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2. Crack - Freebase Cocaine

 Audio 2002 Crack in Frankfurt 15min 

 

 

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Die Geschichte des Crack, der Wunderdroge der achtziger Jahre, beginnt viel früher — nämlich mit der Tatsache, daß seit Anfang dieses Jahrhunderts die Droge Kokain sich immer mehr Anteile auf dem Drogenweltmarkt gesichert hat. Kokain hat die Aura des harten Rauschgiftes erfolgreich abgelegt und sich das Image einer "fashionablen" Party-Droge wie auch das eines lustvollen Aufputschmittels zum konzentrierten Arbeiten zugelegt. 

Im nachhinein besehen war "C", "Coke" oder "Koks", wie Kokain häufig genannt wird, der Wegbereiter für den großen Crack-Boom. Crack wiederum dürfte sich auf lange Sicht gesehen verselbständigen, sich immer mehr zu einer eigenständigen Droge und weg von der Kokain-Szene entwickeln. Anzeichen weisen in diese Richtung. Und das nicht obwohl, sondern gerade weil die Wirkungen der beiden Drogen fast identisch sind, der Rausch des Crack einer verkürzten, dadurch erheblich potenzierten Version vom Kokainrausch gleichkommt.

Kokain ist neben Alkohol die Lieblingsdroge der Menschen des 20. Jahrhunderts. Um keine andere Droge wurde härter gekämpft, gab es so viele Skandale. Keine andere Droge wurde als gesellschaftlich so schillernd empfunden, als künstlerisch und ästhetisch so wertvoll erachtet. Für keine andere Droge gab es so illustre Beispiele für die "User", die als aktive Fürsprecher agierten. Und für keine andere Droge wurde soviel Geld ausgegeben: Nach eher vorsichtigen Schätzungen der WHO, der Welt-Gesundheits­organisation, geben die Kokser der Welt derzeit runde 80 bis 90 Milliarden US-Dollars für ihre Besessenheit aus. 

Was das teure Kokain, mit seinem flüchtigen, kurzlebigen, oberflächlichen Rausch, bei Jung und Alt, bei Junkie und Yuppie so wundersam beliebt macht?

Vielleicht braucht eine flüchtige, kurzlebige, oberflächliche Zeit ein Medikament, ein Betäubungs­mittel, das ihre Schnelligkeit, Kurzlebigkeit und Ober­fläch­lichkeit erträglich macht?  

Vielleicht ist das Kokain so viel beliebter als andere Drogen, weil es dem Konsumenten den Vorteil verspricht, zu fliehen und doch anwesend und klar zu sein? 

Da jede Droge ein Hilfsmittel zum Weiterleben ist, ist der Kokainkonsument vielleicht nur jemand, der sich krampfhaft anpassen will. Und für die, die an der Schnelligkeit dieser Zeit wirklich leiden, weil sie nicht mehr mitkommen und sich angesichts des Lebens am liebsten aus der Geschichte des Lebens ausradieren würden, für die gibt es Crack.

* (d-2011:)    Google: Crack in Frankfurt    Wikipedia  Crack    Blubb: Crack  

 

Mann, wenn du sehen willst, wie tief Koks in unsere Gesellschaft eingedrungen ist, dann mußt du zu einem spezialisierten Drogen-Doktor gehen, noch besser in ein richtiges Drogen-Krankenhaus und dir angucken, wer da im Wartezimmer sitzt. Das sind nicht alles Punks und Hippies und Dropouts. Da sitzen auch ein Leute herum, die aussehen, als hätten sie keine Ahnung, was Drogen sind, und wenn du Glück hast, sitzen sogar Oma und Opa da, ja, buchstäblich Oma und Opa, siebzig Jahre alt. Von ihren Enkeln auf Koks angetörnt, und jetzt wird's ihnen zu teuer oder zu ungesund, und sie wollen aufhören.

---Ivy, allerlei Drogen, 26 Jahre---

 

Crack ist zwar ein Derivat des Kokains. Dennoch kann man den milden, eher anregend zu nennenden Kokain-Rausch kaum vergleichen mit dem buchstäblich umwerfenden Kurzzeit-Rausch des Crack. Während Kokain für 20 bis 60 Minuten das euphorische Gefühl besonderer Konzentriertheit und messerscharfer Intelligenz vermittelt, wirkt Crack nur drei bis fünf Minuten lang, gibt aber dem Konsumenten einen unerhört starken Kick, was Körpergefühle angeht, wie auch die Euphorie absoluter Omnipotenz. 

Daraus sind freilich viele Mythen entstanden, unter anderem der, daß Crack besonders rein sei. Crack ist keineswegs sauberer als das Kokain, von dem es deriviert wird: Beim Herstellungsprozeß werden nicht nur die Kokain-Moleküle vervielfacht; die Verschnittstoffe und auch eventuelle toxische Abfallstoffe werden im selben Verhältnis mitumgewandelt. 

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Daß das Crack dem User sauberer vorkommt als Kokain, ist eine völlig subjektive Empfindung und hat mit der Einnahmeart zu tun: Crack wird geraucht, das heißt, daß der Rauch von der Lunge absorbiert und der Wirkstoff des Alkaloids vom Lungengewebe aufgenommen und dem Blut weitergegeben wird. So dauert es nur wenige Sekunden, bis der Wirkstoff im Gehirn zirkuliert. 

Kokain hingegen wird in aller Regel geschnupft, was bedeutet, daß es durch die Schleimhäute absorbiert wird. So dauert es einige Minuten länger, bis der Wirkstoff das Gehirn erreicht — und der Rausch ist zwar länger, aber milder, als wenn dieselbe Droge geraucht worden wäre.

Zudem ist Crack an und für sich eine potentere Droge, die sehr viel intensiver, wenn auch kürzer, auf das zentrale Nervensystem einwirkt. So kommt es, daß der User sehr schnell dem Irrglauben verfallen kann, Crack sei sauberer als Kokain, ja, völlig sauber und somit kaum schädlich. Tatsache bleibt: Crack ist genauso sauber oder unsauber wie das Kokain, aus dem es deriviert worden ist. Crack hat verschiedene Namen: "Base", "Freebase", "Baseball", "Rocks", "Roxanne", "Supercoke".

 

Ich weiß nicht, wie das bei Ihnen in Europa ist. Hier - in den Vereinigten Staaten - sind die Dealer besonders phantasie­voll, was Benennungen betrifft. Stellen Sie sich vor: Hier gibt es Drogies, die einem vollen Ernstes erzählen, daß sie nicht nur Base, sondern auch Freebase, nicht nur Rocks, sondern auch Roxanne kennen und die dann anfangen, über die Vor- und Nachteile der einzelnen Drogen zu referieren. Tatsache ist, daß das alles dasselbe ist: Kokain HC mit Backpulver aufgebacken und rauchbar gemacht: Crack ist der gängigste Name dafür. Man ahnt kaum, wie naiv die Drogies sind kleine Kinder auf der Suche nach geahnten Paradiesen.

---Charles, Toxikologe und freier Mitarbeiter der DEA---

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Crack wurde im Ursprung von und für Kokain-Konsumenten erdacht und entwickelt (designed), die gegen das Sniffen von Kokain fast immun waren und einen stärkeren Rausch wünschten, ohne das Kokain injizieren zu wollen: In diesem Sinne hat die Erfindung, besser: die Verbreitung des Crack auch durchaus mit der weitverbreiteten Angst vor AIDS zu tun. 

Crack wurde auch für jene User entwickelt, die nicht mehr als 10 oder 20 Mark am Tag für Drogen ausgeben können, wie auch für jene Möchtegern-Kenner, denen man einreden kann, sie würden den reinsten aller Stoffe rauchen. Vor allem aber wurde Crack für solche Konsumenten "designed", die sich seiner zerstörerischen Wirkung nicht bewußt sind.  

Was den Dealern am Crack gefallen dürfte, ist seine enorme suchterzeugende Potenz: Für gewöhnlich muß eine Ware beworben werden, um die Kundschaft zu erreichen; eine Ware aber, die Sucht erzeugt, verkauft sich auch ohne Werbung gut. 

 

Natürlich nehmen wir harte Drogen. Die Leute denken, wenn Du Dich schwarz anziehst und mit Metallnieten schmückst und Dir 'ne wilde Frisur machst, bist Du schon Punk-Musiker. Nein, nein, so einfach ist das nicht. Wenn Du ein Punk-Musiker sein willst, mußt Du wirklich fertig sein — und Du mußt alles mitspielen, was dazugehört. Die meisten Punk-Bands, die ich kenne, sind auf Heroin. Wir nicht: Wir waren schon von Anfang an auf Koks. Heute rauchen wir Crack, wann immer wir es kriegen. Und wenn nicht, dann schießen wir wieder Koks.

---Zoot, Schlagzeuger einer Punk-Band, 21 Jahre---

 

Kokain HC ("cocaine hydrochloride"), schlicht Kokain genannt und in der westlichen Welt meist gesnifft, gelegentlich auch injiziert, ist die Salzform des wasserlöslichen Alkaloids Kokain. 

Daß sogenanntes "Freebase Cocaine", das man später in Crack umtaufte, erheblich leichter zu rauchen ist als das gewöhnliche Kokain HC und dabei maximale Rauschwirkung entfaltet, wußte man in fortgeschrittenen Kokser-Kreisen schon 1965.

"Freebase Cocaine" oder Crack wird von einer Wasserlösung des Kokain HC gewonnen, der man eine alkalische Substanz hinzufügt: Das Crack wird dann in Äther aufgelöst oder ausgefiltert und kann durch Evaporation entfernt werden. Eine andere Methode besteht darin, Kokain HC in Wasser aufzulösen und Natrium­bicarbonat hinzuzufügen, damit die Lösung alkalisch wird. Dann wird die Mischung erhitzt, bis alles Wasser verflogen ist und nur noch ein sogenannter "Kuchen" übrigbleibt. Diese Base, die bei beiden Herstellungsmöglichkeiten entsteht, wird dann in zunächst kleinen Mengen (anfangs höchstens 0,05 bis 0,1 Gramm) in einer kleinen Pfeife, meist eine Glaswasserpfeife, geraucht, wobei ein feines Metallsieb das Crack im Pfeifenkopf festhält, so daß es gänzlich verbrannt und geraucht werden kann. Tatsache aber bleibt, daß alle Verschnittstoffe, alle natürlichen und unnatürlichen Drogen, alle Gifte, die dem ursprünglichen Kokain HC beigegeben waren, im selben Verhältnis konvertiert und im Crack vorhanden sind.

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Ich bin ein alter Drogie. Ich habe alle Drogen ausprobiert, von denen ich je gehört habe, ich kenne alle Drogen aus Erfahrung, deren Namen ich kenne und ich kenne viele Drogennamen. 

Ich sage: Crack ist eine üble Scheiße! Ich habe es zweimal ausprobiert, und habe das dann schön sein lassen: Das ist nichts als die Wirkung von Koks auf wenige Minuten verkürzt und wahrscheinlich 20mal so gefährlich. Ich kann hier regelrecht zusehen, wie die Kinder vom Land in die Stadt kommen, sich große Mengen Crack kaufen — und eine Woche später wieder da sind. Und sie sehen jedesmal abgefuckter aus als vorher. 

Es kommt mir vor, als sei Crack ein Instrument im Dienste der Evolution. Für all die Schwachen, Untauglichen, all die, denen es an Kraft fehlt, am täglichen Leben teilzunehmen für die Leute ist Crack erfunden worden: Mögen sie sich innerhalb kürzester Zeit Lunge, Herz und Hirn ruinieren. Mögen sie jung draufgehen und Platz freimachen für tauglichere Menschen! Drogen einfahren ist ja schön und gut, aber Du kannst doch nicht alles einfahren, was irgendwie giftig ist und törnt.

---Murph, Musiker und Drogenkonsument, 33 Jahre---

 

Das Koka-Blatt, von dem sowohl Kokain als auch Crack letztlich abstammen, wird von den südamerikanischen Indianern schon seit jeher als arbeits­erleichterndes Stimulans eingesetzt. Die Absichten, mit der die Hochlandindianer Koka-Blätter kauen, sind ganz andere als die, mit denen in der westlichen Gesellschaft Kokain gesnifft und injiziert oder Crack geraucht wird: Während Koka-Produkte in unserer Gesellschaft ausschließlich zum Lustgewinn und unter Ausschluß jeder Aktivität konsumiert werden, kauen die Hochlandindianer von Peru und Bolivien seit der Zeit des Inka-Imperiums Koka-Blätter, um ihre Arbeitskräfte zu mobilisieren und um den Sauerstoffmangel in großen Höhen besser durchzustehen. 

Die unterschiedlichen Haltungen zu der Droge zeigen sich schon in den Einnahmearten: Der Indio kaut die Koka-Blätter lange Zeit, oft 45 Minuten, mit einer geringen Menge an Kalk, so daß Kalk und Speichel die Alkaloide aus den Blättern lösen helfen; der Saft wird geschluckt, Stengel und Reste werden ausgespuckt. Der Kokser in der modernen Gesellschaft aber benutzt von vornherein schon das vom Koka-Blatt extrahierte Alkaloid Kokain, das schon durch die Gewinnungsart sehr konzentriert und sehr potent ist. Crack wiederum ist eine noch zusätzliche Potenzierung des Alkaloids Kokain. Zum anderen wird durch die Aufnahme mittels Schleimhäuten, Lungengewebe oder Blutbahn die Wirkung noch erheblich potenziert.

 

Die Geschichte der Drogen zeigt immer wieder, daß Menschen Probleme mit genau jenen Drogen haben, die nicht sozio-kulturell in ihrer Kultur eingebettet sind: Die Indianer und der Whisky sind ein gutes Beispiel dafür. Ein noch besseres Beispiel bietet heute das Crackrauchen (als intensivste Form des Kokain-Konsums und als eine der intensivsten Formen des Drogenkonsums überhaupt), vor allem im Vergleich mit der maßvollen Art, wie die Indios Koka konsumieren. 

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Das Kauen von Koka-Blättern scheint, gemäß der Studien des Koka- und Kokain-Forschers Andrew Weil, dem Zahnfleisch wie auch den Zähnen gut zu tun: Das Zahnfleisch ist auch bei alten Leuten gut durchblutet, die Zähne sind stabil und weiß. Das Koka-Blatt enthält große Mengen von Vitaminen, insbesondere Thiamin, Riboflavin und Vitamin C. Die durchschnittliche Tagesdosis, die die Indios einnehmen (ca. 50-60 Gramm), entspricht ziemlich genau dem täglichen Vitaminbedarf des erwachsenen Menschen. Koka hat nicht nur eine wohltuende, regulierende Wirkung auf die Atmung, sondern reinigt auch das Blut von toxischen Metaboliten, vor allem von Urinsäure. Wichtig auch: Der Konsum von Koka hat für den Indio religiöse, soziale, medizinische und kulturelle Bedeutungen und entfremdet den Konsumenten nicht von seinem sozialen Umfeld.

Crack und Kokain hingegen werden, in aller Kenntnis der Gefahren, als reine Lustdroge genommen. In den allermeisten Fällen geht das mit der Ausschaltung anderer Lüste und Vergnügen einher: Nahrungsaufnahme, Arbeitserfolge, Schlaf, Hobbies, Sexualität, Familie, Freunde, Sport und auch der gesamte Gesundheitszustand werden immer unwichtiger, rücken immer mehr in den Hintergrund. Alle Werte werden entwertet, außer dem einen: Die illegale und zerstörerische Beschäftigung wird für den Kokser oder Crack-Raucher zur Hauptbeschäftigung, zum Lebensinhalt.

Die Sucht, die Zerstörung von Neurotransmittern im Gehirn und damit einhergehende soziale Schäden, entfernen und entfremden den Kokser immer mehr von der Realität und der Gesellschaft, der er angehört. Bei Crack-Rauchern kommt noch der sehr viel rapidere Gesundheitszerfall dazu: Das Rauchen von "Freebase Cocaine" führt zu einem unheilbaren Lungenschaden, indem das Lungengewebe nach und nach unkorrigierbar austrocknet.

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Im Mai 1986 erklärten die Vereinigten Staaten Crack zum nationalen Problem — und die Medien berichteten von kaum etwas anderem: Die ganzen USA wurden durchgerüttelt von Nachrichten über sofortige Suchterzeugung, tote Sportler und verkrüppelte Künstler, zwölfjährige Crack-Huren und von Schwer­bewaffneten bewachte Crack-Höhlen. Es hieß, daß vor allem in den Großstadt-Ghettos, da, wo immer die härtesten Drogen konsumiert werden, keiner mehr etwas von Kokain wissen wollte. All die drogenerfahrenen schwarzen Jugendlichen, Hispanics und weißen Kokain-Junkies wollten, so hieß es, nichts als Crack. Eine wirksamere Werbung hätten sich die Crack-Köche und -Dealer kaum ausdenken können. Sehr bald erreichte Crack nun auch Konsumenten aus der Mittel- und der Oberschicht, die früher bestenfalls Marihuana geraucht und mit Kokain experimentiert hatten.

Es ist immer wieder das gleiche Spiel: 

Wann immer eine Droge, die vorher vielleicht unbekannt und schwer zu organisieren war, das Interesse der Medien auf sich lenkt und durch ihre Kanäle "publik" gemacht wird, entsteht in Millionen von Köpfen sehr schnell die Neugier, sie kennenlernen zu wollen — und plötzlich ist die Droge auch recht leicht verfügbar. Im selben Maße, in dem deutschsprachige Medien über das "Phänomen Crack" als typisch amerikanische Problematik übrigens — berichteten, entwickelten deutschsprachige Kokser, Polytoxikomanen und auch eher vorsichtige Gelegenheits­konsumenten brennendes Interesse an etwas, wovon sie kurz zuvor gar nichts gewußt hatten.

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Im selben Maße kamen deutsche Drogen-Köche auf die Idee, auch Crack zu kochen, weil sie sich ausrechnen konnten, daß das Interesse ausreichend geweckt war. Der einzige Grund, warum es im deutschsprachigen Raum nicht mehr Probleme mit Crack gibt, ist, daß der Ausgangsstoff Kokain hier schon immer nur schwer zu bekommen war. Tatsache aber ist: Die Leute, die wirklich Interesse an Crack haben, die die Spielregeln kennen und die die geforderten Preise bezahlen, bekommen es auch hier. Denn auch beim Crack gilt, daß das Drogen-Angebot nicht etwa von Gesetzen, sondern einzig von der Nachfrage abhängig ist.

Da viele Crack-Dealer in Amerika zehn- bis zwölfjährige (fast ausschließlich farbige) Jungen sind, die selber hochsüchtig permanent rauchen, wird das Durch­schnittsalter der amerikanischen Crack-User auf siebzehn bis achtzehn Jahre geschätzt. Vergleichbare fundierte Schätzungen gibt es für den europäischen Raum nicht, und zwar wahrscheinlich so lange, wie Crack in Europa kein Problem darstellt. Über den Daumen geschätzt, ist anzunehmen, daß das Durchschnittsalter der sehr viel selteneren europäischen Crack-Konsumenten um fünf bis zehn Jahre höher liegt. 

28 Prozent von 200 regelmäßigen Crack-Usern, die von der sehr zuverlässigen - fast wissenschaftlich präzisen - amerikanische Drogen-Zeitschrift <High Times> interviewt wurden, haben angegeben, daß sie nach dem ersten Mal schon völlig süchtig waren. So entstand eine Fehlinformation aus einer Kombination aus Mythos und Persönlichkeitsschwäche. 

Fest steht nur, daß dem fünfminütigen Crack-Rausch so etwas wie eine ein- bis zweiminütige Depressionsphase folgt, während der der Konsument durchaus bedauert, wieder zurück in der Realität zu sein. Wenn nun jemand, aus welchen Gründen auch immer, in diesen höchstens zwei Minuten glaubt, für immer süchtig zu sein und sofort die nächste Pfeife stopft, dann passiert genau das, was im Sinne des Dealers ist: Er raucht so oft, bis seine körpereigene Dopamin-Produktion aussetzt — und er tatsächlich voll und ganz süchtig ist. 

Und ist einer erst einmal wirklich süchtig, dann kann er Crack nicht absetzen, ohne mindestens drei Tage währende Übelkeit, Genuß­unfähigkeit, Depressivität, Tremor, Angstaufwallungen, bronchitische Hustenanfälle, Heiserkeit, Schwindel, Appetit- und Schlaflosigkeit durchzustehen. Dies fällt Personen mit labiler Persönlichkeitsstruktur natürlich schwer. In dem zitierten Artikel der <High Times< kamen auch gelegentlich User zu Wort, die ganz anderes zu berichten hatten: Sie rauchten höchstens alle drei oder vier Tage eine Pfeife Crack — und hätten noch nie Probleme mit Sucht gehabt.

 

Daß Crack süchtig macht, ist eine Tatsache; nur: Wie Crack süchtig macht, das wird schon ziemlich übertrieben dargestellt. Ganz ähnlich wie es vor ein paar Jahren vom Heroin hieß: <Du schaust es einmal an und bist für immer süchtig.> Bullshit. Klar, wenn man alle Viertelstunde raucht, ist man noch am Abend des ersten Tages süchtig. Andererseits aber: Ich rauche regelmäßig Crack, aber jeweils nur eine Portion, und ich lasse meinem Körper immer mindestens drei Tage Zeit, sich völlig zu normalisieren. Resultat: Ich habe schon über hundertmal Crack geraucht — und von Sucht keine Spur.

---Howard, Schriftsteller, 47 Jahre---

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Kokain HC und Crack wirken unter anderem berauschend, weil sie dem Körper die Neurotransmitter Dopamin, Serotonin und Norepinephrin im Übermaß anbieten, gleichzeitig aber die natürliche Herstellung dieser Neurotransmitter im Körper immer weiter verlangsamen. 

Wenn Dopamin, Serotonin und Norepinephrin nicht mehr in ausreichender Menge vom Körper produziert werden, d.h., wenn die Kokain- oder Crack-Zufuhr nach einiger Zeit regelmäßiger Einnahme unterbrochen wird, treten die Entzugs­erscheinungen auf: die herkömmlichsten sind, außer den weiter oben beschriebenen körperlichen Entzugs­erscheinungen: Depression, Angst, Lethargie, Verlust an Appetit und Sexualtrieb wie auch chronische Müdigkeit. 

Crack unterdrückt stärker noch als Kokain HC die Produktion von Serotonin, einem Neurotransmitter, der den Schlaf reguliert: Schlaflosigkeit, Tremor und Paranoia sind die Resultate, wenn die Droge entzogen wird. 

Besonders gefährlich an Crack ist, daß es zu Hirnschäden führt. Wahrscheinlich deshalb ist nach längerwährendem Crack-Konsum die Produktion dieser Neurotransmitter für immer und irreparabel gestört.

 

Ich bin schon seit Ewigkeiten, seit meinen frühesten Teenager-Jahren auf der Drogen-Szene. Ich habe alles durchprobiert, was auf den Markt kam, habe meinen Lebensstil mehrmals umgestellt auf die Droge, die mich gerade am meisten faszinierte, ... ich habe zeitweise eher von Coke und H als von Wasser und Brot gelebt. Aber ich finde, wenn man Drogen nimmt, muß man seinen Scheißkopf auch benutzen. Das heißt zum Beispiel: Crack, nein! Das Zeug brauchte ich nur einmal auszuprobieren, um zu wissen, daß das nichts ist. 

Es ist zu stark! Genauso wie Glass viel zu stark ist! 

Klar, labortechnisch scheint es kein Problem zu sein, Drogen immer stärker zu machen, aber es kommt die Zeit, da sind sie einfach zu stark. Der Mensch hat eine kaum faßbare, aber nicht unendliche Kapazität für Vergiftung und Rausch. Ich meine, man kann das ja schon beobachten: Wenn die Kiddies erst einmal am Crack festkleben, dann ist buchstäblich kein Loskommen mehr möglich.

Der einzige, den ich kenne, der es geschafft hat, Crack zu entziehen, war so ein reicher Sohn aus New Jersey: Als der gemerkt hat, daß die Lungen anfangen, ihm den Dienst zu verweigern, ist er mit Gewalt, das heißt: mit sehr hohen Dosen erst einmal auf Heroin umgestiegen, dann hat er sich mit Speed und Coke und Therapie und allen Tricks langsam von H runterdosiert; und als er dann einigermaßen klar blicken konnte, ist er für neun Monate in Entzug gegangen. Das ganze Manöver dürfte gut und gern 100.000 Dollars gekostet haben.

Inzwischen ist er wohl clean, aber er sieht immer noch ganz schön schlimm aus; irgendwie völlig ausgelaugt. Wundert mich nicht, nach der Höllen-Tour!  Und ob so einer je wieder richtig Fuß fassen kann in der Gesellschaft, das ist auch noch sehr die Frage: Ich meine, die Kiddies, die irgendwann einmal auf harten Drogen waren, die bleiben auf 'ne bestimmte Art immer drauf. Irgendwo in ihrem Kopf bleiben sie immer auf der Suche nach den verlorenen Paradiesen, die ihnen nur ihre Droge bieten konnte. Das ist der Grund, warum es soviele Rückfälle gibt.

Das Besondere am Crack aber scheint mir zu sein, daß die Kiddies, die drauf sind, noch nicht einmal auf die Idee kommen, aufzuhören. Und das ist es auch, was ich meine, wenn ich sage, daß Crack einfach zu stark ist: Mit ein paar Portionen in der Tasche kannst Du Dich für immer und ewig von der Realität abschneiden. Und während Du meinst, Du hättest Dich stilvoll verabschiedet und an den Rand zurückgezogen, hast Du Dich in Wirklichkeit nur hinauskatapultiert.

---Dave, Maler und Klein-Dealer, 44 Jahre---

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Der Gebrauch von Kokain HC kann in bestimmten Fällen tödlich sein: Die Droge überstimuliert das zerebrale Nervensystem; das kann zu Krämpfen führen, die das gesamte Atmungssystem zusammenbrechen lassen — so kann der Konsument an seiner Droge buchstäblich ersticken. Kokain erhöht auch den Blutdruck, was je nach Kondition oder Konditionsschwäche einen Herzinfarkt oder einen Hirnschlag bewirken kann. Der Herzinfarkt kann aber auch dadurch eintreten, daß die verengten Herzarterien dem Herzen nicht ausreichend Sauerstoff zuführen.

Das Rauchen von Crack kann ohne weiteres zu einem Atmungskollaps und Tod durch Ersticken führen, da die Atmungsapparatur und die Lungen brutal mißhandelt werden — sich gewissermaßen ständig am Rande des Kollapses bewegen. Die Herzgefäße werden zerstört durch das plötzliche Sich-zusammen-Ziehen der Blutgefäße. Das rapide Hochschnellen des Blutdrucks und des Herzschlags können Krämpfe und Herzversagen bewirken. Prinzipiell unterdrückt Crack im menschlichen Körper die Produktion verschiedener Enzyme, die für das Funktionieren des Herzens unerläßlich sind — und macht dadurch das Herz von vornherein anfällig.

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Crack-Konsum muß nicht unbedingt tödlich enden, ist aber im höchsten Grade gesundheitsschädlich. Vor allem die Wirkung auf die Lungen ist katastrophal: Die Crack-Ablagerungen, schwarze klebrige Klümpchen, kann man auf dem Boden einer zwei-, dreimal gerauchten Crack-Pfeife bewundern. Das Sieb, das den Boden des Pfeifenkopfes bildet, muß regelmäßig ausgebrannt und immer wieder erneuert werden, weil es sonst bis zur völligen Undurchlässigkeit verstopft. Diese schwarzen, klebrigen Klümpchen setzen sich auch in den Lungenalveolen ab, ohne daß man die Lungen so reinigen könnte wie die Pfeife. Kurzatmigkeit, Lungenschmerzen bei der geringsten Anstrengung und eine immens erhöhte Anfälligkeit für Lungenkrankheiten aller Art sind die Folgen. Insgesamt also macht sich der Crack-Raucher mit jedem Rausch anfälliger für Herz- und Atmungsversagen, verursacht und vergrößert verschiedene Hirnschäden und erhöht die Menge der in seinem Körper deponierten Gifte. 

 

Ich habe etwas länger als ein Jahr Crack geraucht; anfangs drei, vier, am Ende gut und gern sechzig, siebzig Pfeifen am Tag: Es kam — ehrlich! — die Zeit, da konnte ich noch nicht einmal auf die Toilette gehen, ohne mich vorher mit einer Pfeife fitzumachen. Bestimmte Beschäftigungen konnte ich nur ausführen, wenn ich permanent rauchte. Ich habe dann in den USA in einem Spezialkrankenhaus entzogen, weil ich spürte, daß es so nicht mehr weitergeht.

Ursprünglich hatte ich immer gedacht, Crack sei sehr rein. Irgend jemand hatte mir auch erzählt, daß Crack nach spätestens 24 Stunden vom Organismus restlos abgebaut würde. Aber das müssen Kindermärchen gewesen sein: Meine Lungen sind total verklebt von irgendeiner schwarzen Scheiße, irgendwelches rekristall­isiertes Zeug, das mir die Atemwege verklebt: Ich kann kaum tief durchatmen, ohne einen Hustenanfall zu erleiden — und das, wo ich seit sieben Monaten nichts mehr geraucht habe.  

Aber auch sonst bin ich fast wie ein alter Mann: Ich habe Gedächtnislücken wie mein eigener Großvater, und meine Konzentration ist eine Katastrophe: Ich kann oft Sätze nicht zu Ende führen, weil ich mitten im Satz vergesse, wie ich ihn angefangen hatte und worauf ich hinauswollte. 

Auch körperlich: Schlimm! Wenn ich drei Stockwerke Treppen steige, droht mir das Herz aus dem Hals rauszuspringen, dabei war ich früher Sportler! Und ansonsten habe ich überhaupt keine Toleranz, was Frustrationen angeht: Die kleinste Kleinigkeit — und ich fange an zu heulen. Ich muß auch zugeben: Seit meiner Crack-Zeit ist es mir nie wieder gelungen, an irgend etwas Freude zu empfinden. Ich zwinge mich einfach dazu, weiterzuleben, in der Hoffnung, daß ich irgendwann einmal wieder der alte sein werde. Viel Hoffnung habe ich allerdings nicht mehr.

Jay, ehemals in Deutschland stationierter GI, 27 Jahre

 

Besonders gefährlich ist Crack für das ungeborene Baby. Tot- und Fehlgeburten und Babies, die gelähmt oder verkrüppelt geboren werden, sind bei Müttern, die während der Schwangerschaft Crack rauchen, keine Seltenheit. Am häufigsten sind Chromosomendefekte, Fehlentwicklungen der Genitalien, Herzschwäche und Fehlfunktionen des Gehirns. Diese Babies sind intellektuell gehandikapt und leiden unter einem geschwächten Immunsystem, die Sterblichkeitsrate liegt sehr hoch. Bei psychischen Schäden wird befürchtet, daß "Crack-Babies" später sehr anfällig für alle Formen schizophrener Erkrankungen sind.

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