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Prolog - Die Abrechnung

 

Rich-2019

Leseprobe vom Verlag mit eigenen Seitenzahlen pdf

 

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Fast alles, was wir über die Erderwärmung wissen, war bereits 1979 bekannt. Es war damals womöglich sogar besser bekannt. Heute wissen neun von zehn Amerikanern nicht, dass sich die Experten (und zwar in ihrer überwiegenden Mehrheit) einig sind, dass die Menschen durch das bedenkenlose Verbrennen fossiler Energieträger das globale Klima verändert haben. Doch bereits 1979 waren die wichtigsten Punkte unumstritten, und das Interesse wandte sich von den grundsätzlichen Erkenntnissen ab und einem genaueren Studium der angekündigten Folgen zu.

Anders als die Stringtheorie oder die Gentechnik war der «Treibhauseffekt» – die Metapher stammt aus dem frühen 20. Jahrhundert – längst historisch, ein Phänomen, das in jedem Biologielehrbuch beschrieben war. Die zugrunde liegende Wissenschaft war nicht besonders kompliziert. Sie ließ sich auf ein schlichtes Axiom zurückführen: Je mehr CO2 sich in der Atmosphäre befindet, desto wärmer wird der Planet. Und mit dem Verbrennen von Kohle, Öl und Gas stießen die Menschen jedes Jahr immer obszönere Mengen von Kohlendioxid in die Atmosphäre.

Seit der Industriellen Revolution hat sich die Erde um mehr als ein Grad Celsius erwärmt. Das Pariser Klimaschutzabkommen – dieser nicht bindende, nicht strafbewehrte und schon jetzt nicht beachtete Vertrag, der 2016 am Earth Day (Tag der Erde) unterzeichnet wurde – sah vor, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen. Einer neueren Studie zufolge stehen die Chancen dafür eins zu zwanzig. Wenn wir es durch ein Wunder doch schaffen sollten, müssten wir uns nur mehr mit der Vernichtung der tropischen Korallenbänke und dem Ansteigen des Meeresspiegels um mehrere Meter beschäftigen und den Persischen Golf aufgeben.

Der Klimaforscher James Hansen hat die Erwärmung um zwei Grad als «Anleitung für eine lang dauernde Katastrophe» bezeichnet. Eine lang dauernde Katastrophe ist das, was im günstigsten Fall auf uns zukommt. Eine Erwärmung um drei Grad ist die Anleitung für eine sehr kurzweilige Katastrophe: In der Arktis entstehen Wälder, die meisten Küstenstädte werden aufgegeben, der Hunger führt zu Massensterben.

Robert Watson, ein ehemaliger Vorsitzender des Weltklimarats (IPCC), vertritt die Auffassung, dass eine Erwärmung um drei Grad das realistische Minimum darstellt. Vier Grad: In Europa herrscht permanente Dürre, große Teile von China, Indien und Bangladesch verwandeln sich in Wüsten, Polynesien ertrinkt im Meer, der Colorado River verkümmert zu einem Rinnsal.

Die Aussicht auf eine Erwärmung um fünf Grad bringt manche der bekanntesten Klimaforscher, die sonst kaum zur Übertreibung neigen, sogar so weit, dass sie vor dem Ende der menschlichen Zivilisation warnen. Die Erderwärmung wäre dann gar nicht die eigentliche Ursache – wir werden nicht plötzlich zu brennen anfangen und zu Asche zerfallen – , sondern die Sekundärfolge.

Das Rote Kreuz schätzt, dass schon heute mehr Menschen wegen Umweltkrisen auf der Flucht sind als wegen gewalttätiger Auseinandersetzungen. Hunger, Dürre, die Überflutung der Küsten und die erdrückende Ausbreitung der Wüsten werden Hunderte von Millionen zwingen, ihr Heil in der Flucht zu suchen. Die massenhafte Migration wird manchen prekären regionalen Waffenstillstand gefährden und den Kampf um die natürlichen Ressourcen beschleunigen sowie Terroranschläge und Kriegserklärungen fördern. Ab einem gewissen Punkt werden die beiden Großmächte, die unsere Zivilisation bedrohen, die Erderwärmung und die Atomwaffen, ihre Ketten abwerfen und zusammen gegen ihre Schöpfer rebellieren.

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Eine Erwärmung um fünf oder sechs Grad kommt uns nur deshalb abseitig vor, weil wir überzeugt davon sind, dass wir rechtzeitig reagieren könnten. Schließlich bleiben uns noch Jahrzehnte, um den CO2-Ausstoß zu eliminieren, ehe wir bei den sechs Grad angekommen sind. Wir hatten allerdings bereits mehrere Jahrzehnte – Jahrzehnte, die zunehmend durch die klimabedingte Katastrophe gezeichnet waren – und haben in dieser Zeit fast alles unternommen, um das Problem sogar noch zu verschärfen. Inzwischen wirkt die Vorstellung, dass sich die Menschheit, wenn sie es mit einer existenziellen Bedrohung zu tun hat, tatsächlich von der Vernunft leiten ließe, überhaupt nicht mehr vernünftig.

Um unser gegenwärtiges und künftiges Dilemma zu verstehen, müssen wir zuerst verstehen, warum wir dieses Problem nicht gelöst haben, solange wir die Gelegenheit dazu hatten. Denn in dem Jahrzehnt zwischen 1979 und 1989 bot sich reichlich Gelegenheit. Die Großmächte waren nur noch wenige Unterschriften von einem bindenden Rahmenvertrag entfernt, mit dem CO2-Emissionen verringert werden sollten – so nah wie seitdem nie mehr. In diesem Jahrzehnt gab es all die Hindernisse, die wir für unsere gegenwärtige Untätigkeit verantwortlich machen, noch gar nicht. Die Erfolgsaussichten waren so günstig, dass sie heute märchenhaft wirken, wo so viele langjährige Mitglieder der Klimaklasse – die Wissenschaftler, Diplomaten und Aktivisten, die jahrzehntelang gegen Ignoranz, Trägheit und die Bestechungen der Großindustrie gekämpft haben – an der Möglichkeit verzweifeln, dass sich wenigstens eine Verlangsamung erreichen ließe. Ken Caldeira, der führende Klimaforscher an der Carnegie Institution for Science im kalifornischen Stanford, hat es vor kurzem so ausgedrückt: «Wir sind inzwischen so weit, dass wir uns nicht mehr mit der Vorhersage dessen zu beschäftigen haben, was passieren wird, sondern erklären müssen, was bereits passiert ist.»

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Was aber ist passiert? Die übliche Erklärung handelt von den Verheerungen durch die fossile Energieindustrie, die in den vergangenen Jahrzehnten bereitwillig die Rolle des großmäuligen Bilderbuch-Schurken gespielt hat. Zwischen 2000 und 2016 wandte die Industrie mehr als zwei Milliarden auf (oder zehnmal so viel, wie von Umweltorganisationen ausgegeben wurde), um gegen restriktive Klimagesetze vorzugehen. Eine umfangreiche Unterabteilung der Klimaliteratur hat die Intrigen der Industrielobbyisten, die Korruptheit willfähriger Wissenschaftler und die Einflusskampagnen dokumentiert, die bis heute die politische Debatte verderben, obwohl die törichte Farce des Abstreitens längst aufgegeben wurde. All das hat die Aussichten auf eine aggressive amerikanische Klimapolitik ungefähr so wahrscheinlich gemacht wie die Abschaffung des Second Amendment, dem Recht aller Bürger, Waffen zu tragen. Dabei hat der Angriff der Industrie mit aller Kraft erst Ende der achtziger Jahre begonnen. Im Jahrzehnt davor haben einige der größten Öl- und Gasfirmen, darunter Exxon und Shell, ernsthafte Anstrengungen unternommen, um das Ausmaß der Krise zu verstehen und Lösungsmöglichkeiten zu finden.

Heute verzweifeln wir an der Politisierung der Klimafrage, was aber nur eine höfliche Umschreibung für die Sturheit ist, mit der die Republikaner den Klimawandel leugnen. 2018 wussten nur zweiundvierzig Prozent der eingetragenen Republikaner, dass «die meisten Wissenschaftler von der Erderwärmung überzeugt sind», und dieser Prozentsatz sinkt beständig. Skepsis gegenüber dem wissenschaftlichen Konsens bei gleichzeitigem Zweifel an der Seriosität der experimentellen Methoden und daran, dass es um die Suche nach Wahrheit geht, hat sich zu einem Glaubensbekenntnis der Partei entwickelt.

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Dabei waren sich in den achtziger Jahren viele prominente republikanische Abgeordnete, Kabinettsmitglieder und Parteistrategen mit den Demokraten darüber einig, dass das Klimaproblem ein ungewöhnlicher politischer Sonderfall war: überparteilich anerkannt und von höchster Dringlichkeit. Zu jenen, die auf eine sofortige, weitreichende Klimapolitik drängten, gehörten damals: die Senatoren John Chafee, Robert Staf-ford und David Durenberger; William K. Reilly, Chef der amerikanischen Umweltbehörde EPA (Environmental Protection Agency); sowie während seines Präsidentschaftswahlkampfs George H. W. Bush. 1981 erklärte Malcolm Forbes Baldwin, der kommissarische Leiter von Ronald Reagans Council on Environmental Quality, vor Industriemanagern: «Es gibt für Konservative kein wichtigeres Anliegen als den Schutz der Erde.» Das Thema war ebenso wenig umstritten wie die Unterstützung für das Militär und die Redefreiheit. Nur dass die Atmosphäre sogar eine noch größere Wählerschaft umfasst, denn es gehören alle Erdenbewohner dazu.

Man war sich weithin einig, dass dringender Handlungsbedarf bestand. Anfang der Achtziger prophezeiten Wissenschaftler der Bundesbehörden, dass sich die Erwärmung bereits am Ende des Jahrzehnts, wenn es zu spät sein würde, um die Katastrophe abzuwenden, in der globalen Temperaturentwicklung würde zweifelsfrei nachweisen lassen. Damals waren die Vereinigten Staaten der weltgrößte Produzent von Treibhausgasen, während dreißig Prozent der Weltbevölkerung noch nicht einmal über Strom verfügten. Diese Milliarden brauchten den «American way of life» gar nicht zu erreichen, um den CO2-Ausstoß katastrophal ansteigen zu lassen; dafür genügte bereits eine Glühbirne in jedem zweiten Dorf.

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In einem Gutachten, das die National Academy of Sciences 1980 im Auftrag des Weißen Hauses vorlegte, wurde der Vorschlag gemacht, dass «das Thema Kohlendioxid im Sinne größtmöglicher Zusammenarbeit und im Bemühen um Einigung bei Vermeidung von politischer Manipulation, Kontroverse und Spaltung auf die internationale Tagesordnung gesetzt werden» solle.

Wenn die Vereinigten Staaten der Empfehlung gefolgt wären, die Ende der Achtziger breite Zustimmung fand – die CO2-Emissionen einzufrieren und bis 2005 um zwanzig Prozent zurückzufahren – , hätte sich die Erwärmung auf anderthalb Grad begrenzen lassen.

Auch auf internationaler Ebene war man sich weitgehend einig, wie sich das erreichen ließe: durch einen verbindlichen globalen Vertrag. Die Idee begann bereits im Februar 1979 Gestalt anzunehmen, als sich auf der Weltklimakonferenz in Genf Wissenschaftler aus fünfzig Ländern einmütig darüber verständigten, dass es «dringend erforderlich» sei zu handeln. Beim G-7-Treffen vier Monate später in Tokio unterzeichneten die Staatschefs der reichsten Nationen eine Erklärung mit der Absicht, den Ausstoß von Kohlenstoff zu reduzieren. Zehn Jahre später wurde in den Niederlanden ein Diplomatentreffen einberufen, um die Rahmenbedingungen für einen Vertrag zu verhandeln. Delegierte aus mehr als sechzig Ländern nahmen daran teil. Wissenschaftler und Staatschefs kamen überein, dass gehandelt werden musste und den Vereinigten Staaten dabei die Führungsrolle zukam. Die USA übernahmen diese Rolle aber nicht.

Das erste Kapitel in der unendlichen Geschichte vom Klimawandel ist damit vorbei. In diesem Kapitel – man könnte es «Besorgnis» überschreiben – haben wir die Bedrohung und das, was daraus folgt, formuliert. Wir haben über die Maßnahmen gesprochen, die erforderlich sind, um den Planeten als Heimat für die Menschen zu erhalten: ein Übergang vom Verbrennen fossiler Energieträger zu erneuerbarer und nuklearer Energie, eine vernünftigere Landwirtschaft, Wiederaufforstung, Steuern auf Kohlenstoff. Mit wachsender Dringlichkeit und zunehmender Selbsttäuschung sprachen wir von der Möglichkeit, am Ende doch über die trüben Aussichten zu triumphieren.

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Nie jedoch haben wir ernsthaft die Möglichkeit des Scheiterns ins Auge gefasst. Wir haben begriffen, was ein Scheitern für Küstenregionen, die landwirt­schaftlichen Erträge, die Temperaturen, Wanderbewegungen und die Weltwirtschaft bedeuten würde, doch haben wir uns nicht klargemacht, was ein Scheitern für uns bedeuten könnte. Wie wird es unser Bild von uns selbst verändern, wie die Erinnerung an die Vergangenheit, wie unsere Vorstellung von der Zukunft? Wie sehr hat unser vielfältiges Scheitern uns bereits verändert? Warum haben wir uns das angetan? Das sind Fragen, die im zweiten Kapitel des Klimawandels behandelt werden. Man kann es «Abrechnung» nennen.

Dass wir als Zivilisation so knapp davor waren, den Selbstmordpakt zu brechen, den wir mit fossilen Brennstoffen eingegangen sind, ist der Arbeit einer Handvoll Menschen zu verdanken – Forscher aus mehr als einem Dutzend Disziplinen, Amtsträger, Kongressabgeordnete, Ökonomen, Philosophen und anonyme Bürokraten. Angeführt wurden sie von einem hyperkinetischen Lobbyisten und einem arglosen Atmosphärenphysiker, die sich unter großen persönlichen Opfern bemühten, die Menschheit vor dem, was ihr droht, zu warnen. Ohne Angst um ihre Karriere versuchten sie in einer schmerzhaften und immer weiter ausgreifenden Kampagne das Problem erst in wissenschaftlichen Abhandlungen, später in der traditionellen Form politischer Überzeugungsarbeit und schließlich mit einer Strategie der öffentlichen Anklage zu lösen.

Diese Versuche waren geschickt, leidenschaftlich und hartnäckig, und sie scheiterten. Im Folgenden wird ihre Geschichte erzählt, die auch die unsre ist.

Wir schmeicheln uns gern mit der Annahme, dass wir, hätten wir die Möglichkeit, noch einmal anzufangen, anders handeln würden – oder überhaupt erst handeln würden.

Man sollte doch glauben, dass vernünftige Menschen, die in gutem Glauben verhandeln, nach gründlicher Bewertung der wissenschaftlichen Erkenntnisse und einer aufrichtigen Abschätzung der sozialen, ökonomischen, ökologischen und moralischen Weiterungen des planetarischen Erstickungstodes sich auf einen gemeinsamen Weg verständigen könnten. 

Mit anderen Worten, man sollte doch denken, dass wir, wenn wir reinen Tisch machen würden, uns durch einen Zaubertrick des politischen Gifts und des Agitprops der Konzerne entledigen könnten, in der Lage sein müssten, dieses Problem zu lösen.

Im Frühling des Jahres 1979 hatten wir tatsächlich so etwas wie einen reinen Tisch. Präsident Jimmy Carter, der auf dem Dach des Weißen Hauses Solarzellen hatte installieren lassen und über einen Beliebtheitsgrad von sechsundvierzig Prozent verfügte, überwachte die Unterzeichnung des Friedensvertrags zwischen Israel und Ägypten. «Wir haben endlich den ersten Schritt zum Frieden getan», verkündete er, «den ersten Schritt auf einem langen, mühsamen Weg.»

Der erfolgreichste Film in den USA war «Das China-Syndrom», die Bee Gees hatten eine Nummer eins mit «Tragedy», Barbara Tuchmans «Der ferne Spiegel», die Geschichte der Schicksalsschläge, die das mittelalterliche Europa nach einem gewaltigen Klimawandel erlitt, stand das ganze Jahr über weit oben auf der Bestseller-Liste. Vor der Golfküste von Mexiko explodierte eine Ölquelle, das Öl sprudelte neun Monate lang und verunreinigte die Küsten bis hinauf zum texanischen Galveston. Im Atomkraftwerk Three Mile Island im Stadtgebiet von Londonderry in Pennsylvania versagte ein Wasserfilter.

Und in Washington, D. C., im Hauptquartier der «Friends of the Earth», kämpfte sich ein dreißig Jahre alter Aktivist, der sich als «Umweltlobbyist» bezeichnete, durch einen trockenen amtlichen Bericht, mit dem sich sein Leben ändern sollte.

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