John Rowan

Neue Entwicklungen der Psychotherapie

 

Trans-Form-Verlag Oldenburg

John Rowan :  Primärtherapie   (1990)    - 

1990   316 Seiten

dnb Buch

Goog Buch 

en.wikipedia  John Rowan
*1925 in England bis 2018

 

detopia

Janov Start

Primärtherapie

Von John Rowan (20)

 

 

 

 

Historischer Hintergrund und Entwicklungen

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Bei der Primärtherapie handelt es sich um eine therapeutische Richtung, die von Bill Swartley in Großbritannien eingeführt wurde, an deren Verbreitung aber auch Frank Lake wesentlich beteiligt war. 

Die Primärtherapie befaßt sich schwerpunktmäßig mit dem frühen Trauma als der grundlegenden Ursache von Neurosen. Mit ihrer Hilfe kann sich der Klient an den Punkt zurückversetzen, an dem alles begann, und diese Problemsituation innerlich noch einmal durch­leben. Das geht oft mit einer kathartischen Entladung einher, die als "Urerlebnis" ("primal") bezeichnet wird.

Einigen der Therapeuten, die mit diesem Ansatz arbeiten, gefällt dieser Begriff jedoch nicht; sie sprechen deshalb lieber von Regressionsintegration, Reintegration, holonomischer Integration oder intensiver Gefühlstherapie. Die Primärtherapie ist stark von den Forschungsergebnissen Stanislav Grofs (1983) beeinflußt, der insbesondere auf die tiefgehenden Traumata verweist, die oft mit dem Geburtserlebnis verknüpft sind.

Historisch gesehen steht dieser Ansatz dem frühen Freud, dem frühen Jung und Janov nahe. Alle drei befaßten sich jedoch mit Geisteskrankheit auf der Grundlage eines medizinischen Modells, was von Primärtherapeuten abgelehnt wird. Wie Szasz (1961) vor langer Zeit betonte, handelt es sich bei der Neurose nur um eine metaphorische Krankheit

In der Primärtherapie vertreten wir die Ansicht, daß wir weniger mit Heilung als mit Wachstum zu tun haben.

Wenn man zu den frühkindlichen Wurzeln psychischen Leidens vorgedrungen ist, kommen starke und tiefe Gefühle hoch, denn in der frühen Kindheit sind die Emotionen weniger gehemmt, weniger modifiziert und differenziert als das später der Fall ist. An dieser Stelle taucht nun also die Frage nach der Bedeutung der Katharsis in der Psychotherapie auf. Kaufman (1974) schreibt in diesem Zusammenhang:

Reich und Perls waren es, nicht Janov, die die Techniken zur tiefen emotionalen Entladung entdeckten, wie sie zur Auslösung eines <Urerlebnisses> eingesetzt werden. .... Der reichianisch orientierte Therapeut Charles Kelley (1971) benutzte schon lange vor Janov den Begriff <Intensiv-Erlebnis> ("an intensive"), um mit einem Urerlebnis identische Erfahrungen zu beschreiben.

Man kann noch weiter zurückgehen und sagen, daß Katharsis bereits im prähistorischen Schamanismus auftaucht, in der griechischen Tragödie, in der Arbeit Mesmers und in der gesamten Weltliteratur. Diese lange Geschichte wird bei Nichols und Zax (1977) ausführlich diskutiert:

Die Katharsis hat zwei miteinander verwandte, aber getrennte Komponenten: die eine ist relativ intellektuell — Vergessenes wird wiedererinnert; die andere ist körperlich — Gefühle werden durch Weinen, Lachen oder wütendes Schreien entladen.

Aber bei der therapeutischen Arbeit scheint es angemessen, sich präziser auszudrücken und mit Pierce et al. (1983) zu sagen, daß es bei der Katharsis darum geht, Erfahrungen, die vorher dem Bewußtsein nicht zugänglich waren, kraftvoll zum Ausdruck zu bringen. Dadurch wird die Notwendigkeit stärker hervorgehoben, unbewußtes Material wieder an die Oberfläche zu holen.

Die Arbeit von Swartley, Lake, Grof und anderen bestand darin, das Konzept der Katharsis und des Vordringens zu den Ursprüngen psychischer Störungen mit einer anderen wichtigen Frage zu verbinden — nämlich der Frage nach dem Transpersonalen sowie dem ganzen Bereich der Spiritualität, (Diese Begriffe werden an anderer Stelle in diesem Buch sehr gut erklärt, besonders in den Kapiteln von Hardy und Whitmore sowie Gordon-Brown und Somers.) 

Das bedeutet, daß die Primärtherapie in der Lage ist, sich mit dem ganzen von Ken Wilber (1989) skizzierten psychospirituellen Spektrum zu befassen. In dieser Hinsicht halte ich sie für einzigartig, abgesehen vielleicht von dem vor ein paar Jahren von Grof (1985) beschriebenen holotropischen Ansatz.

 

Im Jahre 1973 fanden sich über hundert Menschen in Montreal in der <International Primal Association> (IPA) zusammen, die von Bill Swartley, David Freundlich, William Smukler und anderen gegründet wurde. In dem Versuch, Janov dazu zu bewegen, anzuerkennen, daß er Teil einer größeren Bewegung war, wurde ihm die Position als erster Präsident angeboten, aber er lehnte ab.

Als 1974 eine Zeitschrift herausgebracht wurde, die Primal Community hieß, ging Janov vor Gericht und verklagte die IPA wegen Verletzung seines gesetzlich geschützten Begriffs Primärtherapie (Primal Therapy)

Die IPA gewann den Prozeß (dessen hohe Kosten zur Folge hatten, daß Primal Community nicht mehr erscheinen konnte) mit der Begründung, daß der Begriff primär (primal) im Laufe der Jahre von vielen Menschen benutzt worden sei (einschließlich Freud) und nicht in dem Maße aus dem allgemeinen Sprachgebrauch herausgenommen werden könnte, wie es nötig sei, um Janov in dem Prozeß recht zu geben.

Swartley reiste um die Welt und gründete verschiedene Primärtherapiezentren, von denen in Italien noch ein sehr gutes existiert, das von Michele Festa geleitet wird. Festa ist in Rom im Bereich der Humanistischen Psychologie sehr aktiv und hat seine Arbeit jetzt auch nach Zürich ausgedehnt. 

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Frank Lake begann 1954 im <Scalebor Park Hospital> mit LSD zu arbeiten. Etwa zur gleichen Zeit wie Grof in der Tschechoslowakei entdeckte er, daß es für den psychotherapeutischen Prozeß sehr wichtig sein konnte, mit perinatalen (um den Zeitpunkt der Geburt herum erfolgenden) Erfahrungen in Kontakt zu kommen. Etwa 1970 lernte er die Bioenergetik (siehe Kapitel 7) kennen sowie die Reichianische und Neoreichianische Arbeit von Boadella und anderen (siehe Kapitel 8), die zeigte, daß man kein LSD brauchte, um frühe Traumata wiederzuerleben — die Betroffenen brauchten nichts weiter, als die Erlaubnis und vielleicht ein wenig Unterstützung durch Atmung. 

Das knüpfte an die frühen Arbeiten von Rank (1988), Fodor (1949) und Mott (1948) an, die man zu Unrecht vernachlässigt hatte; vielleicht hauptsächlich deshalb, weil sie keine andere Technik anzubieten hatten als die sehr langsame und umständliche Traumanalyse. Ebenso stellte es eine Anknüpfung an die Arbeiten Donald Winnicotts (1958) und der restlichen Vertreter der Objektbeziehungsschule dar, die die Bedeutung prä-ödipaler Probleme hervorhoben.

Lake begann erst in den siebziger Jahren, nachdem er Swartley kennengelernt hatte, seine Arbeit als Primärintegration zu bezeichnen. Er widmete sich anschließend der Erforschung des Embryonalzustandes (vgl. Verny 1983) und veröffentlichte später einige der bisher aufregendsten Erkenntnisse über embryonale Traumata (Lake 1980, 1981), Durch Lakes Tod im Jahre 1982 wurde seine Arbeit, die vielleicht weitere, noch spannendere Erkenntnisse erbracht hätte, abrupt beendet. Vor wenigen Jahren wurde sein Werk in gekürzter Form veröffentlicht (Lake 1986), so daß es heute besser zugänglich ist.

 

Ein weiterer Vorreiter war William Emerson, ebenfalls Mitglied der IPA, der relativ viel Zeit in Europa verbracht hat. Von seiner Ausbildung her war er Kliniker und arbeitete eine Zeitlang in Krankenhäusern, verband sich dann aber mehr und mehr mit der Regressions- und Integrationstherapie. Emerson, der im Zusammenhang mit seiner Arbeit ebenfalls von primärer Integration sprach, übte in Großbritannien einen ganz besonderen Einfluß aus. Er bahnte der Idee, mit Kindern primärtherapeutisch zu arbeiten, den Weg und veröffentlichte eine Broschüre mit dem Titel Infant and Child Birth Re-facilitation (Säuglingen und Kindern die Geburt wiederermöglichen) (Emerson 1984) sowie einen Videofilm über seine Arbeit in diesem Bereich. 

Ebenfalls Mitte der siebziger Jahre kam Grof mehrmals nach Großbritannien. Auf der zweiten IPA-Konferenz war er mit Vertretern der primären Integration zusammengetroffen und hatte von dort die Möglichkeit mitgebracht, seine Arbeit ohne den Einsatz von Drogen fortzusetzen. 

Ich selbst stieß 1977 auf die primäre Integration und arbeitete eng mit Bill Swartley zusammen, bis zu seinem unglückseligem Tod im Jahre 1979. Wir, die wir eng mit Swartley zu tun gehabt hatten, arbeiteten noch eine Weile zusammen weiter in der Whole Person Cooperative (Kooperative Ganzer Mensch), die es inzwischen aber nicht mehr gibt. Richard Mowbray und Juliana Brown leisten heute am Open Centre in London hervorragende Arbeit. Ich mache Einzeltherapie und leite verschiedentlich Ausbildungsseminare. Am CTA wird Lakes Ansatz weiterhin unterrichtet, und viele von Lakes Schülern praktizieren inzwischen. Ein wichtiges Zentrum ist Amethyst in Irland, wo Alison Hunter und Shirley Ward selbst arbeiten und zur Weiterentwicklung der Arbeit die Ideen Emersons und anderer vermitteln.

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Theoretische Voraussetzungen  

 

Aus dem eben Gesagten wird deutlich, daß die Primartherapie ein synkretistischer Ansatz ist, der die Extreme therapeutischer Arbeit zusammenbringt: Er geht in den von Wilber (1988b) sogenannten <präpersonalen Bereich> zurück und dringt tief in die inneren Konflikte des einzelnen vor; darüber hinaus befaßt er sich ausführlich mit den transpersonalen Bereichen Symbole, Intuition und tieferes Selbst. Gerade diese Verbindung von Extremen macht die Primärtherapie in der Praxis so flexibel. 

 

Menschenbild

 

Der Mensch ist grundlegend human und vertrauenswürdig. Tief verborgen unter all den Schichten und Rollen, den Abwehrmechanismen und Masken liegt das wahre Selbst, das immer gut ist. Auf der Grundlage dieser Überzeugung kann man vertrauensvoll in jene Bereiche vordringen, die der Betroffene in sich als abgründig und dunkel empfindet. In diesem Punkt stimmen wir weitgehend mit Mahrer (1986) überein, auch wenn die Terminologie eine ganz andere ist.

Die Persönlichkeit beginnt früh sich zu formen. Die Erinnerung kann bis in die Zeit vor der Sprachentwicklung zurückreichen. Viele Leute können sich an ihre eigene Geburt erinnern. Auch der Fötus hat ein Bewußtsein.

All diese Aussagen sind empirisch überprüfbar, Sie sind in den letzten Jahren durch Veröffentlichungen zunehmend bestätigt worden. Der kanadische Therapeut Verny (1983), der übrigens einer der Mitbegründer der IPA ist, hat viel zu diesem Thema geschrieben. Weitere Beweise für das Vorhandensein von Bewußtsein zum Zeitpunkt der Geburt finden sich bei Chamberlain (1984).

Vor diesem Hintergrund kann Swartley (1977) von im wesentlichen acht Kategorien von Traumata sprechen, die im späteren Leben von Bedeutung sein können und die zeitlich alle zwischen der Empfängnis und dem Ende der ersten Lebensstunde liegen: Empfängnistrauma (Peerbolte 1975); Eileitertrauma; Implantationstrauma (Laing 1981); embryologische Traumata; Uterustraumata (Lake 1980, Feher 1980, deMause 1982); Geburtstraumata (Grof 1985a; Janov 1988, Albery 1988) und Bondingtraumata (Klaus und Kennell 1987). 

Die Traumata, die in der Therapie am häufigsten hochkommen, sind Geburts-, Uterus- und Implantationstraumata, wobei das Empfängnistrauma laut Shirley Ward öfter ins Bewußtsein gehoben werden könnte, wenn die Betroffenen das zulassen würden.

Zusammenfassend läßt sich also sagen, daß der Mensch unserem Bild zufolge grundlegend ein gesundes Bewußtsein hat, das jederzeit zwischen dem Zeitpunkt der Empfängnis und etwa dem dritten Lebensjahr als Ich sichtbar werden kann.

Einige Primärtherapeuten arbeiten vor dem Hintergrund früherer Erdenleben (Netherton & Shiffrin), was auch im Amethyst Zentrum in Irland der Fall ist. Ich selbst habe aber auf diesem Gebiet nur wenig Erfahrung und halte es für besser, erst dann ausführlicher darüber zu sprechen, wenn ich über umfassendere Kenntnisse verfüge.

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Psychische Gesundheit — psychische Störungen  

 

Der Mensch ist von Natur aus psychisch gesund, so wie er auch von Natur aus körperlich gesund ist. Er hat das grundlegende Bedürfnis zu existieren, hat Grundbedürfnisse nach Schutz vor Gefahren, Beruhigung durch Kontakt, nach Liebe, Nahrung, Erkundung, Kommunikation, Respekt usw. Solange diese Bedürfnisse befriedigt werden, bleibt der Mensch gesund und entwickelt sich weiter, was Maslow (1981) mehr als jeder andere untersucht hat

Wenn ein Mensch aber Gift statt Nahrung bekommt, Isolation statt Kontakt, Gefährdung statt Schutz, Haß oder Gleichgültigkeit statt Liebe, Unsicherheit statt Sicherheit - wenn er emotionalen Rückzug anstelle von Unterstützung, Mystifizierung oder Double-bind anstelle der Möglichkeit zu lernen erfährt, bleiben diese Grundbedürfnisse unbefriedigt bzw. unerfüllt.

Wenn solche primären Bedürfnisse von den Eltern bzw. den Bezugspersonen nicht erfüllt werden oder aus der Sicht des Kindes unbefriedigt bleiben, erfährt es primären Schmerz. Und da Bedürfnisse nicht einfach weggehen, sondern bleiben, leidet das Kind an primärem Schmerz sowie auch an unerfüllten Bedürfnissen. Das ist mit Trauma gemeint.

Der primäre Schmerz kann so groß sein, daß er unerträglich ist. Lake (1980) beschreibt vier Erfahrungsstufen. Stufe I ist die vollständige Bedürfnis­befriedigung — alles ist in Ordnung. Stufe 2 ist Bewältigung; es gibt zwar einige unbefriedigte Bedürfnisse; aber es ist erträglich, bewegt sich im Rahmen des "gut genug". Stufe 3 ist Widerstand: Schmerz dieser Größenordnung kann nicht mit dem Organismus verbunden bleiben; er wird verdrängt, und viele Aspekte des Problems werden, so wie von Freud beschrieben, ins Unbewußte abgeschoben. Anschließend werden Abwehrmechanismen errichtet, um die gewählte Lösung zu bewahren und sicherzustellen, daß das Verdrängte weiterhin vergessen bleibt. 

Stufe 4 ist transmarginaler Streß (ein Begriff von Pawlow). Auf dieser Stufe ist der Schmerz so groß, daß der sehr viel drastischere Abwehr­mechanismus des Abspaltens gewählt werden muß. Das Selbst wird in zwei Teile gespalten, und nur ein Teil (das von Winnicott, 1958, und anderen beschriebene falsche Selbst) wird der neuen Situation angepaßt, während die andere Hälfte (Winnicotts wahres Selbst) als zu klein, zu schwach und zu verletzlich versteckt wird.

Das Selbst wird dann als nicht o.k. oder schlecht definiert (und zwar das falsche Selbst, das allein bewußt zugänglich ist) und kann sich sogar gegen sich selbst wenden, seine eigene Zerstörung und Vernichtung anstreben. Reich, Balint, Winnicott, Janov, Grof und Laing, die in diesem Bereich im wesentlichen übereinstimmen, heben allesamt hervor, daß Stufe 4 keine ungewöhnliche Reaktion ist. Je früher das Trauma erfolgt, desto weniger Möglichkeiten hat das kleine Kind, damit fertig zu werden, und um so drastischere Abwehrmechanismen wird es errichten. 

In diesem Zusammenhang gehören Gesundheit und wahres Selbst (reales Selbst) zusammen, während all das als Störung zu bezeichnen ist, was zur Entstehung eines falschen Selbst (unreales Selbst) führt. Später, als Erwachsene, pflegen viele Menschen — nicht nur einige wenige — ihr falsches Selbst (Persona, Selbstbild, Rolle, Maske), anstatt mit ihrem wahren Selbst in Kontakt zu bleiben.

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Alice Millers (1985) Kritik, daß viele Psychoanalytiker das frühe Trauma ignorieren, hat in den letzten Jahren einige Aufmerksamkeit erregt. Sie betonte, daß der primärtherapeutische Ansatz in dieser Hinsicht sehr viel bessere Erfolge zu verzeichnen habe. Aber wie Janov hat auch sie die Tendenz, die Eltern verantwortlich zu machen und es dabei zu belassen; in der Primärtherapie vermeiden wir das. 

Freundlich (1973) macht deutlich, daß es nicht darum geht, die Eltern im allgemeinen oder die Mütter im besonderen zu kritisieren:

Es kommt also zum primären Schmerz, wie liebevoll und fürsorglich die Eltern auch sein mögen und wie sehr sie sich auch immer bemühen, die primären Bedürfnisse des Kindes zu befriedigen. Da das Kind abhängig und hilflos ist und nicht viel von dem versteht, was in der Welt außerhalb seiner unmittelbaren Kontrolle vor sich geht, erfährt es auch dann Schmerz, wenn die Menschen in seiner Umwelt nur liebevolle Absichten haben.

Das heißt mit anderen Worten, daß die meisten Menschen nicht völlig gesund sind, sondern mehr oder weniger starke Störungen haben. Wenn dem so ist, müßte man eine breite Skala von Neurosen erwarten, Mahrer (1978), deMause (1982), Wasdell (1983) und Miller (1983) zufolge ist das auch in der Tat der Fall. Von ihnen veröffentlichte Analysen der Gesellschaft zeigen detailliert, wie sehr unsere ganze Gesellschaft in großem Umfang Projektionen, Verleugnungen und anderen Abwehrmechanismen unterworfen ist.

 

Die Entstehung psychischer Störungen  

 

Wir haben bereits gesagt, daß Neurosen durch traumatische Erfahrungen entstehen. Dasselbe gilt für Psychosen und Borderline oder nazistische Störungen, nur daß das Trauma hier zeitlich früher anzusiedeln ist. Die adäquateste Darstellung hierzu findet sich bei Wilber (1984), der die Vorstellung von einem Drehpunkt entwickelt. Ein Drehpunkt in seinem Sinne ist ein Punkt, an dem das Individuum einen Entwicklungsschritt machen muß. 

Es gibt drei Möglichkeiten, wenn man mit solch einem Entwicklungsmoment konfrontiert ist:

Man kann sich zurückziehen und sich insgesamt verweigern (was höchstwahrscheinlich dann der Fall sein wird, wenn der vorherige Schritt so traumatisch war, daß Abwehrmechanismen errichtet wurden, die Sicherheit an allererste Stelle setzen). 

Man kann sich auf den Weg machen und auf der Hälfte stecken­bleiben (dazu kommt es aller Wahrscheinlichkeit nach, wenn der Betreffende im Laufe des aktuellen Entwicklungsprozesses eine traumatische Erfahrung macht). 

Oder man kann den Weg bis zu Ende gehen und sich so auf den nächsten Entwicklungsschritt vorbereiten, Wilber (1984) unterscheidet neun solcher Entwicklungsdrehpunkte, wobei er zu einigen weit mehr zu sagen hat als zu anderen. 

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Janov (1975) hat seine eigene einfachere Version dieser Vorstellung: Er beschreibt drei weitgefaßte Entwicklungsstufen, die verschiedenen Traditionen innerhalb der Psychotherapie entsprechen und sich darüber hinaus auf drei unterschiedliche Hirnbereiche beziehen. Traumata dritten Grades erfolgen, wenn das Kind Zugang zur Sprache hat. Dabei Handelt es sich um die Ereignisse, mit denen im allgemeinen in der klassischen Freudsehen Analyse gearbeitet wird — wozu auch der Ödipuskomplex in irgendeiner Form gehören kann. Diese Traumata werden in der Hirnrinde aufgezeichnet — dem entwicklungs­geschichtlich jüngsten Teil des Gehirns. Sprache und Bedeutung sind hier sehr wichtig. An dieser Art später Traumata sind oft drei Personen beteiligt: das Kind und die rivalisierenden Eltern.

Traumata zweiten Grades sind sehr viel primitiver. Sie gehen auf die Zeit vor der Sprachentwicklung zurück, wenn die Gefühle sich zu differenzieren beginnen und tief empfunden werden, oft verbunden mit dramatischen Phantasien. Sprache ist in diesen Fallen nicht von Bedeutung und kann insgesamt ganz fehlen. Es liegt im allgemeinen eine präödipale Zwei-Personen-Beziehung vor, mit der die Objektbeziehungsschule nur zu gerne arbeitet (auch Kohut und Lacan). Solche Traumata stehen mit dem limbischen System des Gehirns in Zusammenhang — dem Bereich, auf den Tranquilizer abzielen und in dem sie ihre stärkste Wirkung entfalten,

Traumata ersten Grades sind noch ursprünglicher, sie gehen auf die Zeit zurück, bevor eine Differenzierung der Gefühle erfolgt und wo Überleben das Hauptthema ist. Sie hängen mit dem grundlegendsten und ältesten Teil des Gehirns zusammen, den der Mensch mit den meisten Tieren teilt. Hier gibt es noch nicht einmal ein besonderes Gefühl der Zweiheit — lediglich tiefe fundamentale Gefühle von Positiv oder Negativ.

Wir unterscheiden uns jedoch insofern von Janov, als wir nicht glauben, daß Erfahrung sich auf Gehirnfunktionen reduzieren läßt. Die vielfältigen Forschungen im Bereich der Sterbeerfahrungen (Grey 1985) machen deutlich, daß das Gehirn völlig ausgeschaltet sein kann, das Erleben aber trotzdem weitergeht. Ähnliches gilt für das Erleben im Fötalzustand, wie Mowbray (1985) aufzeigt:

Es gibt sicherlich in den frühen Phasen mehr körperliche Traumata und Überlebenstraumata, es ist jedoch auch ein Wesen da, das die Bedeutung dieser Traumata erlebt, und das Abspalten der Erinnerung ist nicht notwendigerweise ein Vorgang, der im Gehirn allein erfolgt. Wir können also Aspekte dieser sehr frühen Erfahrungen finden, die sich in Worten ausdrücken lassen.    

(Persönliche Kommunikation mit Mowbray)

Auch wenn die frühen Traumata sich nicht in Worten ausdrücken lassen, sind oftmals viele Worte nötig, um das Wiederdurchleben eines solchen Traumas zu verarbeiten und solch einen Durchbruch in das aktuelle Alltagsleben zu integrieren.

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Wir haben festgestellt, daß Traumata dritten Grades in der Regel neurotische Abwehrmechanismen erzeugen, Traumata ersten Grades dagegen psychotische Abwehrmechanismen. (Traumata zweiten Grades können in die eine oder die andere Richtung gehen oder aber Borderline oder nazistische Störungen verursachen, wie von Kohut (1971, 1977) dargelegt.) Das läßt wiederum darauf schließen, daß Psychosen verbreiteter und alltäglicher sind, als wir dachten. Einige Therapeuten sprechen inzwischen vom "normalen Psychotiker", so wie vor einigen Jahren vom "normalen Neurotiker" die Rede war.

Das bedeutet, daß für uns das Material, das in den Augen vieler anderer Therapeuten Grundgestein ist, so etwas wie Schutzerinnerungen sind (d.h. Erinnerungen, die einen grundlegenden Charakter vortäuschen, hinter denen sich aber in Wirklichkeit noch Fundamentaleres verbirgt). Von Swartley (1977) stammt die Analogie von einem morschen Haus, das so weit abgerissen wird, bis man auf eine solide Grundmauer stößt, auf die man aufbauen kann:

Vielleicht muß man auch noch weiter zurückgehen. In dem einen Fall hatte die Frau Tuberkulose, sie wußte, daß sie sterbenskrank war, und als sie erfuhr, daß sie schwanger war, wollte sie das nicht wahrhaben, sie lehnte das Kind von Anfang an ab, und das übertrug sich auf das Kind in ihrer Gebärmutter. Es konnte später auf keine gute Kindheit zurückblicken; die Mutter war nie eine gute Mutter. 

Diese Frau mußte noch weiter zurückgehen, wir führten sie bis zu Jungs archetypischer Ebene, wo sie den Archetypus der Großen Mutter in sich fand. Er ist irgendwie Teil des Erbes der gesamten menschlichen Rasse. Sie fuhr also nach Irland zurück und nährte sich mit Hilfe der Großen Mutter in ihrem Innern. Das war etwas "Solides" für sie.

Hier wird deutlich, wie das Transpersonale als integraler Bestandteil des Therapieprozesses eine Rolle spielt, was auch Grof (1985b) hervorhebt. Traumata sind natürlich nur selten so dramatisch wie in dem oben beschriebenen Beispiel.

Die häufigsten Ursachen für Neurosen sind schlicht und einfach die allgemeinen Kindheitserfahrungen — die unterschiedlichen Erfahrungen, daß unsere kindlichen Bedürfnisse nicht erfüllt bzw. wir frustriert werden. Hoffman (1979) spricht wortgewandt über das Problem der negativen Liebe. Aufgrund der Häufigkeit von Neurosen und Psychosen gibt es eine ungeheure Anzahl von Eltern, die nicht in der Lage sind, ihren Kindern Liebe zu schenken. Hoffman sagt:

Wenn man die negativen Züge, Stimmungen oder Ermahnungen (egal ob stillschweigend oder offen) von Vater/Mutter oder beiden übernimmt, bezieht man sich mit negativer Liebe auf sie. Es steckt unlogische Logik, unsinniger Sinn, unvernünftige Vernunft dahinter, aber die Suche nach der Art von Liebe, die sie als Kinder nie bekommen haben, ist der Grund, warum so viele Leute an ihren destruktiven Verhaltensmustern festhalten. "Seht doch, Mama und Papa, ich bin genauso wie ihr — liebt ihr mich jetzt?", lautet die ständige subliminale Frage.

Dabei handelt es sich nicht notwendigerweise um ein einzelnes Trauma, im Sinne eines Einzelvorfalls das wäre eine viel zu einfache Sicht. Wir würden vielmehr mit Balint (1988) sagen, daß das Trauma aus einer länger andauernden Situation stammen kann, in der dasselbe schmerzvolle Mißverhältnis zwischen Bedürfnissen und deren Befriedigung über einen langen Zeitraum erfahren wird.

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Die Verfestigung psychischer Störungen  

 

Wir Menschen verfügen über die verschiedensten Mittel und Wege, unsere Neurosen aufrechtzuerhalten. Nach und nach im Laufe der Jahre haben wir Abwehrmechanismen entwickelt, deren Sinn und Zweck es ist, das System in Gang zu halten — wie schmerzhaft es auch sein mag. Ihr Verlust erscheint uns sehr bedrohlich.

Wenn wir uns auf unseren Wegen durch die Welt selbst beobachten, werden wir feststellen, daß wir die ganze Zeit mit uns selbst reden. Diese Beobachtung ist sehr alt — bereits im Buddhismus und im Yoga vor vielen Jahrhunderten beschäftigte man sich damit. Es ist eine Art ununterbrochener Redefluß, der unabhängig von unserem Willen und unserer Kontrolle in unserem Kopf abläuft. Kognitive Therapeuten, wie z.B. Beck und Ellis, haben sich in jüngster Zeit detailliert zu diesem Thema geäußert. 

Bei neurotischen Menschen ist der Inhalt dieser inneren Gespräche meistens negativ (manchmal allerdings auch grandios) und beinhaltet Äußerungen wie z.B.: "Du schaffst das nicht", "dir steht keine Freude zu", "alle werden dich ablehnen", "du bist nichts wert" usw. Sie machen sich auf jede nur erdenkliche Weise selbst schlecht, Das gehört zum System der negativen Liebe dazu und ist Teil des Abwehrsystems. Sinn und Zweck des Ganzen ist es, uns in Sicherheit zu wägen. Natürlich trägt es in keiner Weise zu unserer Sicherheit bei. Ob der tatsächliche Inhalt nun gut oder böse ist, es ist jedenfalls ein zwanghaftes Verhalten. Und es ist unser Charakter.

Das ist eine radikale Position, ähnlich der von Reich, der irgendwo einmal gesagt hat, daß Charakter Neurose ist. Das bedeutet nichts anderes, als daß unsere rigiden Verhaltensweisen, und zwar insbesondere die guten, uns festhalten und an einer Weiterentwicklung hindern, Sie unterstehen jedoch nicht unserer bewußten Kontrolle, weil sie ihre Wurzeln in unserem Abwehrsystem haben, das wiederum in unseren primären Traumata wurzelt. Die Selbstgespräche, seien sie nun negativ oder positiv, halten uns also im Grunde von den tieferen Aspekten unserer selbst fern — von dem, was Mahrer (1978) als die tieferen Potentiale bezeichnet. Und genau das ist in der Tat das Ziel dieser Selbstgespräche, ähnlich wie die von Whitfield und Boadella (Kapitel 7 und 8) beschriebenen muskulären Abwehrmechanismen uns davon abhatten, unseren tiefen Gefühlen zu nah zu kommen.

Und da ein Großteil der Selbstgespräche sich von den Anweisungen herleiten, die unsere frühen Bezugspersonen uns gegeben haben, sind es in Wirklichkeit die Meinungen anderer, die wir dazu benutzen, unser eigenes tieferes Selbst zu meiden. Wir sehen uns selbst durch die Augen anderer, anstatt unsere eigenen Augen zu benutzen. Wir sind von unserem eigenen Selbst und unserer eigenen Freiheit entfremdet.

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Mit einem Wort, wir sind unauthentisch. Die Gesellschaft unterstützt uns natürlich darin, so zu bleiben. Für diejenigen, die die Welt beherrschen, ist es sehr bequem zu wissen, daß sie eine große Masse von Leuten unter sich arbeiten haben, die sich damit zufrieden geben, eine Rolle zu spielen und keinerlei Wunsch haben zu erfahren, wer sie wirklich sind. Durch die Art und Weise, wie unser Gesellschaftssystem funktioniert, wird unsere Nichtauthentizität, unser Rollenspielen, unser falsches Selbst noch unterstützt. Ständig wird uns erzählt, daß das Selbstbild sehr wichtig, das eigentliche Selbst dagegen überhaupt nicht wichtig sei. Es wird sogar die Vorstellung angezweifelt, daß es überhaupt ein wirkliches Selbst gibt.

Diese ganzen Bemühungen zeigen sich am deutlichsten im Bereich der Geschlechtsrollen. Wir sagen zu uns selbst und bekommen von anderen gesagt, daß es ein männliches Verhalten gibt, das für Männer richtig ist (Reynaud 1983), und ein weibliches, das für Frauen richtig ist (Condor 1986). Auch das ist eine gesellschaftlich sanktionierte Nichtauthentizität, die es uns ermöglicht, uns hinter einer Rolle zu verstecken und nicht damit befassen zu müssen, wer wir wirklich sind. Wenn Männer schizoid, psychopathisch oder rigide sind, dann zum Teil deshalb, weil das nur allzu gut in das Bild vom männlichen Mann paßt; wenn Frauen masochistisch oder deprimiert oder hysterisch sind, dann zum Teil deshalb, weil das nur allzu gut in das Bild von der weiblichen Frau paßt.

Aus diesem Grunde legen wir so viel Gewicht auf Integration. Mit Integration ist der Prozeß gemeint, mit dessen Hilfe sich die in der Therapie gewonnenen Erkenntnisse und Durchbrüche in der Alltagswelt — die wir manchmal auch die unwirkliche Welt nennen — in Handlung umsetzen lassen. Nur in der Realität des alltäglichen Lebens läßt sich verhindern, daß Störungen sich verfestigen.

 

 

Das therapeutische Verfahren

 

Die Ziele der Therapie

 

Das Ziel der Primärtherapie ist sehr einfach und läßt sich in einem Satz zusammenfassen. Es geht darum, mit seinem realen Selbst in Kontakt zu kommen und es freizusetzen. Sobald das geschehen ist, kann in der Therapie mit der äußerst wertvollen Arbeit begonnen werden, den Betreffenden in die Lage zu versetzen, die Auswirkungen dieser Entwicklung zu bearbeiten und ihn in allen Lebensveränderungen zu unterstützen, die sich möglicherweise dadurch ergeben. Aber bis der Kontakt zum realen Selbst hergestellt ist, geht der therapeutische Prozeß, der zur Befreiung des Selbst führen soll, weiter (siehe Rowan 1983a, Kapitel 5). Dieses Konzept ist übrigens im gesamten psychotherapeutischen Bereich sehr verbreitet, wie Tabelle 2.1 zeigt.

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Es könnten noch viele andere Autoren angeführt werden, insbesondere Reich, der jedoch keine so griffigen Stichworte geprägt hat wie die in Tabelle 2.1. angeführten Autoren, Im Grunde sagen alle mit unterschiedlichen Worten, daß es in der Therapie darauf ankommt, die betreffende Person dazu zu ermutigen, sich von der ausschließlichen Beschäftigung mit den peripheren Aspekten der Persönlichkeit zu deren zentralem Aspekt hinzuentwickeln. Solange dieser Schritt nicht erfolgt, bewegt man sich nur im Kreis.

 

 

Die Primärtherapie sagt, daß dieser Prozeß sich durch Spaltungen innerhalb der Persönlichkeit fortsetzt, wobei die wichtigsten Spaltungen auf unbewußte Abwehrprozesse zurückzuführen sind. Schafft man es, die Abwehr zu durchdringen, stellt man oft fest, daß sich dahinter ein durch frühe Traumata bedingter primärer Schmerz verbirgt.

Wir glauben, daß sich die Spaltung erst dann und nur dann heilen läßt, wenn der primäre Schmerz erlebt und bearbeitet wird. Wir sagen allerdings ebenso, daß auch die primäre Lust wichtig ist. Eine Erfahrung wirklicher Liebe kann ebenfalls ungeheuer machtvoll und primär sein. Dieser Punkt wird von Lonsbury (1978) ganz besonders hervorgehoben; er führt den Fall von Tom an, der aus tiefstem Herzen seinem Großvater zuruft: "Du hast mich wirklich lieb gehabt, Opa." Diese Erfahrung war tatsächlich sehr wichtig und sehr primär, auch wenn es kein Schmerzerlebnis war: "Der tiefempfundene Schrei nach seinem Großvater war ein Ruf reinster Liebe. Ich kann das mit absoluter Sicherheit sagen, weil ich Tom bin".

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Lonsbury führt noch eine weitere Fallgeschichte an, in der Liebe und Freude für die betroffene Person die primären Schlüsselgefühle waren. Die Primärtherapie kommt also immer wieder zu dem zentralen Wert Realität, Wahrheit, Authentizität, oder wie immer man es nennen will, zurück — dem Hauptinteresse der Existentialisten. Friedenberg (1973) faßt diese Position folgendermaßen zusammen:

Sinn und Zweck therapeutischer Intervention ist es, ein Gefühl für das Selbst und persönliche Authentizität zu fördern und wiederherzustellen. Es geht nicht darum, die objektive Lebensumwelt zu bewältigen; nicht darum, im Rahmen gesellschaftlicher Institutionen effektiv zu funktionieren oder von dem Leiden befreit zu werden, das durch Angst bedingt ist — wobei all das der Nebeneffekt einer erfolgreichen Therapie sein kann sondern es geht um persönliches Bewußtsein, die Tiefe realer Gefühle, Vor allem aber geht es darum, die Überzeugung zu wecken, daß man seine vollen Kräfte nutzen kann, daß man den Mut hat, im praktischen Sein seinen ganzen Wesenskern zum Einsatz zu bringen.

Der gesamte Bereich "reales Selbst" (existentielles Selbst, integriertes Körper-Geist-Selbst) ist in jüngster Vergangenheit durch die Arbeit Ken Wilbers (1988a, 1989) näher beleuchtet worden. Das, wovon wir in diesem Kapitel als zentral sprechen, nennt er die Zentaur-Phase psychospiritueller Entwicklung. Sie liegt zwischen dem Verstandes-Ich und dem subtilen Selbst und ist aus der einen Perspektive der höchste Entwicklungsstand der individuellen Persönlichkeit und aus einer anderen die unterste Ebene spiritueller Entwicklung. Die Einbeziehung der Zentaurpha.se in diesen Zusammenhang, macht die Kontaktaufnahme zum realen Selbst zu einer mehr objektiven Realität und ermöglicht es uns, sie als ein eher bescheidenes und erreichbares Ziel zu betrachten.

Freundlich (1974a) zufolge gibt es vier Phasen, die Klienten im Laufe dieses Prozesses der Entwicklung vom Peripheren zum Zentralen in sich bearbeiten müssen: Erstens, primäre Erfahrungen müssen wiedererlebt werden; zweitens, diese Erfahrungen müssen mit dem aktuellen Leben in Verbindung gebracht werden; drittens, im aktuellen Handeln müssen die eigenen Gefühle offen gehalten werden, anstatt sie zu verschließen; und viertens, man muß die Verantwortung für sein eigenes Leiten übernehmen und verändern, was verändert werden muß. Laut Freundlich erfolgen diese Phasen nicht nacheinander, sie sind vielmehr simultane Prozesse, die sich gegenseitig verstärken.

Wir würden sogar noch weiter gehen und sagen, daß die Kontaktaufnahme zum realen Selbst es den Betroffenen erleichtert, auch den nächsten Schritt zu machen und Kontakt zum transpersonalen Selbst herzustellen. Das kann man sich als ein immer tieferes Vordringen ins Zentrum vorstellen — anders ausgedrückt, das Zentrum selbst besteht aus einer Reihe konzentrischer Kreise (Rowan 1983a).

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Der Therapeut  

 

Bei Alvin Mahrer (1983) findet sich die wahrscheinlich beste Diskussion über die Frage nach der Person des Therapeuten. Ihm zufolge gibt es vier grundlegende Paradigmen der Therapeut-Klient-Beziehung: 

Wir können diese Thesen hier nicht in allen Einzelheiten erörtern, aber im Sinne der genannten Paradigmen scheint Janovs Arbeit dem Wissenschaftler-Versuchs­personen-Modell noch am nächsten zu sein. Es ist ziemlich technisch und ergebnisorientiert, wie man bei Albery (1988) nachlesen kann. 

Und obwohl die Primärtherapie sich ziemlich von Janovs Arbeit unterscheidet und zum Teil auch unterschiedliche Wurzeln hat (wie z.B. die Encounter­gruppen von Swartley und die LSD-Forschungen Lakes und Grofs) hat sie doch einen gewissen Anteil an seinem Ansatz, wenn auch ziemlich abgemildert und modifiziert. Die Klienten haben meistens nicht den Eindruck, daß wir sehr technikorientiert sind, weil wir genug Flexibilität besitzen, den Erfahrungen und Bedürfnissen der Klienten von Augenblick zu Augenblick zu folgen.

 

Ich hörte einmal eine gute Therapeutin ihre Haltung dem Klienten gegenüber als unnachgiebige Liebe charakterisieren. Diese Definition scheint mir sehr gut zu beschreiben, worauf die Primärtherapie abzielt. Die Liebe ermöglicht es dem Therapeuten, nah an der Erfahrung des Klienten zu bleiben, während die Unnachgiebigkeit es ihm erlaubt, wahrzunehmen und einzugreifen, wenn Klienten ausweichen, sich widersprechen oder sich sonstwie gegen sich selbst verteidigen.

Ein Aspekt, der von entscheidender Bedeutung ist, wird jedoch bei Mahrer ausgelassen, nämlich daß es für den Primärtherapeuten sehr wichtig ist, authentisch zu sein. Wenn das Ziel der Therapie ist, den Klienten in die Lage zu versetzen, wie oben erwähnt, Kontakt zu seinem realen Selbst aufzunehmen, dann ist es wichtig, daß der Therapeut ihm das vorlebt und ein lebendes Beispiel eines wirklichen Menschen ist.

Das führt also zu dem Paradoxon, daß die Primärtherapie sich gleichzeitig auf Authentizität und Tricks verläßt. Auf den ersten Blick erscheint das einfach unvereinbar zu sein. Wie kann ich authentisch sein und gleichzeitig Techniken benutzen, die per Definition künstlich sind? Ich glaube, Bergantino (1981) trifft genau die Antwort, wenn er sagt:

Mit Tricks zu arbeiten und authentisch zu sein, das können zwei Seiten ein und derselben Medaille sein. Auch als authentischer Trickspieler zerstört ein Therapeut das Vertrauen des Patienten nicht, wenn sein Herz am rechten Fleck ist.

Ähnlich äußert sich Alan Watts (1986), der berichtet, daß in östlichen Religionen der Schüler vom Lehrer oft durch einen Trick zu einer Einsicht, einem Durchbruch oder zum Erwachen gebracht wird. Die Tricks (upaya) werden als ein Ausdruck spiritueller Wahrheit angesehen. In der Primärtherapie arbeiten wir mit Tiefenatmung, Massage und Maien; wir machen gelenkte Phantasiereisen, schlagen auf Kissen ein oder durchleben die Geburtssituation wieder — alles im Interesse der aufdämmernden Wirklichkeit.

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Der therapeutische Stil  

Innerhalb der Primärtherapie gibt es viele verschiedene Arbeitsstile, die sehr von den einzelnen Therapeuten abhängen. In Lakes Gruppen bestand das Verfahren oft darin, abwechselnd zu arbeiten. In Swartleys Gruppen wurde zu Beginn ganz formell eine Runde gemacht, in der jeder sagen mußte, woran er oder sie arbeiten wollte und mit Wem. Emersons Gruppen verlaufen wieder anders; er arbeitet viel mit Kindern. Grof macht, ebenso wie ich, mehr Einzeltherapie. 

In der Einzelarbeit wird oft ein ähnlicher Ansatz benutzt: Die Klienten werden dahingehend "erzogen", zu Beginn einer Stunde die Frage beantworten zu können: "Was möchten Sie heute bearbeiten?" Aber das ist sehr variabel, je nach den Bedürfnissen den Klienten, der Persönlichkeit und Erfahrung des Therapeuten sowie der Interaktion zwischen beiden.

Hin und wieder kommen Klienten zu uns, die Janov gelesen haben oder auch nicht, aber jedenfalls irgendwie erwarten, sofort Urerlebnisse zu haben. Wenn sie, was bei vielen der Fall ist, feststellen, daß sie noch nicht annähernd so weit sind, weil ihre Abwehr viel stärker ist, als sie gedacht haben, sind sie enttäuscht. Das Hier und Jetzt wird zu oft für den Griff nach der tiefen kosmischen Erfahrung beiseite geschoben. Das bewirkt manchmal das Phänomen des Pseudo-Urerlebnisses, bei dem Klienten versuchen, mit schierer Willenskraft ein Urerlebnis herbeizuzwingen. Aber Gefühle lassen sich nicht erzwingen, und Urerlebnisse lassen sich nicht künstlich erzeugen.

Manchmal haben wir auch mit Klienten zu tun, die in der Erwartung kommen, unmittelbar Zugang zur Welt der tiefen Gefühle zu bekommen, die sie bis dahin gemieden haben. Wenn so jemand sagt; "Ich fühle nichts," oder "Ich kann nicht mit meinen Gefühlen in Kontakt kommen," liegt das im allgemeinen daran, daß er zarteren Gefühlen, wie z.B. Entspannung oder leichte Unruhe, keine Aufmerksamkeit schenkt, weil er sich so sehr darum bemüht, etwas anderes zu fühlen. 

Wir versuchen dann nicht, die betreffende Person davon abzuhalten, sondern ermutigen sie einfach, sich auf diesen Vorgang selbst zu konzentrieren. "Gehen Sie in das mangelnde Gefühl hinein, erleben Sie es, konzentrieren Sie sich darauf, lassen Sie sich hineinfallen, seien Sie es." Das kann die betreffende Person zu dem führen, was wirklich da tot. Viele Leute erwarten, daß sie in der Primärtherapie dazu ermutigt werden zu schreien, aber das ist gar nicht der Fall. Wir sind auch nicht der Ansicht, daß Schreien wesentlich ist. Für bestimmte Klienten kann es sehr wichtig sein, aber ziemlich oft ist es das nicht.

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Aus Erfahrung wissen wir, daß Urerlebnisse sich von einem Menschen zum anderen sehr stark unterscheiden, im Laufe der Zeit oft sogar hei einem einzigen Menschen. Der Prozeß ist jedenfalls sehr viel wichtiger als die unmittelbare kathartische Erfahrung des Urerlebnisses. Man kann sogar süchtig nach Urerlebnissen werden, und zwar auf Kosten einer richtigen Integration.

Der Arbeitsstil innerhalb der Primärtherapie ist also sehr breitgefaßt und sensibel, es wird sehr viel Wert daraufgelegt, auf allen Ebenen richtig zuzuhören: auf der körperlichen, der sexuellen, emotionalen, intellektuellen, spirituellen, sozialen, kulturellen und politischen Ebene sowie auch auf der Vorstellungsebene.

Einer unserer Schwerpunkte liegt auch auf dem Problem der Gegenübertragung; und zwar deshalb, weil wir erkannt haben, daß in der Primärtherapie für den Therapeuten die Versuchung sehr groß ist, die tiefsten Erfahrungsebenen zu meiden, da das so schmerzvoll sein kann. Wie Freundlich (1974b) sagt, müssen wir uns als Therapeuten unserer inneren Gefühle bewußt sein und dann entscheiden, was wir mit ihnen machen. Und da unser Ansatz ein eher aktiver ist, kann das bedeuten, Risiken einzugehen. Er sagt zum Beispiel:

Es war mir sehr peinlich, in einer Gruppenstunde offenzulegen, daß ich Marianne gegenüber sadistische Bestrafungsphantasien hatte, was eine Reaktion auf ihr passives, schmollendes und unkooperatives Verhalten in der Gruppe war. Durch meine Interaktion mit ihr wurde es möglich, zu untersuchen, wie sie die Wut auf ihre Mutter in Form von Dichtmachen und Blockieren zum Ausdruck gebracht hatte.

Mir gefällt der Ton in diesem Beispiel nicht, aber es zeigt, wie der Therapeut in der Lage war, mit Hilfe seiner eigenen Gegenübertragung die Klientin auf einige sehr wichtige Punkte zu stoßen. Außerdem verdeutlicht es die bereits erwähnte Mischung von Authentizität und Mit-Tricks-arbeiten. Kurz gesagt, der therapeutische Arbeitsstil beruht im wesentlichen auf Spontaneität, die Intuition und ein kreatives Fließen ermöglicht.

 

Therapeutische Techniken

 

Die Haupttechnik der Primärtherapie ist eindeutig die Regression — das heißt, die betroffene Person zu dem Trauma zurückzuführen, auf dem ihre Neurose beruht. Laing (1989) vertritt die These, man sollte auch von Rezession, von Rückgang, sprechen — dem Schritt von der Außen- zur Innenwelt. Mahrer (1986) macht eine ähnliche Aussage. Zurückzugehen macht nur dann Sinn, wenn man gleichzeitig tiefer in seine eigenen Erfahrungen vordringt. Das ist auch unsere Überzeugung. So gesehen passen Rezession und Regression sehr gut zusammen. Zu den eindeutigsten Unterstützungen dieser These gehören Grofs (1985a) Äußerungen über das COEX-System. Ein COEX ist ein Syndrom von Erfahrungen, die für einen bestimmten Menschen emotional zusammenhängen.

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Es ist ein Gefühls- und Bedeutungsmuster, bzw. handelt es sich um andere geistige und körperliche Erfahrungen, die im Leben der Betroffenen immer wieder auftreten. Daraus ergibt sich eine klare Möglichkeit, mit einem Klienten zu arbeiten. Man kann zum Beispiel von einer aktuellen Erfahrung ausgehen und in etwa sagen: 

"Nehmen Sie innerlich Verbindung zu dieser ganzen Erfahrung auf. Wie fühlt sie sich an? Wie wirkt sie sich auf Ihren Körper und Ihre Atmung aus? Welche Gedanken und Bedeutungen sind damit verknüpft? (Pause) Versuchen Sie jetzt einmal, ob Sie eine Erinnerung an eine andere Zeit hochkommen lassen können, als Sie eine ähnliche Erfahrung gemacht haben. Suchen Sie nicht danach, konzentrieren Sie sich bloß einfach auf die Gefühle, und lassen Sie sich von ihnen zurücktragen in eine vergangene Zeit, als Sie die gleichen Gefühle hatten." 

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Wenn eine Erinnerung hochkommt, ermuntere ich die betreffende Person, hineinzugehen und sie so weit wie möglich zu konkretisieren — sie einigermaßen detailliert wiederzuerleben, sich ganz hinein­zubegeben, alle Aspekte zum Ausdruck zu bringen, die ausgedrückt werden sollten, sich mit allen unerledigten Angelegenheiten aus dieser Zeit auseinanderzusetzen. Danach gehen wir noch einen Schritt weiter zurück und machen das gleiche mit einer noch früheren Erinnerung, und das dann wieder und wieder, sooft wie nötig. Auf diese Weise steigen wir sozusagen die Sprossen der COEX-Leiter hinunter, die uns zu immer tieferen Gefühlen hinabführt, immer weiter nach unten auf dem Affektbaum (siehe Abb. 2.1). 

Dabei gehe ich mit dem Klienten in die Erfahrung hinein, was sich mit dem Prozeß vergleichen läßt, den Mahrer (1986) "die Erfahrung voranbringen" nennt — d.h. man begibt sich in die Erfahrung hinein und empfindet sie mit dem Klienten mit. Das, was ich aufgrund dessen sagen kann, macht die Erfahrung für den Klienten reicher und voller und bringt ihn näher an den eigentlichen Kern dieser Erfahrung heran. Eine tiefere und schnellere Atmung als normal kann den Prozeß noch unterstützen. Eine sehr empfehlenswerte Auseinandersetzung mit der Frage der Hyperventilation findet sich bei Albery (1988), der die medizinischen Aspekte detailliert untersucht hat. Bei allen, die in diesem Bereich arbeiten, scheint Einigkeit darüber zu bestehen, daß tiefes Atmen den Zugang zu tiefen Gefühlsschichten sehr erleichtert und eine tiefergehende Regression sowie auch Rezession ermöglicht.

Es leuchtet ein, daß man für diesen Prozeß Zeit braucht und daß es wirklich besser ist, ein bestimmtes COEX in einer Therapiesitzung vom Anfang bis zum Ende durchzuführen, als am Anfang einer Sitzung an die Ereignisse vom letzten Mal wieder anknüpfen zu wollen. Das klappt normalerweise nicht. Demzufolge werden in der Primärtherapie gewöhnlich relativ lange Sitzungen vereinbart, die es dem Klienten ermöglichen, wenn nötig in der Sitzung auch mal eine Verschnaufpause einzulegen. Ich selbst habe einige einstündige Termine mit Klienten, aber auch mehrere Sitzungen, die 1 1/2, 2 oder auch 3 Stunden dauern. Ich kenne Kollegen aus dem Bereich der Primärtherapie, die bis zu zehnstündige Sitzungen durchgeführt haben. 

Besonders günstig sind mehrtägige Gruppenseminare, wo jede Arbeit so lange dauern kann wie nötig, weil oft mehrere Personen gleichzeitig in der Gruppe arbeiten, entweder im gleichen Raum oder in verschiedenen Räumen. Um eine solche Arbeitsweise zu ermöglichen, stehen oft zwei Gruppenleiter und ein oder zwei Assistenten zur Verfügung.

Im Laufe dieses Prozesses öffnen die Betroffenen sich für tiefere Gefühle und werden so verletzlicher. Deshalb muß ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Klient und Therapeut aufgebaut werden. Vertrauen ist aber in Wirklichkeit kein Gefühl, sondern eine Entscheidung. Niemand kann mit letzter Sicherheit beweisen, daß er sich dieses Vertrauens würdig erweisen wird. Das bedeutet, daß der Klient irgendwann einfach diese Entscheidung treffen muß, und zwar besser früher als später.

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Diese und andere Aspekte unserer Arbeit machen deutlich, daß der Klient für seine Entwicklung und die notwendigen inneren Entscheidungen selbst verantwort­lich ist. Wenn es sich zum Beispiel bei der Gruppenarbeit für einen Klienten als notwendig erweist, sich in eine Situation zurückzuversetzen, in der er körperlich bedrängt oder auf irgendeine Weise verletzt wurde, und er das Bedürfnis hat, bestimmte Dinge zu sagen, wie z.B.: "Aufhören!", "Ich will raus!", "Ich halte es nicht mehr aus!" usw., gilt bei uns die Regel, daß jeder sofort und ohne zu fragen mit allem aufhört, wenn ein Klient sagt: "Stop! Es ist wichtig!" 

Wir vertrauen darauf, daß das Ich der betroffenen Person trotz der vielleicht sehr intensiven Regressionserfahrung stark genug ist zu, beurteilen, wann es ihm zu viel wird. Der Klient entscheidet, wann er bereit ist, mit irgendeiner Methode weiterzumachen. 

Für den Therapeuten ist es nützlich, zu wissen, welchen Punkt die betreffende Person im Regressionsprozeß erreicht hat. Körperbewegungen können ihm helfen, das zu beurteilen, besonders im präverbalen Bereich. Swartley (1978) hat hier einige Richtlinien aufgestellt:

Konzeptionstrauma. Hände liegen an der Seite, Füße machen schwänzelnde Bewegungen, körperliche Aktivität ist hauptsächlich im oberen Kopfbereich konzentriert. (Manchmal identifiziert sich der Klient mit dem Fi.)

Implantationstrauma. In den meisten Fällen ist die psychosomatische Energie in der Stirn konzentriert, die nach der richtigen Stelle auf der Haut eines anderen Menschen sucht, um dort Halt zu finden.

Geburtstrauma: Hier ist die Energie darauf ausgerichtet, aus dem Schoß der Mutter auszubrechen. Eine sehr charakteristische lkfwegung ist Treten. Schmerzen im Kopf, der eng umfaßt werden möchte.

 

Auch von Emerson gibt es unveröffentlichte Arbeiten über die typischen Bewegungen, die mit den ersten drei Monaten im Mutterleib verbunden sind. Wenn der Klient körperlich "steckenbleibt" — d.h. Anzeichen für Streß da sind, der Körper sich aber nicht bewegt — kann man mit ein wenig primärer Massage nachhelfen. Dazu sucht man die angespannten Stellen auf und geht mit sehr sanften Handbewegungen in sie hinein. Oftmals wird dadurch mehr Gefühl und mehr Bewegung ausgelöst. Oder manchmal ist auch Druck auf den Kopf oder irgendeinen anderen Teil des Körpers nötig. Wir ermuntern den Klienten, Geräusche jeder Art von sich zu geben, da das hilft, Energie zu mobilisieren und den Prozeß in Bewegung zu halten. Wenn man es schafft, daß der Klient in Bewegung bleibt, aktiv bleibt und weiter tief atmet, wird die Regression aller Wahrscheinlichkeit nach weitergehen.

 

Es gibt darüber hinaus noch andere Möglichkeiten, den Klienten in Kontakt mit seinen inneren Erfahrungen zu bringen. Eine hilfreiche Methode ist, ihn einfach aufzufordern, lieber mit jemandem als über ihn zu sprechen. Zum Beispiel:

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Auf diese Weise mit dem Vater zu reden löst weit mehr Gefühle aus, als über ihn zu sprechen oder vom Therapeuten in der Rolle des Vaters Interpretationen über ihn zu hören. Und da der Therapeut den Prozeß von außen betrachtet und unterstützt, kann er immer weiter und weiter in tiefe, unbewußte Bereiche vorangetrieben werden. Wie der Psychoanalytiker ist auch der Primärtherapeut sehr an Phantasien und am primären Prozeßdenken des Unbewußten interessiert, arbeitet aber lieber direkt mit ihnen als auf dem Umweg über die Übertragung. Auch in diesem Punkt steht unsere Arbeit der von Grof (1985b) und Mahrer (1986) sehr nahe.

In der Primärtherapie wird gerne dafür gesorgt, daß Erinnerungen so umfassend und detailliert wie möglich hochgeholt werden. Gedämpftes Licht unterstützt diesen Prozeß anscheinend, da man weniger leicht durch die Umgebung abgelenkt wird. Wir arbeiten deshalb normalerweise in einem Raum mit Dimmerschalter und dicken Vorhängen oder Jalousien. Wenn der Klient von einer Szene abschweift, die wichtig zu sein scheint, greifen wir irgendein lebhaftes Detail, das er genannt hat, wieder auf und holen ihn damit wieder zurück. Wir sprechen bei dieser Arbeit immer im Präsens. Freundlich (1974c) sagt: "Zur Unterstützung der auftauchenden Gefühle und zur Überwindung der Abwehrmechanismen ermutige ich die betreffende Person, Schlüsselworte oder -sätze, in denen das Gefühl enthalten ist, zu wiederholen."

Die Wiederholung von Schlüsselsätzen ist bei den meisten kathartischen Therapieformen sehr beliebt, zum Beispiel beim Co-Counselling und in der Gesprächs­therapie. Darüber hinaus stellt es eine Möglichkeit dar, Körpergefühle zu verstärken, wie Mahrer (1986) aufzeigt. Durch das Wiederholen primärer Worte mit lauterer Stimme wird das Gefühl intensiviert, während gleichzeitig die Widerstände abnehmen. Die Kehle öffnet sich, die Stimme wird klarer und die Betroffenen sind in der Lage, Worte auszusprechen, die sie jahrelang zurückgehalten haben. Endlich werden die Verletzung und die Bedürftigkeit gefühlt und erlebt. Wenn die ursprüngliche Abspaltung stark genug war, hat der Betroffene die ursprünglichen Gefühle wahrscheinlich nie richtig gespürt, so daß sie jetzt praktisch zum erstenmal erlebt werden. Aktuelle Bedürfnisse können dann freier zum Ausdruck gebracht werden, weil die Angst vor Zurückweisung zum Beispiel endlich da zugeordnet wird, wo sie hin gehört, nämlich in die Vergangenheit. Wie Grof (1985b) aufgezeigt hat, eignet sich Musik hervorragend dazu, emotionale Entladung zu verstärken, und in der Primärtherapie wird zu diesem Zweck oft mit Musik gearbeitet.

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Bill Swartley hat das Prinzip der Gegensätze in die primärtherapeutische Arbeit eingeführt. Sein Vorschlag lautete: Wenn etwas nicht klappt, versuche es mit dem genauen Gegenteil. Wenn jemand nicht bereit ist, das Gefühl auszudrücken, fällt es ihm vielleicht leichter, die Abwehr auszudrücken. Wenn ein Klient zu mir sagt, er habe Widerstände dagegen, dieses oder jenes zu tun, fordere ich ihn oft auf, diese Blockierung zu malen oder sie auf ein Kissen zu setzen und mit ihr oder auch für sie zu sprechen. Das führt oft zu einer intensiven und effektiven Arbeit, bei der sich die Blockierung vielleicht als elterliche Stimme oder irgendeine andere wichtige Teilpersönlichkeit bzw. tieferes Potential entpuppt. 

Das Konzept der Teilpersönlichkeiten erlebe ich bei meiner eigenen Arbeit als äußerst nützlich. Wie oft ergibt sich die Situation, daß sich die Abwehr­mechanismen eines Menschen dermaßen ineinander verknäult haben, daß sie sich nur schwer wieder entwirren lassen, wenn man es nur in einer Richtung versucht. Wenn ich dann die Teilpersönlichkeiten herausfiltere, kann ich Aufbau und Mechanismus dieses "Spiels" genau nachverfolgen (Vargiu 1974, Rowan 1983b). Das Konzept der Teilpersönlichkeiten, das in der Psychosynthese am umfassendsten ausgearbeitet worden ist (Ferrucci 1984), erleichtert unserer Ansicht nach wesentlich das Verständnis dafür, was auf der Ebene des höheren Unbewußten oder des Überbewußten vor sich geht.

 

Wie von Adzema (1985) aufgezeigt, wird in der Primärtherapie immer wieder die folgende Erfahrung gemacht: Je weiter jemand in der Regression oder Rezession voranschreitet, um so wahrscheinlicher ist es, daß er auch spirituelle Erfahrungen macht. Shirley Ward führt diese Tatsache darauf zurück, daß die übersinnlichen Zentren sich öffnen, Es gibt hier jedoch einen sehr verbreiteten Irrtum, vor dem man sich hüten muß. Grof (1983) weist darauf hin, daß Primärklienten manchmal in einen Zustand geraten, in dem sie das glückselige Gefühl haben, sich im Mutterschoß zu befinden. Diese Zustände können Erleuchtungs­zuständen (Maslow 1973) oder dem Erleben kosmischer Einheit, von dem Mystiker als Kontakt mit Gott sprechen, sehr ähnlich sein. 

Das hat einige Leute — unter anderem Wasdell — zu der generellen Aussage veranlaßt, mystische Erfahrungen seien nichts als Erinnerungen an den idealen oder idealisierten Mutterschoß. Das ist ein Beispiel für die Verwechslung von regressiven und spirituellen Erfahrungen (cf. Wilber 1988b). Grof erliegt diesem Irrtum nicht, sondern setzt sich positiv mit verschiedenen Formen transpersonaler Erfahrungen auseinander. Ich habe an anderer Stelle versucht, die verschiedenen Arten mystischer Erfahrungen noch spezieller zu erörtern (Rowan 1983c). Tatsache ist, daß zwar einerseits Dunkles oder Schmerzhaftes im niederen Unbewußten gespeichert wird, aber auch verblüffend Gutes im höheren Unbewußten (Assagioli 1988).

Das kann durch Phantasiereisen, durch Zeichnen bzw. Malen oder in Träumen herauskommen. Ich arbeite gerne mit Träumen, weil man sie auf so vielen verschiedenen Klierten interpretieren und verstehen oder einfach nur positiv zur Kenntnis nehmen kann (Wilber 1984). Wenn man dem ganzen Menschen gerecht werden will, muß man ebenso bereit sein, mit dem Überbewußten zu arbeiten wie mit dem niederen Unbewußten. Ich denke, das ist ein wesentlicher Bestandteil des allgemeinen Prozesses des Zuhörens (Rowan 1985), der jeder Form von Therapie oder Beratungstätigkeit zugrunde liegt.

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Der Veränderungsprozeß in der Therapie

Pionierarbeit hat eine psychologische Doktorarbeit geleistet (Marina 1982), die den Veränderungsprozeß in der Primärtherapie von verschiedenen interessanten Punkten aus beleuchtet. Worum es bei diesem Prozeß im wesentlichen geht, heißt es in dieser Arbeit, ist eine sehr grundlegende kognitiv-affektive Umstrukturierung oder Persönlichkeitsveränderung. Dazu kann es deshalb kommen, weil die Persönlichkeit ein System ist und somit jeder Teil vom anderen abhängt. Erfolgt in einem Teil des Systems eine Veränderung, wirkt sich das notwendigerweise auch auf das ganze restliche System aus.

Bei einer in der Untersuchung erwähnten Frau traten zum Beispiel vier Punkte auf, die sich gegenseitig verstärkten: sie hatte Selbstmordtendenzen, fühlte sich wertlos, war voller Eifersucht und Wut und fühlte sich als Eindringling. Im Laufe der Therapie kam ein neues Element hinzu: sie fing an, sich selbst als liebevoller zu erleben. Das beeinflußte allmählich auch das gesamte Gleichgewicht der anderen Elemente. Nach einer Weile wurde das Gefühl ich bin ein Eindringling durch das Gefühl ich habe das Recht, hierzu sein ersetzt. Später erfolgten auch bei anderen Elementen ähnliche Veränderungen. Welche Vorgänge im einzelnen zur Entstehung des Konstruktes ich fühle mich liebevoller geführt haben, ist uns nicht bekannt. Ausschlaggebend könnte gewesen sein, daß die Frau sich in Primärtherapie befand. Es kann aber auch auf andere Lebensereignisse zurückzuführen sein, und die Therapie hat lediglich erleichternd dazu beigetragen, daß die Veränderung das ganze System durchdringen konnte. Eine der Hauptschwierigkeiten jeder Art von ernstzunehmender Ergebnisuntersuchung ist die Tatsache, daß der Klient ein Leben außerhalb der Therapiestunden führt und daß das meiste, was ihm passiert, dort geschieht.

 

Wenn wir mit Michael Broder (1976) darin übereinstimmen, daß der Primärprozeß aus fünf Phasen besteht: Engagement, Abreagieren (Katharsis), Einsicht (kognitiv-affektive Umstrukturierung), Gegenhandeln (neues Verhalten in der Welt) und Prohandeln (wirkliche Veränderungen vornehmen), dann müssen wir davon ausgehen, daß die späteren Phasen genauso wichtig sind wie die frühen. Mit anderen Worten, das Durcharbeiten ist genauso wichtig wie der Durchbruch. Ein glanzvoller — und gleichzeitig kontroverser — Aspekt unserer Arbeit ist das Urerlebnis, der kathartische Durchbruch. Aber der Integrationsprozeß ist auf seine stille Art und Weise ebenso notwendig und gleichermaßen aufregend. Es ist natürlich eindrucksvoll, an den großartigen kathartischen Punkt zu kommen, wo man seiner Mutter verzeiht. Aber es ist etwas ganz anderes, als Folge davon im alltäglichen Leben auch wirklich anzufangen, Frauen anständig zu behandeln. 

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Wenn wir aber darüber hinaus an die Bedeutung des Transpersonalen glauben, können wir noch weitergehen und sagen, daß die Kontaktaufnahme mit dem realen Selbst und seine Freisetzung nur eine Phase in einem Prozeß ist, der — wie Wilber (1989) aufzeigt — viel weiter geht. Bei Adzema (1985) heißt es: "Man kann es so sehen, daß ein Primärklient, nachdem er durch Urerlebnisse einen <gereinigten>, entspannten Zustand erreicht hat, auch für subtilere Energien offen ist... und dadurch Zugang zu noch feineren Energien finden kann". 

Mit anderen Worten, durch solch eine tiefgehende und umfassende Auseinandersetzung mit dem psychischen Bereich wird man in die Lage versetzt, noch einen Schritt weiter zu gehen und mit dem spirituellen Bereich in Verbindung zu treten. Aber wenn das der Fall ist, warum ist es dann nicht auch noch anderen aufgefallen, die im Primärbereich arbeiten? Adzema (1985) vertritt die Ansicht, daß Vorurteile verhindern, daß darüber gesprochen wird, und den Mythos entstehen lassen, etwas Derartiges gäbe es nicht. Aber im Gegenteil:

Einige Langzeitprimärklienten, mit denen ich in Kontakt stehe, haben erzählt, daß sie Liebe, Hilfe, Kraft oder ein Gefühl der Glückseligkeit von einem Ort jenseits ihrer derzeitigen physischen Existenz empfangen, daß diese Empfindungen von irgendeiner "höheren Macht" auszugehen scheinen. Ihre Beschreibungen weisen viele Parallelen zu bestimmten Beschreibungen spiritueller Erfahrungen auf.

Wenn das zutrifft — es stimmt jedenfalls zweifellos mit meiner eigenen Erfahrung überein — kann man somit all die Projektionen ausschalten, die, aus dem Unbewußten kommend, den spirituell Suchenden in Verwirrung bringen. Wir hätten dann zum ersten Mal einen sauberen Mystizismus, der nicht überladen wäre von Gebärmutter"kram", Geburts"kram", oral-sadistischem "Kram", ödipalem Zeugs und all den anderen unbewußten Grundlagen einer falschen Spiritualität.

Wie Adzema (1985) sagt: "Es zeigt sich, daß die <Dämonen>, die <Monster> und die aus ihnen resultierende Angst nicht <real> sind (in dem Sinne, daß sie in der transpersonalen oder <objektiven> Realität verankert sind). Es handelt sich dabei vielmehr um persönliche Elemente, die in die Wahrnehmung der transpersonalen Realität eindringen." 

Mehr noch, die Primärtherapie weist auch auf eine der Grundforderungen jeder spirituellen Entwicklung hin — auf die Fähigkeit, das Ego loszulassen. Es gibt Zeiten im Laufe jeder Therapie, wo man sein Herz in beide Händen nehmen und einfach mutig vorangehen muß, auch wenn man scheinbar riskiert, dabei wieder alles zu verlieren. Bei der Primärarbeit taucht oft das Bild auf, einen Schritt über eine Klippe hinaus zu machen. Diese Fähigkeit, loszulassen und den Schritt in die scheinbare Leere zu wagen, ist natürlich ganz wesentlich für das spirituelle Engagement, wie Adzema (1985) uns in Erinnerung ruft:

Ebenso ist ein wichtiger Vorteil der Primärarbeit, daß man von ihr eine Haltung der Hingabe an den Prozeß lernen kann. Die Tatsache, daß man sich immer und immer wieder in den Strudel der Katharsis werfen kann und trotzdem irgendwie obenauf bleibt, sich sogar umfangen fühlt, gibt die Kraft, auf ein wohlwollendes Universum zu vertrauen und sich mehr und mehr den Püffen und Stößen in diesem Prozeß, wie man sie im täglichen Leben erfährt, hinzugeben.

Durch die Primärarbeit lernt man, sich für seinen inneren Prozeß zu öffnen. Dort anknüpfend kann man durch die spirituelle Entwicklung lernen, denselben Prozeß weiterzuführen, um in die tiefste aller Tiefen vorzudringen.

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Fallbeispiel

 

In diesem Fallbeispiel geht es um Heidi, eine 40jährige Lehrerin. 

Als sie zu mir kam, klagte sie über so schwere Depressionen, daß sie nicht mehr arbeiten konnte. Von ihrem Arzt hatte sie eine Bescheinigung und ein paar Tabletten bekommen. Sie weinte sehr viel. Außerdem hatte sie ziemlich viel Wut auf ihren Sexualpartner aufgestaut, von dem sie sich zu der Zeit gerade trennte. Zuerst ließ ich sie einfach nur weinen. Was sie brauchte, war, daß sich jemand um sie kümmerte und sie bemutterte. Ich hörte ihr einfach nur zu und hielt sie gelegentlich in meinen Armen. Wie sich herausstellte, hatte sie bei der Arbeit mehr und mehr Verpflichtungen übernommen — sie war anscheinend eine sehr gute und beliebte Lehrerin, der es schwerfiel, nein zu sagen, wenn interessante Projekte anstanden. Sie hatte ihre eigenen Bedürfnisse ignoriert und immer versucht, gute Arbeit zu leisten und es und Leuten recht zu machen.

Gleichzeitig hatte sie seit mehreren Jahren eine sexuelle Beziehung mit einem Mann, die sehr belastend für sie war. Kr hatte noch eine Beziehung zu einer anderen Frau, die im Zweifelsfalle immer Vorrang zu haben schien. Ab und zu hatte er davon gesprochen, die Beziehung zu der anderen Frau zu beenden, aber Heidi war inzwischen zu der Überzeugung gekommen, daß er das mit Sicherheit nicht tun würde und daß das Ganze für sie sehr unbefriedigend war, auch wenn sie sich trotz allem noch immer zu ihm hingezogen fühlte. 

Sie hatte lange nach einer Möglichkeit gesucht, eine Beziehung zu dritt zu leben. Alle drei hatten den Anspruch, "alternativ" zu sein, und Heidi hatte ihnen nichts Schlechtes gewünscht. Oft dachte sie, daß sie sich untereinander geeinigt hätten, fühlte sich dann aber wieder von ihnen verraten. Sie hätte verzweifelt versuch», beiden gerecht Zu werden, hatte aber jetzt keine Energie mehr. Sie war also auch darüber tief enttäuscht. Jedesmal, wenn sie sich endgültig von ihm trennen wollte, fielen ihr all die Sachen im Haus auf, bei denen er ihr geholfen hatte — er war ihr in praktischen Dingen so sehr eine Hilfe gewesen. Dazu kamen noch eine ganze Menge anderer, sehr komplexer Gefühle, wie sich später zeigte.

Ich hatte den Eindruck, daß diese doppelte Belastung einfach zu viel für sie geworden war. Das Ganze wurde noch dadurch verschlimmert, daß sowohl ihr Liebhaber als auch die andere Frau an derselben Schule wie sie unterrichteten, so daß Heidi ihn im Laufe (.Ws Tages ziemlich oft, sie ein wenig seltener, sah.

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Sie reagierte extrem empfindlich auf jeden Vorschlag, möglicherweise wieder zur Arbeit zu gehen. Ihr Selbstwertgefühl war auf einen absoluten Tiefstand gesunken. An ihrer Schule war es üblich, dienstälteren Lehrern großzügigen Krankenurlaub zu gewähren. So gesehen war es eine ideale Gelegenheit für sie, tiefgehend an sich selbst zu arbeiten.

Zu Anfang kam sie einmal pro Woche zu einer zweistündigen Sitzung, nach zwei Monaten zweimal wöchentlich zu einer einstündigen Sitzung und nach einem weiteren Monat eine Stunde pro Woche, und zwar einen Monat lang. Dem lag die Überlegung zugrunde, daß die zweistündige Sitzung ihr die Möglichkeit bieten würde, sich mit ihrem anfänglich großen Leidensdruck auseinanderzusetzen und sich von dem Tiefpunkt, auf dem sie sich oft befand, wieder hochzuarbeiten. Später war sie nicht mehr ganz so verzweifelt, so daß wir gezielter vorgehen und entscheiden konnten, was getan werden mußte, und das so schnell wie möglich. Noch später ging es dann mehr darum, die restlichen Problempunkte aufzugreifen und neue Schwierigkeiten, die sich ergaben, ziemlich rasch zu bearbeiten.

Nach den ersten Therapiestunden schien sich die Energie hauptsächlich auf ihren Vater zu konzentrieren. Er starb gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, noch vor ihrer Geburt, aber ihre Mutter wußte erst mit Sicherheit, daß er tot war, als sie bereits zwei Jahre alt war. Ihre Mutter hatte in dieser Zeit sehr gelitten, war ängstlich und ungeduldig und schien irgendwie das Gefühl an sie weitergegeben zu haben "Gibt es ihn oder gibt es ihn nicht mehr?" (was sehr dem Gefühl ähnelte, das sie ihrem Liebhaber gegenüber hatte: Steht er zu mir, oder tut er es nicht?) Ihr Großvater war eingesprungen, und die beiden hatten bei ihm wohnen können, bis ihre Mutter wieder heiratete, als Heidi sechs Jahre alt war. Dieser Großvater war sensibel, intelligent, klug, aber von einer gewissen Unschuld und hing sehr an den beiden. Er brachte ihr vieles bei und verwöhnte sie, erzählte ihr, daß sie wundervoll und sehr klug sei.

Aber trotz seiner Abwesenheit war ihr Vater wichtiger für sie gewesen als der Großvater. Sie hatte ihn als Kind idealisiert und einen Helden aus ihm gemacht. Sie mußte einfach seinen Erwartungen entsprechen und ihm alle Ehre machen. In der Schule war sie gut, sie bestand alle Prüfungen mit fliegenden Fahnen — an der Universität später auch. Bei ihrer derzeitigen Arbeit hatte sie immer das Gefühl gehabt, gut zu sein, hatte besondere Projekte veranstaltet und zusätzliche Verantwortung übernommen.

Genau an der Stelle fiel uns einer der Punkte auf, die ich zu Beginn dieses Kapitels bereits erwähnt habe — nämlich, daß die Dinge, die wir mögen, uns viel eher an unserer Weiterentwicklung hindern als die, die wir nicht mögen. Als wir immer tiefer in Heidis Erinnerung an ihren Vater vordrangen, stellten wir fest, daß sie wie ein unumstößliches Gesetz verinnerlicht hatte, seinen Erwartungen entsprechen zu müsseti.\Selbst wenn sie sich dem widersetzte und Dinge machte, von denen sie wußte, daß ihr Vater sie nicht gutgeheißen hätte, mußte sie sie hundertprozentig machen, um ihm gegenüber bestehen zu können. Es wäre zu viel für sie gewesen, etwas Eigenes zu tun und dann mit seiner Enttäuschung konfrontiert zu sein.

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Ihre Arbeit war also zu einer Herausforderung an ihn geworden — eine Herausforderung, die sie niemals bestehen konnte, weil er jederzeit den Maßstab so erhöhen konnte, daß sie dem machtlos gegenüberstand. Inzwischen war klar, daß sie innerlich von ihrem Vater verfolgt wurde. Sie hatte eine unerbittliche, unmögliche Gestalt aus ihm gemacht, die sehr viel Ähnlichkeit mit dem hatte, was bei Freud Über-Ich heißt, bei Perls Topdog, bei Jung Vaterkomplex, usw.

Je mehr sie sich dessen bewußt wurde, desto tiefer und engagierter wurde ihr Gefühl. Ich ermutigte sie dazu, bei diesen Gefühlen zu bleiben und sie wirklich zu erleben, was Mahrer (1986) "das Erfahrungspotential voranbringen" nennt. Die Gefühle wurden in ihrer Intensität immer primärer. Irgendwann, als sie direkt mit ihrem Vater auf dem Kissen gegenüber sprach, wurde sie plötzlich von einer Welle primärer Wut überrollt, und sie schrie: "Ich brauche es dir nicht mehr recht zu machen!!!" Ich ermutigte sie, diesen Satz mit immer mehr Intensität zu wiederholen, bis eine starke Katharsis erfolgte und sie anschließend zusammenklappte. Ich deckte sie zu und blieb neben ihr sitzen, bis sie sich soweit erholt hatte, daß sie nach Hause gehen konnte. 

Als sie zur nächsten Therapiestunde kam, schien eine große Last von ihren Schultern genommen zu sein. Sie kam lächelnd herein und sagte: "Ich habe ja nicht wirklich an diesen ganzen Therapiekram geglaubt, aber jetzt haben Sie mich überzeugt." Sie konnte über Pläne sprechen, bei ihren Eltern im Ausland Ferien zu machen, sich eine neue Arbeit zu suchen, eine Freundin zu sich einzuladen und an einem Psychosynthese-Wochenende teilzunehmen.

Es fiel ihr jetzt sehr viel leichter, ihrem Ex-Liebhaber gegenüber, von dem sie sich inzwischen endgültig getrennt hatte, ihre Wut zum Ausdruck zu bringen. Obwohl sie sich immer noch zu ihm hingezogen fühlte und die ganze Angelegenheit schmerzvoll für sie war, war der Schmerz doch sehr viel erträglicher geworden. Nachdem der eine Bereich geklärt war, fiel es ihr viel leichter, auch in dem anderen für Klarheit zu sorgen.

Man darf dieses eine Ereignis natürlich nicht überbewerten. Mindestens vier weitere Faktoren haben zu diesem Durchbruch beigetragen: der vorherige Verlauf der Therapie, der den Weg für diesen Schritt vorbereitete und ihn dann ganz natürlich erscheinen ließ; eine veränderte Medikation, was bedeutete, daß sie weniger benebelt und viel wacher als vorher war; autogenes Training (und damit verbunden vollkommene Entspannung), das es ihr leichter machte, im Hier und . Jetzt auch wirklich anwesend zu sein; sowie ein Aufenthalt b& einer Freundin, die sich liebevoll um sie gekümmert hatte; '

Heidi begann darüber zu,sprechen, daß sie wieder zu arbeiten anfangen wollte, war aber wirklich noch nicht in der Lage, der zweifachen Bedrohung in Gestalt von Arbeit und Liebhaber ins Auge zu sehen. Die Therapie wandte sich also mehr den Problemen zu, die mit ihm zu tun hatten — sie erwiesen sich als sehr komplex. Schließlich aber war Heidi in der Lage, freier zu atmen und all die Illusionen und Projektionen zurückzunehmen, die sie auf ihn übertragen hatte.

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Dieser Fall war als Beispiel für ein Buch wie dieses ausgesprochen gut geeignet (auch wenn der volle holonomische Prozeß nicht so ganz deutlich wird), weil er recht kurz und konzentriert war, so daß die Grundzüge sich nicht in einer Flut von Details verlieren. Da ist einmal das Grundproblem, das die Klientin in die Therapie führte, eine recht komplizierte Mischung aus Arbeit und Privatleben; da ist zum anderen die allmähliche Konzentration auf eine Frage, immer unter Berücksichtigung der Energie und Ausrichtung der Klientin; ferner haben wir die Auflösung dieser Frage im Rahmen eines kathartischen Erlebnisses; wir haben die Aufarbeitung der komplexen Beziehung zu ihrem Liebhaber, und wir haben die fortschreitende Bewältigung der praktischen Angelegenheiten, die sich dann ergaben.

Viele Faktoren haben dazu beigetragen, daß dieser Fall zu einem erfolgreichen Ende kam. Erstens, Heidi hatte eine sehr gute Freundin mit Namen Victoria, die sehr viel Zeit mit ihr verbrachte, ihr einfach zuhörte, sie tröstete und ihr sagte, daß sie völlig in Ordnung sei. Unserer Ansicht nach ist Unterstützung durch einen anderen Menschen von entscheidender Bedeutung dafür, daß Klienten möglichst viel von der Therapie haben. Swartley sagte sogar oft, daß die von ihm sogenannte "Zweite-Chance-Familie", die häufig in intensiven primärtherapeutischen Gruppen entsteht, ein höchst signifikantes Element im therapeutischen Prozeß sein kann. Die Tatsache, daß Victoria für Heidi eine solche Familie sein konnte und ihr damit ermöglichte, fast bis zum Säuglingsstadium zu regredieren, um dann erwachsen zu werden, ist meiner Ansicht nach von unschätzbarem Wert.

Zweitens, die Tatsache daß Heidi einen sehr guten Arbeitgeber hatte, der ihr drei Monate lang die Möglichkeit gab, ihre Probleme zu bearbeiten, und sie dann ohne Kritik gehen ließ, war ebenfalls von großem Wert. Sie nahm das nicht als selbstverständlich hin, sondern wußte es als ein wirkliches Geschenk zu schätzen.

Drittens, auch die Tatsache, daß der Mann, mit dem sie zusammengewesen war, sie anschließend nicht belästigte oder bedrängte oder ihr das Leben schwermachte, war sehr hilfreich. Es gab sicherlich Situationen, in denen er vorschlug, er könnte doch bei ihr vorbeikommen oder sie könnten doch wieder zusammen ausgehen, aber das geschah auf eine Weise, die sie nicht weiter unter Druck setzte.

Viertens, ihre Mutter und ihr Stiefvater nahmen sie bereitwillig auf und unterstützten sie sehr, als sie bei ihnen Urlaub machen wollte. Die Tatsache, daß sie in einem anderen Land lebten, trug dazu bei, daß der Urlaub für sie noch erholsamer und abwechslungsreicher wurde.

Es ist sehr wichtig, diese Faktoren wahrzunehmen und anzuerkennen, welche Rolle sie gespielt haben. Manche Therapeuten tun so, als wären Therapie­sitzungen das ganze Leben, zumindest fast das ganze Leben, aber das ist natürlich ganz und gar nicht der Fall. Das Alltagsleben des Klienten kann die in der Therapie zu leistende Arbeit ganz erheblich unterstützen oder aber behindern. Denn: Was bleibt, wenn die Therapie beendet ist, ist das Alltagsleben.

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Ende

 

 

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