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Werner Sombart 

Liebe, Luxus und Kapitalismus 

Über die Entstehung der  modernen Welt
aus dem Geist der Verschwendung  

1983, 1992 1996 by Wagenbach, Berlin
ISBN 3-8031-2215-5 

Umschlag: <Madame de Pompadour> von Francols Drouais  
Das Karnickel auf Seite 1 zeichnete Horst Rudolph

Titel der Originalausgabe: »Luxus und Kapitalismus«. Die Taschenbuchausgabe folgt dem Text der zweiten Auflage von 1922.

 

1912 + 1922   (*1863)  200 Seiten

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detopia: 

 

Inhalt

Einleitung von Silvia Bovenschen (7)

Vorwort von Werner Sombart  (17)

Quellen und Literaturhinweise  (195)

 

Entstand der Kapitalismus aus dem Geist der Verschwendung? Meist ist von anderem die Rede: von protestantischer Ethik und der pfennigfuchsenden Sparsamkeit früher Unternehmer.

Werner Sombarts berühmte Studie beweist mit einer Fülle von Material etwas ganz anderes: Am Anfang stand eine tiefgreifende Wandlung im Verhältnis der Geschlechter – Liebe und Ehe traten auseinander. Die schräge Amoure betritt offen das Parkett der Gesellschaft, sie möchte gesehen werden, und dazu braucht es den Luxus. Der aber will produziert sein: Weniger der Geist ökonomischer Vernunft, denn der der Halbwelt setzte die große Industrie in Gang.

Sombarts glänzendes Buch ist nicht nur ein wichtiger Beitrag zur Geschichte des Kapitalismus, sondern auch überzeugendes Beispiel einer Wissenschaft, die einmal lesbare Bücher hervorbrachte. 

»Dargestellt und begründet wird nicht einfach eine dürre These über die wechselseitige Beziehung zwischen der hemmungslosen Lust der Verschwendung und ihrem neuzeitlichen Komplement: der asketisch-rationalen Organisation ihrer Befriedigung. Ebenso im Zentrum stehen die Fragen nach dem Phänomen des Luxus selbst: Wie zeigt er sich? Wer und was definiert seine Erscheinungs­formen; wodurch wird er sozial legitim; schließlich: welche Rolle spielen die Frauen, spielt die >Liebe< bei alldem? Um beim letzten anzufangen: die allergrößte.«   

( Georg Kohler, Neue Zürcher Zeitung )

1. Die neue Gesellschaft
Der Hof (21)  Der bürgerliche Reichtum (24)  Der neue Adel (28) 

2. Die Großstadt
Die Großstädte des 16., 17. und 18. Jahrhunderts (43)  Die Entstehung und die innere Gliederung der Großstädte (45)  Die Städtetheorien des 18. Jahrhunderts (57)

3. Die Säkularisation der Liebe 
Der Sieg des Illegitimitätsprinzips in der Liebe 65  •  Die Kurtisane 74

4. Die Entfaltung des Luxus  
Begriff und Wesen des Luxus  85 • Die Fürstenhöfe 89 • Die Nachfolge der Kavaliere und der Protzen 104 • Der Sieg des Weibchens 118  #  Die allgemeinen Entwicklungstendenzen des Luxus 118 • Der Luxus zu Hause 121 • Der Luxus in der Stadt 129

5. Die Geburt des Kapitalismus aus dem Luxus 
Richtige und falsche Problemstellung (137)  Der Luxus und der Handel (143)  Der Großhandel (143)  Der Detailhandel (152)  Der Luxus und die Landwirtschaft 159 • In Europa 159  • In den Kolonien 165 

6. Der Luxus und die Industrie (168) 
Die Bedeutung der Luxusindustrien 168 - Die reinen Luxusgewerbe 171 - Die Seidenindustrie - Die Spitzenindustrie - Die Spiegelfabrikation - Die Porzellanindustrie - Verschiedene Industrien - Die gemischten Gewerbe 177 - Die Wollindustrie - Die Leinenindustrie - Die Schneiderei -Lederarbeiter (Schuhmacher, Sattler, Gerber) - Hutmacherei - Baugewerbe - Stellmacherei, Tapeziererei - Tischlerei - Die revolutionierende Kraft des Luxuskonsums 191  

    

Vorwort 

17

Die Studien, die ich mit diesem Bande zu veröffentlichen beginne, sind Ergebnisse meiner wirtschafts­geschicht­lichen Untersuchungen, die ich für eine Neu­bearbeitung meines <Modernen Kapitalismus> anstellen mußte. 

Ich lasse sie hier gesondert erscheinen, aus dem äußeren Grunde: weil sie zu umfangreich geworden sind, um sich in den Rahmen einer allgemeinen Darstellung einfügen zu lassen; aus dem inneren Grunde: weil sie sachlich die Probleme über das Gebiet der Wirtschafts­geschichte hinaus viel weiter verfolgen, als es eine strenge wirtschaftsgeschichtliche Gedankenführung zulassen darf, weil sie auf der anderen Seite als in sich geschlossene Einheiten erscheinen, die besser in abgesonderter Behandlung zur Geltung kommen, weil sie alsdann von ihrem eigenen Konstruktionszentrum aus angesehen werden können.

Mit meinem voriges Jahr erschienenen Buche <Die Juden und das Wirtschaftsleben> habe ich im Grunde den Anfang mit der Veröffentlichung dieser Studien gemacht. Denn dort habe ich, ähnlich wie es hier geschieht, ein bestimmtes Problem in der Entwicklungsgeschichte des modernen Kapitalismus in allen seinen Verzweigungen der Prüfung unterworfen. 

Lag mir damals daran, zu zeigen: welche überragende Bedeutung für das Wirtschaftsleben der europäischen Völker der alte Judengott Jehova gehabt hat, so möchte ich in den zwei Bänden, die ich jetzt der Öffentlichkeit preisgebe, den Anteil zweier anderer Gottheiten am Aufbau des modernen Kapitalismus nachweisen. Der 2. Band dieser »Studien« behandelt den Zusammenhang zwischen Krieg und Kapitalismus. 

Dieser 1. Band der den Titel <Luxus und Kapitalismus> führt sollte aber eigentlich <Liebe, Luxus und Kapitalismus> heißen, weil sein Grundgedanke der ist, nachzuweisen, 

18

Riesengebirge, 12.11.1912, Werner Sombart  


 

Die "Weibchen" als Treiber des Kapitalismus. Von der Mätresse zur Massenproduktion.      Von Kritischer Leser 2012 bei Amazon 

 

Werner Sombart (1863-1941) war Volkswirt und Soziologe. Er hat sein Buch im Jahr 1912 veröffentlicht. Wie etliche andere Soziologen und Ökonomen seiner Zeit hat er sich auch mit der Entstehungsgeschichte des Kapitalismus beschäftigt. Während viele die rein ökonomische Seite betrachten, einige den religiösen Hintergrund hervorheben, sieht Sombart den Luxus als eine wesentliche Triebfeder. Und damit auch keine Zweifel an seiner Betrachtungsweise aufkommen, formuliert er recht deutlich (S. 168): "... der Zusammenhang zwischen der Entfaltung des Luxusbedarfs und der Entwicklung des Kapitalismus [ist] auch für die blödesten Augen deutlich, hier ist sie mit Händen zu greifen." Wer seiner Argumentation nicht folgen kann, wäre demnach nicht besonders intelligent.

Sombart stellt zu Beginn fest, dass Reichtum im frühen Mittelalter hauptsächlich aus Grundbesitz bestand. Reiche "Bürger" gab es zu jener Zeit nicht. Der Landbesitz gehörte dem Adel oder der Kirche. Es sei zwar für die Vornehmen würdig, Geld auszugeben, aber nicht, es zu verdienen. Einen Wendepunkt hin zum Kapitalismus sieht er in dem Umstand, dass nach und nach die (geschlechtliche) Liebe vom Stigma der Sünde befreit worden sei. Der Minnesang ist aus Sombarts Sicht "der natürliche Anfang moderner Liebe", obwohl er "ausgesprochene Pubertätserotik" (S. 66) gewesen sei. 

Die Ehe war - deutlich erkennbar im Adel - viele Jahrhunderte ein arrangiertes Bündnis gewesen, das mit Liebe nichts zu tun hatte. Sombart zitiert Montaigne (1533 - 1592) mit den Worten: "Lieben und sich binden sind zwei grundverschiedene Dinge, die einander ausschließen." Es sei daher nachvollziehbar, dass man (und damit meint er Männer) außereheliche Beziehungen pflegte, die emotionale und sexuelle Befriedigung versprachen. Ab etwa dem 16. Jahrhundert begann das Zeitalter der Mätressen (offizielle adelige Geliebte meist eines Königs), der Kurtisanen (Geliebte von Fürsten und Adeligen) und später der Kokotten (Geliebte von bürgerlichen Männern). Mit ihnen "...tritt die Liebe, die zu einer freien Kunst geworden ist, wieder aus dem Stadium des Dilettantismus heraus und wir der Pflege Berufener überantwortet." (S. 76).

Diese Dauerhaften Nebenbeziehungen (Mätressen, Kurtisanen) stellen an die Männer Ansprüche, die erfüllt werden mussten. Einerseits war es Prestigesache, sich teure "Weibchen" zu halten. Anderseits forderten diese Frauen besonders Luxusgüter als Gegenleistung für ihre Dienste. Mit dem stilbildenden Auftreten der Kurtisane mussten auch die offiziellen Ehefrauen mithalten, um nicht ganz ausgestochen zu werden. So entstand nach und nach eine Luxusgüterproduktion, die eine kapitalistische Produktionsweise erforderte. Dabei ist nach Sombart "Luxus jeder Aufwand, der über das Notwendige hinausgeht...: er kann quantitativ oder qualitativ ausgerichtet sein." (S. 85) Der Bedarf an Luxusgüter wurde verstärkt, als die "Protze, Knallprotze, Lakaien, reichgewordenen Kanaillen und Pfeffersäcke" (S. 105) sich ebenfalls dauerhafte Nebenbeziehungen hielten.

Obwohl nur die "blödesten Augen" den Beitrag der Luxusindustrie nicht erkennen würden, gesteht Sombart ein, dass er keine "quantitativen Vorstellungen" zur Bedeutung der Luxusindustrie habe (S. 170). Er kommt aber dennoch zu dem Schluss (S. 194): "So erzeugt Luxus, der selbst, wie wir sahen, ein legitimes Kind der illegitimen Liebe war, den Kapitalismus."

Sombarts Studie ist sicherlich eine ungewöhnliche Betrachtungsweise zum Entstehen des Kapitalismus. Einige Ideen sind auch originell. Manchem kann man auch nicht unbedingt widersprechen. Eine umfassende Theorie zur Entstehung des Kapitalismus ist es sicherlich nicht. Aus heutiger Sicht gibt es lesenswertere Lektüre. Für junge Soziologen und Interessierte ist das Buch vielleicht dennoch interessant. #

 

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