben ist. Und es gibt sicherlich auch für die Friedensforschung kein Schlußwort. Auch hier ist alles ein Prozeß, und der Dialog ist ein Ausdruck desselben. Der Leser und die Leserin sind hierzu eingeladen.

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Johan Galtung, Manassas, März 1998 

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Galtung - Die andere Globalisierung