Simone Weil

Audio zum 100. Geburtstag:

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Wikipedia.Autorin  *1909 in Paris bis 1943 (34)

DNB.Autorin (143)    DNB.Person

Bing.Autorin

Lehrhaus.de  ein Weil-Institut 

detopia:

Utopiebuch     Kommbuch 

W.htm     Sterbejahr  

Marie.Berneri  

Philosophin Simone Weil - Eine Denkerin der radikalen Hoffnung (deutschlandfunkkultur.de)  2021

 

 

 

"Das revolutionäre Gefühl ist bei der Mehrzahl der Arbeiter die Auflehnung gegen die Ungerechtigkeit. Doch wird es schnell bei den meisten, wie auch im historischen Fortgang, zu einem Imperialismus der Arbeiterschaft, der dem nationalen Imperialismus vollkommen gleicht. Denn er hat die unumschränkte Herrschaft einer bestimmten Gruppe über die ganze Menschheit und über alle Bereiche des menschlichen Lebens zum Ziel."

 

Simone Weil, in Marseille, 1941, nach Krogmann 1970, S.93, gekürzt von detopia

 


Simone Weil glaubte an die Notwendigkeit, die Arbeit von Unterdrückung zu befreien.

Den Menschen immer wieder neu zu lesen, im Bewusstsein, dass er vielleicht völlig anders ist - dies ist das philosophische Credo von Simone Weil, die vor hundert Jahren geboren wurde. Sie befasste sich mit Fragen der religiösen Mystik und schrieb Texte zur politischen Aktion und zur Aktualisierung der Antike.  

Unter dem Titel "Die Chancen gegen das Vertraute" erinnert Judith Klein an Simone Weil, die 1943 nach aktiver Teilnahme am Spanischen Bürgerkrieg und in der Résistance-Bewegung starb.

Judith Klein lehrte Romanistik, Sozialwissenschaften und Judaistik an den Universitäten Marburg, Poitiers in Frankreich, Heidelberg und Paris. Seit 1998 ist sie freie Publizistin und Übersetzerin.  dradio.de / essayunddiskurs/911617/    ESSAY UND DISKURS    15.02.2009    Von Judith Klein 


 

deutsche Übersetzungen

 

Schwerkraft und Gnade. Übers. Friedhelm Kemp. München 1952 (La pesanteur et la grâce)
     neu herausgegeben von Charlotte Bohn und mit einem Essay von Frank Witzel, Matthes & Seitz, Berlin 2020,

Das Unglück und die Gottesliebe. Übers. Friedhelm Kemp. München 1953 (Attente de Dieu)

Die Einwurzelung, Einführung in die Pflichten dem menschlichen Wesen gegenüber. Übers. Friedhelm Kemp, Kösel, München 1956 (L´Enracinement)[50] Neuübers. Marianne Schneider: Die Verwurzelung. Vorspiel zu einer Erklärung der Pflichten dem Menschen gegenüber. diaphanes, Zürich 2011,

Unterdrückung und Freiheit. Politische Schriften. Übers. Heinz Abosch. Rogner & Bernhard, Frankfurt 1975; Zweitausendeins, Frankfurt 1987

Zeugnis für das Gute: Traktate, Briefe, Aufzeichnungen. Hg. u. Übers. Friedhelm Kemp. Walter, Olten/Freiburg 1976 / dtv, München 1990 / Benziger, Zürich 1998

Fabriktagebuch und andere Schriften zum Industriesystem. Übers. Heinz Abosch. Suhrkamp 1978

Aufmerksamkeit für das Alltägliche. Hg. Otto Betz. Kösel, München 1987

Entscheidung zur Distanz: Fragen an die Kirche. Übers. Friedhelm Kemp. Kösel, München 1988

Cahiers. Aufzeichnungen. Hg. und Übers. Elisabeth Edl, Wolfgang Matz. 4 Bände. München 1991 – 1998

Gedichte. Übers. Elisabeth Edl, Wolfgang Matz. In: Akzente (Zeitschrift), 1998, H. 4

Anmerkung zur generellen Abschaffung der politischen Parteien. Übers. Esther von der Osten. diaphanes, Zürich 2009

Krieg und Gewalt. Essays und Aufzeichnungen. Übers. Thomas Laugstien. diaphanes, Zürich 2011 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Ständig zu der Annahme bereit sein, dass ein anderer etwas anderes ist als das, was man in ihm liest, wenn er zugegen ist (oder wenn man an ihn denkt). Oder vielmehr: in ihm auch (und ständig) lesen, dass er gewiss etwas anderes, vielleicht etwas völlig anderes ist als das, was man in ihm liest. (...) Jedes Wesen ist ein stummer Schrei danach, anders gelesen zu werden."

Diese Sätze der Philosophin und Schriftstellerin Simone Weil sagen uns nicht nur etwas über Bedingungen des Erkennens, sondern enthüllen auch ein ethisches Prinzip, das in der modernen Philosophie und Psychologie noch Bedeutung erlangen sollte: Es gilt, den Anderen nicht mit einem abschließenden Vokabular zu belegen, ihn nicht in der eigenen Sicht einzuschließen, sondern ihn immer wieder anders, immer wieder neu zu "lesen" - und dies im Bewusstsein, dass er vielleicht völlig anders ist und dass es eine einzige dauernde Wahrheit über ihn nicht gibt. War jener stumme Schrei auch der Schrei Simone Weils? Wurde er vernommen?

Die Pluralität der Stimmen, die sie in sich zuließ, ist eindrucksvoll : revolutionäre und reformistische, engagierte und kontemplative, rationale und mystische, politische und religiöse. Der intellektuelle Reichtum und die Vielfalt der Texte, die sie hinterließ, ist erstaunlich: Gedichte, Essays, wissenschaftliche Forschungen, Polemiken, Tagebücher, Briefe. Die Gegensätzlichkeit der Welten, in denen sie lebte, ist verblüffend: Bürgertum und Proletariat; Wohlstand und Armut; Philosophie und Fabrik; Pazifismus und Spanischer Bürgerkrieg; Kunst und Barbarei.

Und ab Januar 1943: Aufenthalt in London, dicht am Puls der Zeit, mit Kontakt zur Résistance-Organisation France libre (Freies Frankreich) - und dann doch Rückzug aus der Zeit ...

Weniger bekannt als die vielfältigen Stationen ihres Lebens sind Simone Weils Gedanken zur "Vielfalt der Lesarten" - Lesarten, nicht Meinungen oder Überzeugungen -, über die sie im Frühjahr 1941 notierte:

"Welt. Verschiedene gleichzeitige Lesarten, Partitur. (...) seine eigene und die des anderen als gleichwertig ansehen. (...) Ein Mittelpunkt, von dem aus man die verschiedenen möglichen Lesarten sieht - sowie ihre Beziehungen - und die eigene nur als eine von ihnen."

Sie spitzte die Theorie der Lesarten zu einer Methode zu, die sie "Probe des Gegensatzes" oder auch "Umkehrung" nannte und über die sie schrieb:

"Untersuchungsmethode: sobald man etwas gedacht hat, nachprüfen, in welchem Sinne das Gegenteil wahr ist."

Simone Weils Werk kann als Versuch gelesen werden, über die verschiedenen Gegensatzkonstellationen - die unlösbare Verbundenheit von Gegensätzen, die Wechselbeziehung und der Übergang zwischen ihnen sowie die "Zerreißung im Widerspruch" - nachzudenken.

"Und woran erkennt man die einander widersprechenden Begriffe, die zusammen wahr sind, im Vergleich zu denen, die einander ausschließen?"

fragt sie und nennt - für den ersten Fall - ein Beispiel, das erstaunen mag:

"Gott existiert; Gott existiert nicht."

Oder Begegnung und Trennung, die in einer bestimmten Konstellation als gleich gut erscheinen:

"Es gibt zwei Formen der Freundschaft, die Begegnung und die Trennung. Sie sind unlösbar verbunden. In beiden liegt das gleiche Gut, das einzige Gut beschlossen: die Freundschaft. Denn wenn zwei Wesen, die keine Freunde sind, einander nahe sind, so findet doch keine Begegnung statt. Und wenn sie voneinander entfernt sind, findet doch keine Trennung statt. Da diese beiden Formen das gleiche Gut einschließen, sind sie beide gleich gut."

Sie wurde am 3. Februar 1909 als Tochter agnostischer Eltern jüdischer Herkunft in Paris geboren. Sie war ein zartes und zugleich willensstarkes Kind. Wie ihr älterer Bruder André, der später ein berühmter Mathematiker werden sollte, erlebte sie den ersten Weltkrieg bewusst mit, schon damals mit den Frontsoldaten leidend. Die häusliche Atmosphäre war liebevoll, die Eltern - der Vater war Arzt - hatten selbst für verwegene Einfälle der beiden Kinder Verständnis.

Ab Oktober 1925 studierte Simone Weil in Paris Philosophie, zunächst in der Vorbereitungsklasse für die École Normale Supérieure, vor allem bei Alain. Dieser radikal pazifistisch eingestellte Philosoph, ein Freund von Gleichheit und Gerechtigkeit, der die ausgetretenen akademischen Pfade und die geschlossenen Systeme hinter sich ließ und das Partikulare und Konkrete dem Allgemeinen und Abstrakten vorzog, übte auf Simone Weil einen dauerhaften Einfluss aus.

1931 erhielt sie nach bestandener Agrégation ihre erste Stelle als Philosophielehrerin: in der Bergarbeiterstadt Le Puy. Der stellvertretende Direktor der École Normale soll gesagt haben:

"Wir schicken die rote Jungfrau möglichst weit weg, damit wir von ihr nichts mehr hören."

Simone Weil engagierte sich zwischen 1931 und 1934 an der Seite der "Revolutionären Syndikalisten", die ihren Kampf innerhalb der Fabriken und außerhalb der bürokratisierten Parteiapparate führten. Sie gab Arbeiterbildungskurse, schrieb unablässig für linke Zeitschriften, nahm an Delegationen der Arbeitslosen und an Streiks und Demonstrationen teil, was in der lokalen Presse zu Verleumdungskampagnen führte. Im Jahre 1932 wurde sie nach Auxerre versetzt.

Hing sie zunächst dem Marxismus und der Revolutionstheorie an, so ging sie seit 1933 mehr und mehr auf Abstand. In ihrer Schrift: "Überlegungen zu den Ursachen von Freiheit und Unterdrückung" unterzog sie den Begriff "Revolution" und alles, was in der Arbeiterbewegung zum Dogma erstarrt war, einer kritischen Analyse.

Sie gelangte zu dem Schluss, zunächst habe eine "unsichtbare", "stille", graduelle Revolution in den Fabrikhallen und in der Kultur stattzufinden: die Arbeitsbedingungen müssten der methodischen Reflexion der Arbeitenden unterstellt, die soziale Notwendigkeit jeder Arbeit reflektiert und Wissenschaft und Technik verändert werden; so könnte die Arbeitsteilung zwischen körperlicher und geistiger Arbeit - Inbegriff von Unterdrückung - eingeschränkt und sogar aufgehoben werden.

Im Jahre 1934 ließ sie sich vom Schuldienst beurlauben, um - trotz schwacher Gesundheit - ihren alten Traum wahr zu machen, in einer Fabrik zu arbeiten. Das Experiment, in dessen Verlauf sie in verschiedenen Elektro- und Metallbetrieben arbeitete, dauerte mit Unterbrechungen von Dezember 1934 bis August '35.

Sie hinterließ ein Fabriktagebuch, das, wie Hannah Arendt schrieb,

"einzigartig in der ungeheuren Literatur über Arbeitsfragen ist, weil es ohne Vorurteile, ohne Sentimentalitäten und ohne Glorifizierungen einfach Erfahrungen beschreibt und interpretiert".

Dabei hatte Simone Weil entdeckt, dass Unterdrückung von einem bestimmten Punkt an "nicht Revolte, sondern Unterwerfung hervorruft":

"Man ist allein mit seiner Arbeit, man könnte nur gegen sie rebellieren - oder mit Ärger arbeiten, das hieße schlecht arbeiten, folglich hungern. (...) Das Erwachen des Denkens ist schmerzhaft. (...) Ich hätte daran zerbrechen können. Es kam beinahe so weit. (...) In Angst erhob ich mich morgens, mit Furcht ging ich in die Fabrik. Ich arbeitete wie eine Sklavin; die Mittagspause war ein zerreißender Schmerz (...). Eine offenkundig unerbittliche und unbezwingbare Unterdrückung bringt als unmittelbare Reaktion keine Revolte hervor, sondern Unterwerfung."

Simone Weil - sich immer der unvermeidbaren natürlichen und sozialen Zwänge bewusst - glaubte nicht an die Befreiung von der Arbeit, an die "verrückte Idee, dass Arbeiten eines Tages überflüssig sein könnte", sondern an die Notwendigkeit, die Arbeit von Unterdrückung zu befreien: und zwar dadurch, dass in jede Arbeit die geistigen Elemente - Verstehen und Organisieren, Entwerfen und Gestalten - ebenso wieder eingeführt würden wie die emotionalen der Freude und Freundschaft, der Poesie und der Schönheit. Bemüht, die Alternative "Reform oder Revolution" zu überschreiten, begann sie, mit Fabrikdirektoren und Gewerkschaftlern über die Möglichkeit zu korrespondieren, die "industrielle Sklaverei" zu beseitigen.

Der amerikanische Philosoph Richard Rorty hat festgestellt,

"dass der wichtigste Beitrag moderner Intellektueller zum moralischen Fortschritt nicht in philosophischen oder religiösen Traktaten bestehe, sondern in genauen Beschreibungen (...) bestimmter Formen von Schmerz und Demütigung".

Simone Weil war eine der ersten modernen Intellektuellen, die solche genauen Beschreibungen aufgrund von Erfahrung, Forschung und Vorstellungskraft geliefert haben.

Sie schrieb unzählige Texte über den Kolonialismus, von denen der persönlichste der posthum veröffentlichte "Brief an die Indochinesen" ist:

"Ich sah vor mir, wie man die Kulis anwarb, wie man sie schlug, wie weiße Vorarbeiter vietnamesische Arbeiter verstümmelten oder mit Fußtritten töteten - in Gegenwart ihrer Kameraden, die zu verängstigt waren, um zu reagieren. (...) Tränen der Scham erstickten mich, ich konnte nicht weiteressen."

In diesen wenigen Sätzen kommt eine Haltung zum Ausdruck, die Simone Weil eigen war: Mitgefühl und Solidarität mit konkreten, leidenden Anderen, mochten sie noch so fern sein. Als der spanische Bürgerkrieg ausbrach, fuhr sie kurzentschlossen nach Barcelona, um sich einer internationalen Gruppe der anarchistischen Kolonne Durruti anzuschließen. Aufgrund einer Verbrühung mit siedendem Öl - vielleicht auch aus Abscheu vor den auf beiden Seiten begangenen Verbrechen - kehrte sie bald nach Hause zurück, begleitet von ihren Eltern, die ihr zu Hilfe geeilt waren.

Aufgrund der schlecht heilenden Brandwunden an Bein und Fuß wurde sie vom Schuldienst beurlaubt. Von Januar 1938 bis Juli '40 folgten weitere Beurlaubungen mit viel freier Zeit zum Lesen, Forschen, Reisen und Schreiben.

In zahlreichen Aufsätzen nahm sie zur Frage des Krieges Stellung, die sie in diesen Jahren unablässig beschäftigte. Sie verabscheute Krieg in einem so hohen Maße, dass sie bis zum Einmarsch der deutschen Truppen in die Tschechoslowakei dem Kampf für die Erhaltung des Friedens, selbst um den Preis der Unterwerfung, absoluten Vorrang gab - eine Haltung, die sie später bitter bereuen sollte.

Am Vorabend des Einmarschs der deutschen Truppen in Paris verließ Simone Weil - gegen ihren ursprünglichen Vorsatz - mit ihren Eltern die Stadt. Sie ließen alles zurück: Arbeit, Wohnung, Freunde, Bücher... Über einige Umwege gelangten sie im September 1940 nach Marseille.

Dort setzte Simone ihre Studien der griechischen und der indischen Philosophie fort, lernte Sanskrit, studierte den Taoismus und die gnostischen Strömungen der Spätantike und interessierte sich für die Gleichklänge zwischen europäischem und orientalischem Denken.

Sie knüpfte Kontakte zu verschiedenen Résistance-Gruppen und verbreitete illegale Schriften. Sie kümmerte sich um die bei Kriegsbeginn internierten Ausländer und unterstützte vietnamesische Arbeiter, die bei Marseille in Lagern vegetierten. Im Herbst 1941 versuchte sie sich als Landarbeiterin und als Traubenpflückerin bei der Weinernte.

Sie spielte mit dem Gedanken, zusammen mit ihren Eltern - zumindest für die Zeit des Krieges - Gemüse anzubauen. An einen Bekannten schrieb sie:

"Der Gedanke, meine körperliche und seelische Erschöpfung unter einem Volk von Hungernden in Kartoffeln oder dergleichen zu verwandeln, ist - von etwas anderem abgesehen - das Einzige, was mich im Augenblick anspornen kann."

Jenes "andere" könnte ihr beharrlich verfolgter Plan gewesen sein, eine Truppe von Frontkrankenschwestern zu bilden und selbst Mitglied dieser Truppe zu werden. Es könnte aber auch das Christentum gewesen sein, dem sie sich in jenen schweren Tagen annäherte. An den Dominikanerpater Jean-Marie Perrin schrieb sie damals einen Brief, den sie "geistige Autobiografie" nannte:

"Seit meiner Jugend war ich der Ansicht, dass das Gottesproblem ein Problem ist, dessen Voraussetzungen uns hienieden fehlen, und dass die einzige sichere Methode, eine falsche Lösung zu vermeiden (...), darin besteht, es nicht zu stellen. Also stellte ich es nicht. (...) Es schien mir unnütz, dieses Problem zu lösen, denn ich dachte, da wir nun einmal in dieser Welt sind, sei es unsere Aufgabe, die beste Haltung gegenüber den Problemen dieser Welt einzunehmen, und diese Haltung hänge nicht von der Lösung des Gottesproblems ab." )

Ein Wandel sei jedoch eingetreten, als ihr drei "wirkliche Berührungen" mit Gott zuteil wurden: 1935, '37 und '38. Das erste mystische Erlebnis überwältigte sie - sie, die nach ihrer Fabrikerfahrung das Gefühl hatte, der "Stempel der Sklaverei" sei ihr für immer aufgeprägt worden - in einem armen nordportugiesischen Fischerdorf, in dem bei Vollmond das Patronatsfest gefeiert wurde:

"Es war am Ufer des Meeres. Die Frauen der Fischer zogen, mit Kerzen in den Händen, in einer Prozession um die Boote und sangen gewiss sehr altüberlieferte Gesänge, von einer herzzerreißenden Traurigkeit. (...) Dort hatte ich plötzlich die Gewissheit, dass das Christentum vorzüglich die Religion der Sklaven ist und dass die Sklaven nicht anders können, als ihm anhängen, und ich mit ihnen."

Dem Christentum anhängen, das hieß nicht unbedingt, der Kirche anzugehören. Simone Weil blieb außerhalb der Kirche. Im Jahre 1942 schrieb sie an eine Bekannte:

"Während ich die Arbeit über die Pythagoreer beendete, fühlte ich mit einer - soweit einem Menschenwesen diese Worte verstattet sind - endgültigen Gewissheit, dass meine Berufung mir auferlegt, außerhalb der Kirche zu bleiben und sogar ohne eine, sei es auch nur implizite, Bindung an sie oder das christliche Dogma; (...). Der Grad intellektueller Redlichkeit, der mir um meiner besonderen Berufung willen zur Pflicht gemacht ist, fordert, dass mein Denken ausnahmslos alle Ideen gleichmütig gelten lasse, mit einbegriffen zum Beispiel den Materialismus und Atheismus; dass es allen gegenüber gleicherweise aufnahmebereit und gleicherweise zurückhaltend sei."

Und doch gab es Phasen, in denen Simone Weil Antworten auf die Frage nach Gott andeutete - ungewöhnliche Antworten, die der Beschäftigung mit religiösen Strömungen der Spätantike und des Mittelalters und wohl auch der bewährten "Probe des Gegensatzes" entsprangen. Ähnlich den Gnostikern rebellierte sie gegen die Vorstellung eines über die Welt herrschenden oder wachenden Schöpfergottes; es war ein Protest gegen das Böse und das Unglück in der Welt, das mit Gott in eine Gedankenverbindung zu bringen ihr widerstrebte. Jedoch ging sie - anders als die Gnostiker - nicht von der Existenz eines zweiten weltlosen Gottes aus, sondern von der Abwesenheit des Schöpfergottes in der Schöpfung:

"Von seiten Gottes ist die Schöpfung nicht ein Akt der Selbstausdehnung, sondern des Zurückweichens, des Verzichtes. Gott und alle Geschöpfe, das ist weniger als Gott allein. Gott hat in diese Minderung eingewilligt. Er hat einen Teil des Seins seiner entleert. (...) Gott hat anderen Dingen, die nicht er sind und die unendlich geringeren Wertes als er sind, erlaubt, dass sie ein Dasein hätten. Er hat durch den Schöpfungsakt sich selbst verleugnet."

Der Gedanke des Zurückweichens Gottes könnte auch von der jüdischen Kabbala inspiriert sein, kennt diese doch den Zimzum, die Selbstbeschränkung Gottes im Urakt der Schöpfung. Wie dem auch sei, Simone Weils Gedanken zu religiösen Dingen sind keine kategorischen Antworten auf letzte Fragen, schrieb sie doch:

"Im Bereich der heiligen Dinge behaupte ich nichts kategorisch. Auch diejenigen meiner Ansichten, die mit den Lehren der Kirche übereinstimmen, sind in meinem Geist mit einem Fragezeichen versehen."

In jener Zeit wuchsen ihre Zweifel an den Ansprüchen, Wünschen, Zielen des "Ichs". In ihren Tagebüchern finden sich folgende Notizen:

"Nur Aufmerksamkeit ist von mir gefordert, eine Aufmerksamkeit, die so vollständig ist, dass das 'Ich' verschwindet. Sich der Welt entleeren. Das Wesen eines Sklaven überziehen. Sich auf den Punkt reduzieren, den man in Raum und Zeit einnimmt. Auf nichts."

Irgendwann - vielleicht zwischen November 1941 und Mai 1942 - fanden die Gedanken der Auslöschung des "Ichs" und des Rückzugs Gottes zusammen: Wenn Gott, um die Welt zu erschaffen, abgedankt hat, so gibt es nur einen Weg, um ihm seinen Platz zurückzugeben: der eigene Rückzug, die Ent-schaffung, die "décréation" - ein Weg, der dem von der Kabbala gewiesenen entgegengesetzt ist, denn diese verlangt von den Menschen, die Schöpfung zu vollenden.

"Verzicht. Nachahmung des Verzichtes Gottes in der Schöpfung. Gott verzichtet - in einem gewissen Sinne - darauf, alles zu sein. Darin liegt der Ursprung des Bösen. Wir müssen darauf verzichten, etwas zu sein. Das ist unser einziges Gut. (...).(...) Je mehr ich verschwinde, desto stärker ist Gott in dieser Welt gegenwärtig. (...) Ich muss mich zurückziehen, damit Gott mit den Menschen, die der Zufall mir über den Weg führt und die er liebt, in Berührung treten kann. Meine Gegenwart ist aufdringlich, so als ob ich zwischen zwei Liebenden oder zwei Freunden stünde."

"Und es ist mein innigster Wunsch, nicht nur jeden Willen, sondern jedes Eigensein zu verlieren."

Nichts werden - ein moralischer, ein symbolischer Tod scheint gemeint. Doch in Simone Weils Gedankenexperimenten rückt manchmal eine andere Version in den Vordergrund: die Auslöschung des physischen Ichs. Das Ich aufgeben, heißt dann: Sterben ...

Am Ursprung der spätantiken Gnosis kann eine Katastrophe - das Fehlschlagen apokalyptischer Hoffnungen - gestanden haben. Auch bei Simone Weil mag sich die existentielle Situation ausgewirkt haben: Keine einzige ihrer Hoffnungen - die Revolution, die sozialen Bewegungen zur Zeit der Volksfront, die spanische Republik, das pazifistische Engagement - erfüllte sich. Schon 1936 hatte sie von ihrem "wachsenden Schmerz" darüber gesprochen, dass die Gesellschaftsstruktur unverändert geblieben war und sich in Frankreich antidemokratische und totalitäre Kräfte formierten.

In der Vorstellung von der "Abdankung Gottes" und der Ent-schaffung der Geschöpfe, fand sie vielleicht eine Antwort, mit der sich nicht nur das Böse in der Welt erklären und aufheben, sondern zugleich ein Ausweg finden ließ, eine "Endform als letzte Konsequenz eines bestimmten Anfangens und Weiterlebens", wie Hans Jonas über die Gnosis schrieb.

 

 

 

 

 

 

 

Der Schriftsteller Wladimir Rabi gibt eine weitere Deutung der Katastrophe, die über Simone Weil hereingebrochen war:

"Mit dem Erlass des Judenstatuts im Oktober 1940", durch welches das Vichy-Regime die Juden aus dem kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Leben des Landes ausschloss und zu Bürgern zweiter Klasse machte, "spitzte sich bei ihr alles zu." 

Ein Dokument scheint dies zu belegen. Kurz vor dem Ende der Weinernte im Herbst 1941 schrieb sie, die durch das Judenstatut ihre Beamtenstelle im Unterrichtswesen verloren hatte, an Xavier Vallat, Vichys antisemitischen "Generalkommissar für Judenfragen", einen ironischen, ja sarkastischen Dankesbrief, in dem sie - so scheint es - die Methode der "Probe des Gegenteils" anwandte:

"Monsieur, ich muss Sie, wie ich annehme, gewissermaßen als meinen Chef betrachten (...). Ich halte das Judenstatut - von einem allgemeinen Blickwinkel aus betrachtet - für ungerecht und absurd ; wie ist es möglich zu glauben, dass ein Mathematiklehrer, der Kindern Geometrie beibringen soll, diesen allein aus dem Grund schaden kann, dass drei seiner Großeltern zur Synagoge gingen?

Doch in meinem persönlichen Fall lege ich Wert darauf, Ihnen meinen aufrichtigen Dank dafür auszudrücken, dass mich die Regierung aus der sozialen Kategorie der Intellektuellen ausgeschlossen und mir die Erde und damit die ganze Natur gegeben hat. (...) Die Regierung, die Sie mir gegenüber vertreten, hat mir all das gegeben. Sie - und die anderen Führer - (...) haben mir das gegeben, was Sie selbst nicht besitzen. Durch Sie habe ich auch das unendlich wertvolle Geschenk der Armut erhalten, die Sie ebenfalls nicht besitzen."

Der Brief zeigt, dass Simone Weil weit davon entfernt war, sich vom Judenstatut Vichys "persönlich nicht betroffen" zu fühlen, wie es in einer deutschsprachigen Einleitung heißt. Wenn sie im Übrigen immer wieder versicherte, nicht zu wissen, wie ein Jude oder wie das Judentum zu definieren sei, ist das keineswegs ein Zeichen von Selbsthass oder Antisemitismus, wie manche Biografen behauptet haben. Und wenn sie die verfolgten Juden selten erwähnte, vom Gedanken an das Leiden ihrer Landsleute aber geradezu besessen war, so desolidarisierte sie sich keineswegs von jenen.

Etwas anderes war am Werk: Vorbehalt gegen das Definieren, das Zurechnen und das Zugehören. Die Sätze, die sie an den Pater Perrin über ihr Verhältnis zur Kirche schrieb, mögen auch ihr Verhältnis zum Judentum kennzeichnen:

"Ich will nicht in einem Milieu wohnen, wo man 'wir' sagt, und ein Teil dieses 'wir' sein; ich will in keinem menschlichen Milieu, gleichviel welchem, zuhause sein. Wenn ich sage, ich will nicht, so drücke ich mich ungeschickt aus (...). Ich fühle, dass es für mich notwendig ist, dass es mir vorgeschrieben ist, einsam zu bleiben, eine Fremde und Verbannte hinsichtlich jedes beliebigen menschlichen Milieus ohne Ausnahme."

Simone Weils Bruder André war bereits Anfang 1941 nach Amerika emigriert. Die Eltern Weil, die weitere Verfolgungen auf sich zukommen sahen, erwogen ebenfalls die Emigration, wollten das Land aber nicht ohne ihre Tochter verlassen. Simone widerstrebte es, sich selbst in Sicherheit zu bringen, während andere in Todesgefahr schwebten.

Im Frühsommer 1942 begleitete sie ihre Eltern jedoch nach Amerika - in der Hoffnung, von dort nach Europa zurückkehren und sich dem Kampf gegen die Naziherrschaft anschließen zu können.

In Amerika angekommen, war sie unermüdlich damit beschäftigt, Politikern und Persönlichkeiten ihre Pläne - Bildung einer Truppe von Frontkrankenschwestern und Übernahme einer geheimen Mission im besetzten Frankreich - nahe zu bringen. An ihren früheren Studienkollegen Maurice Schumann, Sprecher der Résistance-Organisation France libre, schrieb sie:

"Das Unglück, das sich über den Globus ausbreitet, nimmt mein Denken gefangen und bedrückt mich in einem solchen Maß, dass alle meine Fähigkeiten zunichte werden; ich werde sie erst zurückerlangen und erst von dieser Obsession befreit sein, wenn ich einen Teil der Gefahren und Leiden auf mich nehmen kann."

Es gibt Menschen, deren Sensibilität für das Leiden anderer so unendlich groß ist, dass sie sich lieber in Todesgefahr begeben, um jene anderen zu retten oder ihnen beizustehen, als tatenlos zuzuschauen. Menschen auch, die für sich das Glück verweigern, so lange andere im Unglück leben. Simone Weil war - wie auch Antoine de Saint-Exupéry - einer von diesen Menschen.

Sie erhielt schließlich die Möglichkeit, Amerika zu verlassen und kam Ende des Jahres 1942 in Liverpool an. Anfang Januar 1943 zog sie nach London. Es gelang ihr jedoch nicht, die Verantwortlichen von France libre für ihre Vorhaben zu gewinnen.

Sie bekam lediglich eine Stelle als Redakteurin mit dem Auftrag, in London eintreffende Vorschläge französischer Widerstandsorganisationen für die Nachkriegsordnung zu sichten, Gutachten zu verfassen und eigene Vorstellungen zu entwickeln.

So entstand das umfangreiche Manuskript, das posthum unter dem Titel L'enracinement (Die Einwurzelung) veröffentlicht werden sollte. Es endet mit Worten, die umso subversiver erscheinen, als sie der körperlichen Arbeit schlechthin eine zentrale geistige Bedeutung zusprechen - vielleicht Voraussetzung dafür, dass jene beschworene "stille" Revolution in Gang kommen kann:

"alle (...) menschlichen Tätigkeiten - die Menschenführung, die Ausarbeitung technischer Pläne, Kunst, Wissenschaft, Philosophie und so fort - [sind] der körperlichen Arbeit an geistiger Bedeutung sämtlich unterlegen. Es ist ein leichtes, die Stelle zu bestimmen, die die körperliche Arbeit in einem wohlgeordneten Sozialleben einnehmen soll. Sie soll dessen geistige Mitte sein."

Während Simone Weil über die gesellschaftliche Neuordnung nachdachte, war ihre Enttäuschung darüber grenzenlos, dass es ihr versagt blieb, aktiv am Kampf zur Befreiung ihrer Landsleute teilzunehmen und den Leidenden Hilfe zu bringen. Wider Willen den Gefahren des Krieges und der Verfolgung entkommen, setzte sie sich nun willentlich anderen Gefahren aus: Sie arbeitete nächtelang und hungerte... Von Woche zu Woche wuchsen ihre Empörung und ihre Verzweiflung; im Juli 1943 sagte sie sich von France libre und der gaullistischen Politik los, der sie bloß "provisorische Legitimität" zusprach und deren Machtstreben sie ablehnte. Sie reichte ihren Rücktritt ein.

Sie starb am 24. August 1943. Auf dem amtlichen Totenschein heißt es:

"Herzversagen aufgrund von Herzmuskelschwäche, hervorgerufen durch Unterernährung und Lungentuberkulose. Die Verstorbene hat sich selbst getötet und zerstört, indem sie sich in einer Phase geistiger Verwirrtheit weigerte zu essen."

"Muss denn der Überlebenstrieb immer die Oberhand behalten?", fragt Michele Murray in einem biografischen Essay über Simone Weil.

Andere ziehen Parallelen zur "Endura", dem selbstgewählten Hungertod der von Simone Weil bewunderten Katharer, die sich sterben ließen, um die Befreiung der Seele, Gefangene der Materie, zu beschleunigen.

Wieder andere sprechen von Heiligkeit oder von Hysterie. 

Vielleicht ermöglicht Kafkas Erzählung "Der Hungerkünstler" eine Art "Probe des Gegensatzes": Am Ende gesteht der Hungerkünstler, er habe gefastet, weil er "nicht die Speise finden konnte, die [ihm] schmeckt".

 

 

 

 

 

 


 

Dem Kommunismus Stalins ... war sie ... abgeneigt. Sie haßte diese Verbindung von brutaler Gewalt und Politik.   

Jacques Cabaud  

Es scheint mir unmöglich zu sein, sich eine Wiedergeburt Europas vorzustellen, welche die von Simone Weil definierten Forderungen unberücksichtigt ließe.  

Albert Camus

Man findet selten so tiefe Gedanken über unsere Gegenwartsgeschichte oder ein besseres Verständnis für unsere Misere.  

Thomas Merton  

.... es ist der potentielle Christ in mir, der sie bewundert, der in mir verborgene Sozialist, der in ihr eine zweite Rosa Luxemburg ahnt.  ..... Ich möchte über sie schreiben, ihrer Stimme Stimme geben, aber ich weiß: ich schaffe es nicht, ich bin ihr nicht gewachsen, intellektuell nicht, moralisch nicht, religiös nicht.  

Heinrich Böll  

Ihre Analysen der deutschen Situation besitzen eine außerordentliche Qualität und überragen die meisten zeitgenössischen Stellungnahmen. Während sich viele noch in Hoffnungen wiegten, sagte sie den Sieg Hitlers und den Zusammenbruch der deutschen Arbeiterbewegung voraus. 

Heinz Abasch  

 


 

Tafeln einer Ausstellung 

der Friedensbibliothek Berlin, 

Bartholomäuskirche, Friedensstr. 1

1989

 

 

7     

Die Seele hat Bedürfnisse, und bleiben diese unbefriedigt, so befindet sie sich in einem ähnlichen Zustand wie ein verhungerter und verstümmelter Leib.

Die Verwurzelung ist vielleicht das wichtigste und meistverkannte Bedürfnis der menschlichen Seele... Ein menschliches Wesen hat eine Wurzel durch seine wirkliche, aktive und natürliche Teilhabe an einer Gemeinschaft, die gewisse Schätze der Vergangenheit und gewisse Ahnungen des Zukünftigen lebendig erhält.....  Jedes menschliche Wesen bedarf einer Vielzahl solcher Wurzeln.         ----1943


8

Es ist sinnlos zu sagen, die Menschen hätten einerseits Rechte, andrerseits Pflichten..... Der Begriff der Verpflichtung hat den Vorrang vor dem des Rechtes..... Ein Recht ist nicht wirksam durch sich selbst, sondern einzig durch die Verpflichtung, der es entspricht.....

Es besteht eine Verpflichtung jedem menschlichen Wesen gegenüber uns dem einen Grunde, weil es ein menschliches Wesen ist, ohne daß eine andere Bedingung hinzuzutreten brauchte, und sie besteht sogar dann, wenn es selber keine Verpflichtung anerkennt. ..... fast mit Sicherheit immer, belügt der, welcher jede Verpflichtung leugnet, die anderen und sich selbst....    ----1943 


... niemand wird einen Menschen für unschuldig halten, der, selber Nahrung im Überfluß besitzend, auf seiner Schwelle einen fast zu Tode Verhungerten findet und vorbeigeht, ohne ihm etwas zu geben.

Es besteht also eine ewige Verpflichtung dem Menschenwesen gegenüber, die uns befiehlt, es nicht Hunger leiden zu lassen, wenn wir Gelegenheit haben, ihm zu helfen.....

Wer, um die Probleme zu vereinfachen, gewisse Verpflichtungen leugnet, hat in seinem Herzen einen Bund mit dem Verbrechen geschlossen.    ----1943  


10 

Eine Nahrung, die der menschlichen Seele unentbehrlich ist, ist die Freiheit..... Wenn die Möglichkeiten der Wahl so weit reichen, daß dem gemeinen Nutzen Schaden daraus erwächst, so genießen die Menschen keine echte Freiheit.

Die Gleichheit ist ein Lebensbedürfnis der menschlichen Seele... Indem man das Geld zur einzigen oder beinah einzigen Triebfeder aller Handlungen, zum einzigen oder beinah einzigen Maßstab aller Dinge machte, hat man das Gift der Ungleichheit allenthalben verbreitet.  ----1943 


11

.... Verantwortlichkeit, das Gefühl, daß man nützlich, ja daß man unentbehrlich sei, sind Lebensbedürfnisse der menschlichem Seele.

Eine völlige Beraubung in dieser Hinsicht findet im Fall des Arbeitslosen statt, selbst wenn er Unterstützung erhält, die ihm Essen, Kleidung und Wohnung sichert....

Jede Gemeinschaft, gleichviel welcher Art, die ihren Mitgliedern diese Befriedung nicht gewährt, ist verdorben und muß umgewandelt werden.

1943  

 


 

12

.... die völlige, unbegrenzte Freiheit, jede beliebige Meinung ohne Einschränkung oder Vorbehalt zu äußern, ist ein unabweisbares Bedürfnis der menschlichen Vernunft. Infolgedessen ist sie ein Bedürfnis der Seele; sobald die Vernunft sich bedrückt fühlt, ist die ganze Seele krank....

Sämtliche die Freiheit der Meinung betreffenden Probleme lassen sich ganz allgemein klären, wenn man von dem Grundsatz ausgeht, daß diese Freiheit ein Bedürfnis der denkenden Vernunft ist, und daß die Vernunft einzig dem menschlichen Wesen zukommt. 

1943


13

Ferner verlangt dieses der Vernunft so wesentliche Bedürfnis nach Freiheit, daß es vor der Suggestion, der Propaganda und jeder zudringlichen Beeinflussung geschützt werde.....

Was die Gedankenfreiheit angeht, so besteht die Ansicht, daß es ohne sie überhaupt kein Denken gebe, in hohem Maße zu Recht. Mit noch größerem Recht aber darf man sagen, daß, wenn das Denken nicht vorhanden ist, es auch nicht frei ist. Es gab wohl sehr viel Gedankenfreiheit in den letztvergangenen Jahren, aber es gab kein Denken.  

1943  


14

Der Kampf der Parteien, wie er in der Dritten Republik herrschte, ist untragbar.....  Eine Demokratie, in welcher der Kampf der Parteien das öffentliche Leben ausmacht, ist unfähig, die Bildung einer Partei zu verhindern, die eingestandenermaßen die Demokratie zu beseitigen strebt. Erläßt sie Ausnahmegesetze, so beraubt sie sich selber der Lebensluft. Erläßt sie keine, so ist ihre Sicherheit so groß wie die eines Vogels vor einer Schlange. 

1943  


15

Die menschliche Seele bedarf des persönlichen und des kollektiven Eigentums... Die Seele fühlt sich vereinzelt, verloren, wenn sie sich nicht von Dingen umgeben sieht, die für sie gleichsam eine Verlängerung der Körperglieder sind....

... es ist wünschenswert, daß die meisten Menschen Eigentümer ihrer Wohnungen, eines Stückchens umliegenden Landes und, falls dies technisch nicht unmöglich ist, ihres Arbeitsgerätes sind....

Die Teilhabe an den Kollektivgütern.... ist ein nicht minder wichtiges Bedürfnis.

1943

 


 

16

Das Bedürfnis nach Wahrheit ist geheiligter als jedes andere.... es fordert, daß alle zu den geistigen Kulturgütern Zugang haben...., daß im Bereich des denkenden Geistes niemals ein materieller oder seelischer Druck ausgeübt wird, der einer anderen Absicht entspringt, als der ausschließlichen Bemühung um die Wahrheit; was unbedingtes Verbot ausnahmslos jeder Propaganda in sich schließt.

1943

 


 

17

Es gibt Menschen, die täglich acht Stunden arbeiten und abends noch die große Mühe aufwenden, zu ihrer Unterrichtung zu lesen. Sie können keine Nachforschungen in den großen Bibliotheken anstellen. Sie glauben dem Buch aufs Wort. Man hat nicht das Recht, ihnen Falsches zu essen zu geben....

Das Bedürfnis nach Wahrheit fordert den Schutz vor Irrtum, Suggestion und Lüge, was jegliche vermeidbare, öffentlich behauptete sachliche Falschheit zu einem strafbaren Vergehen macht. 

1943

 


 

18

Die Entwurzelung ist bei weitem die gefährlichste Krankheit der menschlichen Gesellschaft. .... Eine Entwurzelung findet jedesmal dann statt, wenn ein Land mit Militärgewalt erobert wird....

Selbst ohne militärische Eroberung können die Macht des Geldes und die Beherrschung des Wirtschaftslebens einen fremden Einfluß so nachdrücklich aufzwingen, daß er die Krankheit der Entwurzelung hervorruft...

Bei uns lassen sich heute, die Eroberung einmal beiseitegesetzt, zwei Gifte feststellen, welche diese Krankheit verbreiten. Das eine ist das Geld. 

1943

 


 

19

Überall, wo das Geld eindringt, zerstört es die Wurzeln, indem es alle anderen Triebkräfte durch das Verlangen nach Bereicherung ersetzt. Es hat insofern leichtes Spiel, die anderen Triebkräfte auszuschalten, als es einen bedeutend geringeren Grad an Aufmerksamkeit erfordert. Nichts ist so klar und so einfach wie eine Zahl.

Es gibt eine Stellung, die gänzlich und beständig vom Geld abhängig ist, das ist die der Lohnempfänger.... Daher ist die Krankheit der Entwurzelung in dieser sozialen Stellung besonders akut. 

1943

 


 

20

Der zweite Faktor der Entwurzelung ist das allgemeine Bildungs- und Unterrichtswesen wie es heutzutage aufgefaßt wird.... Das Ergebnis ist eine Bildung, die sich in einem äußerst eingeschränkten Kreis und abgesondert von der Außenwelt entwickelt hat, eine in hohem Maße auf die Technik hingeordnete und von ihr beeinflußte Bildung..... völlig ohne jede Berührung mit dieser Welt und zugleich ohne Aufgeschlossenheit für das Überweltliche. 

1943

 


 

21

Wer entwurzelt ist, entwurzelt. Wer verwurzelt ist, entwurzelt nicht...

Die Deutschen waren in dem Augenblick, wo Hitler sich ihrer bemächtigte, in der Tat, wie er unaufhörlich wiederholte, ein Volk von Proletariern, das heißt von Entwurzelten; die Demütigung von 1918, die Inflation, die ummäßig gesteigerte Industrialisierung und vor allem die äußerste Bedrohlichkeit der Arbeitslosigkeitskrise hat bei ihnen die moralische Erkrankung bis zu jenem Grade verschärft, der die Verantwortungslosigkeit nach sich zieht...

Hitler bedeutet organisierter Massenmord, Beseitigung jeder Freiheit und Kultur. 

1943, 1932

 


 

22

Die Unbewußten, die Verzweifelten, die für jedes Abenteuer Bereiten, dienen mit Hilfe der Hitlerdemagogie in den Bürgerkriegstruppen..... Die vorsichtigen und gemäßigten Arbeiter sind, an Händen und Füßen gefesselt, durch die Sozialdemokratie dem deutschen Staatsapparat ausgeliefert. Die leidenschaftlichsten und entschlossensten Proletarier werden durch die Vertreter des russischen Staatsapparates zur Ohnmacht verurteilt..... Der drohenden Gefahr hat die deutsche Arbeiterklasse nichts entgegenzusetzen.

5.März 1933, 1932

 


 

23

Was Intellektuelle, Kleinbürger, Angestellte, Arbeitslose dieser verworrenen Zukunft entgegentreibt, ist das Gefühl, daß die Partei, die sie ihnen verspricht, eine Kraft darstellt. Diese Kraft ist überall sichtbar; in den uniformierten Aufmärschen, den Attentaten, den für die Propaganda einsetzten Flugzeugen. Und alle Schwachen bewegen sich auf diese Kraft zu wie die Fliegen auf das Feuer.  

5. März 1933.

 


 

24

Die gegenwärtige Periode ist eine von jenen, wo alles, was gewöhnlich einen Lebenssinn zu geben scheint, sich verflüchtigt, wo man alles in Frage stellen muß, will man nicht in Verwirrung oder Unbewußtheit verfallen. 

Daß der Sieg autoritärer und nationalistischer Bewegungen fast überall das Vertrauen braver Leute in Demokratie und Pazifismus zerstört, ist nur ein Teil des Übels, in Wirklichkeit ist es viel tiefer und ausgedehnter. 

1934


 

25

Was den amerikanischen Erdteil betrifft, so wird, da seine Bevölkerung sich seit mehreren Jahrhunderten vornehmlich aus Einwanderern zusammensetzt, der vorherrschende Einfluß, den er vermutlich ausüben wird, die Gefahr beträchtlich steigern.

In dieser fast verzweifelten Lage kann man hienieden nirgends Hilfe finden als auf jenen kleinen Inseln, wo die Vergangenheit auf der Erdoberfläche noch lebendig geblieben ist. 

1943

 


 

26

Die Entwurzelung des Bauernstandes ist ein nicht minder ernstes Problem als die Entwurzelung der Arbeiterschaft. ....es ist gegen die Natur, daß die Erde von Entwurzelten angebaut wird. .... In erschreckendem Maße hat auch die Kaserne zu der Entwurzelung der jungen Bauern beigetragen.... 

In allem, was den Geist angeht, hat die moderne Welt den Bauern gewaltsam entwurzelt. Zuvor besaß er alles, dessen ein Mensch an Kunst und Wissen bedarf, in einer ihm eigentümlichen Gestalt und von der vorzüglichsten Qualität. 

1943

 


 

27

Nie war der Einzelne dem blinden Kollektiv so uneingeschränkt ausgeliefert und nie waren die Menschen unfähiger, ihre Aktion dem Denken zu unterwerfen, ja überhaupt zu denken. Begriffe wie Unterdrücker, Unterdrückte, Klassen sind dabei, jegliche Bedeutung zu verlieren, so offenkundig sind die Ohnmacht und Angst aller Menschen angesichts der gesellschaftlichen Maschine, die Herz und Geist vernichtet, Unbewußtheit, Dummheit, Korruption, Trägheit und vor allem Schwindelgefühl erzeugt. 

1934

 


 

28

Das moderne Leben ist der Maßlosigkeit verfallen: Tun und Denken, öffentliches und privates Leben. Daher der Verfall der Kunst. Überall ist das Gleichgewicht verlorengegangen. ...

Ganz allgemein ist es in jedem Bereich unvermeidlich, daß überall dort das Böse herrscht, wo alles der unumschränkten oder doch beinah unumschränkten Herrschaft der Technik untersteht.

1942, 1943

 


 

29

Die Massen stellen und lösen keine Probleme, folglich organisieren und konstruieren sie nichts, übrigens sind auch sie von den Lastern des Regimes geprägt, unter dem sie leben, sich abmühen und leiden. Ihre Hoffnungen tragen das Zeichen des Regimes.

Die kapitalistische Gesellschaft führt alles auf Francs, Sous, Centimes zurück; die Hoffnungen der Massen drücken sich auch hauptsächlich in Francs, Sous, Centimes aus.

nach 1943

 


 

30

Niemand aber denkt heute an diejenigen seiner Vorfahren, die fünfzig oder auch nur zwanzig oder zehn Jahre vor seiner Geburt gestorben sind, noch an diejenigen seiner Nachfahren, die fünfzig, oder auch nur zwanzig oder zehn Jahre nach seinem eigenen Tode zur Welt kommen werden..... Der Verlust der kollektiven wie der individuellen Vergangenheit ist die große menschliche Tragödie.... 

1943

 


 

31

Die zerstörte Vergangenheit ist unwiederbringlich dahin. Die Zerstörung der Vergangenheit ist vielleicht das größte Verbrechen. Die Bewahrung des wenigen, das noch vorhanden ist, sollte uns heute fast zur fixen Idee werden....

Das Studium der Geschichte abschaffen zu wollen, wäre ein verhängnisvoller Irrtum. Es gibt kein Vaterland ohne Geschichte. Die Vereinigten Staaten lassen genügsam erkennen, wie ein Volk aussieht, das der zeitlichen Tiefe beraubt ist. 

1943

 


 

32

Die Prostitution ist ein typisches Beispiel für jene Fähigkeit zur Ansteckung in der zweiten Potenz, die der Entwurzelung eigentümlich ist. Die Lage der beruflichen Prostituierten stellt den äußersten Grad der Entwurzelung dar...

Der Geist der Wahrheit ist heute in Religion und Wissenschaft, auf allen geistigen Gebieten kaum noch anzutreffen.

1943

 


 

33

Wir Leben in einer Welt, in der nichts menschlichen Maßstäben entspricht. Eine monströse Disproportion besteht zwischen dem menschlichen Körper und den Dingen, die sein Leben ausfüllen. 

Alles ist aus dem Gleichgewicht gekommen. Keine Kategorie, keine Gruppe oder Klasse entgeht vollständig diesem zerstörerischen Ungleichgewicht ... 

Die in dieser Atmosphäre aufwachsenden Jugendlichen drücken - mehr als alle anderen - in ihrem Inneren das sie umgebende Chaos aus. 

1934

 


 

34

Man müßte auf den Begriff Nation verzichten — oder besser gesagt, auf den Gebrauch dieses Wortes, denn der Ausdruck "national" und alle Zusammensetzungen, in denen er auftaucht, sind bedeutungsleer. Sie haben keinen anderen Inhalt als Millionen Leichen, Waisen und Krüppel, Verzweiflung und Tränen. 

1937

 


 

35

Das Böse ist die schrankenlose Freiheit....   Sobald man das Böse tut, erscheint das Böse als eine Art Pflicht....

Die böse Tat überträgt auf andere die Entwürdigung, die man in sich selbst trägt. Deshalb neigt man dazu wie zu einer Befreiung.

Findet eine Übertragung des Bösen statt, so wird das Böse bei dem, von welchem es ausgeht, nicht vermindert, sondern vermehrt. 

1942

 


 

36

Mit Hilfe der Massenpresse und des Rundfunks kann man ein ganzes Volk, beim Frühstück oder Abendessen fertige und folglich absurde Meinungen hinunterschlucken lassen, denn sogar vernünftige Ansichten werden entstellt, wenn sie unreflektiert aufgenommen werden. Damit kann man auch nicht einen einzigen Geistesfunken erzeugen. Das gilt allgemein. 

1934

 


 

37

Oft wird gesagt, die Gewalt sei unfähig, die Gedanken zu beherrschen, doch damit das zutrifft, müssen Gedanken vorhanden sein. Es ist beispielsweise ungerecht, wem behauptet wird, der Faschismus vernichte das freie Denken, in Wirklichkeit ist es das Fehlen des freien Denkens, das ermöglicht, völlig sinnlose ... Doktrinen aufzuzwingen.... In unseren Tagen findet jeder Versuch, menschliche Wesen abzustumpfen, mächtige Mittel zur Verfügung. 

1934

 


 

38

Das Land hingegen, welches der ersten Welle des deutschen Schreckens bei weitem am besten standgehalten hat, war dasjenige, das seine Tradition am meisten lebendig erhalten und am besten bewahrt hat, nämlich England.

Was es eifersüchtig zu bewahren gilt, sind die Tropfen lebendiger Vergangenheit, und zwar überall, in Paris oder auf Tahiti, denn es gibt deren nicht zuviele auf dem ganzen Erdball. 

1943

 


 

39 

Die Zukunft bringt uns nichts, gibt uns nichts; wir sind es, die ihr, um sie zu erschaffen, alles geben, ja unser Leben selber geben müssen. Um aber geben zu können, muß man zuvor besitzen, und wir besitzen kein anderes Leben, kein anderes Lebensmark als die von der Vergangenheit ererbten Schätze, die wir verdaut, uns anverwandelt und schöpferisch erneuert haben. 

1943

 


 

40

Es gibt kein anderes Verfahren, das menschliche Herz kennenzulernen, als das Studium der Geschichte verbunden mit der Erfahrung des Lebens, wem beide sich wechselseitig erhellen.

Man ist verpflichtet, dem Geist der Jugend und der Erwachsenen diese Nahrung zu bieten. Doch es soll eine Nahrung der Wahrheit sein. Nicht nur müssen die Tatsachen, soweit sich dies feststellen läßt, mit der Wirklichkeit übereinstimmen, sondern sie müssen darüber hinaus in ihrem wahren Verhältnis zu Gut und Böse dar gelegt werden.

1943

 


 

41

Zu glauben, daß das Verlangen nach dem Guten immer seinen Lohn empfängt - das ist der Glaube, und wer ihn hat, ist kein Atheist..... 

Der Glaube ist die Gewißheit eines anderen Bereiches als dieses unentwirrbaren Gemenges von Gut und Böse, aus dem diese Welt besteht, eines Bereiches, wo das Gute nur Gutes, und wo das Böse nur Böses erzeugt.

Etwas Gutes als Gutes anerkennen und ihm das Böse als Ursprung zuschreiben, ist die Sünde wider den Geist, die nicht vergeben wird. 

1940/42

 


 

42

Das Wesen der Erziehung - es handle sich um Kinder oder Erwachsene, um Individuen oder ein Volk, oder auch um einen selbst - besteht darin, daß sie seelische Antriebe zum Handeln hervorruft. 

Dem eigentlichen Unterricht liegt es ob, aufzuzeigen, was vorteilhaft, was verpflichtend, was gut ist. 

Die Erziehung befaßt sich mit den Beweggründen, aus denen heraus das tatsächliche Handeln erfolgt. 

Denn eine Handlung kommt niemals zur Ausführung, wenn ihr nicht Beweggründe vorausgehen. .....  

1943

 


 

43

Vor allem aber gilt es, bei jeder politischen, rechtlichen oder technischen Neuerung, die in das Sozialgefüge verändernd eingreift, sein Augenmerk vorzüglich auf solche Maßnahmen zu richten, die den Menschen erlauben, wieder Wurzeln zu fassen....

Die Aufhebung der proletarischen Lebenssituation, die sich vor allem durch die Entwurzelung charakterisieren läßt, läuft auf die Aufgabe hinaus, eine industrielle Produktion und eine geistige Kultur aufzubauen, in der Arbeiter zu Hause sind und sich zu Hause fühlen. 

1942

 


 

44

Das geistig Gute ist in jeder Hinsicht, zu allen Zeiten an jedem Ort und unter allen Umständen gut.

Das ist es, was Christi Worte ausdrücken: "Ein jeglicher guter Baum bringt gute Früchte; der faule Baum aber bringt arge Früchte. Ein guter Baum kann nicht arge Früchte bringen und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen...."

Die Erfahrung des Guten gewinnt man nur, indem man es vollbringt.

1943

 


 

45

Es gibt ein Kriterium, dessen Anwendung allgemeingültig und sicher ist um den wahren Wert einer Sache zu erkennen, versuche man festzustellen, wieviel Gutes nicht in der Sache selbst enthalten ist, sondern in den Triebkräften, die sie. hervorgebracht haben. Denn soviel des Guten in der Triebkraft Uegb, ebensoviel ist in der Sache selbst      nicht mehr. Das Wort Christi über die Bäume      Früchte ist eine Garantie dafür. 

1943

 


 

46

Man weiß aus einer der Biografien Hitlers, daß eines der Bücher, die auf seine Jugend den nachhaltigsten Einfluß ausgeübt haben, eine Schrift zehnten Ranges über Sulla war*. ..... Wenn Hitlers Trachten der Art von Größe galt, die er in diesem Buche und überall verherrlicht sah, so hat er sich seinerseits nicht geirrt. Denn eben diese Größe hat er erreicht, die gleiche, vor der wir alle uns schmählich beugen, wenn wir die Augen auf die Vergangenheit richten.

 

*... bei den Massakern des Sulla stand das Blut in den Straßen Athens so hoch wie bei einer Überschwemmung.....

1943

 


 

47

Man stelle sich diesen jungen Mann vor; wie er elend, entwurzelt, noch Größe hungernd durch die Straßen von Wien irrt. ...Wer aber ist schuld, daß er keine andere Art von Größe entdeckte als das Verbrechen?

 .... Der Verfasser dieses minderwertigen Buches über Sulla... allgemeiner alle Autoritäten des Wortes oder oder der Feder, die zu jener Atmosphäre beigetragen haben, in welcher Hitler als junger Mann aufgewachsen ist, all diese tragen vielleicht an den Verbrechen, die Hitler begeht, eine größere Schuld als er selbst.

1943 

 


 

48

Man spricht davon, Hitler zu bestrafen. Aber man kann ihn nicht bestrafen. Er hat nur eines begehrt, und dieses Eine hat er erlangt: in die Geschichte einzugehen.

Man töte ihn, man foltere ihn, man schließe ihn ein, man demütige ihn — immer wird die Geschichte da sein, seine Seele zu beschirmen vor jeder Verletzung des Schmerzes und des Todes. 

Was immer man über ihn verhängen wird, es wird unausweichlich ein geschichtlicher Tod, geschichtliches Leiden, Geschichte sein. 

1943  

 


 

49

Die einzige Art, wie man Hitler bestrafen und ihn in den Augen der nach Größe dürstenden kleinen Jungen künftiger Jahrhunderte zu einem abschreckenden Beispiel machen könnte, bestünde in einer so vollständigen Umwandlung dessen, was als groß gilt, daß er davon ausgeschlossen wäre. ... 

Es ist ein Wahn... zu glauben, man könne Hitler von der Größe ausschließen, ohne unter den heutigen Menschen den Begriff und die Bedeutung der Größe von Grund auf umzuwandeln. 

1943

 


 

50

Wie sollte ein Kind, das im Geschichtsunterricht die Grausamkeit und den Ehrgeiz verherrlicht sieht; im Literaturunterricht den Egoismus, die Eitelkeit, die Sucht, von sich reden zu machen; im wissenschaftlichen Unterricht alle jene Entdeckung, die das Leben der Menschen verändert hoben, wobei weder die Methode der Entdeckungen noch die Wirkung der Umwälzung in Betracht gezogen wird; - wie sollte dieses Kind die Bewunderung des Guten lernen ? ..... 

In der Atmossphäre der falschen Größe wird man vergeblich noch der wahren Größe fahnden. Man muß die falsche Größe verachten.

1943

 


 

51

Es ist absolut falsch, daß eine Art Mechanismus der Vorsehung jeweils das Beste einer Epoche dem Gedächtnis der Nachwelt überliefert. Der Natur der Dinge nach wird die falsche Größe überliefert......

Die unglücklichen Völker des europäischen Kontinents bedürfen der Größe noch mehr als des Brotes, und es gibt zwei Arten von Größe: die echte Größe, die dem Geiste angehört, und die alte Lüge der Welteroberung. 

1943  

 


 

52

Im Verlauf des letztem Jahrhunderts hat man begriffen, daß die Gesellschaft selbst eine Naturkraft ist, ebenso blind wie die anderen, ebenso gefahrvoll für den Menschen, wenn es ihm mißlingt, sie zu beherrschen.... 

Die Beherrschung dieses Mechanismus ist für uns eine Frage über Leben und Tod; ihn beherrschen, heißt, ihn dem menschlichen Geist, dem Individuum, zu unterwerfen. Die Unterordnung der Gesellschaft unter das Individuum, das ist die Definition der wirklichen Demokratie, folglich auch des Sozialismus.

1933

 


 

53

Es ist endlich Zeit aufzuhören, von der Freiheit zu träumen; man muß sich entschließen, sie zu konzipieren...... Man muß sich bemühen, die vollkommene Freiheit klar zu entwerfen, nicht in der Hoffnung, sie zu erreichen, aber um eine weniger unvollkommene Freiheit zu erlangen, als sie unser gegenwärtiger Zustand gewährt. Denn das Beste ist nur durch das Vollkommene denkbar. Man kann sich auf ein Ideal allein hinbewegen. 

1934

 


 

54  

Die Hoffnung ist die Erkenntnis, daß das Böse in uns endlich ist und daß die geringste Hinwendung der Seele auf das Gute, dauerte sie auch nur einen Augenblick, ein wenig des Bösen austilgt, und daß, im geistigen Bereich, jedes Gute unfehlbar Gutes erzeugt....

Hört man eine Musik von Bach oder einen gregorianischen Choral, so schweigen alle Fähigkeiten der Seele und recken sich aus, dieses vollkommen Schöne zu erfassen, jede auf ihre Weise.

 


 

55

Jeder weiß, daß ein wahrhaft vertrauliches Gespräch nur zu zweien oder dreien stattfindet. Schon wenn man zu fünfen oder sechsen ist, beginnt die Kollektivsprache vorzuherrschen. 

Daher ist es völlig widersinnig, die Worte: "Überall dort, wo zwei oder drei von euch in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter euch" (Mt 18,20), auf die Kirche anzuwenden. Christus hat nicht gesagt: zweihundert, oder fünfzig, oder zehn. Er hat gesagt: zwei oder drei. 

1943

 


 

56

Nur das Gleichgewicht zerstört die Gewalt und hebt sie auf. Die soziale Ordnung kann nur in einem Gleichgewicht der Kräfte bestehen....

Weiß man, wodurch das Gleichgewicht der Gesellschaft gestört ist, so muß man sein Möglichstes tun, um in der leichten Schale ein Gewicht hinzuzufügen..... man muß immer bereit sein, sich auf die Gegenseite zu schlagen, wie die Gerechtigkeit, "diese Flüchtlingin* aus dem Lager des Siegers." .....  

 

OD, 2006: In meiner Vorlage schwer zu lesen / zu erkennen / zu deuten  


 

57

Sich bemühen, die Gewalt in der Welt immer mehr durch eine wirksame Gewaltlosigkeit zu ersetzen.... Nur das Verlangen nach der Vollkommenheit hat die Kraft, in der Seele einen Teil des Bösen, das sie befleckt, zu vernichten....  

Man muß das Geld in Verruf bringen. Es wäre nützlich, daß diejenigen, die höchstes Ansehen oder sogar Macht besitzen, gering entlohnt werden.... Öffentlich soll anerkannt sein, daß ein Bergmann, ein Drucker, ein Minister einander gleich sind.  

 


 

58  

...die Realität des Lebens ist nicht die Empfindung, sondern die Tätigkeit - ich meine die Tätigkeit im Denken sowohl wie in der Aktion. Diejenigen, welche nur ihren Empfindungen leben, sind materiell und moralisch nichts als Parasiten angesichts der Arbeiter und der schöpferisch Tätigen..... diese erlangen, obwohl sie keine Empfindungen suchen, weit lebhaftere, tiefere, weniger künstliche, als jene, die nach ihnen jagen. Empfindungen ha suchen, schließt einen Egoismus ein, der mich entsetzt. 

1934

 


 

59 

.... wo ein Bedürfnis vorhanden ist, besteht auch eine Verpflichtung.

Verbrecherisch ist alles, was ein menschliches Wesen entwurzelt oder es verhindert, Wurzel zu fassen.

Das Kriterium, das uns erlaubt, zu erkennen, ob die Bedürfnisse der menschlichen Wesen irgendwo befriedigt sind, ist eine Entfaltung der Brüderlichkeit, der Freude, der Schönheit, des Glücks. 

Da, wo Verschlossenheit, Trauer, Häßlichkeit herrschen, liegen Beraubungen vor, die nach Heilung verlangen.

1943

 


 

60

Das Wort ist nur ein Anfang....  
Ein Stück Brot geben ist mehr als eine Predigt halten.... 
Wem man etwas als ein Gut erkennt, muß man es ergreifen wollen. Sich seiner enthalten ist Feigheit....

Eine Triebkraft ist in der Seele nur dann wirklich vorhanden, wenn sie eine durch den Körper ausgeführte Tat hervorgerufen hat....

Das Höchste ist nicht, das Höchste verstehen, sondern es zu tun.

1940-43

 


 

61

Ich liebe Gott, Christus und den katholischen Glauben.... 

Ich liebe die Heiligen durch ihre Schriften und ihre Lebensbeschreibungen hindurch - einige ausgenommen, bei denen es mir unmöglich ist, sie völlig zu lieben oder sie als Heilige zu betrachten... Ich liebe die Liturgie, die Gesänge, die Baudenkmäler, die Riten und Zeremonien des Katholizismus. Aber ich besitze keinerlei Liebe zur Kirche im eigentlichen Sinne, außerhalb ihrer Beziehung zu all diesen Dingen, die ich liebe.

19.1.1942 


62

Ich werde niemals, in keinem Falle, darin einwilligen, für irgendeinen Menschen, wer es auch sein mag, als angemessen zu akzeptieren, was ich für mich selbst als moralisch inakzeptabel ansehe.

April 1936  

 


Nachweis

Tafeln einer Ausstellung der Friedensbibliothek Berlin, Bartholomäuskirche, Friedensstr. 1, 1998 

 

 

 

Angelica Krogmann 1970

 

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