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2. Vernunft

 

 

 

Yin-Yang-Gleichgewicht

Unser Universum ist erfüllt von diametralen Gegensätzen: hell und dunkel, Tag und Nacht, warm und kalt, aktiv und passiv, rechts und links oder Asterix und Obelix. Die Chinesen haben lange über diese Dualität nachgedacht. Konfuzius sagte schon: “Jedel Gegensatz hat zwei Welte. Del eine Welt übelnimmt die Lolle des Yang, del andele Welt übelnimmt die Lolle des Yin.”

Die Chinesen erfanden mit dem Yin und Yang das Binärsystem. Es ist die Grundlage für die moderne Informatik. Zum Glück vergaßen sie, den Computer gleich mitzuerfinden, sonst hätte eine Computertastatur heute 5.000 Tasten, Windows hieße Wing Dow und das Computerchinesisch wäre noch chinesischer.

Dies dürfen Sie nicht dahingehend mißverstehen, alle Yang-Werte seien logisch miteinander verquickt oder etwa alle Yin-Werte.

Zum Beispiel ist der Yang-Wert heiß logisch nicht mit dem Yang-Wert Wessi verknüpft und genauso wenig hat weiblich etwas mit dem Yin-Wert Ossi zu tun. Schließlich sind nicht alle Ossis weiblich. Und keineswegs sind alle Wessis heiß. Letzteres ginge ja dann auch gar nicht, weil alle Wessis männlich wären. Außerdem wären sie viel zu sehr damit beschäftigt, irrationale schwarze Ossifrauen zu erwärmen, die sich im Schatten naß machen, obwohl diese Ossifrauen ja gar nicht heiß sind.

Wie Sie sehen, führt eine solch falsch verstandene Yin-Yang-Philosophie eher zur Konfusion als zu Konfuzius.

Sehr wohl sind die Yang-Werte jedoch mit ihren jeweiligen Yin-Gegenwerten verknüpft. Wo zum Beispiel viel Licht ist (Yang), da ist auch viel Schatten (Yin) und wenn Ihnen jetzt ein Licht aufgeht, dann hatten Sie vorher einen Schatten.

Einen Schatten im Verstand haben Sie auch, wenn Sie die Yin-Yang-Gegensätze als reale, objektiv meßbare Polaritäten überbewerten. Yin und Yang existieren nur als diffuses Gefühl in Ihrer gespaltenen Seele. Sie sind aber trotzdem — beziehungsweise gerade deswegen — bedeutsam.

Die Sonne ist zum Beispiel keineswegs der objektive Gegensatz zum Mond. Die Klingonen könnten über Nacht den Mond eliminieren und die Sonne würde am nächsten Morgen trotzdem unberührt am Horizont aufsteigen. Sie hätte noch nicht einmal einen Sonnenstich.

Die Sonne ist auch nicht der materielle Gegensatz zum Mond, schließlich würde der Mond zig millionenmal in die Sonne hineinpassen — jedenfalls rein theoretisch. Praktisch gibt’s da schon einige Probleme, da der Mond auch eine artgerechte Gestirnhaltung und Auslauf an der Leine der Gravitation benötigt.

Trotzdem sind Sonne und Mond subjektive Gefühls-Gegensätze. Die Sonne hat zum Beispiel die Assoziationen warm, golden, hell und spendend, der Mond dagegen kalt, silbrig, dunkel und empfangend. Die Sonnengötter wurden in fast allen Kulturen als männlich beschrieben: Amun-Ra, Helios, Apollo — der Mond hingegen meistens durch dreifältige Mondgöttinen, in Griechenland zum Beispiel mit dem Trio Artemis, Selene und Hekate und in Rom mit Diana, Luna und Titania. Der Mond wird wegen seiner Beziehung zum weiblichen Monatszyklus als weiblich klassifiziert. Vielleicht fühlt sich daher der Mann im Mond so wohl?

Es existiert durchaus eine gefühlsmäßige Verbindung der Yang-Werte untereinander. Hell ist gefühlsmäßig eher bei warm und aktiv anzusiedeln als bei kalt und passiv. Rein logisch haben sie jedoch kaum etwas miteinander zu tun. Spätestens seit Erfindung des Lasers dürfte Ihnen klar sein, daß es auch kaltes Licht gibt. Und ein als Handy verkanntes schwarzes Bügeleisen könnte Ihnen eindrucksvoll nahelegen, daß Sie sich sehr wohl auch an dunklen Objekten verbrennen können.

Wenn sich Yin und Yang harmonisch austauschen, führt dies stets zu positiven Resultaten.

Wo sich Licht und Schatten ein interessantes Schattenspiel liefern, wo Chaos die tote Ordnung belebt und die Ordnung im Chaos herrscht, wo Ihnen heiß und kalt angenehme Schauer über den Rücken jagen, wo naß und trocken für eine fruchtbare Bodensubstanz sorgen, wo These und Antithese zur Synthese führen und Bonny und Clyde eine gute Story liefern — eben dort, wo sich Yang mit Yin harmonisch verbindet, ist alles in Buddha.

Die Regel des Austausches läßt sich auch auf die Gesellschaft übertragen. Die yangige Jugend sollte sich mit dem yinigen Alter austauschen. Ansonsten kommt es zum Generationenkonflikt. Die Alten bekommen durch den gedanklichen Austausch innovative Ideen, die Jugend bekommt historisches Wissen aus erster Hand. Erst dann können Sie von einem gesunden Yin-Yang-Gegensatz zwischen jung und alt sprechen.

Andererseits kann die Mißachtung der Regel des Austausches zu recht unbequemen Folgen führen. Würden Sie zum Beispiel die eine Hand ins Feuer halten und die andere ins Eis, stimmt zwar das mengenmäßige Gleichgewicht zwischen Yang (Hitze) und Yin (Kälte), aber sonst stimmt gar nix! Die eine Hand wäre gar und die andere nix.

 

Teile und Herrsche!
oder
Wenn zwei sich streichen

 

Sie haben im letzten Abschnitt gesehen, daß die Regel des Austauschs zur Harmonisierung der Welt benutzt werden kann. Bereitet Ihnen Harmonie und Eintracht Kopfschmerzen? Sind Sie eher für Macht, Bosheit und Zwietracht? Dann nehmen Sie doch einfach eine Spalt-Tablette gegen diese Regel! Schieben Sie der Regel einen Riegel vor, und zwar mit der sogenannten Regel der Spaltung:

Machen wir die Regel der Spaltung mit ein paar einfachen Beispielen aus dem Alltagsleben deutlich:

Leuchten Sie mit einem Licht (Yang) in den Schatten (Yin), triumphiert das Licht über den Schatten. Das Yang hat also das Yin zerstört. Yang hat danach allerdings seine Qualität des Strahlenden eingebüßt, da keine Schattenspiele mehr vorhanden sind. Es kommt zu einem disharmonischen, grellen und langweiligen Licht. Yang hat an Kraft und Harmonie verloren. Oder nehmen Sie Feuer (Yang) und Schnee (Yin). Das Feuer wird den Schnee schmelzen lassen. Auch hier triumphiert Yang über Yin. Aber das Feuer wird danach durch das Schmelzwasser erheblich an Kraft und Harmonie verlieren. Schütten Sie weiße Farbe (Yang) und schwarze Farbe (Yin) zusammen, wird das Schwarz völlig vernichtet. Zurück bleibt Grau, welches vom farbpsychologischen Standpunkt her gesehen ein abgeschwächtes Weiß darstellt.

Diese Beispiele waren recht harmlos. Allerhöchstens führen sie zu einer langweiligen disharmonischen Raumgestaltung, denn das grelle Neonlicht blendet wie die Sau; das Feuer im offenen Kamin ist ziemlich lau; und die Wandfarbe ist trist und grau.

Gefährlicher wird die Spaltungsregel erst, wenn sie in Politik und Gesellschaft angewandt wird. Eine solche Spaltung zwischen Yang und Yin tritt heute auf der Welt überall auf zwischen

Stets scheint zuerst die Yin-Gruppe das Opfer zu sein. Die Yang-Gruppe bleibt vorerst geschwächt übrig. Es kommt zu einer disharmonischen Gesellschaft aus lauter Yang-Gruppen, die Yang-Gesetze anwenden. Sieger in diesen sinnlosen Kämpfen ist keiner. Es gibt nur zwei Verlierer.

Manchmal sind solche Yang-Yin-Spaltungen von dritter Seite voll beabsichtigt. Dafür einige Beispiele:

Revolutionen gehen meist von Subkulturen aus. Daher ist den europäischen Staaten besonders daran gelegen, die Yang-Subkulturen mit den Yin-Subkulturen zu verfeinden. Und das ist ihnen durch Agents provokateurs und geschickten Pressemeldungen gut gelungen:

Skins kämpfen gegen Punks, Punks gegen Autonome, Autonome gegen Autonarren, Autonarren gegen Straight Edger, hippe Edger gegen Hip Hopper, Hip Hopper gegen Hippie Popper, Hippie Popper gegen Hinzchen und Hinzchen gegen Kunzchen. — Das Bild der RebellInnen ist derzeit ein Bild der Entzweiung zwischen Yang und Yin. Jede Subkultur disst die andere. Wenn zwei sich streiten, freut sich bekanntlich der Dritte. So werden wir zur Dritten Wahl, Europa zur Dritten Welt und die Jugend zu Trittbrettfahrern der Polit-Retourkutsche. Seit dem letzten Rebellensommer 1968 laufen die Räder der Geschichte daher rückwärts.

Sind die Räder der Geschichte erst einmal rückwärts gelaufen, können sie nochmals die “AutoNomen” unter die Räder der Teile- und Herrsche-Strategie bringen. Denn die vollkommen durchdrehenden TeilerInnen und HerrscherInnen belassen es nicht bei der Spaltung der Jugend in viele sich untereinander bekämpfende Subkulturen. Sie wenden das Teile- und Herrsche-Prinzip wiederum innerhalb der einzelnen Subkulturen an.

Besonders auf die autonome Szene haben die TeilerInnen und HerrscherInnen ihr wachsames Pyramidenauge geworfen, gibt es doch innerhalb der autonomen Szene ein großes Arsenal an anarchistischen Ideen.

Bei den Autonomen bot sich eine Aufteilung in VeganerInnen und EsoterikerInnen auf der Yin-Seite und Historischen MaterialistInnen auf der Yang-Seite an. Einige wenige VeganerInnen und EsoterikerInnen ließen eine antihumanistische und schwulenfeindliche Gesinnung durchsickern. Verschiedene AutorInnen seitens der Historischen MaterialistInnen diffamierten daraufhin EsoterikerInnen und VeganerInnen querbeet als spirituelle FaschistInnen. Ein differenziertes Herangehen wurde durch emotionale Polemik verhindert. Die Teilungsrechnung ging auf. Und der Quotient X des Bruchs ist 6 6 6.

Die Autonomen spalteten sich in zwei Gruppen und die Zwei trachteten nach Zwietracht, wodurch sie weitestgehend handlungsunfähig wurden. Durch diesen Spaltpilz wurde beispielsweise die 1995 anvisierte computerisierte Vernetzung der Antifas vereitelt. Der geschickte Schachzug der illuminierten Kräfte hat einen nicht unerheblichen Einfluß auf die aktuelle politische Landschaft.

Ebenso wird im Land der unbegrenzten Möglichkeiten verfahren, um die Möglichkeiten der Getto-People zu begrenzen. Durch Koksverteilungen und gezielte Falschmeldungen hetzt die amerikanische Regierung die verschiedenen Gangs gegeneinander auf. Und nicht nur im MTV ist die Luft zwischen yangigen Westcoast- und yinigen Ostcoast-Rappern sehr bleihaltig geworden. Trotz ihrer widrigen Lage, kommt das Proletariat in den Gettos daher nicht auf die Idee, gemeinsam gegen die amerikanische Regierung vorzugehen.

Oder nehmen Sie den nordirischen Konflikt zwischen yangigen ProtestantInnen und yinigen KatholikInnen. Auch in diesem Heiligen Sieg freut sich der Dritte und der Dritte ist der Brite.

 

Teile und Herrsche

 

Die absichtliche Anwendung der Spaltungsregel war schon in der Antike bekannt und wird als Teile und Herrsche bezeichnet. Mit ihr lassen sich Menschengruppen versklaven, ohne daß sich die Mitglieder dessen bewußt werden. Teile und Herrsche stammt aus dem alten Rom, ein vollkommen anderer Kulturkreis als das alte China, trotzdem beruht diese Strategie auf denselben esoterischen Naturgesetzen wie die Yin-Yang-Philosophie.

 

Gut und Böse  

In Märchen, Mythen und Fantasy-Filmen sind Personen mit Yin-Werten stets die Bösewichte. Denken Sie nur an alle Schatten­wesen, Dunkelmächte und Schwarzmagier. Ja, selbst Dark Vader kam zur dunklen Seite der Macht.

Alle Yang-Werte werden dagegen mit dem Attribut gut versehen. Denken Sie nur an die feenhaften Lichtwesen und an die weisen PolitikerInnen mit ihren weißen Westen.

Diese Gleichsetzung von Yang mit gut und Yin mit böse ist allerdings nur in patriachalen Kulturen zu finden. Wenn Sie esoterische AnfängerInnen sind, kommen Sie leicht in Versuchung, das Gute und das Böse auch als Gegensatzpaar im Sinne von Yin und Yang zu interpretieren.

Aber nicht nur esoterische Grünschnäbel fallen auf diese spirituelle Schwarz-Weiß-Malerei herein, nein, auch esoterische Profis begehen oftmals diesen elementaren Fehler. Besonders New Ager faseln von spiritueller Erleuchtung und Lichtwesen und davon, daß sie nur weiße Magie anwendeten. Meist bieten erleuchtete FührerInnen Seminare an. Die FührerInnen bringen dann allen das Heil. Fehlt nur noch, daß die JüngerInnen “FührerIn gib uns Heil!” als Meditationsmantra summen. Hauptsächlich diese Praktiken haben der Esoterik in bestimmten Kreisen den Ruf eingebracht, nichts weiter als spiritueller Faschismus zu sein.

Auch Geheimgesellschaften, deren okkulte Ideologie auf manichäische Lehren zurückzuführen sind, hegen dieses patriachale Yang-Denken.

Gut ist für sie alles, was Yang ist, sprich helles, weißes, westliches, rechtes, logisches und männliches. Schlecht ist für sie alles, was Yin ist, sprich dunkles, schwarzes, östliches, linkes, emotionales und weibliches.

Diese Denkweise ist falsch! Nehmen wir einmal an, Sie wären über der Wüste Grobi abgestürzt. Bei 45 Grad im nicht vorhandenen Schatten würde Ihr Wertesystem vermutlich völlig umgepolt. Wie die Motten vom Licht angezogen werden, dürften Sie plötzlich eine seltsame Vorliebe für schattige Plätzchen verspüren. Und Sie schwören, Ihr nächster Urlaub ginge  falls es je nochmals dazu käme  nach Norwegen. Alles was Yang ist, wäre für Sie plötzlich schlecht und alles was Yin ist das Gute.

Sie haben gesehen, daß die Gleichstellung von Yang und Yin mit gut und böse falsch ist. Aber sie ist nicht nur falsch, sondern höchst gefährlich, ja, geradezu fatal!

Yin und Yang haben laut der Regel der Freiheit die Tendenz, sich automatisch auszugleichen. Schließlich folgt auf den Sommer der Winter und auf den Tag die Nacht. Wo viel Licht ist, ist viel Schatten und wenn Sie lange auf grüne Männchen starren, sehen sie anschließend rot. Wenn das Gute und das Böse sich wie Yang und Yin verhielten, müßten sich die beiden ebenfalls ausgleichen.

Ein Weltbild, in dem gute Handlungen automatisch böse Gegenhandlungen und böse Handlungen automatisch gute Gegenhandlungen implizieren, bedeutet die moralische Gleichwertigkeit von gut und böse. Es führt zur Doktrin von Aleister Crowley, die lautet: Tu was Du willst! In einem solch fatalen Weltbild ist es scheißegal, ob Sie sich gut oder böse verhalten. Dr. Jeckyll und Mr. Hyde wären wieder vereint und die Welt wäre absolut sinnlos.

Leider wird aber genau diese Sinnlosigkeit von vielen Philosophen und Mystikern angenommen. Sie kamen bei der entscheidenden philosophischen Frage zu den falschen Resultaten.

Laotse läßt schon im zweiten Kapitel des Tao De Kings durchsickern, daß er an den zwangsläufigen Ausgleich von dem Guten und dem Bösen glaubt. Auch im Manichäismus wird der fatale Dualismus gepredigt. Da die Philosophien der Templer, Katharer und Albigenser auf dem dualistischen Manichäismus aufbauen, sind sie ebenfalls von diesem unmenschlichen Geist durchdrungen. Auch die meisten OkkultistInnen haben die Frage falsch beantwortet.

Diese “FuckultistInnen” glauben, positive Handlungen hätten keinen Sinn, da dadurch anderswo ebensoviel Negatives erzeugt würde. Anstatt es jedoch, wie bei Laotse und Mani, hauptsächlich bei Gedankenspielerei und theoretischen Abhandlungen zu belassen, leben viele OkkultistInnen nach ihrer Irrlehre. Insbesondere aus der Ideologie vieler esoterischer Geheimgesellschaften, wie zum Beispiel der Illuminaten, liest sich heraus, daß sie an diesem philosophischen Scheideweg dem luziferischen Irrlicht gefolgt sind. In vielen Geheimgesellschaften wird von Initiationsgrad zu Initiationsgrad das Gute im Menschen abtrainiert. Die Frucht der Erkenntnis zwischen gut und böse wurde zu Fallobst.

Diese philosophische Frage ist also keineswegs trivial. Auch Sie werden an diese entscheidende Frage gelangen, wenn Sie über den Dualismus im Universum tiefer nachdenken. Da Sie ebenfalls von unserer patriachalen Kultur geprägt sind, könnten Sie leicht zu den Resultaten verführt werden, die allerorts in esoterischen, philosophischen und religiösen Weltbildern wuchern.

Damit Sie nicht den gleichen Fehler begehen, gibt’s hier die richtige Antwort:

Wie Sie in den letzten Abschnitten gesehen haben, wird mit den Yin-Yang-Regeln viel Gutes jedoch auch viel Schlechtes und Böses hervorgebracht. Das Gute und das Böse selbst können also keine Yin-Yang-Kräfte sein. Denn sie resultieren unter anderem erst durch die Anwendung wertfreier Yin-Yang-Kräfte! Der Gegensatz von gut und böse muß daher einer anderen Gruppe angehören als Yin und Yang.

Gut und böse gehören sogenannten Positiv-Negativ-Gegensatzpaaren an. Sie unterliegen nicht den Yin-Yang-Regeln!

Allgemein läßt sich sagen, daß alle Gegensätze, die eine implizite gegensätzliche Wertung enthalten, solche Positiv-Negativ-Gegensätze darstellen.

Yin und Yang können nie an einer Stelle gemeinsam auftreten. Sie können zum Beispiel nicht gleichzeitig Mann und Frau sein. Es könnte zwar der seltene Fall bestehen, daß Sie Zwitter sind, aber selbst dann sind Sie an einer Stelle männlich und an einer anderen weiblich. Ebenso können Sie nicht in dieser Sekunde im Osten und im Westen leben. Und wenn doch, sind Sie entweder ziemlich schizo oder ein Spion!

Die obigen Positiv-Negativ-Gegensatzpaare können dagegen sehr wohl gleichzeitig an einem Ort existieren. Sonst gäbe es keine Haßliebe. Sonst wären manche punkige Sachen nicht schön und häßlich zugleich. Sonst könnten Sie nicht freundschaftliche Sympathie für einen Feind empfinden. Auch dies zeigt, daß gut und böse nichts mit Yang und Yin gemeinsam haben. Sowohl das Gute als auch das Böse sind in Wahrheit Yang-Kräfte. Denn sie setzen jeweils eine aktive Handlung voraus.

Wenn das Gute und das Böse beide Yang-Kräfte sind, muß es für das Yang-Paar ein entsprechendes Yin-Gegensatzpaar geben. Solch unzertrennliche Lebensgefährten existieren tatsächlich. So ist der wahre Yin-Gegensatz des Bösen das Leid und der wahre Yin-Gegensatz des Guten ist die Freude. Sie erzeugen automatisch bei bösen Handlungen Leid und bei guten Handlungen Freude. Denn Leid und Freude sind als Gefühle passiv und Yin.

Somit ist durchaus eine bessere Welt denkbar, Ihr Leben hat einen Sinn und überhaupt — alles wird gut!

 

Denken in Yin und Yang

Die moderne Hirnforschung hat die Philosophie des Yin und Yang vollkommen bestätigt. Auch im Gehirn sind Yin und Yang eindeutig lokalisiert.

Unsere linke Gehirnhemisphäre denkt logisch, rational und analytisch. Wenn Sie rechnen, arbeitet ihre linke Gehirnhälfte auf Hochtouren. Auch das Ich-Bewußtsein ist in dieser linken Gehirnhälfte repräsentiert. Die linke Gehirnhälfte denkt in Yang.

Unsere rechte Gehirnhälfte denkt dagegen in Bildern, Gleichnissen und Assoziationen. Sie beheimatet einen Großteil der irrationalen Gefühle. Die Gefühle dieser Gehirnhälfte sind uns meist vollkommen unbewußt. Die rechte Hirnhemisphäre denkt in Yin.

Wenn Sie eine Sinfonie hören, wird eher die rechte Gehirnhälfte aktiv. Jeder Paukenschlag entfacht dort ein wahres neuronales Feuerwerk. Jeder Flötenton führt zu Myriaden von Synapsenentladungen. Denn die rechte Hirnhemisphäre ist der Sitz der differenzierten Gefühle und das Denkorgan der Ästhetik. Nehmen wir aber mal an, sie müßten Rhythmus- und Harmonielehre pauken. Sie würden die Paukentöne beim Hören mit scharfem Verstand analysieren. Dann schlägt eher die linke Gehirnhälfte auf die Pauke und die rechte geht flöten.

Nehmen wir einmal an, Sie wollen zur Love-Parade beziehungsweise zur Hate-Parade in Berlin. Vor der Abreise stehen Sie vor Ihrem Kleiderschrank und überlegen sich, was Sie anziehen wollen. Die linke Gehirnhälfte wird das Ganze logisch und rational angehen. Sie wird sich möglicherweise für kurze Bluejeans, ein braunes Polohemd, grüne Tennissocken und Birkenstockschuhe entscheiden. Dies ist ja schließlich robust und bei der Hitze am praktischsten. Die rechte Gehirnhälfte ist da jedoch ganz anderer Meinung. Sie sucht sich schwarze Stiefel, lange glitzernde Lackhosen mit vielen Reißverschlüssen und einen rosa Plüschpulli aus. Warum, weiß sie selbst nicht so genau. Irgendwie findet sie diese Kombination am coolsten.

Würden Sie nur auf die Ratschläge Ihrer linken Gehirnhälfte hören, könnten selbst die ecstacyverseuchten RaverInnen sie nicht mehr lieb und schnuckelig finden. Zudem würden sich die Berliner Sanis über die vielen Einweisungen wegen seltsamen Brechreizanfällen wundern.

Wenn Sie nur auf die rechte Gehirnhälfte hören, wäre dies auch nicht besonders angenehm. Sie würden einen Hitzekollaps oder zumindest einen Ganzkörperschweißfuß riskieren.

Sie müssen also auch bei Ihren Entscheidungen die Regel des Austauschs beachten, — also keine Schranken der Gedanken vor dem Schrank der Kleider! Hören sie auf beide Gehirnhälften und finden Sie einen guten Kompromiß! Sie könnten zum Beispiel zu Converse-Turnschuhen und den glitzernden Lackhosen mit den vielen Reißverschlüssen greifen. Oben gehen Sie schließlich ohne. Das ist schließlich nicht ohne! Damit Ihr Outfit “ohnedrein” cool wird, bohren Sie sich durch beide Gehirnhälften noch einen fetten Piercingring. Ihre Yin-Yang-Verbindung ist nun wirklich tödlich umwerfend.

Stellen Sie Sich vor, Sie veranstalteten ein kleines Indianerritual im Wald. Plötzlich erscheinen böse blaue Männchen vom Sirius. Diese drücken Ihnen ein paar Hanteln aus Titanstahl vom Saturnmond Titan in die Hand, die Sie auch total perplex annehmen. Die Außerirdischen erzählen Ihnen, Sie sollen diese Titanhanteln bis zum Erbrechen stemmen, wie die Titanik einst Eisberge gebrochen hat, sonst würd’s was setzen.

Die linke Gehirnhälfte würde Ihnen sagen, dies sei alles Unfug. Es würde krampfhaft nach einer rationalen Erklärung suchen. Vieleicht ein Ungleichgewicht in der Hirnchemie. Oder spielt ein Team der versteckten Kamera Ihnen einen Streich? Wie dem auch sei, Sie lassen den Sport mit den Titanhanteln sein und bekommen einen Haltungsschaden.

Der rechten Gehirnhälfte hingegen wäre es ziemlich egal, ob dies wahr oder unwahr ist. Sie kann mit Paradoxien umgehen. Sind die Wesen wahre Außerirdische oder etwa Archetypen der eigenen Seele? Oder sind Sie schlicht und einfach vom Stechapfel gestochen worden? — Scheiß drauf! Sie machen Sport und bleiben gesund. Als sie Ihrem Sportlehrer allerdings beichten, warum sie wie ein wildgewordener Derwisch Titanhanteln stemmen, wird er zum “Spottleerer” und Sie bekommen Minder­wertigkeits­komplexe. Es empfiehlt sich, eine Synthese beider Gehirnhälften zu vollbringen.

Es muß beachtet werden, daß die linke Gehirnhälfte mit der rechten Körperhälfte verbunden ist. Umgekehrt ist die rechte Hirnhälfte mit der linken Körperhälfte verschaltet. Gehirn und Körper arbeiten sozusagen über Kreuz.

Die linke Körperhälfte ist somit unsere emotionale Seite und ihre Organe zeigen die irrationalen Gefühle an. Links liegen vor allem das Herz und der Magen. Das Herz ist in allen Kulturen der Sitz der Liebe. Wenn Sie ein herzlicher Mensch sind, bedeutet dies, daß sie die Fähigkeit zum Mitgefühl und zur Nächstenliebe besitzen. Leidet eine Person, die Sie in Ihr Herz geschlossen haben, so bricht es Ihnen das Herz. Auf sein Herz hören bedeutet nichts anderes, als auf seine Gefühle zu hören, auch wenn Sie noch so unlogisch und irrational sein sollten. Bricht Ihnen zu oft das Herz oder haben Sie kein Herz, bekommen Sie einen Herzkasper.

Der Magen wird ebenfalls mit dem Irrationalen assoziiert. Allerdings weniger mit der Liebe und sonstigen Gefühlen als mit Instinkten und Intuition. Eine Person, die auf Ihre Instinkte hört, handelt schließlich aus dem Bauch und Ärger schlägt Ihnen auf den Magen.

Ihre rechte Körperhälfte ist hingegen Ihre logische Yang-Seite. Leber und Galle liegen auf der rechten Seite. Wenn Sie gegen ihre Vernunft handeln, ist irgend etwas über Ihre Leber gelaufen. Und wenn Ihre streitsüchtige Vernunft zu groß ist, läuft Ihnen die Galle über und Sie spucken Gift und Galle.

 

Körperhälften

 

Politschizophrenie

Auch politisch hat die Zweiteilung des Hirns ihre schizophrenen Spuren hinterlassen. Der Volksmund unterteilt die politische Landschaft bekanntermaßen auf einer imaginären Geraden zwischen rechts und links. Dies kommt nicht von ungefähr, denn die Linken denken vorwiegend mit der rechten Gehirnhälfte und die Rechten mit der linken Gehirnhälfte. Linke werden daher mehr mit der linken Körperhälfte assoziiert als Rechte.

Die politische Linke vermag tatsächlich eher mit ihrer rechten Gehirnhälfte zu denken als die politische Rechte. Typische Linke sind sozusagen Yin-kompatibel. Sie sind also in der Regel Idealisten. Sie träumen von einer gerechteren Welt ohne Klassengegensätze. Sie haben ein linkes Herz für leidende Minderheiten. Sie können mit Chaos umgehen, ja sie fühlen sich im recht(s)losen Chaos geradezu pudelwohl. Logische Paradoxien stellen für Sie kein Problem dar. Sie können zum Beispiel sehr wohl, nachdem ihnen ein marokkanischer Drogenchecker ein Messer an den Hals gelegt hat, noch für die Solidarität mit ausländischen MitbürgerInnen demonstrieren. Sie vermögen schließlich mit Gleichnissen und Assoziationen zu arbeiten.

Dagegen vernachlässigen Linke manchmal ihre linke Hirnhemisphäre, und somit ihre logische Nüchternheit. Die geradezu naive Irrationalität der radikalen Linken spricht für sich. Beobachten Sie nur, wie Linke sich mit der nicht mehr vorhandenen Arbeiterklasse solidarisieren wollen; wie sie mit ein paar Pflastersteinchen und Mollis gegen Polizeipanzer antreten; wie sie im Zeitalter des Großen Lauschangriffs ohne kleinen Rauschanpfiff mit ihren Konspi-Taten in verwanzten Infocafés prahlen; wie sie versuchen, mittels einer Hand voller Handzettel die Weltrevolution anzuzetteln und sich dabei total verzetteln. — Manchmal richtig goldig!

Lassen Sie sich nicht davon irritieren, daß Linke mitunter logisch-rational argumentieren. Aber Ardono, Horckheimer, Marcuse und die gesamte “Schwankfurter” Schule sollten nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Plattform der linken Ideologien auf rechtshirnigem Yin-Denken beruht und nur der Überbau ihnen nachträglich einen analytischen Anstrich verpaßt.

So wie die politische Linke rechtshirnlastig ist, ist die politische Mitte und erst recht die politische Rechte linkshirnlastig.

Es braucht wohl nicht erwähnt zu werden, daß der Kapitalismus ein kaltes, in sich logisch aufgebautes Yang-System ist. Der Motor des Kapitalismus ist der linkshirnige Egoismus und sein Gaspedal ist das logische Leistungsprinzip.

Schwieriger ist es aber einzusehen, daß auch der Nationalsozialismus ein linkshirndominantes Yang-System ist, wird doch das Dritte Reich gemeinhin mit Irrationalität und Esoterik assoziiert. Tatsächlich war die gesamte Nazi-Spitze an Irrationalem und Okkultem interessiert. So waren Professor Karl Haushofer, Dietrich Eckart, Alfred Rosenberg, Rudolf Heß und Adolf Hitler Mitglieder der okkulten Thule-Gesellschaft. Im nationalsozialistischen Projekt Ahnenerbe, an das über fünfzig Institute angeschlossen waren, wurden zu einem nicht unerheblichen Teil auch übersinnliche Bereiche erforscht.

Fast alle hochrangigen Nazi-Mitglieder waren zudem astrologiegläubig. Nicht nur Rudolf Heß und Hermann Göring, nein, auch Adolf Hitler selbst hatte profunde Astrologiekenntnisse. So bemerkte der Danziger Statsratsvorsitzende Hermann Rauschning: Hitler ist nicht im üblichen Sinne abergläubisch. Seine Vorliebe für Horoskope und die Nachtseiten der Natur hängt mit seiner Überzeugung zusammen, daß der Mensch mit dem All in einer magischen Verbindung steht.

Wie das amerikanische Magazin look am 10. September 1940 unter dem Titel The Hitler Nobody Knows berichtete, hatte Hitler sogar ein eigenes astrologisches Laboratorium in seiner Berchtesgadener Villa. Unter dem Artikel befand sich ein Konterfei von Hitler. Auf diesem studiert er akribisch sein “Horror-skop.”

Astrologisches Wissen ist Macht. Hitler wollte Macht. Und er wollte die Macht für sich allein. Darum bekämpfte er den Astrologieglauben im gemeinen Volk. 1934 verbot die NSDAP folglich alle astrologischen Zeitschriften und Almanache. Fähige Astrologen wurden ermordet. — Total schizo!

Darunter war ein gewisser Karl Ernst Krafft. Er war ein Astrologe aus der Schweiz. Leider war sein Hirn löchrig wie BSE-verseuchter Schweizer Käse. Denn er setzte seine astrologischen Fähigkeiten für Hitler ein und warnte Hitler vor der Möglichkeit eines Mordversuches mittels explosiven Materials zwischen dem 7. und 10. November 1939. Krafft hatte diese Gefahr im Führerhoroskop gesehen. Die schriftliche Warnung von Krafft ging in der astrologieungläubigen Nazibürokratie unter. — Das war einfach bombig! Bumm!

Leider hatte Hitler die Gefahr selbst erkannt und magische Vorkehrungen getroffen. Als am 9. November tatsächlich eine Bombe im Hofbräukeller explodierte, vereitelten, wie so oft, seltsame Zufälle das Hitlerattentat. — Das war nicht ganz so bombig! Dumm!

Erst jetzt wurde der Brief von Krafft an den Führer zugestellt. Doch seine Treue zu Hitler brachte Krafft nicht viel ein. Die NSDAP belohnte ihn für seinen Armleuchter-Tip mit einem Abenteuer-Trip ins KZ Buchenwald. Krafft hatte nicht die Kraft zu überleben.

Auch sonst verfuhren die Nazis überall nach dem gleichen absolutistischen Magieschema. Sie praktizierten selbst satanistische Magie. Dem gemeinen Volk wurde aber gleichzeitig jeglicher Glaube an Magie und sonstigem Übersinnlichem ausgetrieben. Die Nazis fackelten beispielsweise das antroposophische Goethanum in der Silvesternacht 1922/23 ab. Sie vernichteten bei der Bücherverbrennung fast alle guten esoterischen Bücher. 1934 verhängten sie auf  Wahrsagerei die Todesstrafe. In der nationalsozialistischen Propaganda wurden Magie, Astologie, Numerologie und sonstige esoterischen Lehren lächerlich gemacht.

Daher muß beim Nazionalsozialismus zwischen der Ideologie der Führungsschicht und der äußeren Ideologie für die Massen unterschieden werden. Die Geheimlehre der hohen Nazikader war eklig irrational, die Grundideologie für das Volk allerdings ätzend rational.

Die offizielle Lehre, auf die es schließlich bei der Beurteilung ankommt, ist eine streng logische Implikation aus den pseudowissenschaftlichen Theorien der Jahrhundertwende. Aus Sozialdarwinismus, Hörbigers Welteislehre und germanischer Ethnohistorik wurde eine pervers materialistische Theorie geschmiedet, die keinen Platz für mitmenschliche Gefühle läßt. Sie war für den damaligen Stand der Wissenschaft in sich mit einer absolut perversen Logik und Rationalität aufgebaut

Es tut dabei nichts zur Sache, daß all diese Theorien heute überholt sind und sie uns aus jetziger Sicht völlig irrational erscheinen mögen. Es tut hier auch nichts zur Sache, daß die nationalsozialistische Propaganda an die niederen Instikte appellierte, die Sie übrigens nicht mit den assoziativen Gefühlen der rechten Hirnhemisphäre verwechseln sollten. — Der Nationalsozialismus ist und bleibt eine linkshirnige Yang-Ideologie.

 

Teile und Herrsche for Runaways
oder
 Wer links denkt, denkt rechts

 

Heutzutage wird fast nur noch die linke Gehirnhälfte geschult. Schon sehr früh in Ihrem Leben werden Sie dazu getrieben, nur einseitig mit der yangigen Vernunft zu denken.

Ihnen wird schon von kurzen Kindesbeinen an der irrationale Glaube an Kobolde, Geister, Feen und Fabelwesen ausgeredet, denn Lügen haben ja bekanntlich kurze Beine. In zunehmenden Maße verbringen Sie dann als El Nintendo-Niño Ihre Freizeit mit pädagogisch wertvollen Ballermannspielen. Nichts gegen solche Computerspiele, sie trainieren die Reaktionsfähigkeit, sie bereiten das Game-Girl mit dem Game-Boy spielerisch auf die Computerzukunft vor. Doch Sie sollten sich darüber im klaren sein, daß solche Vorspiele fast ausschließlich Ihre linke Yang-Gehirnhälfte und das Kleinhirn schulen. Dagegen verkümmern das assoziative Einfühlungsvermögen, der Sinn für Ästhetik, die soziale Intelligenz, die sprachliche Metaebene, die spirituelle Intuition und das Finden origineller alternativer Lösungsstrategien — Computer fördern eben keine Fähigkeiten der rechten Yin-Gehirn­hemisphäre, denn sie lassen nur logisch vorprogrammmierte Wege offen. Einfach super, Mario!

Auch in der Schule wird ausschließlich Ihre linke Yang-Gehirnhälfte trainiert. Dies ist schon an den Schulfächern erkennbar. So existieren heutzutage nur Fächer, in denen Gefühle keinen Platz haben: Mathematik, Astronomie, Chemie, Medizin, Chirurgie, Biologie, Physik, Ökologie, Geologie. Die musischen Fächer bilden eine lobenswerte Ausnahme, sie werden jedoch in zunehmenden Maße zugunsten technischer Fächer gekürzt, da sie angeblich für einen Industriestaat nicht sonderlich wichtig seien. Im Lehrplan des Faches Bildende Kunst verdrängt die linkshirnige Bildanalyse und Kunstgeschichte zunehmend die rechtshirnigen kreativen Aspekt. Analog wird in Kunst immer mehr auf Harmonielehre, Liedananalyse und Musikgeschichte geachtet als auf das einfühlende Komponieren eigener Musikstücke.

Gänzlich fehlen die Fächer der rechten Gehirnhälfte, wie Numerologie, Astrologie, Alchimie, Homöopathie, Signaturenlehre, Magie, Geomantie, usw., die im ach so finsteren Mittelalter noch gleichberechtigt neben ihren rationalen Yang-Fächern gelehrt wurden. Diese Wissenschaften der rechten Gehirnhälfte werden heute meist als unseriös erachtet. Dies ist logisch. Schließlich haben die meisten Menschen verlernt, mit ihrer rechten Gehirnhälfte zu denken. Solange bis sie wieder anfangen, werden sie das Ganze als Humbug verurteilen.

Aber nicht nur die Auswahl der angebotenen Fächer ist höchst Yang-lastig, sondern schon das gesamte Benotungssystem. Der Mensch wird nur noch durch Zahlen zwischen eins und sechs repräsentiert. Die vielschichtigen menschlichen Fähigkeiten, Besonderheiten und Qualitäten ihrer Söhne und Töchter interessieren Eltern oft weniger als diese banale, eindimensionale Leistungszahl zwischen sehr gut und ungenügend. Die rationale Schulnote rangiert vor der irrationalen persönlichen Note.

Bis Sie erwachsen geworden sind, ist Ihr rechtshirniges Denken in Analogien, Gleichnissen und Gefühlen verkümmert. Vieles spricht dafür, daß eine solche Verkümmerung der assoziativen Gefühle beabsichtigt ist.

Denn schließlich fühlen solche Halbhirnkrüppel nicht mehr, daß in unserem System irgendwas nicht stimmt. Da die altruistische rechte Hirnseite abgekoppelt ist, sind solche Menschen egoistisch und daher leicht mit Geld und Gold köderbar.

Dazu kommt, daß Menschen mit abgekoppelter rechten Hirnhälfte leichter mit falschen Emotionen manipuliert werden können als Menschen, bei denen beide Hirnhälften kooperieren. Obwohl — oder gerade weil — die Menschen im Kapitalismus ihre normalen mitmenschlichen Gefühle verloren haben, wirken die billigen Plastik-Ersatzgefühle seines Medienmarketings:

Kaufen Sie sich in diesem Sinne die Kraft der zwei Herzen und eine Allianz für’s Leheheben für einen lockeren Genuß ohne Reue.

Ähnlich emotionales Kaugummi für entemotionalisierte Gemüter stammt von rechter Seite. Hier werden Sie vom Patrioten zum Idioten.

Diese Strategie der Autoritäten, das Gehirn in seine Yang- und seine Yin-Hälfte zu teilen und die beiden Hemisphären gegeneinander auszuspielen, hat Methode. Sie ist eine subtile Variante der Teile- und Herrsche-Strategie. Sie spaltet allerdings nicht mehr Gruppen von Individuen, sondern sie spaltet das einzelne Individuum selbst in seinem Denken.

 

Die Seelenzerstörung durch die Analyse
oder
Werden Sie ein blindes Huhn!

 

Achtung! Achtung! Schließen Sie beim Lesen dieses Kapitels ihr rechtes Auge!
Die linke Gehirnhälfte denkt analytisch. Doch im Wort Analyse steckt das Teilwörtchen -lyse, das im Griechischen Zerstörung heißt. Um ein Objekt zu analysieren, muß das Objekt erst geistig in seine Bestandteile zerpflückt und zerteilt werden, um dann am Schluß ein UrTeil zu fällen. Durch dieses geistige Zerstören des Objektes wird gerade die wichtigste Eigenschaft des Objektes zerstört: seine Seele.

Es ist zum Beispiel eine altbekannte Tatsache, daß Witze, die psychologisch analysiert werden, ihre Pointe verlieren. Musikstücke, die unter Gesichtspunkten der Harmonielehre zerpflückt werden, verlieren für MusikschülerInnen ihren bezaubernden Charme. Und PsychologInnen, MedizinerInnen und BiologenInnen, die ständig Tiere oder Menschen analysieren, geraten in Gefahr, Lebewesen nur noch als Biomaschinen zu betrachten und nicht mehr ihre Seele zu erkennen. Denn die Seele beruht ja gerade auf der ganzheitlichen Sicht der Objekte.

Ohne Ganzheit keine Seele! Kein Wunder, daß viele Menschen, die vom falsch verstandenen Aufklärungsgeist infiziert worden sind, die Existenz einer Seele leugnen.

Die linkshirnigen RationalistInnen zerhacken den Seelenwald und untersuchen dann die Wurzeln der Bäume im Mikroskop. Während sie noch mit zugekniffenen linken Auge ins Mikroskop starren, rufen sie aus, sie sähen keinen Wald. Die anschließende Synthese vermag aus dem zerschnittenen Wurzelwerk auch keinen Wald mehr zu machen.

Für ein Kind ist der Kosmos noch beseelt. Es ist noch fähig, mit der rechten Gehirnhälfte zu fühlen. Es wird jedoch spätestens nach der Einschulung mehr und mehr dazu gebracht, ausschließlich in rationellen Ursache-Wirkungs-Prinzipien zu denken und seine holistische Erkenntnisfähigkeit zu unterdrücken.

Ein Kind verliert im Laufe seiner Entwicklung seine Seele. Spätestens im Alter zwischen 20 und 30 ist der Vivomensch dann vollends zum seelenlosen Mortozombie geworden. Aus Kindern, die sich noch wahrhaft über eine heiße Tasse Kakao freuen, werden Erwachsene, die den Kakao achtlos hinunterschlürfen und danach die Kalorienanzahl aufsummieren.

Aus Kindern, die bei Rotkäppchen noch zu weinen anfangen, werden Erwachsene, die über den antiemanzipatorischen Aspekt dieses Märchens unter besonderer Berücksichtigung des soziokulturellen Kontextes diskutieren. Ausnahmen bestätigen jedoch die Regel. Hoffentlich gehören Sie zu einer dieser seltenen Ausnahmen und haben sich wenigstens ein Körnchen dieser Yin-Kraft bewahrt, ansonsten wird Ihnen dieses Buch irrational-schnulzig vorkommen. Das muß nicht so sein. Indianische Stämme und verschiedene andere Naturvölker sind noch im Erwachsenenalter dazu fähig, die Seelenwelt zu erkennen. In ihrem Kosmos wimmelt es nur so von guten Geistern und bösen Dämonen. Ihre schamanistischen Heilungserfolge bringen Schulmediziner völlig aus ihrem Krankenhäuschen.

Achtung! Achtung! Sagen Sie bloß, Sie haben tatsächlich ihr rechtes Auge geschlossen? — Sagen Sie mal, machen Sie eigentlich jeden Schwachsinn mit?

 

Der entseelte Mensch
oder
Außer Rand und Kant

 

Die Dominanz der linken Gehirnhälfte begann mit dem Zeitalter der Aufklärung. Nach jahrhundertelanger mittelalterlicher Irrationalität, die zu solch schrecklichen Entgleisungen wie der heiligen Inquisition und zu Hexenverbrennungen führte, ist es verständlich, daß die Philosophen der Renaissance glaubten, allein die Vernunft könne den Menschen befreien. Als Überreaktion zum bedingungslosen, unkritischen Glauben an heilige Dogmen, wurde die Ratio als einziger Erlöser der Menschheit erhoben. Doch mit der Alleinherrschaft der Vernunft wird der Mensch von einer seiner wichtigsten Eigenschaften beraubt, nämlich seiner Seele.

Heutzutage gilt der Mensch nicht mehr als beseelt. Er wird in der Medizin zu einer Biomaschine degradiert. In wirtschaftlichen Kategorien ist er nur noch Produzent oder Konsument. Auch am Arbeitsplatz wird er nicht mehr als Mensch behandelt. Die übermächtige Ratio “ratio-nalisiert” den Menschen weg von seiner Arbeitsstelle. Der Mensch konkurriert auf gleicher Stufe wie ein Roboter. Seine beseelten Gefühle interessieren auf dem Arbeitsmarkt nicht. Der Mensch wird in unserem rationalen System bürokratisch vermessen und landet als binärcodierter Datensatz in einer Datenbank.

Doch die absolute Spitze der Perversion unserer von der reinen Vernunft vergewaltigten Gesellschaft stellt der Militärjargon dar. Wie morbid, ja wie krankhaft pervertiert müssen Leute sein, die nüchtern und ernsthaft meinen, daß wir

extrem gut wären, wenn wir 20 Millionen Fronttote durch einen leichteren Nuklearkrieg erreichen könnten?

Welch seelenlose Kühlschränke sind Leute, die den Tod von Millionen von Menschen, darunter Frauen und wehrlose Kinder, als extrem gut bezeichnen? Diese eiskalte Vernunft wird noch zum eiskalten nuklearen Winter führen, wenn wir sie nicht mit menschlicher Wärme auftauen.

Aber auch im täglichen Kalten Krieg wird der Alltag immer geordneter, rationaler und steril. In einer Welt, die Liebe als hormonale Körperreaktion definiert, das Wort Freund durch “soziale Bezugsperson” ersetzt und die Existenz einer Seele leugnet, erleidet jeder noch so starke und warmherzige Charakter Schiffbruch.

Viele Subkulturen fungieren als ein schwarz-roter Rettungsring im grauen Ozean der Sterilität.

In schmutzigen Kavernen wird die aufgestaute Wut im Magen im exzessiven Pogo herausgeschlagen. Mit Fußtritten und Faustschlägen wird sich gegenseitig wortwörtlich eingebleut, daß mensch noch am Leben ist. Die Luft ist geschwängert vom Nikotinqualm, frischem Blutgeruch und vom Duft des Schweißes. Die tote Ordnung wird vom lebendigen Chaos durchkreuzt.

Subkulturen sind zwar anachronistische, jedoch heilsame Rückgriffe auf notwendige archaische Elemente wie Initiationsriten, Tribalismus und symbolisches Kriegertum. Subkulturen machen somit “aus der Not eine Jugend.”

Anstatt monotoner Zombieleichen in funktional-grauen Anzügen sehen wir hier schillernde Punks, die mit ihren farbigen Iros den reinkarnierten Irokesenstamm darstellen könnten. Wir sehen Anarchos, die noch unermüdlich wie urwüchsige Ritter an ideelle Werte glauben. Nekrophile Grufties zelebrieren trauervoll magische Beerdigungsrituale zu esoterischer Musik, um der nicht mehr rettbaren Erde zu huldigen. Des weiteren tummeln sich Sharps, Ois, Mods, Teds, Moschs, Straights, Hippies, Öks, Gothics, Hip-Hopper, Raver und weitere Paradiesvögel. Das dazugehörige Argot mag sich möglicherweise vulgär ausnehmen und nicht sonderlich intellektuell klingen, nennt jedoch die Dinge, ob metaphysisch, physisch oder psychisch direkt und unverblümt beim Namen.

Es existieren auch andere spirituelle Inseln innerhalb von Freundescliquen, wo es endlich wieder möglich ist, über nicht-rationale, metaphysische Kräfte zu sprechen, ohne gleich einen mitleidig-arroganten Blick zu ernten. Die naturwissenschaftliche Tabumauer, die Gespräche über Geister, Dämonen und Engel ebenso wie Diskussionen über Astrologie, Homöopathie und Telepathie umschließt, ist von vielen eingerissen worden. Hinter dieser kalten Mauer taucht oftmals eine feine Spiritualität auf.

Sie können sich unter Gleichgesinnten gefahrlos alle Probleme von der Seele reden, die ansonsten bestenfalls ein um den Geisteszustand besorgtes Kopfschütteln hervorrufen. Dazu mögen beispielsweise Ängste vor Geistern, Hören von übersinnlichen Stimmen, Erinnerungsfetzen aus früheren Leben, Wahrträume, Visionen, telepathische Hilferufe oder eine quälende Uranus-Saturn-Konjunktion am Aszendent gehören. Durch diese Inseln des mitmenschlichen Gefühls haben manche Menschen ein Stück ihres Gefühlslebens bewahren können.

Diese Robinsons werden fortan Vivos genannt. Andere haben die Fähigkeit zu Herzlichkeit und Mitgefühl verlernt. Sie werden Mortos genannt.

Es gibt keine äußeren Merkmale, die einen Vivo von einem Morto unterscheiden, keine einzelnen Handlungsweisen und keine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe. Es gibt auch keine Menschen, die nur Morto oder nur Vivo sind. Jeder ist vielmehr eine Mischung der beiden Archetypen, wobei allerdings die Mortokomponente im Schatten des Verstandes überhand nimmt.

Ja, eigentlich gibt es überhaupt keine Mortos und Vivos. Und es gibt sie doch! — Zwar nicht in der Realität, aber doch als überspitzte, ironische Archetypen.

Achtung! Achtung! Die nächsten beiden Abschnitte sind ausnahmsweise völlig bierernst und knochentrocken gemeint!

 

Die Mortos

Woran können Sie die Menschengattung Morto erkennen, die an der kalten Rationalität erkrankt ist? Observieren wir das Verhalten des Mortus Vulgaris.

Mortos verwechseln Ruhe mit Frieden! Daher sind sie ganz “StethoskopOhr” für das Lachen des Vivonachbarn; jener akustische Schlüsselreiz löst bei ihnen epileptoide Klopfzuckungen aus. Verstummt das akustische Feindgeräusch nicht, wird mit den weiß-grün-gescheckten Ordnungshütern “telefonaniert.” Die Ordnungshüter sind überhaupt der Freund und Helfer der Mortos, denn schließlich hüten Mortos ja selbst die Ordnung.

Mortos kehren mit Normbesen den Weg zu ihrer Garage. Sie versuchen scheinbar, ihre legalen und doch illegitimen Spuren zu verwischen.

Im Winter schippen sie genauso besessen Schnee. Wahrscheinlich möchten sie dabei ihren eigenen Winter in sich selbst vergessen. Schnee von gestern sind Mortos jedoch leider nicht.

Ihr englischer Rasen gleicht eher einem grünen Fakirbett als dem wilden Garten Eden. Mortos bekämpfen jegliches aufkeimende Unkraut auf dieser ordentlich sterilen Grünfläche mit einer Leidenschaft, die Leiden schafft. Ebenso leidenschaftlich bekämpfen sie jegliches aufkeimende Unkraut im ordentlichen deutschen Volk.

Beim Anblick eines Punks wittern sie demgemäß gleich den Untergang des Abendlandes. Besonders, wenn das Gesocks laut Bildzeitung Hannover in Schutt und Asche legen will. Dabei haben sie selbst vor etwa einem halben Jahrhundert halb Europa in Schutt und Asche gelegt! In einem ganzen Jahrhundert werden sie nach den irrationalen Regeln rationaler Logik, ganz Europa in Schutt und Asche gelegt haben.

Das soziale Unkrautjäten vollführen sie nicht in der Offensive, sondern lästern heimlich und feige am Stammtisch und bei Gleichgesinnten über den Iro ihres Kollegen.

Sie finden alle Menschen höchst suspekt, die nicht in ihr rational-borniertes Weltbild passen. Sie mißtrauen daher allem Fremden und allen Fremden. Drum luken Altmortos auch immer durch ihren Türspion, bevor sie sich vor die Haustüre trauen. Das Fischauge bewirkt, daß Mortos einen verzerrten Blickwinkel von allem bekommen, was vor ihrer Haustüre abgeht.

Sie lassen sich lieber am Abendessen durch die flimmernden Bilder über den Treibhauseffekt informieren; und während sie noch das brasilianische Rindfleisch in ihr Maul stopfen, regen sie sich im gleichem schmatzenden Atemzug bissig über die Brandrodungsbauern des Amazonasgebietes auf.

Die nebenansitzenden Kinder, dürfen nicht widersprechen. Mortos haben es eben nicht gerne, wenn ihre Autorität in Frage gestellt wird. Erst recht nicht durch ihre eigenen kleinen Ignoranten; denn Mortos können es einfach nicht akzeptieren, daß ihre Zöglinge spätestens nach der Pubertät für sie keine rationellen Reproduktionsprodukte und pflegeleichte Erziehungsobjekte mehr sind, sondern intellektuell ebenbürtige Querulanten mit eigenem Charakter.

Ja, die Söhnchen und Töchterchen der Mortos haben es “schwerlinks” leicht. Mortos wollen immer nur ihr Bestes! Und das Beste, das die Sprößlinge haben, ist ihre persönliche Freiheit.

Leichter haben es die Kinder da schon, wenn sie selbst Mortos sind; wenn sie eben auch nach dem Konkurrenzprinzip denken anstatt mit dem Solidaritätsprinzip fühlen.

Wenn sie sich beispielsweise als “Mortohead” mit weißen Schnürsenkeln und künstlicher Glatze perfide an die Altfaschos anbiedern oder wenn sie als Yuppiemorto mit Krabbenfrühstück, Seidenhemd und Optionsscheinen ihrem Bonzenschwiegervater alle Ehre machen.

Neuerdings gibt es unter den Jungmortos eine gänzlich neue Gattung: jene Biomortos, die sich einen Drei-Wege-Katalysator einbauen lassen — der Steuervergünstigung wegen, versteht sich.

Jene Plastikmortos, die einen “morts” Psychoterror machen, wenn SeniorInnen an der Fließbandtheke ihre armseligen Waren in die Plastiktüten einpacken anstatt in die fünfmal teureren Jutetaschen.

Jene Ökomortos, die ihr schickes biodynamisches Gemüsebeet so plazieren, daß NachbarIn es neiderfüllt sieht.

Jene Jungmortos fühlen sich unheimlich cool und progressiv. Nichts hätten sie mit Schwarzwählern und Braunhemden gemein. Sie wollen nicht anerkennen, daß sie im Grunde dasselbe in grün sind.

Mortos sind eben eine Schimäre aus Wendehals und Chamäleon. Sie vermögen sich dem politischen Hintergrund anzupassen: ob rot, schwarz oder braun und neuerdings sogar grün. Sie sind wie eine graue Maus in der Küche des Zeitgeistes, die einfach alles mit sich machen läßt.

Wird die Maus in den Mixer gesteckt und drückt ein Stalin drauf, ist die Maus mausetot und rot.

Kommt die Maus dann in den heißen Hexenkessel des Faschoterrors wird sie langsam zäh und braun gekocht.

Ganz schwarz wird die Maus, wenn sie in die Luxusmikro eingesperrt wird, und Mister Bush diese programmiert. (Geheimtip für kulinarische Schleckermäuler: Kohl, als Beilage, schmeckt übrigens ganz vorzüglich zu gebratenen grauen Mäusen.)

Wird die schwarzgebratene Maus mit frischen, grünen Kräutern aus biodynamischem Anbau garniert, sieht sie grün aus. Den “ver-kohl-ten” Geschmack können dann nur noch Kenner der Haute Cuisine herausschmecken.

Ja, die Mortos sind alle gleich:  gleich langweilig    gleich bescheuert     gleichgültig       mir auch!

 

Die Vivos  

Vivos schämen sich unter Mortos als naive Spinner oder als kindische Utopisten: Vivos denken unrealistisch. Sie greifen nach den Sternen.

Aber die Meinung der Mortos ist den Vivos Schnurz und Sternschnuppe. Sie führen ihre undurchführbaren Pläne einfach durch! Sie stehen beinhart mit beiden Beinen fest in der Luft! Dort bauen sie Luftschlösser mit Windkraftanlagen und Wärmepumpen — oder besser gesagt: Luftpumpen?! Ja, bei Vivos ist die Luft rein, weil sie gehörig Wind machen.

Vivos stiefeln liebend gern mit ihren Docs durch den jungfräulichen Schnee, so daß er oder sie vor Freude knirscht. Selbst bei diesen frostigen Temperaturen strahlen sie eine charismatische Wärme aus und das schlimmste dabei ist: Es läßt sich kein logischer Grund feststellen, warum.

Überhaupt lassen sich Vivos nicht mit dem Netz der Logik einfangen. Immer wenn Sie glauben, einen Vivo vom Kleinhirn zum Großhirn zu kennen, überrascht er Sie mit einem neuen Fragment seiner vielfacettierten Persönlichkeit.

Ja, Vivos können weinen und lachen, raufen und umarmen, reden und schweigen, runzeln und schmunzeln!

Vivos sind mehr oder weniger konsequente Vegetarier, denn Schaschliks halten sie für spießig. Doch auch als Vegetarier verspüren sie zuweilen Fleischeslust — aber nicht gerade auf verkohlte Mortomäuse. Besonders in Brunftzeiten vernaschen sie gerne allerlei Grüngemüse.

Und auch als Vegetarier sind sie musikalische Allesfresser. Ihr Stilrepertoire reicht von gregorianischen Gesängen über Barock, Tekkno, Jungle, Break Beat, Rap, NDW, Liedermacher, Soul, Hardcore — bis hin zum Punk. Hauptsache — die Musik ist beseelt.

Wenn die Pflicht ruft, rufen Vivos zurück: “Brüder, zur Wonne zur Freizeit!” Faul sind die reifen Vivos jedoch nicht. Hart schuften sie idealistisch für Ideale, in denen sie einen Sinn sehen!

Nachsehen ist für sie besser als Fernsehen. Mit eigenen Augen und individuellen Gedanken vermeiden sie Schubladendenken.

Aber es liegt nicht an den fehlenden Schubladen, daß es in Vivozimmern des öfteren aussieht, als habe eine Bombe eingeschlagen. Vivos vermitteln halt stets eine Bombenstimmung. Ordnung ist das halbe Leben — genau darum lieben Vivos das geniale Chaos, weil sie das ganze Leben begehren.

Auch Schmutz ist ihnen Schnurz und Schuppe, denn ihre Hände brauchen sie nicht mehr in Unschuld zu waschen wie sonstige Saubermänner.

Alte Vivos haben einen wenn-auch-aus-Kalk-Schalk im Nacken oder einen lieben Macken bis sie fröhlich abkacken.

Leider ist die Gattung Vivo Nobilis im Aussterben begriffen. Wenn sie dennoch wider Erwarten einen solchen vogelfreien Paradiesvogel in der Hölle des Alltags entdecken, dann lassen Sie ihm bitte seine Freiheit, denn Paradiesvögel gehen im goldenen Käfig schnell ein.

 

Die Sprach-Entseelung
oder
Raffinierte Zuckerbomben über Deutschland!

 

Die langsame Entseelung schlägt sich auch in der Sprachentwicklung nieder. Deutsch ist zu einem täuschenden Zucker­bäcker­deutsch verkommen. Jede Lobby kreiert ihre eigenen Vokabeln, die auf keinen Fall negative Gefühle hervorrufen dürfen. Durch das euphemistische Vokabular, das immer einseitiger allein auf der Ratio basiert, ist die wichtige Einbeziehung von Mißgefühlen in Diskussionen und Denken nicht mehr möglich.

So wird eine Stinkmüllhalde zum “Entsorgungspark”
ein Greis zum “Senior”
Todesgift zur “Sondermüllkleinmenge”
Meeresverpestung zur “Dünnsäureverklappung”
eine Leiche zum “Pietätsobjekt”
und Liebe zur “Beziehung”

 

Ein unbedarfter Senior könnte bei solch eindrucksvollen Wörtchen direkt auf die glorreiche Idee kommen, sich im “Entsorgungspark” “Beziehung” zu suchen. Allerdings könnten ihn die “Sondermüllkleinmengen” in diesem besonderen Park leider zum “Pietätsobjekt” transformieren.

Es könnte aber auch sein, daß unser lieber Opi schon vorher einem Herzkasper erliegt, wenn er den Brief der Besoldungs- und Versorgungsstelle Hamburg erhält, der zu allen pensionierten Beamten (auch solchen ohne Jurastudium) einflattert. Das amtliche Schreiben beruft sich im Briefkopf liebevoll auf Artikel 2 des Zweiten Gesetzes zur Verbesserung der Haushaltsstruktur (2. HStruktG), BGB 1, Seite 1.523 und schließlich BeamtVG über das Zusammenwirken von Versorgungsbezügen und Renten (§ 55 BeamtVG). Nachdem Opi dezent auf seine fortgeschrittene Alzheimer hingewiesen wird, ist sein ehedem rüstiges Selbstbewußtsein nun vollends malträtiert. Er konnte sich trotz vermeintlicher Senilität zumindest noch vorstellen, daß die uneingeschränkte Anwendung des § 55 BeamtVG ihm nichts Gutes verheißt, vor allem da er von der Rentenruheregelung nach § 5 BeamtVG in der Fassung vom Artikel 2 des 2. HStruktG betroffen ist. Zum Schluß wird der “Versorgungsurheber” noch höflich aufgefordert, gefälligst den beigefügten Fragebogen vollständig und sorgfältig auszufüllen und diesen mit sämtlichen Rentenbescheiden einschließlich aller Anlagen über die Anpassung Ihrer Rente(n) für die Jahre 1981 und 1982 (RAG-Mitteilungen 1981 und 1982) sowie mit Ihrer Unterschrift innerhalb von 14 Tagen zurückzuschicken.

Unserem “Ver-sorg-ungsurheber” wird dadurch indirekt die Botschaft suggeriert, er solle als Urheber für all die Sorgen doch lieber “ent-sorg-t” werden.

Nicht nur im juristisch-bürokratischen Bereich wie in unserem Beispiel etabliert sich zunehmend eine tote, gefühlsarme Sprache, sondern das Absterben der seelischen Sprachqualität ist mittlerweile Symptom aller Sektoren.

Besonders gute Täuschungskonditoren sind hierbei die PolitikerInnen. Mittels der Zuckerwörtchen machen sie sogar die bittersten Dinge dem Volke schmackhaft. Politik bedeutet heute, manipulierende Zuckerbomben über dem Volk abzuwerfen.

Wie wunderbar erschallt es, wenn die Zuckerbabies im Parlament von einer möglichen “leichten Belastungserhöhung der Leichtlohngruppe” sprechen. Was so schön leicht ist, sollte durch Belastung ruhig schwerer gemacht werden, schwirrt uns dabei durch den verdrehten Kopf. Wie garstig klänge indes doch die entsprechend ungezuckerte Light-Formulierung: Die Puddelarmen müssen noch puddelärmer werden! Warum sollte aber die schwere Wahrheit nicht mit leichten Worten umschrieben werden? Für den leichten Beschluß der Belastungserhöhung wird dann eine Konferenz einberufen — pardon, bei solcher Leichtigkeit natürlich eine “Gipfelkonferenz”, das klingt zum Leichtigkeitsausgleich gewichtiger. In dieser Gipfelkonferenz wird als Gipfel der Unverschämtheit der leichte Beschluß gefaßt, daß die Leichtlohngruppe sich zukünftig nur noch Magerquark leisten können wird. Damit bei diesem Light-Beschluß nicht nur die Armen ihren Gürtel enger schnallen müssen, werden aus Solidarität die “Diäten” der PolitikerInnen erhöht. Im großen und ganzen dürfte die Gipfelkonferenz dann “konstruktiv” verlaufen und “unter Gewichtung aller Argumente” der gewichtige leichte Beschluß gefaßt sein. Besonders gern stecken die ZuckerbäckerInnen ihre gewichtigen Beschlüsse in ein Paket, damit das ahnungslose Volk nicht mehr sieht, was drin ist. Sie verpackten zu Weihnachten ihre schlimme Lebensverteuerung hübsch und kunstvoll in ein “kleines Sparpaket.” Dieses kleine Sparpaket legten dann unsere netten Nikolausies ihrer Leichtlohngruppe auf den Gabentisch. — Schöne Bescherung!

Weitere politische Zuckerkrankheiten, die mit ähnlicher Leichtigkeit das Vokabular infizierten, sind beispielsweise:

“Bundesnettokreditaufnahme” statt Staatsverschuldung
“Nachtragsetat” statt noch mehr Staatsverschuldung
“Staatssicherheitsdienst” statt Ossispitzel
“Bundesverfassungsschutz” statt Wessispitzel
“Minuswachstum” statt Wirtschaftskollaps
“Wachstumsinitiative” statt
Wirtschaftskollapsabschwächung

Und wenn die eigene Ideologie schon gar nicht sozial ist, sollte zumindest die Bezeichnung das vermeintlich Soziale ausdrücken:

“Sozialismus” statt asozialer Unterdrückungskommunismus
“Nationalsozialismus” statt asozialer Panzentralrassismus
“soziale Marktwirtschaft” statt
asozialer Schwachkapitalismus

Aber nicht nur in der Politik ist die Unkunst des Sprachverzuckerns bekannt, sondern ebenfalls im Zuckergewerbe selbst:

“Fruchtnektar” statt gezuckerter wäßriger Halbsaft
“Fruchtsaftgetränk” statt aromatisiertes Zuckerwasser
“Kraftbrot” statt vitaminarmes gefärbtes Zuckerbrot
“Kraftbrühe nach Großmutterart” statt
suppensimulierende Chemiepampe

Wenn diese Zuckerwörtchen den Absatz noch nicht genügend anheben, verstecken die SüßgiftmischerInnen einfach die künstlichen Zutaten hinter aufschlußreichen E-Nummern. Sie können dann nur noch hoffen, daß nicht eine fatale E 823 dabei ist, sonst holen sie sich einen bösen, bösen Schnupfen.

Natürlich will das Militär auch seinen süßen Senf dazu geben. Denn um wieviel weniger angesehen wäre der “Verteidigungsminister”, hieße er noch immer Kriegsminister? Und manche “Intervention” dieses Kriegsministers hätte wohl Interventionen störender Friedensmärsche hervorgerufen, hieße sie wahrheitsgemäß Kriegsattacke. Doch kein Grund zur Panik! Bei dieser Kriegsattacke könnte es sich schlimmstenfalls um einen “little boy” handeln, der ein Pilzlein über dem “urbanen Liquidationsziel” pflanzt. Nun, solch ein kleiner Junge wird doch nicht gleich in die Luft gehen?

Wohl aber könnte folgende Zuckerbombe explodieren, die von den fast durchweg faschistoiden PolitikerInnen abgeworfen wurde: Hätten sie das Manipulationswörtchen “ScheinasylantInnenabschiebung” richtigerweise als Armutsflüchtlingstodesstoß bezeichnet, wäre uns wohl die Renaissance Hitlers erspart geblieben. Wir dürfen das Wort “ScheinasylantInnenabschiebung” also getrost als raffinierten Braunen Zucker ansehen, mit dem das Volk in die rechte Ecke geködert wird!

Diese Verschleierung der fatalen Wahrheit durch Euphemismen erinnert erschrek-kend an die Lingua Tertii Imperii, die Spache des Dritten Reiches. Auch hier wurden die schrecklichsten Taten in schöne Zuckerworte gehüllt, um jegliches Mitgefühl für die Opfer zu ersticken. Wüßten wir nicht die grausige Wahrheit, könnten wir von der reinen Wortbedeutung her denken, ein “Konzentrationslager” sei ein Ausflugslager für angewandte Zen-Konzentrationspraktiken, in dem der Führer uns meditierend der Endlösung entgegenführt, der endgültigen Lösung aller Psychoprobleme.

Die Sprache ist als wichtigste Kommunikationsnorm die Basis für Kultur, Politik und Philosophie. Beherbergt die Sprache nur wenige Gefühlsmomente, entfällt die wichtige seelische Dimension. Das schlägt sich auch in der soziokulturellen Entwicklung nieder. Sogar im Privatbereich werden zunehmend gefühlsschwangere Wörter durch entseelte, blutleere Vokabeln ersetzt. Der Mensch, der die blutleere Sprache benutzt, behält gegenüber beseelten Sprechern die Oberhand, denn er negiert jegliche Gefühlsmomente und entwaffnet somit die Gefühlsargumente des Gegners.

 

Dummdefinitionen
oder
Machen Sie mal ein Häufchen!

 

Schon der gute alte griechische Philosoph Eubolides fragte spitzfindig, wieviel Körner wohl einen Haufen ergäben?

Ein Korn alleine ist kein Haufen; zwei Körner genauso wenig; drei Körner auch nicht. — Ab dem wievielten Korn beginnt nun eigentlich der ersehnte Haufen?

Das Haufenproblem nehmen die rational-wissenschaftlichen Definierer sprichwörtlich aufs Korn, denn es gibt keine bestimmte Grenze, bei der plötzlich der Haufen da ist. Es ist halt zum Ärgernis der Definitionspedanten keineswegs so, daß 41 Körner nur ein paar einsame Körnchen darstellen, während bei 42 Körnern plötzlich — schwups — der vermißte Körnerhaufen erscheint.

Selbst ein mathematischer Induktionsbeweis bringt beim vertrackten Haufenproblem rein gar nichts, außer einem Haufen von Problemen.

Geradezu amüsant gestalten sich die kläglichen Versuche der Informatik, diesem häufigen Häufchenproblem, mittels der sogenannten Fuzzy-Logic beizukommen. Die Fuzzy-Logic erscheint anfangs noch recht einsichtig:

Zehn Körner machen sicherlich noch keinen Haufen. Sie sind also mit einer Wahrscheinlichkeit von null Prozent ein Haufen. 90 Körner sind dagegen bestimmt ein Haufen. Hier beträgt die Wahrscheinlichkeit also 100 Prozent Zwischen diesen Körneranzahlen ziehen wir in der Fuzzy-Logic eine interpolierende, gerade Linie: 50 braune Körner sind also mit 50 Prozent Wahrscheinlichkeit ein Haufen, 30 Körner mit 25 Prozent usw.

Doch der “Häufel” liegt im Detail. Braunwurstige Häufchen mag der Computer zwar noch einigermaßen als Output zu fabrizieren. Beschnüffeln wir das sogenannte Altersproblem, so stinken die Outputs jedoch schon zum Himmel!

Ab wann ist der Mensch alt? Mit vierzig dürfte er noch lange nicht alt sein. Mit 65 ist er jedoch gemäß einem Fuzzy-Logic-Output mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit alt — out und put.

Mit meinen 26 kann ich mich demgemäß glücklicherweise noch als jung bezeichnen. Als jedoch einmal vor drei Lenzen im Ruhrpott ein lausiger Kröpperpimpf von gerade mal acht Jahren sich breitbeinig vor mir aufbaute, herausfordernd aufblickte und mit coolem Stimmchen piepste: Hey Sie, Alter! Lassen se mal dat Bierchen rüberwachsen! — da kam ich mir ganz schön alt vor. Frustriert reichte ich ihm die Flasche mit dem süffigen Bodensatz aus Hopfen und Malz. (Bei dem Bengel war eh Hopfen und Malz verloren!) Der Tag war für mich gelaufen! Denn es war das erste Mal, daß mich ein Kind gesiezt hatte: Alter ist halt mal etwas relatives.

Es ist denn auch keineswegs so, daß Dreiundzwanzigjährige mit P = 100% jung sind. Ich habe tatsächlich schon dreiundzwanzigjährige Studies gesehen, die nach einer mündlichen Vordiplomsprüfung ganz schön alt aussahen. Und das mit einer Wahrscheinlichkeit von 100 Prozent!

Andersherum gibt es Höchstbetagte, die jünger sind als so mancher Altersgenosse. Ich habe — wie zufällig — ein Foto von der fast hundertjährigen Shah Bibi aus dem Hunza-Tal vor mir. In ihren knackig-erotischen Körper könnte ich mich glatt verlieben. (Nein, ich bin kein Nekroman!)

Die Realität ist eben mal interdependent-kontextsensitiv und schwammig. Bei solcher Relativität macht auch die verquere Praxis des Definierens keinen Sinn.

Denn wer definiert, grenzt die Dinge nicht nur voneinander ab, sondern grenzt sie auch aus: Dies gehört dazu und jenes nicht. Er zwängt die schwammige Realität in ein duales Prokrustesbett. Definitionen bringen nur scheinbare Klarheit und Ordnung ins Weltbild.

Doch der Mensch liebt den Schein. Er will naturgemäß lieber die braunen Häufchen ins Töpfchen und die Körner ins Kröpfchen werfen.

Insbesondere unter bürokratisch gesinnten ZeitgenossenInnen grassiert die epidemisch-wuchernde “Definitionitis.” Schon als psychopathischer Kollaps müßten hier die Ausdünstungen des Bundesamtes für Wehrtechnik und Beschaffung deklariert werden:

Der Normbesen ist besteckt mit 190 bis 200 Gramm einer Mischung aus 50 Prozent Rinderschweifhaar, Mindestdicke 0,12 Millimeter, und 50 Prozent PVC. Das verwendete Rinderschweifhaar weicht zwar im Namen von der derzeitigen TL 7920-0001 Ausgabe 7 ab, entspricht aber der Haarart, die üblicherweise statt des eigentlich geforderten Roßschweifhaars verwendet wird.

So, nun sind wir aufgeklärt, mit welchem Besen die Staatsbürokratie die Wahrheit unter den Teppich kehrt. Daß viele Dinge, darunter auch Nöte und Sorgen des Menschen, sich nicht rational definieren lassen, schert die “NormopathInnen” jedenfalls einen feuchten Kehricht.

Leider kehren auch Normbesen nur trockenen Kehricht unter den Teppich!

 

Gefühl-Vernunft-Symbiose
oder
Cogito ergo dumm!

 

Bitte verstehen Sie das Yin-Yang-Problem nicht falsch. Nichts gegen die analytische Vernunft! Ohne sie würde die Wissenschaft immer noch in den Kinderschuhen stecken.

Aber parallel zur Anwendung der analytischen Forschung darf nie das holistische Gefühl vergessen werden. Das fühlende Gewissen sollte Wächter über Sinn und Zweck des Forschens sein. Verstand ohne Gefühl ist Mord!

Schließlich sind Gefühl und Intuition von der Evolution nicht zum Spaß entwickelt worden. Ebenso wie der Verstand erfüllen sie eine wichtige Funktion.

Während der Verstand eher die schöpferische Kraft darstellt, Gedankengänge präzise zu formulieren und in konkrete technische und soziale Neuerungen umzusetzen, sind Gefühl und Intuition eher Mentalkapazitäten, die schnell und flexibel eine Gesamtübersicht des Sachverhaltes vermitteln.

Das Gefühl ist dem Verstand überlegen, wenn die Komplexität des Sachverhaltes die rationale Erkenntnisfähigkeit übersteigt oder zumindest zu einem untragbar langen Analysevorgang expandieren läßt:

Dem Gefühl sollte endlich einem dem Verstand ebenbürtiger Stellenwert in Politik und Wissenschaft eingeräumt werden. Nur durch die Nichtbeachtung des Gefühls können fatale Ideologien wie Kapitalismus, Faschismus und Sozialismus zu solcher Macht und Akzeptanz kommen, daß sie das Überleben der Menschheit gefährden. Zu einer gesunden, ausgewogenen Philosophie gehört eben beides: Ratio und Seele.

Gerade in einem hochkomplexen System mit vielen Regelkreisen ist der Verstand alleine mit seiner allopathischen Kurpfuscherei maßlos überlastet. Derartige komplexe Rekursivsysteme stellen beispielsweise Ökosysteme, der menschliche Körper oder das Erdklima dar, aber eben auch Gesellschaftssysteme. Jeder Eingriff in einem Polit- und Sozialsystem führt, wie in jedem anderen Rekursivsystem zu Myriaden von Nebenwirkungen.

Nehmen wir zum Beispiel an, ein Staat möchte den Benzinverbrauch drosseln. Der Verstand könnte der ratiofixierten Regierung selbstbewußt zuflüstern, Benzinpreiserhöhungen seien das geeignete Mittel. Dies muß nicht unbedingt falsch sein, ist aber auch nicht unbedingt richtig. Benzinpreiserhöhungen haben schließlich Tausende von Seiteneffekten.

Die Erhöhung hätte beispielsweise negative Auswirkungen auf die Touristikbranche, Speditionen, Taxiunternehmen und auf die Chemieindustrie. Auch die Rate der Fahrzeugneuzulassungen würde sinken. Die Autoindustrie mitsamt all ihrer Zulieferindustrien hätten Umsatzeinbußen zu verzeichnen. In Folge wäre eine Erhöhung der Arbeitslosenzahl zu erwarten. Durch die erhöhte Arbeitslosigkeit hätte nicht nur die Schuhindustrie Absatz-Probleme. Die Arbeitslosigkeit stiege nochmals, womit sich die Absatzprobleme verschärften. Dies könnte sogar der Anfang einer teuflischen Rezessionspirale sein. Rezessionen führen gemeinhin zu sozialen Unruhen. Diese sozialen Unruhen würden durch eine separatistische Stimmung leicht zum Bürgerkrieg entarten. Der Bürgerkrieg dürfte sich leicht international ausbreiten, da die Anrainerstaaten ein starkes Interesse an der Teilung des Nachbarlandes hätten. Der lokal begrenzte Krieg könnte durch Intervention der Supermächte zum Dritten Weltkrieg führen, womit der Benzinverbrauch nach der Apokalypse endlich auf Null sänke. Die Benzinpreiserhöhung wäre in diesem Fall ein Bombenerfolg!

Sie könnte allerdings auch ein Flop werden. Durch die erhöhten Steuereinnahmen der höheren Mineralölsteuer würde ja ebenfalls die Staatsverschuldung gedrosselt. Der damit verbundene Optimismus der Industriellen führte zu erhöhten Investitionen. Diese Investitionen könnten auf lange Sicht das Bruttosozialprodukt erhöhen. Die Wirtschaft würde eine Hausse erleben. Dies bedeutete eine Erhöhung des Touristik- und Güterverkehrs. Der Benzinverbrauch würde naturgemäß nochmals in die Höhe geschraubt, womit die Regierung genau das Gegenteil von dem erreicht hätte, was sie ursprünglich wollte!

Es könnte allerdings auch ganz anders kommen.

Infolge der ...

Wie soll das arme Verständlein die Summe aller direkten und indirekten Wirkungen eines singulären Eingriffes nachvollziehen? Selbst eine Kommission aus Einsteins wäre dazu nicht in der Lage.

Selbst wenn alle Faktoren gewissenhaft vom Verstand berücksichtigt würden, was ein vollkommen unmögliches Unterfangen ist, könnte doch ein weiters singuläres, nicht vorhersehbares Ereignis die ganze Kalkulation über den Haufen schmeißen.

In der Realität entscheidet eine gewisse Frau Orthilde Pawlizeck aus Frankenhausen an einem tristen Montagmorgen, aufgrund der erhöhten Benzinpreise mit der Bahn zur Arbeit zu fahren. Sie wird verdammtes Glück haben, denn sie wäre ansonsten bei einem Auffahrunfall um ihr lausiges Leben gekommen. Da dies unsere Orthilde logischerweise nicht ahnen kann, ärgert sie sich maßlos über die soziale Ungerechtigkeit der Benzinpreiserhöhung. Sie gründet mit ihren Kaffeekranzgenossinen die militante Bürgerinitiative AUTOFA. AUTOFA steht dabei für autonome ultraterroristische Omis der Fahrzeuganomie. Diese “MiliTanten” erreichen einen globalen Boykott öffentlicher Verkehrsmittel, wodurch die AUTOFA schließlich eine Benzinpreisverminderung unter den alten Preis erzwingen wird.

 

Wie wir sehen, ist es töricht, ja geradezu borniert, in der Politik alleine mit dem Verstand zu spielen. Jedes autarchie-genetische Politsystem, vom Sozialismus über die marktwirtschaftliche Demokratie bis hin zum Faschismus, ist jedoch einzig und alleine ein Kartenhaus aus vernünftigen Trümpfen. Dem Orkan der Realität kann es nicht standhalten.

Bei der Entwicklung der panokratischen Idee wurde gleichviel auf die intuitive Stimme des Gefühls gelauscht. Bitte werten auch Sie die Panokratie nach Ihrem Herzen.

Die Sprache dieses politischen Buches wagt es erstmals wieder, beseelte Worte wie Liebe, Freundschaft, Wut, Geborgenheit und Gemüt zu benutzen. Dabei vernachlässigt sie es aber trotzdem nicht, das scharfe Schwert der Vernunft zu verwenden. In der Panokratie stehen eben Yin und Yang in einem harmonisch-dialektischen Gleichgewicht.

Die Panokratie vereinigt das Denken beider Hirnhälften. PanokratInnen sind weder links noch rechts. Sie sind auch nicht die goldene Mitte der sozialen Marktwirtschaft, sie befinden sich gänzlich außerhalb der Geraden, die von links über die Mitte bis in die rechte Ecke führt. Als PanokratIn verbinden Sie beide Extreme: Gefühl und Verstand, Yang und Yin. Sie denken aufwärts.

Infolge dieser Ausgeglichenheit mag sich die Panokratie der Gefahr aussetzen, stellenweise unwissenschaftlich zu klingen — zumindest für intellektuell-bornierte Scheuklappen-Mortos.

 

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