Fabian Scheidler

Zur Vita:

 

studierte Geschichte und Philosophie an der FU-Berlin und Theaterregie in FaM.

Seit 2001 arbeitet er als freischaffender Autor.

2009 gründete er mit David Goeßmann das unabhängige Fernsehmagazin Kontext TV, das Sendungen zu Fragen globaler Gerechtigkeit produziert.

2009 Otto-Brenner-Medienpreis für kritischen Journalismus.

2010 Programmkoordinator für das Attac-Bankentribunal in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.

wikipedia Autor *1968 in Bochum

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B.Hercksen   Chris.Felber   Niko Paech

Lew.Mumford   Rud.Bahro   Ern.Weeber 

 

Scheidler im April 2021

 heise.de -- Manche-suchen-Zuflucht-in-vereinfachten-Weltbildern-6012107.html 

heise.de --  Der-Stoff-aus-dem-wir-sind-6012104.html 

 

 

 

 

 

 

 

 


2021Der Stoff, aus dem wir sind.

Warum wir Natur und Gesellschaft neu denken müssen.

300 Seiten

Die industrielle Zivilisation hat die lebenserhaltenden Systeme der Erde in die größte Krise seit 65 Millionen Jahren gestürzt: Klimachaos und Artensterben bedrohen die Zukunft der Menschheit. Grund dafür ist ein über Jahrhunderte gewachsenes technokratisches Weltbild, das die Natur zu einer beherrschbaren Ressource in der Hand des Menschen degradiert. Dieses Buch zeichnet den Aufstieg und Niedergang dieses Weltbildes nach. Am Ende entsteht so ein kluges Plädoyer für ein neues Naturverständnis und gegen eine zerstörerische Wirtschaftsweise, die den Planeten an den Rand des Kollapses treibt.

 


2020

Wege zu einer zukunftsfähigen Ökonomie.

Die Krise des Lebens auf der Erde und der große Umbau der Gesellschaft

Verlag Helle Panke, Berlin, 2020, 40 Seiten

DNB.Buch   Bing.Buch  Goog.Buch  

 

INHALT     Inhalt.pdf 

Revolutionen (5)   Das Ganze des Wirtschaftens (6)

Ökonomie und Chrematistik (7)   Institutionen 8 

Die Eigentumsfrage und das römische Recht 9

Staatseigentum ist keine Lösung 10 

Volkseigentum, Gemeineigentum und Commons 11

Rechtsformen 13

Potenziale und Grenzen anderer Rechtsformen 15

Rechtsformen neu denken 16

Gemeinwohlökonomie: die Umkehrung des Tributprinzips 17

Wiederaneignung 19

Das jugoslawische Modell 20 

Die Zerstörung Jugoslawiens durch die Gläubiger 22

Markt oder nicht Markt? 23

Geld als Herrschaftsmittel 25 

Geld als öffentliches Gut 27

Auf den nächsten Crash vorbereitet sein 28  Der Macht der Schulden entgegentreten 28

Die Wachstumsfrage 29   Die Agrarwende 30  Ausstieg aus dem Hamsterrad 31

Die Neugestaltung des Welthandels 32  Vorbereitung auf Bruchstellen 34

Ausstieg aus der Megamaschine: Ein Sechzehn-Punkte-Programm 35

 


2017

Chaos - Das neue Zeitalter der Revolutionen

2017. 230 Seiten. DNB.Buch   Bing.Buch    WEEBER.Buch


Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation.

2015.  270 Seiten.  DNB.Buch    Bing.Buch     Weeber.Buch

 

 

 

 

 

Inhalt.DNB.pdf   Scheidler zum Buch Youtube

Inhalt  2017 Chaos

 

Einleitung 9 

Chaos und Schweigen 10

Tödliche Ordnungsversuche 11

Revolutionen 12

Aufbau des Buches 14

 

TEIL I: CHAOS UND TÖDLICHE ORDNUNGEN

Risse in der Megamaschine (19) Der Glaube an die Zukunft zerbricht 20 | Der geopolitische Umbruch 211 Die Grenzen der Biosphäre 23 | Gefahren und Chancen einer chaotischen Übergangszeit 24

Chaos in den Köpfen (27) Kollektive Realitätsverweigerung (27) Wahn und Wahrheit paranoischer Weltbilder 29 | Entfremdung und Entwurzelung 31

Terror: die große Ablenkung  33 Der Ausnahmezustand als Ordnungsversuch 34 | Der Terror im Globalen Süden 35
Die globale Apartheid  39 Die neuen Mauern und der ökologische Kollaps (41) Die Aushöhlung des Asylrechts (44)  Der Mythos von der Überforderung 45 | Die Feuerwehr als Brandstifter 47

Chaos in der Weltwirtschaft (49) Das Ende des Wachstums oder: Der Kapitalismus siegt sich zu Tode 50 | Schulden und Crashs 511 Die Krise der Lohnarbeit 52
Tribut  57 Konzerne am Tropf 571 Rente statt Profit 64 | Die künstliche Verknappung immaterieller Güter 66 | Schulden als Tributstrategie 69 | Jenseits des Tributs: die Trennung von Staat und Großkapital 70

Der futurologische Kongress Das automobile System 74 | In der Matrix 75 | Lebendexperimente an einer ganzen Gesellschaft (77) Immersion oder: Die Abschaffung der Wirklichkeit 79 | Der Hass auf den Körper 80 | Die Illusionen des linken Technikoptimismus (81) Wege zu einer menschenfreundlichen Technik 82

Der Zerfall komplexer Systeme 85 Roms Ende oder: Das Theorem vom abnehmenden Grenzertrag 86 | Abnehmende Grenzerträge im modernen Weltsystem 88 | Die Grenzen der Lernfähigkeit 89 | Systemausfälle (91) Alternative Infrastrukturen und Residenz 93

 

TEIL II: REORGANISATION - Vom Kleinen und Großen ( 97)

Von der Utopie zur Topie 98 | Die Grenzen der Milieus überwinden 100 \ Der Stoff aus dem die Träume sind (101) Prägungen 103 | Eine Begegnung im Zug 105 | Die pädagogische Revolution 108 \ Die Kraft der kleinen Handlungen 109
Wege zu einer zukunftsfähigen Ökonomie 113 Das Ganze des Wirtschaftern 113 | Ökonomie und Chrematistik 114 | Die Eigentumsfrage und das römische Recht 116 | Volkseigentum, Gemeineigentum und Commons 120 |

Die Suche nach zukunftsfähigen Rechtsformen 122 | Gemeinwohlökonomie: die Umkehrung des Tributprinzips 128 | Wiederaneignung 130 | Das jugoslawische Modell 132 | Die Zerstörung Jugoslawiens durch die Gläubiger 134 \ Markt oder nicht Markt? 136 | Geld als Herrschaftsmittel 139 | Der Macht der Schulden entgegentreten 143 | Die Wachstumsfrage 144 | Die Agrarwende 145 | Ausstieg aus dem Hamsterrad 146 \ Die Neugestaltung des Welthandels 148
Die Gatekeeper 153 Das Tor der Medien 154 | Eigentumskonzentration im Medienbereich 156 | Die Ausfilterung systemischer Fragen 1571 Die Filter überwinden 159 | Die Wiederaneignung des Öffentlichen Rundfunks 1611 Jenseits der Medienoligarchie 163 | Die Türhüterin Schulen und Universitäten 164 |

Das Tor der Repräsentation 165 | Die Krise des Parteiensystems 166 \ Ziviler Ungehorsam oder: Die Tugend der Ungeduld 170 | Jenseits von Wahlen und Parteien 171 \ Demokratie jenseits des Nationalstaats 172 | Städtische Netzwerke für den Wandel 174 \ Der letzte Türhüter: die Macht der Waffen 175

 

TEIL III: CHINAS WIEDERAUFSTIEG UND

DIE CHANCEN EINER NEUEN FRIEDENSORDNUNG

Formation und Zerfall der ersten Reiche 180 \ Zwischen Revolte und Kaisertum: der chinesische Sonderweg 182 | Chinas nicht-kapitalistische Marktwirtschaft 184 | Wie China ein Wettrüsten vermied 186 | Die großen See-Expeditionen und das Rätsel ihres abrupten Endes 188 | Chinas »500-jähriger Frieden« 189 | Die Zerstörung Chinas durch die westlichen Kolonialmächte 190 | Opium, Kanonen und der Weg ins Chaos 1911 Das neue China 194 | Chinas Zerreißproben 198 |

Klimachaos: die Verschärfung der Systemfrage 199

Wege zu einer neuen globalen Friedensordnung 202

 

ANHANG

Ausstieg aus der Megamaschine: Ein 16-Punkte-Programm  207

Dank (209)  Anmerkungen (210)

Ausgewählte Literatur (232)

Register (235)

 


 

          

 

 

Zur Megamaschine 2015

Megamaschine.org   Seite zum Buch

Scheidler zum Buch auf Youtube

 

Inhaltsverzeichnis

Inhalt.2015.pdf

Einleitung 9

Die Mythen der Moderne 10 \ Die Megamaschine 11 \ Die Grenzen des Systems 12 \ Aufbau des Buches 14

Teil I: Die vier Tyranneien

1. MACHT - Die vier Tyranneien und die Wurzeln der Herrschaft 19 Die drei Tyranneien 21 \ Physische Macht 22 \ Strukturelle Gewalt 24 \ Ideologische Macht 271 Die Erfindung des herrschenden Gottes 28 \ Die vierte Tyrannei 30

2. METALL - Bergbau, Rüstung und die Macht über die Natur 33 Der Ursprung des militärisch-industriellen Komplexes 34 \ Die Mutter aller Umweltdesaster 35 \ Gott spielen: Metallurgie und die Macht über die Schöpfung 37

3. MARKT - Ökonomische Macht, Geld und Eigentum 39 Der Mythos der Märkte 40 \ Der Krieg als Wiege des Marktes 41 \ Die Minen von Laurion 43 | Das Römische Silberimperium 45 | Die ersten Konzerne 45 \ Eigentum als totale Verfügungsgewalt 47

4. OHNMACHT - Das Trauma der Macht und die Entstehung des apokalyptischen Denkens 51 Was ist ein Trauma? 52 \ Apokalypsen als Antwort auf das Trauma der Macht 55 \ Die Vernichtung von Himmel und Erde 56 \ Das Himmlische Jerusalem und der Schwefelsee 571 Einspruch gegen das Ende der Welt: Die Jesus-Bewegung 59

5. MISSION - Die Ursprünge des westlichen Universalismus 63 Die große Umdeutung 63 \ Mission und Macht 65 \ Die Vernichtung des Anderen 65

 

Teil II: Die Megamaschine

6. MONSTER - Die Neuformierung der Macht und die Entstehung des modernen Weltsystems (1348-1648) (71)

Die Epoche der Angst (71) Die große Krise (75) Das Arsenal von Venedig (77) Die Neuerfindung des Krieges (80) Die Auferstehung des Metallurgischen Komplexes 84 \ Die Rolle der Banken 88 \ Die Entfesselung des Monsters: die Conquista 89 \ Die Zerschlagung egalitärer Bewegungen 94 | Die Erfindung der Aktiengesellschaft 98 \ Macht und Ohnmacht im modernen Weltsystem (103)

7. MASCHINE - Mechanistische Wissenschaften, Staatsapparate und die Disziplinierung des Menschen (1600-1800) (105)

Die Welt als Maschine 106 \ Die Rolle der Wissenschaften 107 \ Die Neudefinition der Wirklichkeit 110 \ Die Durchschaubarkeit der Welt IIS | Stadtplanung als Aufstandsbekämpfung 119 \ Die Mensch-Maschine 121 \ Die Abrichtung des Körpers 122 \ Schule als Disziplinaranstalt 124 \ Die Erfindung der Arbeit (126)

8. MOLOCH - Kohlekraft, totaler Markt und totaler Krieg (1712-1918) 131 Kohle: Die dritte Revolution des metallurgischen Komplexes 131 \ Der totale Markt 13S | Entwurzelung, soziale Traumatisierung und Widerstand 137 \ Die Erfindung der Nation 139 \ Die große Expansion 141 \ „Zivilisation": Das neue Missionsprojekt 142 \ Die Verwüstung Afrikas 143 \ Indien: Die Erfindung der Dritten Welt 145 \ Der Weg in den totalen Krieg 148

9. MASKEN - Die Steuerung der Großen Maschine und der Kampf um Demokratie (1787-1945) (151(

 Republik oder Demokratie? (Der Filter der Repräsentation) 154 \ Der Filter des Geldes 155 \ Der Filter der Schulden (156)  Der Filter der »öffentlichen Meinung« (158) Die Frage der Systemsteuerung 1611 Russland 1917 (162) Die »gelenkte Demokratie« 165 \ Die deutsche Revolution von 1918/19 (168)  Die faschistische Option (169)

10. METAMORPHOSEN - Nachkriegsboom, Widerstandsbewegungen und die Grenzen des Systems (1945-2014) (173)

Die Trente glorieuses 174 \ Unabhängigkeitsbewegungen im Globalen Süden 179 \ »Entwicklung« als innere Kolonisierung 179 \ Die Weltrevolution von 1968 184 \ Das Große Rollback 189 \ Die Macht der Schulden 194 \ Die Grenzen des Systems 197 \ Die ultimative Grenze: der Planet 200

11. MÖGLICHKEITEN - Ausstieg aus der Megamaschine (205)

Revolution ohne Masterplan 206 \ Ausstieg aus der Kapitalakkumulation 208 \ Die Schrumpfung des metallurgisch-fossilen Komplexes 210 \ Commons: Die Wiederentdeckung des Gemeinsamen 213 \ Die Suche nach echter Demokratie 219 \ Die Entmilitarisierung der Gesellschaft 2211 Abschied von der Naturbeherrschung 223

 

Dank 225  Anmerkungen 226 

Literatur-Auswahl 252   Bilderverzeichnis 259

Zeittafel A: Die vier Tyranneien (Kapitel 1-5) 260
Zeittafel B: Formation der globalen Megamaschine (Kapitel 6)...! 261
Zeittafel C: Konsolidierung, Expansion und Krisen (Kapitel 7-9) 262
Zeittafel D: Boom und Grenzen der Megamaschine (Kapitel 10-11) 264

Register (266)

 


 

Lesebericht

zu Megamaschine 2015

von Lara Mallien bei oya - erschienen in 35/2015

oya-online.de  das_ende_der_megamaschine_buchbesprechung

 

Wer nach wie vor überzeugt ist, die Gesellschaften der westlichen Welt befänden sich auf einem begrüßenswerten Transformationspfad, der alle humanistischen und technischen Errungenschaften der vergangenen Jahrhunderte logisch fortschreibe, dem empfehle ich die Lektüre von Fabian Scheidlers starkem Buch »Das Ende der Megamaschine«.

Scheidler beginnt seine »Geschichte einer scheiternden Zivilisation« mit dem Auftreten größerer politischer Machtstrukturen in den Stadtstaaten Mesopotamiens 2800 Jahre vor unserer Zeitrechnung und analysiert, wie sich in der Antike ein unheilvolles Zusammenspiel aus Militärgewalt, Bergbau und Metallurgie sowie einer auf Geld und Eigentum basierenden Ökonomie zusammenbraute: Die Regenten wollten ihre Söldner mit Silbermünzen bezahlen, zwangen die Bauern, dieses Zahlungsmittel zu akzeptieren und trieben Sklaven in den Menschen und Landschaften verschlingenden Bergbau sowie die wäldervernichtende Rüstungsproduktion.

Indem sich politische und wirtschaftliche Machtstrukturen aufschaukeln, wird es im Verlauf der Geschichte immer dunkler – abgesehen von Phasen halbwegs intakter bäuerlich-handwerklicher Gesell- schaften, die sich selbst versorgen konnten und deshalb keinen Grund sahen, für Fürsten in den Krieg zu ziehen.

In der konventionellen Geschichtsschreibung gelten diese als »dunkle« Zeiten. Scheidler erklärt anschaulich, wie sich im Morgengrauen der Neuzeit nach einer Periode eher schwacher Staatsgewalt erneut das Militär-Metall-Wirtschaftsmacht-Monster erhebt.

Mit dem Absolutismus erhält es eine neue Dimension, da der Geldbedarf der kriegführenden Herrscher die gnadenlose Ausbeutung der Kolonien befeuert und die ersten Aktiengesellschaften entstehen, die über mehr Mittel verfügen als Staaten. »Die Große Maschine muss, um fortzubestehen, expandieren, sowohl nach innen duch eine Ausweitung und Vertiefung der Geldökonomie als auch nach außen durch die Integration neuer Territorien und ihrer Bewohner in das System«, erklärt Scheidler.

Mit den Mitteln der Industrialisierung passierte in den letzten 200 Jahren genau das – und führte zum totalen Krieg bzw. zum totalen Raubbau.

»Stopp!«, will man rufen. »Schluss mit allen Versuchen, die Megamaschine ein bisschen grüner zu machen! Wo ist der Sand, der ihr Getriebe anhalten lässt?« Wir haben es nicht mit ein paar Auswüchsen des Neoliberalismus zu tun, sondern mit viel grundlegenderen, lebensfeindlichen Strukturen. Zu allen Zeiten hat sich dagegen Widerstand geregt, zum Beispiel in den Bauernkriegen des 16. Jahrhunderts. Aber immer, wenn sich systemgefährdende selbstorganisierte, egalitäre Strukturen herauszubilden drohten, wehrte sich die Maschine vehement – ein Hinweis auf ihre Schwachstelle.

Das Buch ist hart, aber es liest sich großartig. Es macht zornig – und genau deshalb gibt es Mut.

 

 

Interview 2015

Fab Scheidler und Tom Konicz

heise  Die-Grosse-Transformation-hat-gerade-erst-angefangen 

 

1) Konicz: Sie verwenden in ihrem Buch für das gegenwärtige kapitalistische Weltsystem das Bild einer riesigen, weltumspannenden Maschine, der titelgebenden Megamaschine. Können Sie diesen Begriff etwas erläutern? Zielt er auf technische Aspekte ab, oder ist es ein Herrschaftsbegriff?

Scheidler: Megamaschine ist eine Metapher für ein ökonomisches, politisches, militärisches und ideologisches System, das vor etwa 500 Jahren in Europa entstanden ist und sich seither um den ganzen Globus verbreitet hat. Wir wachsen mit dem Mythos auf, dass Europa der Ausgangspunkt von allem Fortschritt ist, dass wir der Welt die Wissenschaft, die Freiheit, die Demokratie, den Wohlstand, die Zivilisation und so weiter gebracht hätten. In meinem Buch geht es ein Stück weit darum, diesen Mythos zu demontieren und zu zeigen, dass die Expansion der Megamaschine von Anfang an mit extremer Gewalt, Ungleichheit und Naturzerstörung verbunden war, und dass viele unserer heutigen globalen Krisen genau aus dieser Dynamik entspringen.

Dieses System ist unter verschiedenen Namen bekannt - kapitalistische Weltwirtschaft, modernes Weltsystem, die "Moderne" usw. Ich benutze die Metapher einer Maschine, weil dieses System teilweise wie eine Maschine zu funktionieren scheint, wenn man sich etwa die internationale Arbeitsteilung anschaut, das Finanzsystem, die globale Energieversorgung, Medien- oder Militärapparate, die ja alle eng miteinander verflochten sind.

Der Kern dieses Systems, sein übergeordnetes Gesetz, ist die endlose Akkumulation von Kapital. Das ist sein Hauptzweck, dem alles andere untergeordnet wird. Mensch und Natur werden dafür benutzt, aus Geld mehr Geld zu machen, und deswegen werden wir tendenziell zu Maschinenrädchen in diesem Getriebe degradiert.
Natürlich darf man die Metapher nicht zu wörtlich nehmen, denn letztlich besteht das System aus Menschen, die sich zwar teilweise wie Maschinenteile verhalten, aber trotzdem nicht aufhören, menschliche Wesen zu sein. Die meisten Lebensbereiche sind zwar von der Macht der Maschine infiziert, aber wir haben auch Freiheiten, ein Leben jenseits der Maschine, und das gilt es zu verteidigen und zu erweitern.

 

2) Sind Sie da nicht etwas zu optimistisch? Mir scheint es eher, dass die letzten nichtkapitalistischen Nischen, die letzten Freiräume gerade in der Krise verschwinden. Alles scheint der Verwertungslogik unterworfen zu werden, selbst die Subkultur. Wo sehen sie noch ein "Leben jenseits der Maschine"?

Fabian Scheidler: Der Druck, die Kommerzialisierung, die Ausbeutung, all das nimmt tatsächlich zu. Aber das bleibt auf Dauer nicht ohne Reaktion. Die Geschichte verläuft nicht linear. Schauen Sie nach Südeuropa, da gibt es enormen Aufruhr, neue Subkulturen. Auch in den USA übrigens.
Der Widerstand, der Wille zur Freiheit beginnt ja im Kopf. Und wir können beobachten, wie der Glaube an das System langsam bröckelt, ja teilweise in sich zusammenbricht. Der Lack ist ab, die Leute sehen zunehmend die Gewalt und auch die Sinnlosigkeit dahinter. Damit schwindet ein Stück weit die ideologische Macht, die ja ein wichtiger Teil der Herrschaft ist. Wo das hingeht, ist vollkommen ungewiss, aber die Risse im System werden immer deutlicher.

 

3) Ich fand den langfristigen Ansatz ihres Buches interessant. Sie versuchen, die Genese des gegenwärtigen Systems über einen langen historischen Zeitraum zurückzuverfolgen. Wie weit reichen Ihrer Ansicht nach die "Ursprünge" der "Megamaschine"?

Fabian Scheidler: Die Ursprünge der kapitalistischen Weltwirtschaft reichen bis ins Spätmittelalter zurück. Eine der Keimzellen waren die hoch militarisierten Stadtstaaten Genua und Venedig, die sich damals zu Handelsimperien entwickelten, die von Spanien bis zur Krim reichten. Einen erheblichen Teil ihres Reichtums ging auf Raubzüge zurück. Genua und Venedig etwa finanzierten viele der Kreuzzüge, einschließlich ihrer Massaker, und bekamen dafür als Rendite einen Teil der Beute, Monopole und Militärstützpunkte. Die Handelshäuser gründeten dann Banken, die etwas von diesem erbeuteten Reichtum verliehen, nicht nur an andere Händler sondern auch an Staaten.
Es gibt ja den hartnäckigen Mythos, dass Staat und Markt Gegenspieler seien, dass sich der Kapitalismus aus dem Pioniergeist freier und friedlicher Händler entwickelt hätte, jenseits staatlicher Despotie. Aber Kapital und moderner Staat waren von Anfang an eng verflochten, sie haben sich gemeinsam, ko-evolutionär entwickelt und konnten niemals ohne einander auskommen. Die Kapitalbesitzer brauchten die physische Macht des Staates für ihre gewaltsame Expansion und auch für das Niederschlagen von Widerstand in der Bevölkerung gegen die zunehmende Ausbeutung, der von Anfang an massiv war. Und die Staaten brauchten das Handels- und Finanzkapital, um ihre Söldnerarmeen zu finanzieren.
Der moderne Staat war ja vor allem ein Militär- und Repressionsapparat, und es brauchte enorm viel Geld, um die neuen Armeen mit Hunderttausenden von Soldaten und großen Kanonen aufzubauen, mit denen man die Welt erobern konnte. Diese Verzahnung von Militärstaat und Geldverwertungslogik hat dann die ungeheure Aggressivität des Systems hervorgebracht, die sich durch die gesamte Geschichte der letzten 500 Jahre zieht.

Die Conquista, die gewaltsame Eroberung Mittel- und Südamerikas, etwa wurde von den Banken in Genua, Augsburg und Antwerpen finanziert. Ihr "return on investment" waren die ungeheuren Gold- und Silbermengen, die dort erbeutet wurden und wiederum die europäische Geldökonomie antrieben. Für die Indigenen Amerikas war das Ergebnis der größte Völkermord, den die menschliche Geschichte bis dahin erlebt hatte. Oft waren staatliche und ökonomische Gewalt in denselben Händen konzentriert, zum Beispiel in den frühen Aktiengesellschaften, die über eigene Armeen, ja eine Art eigenen Staatsapparat verfügten und auf den Trümmern der von ihnen eroberten Regionen die modernen Kolonialreiche aufbauten.

 

Sie gehen ja mitunter noch weiter zurück, bis in das frühe Altertum, um die Entstehung von Macht und Herrschaft darzustellen. Worin besteht den Ihrer Ansicht nach der fundamentale, qualitative Bruch zwischen dem Kapitalismus und den vorherigen Gesellschaftsformationen, dem Altertum oder dem Mittelalter?

Fabian Scheidler: Es gab in der Antike auch schon Marksysteme, die eng mit dem militarisierten Staat zusammenhingen. Eine wichtige Rolle hat dabei die Erfindung des Münzgeldes gespielt, das erstmals dauerhafte, große Söldnerheere ermöglichte und zu einer enormen Kommerzialisierung des Mittelmeerraums geführt hat. Ohne diese Erfindung wäre zum Beispiel das Römische Reich mit seinen riesigen Armeen nicht denkbar gewesen.
Trotzdem unterscheidet sich das moderne Weltsystem in einigen wesentlichen Punkten davon. In der Megamaschine hat sich die Kapitalakkumulation verselbständigt, automatisiert, sie ist zur Institution mit einer Eigenlogik geworden.

In Rom gab es zwar auch eine enorme Anhäufung von Reichtum in den Händen Weniger, aber es gab so etwas wie einen stabilen Endpunkt, eine maximale Ausdehnung sowohl des Reichs als auch des Reichtums. Die Stabilität dieses Zustands war oberste politische Priorität. Die Megamaschine aber verlangt nach endloser Expansion, endlosem Wachstum.
Einer der Gründe dafür ist, dass das Verhältnis von Staat und privatem Kapital anders ist. Vereinfacht ausgedrückt konnte der Staat in Rom die Ökonomie autoritär kontrollieren, während in der Moderne die international organisierten Kapitalbesitzer von Anfang an die einzelnen Nationalstaaten vor sich her getrieben haben, in eine irrsinnige Standortkonkurrenz und auch militärische Konkurrenz, was wiederum die Akkumulation enorm angeheizt hat.
Eine Besonderheit der Megamaschine ist auch, dass sie irgendwann begonnen hat, ganz neue Energiequellen zu erschließen, nämlich Kohle und später Öl. Das hat ihr überhaupt die technischen Mittel gegeben, den ganzen Planeten zu beherrschen - und uns das Klimadesaster zu bescheren.
Warum aber ausgerechnet in England ab dem 18. Jahrhundert plötzlich Steinkohle verbrannt wurde, die ja seit der Antike bekannt war, kann man nur aus der Eigendynamik des Systems verstehen. Die Produktion, insbesondere die Metall- und Rüstungsproduktion, stieß damals an energetische Grenzen, die Holzkohle wurde knapp und teuer, und deshalb wurde fieberhaft nach neuen Energiequellen gesucht, um weiter akkumulieren und neue Kanonen bauen zu können. Die Kohle war dafür die Lösung.

 

Wer "steuert" diese monströse Maschinerie? Ist es einfach die herrschende Klasse, oder sehen sie hier eine systemische Eigendynamik walten?

Fabian Scheidler:

Die Megamaschine ist aus Kräften entstanden, die nach neuen Methoden gesucht haben, um ihren Reichtum und ihre Macht zu erhalten und auszubauen. Das ist ihnen auf spektakuläre Weise gelungen, auf Kosten der Mehrheit der Weltbevölkerung. Dafür gab es aber keinen Masterplan.
Das moderne Weltsystem ist nicht aus einer Verschwörung hervorgegangen, sondern aus einem jahrhundertelangen Ringen verschiedener Kräfte miteinander und teilweise gegeneinander: Kaufleute, Bankiers, Landesherren, Fabrikanten, Grundbesitzer, Kirchen, Warlords. Es hat von Anfang an auch massiven Widerstand gegen die kapitalistische Produktionsweise gegeben, gegen Vertreibungen, Einhegungen, Lohnsklaverei, und dieser Kampf hat das System geprägt und immer wieder tiefgreifend verändert, von den Bauernkriegen über die Französische Revolution, die Arbeiter- und Frauenbewegungen, die antikolonialen Befreiungsbewegungen bis 1968. Was dabei herauskam, ist so komplex und auch in sich widersprüchlich, dass es sich einer planbaren, vorhersagbaren Steuerung entzieht, auch wenn natürlich Eliten ständig versuchen, es zu steuern.

Herrschaft in diesem System bedeutet daher nicht, dass man seine Dynamik wirklich kontrollieren kann, sondern dass man - zumindest vorübergehend - eine gewisse Hegemonie hat, und zwar in drei zentralen Bereichen: der physischen Macht des Staates, der strukturellen Gewalt der Ökonomie - also Eigentum, Geld, Schulden - und der ideologischen Macht, wie sie etwa durch das Bildungssystem, die Medien, politische Parteien und so weiter ausgeübt wird.

Aber auch Leute, die all diese Machtfaktoren hinter sich haben, sind oft selbst Getriebene des Systems und beherrschen es nicht. Der CEO einer großen Aktiengesellschaft zum Beispiel ist Teil eines großen Räderwerks, und wenn er die Renditeziele verfehlt, spuckt die Company ihn einfach aus. Er ist letztlich auch nur ein austauschbares Zahnrad, wenn auch ein gut bezahltes. Die Eigenlogik der Institutionen ist mächtiger als ihre vermeintlichen Steuermänner. Deswegen hilft es auch nicht weiter, über die Gier einzelner Banker zu klagen. Wir müssen die institutionellen Logiken ändern, den genetischen Code des Systems.

 

Konicz:
Die kapitalistische Verwertungsmaschine, diese Megamaschine, stößt immer stärker an ihre Entwicklungsgrenzen. Sie sprechen von ökologischen und sozialen, inneren Schranken. Können Sie das erläutern?

Fabian Scheidler: Die systemimmanenten Schranken sind ökonomischer, sozialer und politischer Art. Nach dem Nachkriegsboom ist die Weltwirtschaft Mitte der 70er Jahre in eine tiefe Krise gerutscht, die Akkumulationsmaschine stotterte, die Renditen brachen ein. Die Antwort darauf war das, was wir heute als "Neoliberalismus" kennen: Löhne drücken, Gewerkschaften kaputt machen, Privatisierungen, Flucht in Billiglohnländer und Steueroasen, Finanzspekulationen usw.

Das hat die Profite der großen Unternehmen und die Klassenmacht des oberen ein Prozent wiederhergestellt; aber es hat dazu geführt, dass die Leute tendenziell nicht mehr das Geld haben, die ganzen Waren und Dienstleistungen zu kaufen, zumindest nicht zu profitablen Preisen. Um das System in Gang zu halten, mussten daher überall Schulden angehäuft werden: Konsumenten mussten sich verschulden, um trotz geringerer Löhne weiter zu konsumieren; Staaten mussten sich verschulden, um fehlende Steuereinnahmen auszugleichen; Banken haben riesige Schulden-Dominosysteme kreiert. Solche Schuldenblasen platzen natürlich irgendwann, etwa in der Finanzkrise 2007-2009, und es sind dann in der Regel die Staaten, die diese Schulden übernehmen und auf die Bevölkerung abwälzen.

Die Finanzkrisen werden zu Staatskrisen und zu politischen Krisen, etwa in der Eurokrise. Der Clou dabei ist: Je mehr die Kapitalbesitzer ihre kurzfristigen Interessen durchsetzen können, desto mehr destabilisieren sie das System, von dem sie sich langfristig ernähren. Hinzu kommt ein anderer Prozess: Menschliche Arbeit wird zunehmend durch Technik ersetzt, und durch die Computerisierung betrifft das nicht nur die Landwirtschaft und Industrie, sondern auch die Dienstleistungsberufe der Mittelschicht. Die Folge von beiden Prozessen ist eine strukturelle globale Massenarbeitslosigkeit, die sich immer weiter ausbreitet. In Südeuropa etwa liegt die Jugendarbeitslosigkeit inzwischen bei über 50 Prozent. Das System ist nicht mehr in der Lage, den Menschen eine Perspektive zu geben, und sei es nur die, sich ausbeuten zu lassen. Das führt natürlich zu sozialem Aufruhr, politischen Krisen, Umstürzen, Chaos.

Die äußere Schranke des Systems ist ökologischer Art. Die kapitalistische Weltwirtschaft ist, wie jedes andere soziale System, ein Subsystem der Biosphäre. Alles, was wir tun, hängt in jedem Moment davon ab, dass die lebenserhaltenden Systeme der Erde funktionieren: Wasser, Atemluft, ein erträgliches Klima, Nahrungsmittelzufuhr, Energie etc.

Nun zwingt die Logik der endlosen Akkumulation zu einer ständigen Wirtschaftsexpansion, und diese Expansion zerstört die lebenserhaltenden Systeme inzwischen global in atemberaubendem Tempo. Das betrifft nicht nur das Klima, sondern auch die Süßwasserversorgung, die Böden, Wälder, Ozeane und die Artenvielfalt. Neuste Studien zeigen, dass wir bereits das schnellste Artensterben in der Geschichte des Lebens auf der Erde in Gang gesetzt haben. Wir verlieren jedes Jahr ein Prozent unserer fruchtbaren Böden durch die industrielle Landwirtschaft. Der Westen der USA und Nordchina bewegen sich in eine gigantische Süßwasserkrise hinein - und das sind nur einige wenige Beispiele. Der Klimawandel macht all das noch viel schlimmer.

Diese ökologischen Krisen wiederum treten mit den ökonomischen, politischen, sozialen Krisen in Wechselwirkung. Der Bürgerkrieg in Syrien zum Beispiel wurde nicht zuletzt durch eine klimabedingte Dürre entfacht, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellte. Das Ergebnis ist noch mehr Chaos, und dieses Chaos untergräbt das weltumspannende, extrem komplexe, verwundbare System, das von einer ununterbrochenen Versorgung mit Energie, Material und Geld abhängig ist und auch ein Minimum an politischer Stabilität braucht. Wenn diese Zuflüsse unterbrochen werden, etwa durch Finanzkrisen, Energiekrisen, Revolten, entstehen Systemausfälle, die wiederum unbeherrschbare Kettenreaktionen auslösen können - und davon werden wir zweifellos immer mehr erleben in den kommenden Jahrzehnten.

 

Konicz: Sehen Sie auch eine Wechselwirkung zwischen diesen inneren und äußeren Schranken des Kapitals? Verhält es sich nicht gerade so, dass die steigende Produktivität der "Megamaschine" die Ressourcenverschwendung befeuert, da ja die Verwertung des Werts den irrationalen Selbstzweck dieser amoklaufenden Monstermaschine bildet?

Fabian Scheidler:  Ja, die endlose Produktivitätssteigerung als Selbstzweck, um aus Geld mehr Geld zu machen, treibt uns an die ökologischen und stofflichen Grenzen und untergräbt zugleich die ökonomische Basis, weil sie Menschen überflüssig macht. Das Verrückte ist ja, dass man diese Maschinerie nicht stoppen oder drosseln kann. Wer die Produktivität drosselt, der wird von den Märkten bestraft und fällt zurück. In diesem Hamsterrad sind alle gefangen, und deswegen treiben alle das Rad weiter an, obwohl es uns gegen die Wand fährt.

 

Konicz: Sie haben den Ausstieg aus der Megamaschine ein ganzes Kapitel ihres Buches gewidmet. Wie könnte so ein transformatorischer Prozess sich abspielen?

Fabian Scheidler: Die Transformation wird auf jeden Fall geschehen, ob wir wollen oder nicht. Die Frage ist nur, wie sie aussieht und wohin sie führt. Es ist durchaus möglich, dass das, was kommt, noch schlimmer ist, als das, was wir jetzt haben.

In der EU zeichnet sich etwa eine neue Form von autoritärem Regime ab, eine Diktatur der Gläubiger in Verbindung mit einer Plünderungsökonomie. Zugleich sehen wir von Zentralafrika bis zum Mittleren Osten einen Korridor von gescheiterten Staaten: vom Kongo über Somalia, Libyen, Syrien und den Irak bis nach Afghanistan. Dort regieren die Warlords und Mafias. Das gilt auch für die Ukraine. Oder für Mexiko, das nach den neoliberalen Rosskuren längst Beute rivalisierender Gangsterbanden ist.

Wohin die Reise geht, hängt ganz wesentlich von uns allen ab, davon, ob wir in der Lage sind, neue Formen des Wirtschaftens und des Zusammenlebens aufzubauen und zugleich erfolgreich Widerstand gegen Repression, Enteignung und Ausbeutung zu leisten. In meinem Buch zeige ich eine Reihe von vielversprechende Ansätzen, kleinen wie großen, zum Beispiel den Aufbau von großen Netzwerken solidarischer Ökonomie, wie man sie etwa in Brasilien sehen kann; oder die bemerkenswerte Welle von Genossenschaftsgründungen im Energiesektor.

Entscheidend ist es dabei, die Versorgung mit den lebensnotwendigen Gütern wie Wohnen, Essen, Gesundheit, Wasser, Bildung, Energie, Kommunikation, Kultur langfristig aus der Profitlogik und dem Markt herauszulösen und neu zu organisieren.

Damit solche Formen der Selbstorganisation tatsächlich in der Breite Fuß fassen können und nicht vom Strudel der Krisenereignisse weggespült werden, braucht es auch neue Formen der politischen Organisation, um dort, wo Risse im System auftauchen, politische Räume besetzen zu können und Rahmenbedingungen für eine andere Wirtschaft zu schaffen. Davon sind wir aber noch ziemlich weit entfernt. Das Weltsozialforum etwa ist so ein Versuch, aber es hat in den letzten Jahren etwas an Dynamik verloren.
Ich denke aber, dass es neue Versuche geben wird, die verschiedenen Bewegungen für einen Ausstieg aus der Megamaschine enger miteinander zu verknüpfen. Die große Transformation hat ja gerade erst angefangen, und zu ihren Eigenheiten gehört es, dass man nichts vorhersagen kann.

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Konicz: Dieser "Transformationskampf" hat ja offensichtlich in der kollabierenden Peripherie des kapitalistischen Weltsystems schon mit unglaublicher Brutalität eingesetzt. Glauben Sie, dass man in den Zentren und in der Peripherie diesen Absturz in Barbarei wird verhindern können? Können wir einen demokratischen und zivilisierten Transformationsprozess organisieren? Oder, anders gefragt: Der real existierende Sozialismus ist ja relativ friedlich implodiert, ohne die Welt in ein Flammenmeer zu tauchen - kann dies der real existierende Kapitalismus ebenfalls leisten?

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Scheidler: Man kann den Untergang des Realsozialismus nicht mit dem Niedergang des kapitalistischen Weltsystems vergleichen. Denn der Ostblock war ja - zumindest in den letzten Jahrzehnten seiner Existenz - in mancher Hinsicht Teil dieses Systems, auch wenn viele das bis heute nicht wahrhaben wollen. Und er ist einigermaßen kontrolliert abgewickelt worden, mithilfe der Leute auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs, die auf diese Gelegenheit nur gewartet haben. Es gab ja ein funktionierendes größeres System, das den Osten einfach schlucken konnte.

Was wir jetzt vor uns haben, ist von ganz anderen Dimensionen, es ist der Niedergang des mächtigsten und auch gefährlichsten Systems, das die Weltgeschichte je erlebt hat. Es ist weltumspannend. Und es gibt kein Ersatzsystem. Ich glaube nicht, dass ein gelenkter, geplanter, kontrollierter Übergang zu etwas anderem möglich ist. Wer sollte das steuern? Und wohin? Ohne größere Brüche und ohne chaotische Phasen wird es nicht gehen.

Die Frage ist, wer in diesem Chaos die Oberhand gewinnt. Die jetzigen Eliten werden mit allen Mitteln dafür kämpfen, ihre Privilegien und ihre Macht zu erhalten. Sie werden langfristig auch nicht davor zurückschrecken, mit ultrarechten Kräften zusammenzuarbeiten, das tun sie ja teilweise schon heute. Wenn wir passiv bleiben und einfach abwarten, was kommt, werden sie leichtes Spiel haben. Aber wenn eine kritische Menge von Menschen beginnt, sich einzumischen und sich für eine gerechtere, menschenwürdigere Welt zu organisieren, dann haben wir eine Chance.

Das Problem ist, dass wir die Selbstorganisation großenteils verlernt haben. Wir erwarten, dass der Strom aus der Steckdose kommt, dass uns irgendjemand einen Job gibt, dass Politiker unsere Interessen vertreten, wenn wir alle vier Jahre ein Kreuzchen machen - eigentlich eine sehr merkwürdige Vorstellung. Aber damit werden wir auf Dauer nicht weiter kommen. Wir müssen unser Leben wieder selbst in die Hand nehmen, und das kann eben auch anstrengend sein.

 

Interview 2015  #  Fab Scheidler mit Tom Konicz  #  heise  Die-Grosse-Transformation-hat-gerade-erst-angefangen 

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Fabian Scheidler - Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation. - Chaos. Das neue Zeitalter der Revolutionen