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3  Der Club-of-Rome 

im Urteil der Kommunisten

 

 

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Duve: Vom Club of Rome scheinen Sie sehr angetan. Sie gingen so weit, beiläufig zu behaupten, Engels würde, falls er heute noch lebte, zu seinen Anhängern zählen.

Harich: So habe ich das nicht gesagt. Geäußert habe ich lediglich, Engels würde dem Club nicht nur in der Bevölkerungsfrage, aber in dieser bestimmt, recht geben.

Duve: Und damit gehen Sie sehr weit. Ich bezweifle, daß dies der Standpunkt der kommunistischen Parteien ist. Oder sind Sie anders informiert?

Harich: Bis jetzt hat, meines Wissens, keine KP einen Beschluß gefaßt, in dem zum Club of Rome Stellung genommen würde. Da die Probleme, um die es sich handelt, für die internationale Arbeiterbewegung und für alle sozialistischen Länder von größter Bedeutung sind, kann ich mir diese Zurück­haltung nur damit erklären, daß die Parteiführungen sich in einem noch nicht zum Abschluß gediehenen Prozeß der Meinungsbildung befinden. 

 

Duve: Deutlich geäußert haben sich aber zahlreiche kommunistische Philosophen, Einzelwissenschaftler, Publizisten, und da überwiegen offenbar, jedenfalls in Westeuropa, die negativen Stimmen, was auf die politischen Führungsspitzen nicht ohne Einfluß bleiben wird. Mich sollte es auch wundern, wenn es sich anders verhielte. Es ließe sich allenfalls theoretisch eine Begründung für die Wachstumsbegrenzung anführen. Praktisch gründet der Hoffnungskatalog aller kommunistischen Parteien viel zu sehr in den Verheißungen der "technisch-wissenschaftlichen Revolution", in der Unbegrenzt­heit der Entfaltung der Produktiv­kräfte. Der Ruf nach Nullwachstum, mit dem der Club of Rome 1972 spektakulär vor die Weltöffentlichkeit getreten ist, geht dem traditionellen marxistischen Denken bestimmt gegen den Strich.

Harich: Die Meinungsbildung der Führungsgremien wird sich nicht ausschließlich an dem orientieren, was Theoretiker und Publizisten schreiben. Der Zwang, politische Entscheidungen treffen zu müssen, die den krisenschwangeren, höchst verwickelten Realitäten unserer Zeit angemessen sind, dürfte einen mindestens ebenso großen Einfluß ausüben. Aber auch in den Reihen der Parteiintelligenz selbst dominiert die negative Haltung keineswegs; nicht so sehr, wie Sie annehmen, und nicht überall. 

Duve: Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren. 

Harich: Zunächst gehören mehrere Wissenschaftler aus Jugoslawien und einer aus der Volksrepublik Polen, der renommierte marxistische Philosoph Adam Schaff, dem Club of Rome als Mitglieder an. Sodann haben die Trend-Rechnungen, die Analysen und hypothetischen Prognosen des Clubs breite, zum Teil überaus positive Resonanz in der Sowjetunion gefunden. Das Protokoll der erwähnten Moskauer Round-table-Konferenz zum Thema <Mensch und Umwelt> ist, ins Deutsche übertragen, fortsetzungsweise in der DDR erschienen.

Nach sorgfältiger Lektüre zögere ich nicht, zumindest in dem großen Physiker P.Kapiza, dem führenden Populationsgenetiker J.Rytschkow, dem Geophysiker M.Budyko, den Wirtschaftswissenschaftlern A.Medunin und N.Naumow sowie, hinsichtlich der Bevölkerungsfrage, auch in B.Urlanis kommunistische Befürworter der Bestrebungen des Club of Rome zu sehen. 

Von ihnen äußerte sich Kapiza am direktesten. Er sprach sich mit bewunderndem Lob über die "interessanten, überzeugenden" Ergebnisse aus, zu denen J.Forrester, das Ehepaar Meadows und ihre Mitarbeiter bei der Anwendung moderner Rechentechnik auf die hochkomplexen Trends der ökologischen Krise gelangt seien, und bekundete darüber hinaus auch Sicco Mansholt seine Solidarität. Dieser "bedeutende niederländische Ökonom", sagte Kapiza, habe sich unter dem Eindruck der Warnungen des Club of Rome zutreffend dahin geäußert, daß "die technisch-ökonomischen Probleme im globalen Maßstab nur auf der Grundlage einer sozialistischen Organisation der Industrie gelöst werden könnten".

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Um die Momente sachlicher Übereinstimmung mit der MIT-Studie bei den übrigen Diskussionsteilnehmern zu belegen, müßte ich eine gesonderte Broschüre schreiben. Auch mehr oder weniger stark davon abweichende Auffassungen sind vorgetragen worden. Selbst von diesen Rednern hat sich aber keiner zu Diffamierungen des Clubs hinreißen lassen, wie sie im Westen, z.B. bei Gunnar Myrdal oder Robert Jungk, vorgekommen sind.

 

Duve: Wie steht Fjodorow zum Club of Rome? 

Harich: Kritisch, mit Vorbehalten, aber voller Respekt und nicht ohne Sympathie. Forrester, die Meadows usw. vertreten nach seiner Ansicht "unbewußt sozialistische Tendenzen". Der Grundtenor ist viel freundlicher, aufgeschlossener als in den USA die Stellungnahme Barry Commoners, auf den Fjodorow sonst große Stücke hält, der ihm unter den westlichen Ökologen am nächsten steht. 

 

Duve: Was versteht Fjodorow unter "unbewußten sozialistischen Tendenzen"? Wie begründet er diese Einschätzung? 

Harich: Fjodorow meint, es bestehe "die reale Gefahr, daß die menschliche Gesellschaft den zulässigen Rahmen ihrer Wechselwirkung mit der Umwelt in nicht sehr weiter Zukunft überschreiten" werde. Schon Karl Marx habe 1868, unter dem Eindruck der Lektüre eines Buchs von Fraas, <Klima und Pflanzenschutz in der Zeit: eine Geschichte beider> (1847), diese Gefahr vorausgesehen und sich in einem Brief an Engels darüber ausgelassen. Fjodorow zitiert aus dem Brief, in dem es u. a. heißt: 

"Fraas behauptet, daß mit der Kultur — entsprechend ihrem Grad — die von den Bauern so sehr geliebte Feuchtigkeit verlorengeht (daher auch die Pflanzen von Süden nach Norden wandern) und endlich Steppenbildung eintritt. Die erste Wirkung der Kultur nützlich, schließlich verödend, durch Entholzung etc. Dieser Mann ist ebensosehr grundgelehrter Philologe (er hat griechische Bücher geschrieben) wie Chemiker, Agronom etc. Das Fazit ist, daß die Kultur, wenn naturwüchsig vorschreitend und nicht bewußt beherrscht (dazu kommt er natürlich als Bürger nicht), Wüsten hinter sich zurückläßt. Mesopatamien etc., Griechenland. Also auch wieder sozialistische Tendenz unbewußt." 

Fjodorow knüpft daran den Kommentar, diese Worte von Marx müßten auf die heutigen westlichen Forscher bezogen werden, die das Problem der Wechselwirkung von Gesellschaft und Umwelt bearbeiteten, insbesondere auf Forrester und die Autoren der MIT-Studie. 

"Ebenso wie Fraas fühlen sie, daß die sich spontan entwickelnde Kultur zu einer Krise der Wechselwirkung der Gesellschaft mit der Natur führt. Ihre Berechnungen geben durchaus eine Illustration davon, wie das geschehen kann. Ebenso wie Fraas vertreten sie, meist jedoch unbewußt, sozialistische Tendenzen." 

An einer anderen Stelle seines Buchs vergleicht Fjodorow die Mitglieder des Club of Rome, unter Benutzung eines Lenin-Worts, mit den utopischen Sozialisten, diesen "zuweilen genialen Träumern, die der Meinung waren, es genüge, die Machthaber und die herrschenden Klassen von der Ungerechtigkeit der modernen Gesellschaftsordnung zu überzeugen". 

Wie einst die Utopisten seien Forrester, Meadows usw. "bestrebt, ein konkretes langfristiges Programm, eigentlich ein <Projekt> für die Entwicklung der Menschheit auszuarbeiten". "Worauf rechnen sie aber", fragt Fjodorow, "wer wird für die Realisierung der Ideen des Club of Rome oder ähnlicher Gedanken in der westlichen Welt kämpfen? Und von welchen nächstliegenden konkreten Zielen aus müßte man diesen Kampf beginnen? Darüber sollten seine Mitglieder nachdenken." 

 

Duve: Trotzdem rechnen Sie Fjodorow nicht zu der Gruppe derer, die Sie soeben als "kommunistische Befürworter der Bestrebungen des Club of Rome" bezeichnet haben. 

Harich: Nein, Kapiza, Rytschkow, Budyko, Medunin, Naumow und Urlanis, vielleicht auch Kamschilow, stehen mit ihren Ansichten dem Club noch näher. Jedenfalls geht das aus ihren Diskussionsreden hervor. Wobei ich natürlich nicht weiß, ob dieser Eindruck, wenn sie, wie Fjodorow, Bücher über die einschlägige Thematik schrieben, sich bei mir nicht vielleicht wieder ändern würde.

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Duve: Fjodorow seinerseits aber steht dem Club wieder näher als sein amerikanischer Kollege Commoner. Inwiefern? 

Harich: Im Gegensatz zu Commoner verneint Fjodorow die Notwendigkeit eines globalen Bevölkerungsstopps nicht rundheraus, sondern will, wie gesagt, "diese Frage vorerst offenlassen". Er ist auch nicht, wie Commoner, gegen Computermodelle und versteigt sich vor allem nicht zu Verdächtigungen von der Art, daß das Vorgehen des Club of Rome und das der Verfasser des "Blueprint for Survival" darauf hinauslaufe, "sich der Umweltfrage in faschistischem Sinne zu bedienen". Einig sind der sowjetische und der amerikanische Ökologe sich darin, daß beide am Wirtschafts­wachstum festhalten, d.h., in marxistischer Terminologie ausgedrückt, die "erweiterte Reproduktion" nicht preisgeben wollen und die durch sie entstehende Umweltbelastung mit Hilfe neuer Technologien, unter Bevorzugung des Recycling, zu bewältigen empfehlen.

Duve: Da sind wir am entscheidenden Punkt angelangt. Doch vorher noch eine andere Frage: Haben Sie systematisch Stellungnahmen zum Club of Rome aus den sozialistischen Ländern, einschließlich DDR, und aus Publikationen westeuropäischer KP-Mitglieder gesammelt?

Harich: Nein. Außer diesen sowjetischen Stimmen kenne ich nur einiges aus der DDR, die erwähnte Broschüre von Guy Biolat aus Frankreich sowie Artikel von Edgar Gärtner aus der Bundesrepublik.

Duve: Haben Sie da ebenfalls Beispiele für Zustimmung bzw. freundliche, loyale Kritik entdecken können? 

Harich: Zustimmung überhaupt nicht. Sachlich argumentierende Ablehnung, die vereinzelte Teilwahrheiten anzuerkennen bereit ist, in Jürgen Kuczynskis vorhin erwähnter Polemik "Das Gleichgewicht der Null". Mit dem Vorbehalt, daß das Material, auf das ich mich stütze, sehr unvollständig und daher möglicherweise nicht ganz repräsentativ ist, muß ich sagen: Sowohl in der DDR als auch bei den westeuropäischen Kommunisten scheint, nach meinen Eindrücken wie nach Ihren, bisher die Tendenz vorzuherrschen, im Club of Rome eine Agentur des Klassengegners zu sehen, eine von kapitalistischen Konzernen ausgehaltene Ansammlung von Reaktionären und Obskuranten, und so wird dementsprechend feindselig, mitunter wutschäumend, reagiert. 

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Duve: Geben Sie auch dafür, bitte, ein paar Beispiele! 

Harich: In der <Weltbühne>, vom 13.11.1973, kommentierte Peter Forster die Verleihung des westdeutschen Buchhändler-Friedenspreises an den Club of Rome so: 

"Niemand kann behaupten, daß der Börsenverein seinen Preis einer unbekannten Organisation verliehen hat, und sicher hat diese Organisation einen Preis verdient — vom Monopolkapital. Aber einen Friedenspreis? Vielleicht, wenn man unter Frieden das versteht, was auf dem Friedhof herrscht. Der Club of Rome hat nämlich ein Programm, das man in folgender Losung zusammenfassen kann: <Tod dem materiellen Fortschritt!> ... Um einen Preis für Verfälschung der Wahrheit zu erhalten, muß man auch gesellschaftlich wirksame Falschheiten verkünden. Und das haben die Leute vom Club of Rome getan." 

Im Dietz-Verlag erschien kürzlich eine Broschüre von Hermann Grosse und Alfred Puschmann: <Qualität des Lebens — Ausweg oder Irreführung?> (Berlin 1974). Die Verfasser fällen über die MIT-Studie von Meadows das Urteil, sie sei "nicht nur unwissenschaftlich, sondern zugleich Ausdruck imperialistischer Menschenverachtung". Dies die beiden negativsten Stimmen, die, soweit ich sehe, in der DDR laut geworden sind. 

In Frankreich schreibt Guy Biolat zu den Konsequenzen, die Sicco Mansholt aus der Studie gezogen hat: 

"Die intensive Kampagne, die sich der Verschmutzung als Argument bedient, um eine ganze Reihe von Wahrheitswidrigkeiten an den Mann zu bringen, zeigt augenscheinlich, daß es eine dem bestehenden politischen System gegenüber indifferente Verschmutzung nicht gibt. Die Art und Weise, in der Herr Mansholt dieses Problem zur Begründung der von ihm gepriesenen Rückschrittspolitik für das erweiterte EWG-Europa (mit erweiterter Knappheit, wenn es nach ihm ginge) ausschlachtet, zeigt vortrefflich, welch enge Zusammenhänge zwischen einer scheinbar auf den wissenschaftlich-technischen Bereich begrenzten Frage und der Gesamtheit des Sozialen, Ökonomischen und Politischen bestehen." 

Und in der Bundesrepublik heißt es in einem der Beiträge von Edgar Gärtner, abgedruckt in der "Deutschen Volkszeitung" vom 12.12.1973: 

"Jene falschen Propheten, die an unserem Gesellschaftssystem nicht so sehr die Herrschaft von Banken und Großkonzernen störte, sondern der <Konsumterror>, und die der <Konsumgesellschaft> durch massenhafte Konsumverweigerung ein Ende machen wollten, haben nun, so scheint es, mächtige Verbündete bekommen: die multinationalen Ölkonzerne und die Regierungen der westlichen Industriestaaten. Preiserhöhungen für Öl und Rohstoffe sollen angeblich die natürlichen Ressourcen schonen. Magere Jahre mit Arbeits­losigkeit und Knappheit an allen Ecken und Enden werden vorausgesagt.

<Umsichtige> Wissenschaftler wie Forrester und Meadows weisen auf die <Grenzen des Wachstums> der Industriegesellschaften hin und fordern (so Forrester) eine Rückkehr zum Lebensstandard von 1910, weil die Natur sich doch als stärker erwiesen habe und diese <verstaubten Ideologien aus dem vorigen Jahrhundert>, wie Forrester das Bild einer Zukunft des materiellen Überflusses und einer vollkommenen Naturbeherrschung nennt, Gott sei Dank zum alten Eisen geworfen wurden. 

<Undogmatische Linke> wie Enzensberger sehen das auch gleich ein und schwören allen ihren bisherigen Irrtümern ab. ... Wenn sich also die Verantwortlichen in den Regierungspalästen und den Chefetagen der Konzerne und <undogmatische Marxisten> derart einig sind, scheint kein Weg mehr daran vorbeizuführen, daß die Menschen aller hochentwickelten Industriestaaten den Gürtel werden enger schnallen müssen."

 

Duve: Nun wird in den Chefetagen der Konzerne allerdings wachstumsbejahend gedacht, und von dorther werden die Regierungspaläste bestürmt, Sofort­programme zur Wiederbelebung der Konjunktur in Angriff zu nehmen. Die Konservativen lehnen den Ruf nach Nullwachstum ab, und zwar um so entschiedener, je enger sie mit der Industrie liiert sind. 
Werden sie von links darin unterstützt, dann bewahrheitet sich die These von Jochen Steffen, daß manche "sozialistischen Ökonomisten" die Grundfragen unserer Epoche nicht zu begreifen imstande seien, "weil sie — bei aller sonstigen Gegnerschaft — mit den konservativen, reaktionären Industrialisten eine Grundposition gemeinsam haben, nämlich: Vor allem muß der jetzige Produktions- und Reproduktionsprozeß weiterlaufen". Mitunter entsteht so über die politischen und sozialen Fronten hinweg eine nahezu wörtliche Übereinstimmung der Argumente. Auch in sozialdemokratischen Veröffentlichungen könnte ich Ihnen Beispiele dafür nachweisen. Gärtners Tiraden zeigen, daß in der kommunistischen Literatur Ähnliches zu finden ist.

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Harich: Nicht nur das. Es kommt hier sogar vor, daß in dieser einen Grundposition dem Klassenfeind unverhohlen applaudiert wird oder daß wörtliche Zitate aus bürgerlich-konservativen Publikationen ohne Abstrich, ohne die leiseste kritische Distanzierung in die eigene Argumentation mit eingebaut werden. So hat Forster, im eben zitierten "Weltbühnen"-Artikel, ungeniert dem Bundesverband der Deutschen Industrie bescheinigt, er spreche, wenn er die MIT-Studie verwerfe und von Grenzen des Wirtschaftswachstums nichts wissen wolle, für die "klügeren Kapitalisten". Diese sähen ein, daß die Beendigung der erweiterten Reproduktion der Profitsteigerung Grenzen setzen würde. Ein anderes Beispiel: Welchen Klassenstandpunkt vertreten die in der Bundesrepublik erscheinenden Zeitschriften "Wirtschaftswoche" und "Die Unternehmung"?

Duve: Es sind eher rechtsorientierte Periodika. Sie vertreten unternehmerfreundliche Standpunkte.

Harich: Ich ahnte es. Grosse und Puschmann beziehen ausgerechnet aus diesen Blättern wörtlich, in Form ausführlicher Zitate mit Quellenangabe, Argumente, die sie gegen die MIT-Studie mit dem Ziel geltend machen, deren Unwissenschaftlichkeit zu erweisen. Sie schreiben z.B. erst: "Begründet auf den Irrlehren von Malthus, dem Erlösungswahn der Systemdynamiker und die in vielen kapitalistischen Staaten grassierende Umwelthysterie ausnutzend ..."

Duve: Hysterie? Die Bürgerinitiativen bei uns wären also Vereinigungen von Hysterikern. Die in ihnen aktiven DKP-Mitglieder werden sich zurückziehen müssen, da sie in einer Publikation des Dietz-Verlages so eingeschätzt werden.

Harich: Ich fahre fort: Die "Umwelthysterie", wie gesagt, "ausnutzend, haben diese Apologeten die Krisen des Kapitalismus zur Krise der Menschheit proklamiert. Ihr Computerfetischismus soll die Misere wissenschaftlich untermauern." Soweit Grosse und Puschmann. Und dann folgt, in einer dazugehörenden Fußnote, was "ein Kritiker solcher Prognosen" — der sonst übliche Hinweis "bürgerlicher Kritiker" fehlt wohlgemerkt — hierüber zu sagen weiß, nämlich: "<Man nehme zwei, drei oder fünf Faktoren, ... abstrahiere sie von jedem gesellschaftlichen Gehalt, gebe ihnen, relativ willkürlich, leicht einsehbare Zahlengrößen und Kalkulationen der Abhängigkeitsbeziehungen bei und speichere diese

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in einem Computer, dem Allerdulder ... Dieses Spiel verbindet die Weitsicht des zeigemäßen Lieschen Müller (die Umwelt wird bedroht; die Bevölkerung kann doch nicht ewig wachsen; wir sind alle wie die Zauberlehrlinge; die Gefahr des Volkes ohne Raum dräut.. .) mit dem technologischen Trick des Übermenschen> (<Wirtschaftswoche>, 19. 10. 1973, S. 36)". 

Oder, auf der nächsten Seite: "<Hätte man 1870 die Zunahme des Pferdemistes extrapoliert, müßte London heute unter einer 5 Meter dicken Schicht liegen>", laut Fußnote wörtlich zitiert aus: "H. R. Schulz, <Grenzen des Wachstums — Konsequenzen für die Unternehmung?>, in: <Die Unternehmung>, Jg. 1973, Nr. 1, S. 17." 

Man stelle sich das vor: Gefahren, die nach dem ebenso einhelligen wie kompetenten Urteil bedeutender Gelehrter, auch aus der Sowjetunion, die Menschheit in naher Zukunft mit Vernichtung bedrohen, werden in der westdeutschen reaktionären Unternehmerpresse aus Sorge um den Profit als Hirngespinste Lieschen Müllers bagatellisiert oder mit Pferdemist-Vergleichen bewitzelt, und zwei Genossen aus der SED schämen sich nicht, aus dieser Quelle Munition für die Dreckschleudern zusammenzuklauben, die sie gegen jene Gelehrten richten zu müssen glauben.

Duve: Das geht doch wohl nicht gegen die sowjetischen Gelehrten, sondern gegen westliche wie Forrester und Meadows. 

Harich: In der Substanz der Sache werden auch die sowjetischen Gelehrten angegriffen. Wenn — um ein Beispiel aus vielen herauszugreifen — Medunin auf dem Moskauer Symposion "Mensch und Umwelt" erklärt hat: "Erstmalig ist in der Geschichte eine Situation entstanden, in der die Existenz des Homo sapiens als biologische Art in Frage gestellt ist", dann hat auch er damit in den Augen Grosses und Puschmanns "die Weitsicht des zeitgemäßen Lieschen Müller" an den Tag gelegt. Denn die ökologischen Gründe, auf die Medunin seine Aussage stützt, sind genau dieselben, die in der "Wirtschaftswoche" zur Genugtuung dieser Genossen ins Lächerliche gezogen werden: "Die Umwelt wird bedroht; die Bevölkerung kann doch nicht ewig wachsen" usw. 

Duve: Also Dissens gegenüber sowjetischen Naturwissenschaftlern! 

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Harich: Es kommt noch schlimmer. Die tollste Kapriole haben sich Emil Rechtziegler und Otto Reinhold, zwei renommierte Wirtschafts­wissen­schaftler der DDR, geleistet. Rechtziegler schreibt in seinem — in der Bundesrepublik veröffentlichten — Aufsatz "Grenzen des Wachstums oder Krise des Imperialismus": 

"Da Wachstum im Kapitalismus stets Wachstum des Kapitals ist, würde <Nullwachstum> die Abschaffung des Kapitalismus voraussetzen, denn das Kapital kann, ohne zu akkumulieren, nicht existieren." 

Anschließend bezieht Rechtziegler, um die daraus zu erklärende Aversion der kapitalistischen Unternehmer gegen die MIT-Studie zu belegen, sich auf den Unternehmerbrief des Deutschen Industrieinstituts, aus dem er folgenden Satz zitiert: "Das Ergebnis (zu dem Meadows gelangt ist -W. H.) hat mit der Wirklichkeit nichts mehr zu tun, weil die Grenzen einer realistischen Aussage überschritten wurden." 

Anstatt nun aber dieser antikapitalistischen Tendenz der MIT-Studie etwa in der Art Fjodorows seine Sympathie zu bekunden, fährt Rechtziegler im nächsten Satz fort: "Das in der Studie geäußerte Ansinnen, ab 1975 zum Nullwachstum überzugehen, ist zutiefst menschenfeindlich, da es Hunger und Elend in den Entwicklungsländern, ihre Abhängigkeit und Ausplünderung durch die imperialistischen Mächte zu verewigen trachtet."

Nach dieser Logik müssen wir über das Fortbestehen des menschenfreundlichen Kapitalismus froh sein, denn dessen Gesetzmäßigkeiten sorgen dafür, daß das "menschenfeindliche Ansinnen" Meadows keine Chance hat, verwirklicht zu werden. Ein zufälliger Lapsus? Keine Spur! Über ein Jahr später argumentiert Otto Reinhold im "Neuen Deutschland", vom 16.11.1974, in einem Artikel, worin er u.a. zu der Westberliner Tagung des Club of Rome, vom Oktober '74, Stellung nimmt, ebenso! Reinhold stellt zutreffend fest: 

"Die Forderung nach einem <Nullwachstum> steht in Widerspruch zur kapitalistischen Ordnung", um schon im übernächsten Absatz derselben Zeitungsspalte zu erklären, "angesichts der wissenschaftlich-technischen Revolution" und "der vielen ungelösten Probleme, vor denen die Menschheit steht", bedeute die Stagnation, für die "Nullwachstum" nur ein anderes Wort sei, "in Wirklichkeit Rückschritt, Verzicht auf die Lösung dieser Probleme. Weder kann der Hunger in großen Teilen der kapitalistischen Welt überwunden, noch allen Menschen eine umfassende Bildung gesichert, noch können die neuen Erkenntnisse der Wissenschaft im Interesse der Gesellschaft genutzt werden, wenn die Produktion nicht mehr wächst." 

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Daß diese Argumente fast wörtlich so in den negativen Stellungnahmen zu finden sind, die McNamara und Herman Kahn zur MIT-Studie abgegeben haben, sei nur am Rande vermerkt. Auch nach Reinholds Logik ist somit das Fortbestehen des kapitalistischen Systems zu begrüßen, da es Nullwachstum nicht zuläßt, da eine solche reaktionäre Forderung zu ihm in Widerspruch steht.

Duve: Das hat im "Neuen Deutschland" gestanden? Worin sieht Reinhold den Widerspruch zum Kapitalismus konkret? 

Harich: Er sieht ihn darin, daß es im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaft nicht möglich ist, "das Wachstumstempo der Volkswirtschaft frei, d.h. bewußt und planmäßig, zu bestimmen", und, damit zusammenhängend, in dem mit Sicherheit zu erwartenden Widerstand der Monopole, die "nicht den Ratschlägen des Club of Rome zuliebe ihre Produktion dort einschränken werden, wo rasches Wirtschaftswachstum Profitsteigerung verspricht". Das trifft beides zu, ebenso wie Rechtziegler recht hat, wenn er sagt, Wachstum im Kapitalismus sei stets Wachstum des Kapitals. Diese Aussagen, mit denen ich völlig einverstanden bin, sprechen aber gegen den Kapitalismus und nicht gegen die inhaltliche Vernünftigkeit der Meadowschen Vorschläge. 

Denn die Argumente, die McNamara und Herman Kahn gegen Meadows ins Treffen geführt haben und die Rechtziegler und Reinhold sich kritiklos zu eigen machen, sind leicht zu widerlegen. Die Wirtschaft ist ja ständig gewachsen, und Hunger und Unbildung wuchsen im kapitalistischen Teil der Welt, aus dem man die Dritte Welt ja nicht ausklammern kann, mit ihr. Wer gibt die Gewähr dafür, daß, wenn die Wirtschaft weiterwächst, diese Übel verschwinden werden? McNamara? 

Die sozialen Übel werden nicht verschwinden, und die Naturbasis der Gesellschaft, der Ast, auf dem wir sitzen, wird obendrein zum Teufel gehen. Es ist notwendig, das Wachstum anzuhalten, weil andernfalls die Biosphäre zerstört wird. Und es ist deswegen auch notwendig, das, was da schon gewachsen ist, und was, auch nach Meadows Urteil, in den Grenzen einfacher Reproduktion weiterhin nachwachsen soll, von nun an gleichmäßig zu verteilen, gleichmäßig zwischen armen und reichen Ländern, gleichmäßig innerhalb jedes einzelnen Landes. Mit einem Wort: Wir müssen auf der ganzen Welt zum Kommunismus übergehen. 

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Duve: Das sagen Meadows Empfehlungen jedoch nicht. 

Harich: Nein, natürlich nicht. Wie sollten Empfehlungen eines bürgerlichen Gelehrten aus Amerika das auch sagen können! Aber die Konsequenz gerechterer Verteilung hat aus ihnen der Sozialdemokrat Mansholt gezogen. Und Kommunisten, wie Rechtziegler, wie Reinhold, müßten sie, sollte man meinen, erst recht und noch radikaler ziehen. Warum nennen sie sich denn Kommunisten, wenn ihnen diese Lösung nicht als erstes einfällt? Kommunismus heißt: gerechte Verteilung, konsequent, radikal durchgeführt. Darüber war sich schon zur Zeit der Französischen Revolution einer der ruhmwürdigsten Vorläufer von Marx und Engels, der Revolutionär Gracchus Babeuf, Führer der "Verschwörung der Gleichen", im klaren, und für den Versuch, diese Konzeption zu verwirklichen, hat er 1797 auf dem Schafott sein Leben gelassen, zum Tode verurteilt von einem Gericht der Bourgeoisie des Directoire. Damals wäre bei gerechter Verteilung des Vorhandenen die Portion für jeden einzelnen ziemlich knapp ausgefallen. Aber vermutlich fällt sie nach fast 200 Jahren Wirtschaftswachstum, die wir inzwischen hinter uns gebracht haben, reichlicher aus. Warum es also nicht einmal so versuchen?

Duve: Worauf will Reinholds ND-Artikel im ganzen hinaus? 

Harich: Reinhold behandelt die Krise, in der das kapitalistische System sich derzeit befindet. Als ideologischen Reflex dieser Krise wertet er die Forderungen des Club of Rome. Den Kapitalismus verurteilt Reinhold, weil er kein kontinuierliches, krisenfreies Wirtschaftswachstum erlaubt, das zu garantieren nur dem Sozialismus möglich sei. Das Wort "Kommunismus" kommt in dem Artikel nicht vor; wie es überhaupt in allen diesen Beiträgen immer nur der Sozialismus ist, der dem Kapitalismus als Alternative gegenübergestellt wird. Der positive Wert des Wirtschaftswachstums steht danach außer Frage. Der Club of Rome, der diesen Wert problematisiert, ist der ideologische Hauptfeind. McNamara, Herman Kahn, der Bundesverband der Deutschen Industrie, Unternehmerorgane wie die "Wirtschaftswoche" und "Die Unternehmung" sind Verbündete gegen diesen Feind.

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Es sind jedoch schlechte, unzulängliche Verbündete, da, wie sich in der jetzigen Situation des Westens wieder einmal zeigt, die von ihnen verherrlichte kapitalistische Ordnung, die "freie Marktwirtschaft", dem Wirtschaftswachstum nicht unbegrenzt förderlich ist, sondern ihm Schranken setzt, es immer wieder stört, immer wieder zurückwirft. Aber was wollen wir eigentlich? Das scheint auf den ersten Blick echt marxistisch gedacht zu sein! 

Oder finden wir im "Kommunistischen Manifest", im Vorwort von "Zur Kritik der politischen Ökonomie", im "Kapital" etwas von Nullwachstum? Finden wir dergleichen in der "Kritik des Gothaer Programms", die das Wesen des Kommunismus definiert? Finden wir da nicht überall vielmehr den Gedanken, daß die kapitalistischen Produktionsverhältnisse für die weitere Aufwärtsentwicklung der Produktivkräfte, denen sie erst angemessen gewesen sind, zu eng werden, daß sie ihr Fesseln auferlegen, die nur die proletarisch-sozialistische Revolution sprengen kann, daß, im Ergebnis dieser Revolution, nach der Vergesellschaftung der Produktionsmittel, alle "Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fließen" sollen, voller, als vorher, im Kapitalismus, die des privaten Reichtums geflossen sind?

Duve: Und hat nicht gerade Marx, im "Manifest" z.B., die Bourgeoisie für ihr welthistorisches Verdienst, die Produktion mit ungeheurem Tempo, in nie dagewesenem Umfang vorangetrieben zu haben, enthusiastisch gefeiert?

Harich: Gewiß. Aber: Die Lehre von Marx hat eben noch ganz andere Seiten, denen heute, meine ich, mehr Gewicht beizumessen ist. Durch den Kapitalismus, sagt Marx in der "Deutschen Ideologie", würden die Produktivkräfte zu Destruktivkräften. Genau das erleben wir jetzt. Die vom Kapitalismus geprägte industrielle Zivilisation ist in höchstem Maße destruktiv. Destruktiv sind, wie besonders Barry Commoner gezeigt hat, ihre Technologien. Destruktiv sind auch viele der Konsumgewohnheiten, die wir unter dem Einfluß der auf Profit ausgerichteten kapitalistischen Produktion angenommen haben. Marx scheint dies, wenn auch nur der allgemeinen Tendenz nach, nicht im Detail, vorausgeahnt zu haben. 

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Wie eindringlich Marx, inmitten des vergleichsweise idyllischen 19. Jahrhunderts, gelegentlich davor gewarnt hat, die Naturbasis der Gesellschaft außer acht zu lassen, habe ich bereits erwähnt. Hier noch zwei einschlägige Zitate aus Band I des "Kapitals": 

"Mit dem stets wachsenden Übergewicht der städtischen Bevölkerung, die sich in großen Zentren zusammenhäuft, häuft die kapitalistische Produktion einerseits die geschichtliche Bewegungskraft der Gesellschaft, stört sie andererseits den Stoffwechsel zwischen Mensch und Erde, d. h. die Rückkehr der vom Menschen in der Form von Nahrungs- und Kleidungsmitteln vernutzten Bodenbestandteile zum Boden, also die ewige Naturbedingung dauernder Bodenfruchtbarkeit. Sie zerstört damit zugleich die physische Gesundheit der Stadtarbeiter und das geistige Leben der Landarbeiter. Aber sie zwingt zugleich durch die Zerstörung der bloß naturwüchsig entstandenen Umstände jenes Stoffwechsels, ihn systematisch als regelndes Gesetz der gesellschaftlichen Produktion und in einer der vollen menschlichen Entwicklung adäquaten Form herzustellen." 

Und ferner: "Jeder Fortschritt der kapitalistischen Agrikultur ist nicht nur ein Fortschritt in der Kunst, den Arbeiter, sondern zugleich in der Kunst, den Boden zu berauben, jeder Fortschritt in Steigerung seiner Fruchtbarkeit für eine gegebene Zeitfrist zugleich ein Fortschritt im Ruin der dauernden Quellen dieser Fruchtbarkeit. Je mehr ein Land, wie die Vereinigten Staaten von Amerika z.B., von der großen Industrie als dem Hintergrund seiner Entwicklung ausgeht, desto rascher dieser Zerstörungsprozeß. Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter." 

Halten Sie diese Stellen zusammen mit Fjodorows Zitat der Marxschen Äußerung über das Buch von Fraas, über dessen "unbewußte sozialistische Tendenz", dann werden Sie gewahr, daß Marx im Naturschutz, in der Abstimmung einer planvoll gezügelten Entwicklung der Kultur auf dessen Erfordernisse, eine zentrale Aufgabe des Sozialismus gesehen hat. Und schließlich hat Marx — um an das Wichtigste zu erinnern — nicht mehr, wie seine bürgerlichen Vorläufer Smith und Ricardo, den Aufstieg der Produktion als Selbstzweck betrachtet, geschweige daß er die für den Kapitalismus charakteristische Bestimmung der Produktion, Quelle von Profit, Mittel zur Verwertung der angehäuften Kapitalien zwecks Erzielung neuen, erweiterten Profits zu sein, gutgeheißen hätte.

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Im Gegenteil, damit macht der von Marx konzipierte Sozialismus gerade Schluß, indem er die Produktion ausschließlich in den Dienst der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse stellt. Da erhebt sich doch, wenn man all dies zusammennimmt, die Frage, ob es beim gegenwärtigen Stand der Entwicklung der Produktivkräfte nicht in Marx' Sinne wäre, durch Übergang zum Nullwachstum a la Forrester und Meadows — oder zu "organischem Wachstum" a la Mesarovic und Pestel, das in den industrialisierten Regionen des Erdballs zumindest auf Nullwachstum hinausliefe — die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse mit dem Schutz und der Erhaltung der Biosphäre für immer in Einklang zu bringen. Unter kapitalistischen Bedingungen wird das nicht zu machen sein. Darin haben Rechtziegler und Reinhold recht. Aber wieso sollte nicht gerade dies zum Motiv werden, die Bourgeoisie überall dort, wo sie noch herrscht, zu stürzen, sie zu enteignen, den Kapitalismus zu beseitigen, um dann im Westen direkt, im Osten vom bereits bestehenden Sozialismus aus noch direkter, den Kommunismus zu verwirklichen? Der Kommunismus erlaubt Nullwachstum bzw. organisches Wachstum ohne weiteres. In ihm kann, wie Reinhold sagt, "das Wachstumstempo der Volkswirtschaft frei, d. h. bewußt und planmäßig, bestimmt", also auch auf gewünschtem Stand, so wie die ökologischen Kriterien es verlangen, angehalten werden.

Duve: Im Sozialismus noch nicht?

Harich: Im Sozialismus auch. Eine sozialistische Gesellschaft indes, die sich dazu entschlösse, das zu tun, und eigens zu diesem Zweck, unter Ausschaltung der Marktbeziehungen, des Geldes, auch des Leistungsprinzips, ein umfassendes System rationierter Verteilung einführte, das die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse auf die Erhaltung der Biosphäre abstimmt, wäre bereits kommunistisch.

Duve : Und würden in einer solchen Gesellschaft, wie es die "Kritik des Gothaer Programms" vorschreibt, "alle Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fließen"?

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Harich: Voller als was? Als die Springquellen des Reichtums von 1875? Das ist anzunehmen. Nur: Wie voll denn noch, wenn wir an die Springquellen von 1975 denken? Der Übergang zum Kommunismus bietet den Schlüssel für die Lösung aller Probleme der ökologischen Krise. Auch im Westen, wo die Entwicklung der industriellen Produktion einen solchen Stand erreicht hat, daß die jetzt noch kapitalistischen Länder im Zuge der proletarischen Revolution die sozialistische Phase werden überspringen können. Mir kommt es so vor, als wolle Fjodorow diese Möglichkeit mit seinem Vergleich zwischen dem Club of Rome und den Utopisten vor Marx andeuten. Denn acht Seiten davor zitiert Fjodorow aus der MIT-Studie den Satz: "Der Zustand des globalen Gleichgewichts kann so projektiert sein, daß die wichtigsten materiellen Bedürfnisse eines jeden Menschen auf der Erde befriedigt werden und jeder Mensch die gleiche Möglichkeit hat, seine individuellen Fähigkeiten zu realisieren." Und er knüpft daran den Kommentar: "Ich bin nicht sicher, ob den verehrten Wissenschaftlern bekannt ist, daß Karl Marx fast genau dieselben Worte benutzt hat, um kurz die kommunistische Gesellschaft zu charakterisieren", worauf das wörtliche Zitat des berühmten Absatzes über die "höhere Phase der kommunistischen Gesellschaft" aus der "Kritik des Gothaer Programms" folgt.

Duve: Verbindet auch Fjodorow damit die Forderung des Nullwachstums, kombiniert mit der Idee rationierter Verteilung? 

Harich: Nein, zu dieser Konsequenz schwingt er sich nicht auf. Dieser Einfall ist mir gekommen, und zwar Ende 1973, als für kurze Zeit in der Bundesrepublik die Rationierung des Benzins erwogen wurde. Da fiel es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen, und ich dachte: Warum nicht gleich alles rationieren? Und wenn ja, warum nicht auf sozialistischer Grundlage? Und wenn auf sozialistischer Grundlage, wäre das nicht bereits Kommunismus? Und wäre es nicht, infolge der rationierten Verteilung, der Kommunismus Babeufs, zu dem die Arbeiterbewegung nun auf höherer Stufenleiter, mit einer dialektischen Spiralenbewegung — "Negation der Negation" — zurückkehren muß, nachdem fast 200 Jahre lang die "Springquellen" des kapitalistischen Reichtums voll geflossen sind?

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Später las ich Fjodorows Buch, und die eben angeführte Stelle darin komplettierte meine Überlegungen. Fjodorow selbst aber vergleicht, wie gesagt, den Club of Rome mit den utopischen Sozialisten, d. h., Peccei, Forrester, Meadows usw. sind für ihn die Saint-Simons unserer Epoche. Und was meint er, wenn er ihnen anrät, darüber nachzudenken, wer im Westen für die Verwirklichung ihrer humanen Ideen kämpfen könnte? Wer könnte denn das? Nur die Arbeiterbewegung im Bündnis mit allen Elementen der Gesellschaft, die von der ökologischen Krise tödlich bedroht sind! 

Die Genossen Reinhold, Forster, Puschmann, Grosse, Gärtner, Rechtziegler jedoch stellen sich hin und rufen sinngemäß den Arbeitern zu: "Fallt um Himmels willen nicht auf Reaktionäre und Obskuranten wie Peccei, Forrester, Meadows, Mesarovic und Pestel herein, die wollen euch ins Elend stürzen! Hört dann schon lieber auf McNamara, ehemaligen amerikanischen Kriegsminister, Schlächter des vietnamesischen Volkes, jetzigen Präsidenten der Weltbank, der euch, wie wir, sagt (wörtlich): <Wir brauchen das wirtschaftliche Wachstum, um unseren Beitrag zum Kampf gegen die Armut leisten zu können!> Hört auf Hanns Martin Schleyer, Vorsitzenden des westdeutschen Unternehmerverbandes; der sagt dasselbe, und er muß wissen, was er sagt, denn er hat schon immer zum "Kampf gegen die Armut" beigetragen, besonders als SS-Scherge Heydrichs im nazistisch okkupierten Prag! 

Hört auf Herman Kahn, den erzreaktionären Chef-Futurologen der amerikanischen Monopolherren und Militaristen, einen Mann, der in seinen Zukunft-Szenarios mit kühler Gelassenheit gigantische Atomschlachten der Supermächte mit Hunderten Millionen Toten einkalkuliert hat! Hört auf ihn, wenn er euch klarmacht (wörtlich): <Der Arbeiterklasse geht es bei wirtschaftlichem Wachstum gut>, und wenn er auf die Gegenfrage: <Auch, wenn das Wachstum Amok läuft?> naßforsch erwidert: <Die Arbeiterklasse leidet als letzte darunter. Was zunächst einmal beim Wachstum geschieht und was die Leute nicht mögen, ist Bevölkerungsballung, zu viele Autos, Urbanisierung. Die Arbeiterklasse mag all das!>" 

Duve: Ja, das ist Kahns Theorie: Die Besorgnisse um die Umweltzerstörung, den Rohstoffverschleiß, die Hungerkatastrophen in der Dritten Welt und "andere verrückte Ideen, die durch die Gegend schwirren", seien überall nur bei der oberen Mittelklasse anzutreffen; der Arbeiterklasse sei dergleichen fremd; ihr gehe es nur darum, materiell besser zu leben.

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Harich: Aber das stimmt nicht. Es ist nachweislich glatte Verleumdung, wenn auch demagogisch verpackt in überschwengliches Lob für die Arbeiterklasse. Mansholt weiß folgendes zu berichten: 

"Kürzlich traf ich in Holland mit einer Gruppe jugendlicher Arbeiter zusammen und fragte sie, ob sie einverstanden seien, einen größeren Teil unseres Wohlstands mit den Entwicklungsländern zu teilen. Sie antworteten, sie seien durchaus bereit, mit den Armen der Dritten Welt zu teilen, wehrten sich aber dagegen, daß dies unter den gegenwärtigen Bedingungen und bei dem westlichen kapitalistischen System geschehe." 

Stellen Sie sich nun vor, es wäre noch ein Ökologe dabeigewesen und hätte in populärer Zusammenfassung die verheerenden Auswirkungen des amoklaufenden Wirtschaftswachstums auf die Öko-Gefüge der Biosphäre erläutert. Ich bin sicher, diese Jungarbeiter hätten sich im Gedanken an die eigene Zukunft, mehr noch an die ihrer Kinder, zu jedem materiellen Opfer bereit erklärt unter der Bedingung, daß gleichzeitig das kapitalistische System beseitigt wird, daß die Reichen von der Bildfläche verschwinden. Diese unerläßliche Bedingung muß man natürlich immer hinzufügen, denn davon steht in der MIT-Studie nichts. Doch dafür sind ja wir Kommunisten da, daß wir in dem Punkt die nötigen Ergänzungen anbringen. Hier noch ein Beispiel, das gegen Kahns Vermutungen über die Haltung der Arbeiterklasse spricht. Ich habe es bei Guy Biolat gefunden. Die "Humanite Dimanche", berichtet er, hat sich Anfang 1972 an einen repräsentativen Querschnitt von 1714 Personen mit der Umfrage gewandt, ob der industriell-technische Fortschritt mit seiner Umweltverschmutzung mehr Nachteile oder mehr Vorteile bringe. 48 % der Befragten hätten darauf, schreibt Biolat, geantwortet: "Mehr Nachteile", nur 23 %: "Mehr Vorteile", wobei in der ersten Gruppe der Anteil der Arbeiter, in der zweiten der der "höheren Leitungskräfte und Freiberuflichen" erheblich größer gewesen sei.

Duve: Für Biolat müßte das ein Grund sein, an die Frage anders heranzugehen als die vorhin von Ihnen zitierten Wachstumsfreunde unter den deutschen Kommunisten.

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Harich: Man sollte es meinen. Leider ist davon keine Rede. Sein Buch ist ein Konglomerat absurder Widersprüche. Es klärt den Leser weniger auf, als es ihn in Konfusion stürzt. Einerseits kann Biolat sich darin nicht genugtun, die Ökologie zu preisen. Andererseits bezeichnet er z. B. die Pestizide als "unentbehrliche Produkte" — von der Möglichkeit biologischer Schädlingsbekämpfung scheint er noch nichts vernommen zu haben — und begeistert sich sogar für den Bau der "Concorde". 

Hören Sie, was demgegenüber Medunin auf dem Moskauer Symposion "Mensch und Umwelt" zum Thema Düsenflugzeuge und Pestizide zu vermelden hatte. "Bekanntlich ist fast der gesamte freie Sauerstoff der Atmosphäre biogenen Ursprungs", sagte er, 

"etwa 30% setzen die Grünpflanzen des Festlandes frei, 70% die Algen des Weltmeeres. Berücksichtigt man, daß zwei Drittel der Weltbestände an Wald bereits vernichtet sind und der Holzeinschlag bisher die Neupflanzung bedeutend übersteigt, dann werden die Aufrufe der Ökologen verständlich, den Ozean reinzuerhalten und die Grünflächen auf der ganzen Erde zu vergrößern. Die Erdbevölkerung benötigt immer mehr Sauerstoff, nicht so sehr für Atemzwecke als vielmehr für die schnelle Entwicklung von Industrie und Verkehr. Ein Kraftfahrzeug verbraucht beispielsweise auf 1000 Kilometer ebensoviel Sauerstoff, wie ein Mensch im Verlauf eines Jahres zum Atmen benötigt. Ein Düsenflugzeug (!) braucht für einen Transatlantikflug 30 bis 50 Tonnen reinen Sauerstoffs. Ein beträchtlicher Teil dieses Sauerstoffs verbindet sich allerdings mit dem Kohlenstoff des Treibstoffs zu Kohlensäure, die von den grünen Pflanzen des Ozeans und des Festlandes neu zersetzt wird. Im letzten Vierteljahrhundert sind in der Biosphäre jedoch zwei neue Faktoren wirksam geworden, die die Effektivität der Photosynthese stark herabsetzen. Der eine dieser Faktoren sind Erdöl und Erdölprodukte, der andere die Pestizide (!), vor allem das DDT." 

Ich will weitere Details nicht auch noch zitieren. In einem Satz zusammengefaßt, besagen sie, daß der Menschheit u. a. von der Kombination des Sauerstoffverbrauchs der Düsenflugzeuge mit den ins Meer geschwemmten Pestiziden, die dort die Produktivität des Phytoplanktons vermindern, allmählicher Erstickungstod droht. Es sind diese und weitere Fakten, die Medunin zu dem Schluß kommen lassen: 

"Erstmalig ist in der Geschichte eine Situation entstanden, in der die Existenz des Homo sapiens als biologische Art in Frage gestellt ist."

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Duve: An Düsenflugzeugen fehlt es in der Sowjetunion aber auch nicht.

Harich: Eben. Desto größere Anerkennung verdient es, wenn ein sowjetischer Gelehrter in aller Öffentlichkeit warnend auf die damit verbundenen Gefahren hinweist. Biolat aber verteidigt im kapitalistischen Westen das "Concorde"-Projekt der englischen und französischen Imperialisten, obwohl ihm aus der "Humanite Dimanche" bekannt ist, daß die französischen Werktätigen, im Unterschied zu den "höheren Leitungskräften und Freiberuflichen", also den Bourgeois, in ihrer Mehrheit überzeugt sind, derartige industriell-technische "Errungenschaften" brächten mehr Nachteile als Vorteile. Mit derselben Verantwortungslosigkeit distanziert dieser famose Ökologe sich von "demagogischen Kampagnen gegen die Kernkraftwerke".

Duve: Wie in der Bundesrepublik die DKP. Nur soweit für sie zweckmäßig, werden die Bürgerinitiativen von ihr unterstützt. Grundsätzlich scheint die DKP dafür, daß bei uns in breitem Umfang Atomreaktoren für die Bewältigung unserer Energieprobleme errichtet werden.

Harich: In diesem Sinne argumentiert auch Gärtner: "Wie oft werden nicht optimale technische und standortmäßige Lösungen verlangt, sondern wird der Bau solcher Kraftwerke überhaupt abgelehnt. Die Urheber solcher Forderungen müßten sich im Grunde einverstanden erklären mit einer Einschränkung der Energieproduktion, einer daraus resultierenden generellen Verschlechterung des Lebensstandards und sogar mit Arbeitslosigkeit. Auf der Basis eines generellen Mißtrauens wird der Kampf gegen die Konzerne zum Kampf gegen die eigene Zukunft." Fragt sich nur, wie lange diese Zukunft in dicht besiedelten Ländern mit zig Kernkraftwerken dauern wird und wo es da "optimale" Standorte überhaupt geben kann. Kernkraftwerke heizen mit gefährlichen Folgen für das Klima die Atmosphäre auf. Und Plutonium 239, mit seiner Halbwertzeit von über 2400 Jahren, ist, abgesehen von seiner Radioaktivität, so giftig, daß das Einatmen von zehn Millionstel Gramm tödlichen Lungenkrebs hervorruft.

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Eine Plutoniumkugel von Pampelmusengröße reichte bei gleichmäßiger Verteilung ihres Inhalts aus, alle heute auf dem Erdball lebenden Menschen zu töten. Gegen einen solchen Stoff gibt es keine ausreichenden Schutzmaßnahmen in einer Welt, in der Naturkatastrophen, wie etwa Erdbeben, vorkommen oder auch Konflikte zwischen Staaten und innerhalb von Staaten, ganz vorsichtig ausgedrückt, denkbar sind. Unvorhersehbares Versagen eines Einzelnen, von Terroranschlägen gar nicht zu reden, könnte auf einen Schlag Millionen Menschen das Leben kosten. 

Biolat und Gärtner sollten sich einmal zu Gemiite führen, was der große amerikanische Chemiker Linus Pauling, ein Freund der Sowjetunion, hochverdient im Kampf um die Erhaltung des Weltfriedens, ausgezeichnet mit dem Nobelpreis für Chemie, dem Friedens-Nobelpreis und dem internationalen Lenin-Friedenspreis, zu diesem Problem geäußert hat: "Diese Reaktoren sind", sagte er, "nicht sicher in dem Sinn, daß eine Katastrophe unwahrscheinlich wäre. Es hat genügend Reaktorpannen gegeben, um zu beweisen, daß Unfälle an Reaktoren geschehen können. Ich persönlich glaube, daß Atomreaktoren auf der Basis der Kernspaltung nicht gebaut werden sollten, denn sobald sie einmal gebaut sind — mit Hunderten von Millionen Dollar an Investitionen für jeden einzelnen —, ist es nahezu sicher, daß sie auch eingesetzt werden. ... Es ist möglich, aus einer Fabrik, die spaltbare Isotope produziert, eine bestimmte Menge von spaltbarem Material zu entwenden, ohne daß der Verlust entdeckt werden müßte. Dieses spaltbare Material könnte in die Hände skrupelloser Leute gelangen, sogar in die des Führers irgendeiner kleinen Nation. Oder auch nur in die einer Privatperson oder privaten Organisation, die es dann zum Schaden der Welt verwenden könnte. ... Ich glaube, daß es für die Wohlfahrt der Menschheit, für das Glück des Einzelnen nicht nötig ist, daß immer größere Energiemengen zur Verfügung stehen und daß wir zulassen, daß simple wirtschaftliche Entscheidungen von Tag zu Tag die Natur des Lebens bestimmen, das wir in der Zukunft leben werden ... Ich plädiere dafür, überhaupt keine Atomkraftwerke zu errichten." Welcher Kommunist, frage ich, bringt es fertig, die Warnungen eines solchen Mannes einfach in den Wind zu schlagen? Genau das aber tun Biolat und Gärtner, wenn sie Bürgerinitiativen, die mit vollem Recht dieselben Argumente geltend machen, Demagogie vorwerfen.

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Duve: Ist auf dem Moskauer Symposion die friedliche Nutzung der Kernenergie ebenfalls in Frage gestellt worden? 

Harich: Leider nur am Rande von G.Zaregorodzew, der an der Akademie der Medizinischen Wissenschaften der UdSSR den Lehrstuhl für Philosophie innehat. Dieser Redner beschäftigte sich mit der Ausbreitung neuer Krankheiten — genetischer, toxikologischer, allergischer und endokriner, die auf die Einführung neuer Stoffe und Energiearten zurückzuführen sind, und ging in diesem Zusammenhang u.a. auch auf die mit der steigenden Radioaktivität verbundenen Gefahren ein. Indirekt enthielt Rytschkows detaillierte Warnung vor den zu befürchtenden Schädigungen des menschlichen Erbguts eine Kampfansage an jede Art Verwendung von Kernenergie.

Duve: Glauben Sie, daß es der Überzeugung dieser beiden sowjetischen Wissenschaftler entsprechen würde, den Appell Linus Paulings zu unterstützen?

Harich: Unbedingt. Die Logik ihrer Argumente läßt keinen anderen Schluß zu.

Duve: Nach Ihren Ausführungen zu urteilen, kann gegenüber den Problemen der ökologischen Krise und, damit zusammenhängend, in der Einstellung zum Club of Rome von monolithischer Geschlossenheit bei den Kommunisten nicht mehr die Rede sein. 

Harich: Die Meinungsverschiedenheiten sind äußerst schroff, bewegen sich aber, soweit sie artikuliert werden, doch in den Grenzen, die durch die Generallinie der Partei, insbesondere der sowjetischen, abgesteckt sind. Im Rechenschaftsbericht des Zentralkomitees an den XXIV. Parteitag der KPdSU (1971) hat Breshnew erklärt: "Bei der Durchführung der Maßnahmen zur Beschleunigung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts müssen wir alles tun, um ihn mit dem Schutz der Natur zu verbinden; der wissenschaftlich-technische Fortschritt darf nicht zum Ausgangspunkt einer gefährlichen Verschmutzung der Luft und des Wassers, der Bodenerschöpfung werden."

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Nun ist die Ökologie auch eine Wissenschaft, und die Technik kann grundsätzlich in umweltfreundlicher Richtung voranschreiten. Der Ruf nach wissenschaftlichtechnischem Fortschritt braucht also an sich, zumal wenn er mit solch energischer Befürwortung des Naturschutzes verbunden auftritt, die Bejahung von Wirtschaftswachstum nicht einzuschließen. Aber der auf demselben Parteitag beschlossene Volkswirtschaftsplan ist nun einmal noch wachstumsorientiert, so daß sich für einen Sowjetbürger, namentlich wenn er der Partei angehört, eine direkte Bejahung des von Forrester und Meadows empfohlenen Nullwachstums, jedenfalls für den Augenblick, hier und jetzt, von selbst verbietet. Andererseits können aber auch die Wachstums-fetischisten in Anbetracht von Breshnews unmißverständlichen Ausführungen nicht wagen, dafür zu plädieren, daß die wirtschaftliche Entwicklung ohne Rücksicht auf die Umwelt vorangetrieben werden solle.

Duve: Welche hauptsächlichen Gruppierungen haben sich innerhalb dieses Rahmens herausgebildet, und wie operieren sie? 

Harich: Die am meisten ökologisch problembewußte Gruppe — ich möchte sie die der konsequenten Ökologisten nennen — warnt eindringlich, gestützt auf ein umfangreiches Material naturwissenschaftlicher Daten, vor den heraufziehenden Gefahren und trägt zugleich aus dem Vermächtnis der marxistischen Klassiker alles zusammen, was darauf schließen läßt, daß diese, lebten sie heute, sich dafür einsetzen würden, Produktion und Konsumtion auf die Notwendigkeit der Erhaltung der Biosphäre abzustimmen. Über das Wirtschaftswachstum aber, das bei voller Berücksichtigung ihrer Argumentation, gestoppt werden müßte, schweigt diese Gruppe sich aus. Ja, deren Protagonisten erwähnen oft nicht einmal, daß von Forrester, Meadows usw., die sie rühmen, auf deren Befunde sie sich berufen, Nullwachstum vorgeschlagen worden ist. Oder wenn sie es erwähnen, dann sagen sie, dies sei ein umstrittener Punkt, über ihn müsse noch nachgedacht werden u. dgl. Äußerstenfalls werden sehr allgemein gehaltene, geradezu geschichts-philosophische Postulate formuliert, die, wenn man sie in wirtschaftswissenschaftliche Kategorien übersetzt, auf die Befürwortung von Nullwachstum hinauslaufen, was aber nicht jedermann auf Anhieb merkt. 

Duve: Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

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Harich: Auf dem Moskauer Symposion "Mensch und Umwelt" erklärte Rytschkow: 

"Wir sollten endlich von den immer noch dominierenden Vorstellungen über die Entwicklung der Menschheit als Prozeß der weiteren <Unterwerfung>, <Umgestaltung> und <Verbesserung> der Natur, der Schaffung einer <Biotechnosphäre> usw., d. h. vom extensiven Typ der Entwicklung des Lebens, übergehen zur philosophischen, psychologischen, ethisch-ästhetischen und naturwissenschaftlichen Analyse der Möglichkeit eines stationären Zustands der Menschheit im System der Natur. Die Realisierung dieser Möglichkeit würde den Übergang zu einem intensiven Entwicklungstyp der menschlichen Form des Lebens bedeuten, wie er nach einer Phase der Expansion bei allen neuen Formen des Lebens zu beobachten ist." 

Stationärer Zustand der Menschheit im System der Natur, dieser Gedanke schließt selbstredend eine Absage an das falsche Ideal unaufhörlichen wirtschaftlichen Wachstums ein. Nebenbei bemerkt, hat Rytschkow mit dem "intensiven Entwicklungstyp", der auf die bisherige "Phase der Expansion" folgen sollte, im Grunde bereits die Konkretisierung des abstraktpauschalen Programms von Forrester, Meadows usw. durch Mesarovic-Pestels Postulat eines "organischen Wachstums" vorweggenommen. 

Daß Rytschkow dem Club of Rome geistig sehr nahesteht, erhellt aus seiner Äußerung: "Die Frage nach der Bestimmung der optimalen Grenzen und Normen, die das Gleichgewicht des Menschen mit den anderen Komponenten des Biosystems sichern, kann heute nicht mehr als unberechtigt oder als Ausdruck von Pessimismus betrachtet werden." Der Vorwurf des Pessimismus ist bekanntlich die Flagge, unter der sich die Wachstumsfetischisten aus allen Lagern gegen den Club of Rome zusammen­rotten.

Duve: Sie halten den Club nicht für pessimistisch? 

Harich: Nein, nein und nochmals nein. Wer die Studie von Meadows bzw. die von Mesarovic-Pestel sowie die Stellungnahmen des Clubs zu beiden Arbeiten für pessimistisch - für Untergangsprophetien erklärt -, ist entweder ignorant und gedankenlos oder ein demagogischer Verleumder. 

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In beiden Studien werden mit Hilfe der Computertechnik gegenwärtige Trends der Weltentwicklung bewußt in die Zukunft hinein extrapoliert, aber nicht, um die Unausweichlichkeit der heraufziehenden Katastrophen glaubhaft zu machen, sondern um diese abwenden zu helfen, wobei jedesmal Vorschläge unterbreitet werden, wie das vermeidbar Schreckliche vermieden werden kann. Mit Pessimismus hat das so wenig zu tun wie die Warnung eines Arztes an einen Kettenraucher, er werde, wenn er so weitermache, demnächst an Lungenkrebs oder Herzinfarkt zugrunde gehen. "Wenn ihr so weitermacht, dann ...", das ist - populär gefaßt - der Leitgedanke der hypothetischen Prognosen des Club of Rome. 

"Macht ruhig so weiter", versichern uns die Wachstumsfetischisten, wenn sie die uns bedrohenden Gefahren optimistisch herunterspielen und verniedlichen. Ihr ruchloser Optimismus gleicht dem der Zigarettenfirmen, die dem Nikotinsüchtigen mittels Reklame vorgaukeln, daß ihre Produkte, wenn nicht gesundheitsfördernd, so doch unschädlich seien. 

Den Club of Rome von vorgeblich optimistischen Positionen aus bekämpfen heißt dazu beitragen, die Katastrophen, die er aufzuhalten sucht, zu beschleunigen und zu verschlimmern. Der Arbeiterbewegung liegt nichts ferner als eine solche Art von Optimismus. Sie hat wieder und wieder das Proletariat, das ganze werktätige Volk vor Gefahren gewarnt, die andere Parteien nicht wahrhaben wollten: vor Kriegs- und Krisengefahr, vor faschistischen Gefahren. Sie hat damit die Massen aufrütteln wollen, und wenn das Befürchtete — was leider selten genug der Fall war — dann ausblieb, so nicht, weil sie die Dinge zu pessimistisch gesehen hatte, sondern weil ihre Warnungen gehört worden waren.

Duve: Nun zu der Gegenfraktion, den "Wachstumsfetischisten". Wie geht diese Gruppierung vor?

Harich: Sie war, soweit sich das aus dem Protokoll beurteilen läßt, auf dem Moskauer Symposion, wenn überhaupt, so nur schwach vertreten, ist aber ansonst in der kommunistischen Bewegung noch außerordentlich stark. Diese Leute verschweigen nicht, was Forrester, Meadows u. a. der Wirtschaft vorgeschlagen haben. Im Gegenteil, sie stürzen sich auf diesen einen heiklen Punkt, das Nullwachstum, und benutzen ihn, um den Club of Rome pauschal als pessimistisch, reaktionär, menschenfeindlich usw. zu denunzieren. 

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Ihrer leidenschaftlichen Verteidigung des Wirtschaftswachstums fügen sie dann jedesmal ein paar oberflächliche, substanzlose Floskeln über den unbestreitbar wichtigen und nützlichen Umweltschutz hinzu, wobei sie aber meist so tun, als zerstöre nur die kapitalistische Industrie die Natur, die, seit der Oktoberrevolution, in allen sozialistischen Ländern eigentlich schon immer vorbildhaft geschützt worden sei. Unter dem Deckmantel tiefster Überzeugtheit von den Vorzügen des sozialistischen Systems wird auf diese Weise dafür plädiert, alles beim alten zu belassen, d.h. die ganze ökologische Problematik nach wie vor auf die leichte Achsel zu nehmen. 

Da dies aber auch gegen die Parteilinie verstieße, gegen den einschlägigen Passus in Breshnews Rechenschaftsbericht, da es weiter das neue Gesetz "Über die Verstärkung des Naturschutzes in der UdSSR", vom September 1972, sowie die analogen Gesetze in den übrigen sozialistischen Ländern, darunter das Landeskulturgesetz der DDR, in Frage stellen würde, spricht man nicht offen aus, daß man sich einzig und allein vom Wirtschaftswachstum eine glücklichere Zukunft verspricht. Soweit die Wachstumsfetischisten zuzugeben bereit sind, daß an den Warnungen des Club of Rome "etwas Wahres dran" ist, beziehen sie sie auf die Krisenerscheinungen im kapitalistischen Teil der Welt, die von Forrester, Meadows usw. gesehen, aber unzulässigerweise zu einer allgemeinen Krise im Verhältnis von Mensch und Natur aufgebauscht würden. 

Duve: Wo steht Fjodorow?

Harich: Er steht zwischen beiden Extremen. Sein Buch ist der Versuch einer Spezifizierung und Konkretisierung der Forderungen Breshnews. Fjodorow referiert objektiv, voller Respekt, im wesentlichen zustimmend, was Forrester, Meadows, aber auch andere westliche Gelehrte, namentlich Barry Commoner, zu den ökologischen Problemen ausgeführt haben, ergänzt es durch gleichlautende oder ähnliche Befunde sowjetischer Wissenschaftler, darunter eigene, verschweigt dabei keineswegs, daß die MIT-Studie Nullwachstum postuliert, und — lehnt diese Forderung ab, aber voller Gelassenheit, ohne sich künstlich aufzuregen und ohne irgend jemanden zu diffamieren. 

Bei alledem ist Fjodorows Position nicht frei von den Widersprüchen und Eklektizismen einer auf Ausgleich bedachten Diplomatie, ein Nachteil, der aber in hohem Maße durch Besonnenheit, das Bemühen, auch in der Auseinandersetzung mit Gegnern sachlich zu bleiben, und die Bereitschaft, dazuzulernen, ausgeglichen wird.

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Duve: Mit welcher Begründung lehnt Fjodorow Nullwachstum ab?

Harich: Die Gefahr, sagt er, liege nicht im Wirtschaftswachstum an sich — das sei eine einseitige Übertreibung —, sondern in einer schlecht organisierten Beziehung von Technik und Natur, die der Sozialismus besser zu organisieren imstande sei. Duve: Imstande sei. Also nicht: schon bewerkstelligt habe. Harich: Nein, imstande sei. Frühere Verdienste der sowjetischen Gesetzgebung auf dem Gebiet des Naturschutzes werden von Fjodorow zwar eingehend gewürdigt, doch er bezeichnet sie als noch längst nicht ausreichend. Das Gewicht liegt bei ihm auf der Betonung der grundsätzlichen Fähigkeit des Sowjetsystems, mit diesem Problem fertig zu werden, während die Wachstumsfetischisten glaubhaft machen wollen, daß der Sozialismus automatisch eine harmonische Beziehung von Mensch und Natur hervorbringe. 

Duve: Welche anderen sowjetischen Wissenschaftler teilen die mittlere Position Fjodorows?

Harich: Unter den Rednern des Moskauer Symposions wurde sie von den meisten geteilt, von Gerassimow, Chilmi, Ignatjew, Doskatsch, Kormer, Krawtschenko, Sadow, Kamschilow, Oldak, Darbanow, Tschikin, Medwedkow, Gussew, Zaregorodzew, Stepanski, Chosin, Gorelow, Panfilow, Los, wobei sich aus den diversen Fachrichtungen, die diese Gelehrten vertreten, jeweils Modifizierungen ergaben, auf die einzugehen hier zu weit führen würde. Die Grenze zu der Gruppe der konsequenten ökologisten ist übrigens fließend. Von dem Limnologen Kamschilow würde ich z. B. meinen, daß er zwischen diesen und der mittleren Gruppe steht.

Duve: Wird von der mittleren Gruppe Nullwachstum durchweg abgelehnt?

Harich: Auf dem Symposion ist keiner der Redner auf dieses Thema eingegangen. Außer Fjodorow, der es übrigens auch in seinem Buch behandelt. Wie die anderen Vertreter der mittleren Gruppe darüber denken, weiß ich nicht. 

Duve: Der Wachstumsfetischismus, sagen Sie, machte sich auf dem Symposion, wenn überhaupt, so nur schwach bemerkbar. Welche Redner schienen am ehesten dahin zu tendieren? 

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Harich: Auf mich machte einen unangenehmen Eindruck der bis zur Inhumanität biologistische Beitrag Geodakjans, der die Gefahr der Übervölkerung mit der Begründung abstritt, daß sie sich durch die in der organischen Natur gesetzmäßigen Rückkoppelungsmechanismen von selbst erledigen werde. Ob diese — isoliert dastehende — Verirrung Ausdruck einer wachstumsfetischistischen Konzeption ist, vermag ich nicht zu sagen, da der Redner auf Probleme der Technik und Ökonomie auch nicht entfernt einging. Es könnte aber sein. Mit hochgradiger Wahrscheinlichkeit vermute ich nur bei dem Geographen L. S. Abramow, daß er Wachstumsfetischist ist. Er war der einzige, der mit der These auftrat, daß "die Vorstellungen von einer katastrophalen Verschlechterung der natürlichen Umwelt, von der Erschöpfung der Ressourcen und einem Mangel an Raum" zur "feindlichen Ideologie" gehörten und für "antisozialistische, antisowjetische Machwerke" typisch seien. Sonst waren solche Töne nicht zu hören. 

Duve: Berühren oder überschneiden diese Gruppierungen, die im Zusammenhang mit der ökologischen Krise neu entstanden sind, sich mit den uns im Westen von früher her vertrauten Dissidenten von der Art Professor Sacharows?

Harich: Ich habe keine Ahnung, wie Sacharow zu dem Problem "Mensch und Umwelt" steht. Als Naturwissenschaftler müßte er für die Argumente der konsequenten Ökologisten aufgeschlossen sein oder zumindest die "mittlere Linie" Fjodorows bejahen. Nur vergessen Sie eines nicht: Sacharow ist ein Technokratentyp mit unverhohlen starker Sympathie für den Westen. Er hat immer, von seinem berühmten ersten Memorandum an, seine Liberalisierungsvorschläge mit der Notwendigkeit begründet, daß die Sowjetunion hinsichtlich der Arbeitsproduktivität und des wissenschaftlich-technischen Fortschritts nicht länger hinter dem Westen hinterherhinken dürfe, daß sie, vor allem, danach streben müsse, für immer ihre Überlegenheit gegenüber China aufrechtzuerhalten. Zieht man diese Grundtendenz seiner politischen Opposition in Betracht, so gelangt man zu der Vermutung, daß Sacharow am ehesten extremer Wachstumsfetischist sein dürfte. 

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Und wenn er sich inzwischen geistig in angemessener Weise auf die ökologische Krise eingestellt haben sollte — wofür keine Anzeichen vorliegen —, dann wäre das ein ganz neues Moment seiner Entwicklung, das nicht auf der Linie seiner politischen Auffassungen läge. Womit ich beileibe nicht behaupten will, daß die Gruppe der Wachstumsfetischisten aus Sacharow-Anhängern bestünde. Politisch ist das gewiß nicht der Fall. Man kann höchstens sagen, daß der Wachstumsfetischismus starke Affinität zu den wissenschaftlichtechnischen Erfolgen des Westens, gepaart mit neidvoller Bewunderung für den westlichen Lebensstandard, einschließt und daß speziell Sacharow und seine Sympathisanten dem noch ihre Vorliebe für die westliche pluralistische Demokratie hinzufügen. 

Duve: Sie halten die konsequenten ökologisten nicht für Oppositionelle?

Harich: In politischer Hinsicht sind sie es auf keinen Fall. Denn gerade sie betonen mit stärkster Emphase die Überlegenheit des sowjetischen sozialistischen über das westliche kapitalistische System. Sie wollen nicht, wie die Dissidenten ä la Sacharow, die bestehende Machtstruktur verändern, sondern sie so, wie sie ist und wie sie bleiben soll, für maximale Anstrengungen zur Bewältigung der ökologischen Krise eingesetzt wissen. Sie sind überzeugt davon, daß die Sowjetunion und die um sie sich gruppierende sozialistische Staatengemeinschaft über alle Potenzen verfügen, die hierfür vorbildhaften Lösungen zu schaffen — vorbildhaft für die ganze übrige Welt. Freudig begrüßen sie alles, was in dieser Richtung bereits getan worden ist und getan wird — wie etwa die zur Rettung des Baikalsees eingeleiteten Maßnahmen, die ja international wirklich einzig dastehen sollen —, und schonungslos prangern sie das noch Versäumte an, immer streng loyal, immer konstruktiv, immer gedeckt durch die Ausführungen Breshnews auf dem XXIV. Parteitag und durchdrungen von der Mission ihres sozialistischen Vaterlandes, der Menschheit mit gutem Beispiel voranzugehen.

Duve: Wie erklären Sie sich die extremen Gegensätze, die man in der Einstellung der Kommunisten zur ökologischen Krise und, in dem Zusammenhang, zum Club of Rome beobachten kann? 

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Harich: Um das Psychologische vorwegzunehmen, sind die Wachstumsfetischisten in der Regel Menschen, denen es an geistiger Elastizität fehlt. Es fällt ihnen daher schwer, sich für das Unerwartete offenzuhalten. Ihr Denken bewegt sich in eingefahrenen Gleisen. Sie wollen neue Krankheiten nach alten Rezepten kurieren. Duve: Bei den westlichen Varianten verhält es sich ähnlich. Harich: Die Starrheit erklärt jedoch nicht alles. Wichtiger ist der Gegensatz, der aus den geistig einengenden Folgen der Arbeitsteilung, aus der durch sie bedingten Spezialisierung der Tätigkeiten, Interessen und Neigungen resultiert. Dieses Erbübel der kapitalistischen Zivilisation, gegen das schon die deutsche Klassik ihr Persönlichkeitsideal aufrichtete, wird vollständig erst im vollendeten Kommunismus verschwinden. Der Sozialismus und erst recht die unter kapitalistischen Bedingungen kämpfende Arbeiterbewegung sind noch — um einen Ausdruck Jean Pauls zu gebrauchen — mit "Einkräftigkeit" behaftet. Bis zu einem gewissen Grade kann der Einfluß, den die dialektisch-materialistische Philosophie auf die intellektuellen Kader ausübt, dem entgegenwirken, aber immer nur in Einzelfällen. Überwinden läßt das Übel sich mit rein geistigen Mitteln nicht. Dazu bedürfte es anderer gesellschaftlicher Voraussetzungen, eben kommunistischer, die noch nirgends existieren.

Duve: Womit wir wieder bei Forresters Ruf nach dem neuen "Renaissancemenschen" wären bzw. bei dem Jungkschen Leitbild des "Generalisten".

Harich: Genau. Auch in der kommunistischen Bewegung sind heute die "Generalisten" noch selten. Daher reagieren die Kommunisten auf den Club of Rome unterschiedlich, gegensätzlich, je nachdem, ob sie zu seinen Postulaten mit dem Blick mehr auf die Natur oder mehr auf die Gesellschaft Stellung nehmen. Der von der Naturwissenschaft herkommende Teil der Intelligenz, repräsentiert durch Männer wie Kapiza, Rytschkow, Budyko, ist eher dafür prädisponiert, den Warnungen der Ökologen Gehör zu schenken, während die Gesellschaftswissenschaftler — die Ökonomen, Soziologen, Historiker — dazu neigen, ihre Kassandrarufe nicht allzu ernst zu nehmen. 

Um so höher ist ein Mann wie Medunin zu schätzen, der als Volkswirtschaftler, tätig am Akademie-Institut für Ökonomie des sozialistischen Lagers, auf dem Moskauer Symposion mit souveräner Kenntnis naturwissenschaftlicher

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Details echt ökologisch argumentiert hat. Hier scheint es sich um einen "Generalisten" zu handeln. Dasselbe gilt für den Hydrometeorologen Fjodorow und den Limnologen Kamschilow, die, umgekehrt, als Naturwissenschaftler gleichwohl ein Organ für die gesellschaftlichen Realitäten, für Ökonomie, Technik und Politik haben, denen Begriffe wie Klassenkampf u. dgl. nicht fremd sind. Doch das sind Ausnahmen. Die Redaktion der "Woprossy filosofii" scheint dies übrigens empfunden zu haben. Denn die nächste von ihr arrangierte Round-table-Konferenz war 1973 der Frage gewidmet, ob die marxistischen Philosophen bereits hinreichend ihrer Aufgabe gerecht werden, die Kluft zwischen natur- und gesellschaftswissenschaftlichem Denken zu schließen. 

Duve: Naturwissenschaftliche Bildung begünstigt also den Anschluß an die Gruppe der konsequenten Ökologisten und damit Aufgeschlossenheit gegenüber dem Club of Rome. Die reinen Gesellschaftswissenschaftler dagegen sind für den Wachstumsfetischismus anfälliger.

Harich: Tendenziell verhält es sich so. Ausnahmen, wie Medunin, bestätigen die Regel. Auch negativ zu bewertende Ausnahmen, wie der offenbar wachstumsfetischistisch eingestellte Geograph Abramow, bestätigen sie.

Duve: Demnach wäre die erste Einseitigkeit heute das kleinere, die zweite das größere Übel.

Harich: Georg Lukacs hat einmal gesagt, jede Epoche habe ihre eigene Leitwissenschaft. Von der Renaissance bis zum 18. Jahrhundert sei dies die Physik gewesen, vom Ausgang des 18. bis ins 20. Jahrhundert abgelöst durch die politische Ökonomie. Heute, so füge ich hinzu, hat diese Rolle die Biologie übernommen. Das Hinauswachsen einer ihrer Unterdisziplinen, der Ökologie, über die Grenzen ihres ursprünglichen Gegenstandsbereichs bis zur breiten Einbeziehung selbst der gesellschaftlichen Problematik liefert dafür den wissenschaftsgeschichtlichen Beweis. Für das Alltagsdenken läßt der Beweis sich einfacher erbringen: Ein gesunder Mensch kümmert sich nicht viel um seinen Organismus. Er geht auf in der manuellen oder geistigen Betätigung, die sein Beruf ihm abverlangt. Doch eines Tages kriegt der Arbeiter eine Staublunge und der Gelehrte Kreislaufschwäche. 

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Beide entdecken dann, daß sie einen Körper haben und schleppen ihn, damit er wieder kuriert werde, zum Arzt. So ergeht es jetzt der industriellen Zivilisation. Sie hat zu lange, wie alle eifrig beschäftigten Leute, ihre organische Seinsgrundlage sowohl vergessen als auch überstrapaziert. Jetzt sucht sie den für sie zuständigen Arzt: den Ökologen, auf. Vielmehr: Sie sollte ihn aufsuchen. Und wer kann einzig dafür sorgen, daß sie dies tut? Die Politik. 

Ja, in dieser Situation ist die einseitige Orientierung an der Natur das kleinere Übel. Sie ist es insofern, als bei dieser Einseitigkeit die fundamentalen Krankheiten, die an der Lebenssubstanz der Menschheit zehren, nicht so leicht aus dem Blickfeld geraten. Aber zugleich ist sie das größere Übel, weil sie meistens mit politischer Ahnungslosigkeit und Naivität Hand in Hand zu gehen pflegt und die Bewältigung der ökologischen Krise primär von politischen Entscheidungen abhängt, bei denen unweigerlich die ökonomische Einseitigkeits-Lobby das Sagen hat, falls das ökologische Gewissen sich so weltfremd aufführt wie einst Platon am Hof des Tyrannen Dionys von Syrakus, wie jüngst Professor Grzimek am Hof des untyrannischen Willy Brandt in Bonn. Nur der "Generalist", der für sein Teil beide Einseitigkeiten überwunden hat, zugleich aber auch beide durchschaut, versteht und zu nehmen weiß, kann wirklich helfen.

Duve: Es fällt auf, daß unter Kommunisten die Einstellung zum Club of Rome freundlicher wird, je weiter wir uns in östlicher, und feindseliger, je mehr wir uns in Richtung Westen bewegen. Liegt das daran, daß in den sozialistischen Ländern mehr Naturwissenschaftler Parteimitglieder sind als in den westlichen KPs? Oder liegt es an dem im Osten stärkeren Einfluß des dialektischen Materialismus, von dem viele West-Marxisten nichts halten? 

Harich: Beides spielt sicher eine Rolle. Aber es kommt noch ein sehr wesentlicher Umstand hinzu. Die Kommunisten im Osten diskutieren inmitten eines sozialistischen Milieus über Mensch und Umwelt. Für die im Westen handelt es sich um Bourgeoisie und Umwelt, Proletariat und Umwelt, Klassenkampf und Umwelt. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Medunin in Moskau stellt unter rein ökologischen Gesichtspunkten den Wert der Düsenflugzeuge in Frage. Biolat in Paris kann das gar nicht. Denn er muß an die Arbeitsplätze von Zehntausenden französischer Arbeiter und Angestellter denken, die ihren Broterwerb verlören, falls man sich im Elysee-Palast dazu entschlösse, die "Concorde" nicht zu bauen. Die ökologische Krise ist für ihn überlagert, überwuchert von sozialen Konflikten, ist verfilzt mit der allgemeinen Krise des kapitalistischen Systems.

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Duve: Verlust von Arbeitsplätzen gibt es im Wunderland Sowjetunion also nicht?

Harich: Meines Wissens besteht in der Sowjetunion Arbeitskräftemangel. Im übrigen würde das sozialistische System Umschulungen großzügiger und auch technisch leichter durchführen können als das des Westens.

Duve: Wobei zu fragen bliebe, was bei etwaigem Übergang zum Nullwachstum Berufe wären, auf die hin umgeschult werden könnte. Aber davon abgesehen, hat denn etwa Medunin in Moskau die geringste Chance, sich gegen die Düsenflugzeuge durchzusetzen?

Harich: Vorderhand sicher nicht. Die sowjetische Führung scheint in diesen Fortbewegungsmitteln, ihrer Geschwindigkeit wegen, immer noch eine Errungenschaft zu sehen. Und selbst wenn es Medunin gelänge, ihr das auszureden, dank der Überzeugungskraft seines Sauerstoff-Arguments oder mit dem Hinweis auf die gefährdete Lufthülle, die für kosmische Strahlung durchlässiger zu werden droht, oder vielleicht sogar mit Hilfe der zusätzlichen sozialen Beweisgründe, die Ivan Illich gegen allzu schnelle Verkehrsmittel ins Treffen führt, es würde wenig nützen. Denn im Politbüro würde man zu Medunin vermutlich sagen: "Schön und gut, lieber Genosse, wir sehen das alles ein, es wird von nun an auch uns ernste Sorge bereiten. Aber leider, leider können unsere Streitkräfte Düsenflugzeuge nicht entbehren, da die Nato welche hat." 

Duve: In Europa allerdings sehr viel weniger als die Sowjetunion. 

Harich: Aber ein Unterschied zum Westen besteht doch. Medunin stieße weder auf private Profitinteressen noch auf den Antagonismus miteinander konkurrierender Firmen, und die Sorge um Arbeitsplätze brauchte ihn nicht zu plagen. Das genügt aber bereits, um die Feststellung zu treffen, daß den Kommunisten unter den Bedingungen des sozialistischen Lagers verhältnismäßig größere Möglichkeiten offenstehen, das Problem "Mensch und Umwelt" rein ökologisch zu diskutieren, ohne mit ihrem sozialen Gewissen in Konflikt zu geraten. Und hier scheint mir der Grund dafür zu liegen, daß der sowjetische Kommunist Medunin dem Club of Rome unbefangener gegenübersteht als sein französischer Genosse Biolat.

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Duve: Aber auch die Sowjetunion wird — ich bleibe dabei — eines Tages Arbeitsplatzprobleme haben. Ihr Verständnis für Biolat legt den Verdacht nahe, daß Sie den Wachstumsfetischisten noch eine Hintertür offen lassen wollen. Sind Sie für die "Concorde" oder nicht?

Harich: Ich bin gegen sie. Aber ich bemühe mich, zu begreifen, wieso Biolat, obwohl ökologisch geschult, für sie ist. Und das muß ich begriffen haben, wenn ich Ihre Ausgangsfrage beantworten will: wie bei den Kommunisten die krassen Divergenzen zu erklären seien, die in ihrer Einstellung zum Club of Rome zutage traten. Ich behaupte: Der Gegensatz zwischen einseitiger Natur- und einseitiger Gesellschaftsorientierung überlagert und überschneidet sich bei ihnen mit der Nähe bzw. Ferne zu den spezifischen Gegebenheiten der kapitalistischen Gesellschaft des Westens. Das Hemd, sagte ich vorhin, sitze dem Menschen näher als der Rock, das Hemd Gesellschaft näher als der Rock Biosphäre. 

Die Kommunisten in Westeuropa, in Japan usw. sind, um im Bild zu bleiben, zusätzlich mit einem Unterhemd, genannt "Widersprüche des Kapitalismus", bekleidet, das ihnen noch näher auf der Pelle sitzt als das Hemd, genannt "Gesellschaft überhaupt". Wenn daher der Club of Rome sich über die großen, tief berechtigten Sorgen ausläßt, die ihm das bis zur Lebensgefährlichkeit gestörte Verhältnis der "Gesellschaft überhaupt" zur Biosphäre bereitet, dann stößt er bei den Kommunisten in der Sowjetunion auf ein relativ hohes Maß an Aufmerksamkeit und Sympathie, während die Kommunisten in der Bundesrepublik und Frankreich sofort argwöhnen, unter dem bloßen Vorwand ökologischer Besorgnis werde, zum Nutzen der Bourgeoisie, der Arbeiterklasse ihrer Länder ein Ja und Amen zur Askese der eingefrorenen Löhne bei davongaloppierenden Preisen abverlangt. 

Duve: Und die Kommunisten in der DDR hören anscheinend mehr auf ihre Genossen im Westen, sobald es darum geht, eine dort sich abzeichnende neue "Spielart der bürgerlichen Ideologie" einzuschätzen. Sie wollen aus erster Hand informiert werden. 

Harich: Im vorliegenden Fall scheint es so zu sein. Die Stellungnahmen von Forster, Reinhold, Rechtziegler, Grosse, Puschmann lassen keinen anderen Schluß zu. Ich halte dies für die Wurzel ihrer Borniertheit. Aber dann ist da noch Kuczynski, der sich die besondere Lage der DDR intelligenter zunutze macht und infolgedessen zwischen den Ost- und West-Kommunisten eine mittlere Linie hält, ähnlich der Position, die, analog dazu, Fjodorow zwischen den Natur- und den Gesellschaftsspezialisten einnimmt. 

Kuczynski verfolgt die Diskussionen in Moskau immer mit wachem Interesse, nimmt an ihnen mitunter sogar aktiv teil — und schaltet gleichwohl gelegentlich abends den Westkanal an, um hinterher über die Arbeiterdemonstrationen in Mailand und Paris nachzudenken, die er soeben auf dem Bildschirm miterlebt hat. So kommt bei ihm ein relativ ausgewogeneres Urteil zustande. Er sieht den Club of Rome unvergleichlich viel kritischer, als Fjodorow ihn sieht, um von Kapiza, Rytschkow usw. ganz zu schweigen. Aber er haßt ihn auch nicht so, wie Gärtner und Biolat ihn hassen. Leider ist auch er zu einseitig Gesellschaftswissenschaftler, als daß ihm die Dimensionen der ökologischen Krise voll bewußt sein könnten, und so ist auch seine Broschüre "Das Gleichgewicht der Null" überwiegend falsch.

Duve: Man muß in der laut Harich so günstig gelegenen DDR also noch nach einem anderen Mann fahnden, einem der Kuczynskis geographisch gestützte Objektivität mit ökologischer Sachkenntnis verbindet, weil er den universalen Horizont des Philosophen hat. Und findet man den Mann, dann sind Sie es, und Sie erteilen die zuverlässigste, von Borniertheit freieste Auskunft darüber, was vom Club of Rome zu halten ist. Das wollten Sie doch wohl sagen.

Harich: Sie haben es erraten.

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Wolfgang Harich und Freimut Duve 1975