Martin Schürz

Überreichtum

 

2019 im Campusverlag

2020 bei BpB, 226 Seiten

Martin Schürz (2019) Überreichtum

2019     226 Seiten

DNB.Buch 

Bing.Buch 

Goog.Buch (Video)

wikipedia Autor *1964 in Wien

detopia 

Milliardärsbuch

Umweltbuch    S.htm

Krysmanski

 

Inhalt.pdf 

Inhaltsangabe 

Verlag - Reichtum polarisiert. Er wird bewundert und anerkannt, kritisiert oder ruft Neid hervor. Reiche verbergen ihren Wohlstand, stellen ihn provokant zur Schau oder setzen ihn im Mäzenatentum öffentlichkeitswirksam ein.

Zudem gibt es Reichtum, der jede Dimension sprengt, ohne dass Umfang und Herkunft solcher Vermögen transparent würden.

Gesellschaften, denen an sozialer Gerechtigkeit gelegen sei, müssten, so Martin Schürz, die problematischen Beziehungen zwischen der individuell erarbeiteten Leistung eines Menschen und einem im Wortsinn unverdienten Überreichtum im Blick behalten, der ererbt sei oder aus Kapitalerträgen herrühre.

Angesichts ihrer immensen materiellen Ressourcen stünden Überreiche oftmals weit jenseits allgemeiner Maßstäbe, Pflichten und Erwartungen. Überreichtum sei aber auch in moralischer Hinsicht angreifbar: Während arme Menschen sich nicht selten dafür zu rechtfertigen hätten, sei Überreichtum nach wie vor von durch eine Aura des Verdienstvollen verklärt.

Schürz erläutert mit vielfältigen Bezügen in die Ideengeschichte, wo und warum bis heute Philanthropie oder Barmherzigkeit, Spenden oder Mäzenatentum zumal der Superreichen den Blick auf die Problematik des Überreichtums verstellten und so Schritte hin zu einer gerechteren (Welt)gesellschaft verhindern.

 

Inhalt    

Einleitung  (7)

 

1  Was ist »über« an den Überreichen?  (21)

1  Messung von Reichtum (24)  2 Reichtum in den USA und in Europa (34) 

3  Messung von Überreichtum (38)  4 Diskreter Überreichtum versus sichtbarer Luxus (44)

2  Was ist ungerecht am Überreichtum?  (50)

1  Die Bedeutung von Ungerechtigkeitsgefühlen (64)  2  Dynastischer Überreichtum: Familienwerte (68)

3  Überreichtum als Herausforderung für die Politik  (81)

Reichensteuer: Symbolische Bekämpfung des Überreichtums (84)  2  Steuer auf Überreichtum ohne Leistung (89)

Bildung als Ablenkung von Überreichtum (95)  4 Mitgefühl mit der Mitte (98)

5  Die Ehre des soliden Bankiers (105)  6 Eigentümergesellschaft (109)   7 Politik der Verachtung (113)

4  Begründeter oder verdienter Reichtum  (118)

1  Legitimation des Reichtums über Leistung (120)  2  Legitimation des Reichtums über Philanthropie (124)

3  Verdienter versus unverdienter Reichtum  129   5  Überreiche Opfer  134
6  Heucheleien der Überreichen  136

5  Widerstreitende Gefühle zu Überreichtum   (139)

1  Innerer Reichtum (144)   2 Habgier und Geiz (147)   3  Schamloser Überreichtum (152)
4  Armenbeschämung versus Überreichenbeschämung (154)
5  Eitelkeit, Hochmut oder Stolz (160)    6 Zornlosigkeit (166)
7  Mitleid der Überreichen oder Mitleid mit den Überreichen?  172
8  Neidlosigkeit  177    9  Neidvorwürfe  180
10 Lasterhafte Tugenden der Überreichen  186

Schluss (193)      Anmerkungen (201)     Literatur (217)

 

Einleitung

Leseprobe.pdf  bis S. 10

7-

»Überreichtum« ist ein ungewöhnliches Wort. Als »Überreiche« be zeichnete der antike Philosoph Platon Reiche, die nicht tugendhaft seien.1 Heute wird bewundernd von »Superreichen« gesprochen, der kritische Begriff Platons ist in Vergessenheit geraten. Dieses Buch sucht den schillernden Begriff neu zu deuten, um die dramatische Vermögenskonzentration im 21. Jahrhundert besser zu verstehen.

Bei der Rechtfertigung der ungleichen Sozialordnung haben Überreiche stets viel Fantasie bewiesen. Doch Überreichtum geht nicht nur auf das moralische Versagen Einzelner zurück, sondern auch auf die staatliche Ordnung. Die Folgen betreffen die ganze Gesellschaft, denn Überreichtum verletzt Gerechtigkeitsprinzipien und gefährdet die Demokratie. Die leitende Frage dieses Buches ist: Was sichert die gesellschaftlich herausragende Position der Überreichen in einer Demokratie?

Und die These lautet: Neben einer Politik der Verachtung, die keine Maßnahmen gegen Vermögenskonzentration ergreift, leistet eine Gefühlspolitik zugunsten der Reichen einen bislang unterschätzten Beitrag. Denn bei Gefühlen gibt es andere Trennlinien als bei Gerechtigkeitsprinzipien und ökonomischen In teressen. Da verschwimmen die Dichotomien von gerecht und unge recht, arm und reich. Emotionen wie Neid, Gier oder Zorn teilen alle Menschen, egal, ob sie wohlhabend sind oder nicht. Überreiche im 21. Jahrhundert begründen ihre gesellschaftlichen Privilegien über ihre öffentlich inszenierten Tugenden. Sie stellen sich als mitfüh lend und großzügig dar. Das demokratische Publikum ist fasziniert.

Insbesondere die Philanthropie mancher Vermögender rückt Großzügigkeit und Mitgefühl ins Zentrum. Die Grenzziehung verläuft dann zwischen guten Vermögenden und bösen Reichen.2

Das wohltätige Engagement vieler Vermögender wird meist begrüßt, während den bösen Reichen Schamlosigkeit und Exzess unterstellt wird. Die Tradition einer moralischen Verurteilung der Reichen geht bis in die Antike zurück. Bei Platon galten die Überreichen als lasterhaft und bei Aristoteles wurde die Habgier der Reichen verurteilt. Generell wird Gier seit Jahrhunderten als üble Wurzel des Reichtums gebrandmarkt.

Doch Kritik an den Reichen kann auch umfassender und subtiler ausfallen. In seiner Erzählung Junger Mann aus reichem Haus aus dem Jahr 1925 hatte Francis Scott Fitzgerald sie so formuliert:

»Lassen Sie mich von den wahrhaft reichen Leuten erzählen. Das sind keine Menschen wie Sie oder ich. Sie besitzen und genießen früh und das verändert sie, macht sie weich, wo wir hart sind, zynisch, wo wir zuversichtlich sind, und das auf eine Art, die man nur schwer begreift, wenn man nicht selbst im Reichtum geboren ist. Sie halten sich aus tiefster Überzeugung für etwas Besseres als wir, weil wir erst einmal für uns selbst entdecken mussten, wie man sich im Leben einrichten und schadlos halten kann. Sie mögen noch so tief in unsere Welt einsteigen oder gar unter uns herabsinken, so glauben sie dennoch, etwas Besseres zu sein als wir. Sie sind eben anders.«3

Reichtum geht mit gesellschaftlichem Ansehen einher. Adam Smith, Gründervater der Ökonomie, hatte 1776 in seinem Hauptwerk Der Wohlstand der Nationen festgestellt:

»Das Ansehen der Reichen ist zwar in jedem Zeitalter der Gesellschaft groß, aber am größten ist es wohl in den rohesten Zeiten derselben, sofern sie nämlich eine bedeutende Vermögensungleichheit aufzuweisen hat.«4

Dies trifft auf die Gegenwart zu. Das reichste Prozent der Weltbevölkerung hat fast so viel an Vermögen wie der Rest.5

Und die drei reichsten Menschen besitzen so viel an Vermögen wie die gesamte ärmere Hälfte der Bevölkerung in den Vereinigten Staaten zusammen.6

Den Vermögenden gelingt auch eine Steuervermeidung in Steueroasen viel leichter als dem Rest der Bevölkerung. Ein eigener Industriezweig hilft den Überreichen Steuern zu vermeiden.(7)

8


(9)

Auch steigt die Marktmacht von großen Konzernen bedenklich an. Wenige Giganten streichen einen Löwenanteil der Profite ein. Jüngst problematisierte diese Winner-take-most-Welt sogar der Internationale Währungsfonds in seinem Weltwirtschaftlichen Ausblick 2019. Die Einkommensungleichheit steigt an und die Vermögenskonzentration ist weltweit extrem.

In Smiths Theorie der ethischen Gefühle von 1759 finden sich moralpsychologische Überlegungen, die auch heute noch helfen, die Komplexität des Themas Reichtum zu erfassen. Bestimmte Gefühle sind für die Aufrechterhaltung von Überreichtum hilfreich. Smith bemerkte eine Neigung vieler Menschen, »die Reichen und Mächtigen zu bewundern und beinahe göttlich zu verehren und Personen in ärmlichen und niedrigen Verhältnissen zu verachten oder wenigs tens zurückzusetzen«.8

Er erkannte, dass es nicht darum geht, ob die Reichen tugendhaft oder lasterhaft sind. Wichtiger ist, dass die meisten Menschen eher Reiche als Arme verehren. Auch der Zorn von ihnen richtet sich nicht gegen die Wenigen, die zu viel haben, sondern gegen die Vielen, die zu wenig haben: »Häufig sehen wir die achtungsvolle Aufmerksamkeit der Welt stärker auf die Reichen und Vornehmen sich richten, als auf die Weisen und Tugendhaf ten. Häufig sehen wir, daß die Laster und Torheiten des Mächtigen weit weniger verabscheut werden, als die Armut und Schwäche des Unschuldigen.«9

Moralische Gefühle der Empörung gegen den Exzess der Über reichen markieren aber vielleicht ohnehin nicht die Trennlinie zwi schen Arm und Reich. Theodor W. Adorno hatte im Aphorismus
»Tugendspiegel« seiner Minima Moralia eine Verschränkung von
Reichtum und Tugend gesehen: »Reichtum als Gutsein ist ein Ele ment des Kitts der Welt; der zähe Schein solcher Identität verhindert
die Konfrontation der Moralideen mit der Ordnung, in der die Rei chen recht haben, während zugleich andere konkrete Bestimmun gen des Moralischen als die vom Reichtum abgezogenen nicht kon zipiert werden konnten.«10

(10)

Aus ökonomischer Perspektive scheint es bei Reichtum vorerst sowieso nicht um Tugenden und Laster, sondern nur um eine richti ge statistische Messung von Vermögen und um konzise Analysen zu gehen. Die volkswirtschaftlichen Analysen der statistischen Daten zu Vermögen untersuchen Gründe der Entstehung von Reichtum und deren Auswirkungen auf Wirtschaftswachstum und Finanzsta bilität. In den letzten Jahren sind zahlreiche ökonomische Analysen zu Ungleichheit durchgeführt worden.11

Soziologisch liegt der Fokus auf Machtfragen. Überreiche verfügen über Macht und prägen die Gesellschaft, in der sie leben. Die enorme Vermögenskonzentration wird ermöglicht durch politische Maßnahmen wie Unternehmenssteuersenkungen, Privatisierungen, Duldung von Steueroasen, schwache Wettbewerbspolitik, Finanzliberalisierungen und Deregulierungen. Seit den 1980er Jahren ist das öffentliche Vermögen massiv zurückgegangen und das private Vermögen angestiegen. Thomas Piketty und Gabriel Zucman fanden für einige Industriestaaten heraus, dass Vermögen viel wichtiger wurde als Einkommen. So war 1970 das Haushaltsvermögen zwei bis drei Mal so hoch wie das Nationaleinkommen, 2010 bereits vier bis sechs Mal so hoch.12

Das Gewicht der Eigentümer und der in der Vergangenheit entstandenen Vermögen wächst und Einkommen verliert in Relation zu bereits vorhandenem Kapital an Bedeutung. Ist ein Vermögen erst einmal vorhanden, folgt es einer eigenen Dynamik. Weder in den USA noch in Europa haben führende Politikerinnen und Politiker die zunehmend ungleiche Verteilung der Vermögen im Blick gehabt. Maßnahmen, um dieser Ungleichheit entgegenzuwirken, waren geradezu tabuisiert – obzwar der wissenschaftliche Nachweis der negativen Auswirkungen von Vermögenskonzentration auf die Gesellschaft in vielen sozialwissenschaftlichen Publikationen erbracht worden ist.13

Die Frage, wer was verdient und ob es gerecht ist, dass einige Menschen so viel haben und viele so wenig, nötigt zu einem normativen Verständnis von Reichtum und leitet über zum Thema des Überreichtums. Die meisten philosophischen Theorien argumentieren....

In „Überreichtum" macht Martin Schürz ein großes Fass auf. Es ist aber wenig drin.

Es klingt aufregend: In „Überreichtum“ verspricht Martin Schürz, zu erklären, was das Problem an Überreichtum ist und wie er die Demokratie bedroht. Zunächst liegt das ja auch auf der Hand: Überreichtum verhilft Leuten wie Trump zu Präsidentenämtern. Allerdings gewann Trump eine demokratische Wahl – und das mit kleinerem Budget als Hillary Clinton. – So konkret möchte Schürz aber offenbar auch nicht werden, die Bedrohungsszenarien bleiben unspezifisch. Reiche haben Macht oder Zugang zu Macht. Das ist so, und das kann abhängig von ihren und unseren Absichten gut oder schlecht sein.

...   Labor für Kommunikation und Ideengeschichte

Leseberichte

  1. campus.de  ueberreichtum-15623.html

  2. bpb.de   317588/ueberreichtum 

  3. prozukunft.org   ueberreichtum 

  4. michael-hafner.at  martin-schuerz-ueberreichtum

  5. wienerzeitung.at   Martin-Schuerz-Milliardaere-haben-ein-enormes-Drohpotential.html

  6. freitag.de   ueberreichtum-ist-ungerecht-und-unmoralisch 

  7. youtube.com/watch?v=u-gM_jy3dcA 

 

(Ordner)   www.detopia.de    ^^^^

Martin Schürz (2019) Überreichtum