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Frauen an der Macht 

Politik, Geschlechterrollen und Recht in Ökotopia  

 

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San Francisco, 27. Mai 1999  

Natürlich ist allgemein bekannt, daß Ökotopias Staatsoberhaupt eine Frau ist: Vera Allwen. Aber die meisten Amerikaner sind sich nicht im klaren darüber, daß die von ihr geführte Partei, die Survivalist Party, eine Organisation ist, in der Frauen tonangebend sind – und daß die Partei beim Kampf um die Unabhängigkeit eine Schlüsselrolle gespielt hat.

Aber auch wenn die Mehrheit der Parteimitglieder Frauen sind, gehören doch auch viele Männer der Survivalist Party an, und einige von ihnen bekleiden sogar hohe Parteiämter. Die grundlegende, auf Kooperation und Biologie orientierte Politik der Partei wird jedoch für gewöhnlich als Ausdruck typisch weiblicher Eigenschaften und Interessen angesehen. Die führende Oppositions­partei, die Progressive Party, vertritt weiterhin das, was die Survivalist Party als überholte und männliche Tendenzen ansieht: Individualismus, Leistungsdenken und verwandte Einstellungen.

In der ökotopianischen Bevölkerung sind, wie auch in den USA, die Frauen deutlich in der Mehrheit. Die steigenden Mitglieder­zahlen und der Erfolg der Survivalist Party in ihrer ersten Zeit hatten, nach Meinung von langjährigen Mitgliedern, ihre Ursache in einer freimütigen und befreiend wirkenden Anerkennung dieser Tatsache und der aus ihr folgenden Erkenntnis, daß Frauen eigene Interessen und Bedürfnisse haben, die in zwei Jahrhunderten amerikanischer Regierungspolitik trotz gewisser Fortschritte nicht befriedigt worden waren. "Zweihundert Jahre lang ging das so, und es war nicht das, was wir wollten", wie sich eine einflußreiche Frau der Survivalist Party ausdrückte.

Obwohl die Unzufriedenheit mit dem Leben unter der Herrschaft des Weißen Hauses in den Weststaaten zur Zeit der mißglückten Zweihundertjahresfeier im Jahre 1976 besonders groß war, vertrat offenbar nur die Survivalist Party mit Nachdruck die Auffassung, daß die einzige Hoffnung auf eine langfristig gesicherte Zukunft unter menschenwürdigen Lebensbedingungen in der Loslösung von den Vereinigten Staaten liege. Um bei den Bürgern des Gebiets, das später Ökotopia wurde, Unterstützung für diese gefahrvolle politische Alternative zu finden, war jedoch – zumindest stellt man es heute so dar – ein geschicktes taktisches Vorgehen nötig. Im Jahre 1978 stellten Frauen fast ein Drittel der staatlichen Legislative und einen großen Teil der Abgeordneten. In ihren Fraktionssitzungen hatten sie bereits in vorläufiger Form viele der Richtlinien ausgearbeitet, die 1980 dann Grundlage der ökotopianischen Regierungspolitik wurden.

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Die Debatten darüber, wie man die Richtlinien in die Tat umsetzen könne und insbesondere, ob die Loslösung von den Vereinigten Staaten dafür Voraussetzung sei, waren langwierig und brachten emotionale Probleme mit sich. Während die Frauen sich in dieser Richtung engagierten, waren die männlichen Politiker nicht müßig. Zu einer Krise kam es, als publik wurde, daß einige einflußreiche Männer der politischen Führungsspitze ein Wahlmanöver planten, das die Zahl der weiblichen Abgeordneten fast auf die Hälfte verringert hätte. Der Plan spaltete die Bevölkerung in zwei feindliche Lager. Als Washington im Sinne der Wahlschieber einzugreifen versuchte, begannen sich weite Teile der Bevölkerung den Anordnungen der Bundesregierung – ob Steuerverfügungen oder Maßnahmen des Umweltschutzes – zu widersetzen. Die chaotischen Zustände dauerten einige Monate an, dann kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen und zum Entstehen neuer, regionaler Staatsorgane – Arbeiter- und Bürgerräte, die das in die Wege leiteten, was wir rückblickend und mit einem ökotopianischen Begriff ›die Unabhängigkeit nennen müssen.

Als die Verhältnisse sich beruhigt hatten, annullierte die Survivalist Party die Wahlen zur gesetzgebenden Versammlung vom Winter des Jahres 1980. Dann setzte sie auf Staats- und Bezirksebene eine Neuorganisation der alten Regierungsstruktur durch, die man als überholt ansah, weil sie dem organischen Gefüge von Produktion und Konsumtion nicht entsprach und den ökologischen Systemen der Jeweiligen Regionen nicht mehr gerecht werden konnte. Sie teilte das Land in fünf städtische und vier ländliche Distrikte auf. Innerhalb der Distrikte erweiterte sie die Machtbefugnisse der Gemeindeverwaltungen erheblich.

Außerdem wurde eine zweite Phase landesweiter Diskussion eingeleitet: ob ›Ökologie in einem Land‹ möglich sei – oder ob Ökotopias eigenes Überleben von der Verbreitung der Überlebensdoktrinen in der restlichen Welt abhänge. Bisher sind die Radikalen, die die zweite Position vertreten, in der Minderheit gewesen, aber ihre Anhängerschaft wächst ständig, seit andere Länder immer häufiger von Öko-Katastrophen heimgesucht werden.

Da Amerikaner die Funktionstüchtigkeit eines von Frauen beherrschten politischen Systems skeptisch beurteilen mögen, habe ich an mehreren Treffen von Parteigruppen teilgenommen. Danach zu urteilen, unterscheidet sich diese Partei von allen, die ich bisher kennengelernt habe. 

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Ein Treffen hat keine feste Tagesordnung; statt dessen tragen zahlreiche Teilnehmer ihre ›Anliegen‹ vor. In der sich daran anschließenden Diskussion (die meist von Lachen und Scherzen, dann und wann aber auch von wütenden Ausfällen begleitet ist), beginnen sich Themen von allgemeinem Interesse herauszukristallisieren. All das geht ohne parlamentarische Geschäftsordnung, ohne Anträge oder Abstimmungen vor sich – vielmehr macht man im Verlauf der Diskussion seinen Gefühlen Luft, trägt persönliche Gegensätze aus und klärt allmählich, welche Aufgaben zur Lösung anstehen. Ist man sich erst einmal darüber einig, heißt es, die Gemüter derjenigen zu beruhigen, die nachgeben mußten, damit Einigkeit erreicht werden konnte. 

Erst wenn dieser ›Heilungsprozeß‹ abgeschlossen ist, werden die gefällten Entscheidungen offiziell bestätigt – der einzige Akt im Verlauf von etwa drei Stunden, der den Charakter von normaler politischer Arbeit hat, so wie wir sie kennen. Dennoch muß ich zugeben, daß in den drei Stunden eine Menge geleistet wird: man greift tatsächlich ein politisches Problem auf, umreißt es und gelangt zu einer Entscheidung, auch wenn man zwischenzeitlich vielen Dingen Raum gibt, die wir eher dem Gesellschaftsleben als der Politik zurechnen würden. Andererseits läßt sich nicht abstreiten, daß solche Treffen den Leuten Spaß machen – möglicherweise können wir in diesem Punkt einiges von den Ökotopianern lernen. 

Obwohl mancher Amerikaner vielleicht argwöhnt, daß das ökotopianische Recht lediglich der Deckname für ein diktatorisches Regime ist, stellt sich bei näherer Bekanntschaft mit den Verhältnissen heraus, daß es sich weitgehend von den gleichen Grundsätzen leiten läßt wie unsere Rechtsprechung. Unsere Bill of Rights wurde in die ökotopianische Verfassung aufgenommen, wenn auch in ihrer ursprünglichen Form, die den meisten Amerikanern heute als gefährlich, weil zu weitgehend, und als ungeeignet für unsere heutige Zeit erscheinen würde. Die Ökotopianer beschäftigen ebenso wie die Amerikaner ein großes Heer von Rechtsanwälten und neigen dazu, die verschiedensten Streitigkeiten vor Gericht auszufechten.

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Die Gesetzesinhalte haben sich natürlich etwas geändert. Die Ökotopianer stufen zahlreiche Handlungen, die bei uns als Kavaliersdelikte gelten und nur selten ein Eingreifen der Polizei oder ein Gerichtsverfahren nach sich ziehen, als schwere Störung der öffentlichen Ordnung ein. Vorsätzliche Verschmutzung von Luft und Wasser wird mit strengen Gefängnisstrafen geahndet. ›Verbrechen ohne Opfer‹, wie z. B. Prostitution, Glücksspiel und Drogenkonsum, sind nicht mehr strafbar, dagegen werden Unterschlagung, Betrug, Verdunkelung und ähnliche ›Unehrenhaftigkeiten‹ mit derselben Strenge behandelt wie beispielsweise Überfall und Raub – die nebenbei bemerkt in Ökotopia nur selten vorkommen, vielleicht wegen der Art des nachbarschaftlichen Zusammenlebens, das es mit seinem engen persönlichen Kontakt praktisch unmöglich macht, in der Anonymität unterzutauchen. (Fremde behält man in Ökotopia gut im Auge, und das wohl nicht aus reiner Gastfreundschaft.) Ökotopianische Gerichte verhängen anscheinend nur selten Geldstrafen. Man verspricht sich mehr von Gefängnisstrafen, weil sie alle Verurteilten in etwa gleich hart treffen. Ich hoffe, in Kürze ein ökotopianisches Gefängnis besichtigen zu können; es heißt, daß die Häftlinge in allen Gefängnissen zur Arbeit gezwungen werden, und Gerüchten zufolge herrschen in einigen Anstalten Zustände wie in einem Konzentrationslager.

Die amerikanische Politik hatte in den siebziger Jahren eine kurze Zeit lang halbherzige Versuche unternommen, die Umweltverschmutzung unter Kontrolle zu bringen. Im Gegensatz dazu erließ die Ökotopianische Wirtschaftsgesetzgebung – beherrscht von der Idee, sämtliche landwirtschaftlichen und industriellen Betriebe den Prinzipien des Recycling und des stabilen Gleichgewichts unterzuordnen – eine ganze Flut von neuen Verfügungen. Zunächst hoffte man, daß die Industrie unter dem Druck der öffentlichen Meinung ihre ökologisch schädlichen Praktiken einschränken würde. Aufklärungskampagnen informierten darüber, daß die Herstellung von synthetischen Fasern weit mehr Elektrizität verschlingt als die von Naturfasern; daß Hochkompressionsmaschinen mehr Stahl, Elektrizität und teures Benzin verbrauchen; daß die Aluminiumproduktion enorme Strommengen erfordert und daß synthetische Chemikalien Mensch und Umwelt gleichermaßen gefährden, und zwar oft in völlig unvorhersehbarer Weise.

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In den bewegten Monaten nach der Unabhängigkeit wurden einige Verbesserungen durchgesetzt. Aber auch die Unternehmen, die nach der Kapitalflucht entstanden waren, sträubten sich dagegen, mit ihren Umweltschutzmaßnahmen weiter zu gehen als die Konkurrenz. Geldbußen und Sondersteuern fruchteten nicht, weil die umweit verschmutzenden Firmen diese Kosten jedesmal auf ihre Kunden abwälzen konnten – die entsprechend darüber klagten, daß sie nicht nur unter der Umweltverschmutzung durch die Fabriken zu leiden hätten, sondern dazu auch noch höhere Produktpreise zahlen müßten.

Deshalb verabschiedete die Survivalist Party im Jahre 1981 ein Paket von Gesetzen, das kurzerhand zahlreiche hochgradig umweltverschmutzende Herstellungs- und Verarbeitungsprozesse verbot. Die betroffenen Firmen wurden entweder abgefunden oder erhielten in der Phase der Umstellung auf unbedenkliche Produktionsformen Zuschüsse nach dem Prinzip des verteilten finanziellen Risikos. Dennoch legte eine große Zahl von Firmen den Betrieb lieber still, statt auch nur versuchsweise solche drastischen Veränderungen durchzuführen.

So einschneidend diese Ereignisse auch waren, den bestehenden Regierungsapparat ließ man zunächst unangetastet – ja, die Ökotopianische Politik benutzte ihn anscheinend sogar in vielen Belangen. Beispielsweise wurden die Bediensteten der riesigen Straßenbaubehörden nicht etwa entlassen, sondern erhielten statt dessen den Auftrag, gemeinsam mit ihren ehemaligen Geschäftspartnern aus dem Baugewerbe die geradezu trostlos verschmutzten Hafengebiete, Küstenstreifen und Flußufer wieder instand zu setzen: also jene Gebiete, die damals in Ökotopia – wie noch heute in den USA – überwiegend Fabriken, Lagerhäusern, Abwässeranlagen, Rangierbahnhöfen, Schuttabladeplätzen und anderen Scheußlichkeiten vorbehalten waren. Im Bunde mit den ›Mächten der Finsternis‹, die früher, wie ein Ökotopianer sich ausdrückte, entfesselt worden waren, um "die Welt für die Autos sicher und für die Menschen unbewohnbar zu machen", säuberten die Straßenbaubehörden innerhalb kurzer Zeit die Ufer aller großen wie auch zahlreicher kleinerer Wasserstraßen und schufen Uferpromenaden, wie es sie an der Seine gab, Grünstreifen, Bootsstege, Gras- und Sandstrände sowie andere Verbesserungen. Wo Schnellstraßen unmittelbar am Wasser entlang liefen, wurde die Fahrbahn

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teilweise als Fundament für Pavillons, Restaurants, Tanzlokale und andere Vergnügungsstätten genutzt, während der restliche Beton abgetragen und zum Ausbau der Uferpromenaden verwendet wurde. Fahrradwege, Kleinbus-Linien und Transit-Haltestellen wurden so angelegt, daß alle Bürger leicht ans Wasser gelangen können.

Auf diese Weise konnten die Wasserwege in Gegenden wie Puget Sound, in den Gebieten des Columbia und des Williamette River bei Portland sowie die Bay und das Delta von San Francisco für den Personenverkehr erschlossen werden: man sieht unzählige kleine Wassertaxis, und auf längeren Strecken bestehen Fährverbindungen. Wasser übt auf die Ökotopianer eine fast ebenso starke Anziehungskraft aus wie Bäume, und Ruder- und Segelpartien gehören zu den beliebtesten Freizeitvergnügen. Es gibt kaum einen Ökotopianer, der nicht einen Teil seiner Zeit mit Angeln, Segeln, Rudern oder Schwimmen verbringt, durch das Wasser watet oder es einfach nur betrachtet. Das Wappentier Ökotopias ist der Silberreiher – ein Vogel, der tagaus tagein knietief im Sumpf steht.

Auch wenn uns die Politik der Survivalist Party und der ökotopianischen Regierung überzogen oder unsinnig erscheinen mag, so ist sie doch keineswegs – wie viele Leute annehmen – rücksichtslos durchgesetzt worden. Als sich beispielsweise das nationale Bahnnetz noch im Bau befand, wurden die bestehenden Autobahnen als Schnellstraßen für den Busverkehr benutzt. Die linke Fahrspur war ausschließlich Großraumbussen vorbehalten, die eine Geschwindigkeit von hundertsechzig Stundenkilometern erreichten. Die Erfahrungen mit diesem Übergangssystem wurden dann, wie man mir sagt, bei der Inbetriebnahme des Bahnnetzes berücksichtigt. So gesehen, scheinen die Ökotopianer Meister darin zu sein, mit maßvollen und schrittweisen Umstellungen extreme Zielsetzungen zu verwirklichen. Wir mögen diese Ziele ablehnen, der Art und Weise jedoch, wie sie erreicht werden, kann man meines Erachtens die Anerkennung nicht versagen.

 

(28. Mai) Gestern morgen kam ein Brief von Francine – über den vereinbarten Notbriefkasten in Kanada eingeschmuggelt. Es war irgendwie ein Schock für mich, als ich ihn erhielt

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– hatte wirklich erwartet, nur dann, wenn etwas völlig verkehrt liefe, von ihr zu hören. Die gleichen Verrücktheiten wie immer in ihrem Leben: neue Pläne, die Kunstszene in Erstaunen zu versetzen, ein großer sexueller Coup auf einer Cocktail-Party in einem Konsulat – ihr erster waschechter Botschafter! Vielleicht vermißt sie mich – das wäre allerdings ganz etwas Neues. Und sie würde es nie auf dem Papier zugeben, wenn überhaupt. Ein Maximum an Freiheit gewähren: das sind die Spielregeln...

Später ging ich zu einem der ökotopianischen Jahrmärkte, wie sie allmonatlich in vielen Dörfern und Städten abgehalten werden. Überraschend groß und gut organisiert. Er dauert hier drei Tage und ist auf dem Platz vor dem Rathaus aufgebaut, der zum Teil gepflastert, dabei aber mit schattenspendenden Bäumen bestanden ist und einige Brunnen und einen kleinen Wasserlauf besitzt; auch die Stufen des großen alten Rathauses sind vom Jahrmarkt in Beschlag genommen – sie dienen als Orchesterpodium sowie als Bühne für Schauspieler, Pantomimen und Jongleure. Der Platz war mit Buden und Ständen aller Art übersät: Handwerker, Bauern, die eigene Erzeugnisse anboten, Speisen- und Getränkeverkäufer, Wahrsager, Porträtier-Künstler, Musikanten. Das Ganze sieht aus wie ein Dorf: die Budenleute haben direkt hinter ihren Waren Zelte aufgeschlagen, in denen sie für einige Tage leben.

Wieviele von den Tausenden, die dort herumschlendern, potentielle Kunden und wieviele nur Freunde, Familienmitglieder und Kinder der Händler sind, kann ich nicht sagen. Auf jeden Fall spielt die wirtschaftliche Seite keine übermäßig große Rolle. Eigentlich ist der Jahrmarkt mehr ein riesiges Fest, auf dem auch ein wenig verkauft, getauscht und gehandelt wird. Die Leute haben hier Gelegenheit, Freunde von außerhalb zu treffen (viele der Kaufleute kommen aus Gruppen, die draußen auf dem Land leben, aber regelmäßig an den Märkten teilnehmen und dort ihre Waren verkaufen). Am Rand des Jahrmarkts treten Musikgruppen auf, und abends, wenn sich anscheinend die meisten Leute versammeln, wird getanzt.

Dieses Wochenende gehörte nicht zu den vieren im Jahr, an denen die sexuelle Freizügigkeit angeblich besonders groß ist (vor zwei Monaten war Tagundnachtgleiche), aber es ging auf jeden Fall lockerer zu als gewöhnlich. Vielleicht als

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Reaktion auf Francines verrückten Brief betrank ich mich, wurde verwegen und folgte zwei koketten jungen Frauen in ein Zelt. Es ist zuweilen schön, alle Gedanken an ›ernsthafte Beziehungen beiseite zu schieben, und sie gingen bereitwillig auf das Spiel der Anonymität ein. Wahrscheinlich ist es die Folge meiner puritanischen Erziehung, daß ich zuvor noch nie mit zwei Frauen gleichzeitig zusammen war (obwohl ich mir oft gewünscht habe, einmal den Mut zu einem Versuch aufzubringen). Diese Mädchen nahmen die Sache ganz gelassen und selbstverständlich, was es mir einfacher machte. Manchmal konzentrierten sich beide auf mich, dann wieder teilte ich eine mit der anderen. Sie schienen zum Sex das gleiche Verhältnis zu haben wie wir zum Essen oder vielleicht zum Laufen – eine angenehme biologische Funktion, aber ohne irgendwelche tieferen gefühlsmäßigen Erwartungen. Sehr entspannend...

Auffällig ihr natürliches Einfühlungsvermögen: sie schlössen mich von keiner der möglichen Stellungen und Kombinationen aus und erwarteten auch nie von mir, nur den Voyeur zu spielen. Und obwohl ich doch ein total Fremder aus einem anderen Land war, konnte sie nichts, was ich tat, aus der Fassung bringen: sie waren vielleicht 22, aber von dem, was Männer machen, ist offenbar nichts mehr eine Überraschung für sie.

Es war eine anstrengende Nacht; ich fühlte mich nachher etwas benommen. Noch vor Morgengrauen zog ich mich an und ging zu Fuß den ganzen Weg quer durch die Stadt zum Cove zurück, lauschte den Nebelhörnern und dachte an Marissa. Obwohl ich bei ihr umgekehrt von Eifersucht geplagt werde, scheinen sich ihr Verhalten nach den Kriegsspielen und meines an diesem Abend auf seltsame Weise zu entsprechen und zu gleichen. Auf jeden Fall habe ich keine Schuldgefühle.

Zuhause angekommen, kritzelte ich einige Zeilen an Francine, bot ihr diplomatische Immunität an, erzählte von meiner Eskapade und schlief ein. Heute morgen zerriß ich den Brief und machte mich wieder an die Arbeit.

 

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Arbeiterkontrolle, Steuern und Berufsleben in Ökotopia

 

 

San Francisco, 28. Mai. Ist die ökotopianische Wirtschaft sozialistisch? Ich stellte die Frage einem hohen Regierungsvertreter. Ich erklärte ihm, daß diese Meinung in Amerika weit verbreitet ist, obwohl eine klare Einschätzung natürlich aufgrund der Informationslücke von zwei Jahrzehnten nicht möglich sei. Nachdem der Herr zunächst hervorgehoben hatte, daß es seiner Meinung nach in Amerika gerade in diesem Punkt die größten Mißverständnisse gebe, hielt er mir folgenden höflichen Vortrag.

Das ökotopianische Wirtschaftssystem, so begann er, müsse als ein Mischsystem angesehen werden – genau wie das der USA; einige Elemente dieser Mischung sind jedoch neu, und aufgrund ökologischer und politischer Erwägungen ist auch das Gleichgewicht der einzelnen Elemente ein anderes. Er rief mir ins Gedächtnis, daß es nach der Unabhängigkeit, ähnlich wie nach der kubanischen Revolution, zu einer massiven Kapitalflucht gekommen war. Die meisten der reichen Familien flohen nach Los Angeles, in den Osten des Kontinents oder in Einzelfällen auf ihre schweizerischen oder französischen Besitztümer. Wie er zugab, wurde die Handlungsfähigkeit der ökotopianischen Unternehmen dadurch stark eingeschränkt, obwohl die Gesamtzahl der Flüchtlinge – Frauen und Kinder eingeschlossen – sich nur auf einige Tausend belief.

Angesichts der Notwendigkeit, die Bevölkerung mit Nahrung, Kleidung und Wohnraum zu versorgen, schwankte die ökotopianische Regierung zunächst zwischen dem vorsichtigen Versuch, die Unternehmen im alten Stil weiterzuführen, und dem Wagnis, neue, bisher unbeschrittene Wege zu gehen.

Aber schon nach wenigen Monaten, fuhr mein Gesprächspartner fort, wurde klar, daß man in Wirklichkeit keine Wahl hatte, denn die Menschen hatten nach der Flucht der früheren Besitzer erkannt, daß eine neue Ära angebrochen war, und begannen spontan, die Farmen, Fabriken und Geschäfte in Besitz zu nehmen. Dieser Prozeß verlief chaotisch, aber nicht anarchisch; er vollzog sich unter der Kontrolle der örtlichen Behörden und Gerichte. Man ging dabei im allgemeinen von der Voraussetzung aus, daß diejenigen, die in einem Betrieb gearbeitet hatten, auch ›Eigentümer‹

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dieses Betriebs waren. Da die Beschäftigten keine andere Möglichkeiten hatten, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, standen sie nach der Unabhängigkeit unmittelbar vor dem Problem, die Betriebe im wesentlichen so weiterführen zu müssen wie bisher. Es gab immerhin einige Vorbilder, an denen man sich orientieren konnte – er nannte einige französische Betriebe, die in den späten sechziger Jahren von den Arbeitern übernommen worden waren – und natürlich auch eine Reihe von Aktiengesellschaften in den USA, die auf ganz legalem Weg schrittweise in den Besitz der Belegschaft übergegangen waren.

 

Solche Übernahmen wiesen den Weg zur Lösung der aktuellen Aufgaben auf dem Sektor der Bedarfsgüterproduktion und -verteilung – und man hatte Erfolg damit. Bald darauf wurden einschneidendere und gezieltere ökonomische Veränderungen durchgesetzt, wobei es vor allem darum ging, Geld und Arbeitskraft in den Aufbau von Systemen des stabilen Gleichgewichts innerhalb der Landwirtschaft und der Abwässer Verwertung sowie in die wissenschaftlich-technische Entwicklung einer neuen Kunststoffindustrie zu investieren, deren Erzeugnisse auf natürlicher Grundlage produziert werden und biologisch abbaubar sein sollten. (Auch das Transportwesen, das nicht vereinbar war mit dem Prinzip des stabilen Gleichgewichts, nahm damals zahlreiche Mittel und Kräfte in Anspruch.)

Ich fragte, auf welche Weise der Staat so groß angelegte Projekte habe finanzieren können. Schließlich hatte man ja anscheinend das alte Steuersystem unmittelbar nach der Unabhängigkeit vollständig abgeschafft. Gesetze wurden verabschiedet, die die Enteignung von Eigentum offiziell regelten; außerdem erhob man eine Erbschaftssteuer, die praktisch auf eine Beschlagnahme hinauslief. (Außer persönlichen Gegenständen kann heute in Ökotopia keinerlei Eigentum weitervererbt werden!)

Ökotopianische Revolutionäre stellten sich auf den Standpunkt – der scheinbar noch heute allgemein vertreten wird –, ein wenig beachteter, aber fundamentaler Mangel des Kapitalismus bestehe darin, daß man die Besitzenden nicht gerecht besteuern könne; unter kapitalistischen Regierungen gelingt es dem großen Geld stets, eine Lücke in den Steuergesetzen zu finden und zu nutzen. Das neue Steuersystem

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der ökotopianischen Regierung stützt sich ausschließlich auf eine – wie wir es nennen würden – Körperschafts­steuer, d. h. eine Besteuerung von Produktionsunternehmen (die übrigens auch selbständige Handwerker erfaßt). Sie wird teils auf der Grundlage der Nettoeinnahmen, teils aber auch nach dem Umsatz bzw. den Bruttoeinnahmen errechnet. Wie die meisten politischen Obliegenheiten ist auch das Einziehen der Steuern Sache der Gemeinden (meist sind es Städte), die nur sehr begrenzte Machtbefugnisse an die regionale und nationale Ebene delegieren.

Der Gedankengang, der diesem System zugrunde liegt, ist – meinem Gesprächspartner zufolge – zwar komplex, doch steht im Mittelpunkt der Überlegung, daß alle Steuerabgaben der Regierung im Grunde dazu dienen sollen, einen Teil des Wirtschaftsertrags abzuschöpfen und Zwecken zuzuführen, über die öffentlich entschieden worden ist – und daß die Aneignung unmittelbar an der Quelle erfolgen sollte, einfach, einsichtig, gerecht und vor den Augen der Öffentlichkeit. (Steuerrückerstattungen werden in Ökotopia, anders als bei uns, nicht vertraulich behandelt.)

In den letzten Jahren hat man die Steuerpolitik durch Gesetze vervollständigt, in denen die Stellung des Arbeitnehmers neu definiert wird – aus amerikanischer Sicht auf sehr grundlegende Weise. Alle Arbeiter eines ökotopianischen Unternehmens haben danach als ›Partner‹ zu gelten; niemand kann einfach eine Firma aufmachen, Arbeitern Lohn zahlen, sie entlassen, wenn er sie nicht mehr braucht, und soviel Profit einstreichen wie nur eben möglich. Es mag grotesk erscheinen, aber wenn ein Ökotopianer Mitarbeiter eines Unternehmens wird, so geschieht das auf der gleichen Basis wie in den USA der Eintritt in eine Geschäftsleitung. Ebenso wie die Herren sich dort nach Gewinnbeteiligung, Aktien-Vorkaufsrecht, Steuervorteilen, Pensionsansprüchen usw. erkundigen, fragt der gewöhnliche Ökotopianer nach den Partnerschaftsbedingungen in einem Unternehmen, in das er einzutreten gedenkt!

Es gibt weder Einkommens-, Mehrwert- noch Vermögenssteuer, doch wird eine Grundstückssteuer erhoben, die räumliche Beschränkung begünstigt und wahrscheinlich für die bemerkenswerte Enge der ökotopianischen Städte verantwortlich ist. Andere Formen von Steuern stoßen in weiten Kreisen der Bevölkerung auf Ablehnung, und zwar des-

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halb, weil sie entweder regressiv sind oder die Konkurrenzhaltung fördern – während eine Unternehmensbesteuerung, die vom Kollektiv ausgeht, eine solidarische Einstellung begünstigen soll. (Vielleicht eine paradoxe Absicht, da diese Gruppen untereinander in einem erbitterten Konkurrenzkampf liegen.)

Es wird behauptet, daß sich das natürlich auch nur schwer überprüfen ließe, daß es in Ökotopia keine superreiche Klasse gibt. Man streitet allerdings nicht ab, daß bestimmte Berufsgruppen, z. B. Künstler, Wissenschaftler und manche Ärzte, geringfügig höhere Einkommen haben, obwohl die nationale Bildungspolitik darauf ausgerichtet ist, solche Gehaltsunterschiede einzuschränken. Aber angeblich gibt es in Ökotopia keine Privatleute, die sich persönlich bereichern können, weil sie über Produktionsmittel verfügen und die Arbeitskraft anderer Menschen kaufen. Gelegentlich kommt es jedoch zu eigenartigen Unausgewogenheiten – dann nämlich, wenn ein Unternehmen mit einem bemerkenswerten neuen Produkt oder Dienstleistungsangebot auf den Markt kommt, für das eine unmittelbare und starke Nachfrage besteht. Die Erfinder und Hersteller der sogenannten ›Vogelanzüge‹ beispielsweise sind ein kleines Forscherkollektiv von ursprünglich dreißig Leuten. Durch die große Beliebtheit ihrer originellen wärmeregulierenden Kleidung sollen sie in der letzten Zeit viel Geld verdient haben, worauf sie sich nun entschlossen haben, einige neue Mitarbeiter in die Firma aufzunehmen und noch weniger als die üblichen zwanzig Wochenstunden zu arbeiten.

Werden solche erfolgreichen Gruppen ihre Profite nicht dazu verwenden, andere Unternehmen zu beherrschen oder stille Teilhaber zu werden, und damit letztlich auch als Kapitalisten enden? Die Antwort darauf war vielschichtig, im wesentlichen aber wohl so zu verstehen, daß eine direkte Investition eines Unternehmens oder einer Einzelperson in ein anderes Unternehmen nicht erlaubt ist. Überschüsse können daher nur ›investiert‹ werden, indem man sie der Nationalbank zur Verfügung stellt, die ihrerseits Unternehmenskredite gewährt. Ein solches System, das dem vergleichbar ist, das die Jugoslawen in den siebziger Jahren als erste entwickelt haben, verleiht der Bank offenbar einen enormen Einfluß auf die Wirtschaft und ermöglicht die manchmal erstaunlich hohen öffentlichen Kapitalbeteiligungen, die für

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die Entwicklung Ökotopias charakteristisch sind. (Was glückliche Fabrikanten wie die Hersteller der ›Vogelanzüge‹ im besten Fall erreichen können, ist die Freiheit, sich von der Arbeit zurückzuziehen und von den Zinsen zu leben, die ihre Gewinneinlagen bei der Nationalbank abwerfen.) Dieses ›Investitions‹-Verfahren müßte von unseren Wirtschaftswissenschaftlern genau untersucht werden; es scheint im Widerspruch zu stehen zu den ständigen Verweisen der Ökotopianer auf ihre Dezentralisation – selbst wenn die Nationalbank den regionalen Zweigstellen weitgehende Autonomie einräumt.

Ökotopianische Unternehmen arbeiten im allgemeinen ganz ähnlich wie kapitalistische Unternehmen: sie konkurrieren miteinander, versuchen ihre Verkaufsziffern zu erhöhen und die Profite zu steigern, obwohl sie auf der anderen Seite durch eine Vielzahl von ökologischen Vorschriften behindert werden. Ich habe den Verdacht, daß auch sie nicht ohne gewisse Tricks und falsche Angaben über ihre Produkte auskommen.

Die Tatsache jedoch, daß eine Belegschaft wirklich gemeinschaftlich über ihr Unternehmen verfügt (jedes Mitglied hat eine Stimme), setzt an sich schon dem Handlungsspielraum der Unternehmen gewisse Grenzen. Beispielsweise tendieren sie nicht zu einem schrankenlosen Wachstum, da die arbeitsfähige Maximalgröße einer Gemeinschaftsfirma offenbar unter dreihundert Beschäftigten liegt; jenseits dieser Grenze würde sie zu einem bürokratischen, unbeweglichen Gebilde erstarren und ihre Rentabilität ebenso wie ihre Mitarbeiter verlieren, die sich eine Umgebung mit ansprechenderen Arbeitsbedingungen suchen würden. "Klein ist schön", heißt es in Ökotopia. Außerdem sind die Unternehmen um die Verhältnisse am Arbeitsplatz ebenso besorgt wie um ihre Profite, und in vielen Fällen nehmen die Belegschaftsmitglieder niedrigere Löhne und Profite in, Kauf, wenn dadurch ein angenehmeres Arbeitstempo und Arbeitsklima verwirklicht werden können.

Die Sorge um die eigene Konkurrenzfähigkeit setzt dieser Laxheit Grenzen, aber dennoch können manche ökotopianischen Erzeugnisse beim besten Willen nicht mit den Produkten der leistungsstärkeren Industrien im Ausland konkurrieren. So sind die Preise für Kleidung und Schuhe beispielsweise astronomisch hoch, und drakonische Schutzzöl-

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le werden erhoben, um die Produkte asiatischer Ausbeutungsbetriebe vom eigenen Markt fernzuhalten. Die Konsequenz ist, daß viele Ökotopianer selbstgenähte Kleidung tragen – eine Not, die aber inzwischen schon als Tugend angesehen wird.

Es ist unmöglich, die relative Steuerbelastung pro Kopf der ökotopianischen Bevölkerung zu veranschlagen, da ausschließlich Unternehmen besteuert werden. Da jedoch der Militärapparat Ökotopias klein ist (er ist etwa so groß wie der Kanadas) und viele der bei uns besonders kostenintensiven staatlichen Aufgabenbereiche (wie z. B. das Erziehungswesen) seltsamerweise nach den Prinzipien der freien Marktwirtschaft organisiert sind, darf es als sicher gelten, daß die relative Gesamtsteuerlast erheblich niedriger ist als bei uns. Natürlich könnte dies ein Teil der Erklärung dafür sein, warum der Abfall des Bruttosozialprodukts in der Zeit nach der Unabhängigkeit keine größere Unruhe bei der Bevölkerung hervorgerufen hat.

Das Steueraufkommen wird von den Gemeindeverwaltungen für Recycling-Einrichtungen, Wohnungsbau, Energie- und Wasserversorgung, Fernsprechwesen, Gesundheitsfürsorge, Polizei, Gerichtswesen usw. verwendet. Ein bestimmter Anteil der Steuereinnahmen steht den Regionalverwaltungen und der Regierung zur Finanzierung übergreifender Systeme – wie z. B. von Verkehrswesen, Verteidigung, Telekommunikation und einem Großteil der Forschungseinrichtungen – zur Verfügung.

Eigenartigerweise ist die ökotopianische Verfassung – trotz des hohen Stellenwerts, den die Landwirtschaft und ländliche Belange überhaupt im ökotopianischen Leben einnehmen – auf die Stadt hin orientiert, während sie bei uns, als Erbin einer agrarischen Epoche, vom Land ausgeht. Unsere Bundesstaaten haben weitreichende Machtbefugnisse, die bis zur Anerkennung von Stadtrechten und zur Festlegung von Stadtgrenzen gehen. Dagegen beherrschen die großen Städte Ökotopias durch strikte Anwendung des Prinzips ›Eine Person – eine Stimme‹ ihr Umland. Außerdem ist die Verwaltung auf Kreisebene abgeschafft worden.

Dieses eigentümliche System führt augenscheinlich zu ständigen Konflikten und Eifersüchteleien über die Verteilung des Steueraufkommens. Der Regierung steht keine mächtige Steuereinzugszentrale zur Verfügung, die sich direkt an

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den Einkommen schadlos halten könnte, sondern muß fortwährend die Ortsverwaltungen beschwichtigen und bedrängen, um einen kontinuierlichen Fluß der Gelder zu gewährleisten. So kommt es, daß die ökotopianische Regierung, die bei oberflächlicher Betrachtung an die Miniaturregierungen des Frühkapitalismus erinnert, ihr Geld zumeist für allgemein anerkannte Zwecke verwendet, die allen Bürgern in absolut gleichem Maße zugute kommen. Das System der nationalen Wohlfahrt wirkt erstaunlich unaufwendig, wenn man bedenkt, daß den Ökotopianern ein lebenslängliches Minimum an Lebensmitteln, Wohnung und ärztlicher Versorgung garantiert wird. Während manche Bürger, besonders diejenigen, die auf künstlerischem Gebiet neue Wege gehen wollen, diese Garantie in Anspruch nehmen, um ohne feste Arbeit leben zu können (manchmal jahrelang – der Wunschtraum unserer jungen Künstler!), halten die meisten Leute das garantierte Minimum entweder für nicht ausreichend oder arbeiten lieber, um aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Die Alten und Behinderten sind natürlich auf die Inanspruchnahme der Garantie angewiesen; nach meinen Beobachtungen ist ihr Lebensstandard zwar niedrig, aber immerhin vielleicht ein wenig höher als bei unseren Fürsorgeempfängern.

Trotz der massiven Kritik unserer Fachleute am Wirtschafts- und Steuerwesen Ökotopias kann man als direkter Beobachter also nur die Aussagen ökotopianischer Regierungsvertreter unterstreichen, selbst wenn es unbequem erscheint: das System ist inzwischen ein bewährter, integraler Bestandteil des ökotopianischen Lebens geworden und wird nicht untergehen.

 

(29. Mai) Lese gerade noch einmal meine letzten Artikel und stelle fest, daß sich meine Einstellung zu diesem Land in den drei Wochen sehr gewandelt hat. (Und offenbar nicht nur wegen Marissa!) Werde ich weich beim Schreiben? Vielleicht habe ich die wirklich brennenden Fragen zu dem ökonomischen Kram nicht zu stellen gewußt. Oder vielleicht mache ich mir sogar selber etwas vor. Das ganze ökotopianische Experiment erschien mir zunächst als ein alberner provinzieller Versuch, eine bessere Gesellschaft aufzubauen, während es mit allen anderen Ländern bergab ging. Von dem her, was ich von der übrigen Welt gesehen hatte, wußte

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ich, daß es nicht funktionieren konnte und irgendein Schwindel sein mußte! Die Gerüchte über Zwangsarbeit, steinzeitliche Degeneration und diesen ganzen Mist hatte ich zwar nicht geglaubt, aber doch wohl erwartet, daß die Sache irgendwo einen bösen Haken, irgendeinen schrecklichen, unübersehbaren Fehler hätte und daß wir uns deswegen letzten Endes mit dem Experiment nicht wirklich ernsthaft auseinandersetzen müßten; meine Reportagen sollten darauf hinauslaufen, dies zu dokumentieren, womit sich die Angelegenheit dann erledigt hätte ...

Aber die Angelegenheit hat sich nicht erledigt. Im Gegenteil. Je genauer ich mir die Organisation des ökotopianischen Lebens ansehe, um so mehr bin ich gezwungen, ihre Stärke und Schönheit anzuerkennen. Das bedeutet aber, daß ich völlig den Boden unter den Füßen verloren habe. Offenbar fehlt es mir an einer klaren Position beim Schreiben; alles, was ich tun kann, ist, die verschiedenen Einzelaspekte so zu beschreiben, wie ich sie sehe. Heißt das, daß ich meine Objektivität verliere? Wird Max anfangen, meine Manuskripte zusammenzustreichen? Vielleicht verstehe ich wirklich überhaupt nichts mehr – oder zumindest nichts mehr so, wie ich es bisher gewohnt war.

 

Bin rausgefahren, um Marissa im Camp zu besuchen. Fand sie tief im Wald damit beschäftigt. Bäume auszusuchen, die gefällt werden sollten. Sie ließ mich nur unter der Bedingung mitgehen, daß ich unterwegs nicht sprach. Sie wanderte langsam zwischen den Bäumen umher und sah sie sich alle mit großer Sorgfalt an. Gelegentlich blieb sie eine Weile nachdenklich stehen oder setzte sich hin. Nach einiger Zeit trat sie dann an den einen oder anderen Baum heran, markierte ihn mit einem roten Band, das sein Schicksal besiegelte, und murmelte einen Satz, den ich nicht verstehen konnte. Ihre Miene zeigte in diesen Augenblicken Bedauern, doch zugleich auch Entschlossenheit. Dann entspannte sie sich wieder, und wir gingen weiter zum nächsten Waldstück. Darin besteht ein Großteil ihrer Arbeit – ich sage Arbeit, aber es mag genausogut eine Art von Ritual sein; es hat etwas Weihevolles an sich.

Jetzt ist es endlich doch zu Differenzen zwischen ihr und Everett gekommen – er scheint sich zwar immer noch nicht als Unterlegener zu fühlen, so wie ich es an seiner Stelle tun

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würde, aber es sind Andeutungen gefallen, daß einer von beiden gehen müsse. (Ich wünschte, er wäre es, der geht – ich bin inzwischen furchtbar eifersüchtig darauf, daß sie überhaupt noch etwas mit ihm zu tun hat.) Beim Abendessen entbrannte ein Streit darüber, ob es sinnvoll sei, die Beziehungen zu Washington wiederaufzunehmen. Sehr zu meiner Überraschung setzte sich Marissa entschieden dafür ein, und zwar mit einigen klugen Argumenten. Ich erntete eine Menge böser Blicke deswegen, obwohl ich selbst nicht viel sagte. Everett gehört immerhin zur Familie, während ich ein Eindringling bin.

Wurde zu einer Einkaufsfahrt in die nächste Stadt eingeladen. Zu viert ließen wir uns in einem kleinen Elektrolastwagen durchschütteln. Wir gingen in einen der Grundbedarfsläden. Anscheinend werden die Waren in automatisierten Fabriken nach genauen Vorschriften der Regierung hergestellt. Standardisiert, sehr einfach, dabei aber ansprechend und erstaunlicherweise unglaublich billig. So kostet ein Paar Socken nur ungefähr ein Viertel soviel wie bei uns, es gibt sie dafür allerdings lediglich in Schwarz und Weiß; einfache Standardhosen, -hemden, -unterwäsche in ähnlicher Preislage. Ich brauchte zufällig ein neues T-Shirt, kaufte mir angesichts der guten Gelegenheit aber gleich zwei (safranfarben!). Die Lebensmittelabteilungen dieser Läden bieten eine bescheidene Auswahl von Trocken- und Gefrierprodukten sowie Konserven an. Wenn man will, kann man sich von diesen Lebensmitteln für eine verschwindend geringe Summe ernähren – und ich habe einige Künstler und Non-Konformisten getroffen, die das angeblich auch tun, weil sie keine Lust haben, ihre freie Zeit damit zu verbringen, für eine bessere Verpflegung zu arbeiten. Viele Ökotopianer scheinen in diesen Läden jedoch nur Brot, Bohnen, Reis, Obst und ähnliche Grundnahrungsmittel zu kaufen und Fleisch und Frischwaren von kleinen, unabhängigen Läden zu beziehen – oder aber sie werden von befreundeten Kommunen beliefert. (Das Holzfällercamp erhält Fleisch, Milch und Gemüse von einer 15 Meilen entfernten Landkommune.)

Die Standardisierung in den Grundbedarfsläden ist erstaunlich weit entwickelt. Lebensmittelkonserven werden nur in drei Arten von Behältern angeboten (die natürlich ›biologisch abbaubar‹ sind) – der eine hat etwa die Größe ei-

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nes kleinen Heringsglases, der zweite die eines großen Marmeladenglases, und der dritte ist ein Großbehälter, wie er bei uns benutzt wird, um Restaurants mit Obst zu beliefern. Die Füllmenge wird in metrischen Einheiten angegeben, nicht so wie bei uns mit ›Riesen-‹, ›Jumbo-Packung‹ usw. oder in unseren komplizierten Dosengrößen. Die Etiketten haben aber ein sehr schönes Design. Und einige Produkte, zum Beispiel Schuhe, besitzen sogar Stil.

Ich hatte meine Haarbürste verloren, und die Grundbedarfsläden führen nur welche mit Naturborsten. Als ich sagte, daß ich gern eine mit richtigen Plastikborsten hätte, sahen mich meine Begleiter ein wenig befremdet an und führten mich zu einem ›Antiquarium‹. Wie sich herausstellte, handelt es sich dabei um ein Spezialgeschäft, das Artikel führt, die in gewöhnlichen Läden nicht mehr erhältlich sind – einschließlich, wie sich zeigte, vieler Artikel, die man bei uns in Drugstores kaufen kann.

(Die ökotopianischen ›Apotheken‹, wie sie sich nennen, sind vollgepfropfte Läden, die fast ausschließlich rezeptpflichtige Medikamente verkaufen. Die ökotopianischen Mediziner gingen nach der Unabhängigkeit die Pharmakopöe durch und strichen rigoros viele Beruhigungsmittel, Aufputschmittel, Schlafmittel und andere Medikamente, z. B. Arzneien gegen Erkältungskrankheiten, aus dem Angebot. Es ist sogar so, daß sie inzwischen keinerlei Medikamente mehr zulassen, die verhaltensregulierend sind. Was ein zusätzlicher Faktor gewesen sein mag, die Schulen zu reorganisieren: da sie Problemkinder nicht an die Schule anpassen konnten, mußten sie die Schulen den Kindern anpassen! Ich fragte einen Arzt, was gegen Schlaflosigkeit unternommen würde. "Nun, normalerweise handelt es sich dabei um ein soziales Problem, nicht um ein medizinisches", sagte er. "Wir versuchen also, dem Betreffenden dabei zu helfen, sein Leben zu ändern und nicht die Biochemie seines Körpers, die wahrscheinlich ausgezeichnet arbeitet. Außerdem kann es in Ökotopia, wie Sie wissen, Spaß machen, die ganze Nacht aufzubleiben. Die 20-Stunden-Woche hat viele Dinge enorm erleichtert.")

Das Antiquarium wurde jedenfalls hauptsächlich von älteren Frauen und einigen ziemlich dekadent aussehenden jungen Leuten frequentiert, die viel lachten und anscheinend nach Kuriositäten suchten. Man verkaufte mir meine Bürste

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nicht, ohne mir einen Vortrag darüber zu halten, daß sie aus einer veralteten Kunststoffart hergestellt sei und daher nicht ins Recycling gehen könne. "Dieses verdammte Ding wird noch Hunderte von Jahren existieren", sagte der Verkäufer mit Abscheu. Nun, ich werde die Bürste aus seinem kostbaren Land entfernen, wenn ich nach Hause fahre...

Marissa und Freunde erzählten mir etwas über die Ursprünge der Politik, daß alle Gebäude aus erneuerbaren und ›biologisch abbaubarem Materialien bestehen müssen. In der ersten Zeit nach der Unabhängigkeit waren nur Holzbauten gestattet – der geistige Vater dieser Periode war ein gewisser Archibald Fichte, ein Architekt. Er schrieb eine Abhandlung über die Holzhäuser früherer Zeiten, die eine bemerkenswerte Wirkung hatte, und war an der Formulierung der Anforderungen beteiligt, die Kunststoffe zu erfüllen hatten, um als Baumaterial zugelassen zu werden. Ich fragte, warum er den Namen Fichte angenommen habe und nicht zum Beispiel Mammutbaum? Marissa: "Nun, er war ein bescheidener Mann, weißt du, und Realist." (Daneben war er offenbar auch der Autor einer herrlich bissigen Polemik gegen Großbauten.)

Muß heute abend zurück in die Stadt. Werde versuchen, Marissa zum Mitkommen zu bewegen. Aber inzwischen verbringe ich schon den größeren Teil meiner Zeit im Camp. Heute, vor dem Abendessen, saßen wir alle zusammen und spielten (anders kann man es wirklich nicht nennen). "Na, Will", sagte jemand, "was kannst du denn zu unserer Unterhaltung beitragen?" Ich stand völlig auf dem Schlauch. Einige Leute hatten gesungen; ich kann nicht singen. Witze waren erzählt worden; ich habe mir Witze noch nie merken können. Man hatte miteinander gelacht und sich auf eine routinierte, schlagfertige Weise auf den Arm genommen; ich habe noch nie etwas für diese freundlich-bösen Spaße übrig gehabt. Mir schoß eine Idee durch den Kopf: "Ich könnte euch meine Lebensgeschichte erzählen", aber mir wurde schnell klar, daß auch das nicht ging – es wäre zu langweilig gewesen, ohne einen Höhepunkt. Ich wußte, daß Marissa sich für mich schämte, und kam mit der laschen Ausrede: "Mir fällt nichts ein – ich fürchte, ich bin eben nicht sehr unterhaltsam. Mir hat nie jemand beigebracht, andere Leute zu unterhalten – wir haben uns da wohl mehr aufs Fernsehen verlassen." Aber das wollten sie absolut nicht akzeptie-

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ren; sie glaubten, daß ich überredet werden wollte. Als sie dann kapiert hatten, daß es tatsächlich so gemeint war, wirkten sie traurig und betreten. "Hör zu", sagte einer der Männer, "so kommst du uns nicht davon. Du kannst nicht abstreiten, daß du das Lied ›Row, Row, Row Your Boat‹ kennst, stimmt's? In Ordnung, damit wollen wir es jetzt mal versuchen." Ich holte tief Luft, traf tatsächlich mehr oder weniger den richtigen Ton, und nach einer Minute ging es wunderbar, alles stimmte in den komischsten Tonlagen ein, probierte verschiedene Rhythmen aus und lachte mir zu. Ich werde mein Repertoire erweitern müssen ...

 

Rassenpolitik in Ökotopia

Apartheid oder Gleichberechtigung?

 

San Francisco, 29. Mai.  Man sieht erstaunlich wenige Dunkelhäutige auf den Straßen von San Francisco, und ich habe jetzt den Grund dafür erfahren. Nach der Unabhängigkeit wurde das Prinzip der Sezession zu einer treibenden Kraft im politischen Leben Ökotopias. Man berief sich dabei auf Thomas Jefferson und andere Patrioten der amerikanischen Frühzeit. Die schwarze Bevölkerung, die bereits vor der Unabhängigkeit aufgrund der wirtschaftlichen Benachteiligung unter der Herrschaft der Weißen zunehmend zu Nationalismus und Separatismus tendiert hatte, stimmte offenbar in den allgemeinen Jubel ein, als es zum großen Bruch mit Washington kam. Aber in den darauffolgenden Monaten entstanden Parteien schwarzer Separatisten, die die Herrschaft über die Gettos von Oakland und San Francisco übernahmen. Nachdem sie früher im Würgegriff der weißen Vorortviertel gelebt hatte, wollte die schwarze Bevölkerung nun über ihr eigenes Territorium verfügen. Nach langem und erbittertem politischem Kampf wurden die Stadtviertel der Farbigen (auch Chinatown in San Francisco) offiziell zu Stadtstaaten innerhalb Ökotopias ernannt. Sie wählen eigene Stadt-Regierungen, ziehen selbst ihre Steuern ein, besitzen eine eigene Polizei und Gerichtsbarkeit, eine eigene Industrie und eigene Farmen im nahen Umland. Sie verfügen in der Tat über alle Attribute kleiner unabhängiger Staaten – einschließlich eigener Briefmarken und einer eigenen Währung –, werden allerdings außenpolitisch von Ökotopia vertreten.

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Während viele Farbige mit dieser Situation zufrieden sind, scheint sie anderen auf unsicheren Fundamenten zu stehen: Sie halten die vollständige Unabhängigkeit auf lange Sicht für die einzige Lösung. Ein Plan, der im Augenblick diskutiert wird, sieht die Ansiedlung der gesamten farbigen Bevölkerung in einem neuen Gebiet vor, das Monterey Bay und Salinas Valley einschließt und damit über ausreichende landwirtschaftliche Erträge und einen direkten Zugang zum Pazifik verfügen würde. Die politischen und ökonomischen Probleme wären natürlich gewaltig, immerhin aber haben derartige Umsiedlungen in Osteuropa nach dem Zweiten Weltkrieg schon stattgefunden.

Einige Farbige zogen es vor, auch weiterhin außerhalb der schwarzen Gebiete (die oft Soul City genannt werden) zu leben und zu arbeiten. Sie scheinen voll in die weiße Gesellschaft integriert zu sein und gehen häufig Mischehen ein. Ich hatte den Eindruck, daß es im Alltag der schwarzen Gebiete mehr Überreste aus der Zeit vor der Unabhängigkeit gibt als im ganzen übrigen Ökotopia zusammengenommen. Mysteriöserweise werden hier sogar noch einige Privatautos geduldet; außerdem hängt man an bestimmten Symbolen des alten Lebens: so existiert z. B. ein schwunghafter Handel mit bestem schottischem Whisky und anderen importierten Luxusgütern, die in Ökotopia ansonsten kaum zu finden sind. 

Das Pro-Kopf-Einkommen soll um etwa zehn Prozent höher liegen als in den weißen Gebieten, in erster Linie wegen der längeren Arbeitszeiten – vielleicht eine Folge des Konsumrückstands der Schwarzen aus der Zeit vor der Unabhängigkeit. "Wir haben immer noch einen großen Nachholbedarf", erklärte mir ein elegant gekleideter Farbiger. Die Kultur von Soul City unterscheidet sich natürlich grundlegend von der Ökotopias. Soul City exportiert in großem Umfang Musik und Musiker, Romane, Filme und Dichtung, und zwar sowohl in das übrige Ökotopia als auch nach Europa und Asien. Farbige Architekten, aufgewachsen in den Gettos, waren Vorkämpfer für einen Städteneubau nach den Bedürfnissen der Menschen und nicht des Autoverkehrs. Gelegentlich ist auch zu hören, daß in schwarzen Unternehmen ein naturwüchsigerer Kollektivismus herrsche als in den Gebieten der Weißen. 

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Ein zentrales Problem ergab sich für Soul City aus der Tatsache, daß ein hoher Prozentsatz der abgeurteilten Kriminellen im jungen Ökotopia (wie auch in den USA) Farbige waren. Nach der Unabhängigkeit, als man Marihuana und andere Drogen legalisierte, wurde auch eine Amnestie für Gefangene ausgesprochen, deren Taten nach dem neuen Gesetz nicht mehr strafbar waren. Einige Häftlinge, die wegen ›Sittlichkeitsdelikten‹ und Vergehen wie Trunkenheit, Stadt- und Landstreicherei einsaßen, wurden ebenfalls auf freien Fuß gesetzt. Indem man den Heroinhandel zu einem Regierungsmonopol machte und ihn dann drosselte, sank die Verbrechensquote in Soul City wie auch in anderen Gebieten ab, aber es blieb immer noch eine beträchtliche Zahl von farbigen Häftlingen in den Gefängnissen (in zwangsläufiger Folge daraus spielen schwarze Strafrechtler eine führende Rolle auf dem Gebiet der Strafrechts- und Vollzugsreform).

Am überraschendsten ist für einen amerikanischen Beobachter die Härte der in Ökotopia üblichen Strafen für Gewaltverbrechen. Ein gewöhnlicher Straßenraub, der in New York vielleicht eine Verurteilung zu ein bis fünf Jahren und eine tatsächliche Haftzeit von etwa achtzehn Monaten nach sich zieht, kann dem Täter hier eine Strafe von vollen fünf Jahren einbringen – ohne die Möglichkeit einer Haftentlassung auf Bewährung.

Die Strafverbüßung unterscheidet sich allerdings wesentlich von der in unseren Gefängnissen. Haftanstalten der bei uns üblichen Größenordnung werden weder in Soul City noch sonst irgendwo in Ökotopia unterhalten. Statt dessen sind die Häftlinge auf viele Gefängnisse mit jeweils nicht mehr als einigen Dutzend Gefangenen verteilt. Tagsüber nehmen sie (unter leichter Bewachung, manchmal auch gänzlich unbeaufsichtigt) am gesellschaftlichen Leben teil, indem sie einer Arbeit nach geltendem Arbeitsrecht und mit normaler Bezahlung nachgehen. Die übrige Zeit verbringen sie jedoch (auf Wunsch mit ihren Frauen, Männern oder Partnern) hinter Gittern. Dies eigenartige Verfahren wird damit begründet, daß Gewaltverbrecher im allgemeinen nach der Haftentlassung rückfällig werden und deshalb wieder im Gefängnis landen; der herkömmliche Gefängnisbetrieb verstärkt nur noch ihre Neigung zu Gewalttaten. (Außer vielleicht bei Gattenmördern oder anderen Mördern aus per-

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sönlichen Motiven, bei denen die Rückfallquote gering ist.) Man ist hierzulande der Auffassung, daß in Amerika die Gefängnisse nur Trainingslager für die nächsten Verbrechen der Häftlinge sind. Die Strafrechtler von Soul City sind jedoch davon überzeugt, daß ihr relativ humaner Strafvollzug den Häftlingen wirklich Zeit und Gelegenheit gibt, eine nichtkriminelle Lebensweise unter realistischen Lebensbedingungen zu entwickeln. Sie legen eindrucksvolle Zahlen über die relative Rückfallquote ihrer und unserer Häftlinge vor, aber ich bin natürlich nicht in der Lage, diese Zahlen auf ihre Richtigkeit hin zu überprüfen.

Interessanterweise führt auch die Bevölkerung von Soul City rituelle Kriegsspiele durch, aber man hält Speere hier für zu barbarisch und verwendet statt dessen lange, schwere Stöcke, ähnlich den Rammstangen, die Robin Hoods Gefolgsleute benutzten; außerdem tragen die Teilnehmer Schutzhelme. Deshalb enden die Spiele gewöhnlich nicht mit schweren Verletzungen, sondern mit Rippen-, Arm- und Beinbrüchen oder K.-o.-Schlägen.

Obwohl praktisch alle Bewohner Ökotopias Englisch immer noch als ihre Muttersprache betrachten, wurde nach der Gründung von Soul City in den Schulen großer Wert auf Suaheli gelegt, und heute sprechen viele Erwachsene diese Sprache. Andere Farbige sehen darin jedoch eine künstliche und sinnlose Maßnahme; sie weisen darauf hin, daß die schwarzen Jugendlichen ohnehin schon zwei Sprachen beherrschen, nämlich Englisch und den Straßendialekt, der sich jedoch auch im Geschäfts- und Berufsleben von Soul City immer mehr durchsetzt. Suaheli mag beim wachsenden Handel mit afrikanischen Staaten von Nutzen sein. Es herrscht unter den Farbigen Ökotopias ein brennendes Interesse für Afrika, und ich vermute, daß Ökotopia die Revolutionäre in Südafrika mit beträchtlichen Geldsummen und Waffenlieferungen unterstützt.

Darin wie auch in anderen Aspekten der ökotopianischen Rassensituation liegt für uns Amerikaner eine bittere Ironie. Wir blicken mit Abscheu auf die Apartheid-Gesellschaft Südafrikas, wo die herrschende weiße Minderheit in sämtlichen Lebensbereichen eine rigorose Rassentrennung durchgesetzt hat. In Ökotopia hat die schwarze Minderheit selbst eine ähnliche Rassentrennung durchgeführt – obwohl natürlich ein wesentlicher Unterschied darin

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besteht, daß diese Trennung auf freiwilliger Basis vollzogen wurde, während die Weißen sie den Afrikanern aufgezwungen haben. Aber das Eingeständnis, daß ein harmonisches Zusammenleben der verschiedenen Rassen nicht möglich ist, gehört sicherlich zu den entmutigendsten Entwicklungen in Ökotopia überhaupt und trübt auch die Zukunftsaussichten unserer Nation. Das Beispiel Ökotopias läßt Schlimmes für unsere großen Ballungszentren befürchten, in deren von Schwarzen bewohnten Stadtkernen immer mehr Stimmen laut werden, die eine Sezession fordern.

(30. Mai) 

Marissa weigerte sich, mit mir in die Stadt zu kommen, fast so, als wäre das eine Prinzipienfrage. "Es ist Wochendende", sagte ich, "für zwei Tage kannst du dich doch wohl freimachen!" - "Warum soll ich diejenige sein, die sich freimacht? Warum kommst du nicht hierher. Ich lebe hier – du bist im Cove nur zu Besuch!" 

Unser Wortwechsel wurde erstaunlich heftig, unterstrichen von Knüffen, Flüchen, bösem Knurren und giftigen Blicken: es steht viel auf dem Spiel. Ich versuchte, die Sache wieder beizubiegen und die Stimmung dadurch zu retten, daß ich sie in den Arm nahm; aber sie schlug nach mir, nahm ihren Schlafsack und verschwand, um irgendwo im Wald zu schlafen. Ich legte mich verdrossen hin und schlief erst spät ein. Irgendwann gegen Morgen bemerkte ich, daß sie zu mir ins Bett schlüpfte. Sie legte ihre kühle Hand auf meine Schulter. "Wir müssen lernen, einander entgegenzukommen", sagte sie. Wir schlangen die Arme umeinander und schliefen ein.

Aber geklärt ist natürlich nichts. Ihre Vorstellung von Selbstbestimmung ist unerschütterlich. Später, am selben Tag, erklärte sie mir, daß sie immer noch nicht mit mir in die Stadt kommen wolle, selbst wenn sie an der Reihe sei. Ich hatte sie eingeladen, mich morgen zu Punta Gorda zu begleiten, wo man mir ein Thermalgradientenkraftwerk zeigen will, das mit Meeresenergie arbeitet. Eine erfreuliche Entwicklung – sie scheint ein gewisses Tauwetter in der offiziellen Reaktion auf meinen Besuch anzuzeigen und macht es wahrscheinlicher, daß ich bald mit Vera Allwen zusammentreffen werde.

Aber Marissa mißfiel die ganze Idee, und sie ließ sich spöttisch über "ausländische Würdenträger" aus. Die Zugfahrt in den Norden soll außerordentlich schön sein – durch üppige Felder, über Bergpässe, durch Obstanbaugebiete, aber nichts davon konnte sie reizen. Sie sagte allerdings, wenn ich zurück sei, wolle sie gern zum Cove kommen. Das zerstreute meine Verdrießlichkeit ein wenig. Aber es ist schwer, damit fertig zu werden, daß sie kommen und gehen will, wie es ihr gerade paßt. Was merkwürdig ist, denn schließlich tut Francine genau das gleiche: aber vielleicht habe ich von ihr nie mehr gewollt? Kann mir gar nicht vorstellen, wie es ist, mit jemandem wie Marissa zusammenzuleben: Der Gedanke amüsiert mich, ist zugleich aber auch unheimlich wie ein Erdbeben. (Habe neulich mein erstes Beben erlebt, brach in Schweiß aus, obwohl das Zimmer nur ein wenig wackelte.)

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