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1. Designer-Opiate: Die Pforten zum Hades 

 

 

 

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Im wesentlichen sind Designer-Drogen Variationen bekannter und in aller Regel verbotener Drogen; auf vollsynthetischer Basis imitieren sie die Wirkung von Euphorika, Halluzinogenen, Exzitativa und Narkotika. Indem sie die molekulare Struktur einer bekannten Droge leicht verändern, kreieren die Untergrund-Chemiker neue, ungetestete und vorerst noch legale Drogen. In aller Regel sind dann diese, unter improvisierten Umständen entstehenden DD sehr viel potentere Drogen als die, deren Wirkung sie imitieren: Crack ist eine Art Super-Kokain, Fentanyl eine Art Hyper-Heroin.

Während nun schon Heroin als tödliche Droge gilt, ist eine um ein Vielfaches stärkere DD auch um ein Vielfaches tödlicher. Den ersten Fall stellte der Tod zweier Männer in Kalifornien dar: Sie wurden aufgefunden, die Nadel noch klassisch in der Armbeuge steckend, während bei der Autopsie keinerlei lethale Substanz im Körpergewebe und in der Körperflüssigkeit nachgewiesen werden konnte. Ein weißes Pulver, das auf dem Nachttisch gefunden und für Heroin gehalten worden war, wurde genau untersucht. Resultat: Unbekannt — der traditionellen Chemie völlig unbekannt. 

Tatsächlich benötigten die Chemiker der DEA (Drug Enforcement Administration) nicht weniger als 16 Monate, bis sie den tödlichen Stoff analysiert hatten: Alpha-methyl-fentanyl, eine "neue" Substanz — mit einer Potenz etwa 200mal so hoch wie die von Morphin. Die Wissenschaft aber, die aus dem Staunen gar nicht mehr herauskam, sollte noch ganz andere Fentanyle kennenlernen.

Mittlerweile hatten aber weitere morphin- bzw. heroinähnliche DD den amerikanischen Markt überschwemmt und den europäischen zu erobern begonnen. Diese Quasi-Designer-Opiate, synthetische Narkotika, die anfangs noch als "neues Heroin", später als "allgemeine Analgetika" verkauft wurden, waren zwar an und für sich nicht letal, nicht notwendigerweise tödlich, führten aber zu unheilbaren Verkrüppelungen des zentralnervösen Systems und produzierten, nach häufiger Einnahme, ein regelrechtes Parkinson-Syndrom. 

Diese synthetischen Narkotika werden unter MPPP/MPTP in einem noch folgenden Kapitel abgehandelt, weil sie — anders als die Fentanyle — keine Designer-Opiate im eigentlichen Sinn, sondern vielmehr ein deriviertes Narkotikum sind. Untersuchungen beschlagnahmter Proben ergaben immer wieder, daß ein hochtoxisches, durch unsach­gemäßes Aufbereiten entstehendes Abfallprodukt namens MPTP die Stammhirnareale rapide zerstört und Parkinson-identische Krankheit verursacht.

Bis 1984 hatte man vier verschiedene Designer-Opiate erforscht: 

Erstaunlich war nicht nur die heroin-identische Wirkung, sondern vor allem die Potenz dieser Fentanyl-Derivate. So ist etwa 3-Methyl-Fentanyl 3000mal so potent wie die gleiche Menge an Morphin, Car-Fentanyl gar 7500mal so potent. Mitte 1985 wurden schon mehr als 1000 Tode auf Überdosierungen synthetischer Narkotika zurückgeführt. Dabei ist die Zahl eher als vorsichtige Schätzung zu werten: Da die Designer-Opiate — ihrer extremen Potenz zum Trotz — auch mit Mitteln modernster Toxikologie im Körper auch heute nur schwer nachweisbar sind, ist anzunehmen, daß manch eine Überdosis Designer-Opiat nicht als solche identifiziert wurde.

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Doch zweierlei hatten die Autoritäten bis dahin gelernt: Da die DD "neu" sind und vor Gebrauch nicht oder nicht zureichend getestet werden, ist ihre Potenz und Wirkung selbst den Erfindern und ihren Verteilern nicht wirklich bekannt. Und zweitens sind Designer-Opiate gefährlich, weil sie, unfachmännisch und unter inadäquaten Umständen produziert, diverse toxische Abfall­produkte enthalten. 

Was aber die Designer-Opiate in erster Linie zum Gesprächsthema machte, war die Tatsache, daß jede neue chemische Substanz, solange nicht ausdrücklich verboten, vorerst völlig legal ist. Auch bei nur geringer Abweichung zu einem bekannten, illegalen Gift ist die neue Droge noch nicht unter der Kontrolle des Gesetzgebers. Das führte zu grotesken Fällen, auf die sich die Medien stürzten: Schwarzmarktlabore wurden ausgehoben, hunderttausende Portionen unterschiedlicher toxischer Substanzen wurden beschlagnahmt — aber niemand konnte bestraft werden.  

 

Ich war jahrelang Heroin-Junkie, bin jetzt auf Speed und finde das sehr viel besser: Man macht wenigstens etwas, statt den ganzen Tag zu dösen! Mich hat die Drogen-Szene zum Darwinisten gemacht. Ich sage: Die Designer-Drogen sind ein Teil des Evolutionsplanes; sie dienen der Selektion. Der Abschaum macht sich tot, und das Leben geht weiter. Crack ist genau dazu da, daß die überlebensunfähige Jugend sich rechtzeitig tot macht, Fentanyl ist dazu da, die Junkies zu dezimieren. Die Designer-Drogen sind selektive Maßnahmen der Mutation im Dienste der Evolution. Ich rede ganz im Ernst. Ich habe sehr viel über diese Sachen nachgedacht.

T., Speed-Freak und Gelegenheitsarbeiter, 30 Jahre

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Selbstverständlich sind die hohen Gewinne, die die Herstellung und die Verteilung von DD versprechen, für manch einen (Hobby-) Chemiker unwider­stehlich: Während ein Gramm Heroin im Ausland gekauft und unter Gefahren ins Land geschmuggelt werden muß, um brutal zu höchstens 200 Straßenportionen verschnitten zu werden, läßt sich beispielsweise ein Gramm 3-Methyl-fentanyl mit legal erworbenen Chemikalien im Wert von etwa 150 DM leicht selbst herstellen — und ergibt mindestens 50.000 Portionen. Dazu kommt noch, daß relativ viele Portionen DD sich in kleinsten Mengen praktisch überall verstecken und transportieren lassen. Das Gehäuse einer mittelgroßen Uhr faßt bis zu 80.000, eine präparierte Zahnpastatube mehrere Millionen Portionen. Und besonderer Beliebtheit erfreuen sich die Designer-Opiate, die synthetischen Narkotika, in Gefängnissen und überall dort, wo Drogen­konsumenten Blut- und Urinproben fürchten müssen. 

 

Je mehr Amateur-Chemiker nachrücken, je mehr Panscher sich am "neuen Heroin" probieren, desto gefährlicher werden auch die Stoffe, die die Straße erreichen: Unbekannte, ungetestete Chemikalien werden als echtes Heroin verkauft; der Konsument ist gleichermaßen zahlendes Versuchs­kaninchen. Das toxische Abfallprodukt MPTP beispielsweise entsteht, wenn der Waschküchenlaborant versucht, Zeit zu sparen, und die Masse, statt lange Zeit auf kleiner Flamme, kurze Zeit auf großer Flamme aufkocht. Tödliche Kombinationen können auch durch den Verschnitt wie auch durch die zum Verschnitt verwendeten Stoffe entstehen: Da die Designer-Opiate extrem potent sind, besteht die eigentliche Menge (oft weniger als ein Mikrogramm) eigentlich nur aus einem einzigen Körnchen — mit bloßem Auge nicht sichtbar. 

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Bei der Notwendigkeit so feiner Dosierung kann es schon von vornherein rasch zu Überdosierungen kommen. (Allein schon eine Waage, die mikro­grammgenau mißt, ist ein in Dealer-Kreisen nicht unbedingt häufiges Präzisionsinstrument.) Wieviele Menschen bislang an Designer-Opiaten, am synthetischen Heroin, gestorben sind, läßt sich also kaum sagen. Entsprechend gering ist deswegen oft das Problembewußtsein für eine Grenzziehung zwischen Heroin und Designer-Opiaten. 

Ein langgedienter Rauschgift-Dezernent aus Washington meinte verbittert: "Was, verdammt noch mal, macht es für einen Unterschied, ob die Junkies an natürlichem oder an synthetischem Heroin draufgehen?" So einfach ist das leider nicht. 

Die Designer-Opiate werden als echtes Heroin verkauft, sind aber weit gefährlicher. Wenn man nun nicht unterscheidet, welcher Fixer an Heroin und welcher an Designer-Opiaten gestorben ist, bleiben die Statistiken unverändert: Die Polizei, die Konsumenten, die Drogenköche und die Dealer bleiben uninformiert. Der Koch erfährt nicht, wie gefährlich seine Brühe ist. So panscht er weiter, die Dealer verkaufen weiterhin, und die User sterben weiter. Und die Polizei steht am Rande, nach außen hin verhärtet und innerlich verbittert. 

 

Alles Opiat, ob Opium oder Morphium oder Heroin oder Fentanyl, alles das ist ein Bluff, ich kenne sie alle, ich hab' ihnen praktisch mein Leben, meine Zeit, meine Ziele, meine ganze Existenz geopfert, und ich muß schon sagen: ein riesengroßer Bluff, ein gemeiner Trick: Das erste Mal, das ist ein Traum, ein paradiesisches, unglaubliches Unding, eine Begegnung mit den Göttern. Die ersten paar Male — sie sind wunderschön, die versöhnen Dich mit dem Leben. Du kannst verzeihen. Du kannst endlich wieder tief durchatmen! 

Dann kommt aber die Zeit, da nimmst Du dein H ein — und spürst kaum etwas. Dann nimmst Du mehr, und ein paar Tage geht's. Aber dann kommt der Tag, da spürst Du auch nach der dreifachen Portion nichts, gar nichts. Auch wenn Du zwei Fixen hintereinander reinballerst, spürst Du nicht viel mehr. 

Jetzt kippt das Ganze um:
Jetzt spürst Du nur noch etwas, wenn Du nichts genommen hast, und zwar spürst Du dann Schmerzen und alle Ekelhaftig­keiten, die diese Welt zu bieten hat. Ab jetzt mußt Du tagtäglich Deinen irre hohen Preis dafür bezahlen, um Dich bloß normal zu fühlen; Du blutest, nur um nicht zu leiden: Du gehst her, klaust, verscherbelst, kaufst — von den Bullen gejagt und von den Dealern laufend gelinkt — kaufst Dope, pumpst Dir die Scheiße in den Blutkreislauf... und fühlst Dich gerade einigermaßen normal, um wieder klauen zu gehen.

Hartmut, 29, seit 6 Jahren hochdosiert opiatabhängig

 

<China White> ist ein Jargon-Begriff und meint pures, weißes Heroin aus Südost-Asien, eben: das Weltbeste. Seit es die Designer-Opiate gibt, werden auch sie, meist mit Milchpulver gestreckt, als China White verkauft. Inzwischen ist es gar so weit, daß die Junkies selbst alle möglichen, höchst unterschiedlichen Fentanyl-Derivate, ja, jedes weiße Pulver, das irgendwie dubios aussieht, unter China White zusammenfassen — freilich, nicht ohne ein todesbewußt ironisches Lächeln.

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Fentanyl, eine "offizielle Droge" und Mitte der sechziger Jahre von den Amerikanern erfunden, ist ein synthetisches Narkotikum, das in den USA bei 70 Prozent aller Operationen zur Anwendung kommt. Unter dem Markennamen "Sublimaze" ist Fentanyl seit 1968 als Analgetikum, als schmerzlinderndes Mittel, im Gebrauch. Die chemische Struktur des Fentanyl ist anders als die von Morphin oder Heroin, aber die pharmakologisch-toxikologischen Wirkungen sind identisch. (Allerdings wirkt Fentanyl nur 30 bis 60 Minuten lang, während die Wirkung von Heroin fünf bis sechs Stunden anhält.) 

Die Untergrund-Chemiker haben — niemand weiß genau, wann oder wer — herausgefunden, daß jede leichte Veränderung der molekularen Struktur des Fentanyls, durch Hinzufügen neuer Atome oder durch Abbau/Abspaltung von Atomgruppen, neue Drogen ergibt, die ähnlich wie Heroin wirken — und vor allem Entzugserscheinungen aufheben. Selbstverständlich hat jedes Designer-Opiat, jedes neue Fentanyl-Derivat eine andere, meist noch höhere Potenz, was Wirkungsdauer und -intensität, euphorische Effekte und Giftigkeit der Stoffe angeht. Und die Konsumenten waren und sind zahlende Versuchskaninchen.

Designer-Opiate werden als Pulver verkauft: Völlig weiße Fentanyl-Derivate erreichen die Straße unter dem Namen "Persian White", weiß-gelbliche als "China White" und hellbraune als "Mexican Brown", "Indian Brown" oder "Hong Kong Rocks" — alteingesessene "Markennamen", wie gesagt, die es schon sehr viel länger gibt als die Designer-Opiate; Namen, die dem User suggerieren sollen, daß er es "mit dem Klassiker, dem guten, alten Heroin" zu tun habe. 

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Der Süchtige ist diesen Benennungen ausgeliefert: Er kann nicht erkennen, ob er es mit echtem oder synthetischem Heroin zu tun hat. Ohne größte Fach­kenntnisse und ohne die umfangreiche Technologie eines Chemie-Labors bleibt die aktive Ingredienz unidentifizierbar. (Die Färbung übrigens entsteht, je nachdem, welche Stoffe — Milchpulver, Melasse, Pulverzucker, zerstampfte Tabletten, etc. — zum Verschnitt dieser extrem kleinen Menge der tatsächlichen Droge benutzt werden.) 

Die vielen Fentanyl-Derivate und die natürlichen Opiate haben gemeinsam, daß sie analgetisch, schmerzlindernd, auf das zentralnervöse System und den gastrointestinalen oder Magen-Darm-Trakt einwirken: So produzieren Fentanyle und Opiate, da, wo keine tatsächlichen Schmerzen sind, einen Zustand friedlichster Euphorie am Rande des Einschlafens ("auf der Naht sein", "abnahten"). Gleichzeitig bewirken sie, daß die Atmung verlangsamt wird und mit ihr der gesamte Stoffwechsel. Der Süchtige nimmt dies jedoch nicht wahr. 

 

Das erste Mal, als man mir <China White> gab, damit ich es untersuche, dachte ich wirklich, ich sei ein Vollidiot in Sachen Chemie: Alles was ich jahrelang an der Universität gepaukt hatte, wurde mit einem Schlag über den Haufen geworfen. Ich konnte die Komponenten zählen, aus denen das weiße Pulver bestand — aber auch kein bißchen mehr. Ich konnte vierzehn verschiedene Komponenten zählen, von denen ich aber mit Mühe und Not gerade drei ausmachen konnte. Der Rest: Elf Bücher mit sieben Siegeln.

Bruce, Chemiker bei DEA

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Die populärste Einnahmeart von Designer-Opiaten ist die intravenöse Injektion: Süchtige schätzen den Moment, da das Gift auf direktestem Wege das Hirn erreicht.  

Andererseits lassen sich die Fentanyl-Derivate, so wie alle Opiate, auch rauchen, inhalieren und sniffen. Der "Rush" oder "Hit" ist abhängig von der benutzten Menge und von der Einnahmeart. Rauchen wirkt schnell und dennoch relativ mild, Inhalieren und Sniffen bilden die Mitte. 

Erfahrene Heroinsüchtige, die Designer-Opiate kennengelernt haben, bemängeln an ihnen die starke Wirkung, daß man den Rausch verschläft, um dann aufzuwachen und nichts davon gehabt zu haben, als das nun dringende Bedürfnis, "die nächste Spritze reinzuballern"

Die suchterzeugende und suchterhaltende Potenz von Fentanylen ist übrigens erheblich höher als die der Opiate: Das sogenannte plasmatische Leben der Droge, die Zeit also, da das Gift auf den Organismus Einflüsse ausübt, bis es schließlich verdaut und ausgeschieden worden ist, macht die Zeitdauer des Rausches aus. Wenn das plasmatische Leben des eingenommenen Giftes endet, muß der Fixer die nächste Spritze aufziehen — oder die überaus qualvollen Entzugs­erscheinungen in Kauf nehmen. Das plasmatische Leben des Heroins dauert etwa 5 bis 6 Stunden, das der Designer-Opiate ist ungleich kürzer. Das bedeutet, daß der Junkie häufiger schießen muß, letztlich also süchtiger ist. 

 

Die Junkies, die jetzt auf Fentanyl abfahren, das sind schon lustige Burschen: Die erleben Himmel und Hölle an einem Tag, und das gleich mehrmals. Die gehen von halbem Entzug rüber in die totale Ekstase, pennen dann ein, träumen, dösen, träumen, wachen auf, schauen sich ein paar Sekunden lang die Realität an, dann ziehen sie die Spritze wieder auf und fahren wieder ab.

Heroin- und Kokain-Süchtige sind ja schon regelrechte Endorphin-Clowns, aber die Fentanyl-Junkies, das sind schon richtige Endorphin-Wichser. Nimm ihnen ihre Scheißspritze, und sie haben an nichts mehr Freude. Ich selbst rühre das Zeug nicht an; ich hab es einmal geraucht, das hat mir gereicht. Ich rauche gern einmal einen Joint, ansonsten trinke ich ein Bier oder zwei. Laß mich in Ruhe mit diesem Scheiß, Mann, das ist nur gut fürs Business.

Lucky, ein Dealer in New York

 

Die akuteste toxische Gefahr der Designer-Opiate ist die respiratorische Depression, die Atmungsschwäche, die sie verursachen: Narkotika, auch synthetische, wirken auf das Stammhirn, indem sie den Kohlendioxydgehalt des Blutes senken. Der Mangel an Sauerstoff, der dadurch entsteht, kann zu einem sofortigen Sturz des Blutdrucks führen. Und — eventuell — kann der Blutdruck so tief stürzen, daß ein tödliches Herzversagen eintritt.

 

Wirklich, als wäre das Zeug, was sie erfunden haben und verbreiten, nicht schon an und für sich gefährlich genug, ... ich meine, etwas, das bis zu 3000 mal so stark ist wie Morphin, ist schon eine echte Bombe, nicht wahr, ... da verschneiden diese Burschen den Stoff noch zusätzlich mit Strychnin und Chinin, als wäre das alles gar kein Problem: Hauptsache, es sieht echt aus und läßt sich verkaufen. Die Gesundheit und das Leben des Users sind diesen Brüdern nicht ein Stück kalte Scheiße wert.

F.H., ein Toxikologe und freier Mitarbeiter der DEA

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Die genaue Todesursache bei Designer-Opiat-Überdosen ist umstritten. Alles in allem aber ist man sich einig, daß die enorme Potenz die Fentanyl-Derivate tödlich macht. Dafür sprechen viele Fakten: Zum einen die Geschwindigkeit, mit der der Tod einsetzt. Zum anderen die Tatsache, daß auch an hohe Dosen gewöhnte Fixer sterben, wenn sie auch nur buchstäblich ein Körnchen zu viel erwischt haben, und zum dritten die Tatsache, daß eine Droge von solcher Potenz kaum präzis zu dosieren geht.

 

Man müßte schon wirklich sehr präzise arbeiten, damit erstens das Mischungsverhältnis stimmt und zweitens erhalten bleibt. Sehen Sie, in dem Pulver, das der User kauft, ist weniger als ein Zehntel Prozent der Gesamtmenge, die, sagen wir 0,1 Gramm wiegt, wirkliches Fentanyl-Derivat. Der Rest, also wirklich mehr als 99,9 Prozent ist irgendein anderes Zeug, wenn man Glück hat, nur Milchpulver.

Zudem: Auch wenn man es so unglaublich präzis dosiert und mischt, wie es erforderlich ist, hat man eines nicht unter Kontrolle: Die Intensität, in diesem Fall — leider! — Toxizität und Letalität des Stoffes kann sich noch aufgrund verschiedener Dichten, Wertigkeiten und anderer physikalischer Charakteristika ändern. Man muß schon ein Chemie-Genie und äußerst gewissenhaft sein, ja am besten über einen Stab erfahrener Chemie-Laboranten verfügen, damit das immer gutgeht.

Trotzdem: Die nächste Unbekannte ist der Konsument. Da er das Pulver in aller Regel als Heroin und nicht als Designer-Opiat verkauft bekommt, ist damit zu rechnen, daß er die Menge nimmt, die er an Heroin zu schießen gewohnt ist. Wenn er an hohe Dosen gewöhnt ist, nimmt er sehr wahrscheinlich mehr als nur eine Portion, erwischt eben das eine Körnchen zuviel und ist mit größter Wahrscheinlichkeit sofort tot.

Bruce C. W., Chemiker beim DEA

 

Auch die Stoffe, die zum Verschnitt benutzt werden, können toxisch sein, oder aber untereinander hochgiftige Verbindungen eingehen. Eine weitere Todesursache kann sich aus dem sogenannten "synergistischen Effekt" bei gleichzeitiger Einnahme mehrerer Drogen ergeben: Während der User glaubt, daß sich die Wirkungen gleichzeitig eingenommener Drogen addieren, multipliziert sich in Wahrheit ihre tödliche Potenz in seinem Körper. 

Unter Drogen-Konsumenten ist es durchaus üblich, ab und an einmal zum Beispiel Heroin und Kokain zu mischen ("Speedball"), um einen besonderen Rausch-Effekt zu erzielen. Während eine Mischung aus Kokain und Heroin tödlich sein kann, wirkt eine Kombination aus Kokain und synthetischem Heroin fast immer tödlich.

 

Die Zahl der Toten? Mein Gott, wer kann schon all die Kinder zählen? Ein Junkie ist ein Junkie und bleibt ein Junkie. Der schießt sich jede Scheiße in die Blutbahn, die ihm irgendeinen Hit verspricht. Informationen und Tatsachen interessieren ihn nicht. Gib ihm ein Informationspapier über Designer-Drogen und die Gefahren, und er wischt sich damit den Arsch ab, wenn er das nächste Mal in die Büsche scheißt. Diese Kinder sind krank, völlig gesellschaftskrank.

Stephen, Narcotic Detective, DEA

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Was ist Sucht, und wer ist süchtig?    

 

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I.

  • Hier spätestens taucht die Frage auf, warum der Süchtige krank ist? 

  • Und überhaupt: Was ist eigentlich Sucht

  • Wie funktioniert dieses rätselhafte, mythische Sich-zerstören-Müssen mit Betonung auf Müssen

  • Wie kommt jemand dazu, ein Gift, das ihm als tödlich bekannt ist, nicht nur nehmen zu wollen, sondern es auch noch regelmäßig zu müssen?

Wenn wir den Begriff "Sucht" definieren wollen, müssen wir uns freimachen von den Mythen und Räuberpistolen, von denen dieses Thema umrankt ist: Es gibt keine Droge — weder Heroin noch irgendeine noch so potente DD —, die sofort süchtig macht. Ansichten wie "Harte Drogen machen süchtig, auch wenn man nur einmal davon probiert." sind moderne Legenden. Einerseits sollen sie Angst machen, mit der Droge auch nur in Berührung zu kommen; andererseits spiegeln sie unsere ambivalente Haltung zur Droge. 

Reduziert man die obige Warnung auf den Klartext, so bleibt die Proposition: "Harte Drogen sind so überwältigend, daß wir noch nicht einmal davon probieren können."  Und in diesem Satz schillert jene Mischung aus Angst und Neugier, die uns sofort ergreift, wenn es um Drogen geht.

 

Der Körper produziert seine eigenen Opiate. Diese wurden erst 1975 entdeckt und Endorphine genannt. Diese Endorphine, eine Klasse von Neuro­transmittern, als Reizvermittlern, die im Gehirn agieren, bilden die natürliche Art des Körpers, mit Belastung und Streß umzugehen. 

Eine andere natürliche Gruppe von Neurotransmittern sind die Norepinephrine, die auf schmerzhafte, besorgnis- und angsterregende Reize reagieren und den Organismus mit Energie für den Kampf mobilisieren, ihm die Kraft geben, das Problem anzugehen, statt sich von Angst lähmen zu lassen. 

In dem Moment, da jemand Opiate einnimmt, wird sein Körper von künstlichen Endorphinen überschwemmt: Der User erlebt ein unbeschreibliches Wohl­ergehen, eine große Euphorie, die ihn gegen alles Unschöne und Unangenehme zu feien scheint. Angesichts all der künstlichen Endorphine hält der Körper, sobald die Einnahme über einige Tage regelmäßig erfolgt, die eigene Endorphinproduktion für überflüssig und stellt sie völlig ein. (Morphin- bzw. heroinsüchtig ist ein Organismus, in dem Moment und solange sein Endorphinhaushalt brachliegt.) 

Wird nun die Opiatzufuhr eingestellt, dauert es mehrere Tage — je nach Grad der Abhängigkeit: drei bis neun Tage —, bis das Endorphin­versorgungs­system des Körpers sich normalisiert hat und seine Produktion wiederaufnimmt. In dieser Zeit, da der Körper zunächst gänzlich ohne Endorphine auskommen muß ("auf dem Trockenen liegen"), ist auch die Produktion der angstreiz­vermittelnden und mobilisierenden Norepinephrine gestört: Der Süchtige sieht kaum eine Chance, keinen Hoffnungsschimmer; alles ist sehr deprimierend, sehr beängstigend. 

Das Resultat der gänzlich gestörten Endorphin- und teilweise gestörten Norepinephrinproduktion ist das, was man Entzugs­erscheinungen ("Turkey") nennt:  Laufende Nase, tränende Augen, Schnupfen, innere Kälte, Reizbarkeit, chronischer Verwirrungszustand, akute Schlaflosigkeit, chronische Appetitlosigkeit, Magen- und Darmkoliken, Knochen-, Muskel- und Gelenkschmerzen, Schweißausbrüche, plötzliche Schwindel- und Übelkeitsanfälle, Tremor, erhöhter Herzschlag, erhöhter Blutdruck sowie Durchfall — und das alles fast gleichzeitig. Der Wasser- und der Gewichts­verlust des sich entgiftenden Organismus sind dramatisch, der allgemeine Zustand des Entziehenden erschreckend.

 

II.

Heroin und Kokain - zwei in jeder Hinsicht unterschiedliche Drogen - wirken in diesem Punkt sehr ähnlich: Regelmäßige Heroin­einnahme legt den Endorphin­haushalt des Organismus lahm. Häufiger Kokaingebrauch führt dazu, daß ein anderer körpereigener, für Lust- und Euphoriegefühle zuständiger Neurotransmitter namens Dopamin durch eine Art Kurzzeit-Blockade in seiner Wirkungsdauer und -intensität unnatürlich verstärkt wird: Indem die Reabsorption, der Abbau der Dopamin-Moleküle, erheblich verlangsamt wird, entsteht einerseits ein Glücksgefühl, andererseits wird die Dopamin­produktion des Körpers immer weiter Richtung Null reduziert. 

Parallel dazu wird auch hier die Produktion der Norepinephrine gestört: 

Das Fehlen der natürlichen Neurotransmitterzufuhr bei gleichzeitigem Ausbleiben der künstlichen, viel potenteren Ersatzmittel macht die Entzugserscheinungen bei Heroin und Kokain ähnlich. Jede der beiden Drogen kann deshalb die Entzugs­erscheinungen der anderen mildern.

Die Verlangsamung und die folgende Blockade der natürlichen Versorgung des Körpers mit Endorphinen und Dopaminen mindert die Fähigkeit des Individuums, den täglichen Kampf des Alltags durchzustehen. Der Organismus regelt sich nicht mehr selbst, die Fähigkeit, Freude und Genuß zu empfinden, ist wie tiefgefroren. Depression und Angst prägen - als Folge fehlender Norepinephrine - das Denken und Fühlen der Suchtkranken. 

 wikipedia  Dopamin    wikipedia  Noradrenalin    wikipedia  Endorphine    wikipedia  Serotonin 

III.

Der Körper des Menschen hat seine eigene Art und Weise, zu belohnen, Lust zu verschaffen: So fühlen wir uns wohl nach tiefem Schlaf, einer erfrischenden Dusche, einem wohltuenden Spaziergang, einem guten Essen oder auch einem befriedigenden Liebesakt — weil eben die entsprechenden Körpersäfte aktiviert werden. 

"Belohnt" sich nun jemand künstlich, indem er (mehrmals) täglich Heroin oder auch Kokain einnimmt, reduziert er die Produktion dieser Körpersäfte auf Null zu — bis ihm schließlich das Leben nur mit entsprechend hohen und noch zu steigernden Dosen künstlicher Endorphine erträglich ist. Der Süchtige erlebt durch die Einnahme seiner Droge kaum einen Rausch, sondern normalisiert lediglich seinen angeknacksten Gemüts- und Gesundheits­zustand für die nächsten Stunden. 

Es gibt — schlicht und einfach — keine Kur gegen Opiatsucht. Sicherlich, der Körper kann entgiftet, die Psyche therapiert werden. Und es gibt gar nicht einmal so wenige ehemalige Junkies, die erfolgreich entzogen haben und seit Jahren "clean" sind.  Doch jeder von ihnen gibt zu - wenn er ehrlich ist -, daß sein größter Wunsch darin besteht, sich noch ein Mal, nur noch ein Mal, satt zu berauschen am über alles geliebten Opiat.  

 

Auch sprechen die Rückfallquoten therapierter Junkies ihre eigene Sprache. Der einfache Grund: 

Solche Gefühle, wie sie durch ein Bombardement des Gehirns mit künstlichen Neurotransmittern möglich sind, kann der Körper selbst nicht bieten. Man kann die natürliche Endorphin- und Dopaminproduktion mit der künstlichen Versorgung durch Heroin, Kokain oder auch synthetischen Narkotika nicht vergleichen. So kommt es, daß der Ex-Junkie - wenn er Glück hat und stark ist - sein Leben lang psychisch abhängig ist. 

 

IV.

Die drei härtesten traditionellen Rauschgifte der Welt — und "Härte" soll hier den Grad der Suchterzeugung und -erhaltung umschreiben — haben neben den immensen gesundheitlichen Schäden auch die Suchterzeugungs- und vor allem -erhaltungs­mechanismen gemeinsam.

Alle drei — Heroin und Kokain verhältnismäßig schnell, Alkohol erst nach längerem Mißbrauch — zwingen den, der zu oft Zuflucht in ihrer Betäubung gesucht hat, sie auch dann zu nehmen, wenn der Wille und alle Vernunft gegen die Einnahme sprechen: Schmerzendes körperlich-seelisches Unwohlsein stellt sich ein und weicht nur, wenn der Körper eine ausreichende Portion des entsprechenden Nervengiftes erhält.

Selbst wer sich durch Willenskraft der Sucht entzogen hat, ist noch lange nicht vor einem erneuten "Angriff" des Giftes sicher. Der "Ex" ist ständig in Versuchung — er redet sich gelegentlich ein, daß er ja nur sehen will, was er eigentlich an diesem Zeug gefunden hatte, und er weiß doch gleichzeitig, daß dies nur ein Trick-Argument ist. 

Jede "einmalige" Wiederannäherung an das Gift ist der unweigerliche Wiedereinstieg in die Sucht. Die Abhängigkeit setzt mit derselben Intensität ein, als wäre sie nie auch nur einen Tag gewichen. 

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