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2  Marx + Malthus ?  

 

Wolfgang Harich und Freimut Duve 1975 

 

 

 

22-47

Duve: Erkennt der dialektische Materialismus an, daß wir in einer endlichen Welt leben?

Harich: Nein. Das Weltganze ist in Raum und Zeit unendlich. 

Duve: Das Weltganze steht hier nicht zur Debatte. Massenhaft auf andere Gestirne auszuwandern ist Science-fiction. 

Harich: Zwei so konträre Geister wie Margaret Mead und E. K. Fjodorow haben diesen Gedanken in Betracht gezogen, ihn jedoch verworfen, weil er, wenn überhaupt, für eine überaus lange Zeit, für Jahrtausende vielleicht, nicht zu realisieren sein wird und wir in sehr kurzer Zeit das Fortbestehen der Menschheit auf dem Planeten Erde werden sichern müssen.

Duve: Auf der Erde, mit ihrer Biosphäre, leben wir in einem endlichen System, nicht wahr? 

Harich: Ja.

Duve: Können in einem solchen System exponentielle Wachstumsprozesse ins Unendliche fortlaufen?

Harich: Ins Unendliche fortlaufen könnten darin nicht einmal einfache, lineare Wachstumsprozesse. Wenn es sich um exponentielle handelt, so heißt das nur, daß diese um Vieles schneller an endgültige Grenzen stoßen müssen.

 

Duve: Die Anzahl der Menschen, die auf der Erde leben, nimmt exponentiell zu. Wird das von ernstzunehmenden Wissenschaftlern, die Anhänger des dialektischen Materialismus sind, bestritten?

Harich: Nein, die bekannten Daten bestreitet niemand. 

Duve: Dieser Wachstumsprozeß — nicht der einzige — wird, wenn er so weitergeht wie bisher, sehr bald auf eine endgültige Grenze stoßen. Aber wenn Sie, als vermeintlich orthodoxer Marxist, sich diese Auffassung zu eigen machen, dann werden Ihre Freunde Sie einen Malthusianer nennen und darauf verweisen, daß Marx und Engels kaum einen anderen reaktionären Ideologen so erbittert bekämpft haben wie gerade Malthus. Sind Sie sich darüber klar? 

Harich: Ich bin mir klar darüber, daß dieses Mißverständnis naheliegt. Ich weiß aber auch, was ich darauf zu erwidern habe. Hegel hat seinem Einfall, daß in der Geschichte des menschlichen Denkens These und Antithese sich zur Synthese aufheben, den Widerspruchssatz der formalen Logik geopfert. Der dialektische Materialismus geht so weit nicht. Aber es ist für ihn nichts Überraschendes, daß eine wahre Theorie sich aus einer überwiegend falschen, die sie zunächst total bekämpft, schließlich doch die eine oder andere Teilwahrheit aneignet.

Duve: Sie meinen, die Lehre von Malthus gehe nicht restlos auf in dem, was Marx und Engels an ihr bekämpft haben; gewisse Momente in ihr ließen sich mit dem Marxismus vereinbaren? 

Harich: Die Malthussche Theorie und das, was Marx und Engels im einzelnen gegen sie eingewandt haben, zu rekapitulieren, wäre ein Thema für sich, Gegenstand eines umfangreichen Buchs. Ich beschränke mich auf den philosophisch einzig relevanten Punkt: Malthus hat den Fehler begangen, soziale Mißstände, die allein aus den Widersprüchen der kapitalistischen Produktionsweise zu erklären sind, wie Massenverelendung, Arbeitslosigkeit, auf einen außergesellschaftlichen, biologischen Faktor, auf die natürliche Vermehrung der Bevölkerung, zurückzuführen. Diesen Fehler haben Marx und Engels aufgedeckt und schlagend widerlegt. Aus ihrer Argumentation, so richtig sie ist, folgt jedoch nicht, daß der Bevölkerungszuwachs endlos fortgehen, daß er niemals, unter keinen Umständen zu einer Katastrophengefahr von globalen Ausmaßen werden kann. 

Verquickt ist mit dem philosophisch relevanten Fehler bei Malthus ein weiterer Irrtum, dem keine prinzipielle Bedeutung zukommt: die Tatsache, daß Malthus die Möglichkeit der Landwirtschaft, die Hektarerträge zu steigern, unterschätzt hat. Da niemand, der diese Möglichkeit extrem optimistisch, geschweige real beurteilt, im Ernst behaupten wird, Hektarerträge ließen sich ins Unendliche steigern, brauche ich hierüber kein Wort zu verlieren. (Im übrigen schafft der Hinweis auf wissenschaftliche Bodennutzung, d.h. auf künstliche Bewässerung, den Einsatz mineralischer Düngemittel usw., das Problem nicht aus der Welt, sondern verschiebt es nur auf eine andere Ebene: auf die der Umweltbelastung und des Rohstoffverbrauchs.) 

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Duve: Also trotz dieser zwei «Fehler» bei Malthus macht die exponentiell zunehmende Übervölkerung der Erde die Marxisten nach und nach zu Malthusianern?

Harich: Unterschieden werden muß zwischen relativer und absoluter Übervölkerung. Jene ist ein rein innergesellschaftliches Phänomen, diese eine Möglichkeit, welche die Abhängigkeit der Gesellschaft im ganzen von den Ökosystemen der Biosphäre und den nichtregenerierbaren Rohstoffen, die für die Herstellung mineralischer Düngemittel unentbehrlich sind, betrifft. Der Malthusianismus bringt beides durcheinander und liefert damit eine Ideologie, die zumindest der Stabilisierung des kapitalistischen Systems, wenn nicht Schlimmerem, Völkermord z. B., dient. Relative Übervölkerung gehört, in dünn wie in dicht besiedelten Ländern, in Finnland wie in Singapur, in der Republik Irland wie in Westberlin, zu den gesetzmäßigen Begleiterscheinungen des Kapitalismus. Sie kann sich temporär, bei Hochkonjunktur, erheblich vermindern, bis zum Unkenntlichwerden. Sie nimmt zu im Fall von Wirtschaftskrisen oder auch bei chronischer Unterentwicklung einzelner Territorien in einem ansonst industrialisierten Milieu, beides Faktoren, die ihrerseits in den Bedingungen des kapitalistischen Systems begründet liegen. Und sie ist überall dort verschwunden, wo an die Stelle des Kapitalismus sozialistische Produktions- und Eigentumsverhältnisse getreten sind. Sie ist verschwunden in dicht wie in dünn besiedelten sozialistischen Ländern, in der DDR wie in Albanien, in der Tschechoslowakei wie in der Mongolischen Volksrepublik. Vergleichen Sie die Lage in der Türkei mit der in Bulgarien, die Lage in Indien, Bangladesh, Afghanistan mit der in China, in Nordkorea, in den asiatischen Republiken der Sowjetunion, und Sie werden sich davon überzeugen, daß die Geschichte Marx und Engels gegen Malthus recht gegeben hat. Denken Sie an die Massenarbeitslosigkeit, die in den immens reichen Vereinigten Staaten herrscht, und daran, daß das arme Kuba dergleichen nicht kennt — Sie gelangen zu demselben Resultat. 

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Aber: Bannt der Sozialismus dadurch, daß er die relative Übervölkerung von der Wurzel her beseitigt, für alle Zeiten die Gefahr absoluter Übervölkerung? Werden die genannten sozialistischen Länder sich beliebig viele Einwohner leisten können? Werden die Türkei, Indien, Bangladesh, Afghanistan oder selbst Nordamerika, falls auch sie den sozialistischen Weg beschreiten sollten, sie sich leisten können? Liegt es womöglich gar im Interesse des Sozialismus, von der ihm vorausgegangenen Gesellschaftsformation das Erbe einer maximalen, statt einer optimalen, Bevölkerungsgröße und -dichte zu übernehmen? Diese Fragen mit Ja zu beantworten liefe auf reinen Irrsinn hinaus. Und es würde den Malthusschen Grundfehler: die Gleichsetzung spezifisch innergesellschaftlicher, innerkapitalistischer Schranken mit letzten Naturschranken, nicht etwa liquidieren, sondern ihn, im Gegenteil, unter bloßer Umkehrung des Vorzeichens gerade aufrechterhalten. Denn wenn ich sage: die gesellschaftliche Schranke (der Kapitalismus) ist nicht die Naturschranke — und eben das haben sinngemäß gegen Malthus Marx und Engels gesagt —, dann kann ich logischerweise nicht erwarten, daß mit der Aufhebung der gesellschaftlichen Schranke (durch den Sozialismus) eo ipso auch die Naturschranke fallen werde. Erwarte ich es doch, so setze ich abermals beide Schranken einander gleich.

Duve: Es sei denn, man läßt die Natur außer Betracht, behandelt sie als zu vernachlässigende Größe und reflektiert nur auf die Gesellschaft ...

Harich: ... und hört damit auf, orthodoxer Marxist, Anhänger des dialektischen Materialismus zu sein, wie gehabt. Ich denke dabei nicht nur an die «kritische Theorie», sondern an viel ältere Pseudo-Marxismen. Als die deutschen Sozialdemokraten der Lassalleschen und der Eisenacher Richtung sich vor genau hundert Jahren in Gotha zur einheitlichen Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands zusammenschlossen, da gaben sie sich ein neues, gemeinsames Programm. Es beginnt mit der Feststellung: «Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums und aller Kultur.» 

Marx erklärte dies für einen Irrtum. «Die Arbeit», schrieb er in seiner «Kritik des Gothaer Programms», «ist nicht die Quelle alles Reichtums. Die Natur ist ebenso die Quelle der Gebrauchswerte (und aus solchen besteht doch wohl der sachliche Reichtum) wie die Arbeit, die selbst nur die Äußerung einer Naturkraft ist: der menschlichen Arbeitskraft.»

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Duve: Gehört diese Richtigstellung in den Zusammenhang der Auseinandersetzung des Marxismus mit Malthus? 

Harich: Unmittelbar nicht. Aber sie verpflichtet uns Marxisten, die Naturbasis der Gesellschaft, wie überhaupt, so auch in der Auseinandersetzung mit Malthus, stets mit ins Kalkül zu ziehen. 

Duve: Fragt sich nur, ob Marx und Engels, wenn sie gegen Malthus polemisierten, sich selbst an diesen verpflichtenden Grundsatz immer gehalten haben. Schon Kautsky erblickte hier eine Lücke ihrer Theorie. Aber für Sie ist Kautsky natürlich ohnehin ein «Renegat» ...

Harich: Ich habe nicht entfernt die Absicht, ihn so zu bezeichnen. Lenin hat diese Formulierung erst 38 Jahre später gebraucht, nachdem er vorher, ungefähr bis zum Ersten Weltkrieg, auf Kautsky große Stücke gehalten, ihn als einen seiner Lehrer verehrt hatte. 

Duve: Und um den Kautsky von 1880 geht es hier. 

Harich: Sicher. Sie müssen korrekterweise nur hinzufügen, daß auch Kautsky damals den Malthusianismus als ökonomische Theorie entschieden abgelehnt hat, und zwar mit Marx' Argumenten. 

Duve: Mag sein. Nichtsdestoweniger hat er es, unabhängig von der ökonomischen Theorie, Malthus als bleibendes Verdienst angerechnet, die Bevölkerungs­frage überhaupt aufgeworfen zu haben, wobei er, Kautsky, die Ansicht vertrat, auch die sozialistische Gesellschaft werde irgendwann eine Bevölkerungsregulierung einführen müssen. Meines Wissens waren die Altmeister in London davon gar nicht erbaut.

Harich: Sie irren sich. Marx hat sich zu Kautskys einschlägigem Werk, «Einfluß der Volksvermehrung auf den Fortschritt der Gesellschaft» (Wien 1880), nicht geäußert. Engels hatte an dem Buch zwar einiges auszusetzen, aber in dem für uns heute entscheidenden Punkt hat er Kautsky schließlich recht gegeben. In einem Brief an ihn, vom 1. Februar 1881, schrieb Engels u. a.: «Die abstrakte Möglichkeit, daß die Menschenzahl so groß wird, daß ihrer Vermehrung Schranken gesetzt werden müssen, ist ja da. Sollte aber einmal die kommunistische Gesellschaft sich genötigt sehen, die Produktion von Menschen ebenso zu regeln, wie sie die Produktion von Dingen schon geregelt hat, so wird gerade sie und allein sie es sein, die dies ohne Schwierigkeiten ausführt.» 

Duve: Eine mir unbekannte, in der Formulierung makabre Textstelle.

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Harich: «Abstrakte Möglichkeit», schrieb Engels. Aus ihr ist mittlerweile eine höchst konkrete Möglichkeit, ach was, es ist längst Wirklichkeit aus ihr geworden. 1881 war die Erde erst von 1 ½  Milliarden Menschen bewohnt. Gegen Ende unseres Jahrhunderts werden es 7 Milliarden sein. In Anbetracht dessen hat der zitierte Briefpassus für jeden, der dialektisch zu denken imstande ist, einen völlig neuen Stellenwert gewonnen. Die Bevölkerungslawine hat ihn aus einer Bemerkung am Rande zu einem unverzichtbaren, schlechthin zentralen Leitsatz des Marxismus gemacht. Auch so kann es manchmal aussehen, wenn Quantität in Qualität umschlägt.

Duve: Wäre Engels heute in dieser Frage ein Anhänger des Club of Rome?

Harich: Nicht nur in dieser Frage, aber in dieser auf jeden Fall. 

Duve: Gibt es Anzeichen dafür, daß die kommunistischen Parteien das allmählich einzusehen beginnen? Die Frage wäre vielleicht positiv zu beantworten, wenn sie in ihrer Literatur von jener Briefstelle Gebrauch machten. Aber tun sie es?

Harich: Mir ist die Stelle, nachdem ich sie früher bei der Lektüre von Engels' Briefwechsel überlesen hatte, zuerst bekannt geworden durch den Diskussionsbeitrag, den Professor Urlanis vom Institut für Ökonomie der Akademie der Wissenschaften der UdSSR auf der erwähnten Moskauer Round-table-Konferenz vorgetragen hat. Zitiert wird sie auch in besagtem Buch von Fjodorow. 

Duve: Ein Engels-Wort, zitiert von einem Mitglied des sowjetischen Ministerrats! Mehr können sich Marxisten für die Ehrenrettung des «rationellen Kerns» der Malthusschen Lehre eigentlich nicht wünschen. Welche Kommentare knüpfen die genannten Wissenschaftler an jenen Brief?

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Harich: Laut Fjodorow ist Engels' These «völlig richtig und aktuell». In seinem Buch geht Fjodorow allerdings nur nebenbei auf die Bevölkerungslawine ein. In der Hauptsache behandelt es die Auswirkungen der technisch-industriellen Produktion auf die Natur. In diesem Zusammenhang glaubt der Verfasser, «die Frage nach dem Bevölkerungswachstum zunächst offenlassen zu können». Auf besagter Konferenz muß er sich ähnlich geäußert haben. Das Protokoll, das seine diesbezüglichen Darlegungen nicht wörtlich wiedergibt, vermerkt: «Der Redner verwies auf die Unterschiedlichkeit der Standpunkte zu der Frage, ob eine Regulierung der Bevölkerungszahl notwendig ist, und plädierte dafür, sie vorerst offenzulassen.»

Duve: Wurde sie dann aus dem Themenkreis der Konferenz ausgeklammert?

Harich: Nein. Urlanis hat seinen Beitrag ausschließlich der Bevölkerungsfrage gewidmet, und Pjotr Kapiza, Präsidiumsmitglied der Akademie, der Nestor der sowjetischen Physik, ist unter anderem auf diese Frage bei Gelegenheit seiner überaus positiven Würdigung des Club of Rome eingegangen. Kapiza sprach, sich Forrester und Meadows anschließend, davon, daß «auch für die demographischen Prozesse exponentielle Gesetzmäßigkeiten gelten», und fügte, laut Protokoll, wörtlich hinzu: 

«Heute beträgt die Erdbevölkerung 3,7 Milliarden Menschen. Wenn sie im gleichen Tempo (2 % im jährlichen Mittel) wie in diesem Jahrhundert weiterwächst, dann wird unser Planet in 700 Jahren so dicht besiedelt sein, daß auf jeden Quadratmeter seiner Oberfläche ein Mensch entfällt. Das ist natürlich unmöglich, und die Bevölkerungszunahme muß schon lange vor diesem Zeitpunkt zum Stillstand kommen. Wann und in Abhängigkeit von welchen Faktoren dies geschehen und welche Folgen es für die Zivilisation haben wird, ist ein globales Problem der nächsten Zukunft.» 

Duve: Der nächsten Zukunft. Darin liegt indirekt eine Kritik an Fjodorow. Halten Sie dessen Standpunkt für vertretbar? 

Harich: Nein, ich stimme mit Kapiza überein. Die Frage ist zu brennend, als daß man zögern dürfte, sie klar und eindeutig zu beantworten und zu entsprechenden Maßnahmen zu schreiten, Maßnahmen, die, beispielgebend für die übrige Welt, die Wahrheit des Engels-Worts zu demonstrieren hätten, daß allein die kommunistische Gesellschaft imstande ist, die Regelung der «Produktion von Menschen» ohne Schwierigkeiten auszuführen. Man kann das Bevölkerungsproblem auch nicht aus dem Themenkreis, der in Fjodorows Buch zur Debatte steht, ausklammern.

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Denn die aus der Umweltbelastung und dem Rohstoffverbrauch erwachsenden Schwierigkeiten verschärfen sich durch die Bevölkerungsexplosion quantitativ und qualitativ in ungeheurem Maße. Aber verstehen Sie bitte: Vor nicht allzu langer Zeit wären selbst manche Erwägungen Fjodorows, um von Kapizas und Urlanis' Darlegungen ganz zu schweigen, als malthusianistisch und damit als reaktionär, als obskurantistisch gebrandmarkt worden. So werte ich die ganze sowjetische Diskussion, mit Einschluß von Fjodorows Buch, als erfreuliches Symptom eines Übergangsstadiums, in dem die kommunistische Weltbewegung sich mit wachsender Einsicht auf die ökologische Krise einzustellen beginnt. Binnen kurzem wird man, daran zweifle ich keinen Augenblick, Fjodorow ganz allgemein mangelnde Konsequenz vorwerfen. Urlanis gab seiner Zuversicht Ausdruck, daß der Gipfel der Bevölkerungszunahme jetzt bereits erreicht sei. 

Duve: Ein Optimist.

Harich: Es sei anzunehmen, daß zur Zeit etwa 30% aller Ehepaare auf der Erde die Kinderzahl in der Familie regulierten. Die Anzahl dieser Familien werde zunehmen und allmählich 100% erreichen. Urlanis verwies auf das Beispiel Indiens, das «unter großen Schwierigkeiten und Stockungen» diesen Weg gehe. Viele Inderinnen ließen sich sterilisieren, nachdem sie vier oder fünf Kinder geboren hätten. Die indische Regierung ergreife eine Reihe von Maßnahmen, um die Geburtenziffer zu senken, die aber immer noch so hoch sei, daß selbst die Steigerung der Ernteerträge im Lande auf fast das Anderthalbfache die Schwierigkeiten Indiens nur zeitweilig lindere. Der Beitrag schließt mit der Forderung, an der Akademie der Wissenschaften der UdSSR ein Institut für Demographie zu schaffen.

Duve: Das über Indien klingt wieder weniger optimistisch. Wie dem auch sei, Urlanis hält eine Eindämmung der Bevölkerungszunahme auf der Erde für dringend wünschenswert? 

Harich: Ja, und er bringt das viel deutlicher zum Ausdruck als Fjodorow. Er möchte die Dinge auch nicht dem Selbstlauf, der Spontaneität überlassen ...

Duve: Was bei einem Kommunisten ja auch paradox wäre .....

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Harich: Und was doch in dieser konkreten Frage für die Einstellung so manches Kommunisten leider noch typisch ist. Ein ähnlich paradoxes Verhalten scheint mir, nebenbei bemerkt, in der Befürwortung des Individualismus zutage zu treten, mit der auf der Weltbevölkerungskonferenz in Bukarest, 1974, die Vertreter sozialistischer Staaten darauf bestanden, daß es jeder Familie überlassen bleiben müsse, die Anzahl ihrer Kinder selbst zu bestimmen.

Duve: Glauben Sie, in Urlanis einen Bundesgenossen für Ihre doch wohl staatlich zu verordnende Familienpolitik zu haben? 

Harich: Ich weiß nicht recht. Auch mit seinem Beitrag bin ich keineswegs in allem einverstanden. Einmal berücksichtigt seine zuversichtliche Prognose die gefährlichen zeitlichen Verzögerungseffekte nicht und leistet damit der Ideologie derer, die auf den Selbstlauf, die Spontaneität vertrauen, objektiv Vorschub. Sodann finde ich es immer unfair, das Weltbevölkerungsproblem so, wie Urlanis das tut, anhand von Beispielen aus der Dritten Welt, in diesem Fall Indien, abzuhandeln, ohne sofort hinzuzufügen, daß heute mehr als 80% der Rohmaterialien und der Weltenergie von den Einwohnern der reichen, industrialisierten Länder verbraucht werden, in denen folglich Bevölkerungsstopp ebenfalls, und obendrein eine drastische Einschränkung des Konsums zugunsten der Dritten Welt, am Platze wäre. 

Bei uns in der DDR hat Jürgen Kuczynski, ein bedeutender Wirtschaftswissenschaftler, der ebenfalls den «rationellen Kern» der Malthusschen Lehre im Prinzip gelten läßt, sich in einer Auseinandersetzung mit dem Club of Rome («Das Gleichgewicht der Null», Berlin 1973) zu der These verstiegen, gegen Bevölkerungswachstum «an sich» wäre nichts einzuwenden; es müßten jedoch die gesellschaftlichen Umstände berücksichtigt werden, und die seien in den Entwicklungsländern so ungünstig, daß hier dieses Wachstum «viel zu groß» sei. Damit wird der in den Industrieländern des Nordens größere Wohlstand, der nicht zuletzt auf die jahrhundertelange Ausplünderung der Kolonialvölker zurückzuführen ist, statt als Ungerechtigkeit angeprangert, zumindest bedauert zu werden, zur Begründung eines zusätzlichen Privilegs herangezogen: des Privilegs, unter günstigen Umständen der Notwendigkeit enthoben zu sein, bevölkerungsregulierende Maßnahmen einleiten zu müssen.

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«Wir Marxisten», fährt Kuczynski fort, «sind in der Mehrheit der Meinung, daß die Eltern darüber bestimmen sollten, wieviele Kinder sie haben wollen. Das heißt nicht, daß die Gesellschaft nicht Maßnahmen ergreifen kann, die es den Eltern leichter machen, mehr bzw. weniger Kinder zu haben. Es ist zum Beispiel ganz offenbar, daß eine Verbesserung der Wohnungsverhältnisse zur Steigerung der Fruchtbarkeitsrate beitragen kann, während Kinderprämien nur auf der Basis reichlichen und billigen Wohnraums stärker wirksam sein können.» 

Dies steht auf derselben Seite, auf der es wenige Zeilen weiter oben heißt, «daß das Wachstum der Bevölkerung heute in den Entwicklungsländern, gemessen an den gegenwärtigen Möglichkeiten der Steigerung des Sozialprodukts dort, viel zu groß ist». Ich muß sagen, daß ich über den naiven Zynismus, beide Gedanken unmittelbar aufeinander folgen zu lassen, nur den Kopf schütteln kann. Von der Ideologie des Herrenmenschen scheint mir diese Art, zu argumentieren, nicht allzu weit entfernt. Urlanis ist auf dem Moskauer Symposion so weit nicht gegangen. Allein die Tatsache, daß er seine — an sich begrüßenswerten — Ausführungen ausschließlich auf Indien bezog, weist in dieselbe Richtung. Schließlich läßt Urlanis aber auch in bezug auf Indien selbst die sozialen Aspekte des Problems außer acht. Er zitiert, wofür ich ihm dankbar bin, zustimmend den Engelsschen Brief an Kautsky vom Februar 1881, wendet ihn aber nicht konkret auf die Lage dieses Landes an. Alle von Urlanis befürworteten Regierungsmaßnahmen nämlich, Maßnahmen zur Förderung von Empfängnisverhütung, freiwilliger Sterilisation usw., werden, so sehr sie für jeden Teil der Erde zu fordern sind, in einem Land wie Indien, wie überhaupt in den Ländern der Dritten Welt, wenig nützen, solange dort den Bauern, d. h. der überwältigenden Mehrheit des Volkes, keine garantierte Altersversorgung gewährt wird, ohne die sie schwerlich aufhören werden, im Kinderreichtum die einzige Stütze ihres Alters zu erblicken. 

Wer aber könnte die alt gewordenen Bauern versorgen? Der parasitäre, korrupte bürgerliche Staat? Man sollte es mit Nachdruck von ihm verlangen, doch dabei unablässig das Wort von Engels im Kopf behalten, daß allein die kommunistische Gesellschaft die Regelung der «Produktion von Menschen» ohne Schwierigkeiten ausführen wird. Also weg mit dem korrupten Bourgeoisregime und dem Kapitalismus in Indien!

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Duve: Und her mit echter Entwicklungshilfe für Indien aus den reichen Ländern der nördlichen Halbkugel, welch unpolitischer Traum einer Federstrich-Politik!

Harich: Aber diese Forderung schloß ja eben bereits mein zweiter, sich gegen Urlanis und Kuczynski richtender Einwand ein. 

Duve: Würden Sie grundsätzlich, ob nun in Indien oder anderswo, fiskalische Maßnahmen wie die progressive Besteuerung kinderreicher Familien befürworten oder sie als unmenschlich ablehnen? 

Harich: Ein Sozialist kann nicht dafür sein, daß Kinderreichtum zum Privileg wird, egal, ob zum Privileg wohlhabender Kontinente oder begüterter Schichten in ein und demselben Volk. 

Duve: Aber wie, wenn eine Gesellschaft ohne begüterte Schichten von dieser Möglichkeit Gebrauch machte? Wobei ich jetzt nicht die kommunistischen Länder mit ihren Einkommensunterschieden meine.

Harich: Familien, die bereits kinderreich sind, zusätzlich zu belasten, wäre unter allen Umständen unmenschlich. Bereits existierende Kinder sollen es so gut wie möglich haben. Man könnte jedoch zu einem Zeitpunkt X ein Gesetz erlassen, das für Familien gilt, die erst nach diesem Zeitpunkt gegründet werden. Aber Ihre Frage rührt an die marxistische Definition der kommunistischen Gesellschaft. Sie hätten, sagen Sie, nicht die sozialistischen Länder im Sinn, weil dort noch Einkommensunterschiede bestünden. Welche Länder haben Sie dann im Sinn? Offenbar gar keine. Denn verschwinden werden die Einkommensunterschiede erst auf der zweiten, höheren Stufe der neuen Gesellschaft, im vollendeten Kommunismus, der bisher noch nirgends verwirklicht ist. Im Kommunismus aber soll es, nach den Vorstellungen über ihn, die aus Marx' «Kritik des Gothaer Programms» abzuleiten sind, weder Steuern geben noch einen Staat, der sie eintreibt, noch Geld, worin sie gezahlt werden könnten. 

Duve: Sie glauben noch an dieses Phantom?

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Harich: Auf dem derzeit erreichten Stand der Entwicklung der Produktivkräfte halte ich den sofortigen Übergang zum Kommunismus für möglich, und in Anbetracht der ökologischen Krise scheint er mir dringend notwendig zu sein. Ich glaube jedoch nicht mehr, daß es jemals eine im Überfluß lebende, eine aus dem Vollen schöpfende kommunistische Gesellschaft geben wird, wie wir Marxisten sie bisher angestrebt haben. In diesem Punkt müssen wir uns korrigieren. Die Bevölkerungsfrage ist aber sicher nicht der einzig geeignete Anlaß, sich hierüber näher auszulassen. 

Duve: Lassen wir den Punkt zunächst auf sich beruhen. Ich werde auf ihn noch zurückkommen. Vorher etwas anderes: Engels hat 1881, wie aus seinem Brief an Kautsky hervorgeht, angenommen, daß der Kommunismus bereits verwirklicht sein werde, bevor die Gesellschaft sich genötigt sehen könnte («abstrakte Möglichkeit»), der Vermehrung der Menschenzahl Schranken zu setzen. 

Harich: Das besagt der Satzteil: «... wie sie (die kommunistische Gesellschaft -W. H.) die Produktion von Dingen schon geregelt hat.»

Duve: Wenn das so eingetroffen wäre, dann würde das Problem der relativen Übervölkerung heute nicht mehr existieren, sondern nur noch das der absoluten zu bewältigen sein. Tatsächlich hat die Geschichte einen anderen Verlauf genommen. Kommunismus gibt es noch nirgends, bürokratischen Sozialismus nur in einem Teil der Welt — wobei ich hier nur zur Vermeidung von Streit unterstelle, daß das in den kommunistisch regierten Ländern bestehende System den Namen Sozialismus verdient. Mein Parteifreund Joachim Steffen bestreitet dies und spricht immer, nach meiner Meinung zu Recht, von «selbsternanntem Sozialismus». 

Harich: Sicco Mansholt unterläßt solche unsachlichen Ausfälle. Sie und Steffen sollten sich mal eines merken: Die neuen Probleme sind viel zu ernst und viel zu schwierig, als daß die wenigen Leute auf der Linken, die das begriffen haben, es sich leisten könnten, ihren dringend erforder­lichen gemeinsamen Selbstverständigungs­prozeß mit diffamierender Überpointierung ihrer Meinungs­verschiedenheiten aus der Zeit vor der ökologischen Krise zu belasten. Wo würde es hinführen, wenn ich ....

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Duve: Gut, gut, beruhigen Sie sich. Ich sage: Nur in einem Teil der Welt gibt es einen staatsoffiziellen Sozialismus, und stelle die Frage: Welche Konsequenzen sind daraus hinsichtlich des Problems der Übervölkerung zu ziehen? Ist die absolute Übervölkerung bereits da? Wenn nein, dann käme es nach Ihnen also zunächst ausschließlich darauf an, im restlichen Teil den Kapitalismus, und mit ihm die relative Übervölkerung, loszuwerden. Mit der Eindämmung der Bevölkerungsexplosion dagegen könnten wir uns unter dieser Voraussetzung immer noch Zeit lassen; obschon nicht mehr so viel Zeit, wie Engels 1881 vor sich sah. Trifft aber Ihre Vermutung zu: die «abstrakte Möglichkeit» von 1881 sei fast hundert Jahre später längst zu realer Wirklichkeit geworden, dann hieße dies, daß derzeit die — in einem Teil der Welt noch vorhandene — relative und die — auf dem gesamten Planeten schon beginnende — absolute Übervölkerung einander überlagern, sich durchdringen. Was gilt?

Harich: Das zweite ist der Fall, und deshalb müssen beide Probleme, die Liquidation des Kapitalismus überall dort, wo er noch existiert, und der Bevölkerungsstopp gleichzeitig angepackt werden.

Duve: Sie selbst haben aber vorhin behauptet, daß die sozialistischen Länder von Erscheinungen wie den Hungerkatastrophen Indiens, wie der in den USA sich ausbreitenden Massenarbeitslosigkeit frei sind. Dies scheint für relative, gegen absolute Übervölkerung zu sprechen.

Harich: Es kommt darauf an, nach welchen Kriterien, welchen Maßstäben man den Begriff der absoluten Übervölkerung definieren will. Man kann von der Frage ausgehen: Wieviel Menschen vermag die Erde im äußersten Fall, bei intensivster Nutzung ihrer gesamten anbaufähigen Fläche, bei zusätzlicher Nutzbarmachung der Meeresalgen usw., zu ernähren? 

Man kann dabei viele Faktoren außer acht lassen: z. B. den Stress; die Zersiedelung der Landschaft durch massenhaft neu zu errichtende Wohnsiedlungen; die bis zum Nullpunkt unzureichende Versorgung mit Genußmitteln, mit Obst; den Verlust riesiger Erholungsgebiete; das Aussterben so gut wie aller für den Kochtopf ungeeigneter Tierarten; die zunehmende Umweltvergiftung, etwa durch erhöhten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln; die Erschöpfung der für mineralische Düngung benötigten Rohstoffe; die negativen Auswirkungen künstlicher Düngung auf das Grundwasser; das Absinken des Grundwassers; die Bodenerosion; das Roden von Wäldern; gefährliche Klimaveränderungen; die mit der Anlage immer neuer Stauseen wachsende Erdbebengefahr, usw. usf. 

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Doch ein Maßstab, der durch Abstraktion von allen diesen und sonstigen verheerenden Konsequenzen gewonnen wird, ist unter ökologischen Gesichtspunkten wissenschaftlich unhaltbar und ist aus sozialen Gründen zu verwerfen von einer Bewegung, die sich humanen Zielen verpflichtet weiß, die gesellschaftliche und natürliche Bedingungen schaffen möchte, unter denen kommende Generationen ein angenehmes, kulturvolles, menschenwürdiges Leben führen sollen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel für die Blindheit der Fachleute: 

Professor Dr. Karl-Heinz Domdey, von der Humboldt-Universität, hat in einem für die «Berliner Zeitung» geschriebenen Artikel über die Bevölkerungs­explosion die Leser dieses Blatts mit der Versicherung beruhigt, daß «statt für vier schätzungsweise für 20 bis 40 Milliarden Menschen Lebensmittel erzeugt werden können». Das ist typisch für einen Fachmann, der nicht über die Scheuklappen seiner Disziplin hinausblickt; hier für einen Wirtschaftsfachmann, der erst Ökologie studieren müßte, um über die Dinge, um die es geht, sachgerecht mitreden zu können. Allein auch ohne solches Studium sollte Domdeys Verstand so weit reichen, ihm zu sagen, daß Menschen nicht nur ernährt werden müssen, sondern auch Wohnhäuser brauchen, Mobiliar, Kleidung, Verkehrsmittel, Straßen, Krankenhäuser, Schulen, Bibliotheken, Bücher, Fernsehgeräte, Radios — wo soll denn das alles herkommen für 20 bis 40 Milliarden Menschen? Wo sollen deren Häuser hingebaut werden? Auf den noch ungenutzten kultivierbaren Boden? Dann fällt der für Ernährungszwecke aus. Oder in die Wüste Sahara? Ins Eis der Antarktis? Viel Vergnügen! Oder will Domdey alle Urwälder roden lassen? Wenn ja, was würde dann mit der Sauerstoffbilanz unseres Erdballs geschehen? Ich zitiere: 

«Obwohl der heutige jährliche Geburtenüberschuß je 1000 Einwohner in Lateinamerika, Afrika und Indien mit 28 tatsächlich wesentlich höher als in Nordamerika (14), der UdSSR (10) und dem sonstigen Europa (9) ist, sind doch die vom UNO-Sekretariat befragten 148 Staaten der Meinung, daß man von keiner allgemeinen Überbevölkerung sprechen könne. 85 Länder betrachten den Bevölkerungszuwachs als annehmbar und 21 sogar als ungenügend.»

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Wieder eine Milchmädchenrechnung. Die befragten Staaten haben durch den Mund von Staatsmännern und Diplomaten geantwortet, und die sind auch nur Fachleute, für nationale Politik nämlich, und sehen daher statt der langfristigen und globalen Perspektiven lediglich die Kirchturms- und Augenblicksbelange ihres jeweiligen Landes oder Ländchens. Und dann überlegen Sie doch mal, was da alles zusammenkommt. Da sind Staaten der Dritten Welt, die sich — mit vollem Recht — dagegen wehren, daß jemand ihnen ihre Bevölkerungsziffern anlastet, solange jeder neugeborene Mensch in den industrialisierten Regionen des Nordens im Verlauf seines Lebens das Zigfache an Nahrungsmitteln, Energie und Rohstoffen verbrauchen und dutzendmal mehr Umweltverschmutzung heraufbeschwören wird als einer in den unterentwickelten Territorien. 

Da sind ferner dünn besiedelte Länder, deren Stimmen in dem Maße, wie sie von den lokalen eigenen Bedingungen, den finnischen Wäldern oder den Steppen der Äußeren Mongolei, ausgehen, bei der Beurteilung der Weltbilanz der Bevölkerungsgröße gar nicht mitgezählt werden dürften. Da sind Staaten, in denen die katholische Kirche auf die Volksmassen noch einen so mächtigen ideologischen Einfluß ausübt, daß selbst Politiker, die es besser wüßten, nicht wagen könnten, in den Verdacht zu geraten, Empfängnisverhütung und Straffreiheit für Abtreibung zu befürworten. Da ist die Volksrepublik China, die innenpolitisch bevölkerungsregulierende Maßnahmen praktiziert, aber nach außen, um ihr Prestige in der Dritten Welt zu erhöhen, jeden Vorschlag, vergleichbare Maßnahme global durchzusetzen, demagogisch als imperialistische Infamie brandmarkt. Da ist Brasilien, dessen faschistische Machthaber ihrem wahnwitzigen Großmachtchauvinismus rücksichtslos die Urwälder am Amazonas und manches andere mehr zu opfern gedenken ...

Duve: Und die osteuropäischen Länder, die froh sind, in der Bestimmung der Kinderzahl durch den freien Willen der Eltern einmal ein Menschenrecht entdeckt zu haben, das sie in der UNO, wo ihnen so oft Mißachtung der Menschenrechte vorgeworfen wird, mit Vehemenz verteidigen können. 

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Harich: Wenn Domdey sich der Mühe unterzogen hätte, mittels genauer, konkreter, differenzierender Motivanalyse herauszufinden, wie die von ihm als Argument herangezogene UNO-Statistik zustande gekommen ist, so würde er sich davon überzeugt haben, daß sie nur wenig beweist.

Duve: Er denkt wohl an die Nutzung der Meeresalgen. 

Harich: Die Algen, wie auch nicht! Man kann aus ihnen Moselwein keltern; wenn's beliebt, schmecken sie wie Zitronen oder ersetzen Gravensteiner Äpfel. Trocknet man sie in der Luft, so ergeben sie einen wundervoll aromatischen Tee, den 40 Milliarden morgens beim Frühstück trinken werden. Denn an die Himalaja-Hänge, wo jetzt noch der Darjeeling wächst, werden Hochhäuser hingebaut, jedes mit automatischer Klimaanlage, Swimming­pool und Autogaragen im Keller. Wohl bekomm's! 

Duve: Domdey gilt doch als Marxist.

Harich: Wenn es die Natur nicht gäbe, sondern nur die Gesellschaft, freischwebend im Weltraum, dann wäre er das auch. Seine Publikationen über rein ökonomische Fragen haben durchaus Niveau. Leider gibt es die Natur, und da Domdey die vergißt, entbehrt sein Marxismus der dialektisch-materialistischen Fundierung. Es ist ein halbierter Marxismus. Das Hemd sitzt dem Menschen näher als der Rock, die Ökonomie näher als die Biosphäre. Während der Mensch aber in beschädigtem Rock bloß schlecht gekleidet ist, wird er in beschädigter Biosphäre mit Mann und Maus zugrunde gehen.

Duve: Nach welchem Kriterium muß der Marxismus den Begriff der absoluten Übervölkerung bestimmen?

Harich: Da der Marxismus zur Wissenschaft gereifte Humanität ist und kein schematisches Rechenexempel, muß er die gerade noch ernährbare maximale Bevölkerungsgröße als Kriterium verwerfen. Nur die biologisch, ökonomisch und kulturell optimale Bevölkerungsgröße kann für ihn maßgebend sein. Duve: Und die ist, glauben Sie, schon überschritten? Harich: Nimmt man den Erdball im ganzen, so ist sie sicher längst überschritten, woran das Vorhandensein bestimmter Territorien, in denen sie noch nicht erreicht sein mag, ebensowenig ändert wie die Fähigkeit des Sozialismus, selbst in absolut übervölkerten Territorien noch für zwei, drei Generationen eine Produktion und Verteilung organisieren zu können, die Hunger-, Stress- oder Umweltkatastrophen vermeidbar machen; relativ länger, leichter und besser vermeidbar als unter kapitalistischen Verhältnissen. 

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Wie man den gegebenen Zustand und die allernächste Zukunft indes auch beurteilen mag, das exponentielle Wachstum der Menschheit darf sich unter keinen Umständen mehr länger fortsetzen. Es nähert sich beängstigend dem Punkt seines Umschlagens in die neue Qualität einer Katastrophe, deren Anfänge sich manchenorts bereits abzuzeichnen beginnen. Humane Maßnahmen zur Stabilisierung der Bevölkerungsgröße, möglichst zu ihrer allmählichen, schrittweisen Verringerung in Richtung des Optimums, sind also überall dringend angebracht: in Ost und West, Nord und Süd, in hochindustrialisierten wie in unterentwickelten Regionen, in den Ländern des Sozialismus wie in denen des Kapitals, überall. 

Duve: Also zurück zu Malthus.

Harich: Nein, vorwärts zur Synthese des Marxismus mit den Malthusschen Teilwahrheiten, die Kautsky als erster verteidigt, die Engels schließlich anerkannt hat. Und der Marxismus muß in dieser Synthese dominieren. Denn wenn man die Forderung des Bevölkerungsstopps im kapitalistischen Teil der Welt propagiert, ohne zugleich und ebenso energisch, noch energischer auf soziale Veränderungen zu dringen, dann verwandelt die Forderung sich hier in ein ideologisches Instrument der Reaktion, die Massen von den systembedingten Ursachen der ja nach wie vor fortbestehenden relativen Übervölkerung, in Form von Arbeitslosigkeit, Unterkonsumtion, Pauperismus usw., abzulenken, ja sie möglicherweise sogar für faschistische Pseudolösungen des Problems, etwa für Völkermord in der Dritten Welt, gefügig zu machen. 

Duve: Wenn man umgekehrt für soziale Veränderungen kämpft, ohne gleichzeitig auf Bevölkerungsstopp zu dringen, dient man dann etwa nicht der Reaktion?

Harich: Unmittelbar nicht. Aber man belastet dann die kommunistische Zukunftsgesellschaft, noch bevor sie irgendwo verwirklicht ist, mit Komplikationen, die sie für kommende Geschlechter weniger lebenswert machen werden. Und man kämpft — was im Atomzeitalter kaum weniger bedenklich ist — nur unzulänglich, nicht unter Aufbietung aller verfügbaren Mittel gegen Weltkrisen an, die keineswegs automatisch, mit der Zwangsläufigkeit eines Fatums in die proletarische Revolution und die Verwirklichung des Sozialismus einmünden müssen, sondern unter Umständen auch zu faschistischen Regressionen, zu mörderischen Kriegen führen können.

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Duve: Absolute Übervölkerung als Wurzel künftiger Kriege? 

Harich: Kriege, verursacht durch die Antagonismen des kapitalistischen Systems, angezettelt von imperialistischen Machthabern; aber im Zeichen von Kriegszielen angezettelt, die sich auf Rohstoff-, Ernährungs- und Umweltschutzkonflikte beziehen, denen die Übervölkerung erhöhte Explosivität verleiht. Auf den noch harmlosen Kabeljaukrieg zwischen Großbritannien und Island, zwei Nato-Verbündeten immerhin, ist sehr bald Kissingers Aggressionsdrohung gegen die ölexportierenden arabischen Staaten gefolgt. Die weitere Eskalation dieser Entwicklung kann man sich vorstellen; ich möchte sie nicht erleben. Und mehr Menschen wollen mehr Kabeljau verzehren, mehr Menschen verbrauchen mehr Erdöl.

Duve: Es ist doch denkbar, daß auch ein sozialistisches Land irgendwann einmal für Kabeljau oder Erdöl Kriege vom Zaun bricht.

Harich: Die Erhaltung des Weltfriedens ist für den Sozialismus das oberste Gebot seiner Außenpolitik. Davon abgesehen, bietet die sozialistische Wirtschafts­struktur unvergleichlich viel größere Möglichkeiten als die des Kapitalismus, auf jede Verknappung mit Rationierungsmaßnahmen zu reagieren, die übrigens, unter den Bedingungen sozialistischen Eigentums an den Produktionsmitteln durchgeführt, bereits ein echtes Element des Übergangs zum Kommunismus wären. Ein sozialistisches Regime, das die Rationierung von Gebrauchswerten als zweckmäßig erachtet, wird von niemandem — von keiner finanzstarken Gruppierung, keiner industriellen Lobby, keiner um Wählerstimmen buhlenden Opposition — gedrängt, einen anderen, aggressiven Ausweg zu suchen, und es kann mit Leichtigkeit bei der Praktizierung der notwendigen Maßnahmen dafür sorgen, daß zugleich das Prinzip sozialer Gerechtigkeit streng gewahrt bleibt. Indes auch in einem sozialistischen Land mit Bevölkerungsoptimum lebt man leichter und angenehmer als in einem übervölkerten, gibt man den Fischen günstigere Gelegenheit, ihre Populationen zu reproduzieren, kann man mit weniger Erdöl auf weitere Sicht mehr und Besseres anfangen und teilt man, nachdem der Übergang zum Kommunismus vollzogen ist, dem Einzelnen von jedem Gebrauchswert größere und qualitätsvollere Rationen zu.

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Duve: Lassen wir die Schwärmerei beiseite. Sie sagen, daß die staatliche Forcierung von Geburtenüberschuß für sozialistische Länder abzulehnen sei. Rumänien hat sich da anders entschieden. 

Harich: Bei isolierter Betrachtung des Landes, die sich aus globaler Verantwortung meines Erachtens von selbst verbietet, könnte man für diese Politik ein gewisses Maß an Verständnis aufbringen. Für europäische Verhältnisse ist Rumänien nicht allzu dicht besiedelt. Sein Territorium, nicht viel kleiner als das Großbritanniens oder der Bundesrepublik, wird von nur ungefähr 20 Millionen Menschen bewohnt, wobei die Einwohnerzahl in letzter Zeit eine absinkende Tendenz aufwies. Um zu eruieren, ob sie unter dem Optimum liegt, müßte ich mich mit den Problemen Rumäniens näher vertraut machen. Glauben kann ich es kaum. Gesetzt aber, dem wäre so, wieso könnte dem Mangel dann nicht auch dadurch abgeholfen werden, daß aus absolut und relativ übervölkerten Gebieten der Dritten Welt, etwa aus Indien, kinderreiche Familien, deren Ernährer daheim zur Erwerbslosigkeit verdammt sind, zur Einwanderung bewogen werden? Entschlösse die rumänische Regierung sich dazu, dann würde die Einwohnerzahl ihres Landes zunehmen, ohne daß es sich mitschuldig machte an einer weiteren Steigerung der Erdbevölkerung im ganzen, und für die Dritte Welt wäre eine kleine Erleichterung geschaffen. 

Duve: Ein gewiß abwegiger Vorschlag. Obwohl seit dem 18. Jahrhundert die Einwanderung in der Geschichte der USA eine entsprechende Rolle gespielt hat. Und Sie leben auf einem Grundstück in der Berliner Innenstadt, das einst, nach der Aufhebung des Toleranzedikts von Nantes, der Große Kurfürst den ins Brandenburgische einwandernden Hugenotten geschenkt hat; noch heute nennt man es die Hugenotten-Siedlung. 

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Harich: Eben. Dabei waren die Protestanten-Verfolgungen Ludwigs XIV. ein Kinderspiel gegen den Hunger, der jetzt Südasien heimsucht. Marx verbietet es keinem sozialistischen Staatsmann, den Großen Kurfürsten an internationalistischer Unbefangenheit zu übertreffen. Und eines Tages werden, um eine gleichmäßigere Verteilung der Erdbevölkerung zu erreichen - die aus ökologischen Gründen sehr zu empfehlen wäre - von einer kommunistischen Weltregierung sowieso Umsiedlungsaktionen im globalen Maßstab durchgeführt werden müssen.

Duve: Wieder ein makabrer Gedanke. Befürchten Sie nicht, daß Sie mit solchen Äußerungen auch in Ihrem Staate heftige Kritik ernten werden?

Harich: Warum sollte ich das befürchten? Fjodorow schreibt in seinem vorhin erwähnten Buch, dessen deutschsprachige Ausgabe 1974 in der DDR erschienen ist: 

«Die Bevölkerungszahl des Erdballs kann nicht unbegrenzt sein. Wenn man jedoch die Entwicklung der Menschheit auf der Skala der Jahrhunderte und Jahrtausende betrachtet, kann man davon überzeugt sein, daß die Voraussicht Ziolkowskis real wird: <Die Menschheit wird nicht ewig auf der Erde bleiben, sondern im Wettlauf um Licht und Raum zunächst über die Grenzen der Atmosphäre hinausdringen und dann sich den gesamten sonnennahen Raum erobern.>»

Duve: Vorhin sagten Sie, Fjodorow verwerfe, wie Margaret Mead, die Idee, das Problem der absoluten Übervölkerung auf diesem Wege zu lösen.

Harich: Ja, aber warum verwirft er sie? Weil die Idee Ziolkowskis technisch noch für Jahrhunderte oder Jahrtausende undurchführbar bleiben wird. Wäre dies nicht der Fall, dann würde Fjodorow nicht das geringste dagegen einzuwenden haben, daß wir nächstens den Mars mit der für menschliches Leben benötigten Biosphäre versehen und anschließend ein paar Millionen unserer Mitmenschen, auf Raumschiffe verfrachtet, dorthin übersiedeln lassen. Und nun frage ich Sie: Fänden Sie Massenumsiedlungen auf der Erde, freiwillige wohlgemerkt, inhumaner?

Duve: Gegen den kosmopolitischen Begriff «Weltregierung» sind aber die sehr auf nationale Souveränität bedachten sozialistischen Länder allergisch.

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Harich: Unter den gegenwärtigen Bedingungen sind sie es mit Recht, aus gutem Grund. Ich sagte jedoch: «kommunistische Weltregierung», und die zu etablieren ist das Ziel der proletarischen Weltrevolution, gegen die Lenin meines Wissens nichts einzuwenden hatte.

Duve: Gegen die wir Sozialdemokraten jedoch noch kräftig kämpfen. Wären Sie übrigens einverstanden, wenn sich ein paar Hunderttausend Inder in der DDR niederließen?

Harich: Durchaus. Als man Bernard Shaw 1945 fragte, was er den geschlagenen Deutschen nun anrate, antwortete er: «Rassenmischung!» Auch bin ich sicher, daß einwandernden Indern in der DDR ein besseres, menschenwürdigeres Los beschieden wäre als den Gastarbeitern in der Bundesrepublik. Doch zurück zum Kern des Problems: Entscheidend ist, daß der proletarische Internationalismus heute gebietet, die Belange des eigenen Landes, besonders hinsichtlich der Bevölkerungsfrage, immer zuerst unter globalen Aspekten zu sehen. 

In einem klassischen marxistischen Text heißt es, daß «die Kommunisten in den verschiedenen nationalen Kämpfen der Proletarier die gemeinsamen, von der Nationalität unabhängigen Interessen des gesamten Proletariats hervorheben», und an anderer Stelle, daß «sie in der gegenwärtigen Bewegung zugleich die Zukunft der Bewegung vertreten». Sinnvoll bezogen auf die gegenwärtigen Lebensfragen der Menschheit, bedeutet das: Die Kommunisten haben überall, auch dort, wo sie an der Macht sind, und dort besonders, den langfristigen Interessen der werktätigen Menschen des ganzen Erdballs zu dienen und ihnen kurzsichtige Nationalinteressen unterzuordnen. 

Was aber verlangen diese langfristigen, globalen Interessen unter den Bedingungen der ökologischen Krise? Daß weder die kommunistische Zukunfts­gesellschaft durch drangvolle Enge beeinträchtigt wird, noch der Weg zu ihr über blutige Katastrophen führt.

Duve: Zwischen zwei der bedeutendsten amerikanischen Ökologen der Gegenwart, Paul Ehrlich und Barry Commoner, hat es u. a. über die Einschätzung des Bevölkerungs­problems eine Kontroverse gegeben. Ehrlich hält die Bevölkerungslawine für die bedrohlichste Gefahr und empfiehlt schnelle, umfassende Maßnahmen, um sie aufzuhalten. Commoner lehnt das entschieden ab und meint, die Ursache unserer Schwierigkeiten liege darin, daß der Druck mächtiger Privatinteressen die Entwicklung und Anwendung der Technologie in eine nicht zu verantwortende Richtung, hin zur Umweltzerstörung und zu unmäßigem Rohstoffverschleiß, gedrängt habe.

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Harich: Ich behaupte, daß beide recht haben. Ihre Ansichten verhalten sich komplementär zueinander, nicht, wie sie selber glauben, kontradiktorisch. Commoners Kritik an der Fehlentwicklung der Technologie im Kapitalismus, an den Profitmotiven, die sie herbeigeführt haben, hat mich restlos überzeugt. Auch bin ich ein leidenschaftlicher Anhänger der neuen, auf den Schutz der Natur orientierten Technologien, die er einzuführen vorschlägt, besonders der Wiederverwendung, des Recycling. Und ich wäre kein Kommunist, wenn ich nicht vor allem Commoners These zustimmen würde: 

«Die Privatwirtschaft, die freie Wirtschaft, mag frei sein, aber sie ist nicht völlig privat, denn jedes private Unternehmen benutzt ein gemeinschaftliches Gut: die Biosphäre. Deshalb erschiene ein Produktionssystem, das auf Gemeineigentum basiert, geeigneter als eines, das auf Privateigentum beruht. Das klassische marxistische Konzept der Vergesellschaftung der Produktionsmittel vermag den Erfordernissen der Biosphäre besser gerecht zu werden als das des Privateigentums. ... Jetzt, da man die Notwendigkeit des Umweltschutzes in beiden Ländern erkannt hat, dürfte er in der Sowjetunion leichter zu verwirklichen sein als in den Vereinigten Staaten.» 

Das sind goldene Worte, ich unterschreibe sie. Nur: Sie besagen nichts gegen die Notwendigkeit des Bevölkerungsstopps, der, in beiden Ländern herbeigeführt, für beide und für die übrige Welt ein Segen wäre. Eine Technologie des Recycling kann die Umweltbelastung sehr wesentlich mildern, aber nicht gänzlich aufheben. Sie kann die Weltvorräte an nicht regenerierbaren Roh- und Brennstoffen strecken, aber ihnen nicht die Eigenschaft der Unerschöpflichkeit verleihen. Nahrungsmittel gibt sie von sich aus nicht her, mineralische Düngemittel ebensowenig. Und ihr Energiebedarf — nicht zu vergessen — ist ungeheuer groß. Den exakten Nachweis dafür habe ich bei Meyer-Abich gefunden, der aus seinen Berechnungen den Schluß zieht, daß, selbst bei Annahme aller Prämissen der «technologischen Optimisten», mit Einschluß der Hoffnungen, die sich an das Recycling knüpfen, das herkömmliche Wirtschaftswachstum aus Gründen der Umweltunverträglichkeit der Energieumwandlungsprozesse auch etwa in den von Forrester und Meadows errechneten Fristen zu Ende gehen müßte. 

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Nur wäre das Ende diesesfalls der Wärmetod. Also genügt die neue Technologie nicht. Sie bedarf der Ergänzung durch andere, zusätzliche Lösungen: durch Einschränkung des Konsums und — Limitierung der Bevölkerungsgröße; wobei wiederum eins wie das andere, wie das Recycling selbst, am leichtesten und am humansten in einer sozialistischen, besser noch: kommunistischen, Gesellschaft zu verwirklichen sein wird, weil sie allein die hierfür erforderlichen Maßnahmen mit dem Grundsatz der Gleichheit, der sozialen Gerechtigkeit zu verbinden gestattet. Und es ist klar: Die Einschränkung des Konsums wird um so weniger drastisch sein müssen, je weniger das Bevölkerungsoptimum im Weltmaßstab überschritten bzw. je schneller es wiederhergestellt und dann endgültig stabilisiert wird. 

Duve: Und dies ist, meinen Sie, der Punkt, an dem die Argumentation Paul Ehrlichs zum Zuge kommt.

Harich: Allerdings. Dabei bestreite ich nicht, daß Ehrlich politisch weiter rechts steht als Commoner. Freilich nur relativ: Commoner ist kein Kommunist und Ehrlich kein Konservativer, kein Reaktionär wie McNamara, wie Herman Kahn. Ich könnte seitenweise scharfe kritische Ausfälle Ehrlichs gegen das System der USA, gegen das amerikanische Establishment zitieren. Doch gesetzt den Fall, es ginge Ehrlich in erster Linie darum, den Kapitalismus zu retten — was nicht zu beweisen ist —, dann würde der Mann den Bestand dieser Gesellschaftsordnung durch die Bevölkerungslawine doch deswegen bedroht sehen, weil er die Erschöpfung der natürlichen Ressourcen erkennt und daher befürchtet, die zu erwartende Verknappung werde Revolutionen gegen die Reichen, die Privilegierten auslösen. Das könnte nun, schlimmstenfalls, eine Fehlkalkulation sein, dann nämlich, wenn das Kapital vor der drohenden Revolution in Faschismus und Krieg Zuflucht suchte, wie gehabt. In diesem Fall wäre Ehrlich unser Verbündeter, ein Verbündeter, der, aus anderen Motiven als den unseren, gegen dieselben Gefahren ankämpft wie wir. 

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Behielte Ehrlich mit seinen Befürchtungen aber recht, dann bliebe er, obwohl Gegner der Revolution, die wir Kommunisten herbeisehnen, immer noch unser Verbündeter, da ja unter diesen Umständen die Revolution in der übervölkerten Welt, die der Kapitalismus ihr hinterließe, vom Tage ihres Sieges an selber mit Verknappung konfrontiert wäre, mit der sie zwar organisatorisch, juristisch, sozial um vieles besser fertig zu werden wüßte als er, die wir ihr jedoch nicht wünschen wollen. Also müssen wir uns in jedem Fall außer mit Commoner auch mit Ehrlich verbünden — gegen Faschismus und Krieg, die Ehrlich ganz sicher verabscheut, und gegen die Erschöpfung der Ressourcen, die er aus Furcht vor der Revolution und die wir aus Abneigung gegen eine armselige, elende Zukunft des Kommunismus zu vermeiden wünschen.

Duve: Sie spekulieren also nicht darauf, daß die absolute Übervölkerung die Revolution vorantreiben könnte? 

Harich: Selbstverständlich nicht! Jeder Marxist muß dies ablehnen, aus denselben Gründen, aus denen analoge Spekulationen auf die Folgen eines imperialistischen Krieges mit dem Standpunkt des Marxismus nicht zu vereinbaren sind. Durch die beiden Weltkriege dieses Jahrhunderts ist die Revolution mächtig vorangetrieben worden — siehe Petrograd 1917, Osteuropa 1945, China 1949. Aber das heißt doch nicht, daß die revolutionären Kräfte den Ausbruch dieser Kriege gewünscht, daß sie ihn gefördert hätten. Das Gegenteil haben sie getan, sie haben dagegen angekämpft. Die Kriege zu schüren, sie vom Zaun zu brechen, sie zu verlängern, war jederzeit Sache der imperialistischen Bourgeoisie. Die revolutionäre Arbeiterbewegung hat vor den Kriegen gewarnt, hat sie aufzuhalten versucht, hat sich, als sie ausgebrochen waren, für die schnelle Beendigung des sinnlosen Blutvergießens eingesetzt, ist dafür unterdrückt und verfolgt worden, dergestalt, daß ihre besten Streiter gefoltert, ins Zuchthaus gesperrt, aufs Schafott geschleppt wurden. Und nur dadurch konnte sie das Vertrauen der Volksmassen gewinnen, die, vom Krieg schließlich enttäuscht, gequält, ausgeblutet, sie in der Revolution dann zur Macht emportrugen. So und nicht anders müssen die revolutionären Kräfte sich heute zur Bevölkerungslawine verhalten: Sie müssen vor ihr warnen, sie aufzuhalten suchen und, falls all das nichts helfen sollte, den Massen die schrecklichen Folgen unter Ausnutzung der Möglich-

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keiten des Kommunismus, so weit es noch geht, erleichtern helfen. Sie müssen gegen das Wettrüsten, gegen die Gefahr neuer imperialistischer Kriege, gegen die Entrechtung der Völker der Dritten Welt, gegen den Hunger, die Arbeitslosigkeit, die Inflation, die Zerstörung der Umwelt, die Vergeudung der Ressourcen kämpfen. Doch der Kampf gegen absolute Übervölkerung darf dabei nicht fehlen, er muß eine Komponente der revolutionären Aktivitäten sein. Und wichtig ist bei alledem immer eine richtige Bündnispolitik, die aus allen Klassen und Schichten, mit Ausnahme des Monopolkapitals, Kräfte mit teilweise ähnlichen Bestrebungen, zeitweilig verwandten Zielen zu mobilisieren versteht. 

Duve: Darunter auch Paul Ehrlich und dessen Anhänger. 

Harich: Und vor allem diejenigen, die, ohne Marxisten zu sein, begreifen, daß die Konzeptionen Ehrlichs und Commoners zu vereinbaren sind. Begriffen hat das der Club of Rome, der die Forderung neuer Technologien mit der des Bevölkerungsstopps verbindet. Begriffen hat es Margaret Mead, die in der Diskussion über die MIT-Studie erklärte: «Die Experten sollten auf hören, sich über Details zu streiten. Dies gilt auch für die Kontroverse zwischen Commoner und Ehrlich. Sie ist überflüssig. Wenn wir nicht eine so große Bevölkerungszahl hätten, hätten wir nicht so viele Schwierigkeiten. Natürlich. Und hätten wir die Bevölkerung ohne die Technik, hätten wir nicht so viele Schwierigkeiten. Sicher. Wir haben aber nun mal die Bevölkerung oder Übervölkerung, und wir haben die Technik. Die Technik hat die Verbindung zur Natur zerstört und gefährdet den Planeten. Die Bevölkerung übt einen ständigen Druck zur Verwendung der Technik aus. Beide haben recht.» Ich bedauere, daß Mrs. Mead pauschal «Technik» sagt, statt, wie Commoner, präzise von der bisherigen, der rohstoffvergeudenden und umweltzerstörenden Technik, die durch eine andere abgelöst werden müßte, zu sprechen. Von diesem Vorbehalt abgesehen, stimme ich der großen amerikanischen Ethnologin zu und finde, daß alle Marxisten ihr zustimmen sollten.

 

Duve: Zum Schluß noch eine letzte Frage zu diesem Thema. Halten Sie wirklich die Freiheit, die Zahl der eigenen Kinder selbst zu bestimmen, folglich sie auch beliebig hoch zu wählen, für kein unabdingbares Menschenrecht?

Harich: Da diese Freiheit auf Kosten aller noch ungeborenen Kinder und Kindeskinder mißbraucht werden kann: nein! Recht und Freiheit des Einzelnen sind dem unterzuordnen, was für die Gesellschaft, mit Einschluß der zukünftigen, lebensnotwendig ist. Falls es sich da überhaupt um Freiheit handelt, die der Marxismus bekanntlich als «Einsicht in die Notwendigkeit» definiert, und nicht vielmehr oft um Unfreiheit, nämlich um Gedankenlosigkeit und mangelnde Disziplin mit unerwünschten Folgen. 

Außerdem ist zu beachten, daß beim Menschen das Sexualleben, verglichen mit dem aller Tiere, die Merkmale einer neuen, höheren Qualität aufweist. Unser Geschlechtstrieb pausiert z.B. nicht, er ist nicht an Brunstzeiten gebunden. Seine Betätigung, als Quell der Freude, des Vergnügens, der seelischen Bindung kulturell zum Selbstzweck hochstilisiert, dient der Fortpflanzung nur ausnahmsweise. Das gehört zu unserer Menschenwürde.

So gesehen, hat in der Skala der sittlichen Werte das Menschenrecht der Frau auf den Orgasmus höheren Rang als ihre auch dem Tierweibchen eigentümliche Bestimmung, Nachkommen das Leben zu schenken. Wer anders denkt, möge der katholischen Kirche beitreten.

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