Knabe.Start

(1) Hubertus Knabe: Die unterwanderte Republik. Stasi im Westen.
Propyläen Verlag, Berlin 1999. 590 S. 

(2) Hubertus Knabe: West-Arbeit des MfS.
Das Zusammenspiel von "Aufklärung" und "Abwehr" 

 

Stephan Fingerle, Amazon.de:  

Gestützt auf reichhaltiges Quellenmaterial gelingt es dem Autor, das Wirken des MfS "transparent" zu machen. Weite Bereiche der bundesdeutschen Gesellschaft wurden von der Stasi unterwandert. Ihre "Quellen" in Politik, Militär, Wirtschaft, Medien oder Wissenschaft sorgten für einen ständigen Informationsfluss. "Die Stasi war als konspirative Kraft immer dabei", diagnostiziert Knabe, und ein dichtes Netz von über 20.000 Informellen Mitarbeitern sorgte dafür, dass der Mielke-Truppe nur wenig entging.

Doch der Stasi ging es nicht um bloße Informationsbeschaffung. Ihre Agenten "übten politischen Einfluss aus, lancierten Desinformationen und bereiteten für den Kriegs- und Spannungsfall Sabotage- oder Mordaktionen vor". Eine bislang noch unbekannte Zahl von Bundesbürgern, die vom MfS als "feindlich" eingestuft wurden, darunter Schriftsteller, Journalisten und Politiker, wurden systematisch mit sogenannten "Zersetzungsmaßnahmen" überzogen. Und prominente DDR-Kritiker wie Wolf Biermann oder Jürgen Fuchs entgingen auch im Westen nicht der Verfolgung durch die Stasi.

Knabes Buch macht deutlich, dass die Stasi kein spezifisch ostdeutsches Problem ist. Ihre Tätigkeit war in erheblichen Maße gegen die alte Bundesrepublik gerichtet, und der Westen wurde gezielt "bearbeitet" und planmäßig infiltriert. Die unterwanderte Republik fasst den heutigen Kenntnisstand zu diesem brisanten Kapitel der bundesdeutschen Geschichte in anschaulicher Weise zusammen. Die abschließenden Bewertung aber muss der weiteren Forschung überlassen bleiben. 

 

Wolfgang Müller, Dickinson College:

Wie man den umfangreichen Bibliographien beider Bücher Knabes entnehmen kann, sind wissenschaftliche Arbeiten über den Staatssicherheitsdienst der DDR Legion. Erwähnt seien hier nur die Pionierarbeiten Karl Wilhelm Frickes, der als von der Stasi Verfolgter schon zu Zeiten der DDR begonnen hatte, sich mit der Stasi zu beschäftigen, u. a. in Die DDR-Staatssicherheit: Entwicklung, Strukturen, Aktionsfelder (1982); David Gills und Ulrich Schröters Das Ministerium für Staatssicherheit (1991); Joachim Walthers Sicherungsbereich Literatur (1996); Helmut Müller-Enbergs Inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (1998) und die vielen Einzeldarstellungen zu Aspekten des „unheimlichen Erbes", so der Titel eines von Rita Sélitrenny und Thilo Weichert publizierten Buches. Trotzdem bleibt ein großer Bedarf an Wissen. Die Doppelkompendien Die unterwanderte Republik und das ergänzende Die Westarbeit des MfS, für die Hubertus Knabe als Autor zeichnet, werden auf lange Sicht zu den Standardwerken über die Organisationsformen dieser Monsterorganisation aus Geheimdienst und politischer Polizei gehören.

Obwohl sich beide Bücher Knabes mit den Machenschaften des MfS in der Bundesrepublik beschäftigen, sind sie doch hinreichend verschieden, um für sich selbst stehen zu können und sich gleichzeitig zu ergänzen. Den Schwerpunkt von West-Arbeit des MfS bildet die strukturelle Analyse von Stasieinheiten und ihren Aufgaben im „Operationsgebiet". Dieses Buch ist in der Serie „Analysen und Dokumente. Wissenschaftliche Reihe des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik" erschienen. Die unterwanderte Republik, dem Autor und Bürgerrechtler Jürgen Fuchs gewidmet, und außerhalb der Restriktionen geschrieben, die offiziellen Publikationen der Gauckbehörde unterliegen, konzentriert sich eher auf die Darstellung einzelner Stasioperationen und deren Einordnung in die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.

Die unterwanderte Republik unterteilt sich in 12 Hauptkapitel, in denen mit großer Gründlichkeit und Detailkenntnis dem unheilvollen Wirken der Stasi im "Operationsgebiet" der Bundesrepublik nachgegangen wird. Es untersucht die Durchdringung der politischen Parteien, analysiert die Organisation politischer Affären, geißelt die nazistische Vergangenheitsbewältigung "per Stasi Dossier", widmet sich einzelnen Personen des politischen Lebens, die wie Herbert Wehner, Jürgen Fuchs und Wolf Biermann im Visier der Stasi standen und beschäftigt sich mit der Funktionalisierung und Unterwanderung der Kirchen, der Studenten- und Friedensbewegung, dem Auskundschaften von Wissenschaft, Wirtschaft und Hochschulwesen, die wichtige Rekrutierungsfelder für die Stasi waren.

Mit Beklemmung liest man, in wie hohem Maße die Stasi über ihre Agenten und 20-30.000 West-IMs am politischen Prozeß der Bundesrepublik teilnahm; und das bezieht sich nicht nur auf die spektakulären Fälle, wie die Unterwanderung des Bundeskanzleramtes durch Guillaume und die Beeinflussung und teilweise Steuerung der Studenten- und Antikriegsbewegung, sondern auch auf die Plazierung und Werbung von Agenten in der Wirtschaft, in der Forschung und in den geheimdienstlichen Organisationen der Bundesrepublik.

Man darf mit recht vermuten, daß diese Beklemmung noch stärker wird, wenn erst die vom amerikanischen Geheimdienst in den letzten Tagen der DDR erworbenen Akten der HVA ausgewertet sind. Wenn dazu noch die von der Stasi abgehörten Telefongespräche führender Politiker der Bundesrepublik in der Öffentlichkeit bekannt werden sollten, wirkt die Frage, die Knabe den Lesern und sich selbst im Vorwort des Buches stellt: „Muß die Geschichte der Bundesrepublik neu geschrieben werden?", gar nicht mehr so rhetorisch, sondern ganz realistisch, denn der Umfang der tatsächlichen und potentiellen Manipulation des politischen Lebens in der Bundesrepublik Deutschland war enorm.

Unter anderem gelang es der Stasi, hohe Funktionsträger der Bundesrepublik, wie zum Beispiel den ehemaligen Bundespräsidenten Heinrich Lübke, den Staatssekretär Hans Globke und den Vertriebenenminister Eugen Gerstenmaier aus ihren Funktionen zu drängen — der Rücktritt Brandts dagegen war ein eher ungewolltes Resultat ihres geheimdienstlichen Wirkens — und vom SPD-Spitzenpolitiker Karl Wienand sensible Interna aus Partei und Regierung zu "kaufen"; über den Spion Rainer Rupp alias "Topas" in den Besitz geheimster Materialien aus der Brüsseler NATO-Zentrale zu kommen; und auf dem Höhepunkt der Friedensbewegung die SPD soweit zu beeinflussen, daß auf ihrem Parteitag Initiativanträge gegen die NATO-Raketenstationierung eingebracht wurden.

Die unterwanderte Republik ist ein eindrucksvoller Bericht dieser und vieler anderer Machenschaften der Stasi. Allerdings scheint der gerechtfertigte Zorn auf diese Machenschaften an einigen Stellen, die zwar komplizierten aber doch auch selbstverschuldeten Probleme der Bundesrepublik mit dem Hinweis auf die Stasi zu entschärfen. Das herausragendes Beispiel ist die personelle Kontinuität von Führungseliten vom Drittem Reich zur deutschen Nachkriegsdemokratie. Selbstverständlich ist Knabe z. B. zuzustimmen, wenn er die Stasiaktionen „Vergißmeinnicht" und „J", die die Furcht des Auslandes vor einem Wiedererstehen des Antisemitismus funktionalisierte, um die junge Bundesrepublik zu diskreditieren und zu delegitimieren, als einen besonders perfiden Versuch der politischen Einflußnahme charakterisiert. Immerhin waren sich die Stasi und ihre politischen Herren vom Politbüro nicht schäbig genug, anonyme antisemitische Briefe an jüdische Bürger in der Bundesrepublik zu schreiben, die Besorgnis, ja Angst bei den Empfängern dieser Briefe hervorriefen und so dem Image der Bundesrepublik schadeten. Auch schadete die Stasi der Bundesrepublik, wenn sie Politiker wie Eugen Gerstenmaier und Hans Globke entgegen den Tatsachen als Altnazis "outeten" und gleichzeitig rechte Gruppierungen, Parteien und Publikationen finanziell unterstützten.

Doch war es nicht die Schuld der Stasi, daß es einem bedeutenden Teil der nazistischen Funktionselite, von den Euthanasieärzten bis zu Mitarbeitern verschiedener Behörden gelungen war, in der frühen Bundesrepublik in hohe Positionen aufzusteigen. Leider fand die Stasi gerade bei diesen Kampagnen eben auch ein für sie fruchtbares Feld vor. Hätte sich Heinrich Lübke nicht sagen müssen, daß es für die junge Bundesrepublik besser gewesen wäre, wenn ihr Bundespräsident aus dem Widerstand gekommen wäre und nicht aus einer Architektenfirma, die für den deutschen Krieg gegen Europa baute. Oder Theodor Oberländer; muß man 1957 unbedingt Bundesminister für Vertriebene in der jungen Demokratie werden wollen, wenn man am Hitlerputsch 1923 teilgenommen und seit 1933 der NSDAP angehört hat. Und die vielen rechtsextremen Gruppierungen — hätte es ohne die finanzielle Unterstützung der Stasi weniger gegeben?

Knabe zeigt auch sehr eindringlich und überzeugend, wie die Stasi versucht hat, Herbert Wehner zu diskreditieren. Doch kann man, selbst bei großer Sympathie für diesen komplizierten Mann und überragenden deutschen Politiker, den Schluß ziehen, daß seine politischen Zwecke und Mittel deshalb wertvoll waren, weil die Stasi mit schlimmen Methoden gegen ihn vorging? Auch bei ihm hatte die Stasi einen Ansatzpunkt: sein, so die Stasi-Version, verräterisches Verhalten gegenüber Genossen in schwedischer Haft. Nun belegt Knabe überzeugend, daß nicht Wehner der Verräter gewesen ist. Aber wäre es ihm nicht zuzutrauen gewesen? Hätte er mit diesem Verrat nicht nur wiederholt, was er als kommunistischer Funktionär in Moskauer vielfach getan hatte? Und mußte er mit seiner KPD-Vergangenheit und seinen KGB-Akten, die belegen, daß er im Moskauer Exil Genossen verraten und damit in den Tod geschickt hat, unbedingt zu einem führenden Vertreter der SPD, zu einem Repräsentanten dieser jungen Republik werden wollen?

Entstanden aus den „Kommissariaten 5 (K 5), die schon Ende 1945 bei den Polizeidienststellen der Sowjetischen Besatzungszone eingerichtet wurden, und dem 1948 gegründeten „Ausschuß zum Schutz des Volkseigentums", welche nach der Gründung der DDR zunächst als „Hauptverwaltung zum Schutz der Volkswirtschaft" im Ministerium des Innern zusammengefaßt wurden, wurde im Februar 1950 ein von staatlichen Institutionen weitgehend selbständiges Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gegründet. Dieses „Schild und Schwert der Partei", die Stasi, wurde über die staatliche Existenz der DDR hinaus zur bestgehaßten und gefürchteten Institution Deutschlands. 

Versucht man eine vorsichtige Bilanz mit Bezug auf den verdeckten Krieg gegen die Bundesrepublik, könnte man auf gut Berlinisch sagen: Außer Spesen nichts jewesen. Trotz eines riesigen Aufwands gegen sie und trotz vieler spektakulärer Erfolge der Stasi hat sich diese junge deutsche Demokratie letztlich nach ihren eigenen Gesetzen, unter Überwindung ihrer eigenen Unzulänglichkeiten und Überwindung ihrer eigenen Fehler zu einem modernen Gemeinwesen entwickelt. Allerdings wurden diese Spesen auch mit Menschenleben, gebrochenen Lebensläufen, viel Unglück und Tränen abgerechnet.
Von diesen Spesen sprechen Hubertus Knabes Bücher. Instruktiv und lesenswert sind sie allemal!

 

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