Freya Klier

 

Verschleppt 

ans Ende

der Welt

 

Schicksale deutscher Frauen
in sowjetischen Arbeitslagern (Gulag) 

 

 

1996 bei Ullstein

1998 im Taschenbuch

Freya Klier Verschleppt  ans Ende der Welt Schicksale deutscher Frauen in sowjetischen Arbeitslagern (Gulag) 

1996    350 Seiten

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R.Knechtel   Mein.Stark 

A.Applebaum über Frauen im Gulag

 

 

Den in Kriegen verschleppten Frauen  gewidmet

Freya Klier, Autorin, Regisseurin und engagierte Bürgerrechtlerin, dokumentiert das Schicksal deutscher Frauen, die im Frühjahr 1945 nach Mißhandlungen durch Rotarmisten in sowjetische Arbeitslager verschleppt wurden. Viele starben dort einen elenden Tod, andere kehrten erst nach Jahren in die Heimat zurück. Freya Klier läßt elf Überlebende zu Wort kommen.


1945, am Ende des Zweiten Weltkriegs, deportierte der sowjetische Geheimdienst NKWD im Schatten der vorrückenden Roten Armee Hunderttausende deutscher Zivilisten aus Südosteuropa und Ostdeutschland in die Sowjetunion. Der überwiegende Teil der Verschleppten waren Frauen. In sibirischen Lagern mußten sie die deutsche Kriegsschuld abarbeiten im Wald, beim Straßenbau, auf der Kolchose, im Schacht.

Mehr als ein Drittel von ihnen kehrte nicht zurück, starb an Schwäche, Seuchen und Unterernährung. Die anderen hielt man gefangen, solange sie arbeitsfähig waren; dann wurden sie, von Krankheiten gezeichnet und bis auf die Knochen abgemagert, nach Deutschland entlassen.

Die Sowjets leugneten die Massenverschleppungen bis 1989 als "böswillige Erfindung des Westens". Folglich war das Thema in der DDR tabuisiert. Doch auch im Westen wurden die Deportationen von Frauen und Mädchen, denen fast immer schwere Vergewaltigungen vorausgingen, zumeist schamhaft verschwiegen.

Die Schriftstellerin und Regisseurin Freya Klier hat Überlebende dieser Tragödie aufgespürt und interviewt. Sie dokumentiert nach gründlichen Recherchen erstmals umfassend dieses dunkle Kapitel der deutschen Nachkriegs­geschichte. 

Ihr Bericht umfaßt alle Stationen der Odyssee dieser Frauen: Flucht, Festnahme, Vergewaltigungen, Abtransport in Viehwaggons nach Sibirien, Lageralltag und Rückkehr nach Jahren schlimmster Entbehrungen in eine teilnahmslose Heimat. 

 

Inhalt   (1996)    Inhalt.pdf

Vorwort  (11)

I. DIE RUSSEN KOMMEN (15)

1. Ostdeutschland am Vorabend des totalen Krieges 15
2. Januar 1945: Die große Winterschlacht beginnt 25
Gertrud K.: »Wie eine Schwerverbrecherin wurde ich festgehalten.« 28
Hildegard N.: »Wer nicht spurte, wurde kurzerhand erschossen.« 43
Charlotte S.: »Wir fühlten uns völlig ausgeliefert.« 48
Charlotte H.: »Kaum war es dunkel, holten sich die Russen ihre Opfer.« 56
Erna B.: »Wir befanden uns in einem Zustand zwischen Leben und Tod.« 65
Else L: »Ich war halb ohnmächtig vor Scham und Angst.« 77
Eva-Maria S.: »Ich habe meinen Vater angefleht, mich zu erschießen.« 83
Annemarie M.:»... sie waren ja sehr kinderlieb.« 92
Helga R: »Keines von uns Mädchen blieb verschont.« 98
Sigrid B.: »Er schleuderte mich in den Straßengraben.« 102
Lotte W.: »Ein Trommelfeuer setzte ein, das die Erde erzittern ließ.« 106

II. VERSCHLEPPT ANS ENDE DER WELT (123)

1. Die Deportation Volksdeutscher Zivilisten aus dem südosteuropäischen Raum im Winter 1944/45 (123)
- Jugoslawien 124 - Ungarn und Rumänien 137
2. Die Deportation von Zivilisten aus Ostdeutschland im Frühjahr 1945 151
Charlotte S.: »Völlig verdreckt und abgemagert kamen wir an.« 155
Gertrud K: »Je weiter der Zug nach Osten rollte desto kälter wurde es.« 158
Erna B.: »Am schlimmsten waren die Zählappelle.« 163
Bericht des Arztes Dr. S. von Sivers über das Lager Schwiebus 169
Eva-Maria S.: »Der Tod schaffte immer wieder Platz für die Lebenden.« 173
Bericht der Augenzeugin Rimma Pawlowa 176
Sigrid B.: »Es ging ums nackte Überleben.« 178
3. Zahlen 183

III. IN STALINS ARBEITSLAGERN 189

Gertrud K.: »Die Bewacher trieben uns zur Planerfüllung.« 190

Hildegard N.: »Der Hunger war das Schlimmste.« 203

Erinnerungen des deutschen Kriegsgefangenenarztes Dr. Werner Dietrich 211

Charlotte S.: »Man konnte die Toten nicht verscharren, weil die Erde gefroren war.« 218

Charlotte H: »In der Steppe herrschten fünfzig bis sechzig Grad.« 231

Erna B.: »Mitunter drückte uns ein russisches Mütterchen ein Stück Brot in die Hand.« 241

Else I.: »Gesungen werden mußte immer.« 253

Eva-Maria S.: »Vom Totengräber bis zur Traktoristin habe ich alle Arbeiten verrichtet.« 259

Annemarie M.: »Man konnte ja nicht ewig seinem Leid nachhängen.« 266

Helga R: »Einen Tag vor Weihnachten wurde meine Tochter geboren - in Brest-Litowsk.« 273

Lotte W.: »Der 17. Juni 1953 hat uns ein weiteres Jahr Rußland beschert.« 279

Sigrid B.: »Ich kannte gar nichts anderes als Gefangenschaft.« 289

 

IV. HEIMKEHR UND WEITERLEBEN  (301)

Charlotte H: »Für Sekunden herrschte völlige Stille - dann hörte ich meine Mutter aufschreien.« 303

Annemarie M.: »Der Tod meiner Tochter war die erste Lebenssituation, mit der ich nicht zurechtkam.« 306

Charlotte S.: »Ich habe geschwiegen, doch meine Seele kam nicht zur Ruhe.« 309

Hildegard N.: »Es lag von vornherein ein Schatten über der Wiedersehensfreude.« 312

Erna B.: »In Frankfurt/Oder hingen überall rote Fahnen.« 315

Else L: »Ich habe immer versucht, mich für andere Menschen einzusetzen.« 318

Eva-Maria S.: »Ich konnte mit niemandem reden.« 321

Gertrud K.: »Die Einstellung gegenüber den Flüchtlingen war sehr demütigend.« 324

Helga R: »Mein Vater fragte: >Wer ist denn das?<« 328

Lotte W.: »Er hatte mich einfach für tot erklären lassen.« 332

Sigrid B.: »Die Ellenbogenpolitik hier verkrafte ich noch heute nicht.« 337

Nachwort  (343)

Quellen 345
Literaturverzeichnis 346

 

 

Vorwort 

 

11-13

In den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs wurden Hunderttausende ostdeutscher und südosteurop­äischer Zivilisten als »lebende Reparationen« in sowjetische Arbeitslager deportiert – mehrheitlich Frauen, dazu vom Waffendienst freigestellte Männer, Alte, Jugendliche und auch einige Kinder. Ihre Schicksale sind noch immer weitgehend unbekannt.

Seit einem halben Jahrhundert füllen die Biographien der »Architekten des Dritten Reiches«, der Wehrmachtsgeneräle und -feldmarschälle, die Bücherregale. Die Biographien derer, die diesen Krieg weder anzettelten noch führten, ihn aber mit ihrer Gesundheit oder dem Leben bezahlen mußten, füllen allenfalls Seiten, und auch das meist nur als zeitgeschichtliche Ergänzung. Im Osten durften sie nicht erwähnt werden, im Westen fielen sie dem Lagergefecht der Generationen zum Opfer: hier eine Wehrmachtsgeneration, die bevorzugt auf russische Greueltaten verwies, um die eigenen zu schmälern, dort deren Kinder, die aus ihrem Wohlbehütetsein heraus das Leid ihrer Mütter als »Strafe für Auschwitz« wegwischten. Ein Gefecht, das die Deportations- und Vergewaltigungs­opfer endgültig verstummen ließ.

Ohnehin hatten sie nie über ihre Erlebnisse zu sprechen gelernt. Schon nach ihrer Rückkehr aus Rußland standen sie weitgehend unbeachtet auf den großen Heimkehrerbahnhöfen. Und kaum waren sie eingegliedert, störten sie. Ihre düsteren Schicksale wollte, wer selbst gerade noch davongekommen war, nicht hören – man war im Schlußstrich- und Aufbaufieber. Für die nicht Davongekommenen aber gab es keinen Schlußstrich; durch Alpträume und körperliche Schäden wurde aus der Vergangenheit tägliche Gegenwart.

Und lange noch begleitete die Vergewaltigungsopfer der perfide Satz: »Hättest du dich richtig gewehrt, wäre das nicht passiert.« So kamen zum Erlittenen auch noch Schuld- und Schamgefühle.

Dem westlichen Desinteresse stand das östliche Tabu gegenüber. Zwar wanderte in der Kaderakte der Makel »Sibirien« mit in die Zukunft, doch seine Erwähnung außerhalb der eigenen vier Wände hieß erneute Verhaftung, diesmal wegen »Verleumdung der Sowjetunion«.

Der Große Bruder selbst leugnete die Massenvergewaltigungen und Deportationen nach bewährter Methode als »böswillige Erfindung westlicher Propaganda«. Und die beteiligten Heldensoldaten? Sie leiden bis heute am kollektiven Gedächtnisschwund.

Dem Leugnen und Verdrängen sind endlich die Schicksale der Opfer entgegenzusetzen. Die Vogelperspektive von Geheimpakten und Kartentischen ist durch das Leben und Sterben derer zu ergänzen, die Strategien nicht entwickelten, sondern aushalten mußten. 

Elf aus den deutschen Provinzen jenseits von Oder und Neiße verschleppte Frauen sollen in diesem Buch zu Wort kommen, darunter ein damals vierjähriges Mädchen. Ihre Lebensgeschichten stehen für die vieler Tausender, die in einem Lager umgekommen oder im Laufe von fünfzig Jahren Nachkriegsschweigen gestorben sind. Bevor auch die letzten Zeugen eines tabuisierten Geschichtskapitels nicht mehr befragbar sind, sollten wir uns ihnen zuwenden – unvorein­genommen und aus ihrer Differenzierungsfähigkeit lernend.

Einem Vorhaben jedoch dient dieses Buch nicht – der Aufrechnung. Die an der sowjetischen Zivilbevölkerung durch deutsche Soldaten verübten Kriegsverbrechen schmelzen nicht dadurch zusammen, daß ihnen der an der deutschen Zivilbevölkerung verübte Sowjetterror folgt. Die Deportation ostdeutscher Zivilisten bleibt ein Kriegsverbrechen auch vor dem historischen Hintergrund, daß sie am Ende einer Chronologie deutschen Mordens steht.

12/13

Doch sei, bevor dieses dunkle Kapitel ins Blickfeld gerückt wird, noch einmal an Bekanntes erinnert: Nicht nur der Hakenkreuzzug von Himmlers Polizei- und SS-Einheiten brach 1941 über die Ukraine und Rußland herein – 1941 begann auch ein »Feldzug« genannter Vernichtungskrieg, der dem »slawischen Untermenschen« schlechthin galt und den Reichsmarschall Göring im November 1941 gegenüber dem italienischen Außenminister in zwei Sätzen zusammenfaßte: »In diesem Jahr werden 20 bis 30 Millionen Menschen in Rußland verhungern. Vielleicht ist das gut so, da bestimmte Völker dezimiert werden müssen.«

Was die NS-Führung samt ihren exakt kalkulierenden Ernährungswissenschaftlern damit meinte, hatte die Heeresgruppe Nord unter Generalfeldmarschall Ritter von Leeb Gelegenheit zu demonstrieren, bevor es für die Deutsche Wehrmacht wieder rückwärts ging: Dem Leningrader Hungertod fielen 1,2 Millionen in der Blockade eingeschlossene Menschen zum Opfer.

Die Barbarei hat viele Gesichter. Sie zeigt sich auch in Gestalt von Piloten der Deutschen Luftwaffe, die im September 1941 zuerst die Lebensmittellager der Stadt in Schutt und Asche legten - wohl wissend, daß es Kinder, alte Menschen und Schwache sind, die vom Hunger als erste hinweggerafft werden. Sie zeigt sich in der »Nervenstärke« jener Artilleristen, welche die verzweifelten Ausbruchsversuche verhungernder Frauen und Kinder aus dem Blockadering mit gezieltem Beschuß zu »vereiteln« wußten.

Nein, aufzurechnen gibt es nichts. Und wenn Marschall Schukow im Januar 1945 seinen Soldaten den Terror an deutschen Zivilisten befahl, dann soll nichts entschuldigt – aber mitbedacht werden, daß Schukow beim Aufbrechen des Leningrader Blockaderings die Straßen zwischen Pulatow-Werken und Isaaks-Kathedrale voller Leichenberge fand; daß er den Anblick lebender Skelette im Gedächtnis behielt, denen Tischlerleim und gekochtes Leder als Nahrung blieben.

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