Franz Fühmann 

Saiäns-

Fiktschen 

Phantastische Erzählungen (1981)

Das Denkmal   (1981)

Die Straße der Perversionen 

DNB.Buch


Foto 1981, rechts: Fü.

Wikipedia Autor  *1922 (Böhmen) bis 1984 (62, Krebs)

DNB Autor  300+ Publi

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Ich habe grausame Schmerzen. Der bitterste ist der, gescheitert zu sein: In der Literatur und in der Hoffnung auf eine Gesellschaft, wie wir sie alle einmal erträumten.

Aus seinem Testament 1983

 

 

 

  

 

 

Audio zur Biografie:   2009  mit Sigrid Wesner  mp3

 

2009 mit Gu. Decker  mp3

 

 

 

DLF-Buchkritik. Zur Biografie von G. Decker. Die Kunst des Scheiterns

DNB  G.Decker    wikipedia  Gunnar_Decker *1965  

DNB Fühmannbiografie von Decker  455 Seiten 

thur.de/philo/gelesen3.htm  Lesebericht von Anette aus Jena ( philosophicum.de  Philosophenstübchen )

 

 

Wenn Bücher Aktien wären ...    2013 von bergreuth bei amazon

Fühmann wird seine Renaissance erleben. Das muß einfach kommen. Allein diese Geschichten vereinen so viel einzeln Großartiges durch das Stilmittel des SF-Gedankenexperimentes! Borges, Kafka, Schiller, Lem. Es ist verborgene große Literatur. Wenn Bücher Aktien wären, würde ich hier mal gut einkaufen.

 

 

     

Das Denkmal 

 

 

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Wäre — was aber nie geschah — der Diplomneutrinologe Jirro gefragt worden, was er, der als einer der wenigen Erwählten im Rahmen eines Austausch­programms siebzig Wochen in Libroterr arbeiten durfte, dort, in der anderen Hälfte der Welt, als wesentlichste Einsicht gewonnen, hätte er durchaus antworten können: Die beßre Erkenntnis der eigenen. — Wahrscheinlich hätte er etwas ganz Anderes gesagt, doch wir kennen zumindest einen Fall, da ihm das fremde Libroterr die Wesensstruktur der eigenen Gesellschaft so blitzhaft vors Auge und Erkennen gebracht, daß er überwältigt in sein Tagebuch eintrug: Wenn es ein Denkmal für Uniterr gäbe, so müßte es die Bergfabrik des Moritz Cornelius Asher sein.

Die Eintragung Jirros in ihrem Konditional ist für einen Wissenschaftler, zumal einen diplomierten, schandbar ungenau: Uniterr hat ja für Uniterr wahrlich Denkmäler genug errichtet. — Jirro hätte etwa formulieren müssen: Wenn ein architektonisches oder plastisches Zeichen das Wesen einer Gesellschaft so auszudrücken vermöchte, daß es als deren Denkmal stehen könnte, dann jene Fabrik für Uniterr. — Geschenkt. — Sie wurde, die Fabrik des M. C. Asher, in Jirros Austauschzeit erbaut, und daß er ihr Werden vollständig erlebte, vom geheimnisumwitterten Beginn des Bauens bis zum schließlichen Produzieren, trug erheblich zu seiner Eintragung bei.

Die Fabrik, ein Quader aus blendendem Weiß — auch darin, in Farbe wie Kompaktheit, mancher Grenzbefestigung Uniterrs entsprechend —, war, im Felshang eines Hochgebirges zwischen der Baum- und der Eisregion auf einer Platte reinen Siliziums lagernd, solchermaßen massig gefügt, daß es nur zwei Öffnungen zur Außenwelt gab:

das Rohr, aus dem sich vom Gebirge reines Quellwasser als Rohstoff ergoß, und das Tor, das die Arbeiter ein- und ausließ, und da bedurfte es doch einiger Einbildungskraft, auch diesen nicht sehr schwer passierbaren Durchgang als Gleichniszug eines Landes zu sehen, das zu betreten wie zu verlassen nur Auserkorenen möglich war. — Jirro nahm es, das Tor, als Durchgangsort der Generationen: Geburt und Tod; mag es denn so hingehn. — Sonst: glatte, fugenlos blendende Wände; keine Fenster, keine Pforten, kein Schornstein, kein Abfluß, und wiewohl es in ihren Tiefen toste, gab die Fabrik auch keine Geräusche ab. Sie lag wie das Schicksal über den Dächern: stumm, und ungeheuer dauernd, und niemand hätte sich vorstellen können, daß sie jünger als das Gebirge sei.

Die Fabrik war einzig in ihrer Art: Sie produzierte recht eigentlich nichts, oder wenn etwas, dann eine neue Physik, oder besser: deren materielles Substrat; sie diente, wie Jirro es auszudrücken pflegte, der Erzeugung von Gesetzen in einem Bereich, worin sie von Natur aus gar nicht auftreten konnten. — Etwa wie wenn man Säugetiere den Gesetzen der Moose unterwerfen wollte und dazu eine neue Botanik entwickelt: man müßte dann auch neue Säugetiere erschaffen. - Nein; jede Analogie ist von Grund auf verfehlt: da ist eine Fabrik, und sie wird schon produzieren. - Ihr Schöpfer, Moritz Cornelius Asher, einziger Sohn des legendären M. C. Asher I., des Spielautomatenkönigs von Libroterr, war - fasziniert von der frühen Erkenntnis, daß die zauberhaften Zusammenpralle der bunten Stahl- und Elfenbeinkugeln in der väterlichen Flipperstadt sich als berechenbar erwiesen — von Kindheit an derart mechanikbesessen, daß er eher als Lesen und Schreiben die Gesetze von An- und Abprall beherrschte.

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Kein Spiel, das er nicht berechnen konnte, ja Rechnen ergötzte ihn mehr als Spielen, und er blieb seinem Kindheitsenthusiasmus auch treu, als er — nun schon M. C. II. genannt — auf Anraten des Flippermanagements wie der Schule mit zehn Jahren Physik studierte und, Besitzer eines Teilchenbeschleunigers, in die Mikrobezirke der Materie eindrang. Als er entdeckte, wie es dort zuging, war er entsetzt und dann empört, und sein Wille wurde wach, jene Welt zu verändern.

 

Was ihn empörte, war die von den Physikern behauptete Unmöglichkeit exakter Berechnung von Ort und Impuls des einzelnen Teilchens und damit der Chance, seiner geliebten Mechanik auch im Mikrobezirk zu begegnen. Er war nicht gewillt, sich damit abzufinden. - Man verwies ihn auf ein Naturgesetz, das solche exakte Erkenntnis verwehrte, eine "Heisenbergsche Unschärferelation"; sie bestärkte nur seine Entschlossenheit, solche Liederlichkeiten nicht hinzunehmen. Wer gab denn Gesetze: der Mensch oder die Natur? Und wenn es bislang die Natur sein sollte: Mußte dies darum immer so bleiben? Oder mußte es überall so bleiben? Und gar im Wesensgrund aller Substanzen, im innersten Innern der Atome? Auch dort — so des M. C. II. Gewißheit, die sich nicht so sehr auf stringende Ableitungen als auf die Kraft unbeugsamen Wünschens stützte —: auch im chaotischen Treiben der Elementarbausteine (als die man vorerst endgültig die "Puddings" genannten Unterteilchen der "Quarks" erkannt haben wird) mußte es menschlicher Schöpferkraft möglich sein, das Durcheinanderwimmeln niederster Körper in die berechenbare Ordnung mechanischer Verhältnisse überzuführen.

Wer macht denn Gesetze: der Mensch oder der Pudding? wiederholte er bei der nächsten Vorlesung und bewarf den Professor mit Puddingpulver, worauf ihn die Kommilitonenschaft jubelnd zum "Dr. phil. pudd." promovierte. - Der Rektor wagte, sich zu beschweren; M. C. I. wiegte bedächtig den Kopf: Die Mechanik auch im Mikrobereich, das bot völlig neue Möglichkeiten: Elektronenmikroskope in jedem Heim, und in ihrem Sichtfeld Flipper-spiele: Neutronenwettrennen, Elektronengefechte, Mesonenbillard, Protonenpoker, und dies im Kristallgitter von Atomen ein ungeahnter Markt tat sich auf!

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Er nahm seinen Sohn von der Universität und hieß ihn seine Theorie entwickeln; M. C. II. tat es und nannte sie "Mikromechanik". Sie schlug in ihrer Einfachheit — und alle genialen Ideen sind einfach — jeden Widerlegungsversuch: Im Mikrobereich sei die Mechanik, wenn auch, zugegeben, nicht als Potenz, so doch gewiß als Latenz vorhanden, als Anlage ihrer Möglichkeit — wie könnte sie sonst im Makrobereich wirken, was sie unleugbar dort doch tat? Also komme es nur darauf an, die Latenz zur Potenz zu verdichten, was durch einen noch nie dagewesenen Druck als Ordnungskraft machbar sein müsse; diesen Druck könne ein Kessel erzeugen, dessen Wände hinlänglich kompakt sein müßten; dieser Kompaktheitsgrad sei berechenbar; Berechenbares sei konstruierbar; Konstruierbares sei realisierbar; ergo sei die Mikromechanik bewiesen.

Dies war in seiner Einfachheit genial, und M. C. I. rieb sich die Hände; doch nun, aus nie geklärten Gründen, geschah etwas Verhängnisvolles: M. C. II. wurde Moralist. Wie er die Atomphysik der Mikromechanik unterwarf, unterwarf er die Mikromechanik der Ethik und verdarb sie so für das Marketing. - Jirro versuchte sich diese Entwicklung aus der Empörung ob des Verschwindens der geliebten Mechanik zu erklären; Psychologen sprachen von einer Verspätung und daher dann besonders rigorosen Verdrängung der anal-sadistischen Entwicklungsphase; ihre Erklärung kam der Jirros nahe und stützte sich vor allem darauf, daß die Wörter "rein", "Schlacken" und "läutern" in der Mikromechanik - oder genauer: in deren ethischer Programmierung - bevorzugt auftraten. - Andere erklärten es wieder anders; befriedigend war dies alles nicht, vor allem nicht für den Flipperkönig, der die verheißungsvolle Theorie seines Sohnes sich ins Abstruse verlieren sah. Oder soll man es etwa nicht abstrus nennen, wenn — was ja in Libroterr jedem möglich - M. C. II. Traktate herausgab: Er habe seine Mikromechanik der Welt geschenkt, um "die Stoffe

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der rohen Natur zu dem zu formen, was sie sein könnten", sie "auf ihr reines Sein auszurichten", ihnen "die Möglichkeit ihrer selbst zu verleihen", die "Natur auf eine höhere Stufe zu heben" und was derlei Schwärmereien eines Moralisten, oder sagen wir dreist: eines Manikers mehr sein mochten. - Sein Vater dingte die besten Psychiater; die befragten in uralter Tradition den Patienten nach seinen Träumen und erhielten die Antwort, er träume nichts. Das war noch nicht einmal eine Notlüge: Seine Imaginationskraft ging ganz in Tagträumen auf, exzeßhaften Gedankenspielen von einer Umgestaltung der Erde durch mikromechanisch geordnete Stoffe, die er einen nach dem ändern seriell fabrizieren würde: geordnetes Helium; geordneter Wasserstoff; geordnetes Lithium, und so weiter bis zum geordneten Bikinicum (Ordnungszahl 169).

 

Es war eine Neuschaffung der Erde als Erhebung zu ihrem wahren Sein, die M. C. II. denkend träumte und träumend dachte, und da er sie aus der rauchigen Stadt zu den Firnen der Berge träumte, brach er aus dem Gehäuse methodologischen Schemas und träumte in sinnlicher Konkretheit: Wasser aus dem Gletscherquell - er war besessen, daß dies sein Initialstoff sein müßte. - Eine Taufe des Geists und der Phantasie, und plötzlich, eine Morgenvision, sah er das mikromechanisch geordnete Wasser in seinem konkreten Anderssein: Wasser in vollkommener Reinheit. Ein Wasser, das es bis jetzt noch nicht gegeben; er sah es verzückt. - Bis dahin mußte ihm das noch unreine genügen, und wie in der Kindheit die Kugelgestalt, begann er nun Wasser zu entdecken; er wanderte die Gebirgsbäche aufwärts, lief nackt durch die Regen, sammelte Schneeflocken und Wolken, und das Wasser dankte es ihm: Einmal, über einem Eichenblatt, zeigte ihm ein Tropfen Tau im vergrößerten Adergeflecht die Grundkonstruktion des Umwandlungstriebwerks seiner zukünftigen Fabrik; ein anderes Mal, in einer Pfütze, die ihn die Welt auf dem Kopf stehend sehen ließ, entdeckte er die beiden hängenden Essen,

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 jenes geniale Prinzip zusätzlicher Schwerkraft-, also Energiegewinnung, das dann die gesamte Industrie übernahm. - Er begann auch Schriften über das Wasser zu lesen, dabei stieß er notwendig einmal auf Thaies, und in der Lehre vom Wasser als Ursprung allen Seins gewann er die philosophische Stütze, die ihn befähigte, standhaft zu bleiben und den Heeren der Psychiater zu trotzen, die M. C. I. unermüdlich ins Feld warf. Einige überzeugte er auch; sie erfanden die Psychohomöopathie.

So allen Widrigkeiten trotzend, hatte M. C. II. seine Fabrik im Kopf und, tief in einem Safe aus Platin (einem Geschenk des Managements zu seinem zwölften Geburtstag), schließlich auch auf dem Papier, als (er explodierte bei dem Versuch, ein Elektronenbillard dennoch zu produzieren; man glaubte allgemein an einen Racheakt seines Sohnes, wiewohl es ein Trick der Schmutzkonkurrenz war) sein Vater gerade so rechtzeitig starb, daß er nicht mehr dazu kam, den Moralisten zu entmündigen, der nun, Alleinerbe unvorstellbaren Vermögens, in der Blüte der Mannesjahre seinen Lebenstraum verwirklichen konnte. 

Daß es ein Wahnsinnsprojekt war, tat nichts zur Sache, baupolizeilich war nichts zu beanstanden; der Baugrund, das Gebirge, gehörte zum Erbe, und andere Beschränkungen kennt Libroterr ja nicht. - Die Baufirmen rissen sich um den Auftrag; man nutzte ihn zur risikolosen Erprobung neuentwickelter Techniken; mit dem Wachsen des Werks wucherten die Gerüchte, und da der Bauherr beharrlich schwieg, hatte die Presse ihre Sensation:

"Verwandelt die Bergfabrik Wasser in Erdöl?" fragte Libroterrs größte Zeitung, "Spielhölle unterm Gletschereis??" das Konkurrenzblatt.

Jirro war bei der Grundsteinlegung dabei, und er wird nie vergessen können, daß der Grundstein ein "Pudding" war und daß ein reiner Gedankenakt die Acht-Wasserstoffbomben-Zündung auslöste, die diesen "Pudding" solcherart in das Urgestein stieß, daß keiner der Anwesenden etwas merkte.

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Selbst für Libroterr war das Projekt grandios: Allein der Überdruckkessel (der nötig war, die Latenz der Mikromechanik, falls es sie gäbe, zur Potenz zu verdichten) maß, um einer Kraft standzuhalten, die genügt hätte, einen Berg umzuwälzen, im Durchmesser zwei Kilometer, und dies bei einem Fassungsvermögen von noch nicht einem halben Liter. - Die Essen hingen zweihundertzwanzig Meter tief in eine Grube zehnfachen Umfangs; das Zahnrad im Herzen des Umwandlungsgetriebes, einer purgoldenen Möbiusschleife, durch die der Rohstoff zum Kessel hinab- und, mikromechanisch geordnet, vom Kessel heraufstieg, war ein kindskopfgroßer Brillant. Das Aufwendigste der Anlage stellte jedoch ihr Apparat zur Säuberung des Rohmaterials dar: ein in die Schräge der Felsen und Gletscher gestaffeltes System von Rastern und Sieben biologischer, chemischer und physikalischer Sperrung, darunter - will sagen: im Zentrum des Kessels - ein Sieb aus Anti-Materie, selbstverständlich in der Substanz von Anti-Wasser, das, wiewohl es das Wasser nicht berühren durfte, als Katalysator des Umschlagens der La- zur Potenz dem Schöpfer als unerläßlich galt.

Ein Wunderwerk menschlicher Willenskraft; man baute ja auch sechzig Wochen daran, länger als an einer künstlichen Sonne, und jeder Tag dieser sechzig Wochen bot so viele Feste für das Auge, daß, da der Bauplatz nicht abgeschirmt wurde, Jirro ernsthafte Konflikte zwischen seinem Austauschauftrag (dem Nachweis praktischer Nkhtnach-weisbarkeit eines bestimmten, theoretisch inexistenten Neutrinos) und dem Drang kam, täglich zum Staunen zu gehn. Wo gab es in Uniterr Felsabschmirgler in der Handlichkeit einer Taschenlampe? Wo Mondreflektoren? Wo Transportsicherungen durch klebriges Gas?

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Wie schon gesagt: auch Libroterr staunte; die Zubringerbahn brächte so viele Gaffer, daß sie zum Schichtwechsel für Betriebsfremde gesperrt werden mußte. Die Touristikkonzerne richteten Parallelbahnen ein, natürlich auch FLO-TELS, fliegende Hotels; für Jirros Spesensatz unerschwinglich.

Das Sensationellste jedoch war, daß auch über den Zeitraum von fast fünf Quartalen (in dem allein die Pharmaziemode siebenmal wechselte) die Spannung unvermindert anhielt: Man wußte auch am Einweihungstag vom Produkt des Werkes nichts außer dem, daß dank einer von der Fachwelt verlachten sogenannten Mikromechanik sich mit dem Rohstoff reinen Wassers eine unerhörte Wandlung begeben sollte; doch wie und in was, das blieb uinausgeforscht. Zwar sprach M. C. II. immer wieder von seiner Neuordnung der Natur und der Selbstgewinnung der Elemente zur höchsten Daseinsform ihres Wesens, doch was das konkret hieß, erklärte er nicht. So wurden, von der Presse gestachelt, die Gerüchte immer ausschweifender; ein findiger Lotteriebetrieb sicherte sich das Wettbüromonopol für Prognosen über das Endfabrikat; eine Sekte der "Mikro-Mechanosophen" entstand, um sogleich eine Opposition abzuspalten; in bestimmten Theologenkreisen verhöhnte man die Rückkehr des Volks zu längst überwundenem Köhlerglauben, in bestimmten Mathematikerkreisen sprach man vom kommenden Kanaan-Wunder.

Jirro verstand diese Anspielungen nicht, und er scheute sich auch, danach zu fragen, er fürchtete eine neue Blöße. Kurz zuvor war nämlich seine Anregung, die Theorien des M. C. Asher mathematisch zu überprüfen und ein Modell seiner Mikromechanik von einem Computer simulieren zu lassen, um endlich über Wert oder Unwert dieses Projekts entscheiden zu können, mit einem Kopfschütteln bedauernden Mitleids bedacht worden: Ob denn ein Auftrag der Industrie dafür vorliege? Na also!

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Solche Belehrungen machten Jirro hilflos: Libroterr in seinen Widersprüchen, nicht zuletzt dem zwischen Monstrosität und Beschränktheit, wurde ihm immer unfaßlicher; er fand keine Regeln, sich zu orientieren, und wenn er dann noch da auf Ironie stieß, wo er Zustimmung erwartet hatte, und wieder einmal mehr erkannte, daß seine und seiner Kollegen Gedanken windschief liefen, ohne sich je zu treffen sehnte er sich nach Uniterrs Einlinigkeit. Wie war doch dort alles so wohlgeordnet, so faßlich gelenkt, so berechenbar!

Vollends unerklärlich war Jirro die Rolle der Industrie, die einerseits, von niemand gehindert, Wahnsinnsprojekten sich hingeben konnte, ja offenbar Wahnsinniger bedurfte (Libroterrs Zeitungen priesen M. C. II. als "rettenden Beleber der Konjunktur", ja, die Gewerkschaftspresse schlug vor, ihm - worauf 872 auftragslose Bildhauer noch am selben Abend Entwürfe einreichten - bereits zu Lebzeiten ein Standbild zu errichten) und andrerseits Leistungen erzielte, die, verglichen mit Uniterrs Kümmerlichkeiten, ihn einfach überwältigten. Daß es, zum Beispiel, fliegende Hotels gab; und daß man sie in acht Stunden montierte; und daß man staunte, daß einer darüber staune. 

Jirro pflegte dann bitter zu werden; bisweilen schämte er sich seines Landes, und einmal, als er den Komfort der Zubringerbahn zur Bergfabrik entdeckte (er hatte zuerst nicht gewagt, sie zu benutzen, weil er ihre graduierbare Polsterung nur für leitende Beamte bestimmt hielt), tat er dies in solchem Maße, daß er einem seiner Kollegen ob eines Witzes über Uniterrs Straßen ins Gesicht schlug, was ihm die Anerkennung des neubestallten Attaches für Mikromechanik an der uniterranischen Botschaft einbrachte. - "Heldenhafter Einsatz für unser geliebtes Vaterland!" und: "Ungeheuerliche Hetzaktion des Feindes gebührend widerlegt!" und: "Unsere Wissenschaftler in ihrer Bewährungsprobe!" - so würdigte Uniterrs Zeitung diesen Ausfall und veröffentlichte zahlreiche Zuschriften von Lesern, die übereinstimmend ihren Stolz beteuerten, Bürger eines Landes zu sein, das Neutrinologen wie Jirro hervorgebracht hatte. 

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Der Attache für Mikromechanik verfaßte einen Bericht an seine Regierung, in dem er Jirros patriotischen Eifer seinem, des Attaches, erzieherischen Einfluß zuschrieb; er wurde zum Oberattache ernannt. - Daß er bei jenem Vorfall erst drei Tage im Amt gewesen, war unerheblich; als Jirro dann davon erfuhr, entdeckte er sein Talent zum Zynismus.

Zur festlichen Eröffnung der Bergfabrik (Eintrittskarten in Form von Kleinaktien wurden zu Wucherpreisen gehandelt) war der Oberattache für Mikromechanik mit seinem zwölf Köpfe zählenden Stab von M. C. Asher persönlich geladen; der Diplomat bestand auch auf Jirros Begleitung;

und als, der Zubringerbahn entstiegen, die Bürgerschaft aus Uniterr das Werk unter dem Gletscher erblickte, auch am Einweihungstag ohne Fahne und Spruchband, ohne Girlanden, ja sogar ohne Richtkranz, nur weiß auf dem nackten Siliziumsilber und noch nicht einmal von einem Rauchwölklein überflattert, bemerkte der Oberattache, dies sei, wahrlich, ein rechtes Sinnbild für Libroterrs menschenfeindlichen Charakter wie für sein historisches Überholtsein. Er sagte nicht, weshalb, und alle nickten.

"Die sterbende Hälfte der Welt", sprach der Diplomat. Es sei dies höchst treffend bemerkt, bestätigte Jirro. Dann schloß sich hinter ihnen das Tor.

" Die Produktion, noch immer geheimnisumwittert (die wichtigsten Wetten standen: eins "zu anderthalb für Erdöl, eins zu zwei für Gold, eins zu fünf für Plutonium, eins zu achtzehn für Kunstblut, eins zu achtzehneinhalb für Naturdünger; Wetten ä la baisse aufs Mißlingen waren nicht angenommen worden), begann mit einer Ansprache des M. C. II.

Er stand, gänzlich in Schwarz gekleidet, um den Kopf eine funkelnde Krempe, auf einem Podest aus schlichtem Platin.

Er wisse, so begann er bedächtig - in der Redeweise eines Mannes, der gelernt hat, lange zu schweigen und seine Gedanken reifen zu lassen -, er wisse, wie begierig die Menschheit dies- wie jenseits trennender Gren-

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(und da improvisierte er eine leichte Verneigung zu den Vertretern Uniterrs, die, verlegen, unisono mit einem breiten Lächeln erwiderten)

 

-ze diesen Moment erwartet habe, den Moment des Triumphes der Mikromechanik, die berufen sei, die wüste Natur durch eine reinigende Ordnung erst zu ihrer Bestimmung zu führen. Und er wisse auch, sagte er nach einer Pause, in der sein Blick zugleich mit den Blicken der Gäste langsam durch die Werkhalle glitt, deren Innen ihrem Außen entsprach: Reihen blendend weißer Quader und Kuben, alle verkleidet, keine Apparaturen, unsichtbar auch der Verdichtungskessel mit den hängenden Essen, keine Fenster, keine Pforten, und alles Innen in schattenlosem Licht; auch das Umwandlungstriebwerk war verkleidet, doch hier war die Hülle so transparent, daß noch durchs Gold der Möbiusschleife das Brillantenzahnrad sichtbar blieb -: er wisse also, daß gewisse Kreise (und da, zur erhobenen Stimme, erhob sich ringsum ein Geraun der Entrüstung, das er zu genießen schien) ihn einen Wahnsinnigen nennten, ja manche sogar einen Scharlatan, der ohne Voraussicht eines Resultats ins Blaue hinein Projekte träume, weshalb er (und da erhob er die Hand, die Entrüstung zu dämpfen, die sich zu einem Murren verstärkte), um all diese Stimmen zum Schweigen zu bringen, zu einem unfehlbaren Mittel gegriffen: Er habe hier (und da stampfte er leicht auf sein Podest), hier in seinem Safe eine genaue Voraussage dessen, was nun, durch die Mikromechanik, dem Wasser, und zwar reinem Wasser, oder genauer: bislang als rein gewähntem Wasser, durch elementare Ordnung geschehen werde.

(und da schaltete er einen Scheinwerfer ein, dessen Licht, die Fabrik- und Felswände durchstrahlend, tief im Granit die Quelle zeigte, die nun, vom Willen des Menschen geleitet, sich durch alle die Siebe und Raster bis zu einem Schieber vor der Möbiusschleife ergoß)

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Und da er nun auch den Schieber hochzog (und wieder durch einen Gedankenakt), legte ein zweiter Scheinwerfer den Blick in die Tiefe der Bergfabrik frei, darin - dieweil im grünglühenden Plasma die absolute Finsternis des Anti-Wassers zu wallen begann - das Wasser im Kessel malmte und toste; und während vor den Augen der überwältigten Gäste purpurner Rauch den hängenden Essen entstürzte, durch die Kraft seines Falls den Verdichtungsdruck zum letzten notwendigen Grad zu steigern, sah Jirro den Schöpfer verzückt ins erschauernde Wasser schauen, als ob der mit einem inneren Auge die Ordnungskraft am Werke sähe, die nun im Molekül die Atome, im Atom die Ionen, im Ion die Quarks, im Quark die Puddings auszurichten begann: eine Billardpartie von Mikrobällchen, berechenbar bis zur fernsten Zukunft.

Und M.C. II. schaute die Ordnung, rein in ihrer vollkommenen Reinheit, und ein Pergament entfaltend, das sich aus dem Podest zu ihm hochschob, gab er bekannt, daß - was notariell beglaubigt - dieser vor sechzig Wochen geschriebene Text die genaue Voraussage dessen enthalte, was sich mit dem Wasser des Gletscherquells von seinem Eintritt ins Umwandlungstriebwerk bis zum Verlassen ereignen werde; und

(und dieweil ringsum auf den Wänden die Beschreibung dessen projiziert war - einschließlich der Farbe des Rauchs aus den hängenden Essen -, was die Besucher gesehen und weiterhin sahen)

während das nunmehr geordnete Wasser langsam, gemessen, weihevoll, würdig die Möbiusschleife wieder hinanstieg, schritt, umstrahlt von der funkelnden Krempe, die, als ob alles Licht der Halle sich um das Schöpferhaupt versammle, immer gebieterischer zu leuchten begann, der Erträumer des Werks zu einem Becken am unteren Ende des Umwandlungstriebwerks, in dessen transparentem Rohr langsam das reine Wasser nahte, und dieses Mal mit eigenen Händen einen Hahn zum Grund des Beckens auftuend, sprach Moritz Cornelius Asher II. die Worte, die zugleich in flammend schwarzen Lettern an der Wand erschienen:

ES WERDE ORDNUNG! 
ES WERDE REINHEIT! 
DIE WAHRE ÄRA DES ALLS BEGINNT!

Und dieweil auf dem Grund des Beckens das Endprodukt zu erscheinen begann und das Tosen im Ordnungskessel in Orgelgedröhn hinüberschwoll, sprach er, im gleißenden Strahlenkranz und die eine Hand zum Zenit erhoben, indes die andre ins Becken zeigte, mit schlichter, wie Selbstverständliches referierender Stimme, es sei der Mikromechanik gelungen, ohne den geringsten Zusatz, nur durch dessen eignes Sich-Ordnen zu klaren berechenbaren Verhältnissen, bislang als rein angesehenes Wasser zu absoluter Reinheit zu läutern, zum eigensten Wesen seiner selbst: frei -

(und im Becken erhob sich, stoßweis quellend und durchdringenden Modergeruch ausdünstend, eine graue, schleimige Brühe)

frei von jeglicher Fremdbestimmung, für menschlichen Genuß und menschliche Nutzung vollkommen unbrauchbar zu sein.

 

Ende 

 

(Nach einem Motiv von Alfred Jarry)

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    Die Strasse der Perversionen    

Für Klaus Schlesinger

 

 

Als, vielbeneidet, der Diplomneutrinologe Jirro im Rahmen eines wissenschaftlichen Austauschprogramms für siebzig Wochen Uniterr verlassen und in Libroterr weilen durfte, schlenderte er nach den Mühen des Tages gern, gleichgültig in welcher Stadt, die Rückseite der Magistrale, in der Hauptstadt die des Großen Ringes entlang: nicht nur, weil ihn dort keine Fangwerbung behelligte (es war dies eine in Uniterr unbekannte, in Libroterr übliche Art erpresserischen Bauernfangs, durch eine jähe optische Sensation, etwa die Spiegelung eines leibhaftigen Pferdes, den Blick Unerfahrener anzuziehen und sie — gewöhnlich Touristen — dann mit der Frage, ob man Gefallen an dem Gezeigten gefunden, bei Bejahung zu einem Entgelt zu nötigen, das zu verlangen oder gar zu erzwingen es keine gesetzliche Handhabe gab und das dennoch, da den Betroffenen vor lärmenden Disputen graute, meist widerstandslos entrichtet wurde; die einfachste Art, dieser Lästigkeit zu entgehen, war Nichtbeachtung oder ein Nein).

Also nicht nur deshalb, oder aus ähnlichen Gründen (die Magistralen wimmelten von vielerlei Gaunern), mied Jirro die Fassade von Libroterrs Straßen: Es entging ihm dort auch ein Hörtheater, das ihn wie kein anderes faszinierte, wie kein anderes seine Phantasie anregte und dazu noch nicht einmal Eintrittsgeld kostete: die Synakustik von Libroterrs Fernsehn. 

Das nun pflegt man im Wohnzimmer zu empfangen, und man wohnt ja, zumindest in Libroterr, schon längst nicht mehr zur Fassade hinaus, dort werden die technischen Räume liegen: Fahrstühle, Rollkorridore, Toiletten, Zuliefer- und Abraumschächte, Physio- und Psychoklimaanlagen und die Einfahrten für die Hubschraubertaxis, deren Surren doch recht störend wirkt. Sich am Fenster zu zeigen ist nicht ungefährlich; den Blick auf Paraden, Raubüberfälle, Entführungen, Sporte und andre Sehenswürdigkeiten liefert das Nahinformationsvideo um vieles prompter, exakter und augengünstiger als eigener Ausblick, und so wohnt man zum ruhigen Hinten hin. Und da dort, wo man wohnt, die Fernsehapparaturen montiert sind, und da sie auch zur Nacht nicht abgestellt werden, und da — worüber Jirro nicht aus dem Staunen herauskam — es in Libroterr einige zehntausend Fernsehsendeanstalten gegenüber der einen Uniterrs gab (denn auch die mit ihren jeweils drei Wochenstunden Lokalprogramm von Uniterrs Statistischem Rat noch immer als "selbständig" geführten neun Regionalsender Liechtenstein, Schliersee I und II, Vatican, Nanking, "Stimme der Antarktis", Nagyszentbalaton-hüzenketökisvasarhelyifüröd, Uganda und Gizeh sind ja im berühmten Verschmelzungsjahr 2001 dann sehr schnell zusammengelegt worden und schließlich - Schliersee I als letzter 2054 - im Einheitssender "Freies Uniterr" aufgegangen) -: da es also in Libroterr mehrere Fernsehprogramme gab und diese - in Libroterr natürlich! - allerorten empfangen werden konnten, hörte man aus den zumeist offenstehenden Fenstern wenn zwar nicht alle, so doch so viele Programme, wie Mietsparteien im Hause wohnten, und mitunter auch noch einige mehr.

Nun hätte - was er ja oft genug tat - Jirro natürlich auch in seiner Wohnung oder in irgendeinem Club fernsehen können, und es hätte ihm auch, ebenso natürlich, dort die Wahl jeden Programms freigestanden, aber darauf kam es ihm nicht an. Sein Hörtheater war mehr als Fernsehn, wiewohl es, nur aufs Hören beschränkt, des Bildes ermangelnd weniger schien. Gerade das aber reizte Jirro: Musik und Wort im Geist zu ergänzen; und dann traf ihn wie ein Blitz die Erkenntnis, daß hier, in den firmamentlosen Schluchten, sich ihm die Seele der Stadt eröffne, ja die Seele einer Hälfte der Welt.

Seitdem nannte er jene Hinterfronten nur seine "Straßen der Offenbarung".

 

Da Libroterrs Fernsehn sich inhaltlich von dem Uniterrs doch recht unterschied, gab es anfangs für Jirro Verkennungen. Er entsinnt sich noch genau des Schocks, als er, vor einem Fangwerber fliehend, hinter der Fassade des Großen Rings aus einem Mietshaus zu milder Musik den Schrei vernahm: "NICHT IN DIE NIEREN STECHEN";

und ein Klirren von Stahl, und Höllengelächter. Es spricht für Jirro, daß er seine Furcht überwand und, zu helfen bereit, in das Haus hineinstürzte; daß, wie sich dann herausstellen sollte, dieser Schrei einer populärwissenschaftlichen Sendung für Kinder - einem Grundkursus Anatomie in Gestalt einer beliebten Kriminalserie — entstammte, ändert nichts an Jirros Mut. Der Schrei, die Musik, das Satanslachen, und die Auflösung ins Triviale: auch eine Straße der Offenbarung; und von da an blieb Jirro fasziniert. Zuerst von der Vielfalt überhaupt, dem Schwelgen im schieren Überfluß (einmal hörte er gleichzeitig dreiundfünfzig Programme); dann von der Vielfalt der Variationen jener beiden Grundstrukturen, die er in der Fülle ständigen Wechsels immer wiederkehrend zu erkennen glaubte (und bald, voll Stolz, auf die Formel brachte: Lust der Gewalt - Gewalt der Lust; oder simpler: Schläger und Schlager); und schließlich, und dies anhaltend, von den verblüffenden Kombinationsgeflechten, die der Zufall aus den — an sich rasch uninteressanten — Variantendetails von Fenster zu Fenster und von Etage zu Etage wob. — Jirro war Wissenschaftler genug, diese Kombinationen festzuhalten, um sie einmal systematisch zu analysieren (gäbe es auch im geistigmoralischen Raum so etwas wie Mesonen und Neutrinos?), und wiewohl er seine Tagebücher und Kassetten vor der Rückkehr nach Uniterr zerstrahlte, wirkte das Gehörte so nachhaltig weiter und war sein analytischer Eifer so fordernd, daß er, noch nach Jahren, in der Heimat diese Kombinationen rekonstruieren konnte.

Die — wiewohl sie vielleicht die subtilste und eigentlich gar nicht so auffällig gewesen — von Jirro zuerst wiederhergestellte Hörszene hatte als die eines Zusammentreffens von Beifallsklatschen aus einer höheren und hastigem Laufen aus einer niederen Fensterebene begonnen und sich - da das Laufen plötzlich abbrach, indes der Beifall weiterschallte - als Applaus zu einer an sich unwahrnehmbaren, doch für den Wisser des Vorgangs zermürbenden Stille fortgesetzt: Es war ein Laufen der Angst gewesen, ein Hasten zweier nackter, flüchtender Füße durch einen niedrigen, hallenden Korridor, und sein Abbruch war nicht das Gewinnen der Freiheit, da hätte man ein Verhalten gehört, und es war auch nicht ein Szenenwechsel auf dem Jirro ja nicht sichtbaren Bildschirm, denn ein Grundton des Schauderns und des Todes, der dem Fliehen angehaftet, dauerte auch im Unhörbaren fort und schuf die Ahnung einer Sperre, die den Flüchtling aufgehalten; und im heftiger werdenden Beifall der Zuschauermasse auf den Rängen spürte man, überspült von jener Musik, die in Libro- wie Uniterr stetig daherrinnt und die man nur wahrnähme, wenn sie verstummte, unabwendbar den Verfolger nahen. 

Im Beifall nun Bravorufe, Getrampel, gellende Pfiffe des Entzückens; und da Jirro, stehengeblieben, die Entwicklung der Stille zu verfolgen, schon überlegte, ob er fragen dürfe, wohin jene Füße geflohen und ob sie wohl doch gerettet wären (denn ihr Laufen hatte, ihm noch nicht bewußt, das Erinnern an einen Alptraum geweckt): während also Jirro noch überlegt, ob er an die Wohnungstür klopfen könnte, heult, wieder ein Stockwerk höher, ein Sturm auf. Klatschen von Wolken, Peitschen von Wipfeln, und drunten nun Faustschläge auf eine Stahlwand, dumpf im Korridor widerhallend, durch den, und darüber Rasen des Beifalls, die anderen, die dröhnenden Schritte nahen; der Beifall bricht ab; nur das Sausen des Himmels, das, ins Unerträgliche wachsend, endlich einen Schrei entbinden muß, und der Schmelz einer betörenden Stimme: STEIG EIN IN MEIN TRAUMBOOT STEIG EIN STEIG EIN.

Das Weitere, in Einzelstücke auseinanderfallend, war als Gemengsei unwesentlich: ein zweiter Schlager und eine Werbung für Airspray und ein Gespräch über Türen und Hunde und noch ein Schlager und noch irgendwelche Wörter und Donner oder noch was -: Jirro lernte sehr schnell begreifen, daß alle Konstellationen, die ihn faszinierten, dies als Illusion einer Handlung taten und darum nur von kurzer Dauer sein konnten; diese hier hielt im Verhältnis zu anderen bereits lange an. - Eine nächste Kombination war dann wesentlich kürzer: ein Wellenrauschen, weithergezogen ins Überschäumen der Brandung mündend, und aus einem Fenster gegenüber das Stöhnen zweier koitierender Leiber exakt im Rhythmus des rollenden Meeres, und plötzlich das Gebrumm eines Nebelhorns. - Solche Gleichklänge, gar humorvolle, waren selten; am häufigsten, eigentlich alltäglich und die überwältigende Mehrheit aller Konstellationen ausmachend, kehrten Zusammenpralle und Überlagerungen der beiden Grundmuster wieder, etwa das Brüllen Gefolterter zum Schmachten eines Liebesliedes. In der erstgeschilderten klang dies ja schon an.

Im Verfolgen einer äußeren Entwicklung entging Jirro die innere. Es dauerte nämlich nur kürzeste Zeit (Jirro kam nie zum Bewußtsein, wie kurz sie gewesen), bis er die krassen Obszönitäten, und krassen Brutalitäten, und krassen Monstrositäten, deren allgegenwärtige Inständigkeit in Libroterr ihn anfangs bestürzte, als dermaßen selbstverständlich hinnahm, daß er sein biederes Vaterland darüber vergaß, wie man im Wachsein Geträumtes oder als Erwachsener seine unmündigen Jahre vergißt. — Aus den Augen, aus dem Sinn — wie man so sagt? Auch, gewiß; und andere ,, Sorgen; doch es war nicht nur so, daß die Erinnerung ausblaßte, sie verband sich dabei mit dem Gefühl, aus einem Reich des Irrealen ins Wirkliche hinübergewechselt zu sein. — Freilich: nur Gefühl, keine Reflexion. Daß mit all

 

seinen Abnormitäten Libroterr zu Uniterr ihm als das Normale (vielleicht: Gemäße?) und Uniterr als Schemen erschien, darüber dachte Jirro nie nach; er ahnte nur manchmal, daß da ein Problem war, etwa wenn er sich bei einem Lachen über groteske Grausamkeiten ertappte. - Dann mitunter auch Scham; eine Art Aufbegehren, und dann allerdings auch verblüffend heftig.

Einmal allerdings kamen Jirro doch Skrupel: Er lief wieder einmal hinterm Großen Ring; diesmal, vielleicht zu einem Rendezvous unterwegs, in ziemlicher Eile, er nahm das Hörangebot nur so im Vorbeigehn — gewohnheitsgemäß, mit halbem Ohr — wahr, da alarmierte ihn ein Geräusch. Es war ein böses, durchdringendes Zischen, wie wenn aus einer lecken Psychoklimaanlage das unter enormem Druck stehende hochgiftige Hypnocyanamylnitrit ausströmt, und wären die üblichen Dialoge nicht gewesen, darin ein Opfer einen Überwältiger anfleht, ihm statt dieses gräßlichen Todes ein schmerzloses Zerstrahlen zu gönnen, hätte Jirro an eine reale Katastrophe geglaubt. — So war es nur ein Kriminalfilm (528. Folge der in der Hauptstadt allerdings wenig bekannten Serie "Was auch dir heute nacht noch zustoßen kann"), und wider Willen mäßigte Jirro den Schritt. Der Foltertod durch Gas war ihm neu, doch wiewohl er dies war und Jirro nur hörte, stand ihm jedes Detail vor Augen, denn der Mörder schilderte höhnend dem Opfer, das sich offenbar in einem Glaskasten befand, welcher Anblick sich ihm bot, und zwar in dem Grad, in dem das Gas seine Schuldigkeit tat. Es ist nicht nötig, die Details weiterzugeben; was Jirro hörte, war eine minutiöse Beschreibung der sich bis ins Weiße verdrehenden Blicke und eines in Krampten sich wölbenden Brustkorbs, darunter die Lunge in dem Maß gieriger ihr Verderben in sich hineinsaugen muß, in dem es sie zu zerstören beginnt. - Das wurde als Augenweide geschildert, und Jirro, wiewohl ihn ein Gemisch von Grauen, Gebanntsein und Würgen ankam, blieb stehen und sah hörend die Szene und sah, obwohl es dafür

kein ausreichendes Indiz gab, das Opfer in Gestalt einer Frau; er hörte die Stimme des Mörders flüstern, eine Huldigung an zwei sich verfärbende Lippen, da —

jähes, gellendes Fahrradklingeln; Jirro, das nackte Gesicht vor den Sinnen, schrak ertappt und mit dem durchdringenden Empfinden, daß von irgendeinem der Fenster aus ein Beauftragter von Uniterrs Gefühlspolizei sein Verhalten überprüfe, zusammen; er entlief und nahm während des Weglaufens wahr, daß (man kann mit einer wünsch-, oder besser: triebgesteuerten Auswahlautomatik ja blitzschnell durch alle Programme streifen) die verzückte Schilderung eines aufklaffenden Mundes nunmehr aus jeder Wohnung schallte. — Jirro, da er immer ärger gehetzt durch die kunstlichtflimmernde Häuserschlucht rannte, war verstört vor Scham, jener abscheulichen Szene — denn so, und nur so, kam sie ihm jetzt vor — derart lange sich preisgegeben zu haben; er nahm es, noch während des Weglaufens, als Ausdruck seines wissenschaftlichen Systematisationsinteresses.

An diesem Tag gelang ihm nichts mehr.

Als er im Labor, am nächsten Morgen, unter einem ihm unerklärlichen Zwang, seinem libroterranischen Arbeitskollegen das Begebnis zu erzählen versuchte und - was sonst gar nicht seine Art war - sich über derlei Volksunterhaltung entrüstet zeigte, meinte der lachend, was Jirro denn wolle, die Welt sei nun einmal pervers; und im übrigen seien sie Physiker. - Jirro war jenes Wort unbekannt, er ließ es sich erklären und fand es so treffend, daß er die Schlucht hinterm Großen Ring, bis dahin eine der "Straßen der Offenbarung", in "Straße der Perversionen" umtaufte. Dieser Plural, nicht unbedacht gesetzt, deutete an, daß der Systematiker Jirro die Frage zu durchdenken gedachte, welche Arten Verkehrungen es gebe, und welche davon die ärgste sei, und welche in der begrifflich ärgsten wiederum deren konkret ärgste; allein er hatte nicht die Muße, in dieser Materie aufzugehn. So nahm er pragmatisch jene Szene

so lange als die ärgste an, bis eine ärgere sie übertreffe, wobei er unter "ärger" stillschweigend einen größeren Grad von -etwas verstand, das er nicht recht zu definieren vermochte, das aber mit dem Wort "Befremdung" annähernd ausgedrückt werden mag.

 

Lange Zeit blieb jene ärgste Szene die ärgste; weder die klappernden Gespräche zweier einen gelähmten Alten zu ihresgleichen abnagenden Skelette (wieder ein Beitrag des Wissenschaftsprogramms "Grundkursus Anatomie für Kinder"), im Zusammenklang mit einem Grundkursus Cellospiel und einer Werbesendung des Eiweißkonzerns gegen zu viele Kohlehydrate enthaltende Speisen, noch die detailliert geschilderte Liebesumarmung, mit der eine Gorillafrau einen von ihr entführten Knaben zu beglücken wie zu ermannen versuchte (Serie "Aus uralten Archiven gerettet"), konnten ihr, jener ärgsten, den Rang ablaufen, jedenfalls nicht für Jirros Gefühl. Allmählich erlahmte auch sein Interesse; ein sensationeller Industriebau (die sogenannte Bergfabrik eines gewissen Moritz Cornelius Asher) nahm seine Aufmerksamkeit voll in Anspruch, und dazu noch ein Wechsel des Freizeitverhaltens in eine Richtung, die Jirro enttäuschte: der berühmte Weiche Sommer zog auf, mit sanfter Musik und zärtlichem Plaudern, geflüsterten Schwüren, gehauchten Küssen, das schlug sich in den Unterhaltungen nieder, und so entdeckte man jene Biederkeit neu, die in grauer Vorzeit die Ahnen befriedigt: Schießpulverschüsse, Hufgetrappel, Krachen von Fäusten nur gegen Kinne in redlichen Kämpfen unter Männern, die stets mit einem Sieg der Guten und ihrem fröhlichen Lachen enden, variationslos, eindeutig, in genauer Abfolge, und dies von Fenster zu Fenster durch alle Etagen; Jirro hörte bald nicht mehr hin.

So trug denn die "Straße der Perversionen" diesen Namen nur noch als ein Erinnern, das Jirro in wachsender Wehmut pflegte. Seine Zeit in Libroterr ging unaufhaltsam zu Ende; die letzte Dekade, das letzte Heute, und morgen schon in Uniterrs Straßen, frei von Fangwerbern, Gangstern, Prostituierten, und auch eine Straße der Perversionen würde das Vaterland ihm niemals zumuten, das sah es ja als seine Sendung an: ein Menschentum ohne Verkehrung zu hüten. — War Jirro denn auch stolz auf seinen sauberen Staat? Ach, jeder Abschied macht sentimental und verklärt den Ort, von dem man scheidet, und da, in ein "Weißt-du-noch" verkapselt, Jirro zum endgültig letzten Mal die vertraut gewordene Straße durchschreitet, verschließt er sich im gleichen Maß, in dem er sein Ohr all den Schällen verschließt, die ja weiterhin die Schlucht durchkreuzen, auch der Würdigung von moralischen Werten und denkt nicht an sein Vaterland.

Ein früher Vormittag; rosa Dämmern, und Jirro schwelgt in Erinnerungen: Da, aus dem grünvioletten (in Libroterr waren Fenster und Türen von einem Lichtstrahlgewebe verschlossen, das nur von innen nach außen durchlässig war) Fenster jener erste, so mißverstandene Schrei; von dort aus dem goldenen Oben der Donner; da links das Schmatzen der Skelette; und so selbstverständlich es sein mag (oder auch nicht), daß Jirro am Schauplatz der ärgsten Szene rasch, beinahe im Laufschritt, vorbeigeht, so merkwürdig bleibt es (oder auch nicht), daß er dort, wo die Erinnerung an die Schritte des Flüchtlings wiederkehrt, solchermaßen in sich versinkt und sich, da er nun die real nie geschauten und darum um so lebhafter imaginierten Bilder ja auch nicht mehr real hören kann, ganz der inneren Sicht hingibt -: daß ihm ist, als haste er selbst durch den Tunnel und der Verfolger hinter ihm drein. Er sieht die Wände aus grauem Beton, die niedrig gezogene Decke, die Sperrwand, er sieht ein glasig tropfendes Licht, und er sieht auch die beifallklatschende Menge wie hinter Schleiern aus wehendem Eisen —

da geschieht es, daß eine vertraute Stimme ihn jählings aus einem Fenster anruft und er wie einst bei dem Fahrradklingeln, doch nun fast zum Tod, zusammenschrickt. Einen Augenblick steht er ohne Bewußtsein, mit den Händen an eine Mauer gestützt; dann bricht der Alltag Libroterrs ein: surrender Lärm der Hubschraubertaxis, aus den Fenstern Geigen und sanfte Schreie, und begreifend, daß jener Anruf nicht ihm galt, plagt Jirro sofort die andere Frage: Wer wählt denn in Libroterr Uniterrs Fernsehn? Ist es jemand, der auch den Weichen Sommer nicht mag? Ist es ein Zufall? Oder ist es -

und Jirro bleibt stehen, gebannt von der nicht zu verkennenden Stimme der beliebtesten Schauspielerin seines Landes, eines der wenigen weiblichen Mitglieder des Obersten Befreitheitsrates, Trägerin allerhöchster Orden, Vorsitzende des Rates der Theaterarbeiter, geniale Verkörperin des Denkens und Fühlens von Uniterrs Besten, Essenz also jenes Menschentums, das vor allen Verkehrungen zu behüten Uniterr als heiligste Sendung ansah:

"Seele der besseren Hälfte dieser Welt", wie Uniterrs Presse sie nennt; und Jirro hört sie jenen Satz aus einem Weiheschauspiel sagen, den kein Geringerer als der Führer des Obersten Befreitheitsrates zum "schönsten Ausdruck von Uniterrs welthistorischer Sendung" erhoben, den Satz, den jeder Bürger Uniterrs kennt und den Jirro im Traum hinsagen könnte —

und im Traum, beim vertrauten Klang dieser Stimme, ist Jirro schon in der Heimat, sie steigt vor ihm auf, wie er sie verlassen: der Tunnel tief unter Uniterrs Grenze, den als einer der Erwählten passieren zu dürfen er so unsagbar stolz gewesen, und er sieht die Wände aus grauem Beton und die Automatik der kunstvollen Sperren, die, je nach Bedarf, den Tunnel verschließen, oder verengen, oder in ein Labyrinth verwandeln, oder Falltüren zum Abgrund öffnen können; und er sieht sich langsam den Gang hinabgehn, noch die Worte der Kameraden Grenzhüter im Ohr, eingedenk Uniterrs Sendung zu bleiben; doch da dies in der Straße der Perversionen geschieht, geschieht dies alles zur Verkehr uflg: Just eben, da er sein Vaterland

schaut und jenen vertrauten Satz vernimmt, durchschießt Jirro jählings der Gedanke, daß er ja einfach hierbleiben könnte: in diesem Land, in dieser Stadt, in dieser Straße, und dasteht er abermals ohne Bewußtsein —

und der Verkehrung einen Augenblick fast bis zum Erliegen hingegeben, hört er den Satz zu Ende gesprochen und hört ihn im Lärmen von Libroterrs Alltag, und plötzlich erscheint ihm dieser Satz als das Ärgste des in dieser Straße Erfahrenen:

KAMERAD UND SOLLTE ES JAHRE DAUERN 
WIR WERDEN SO LANG MIT DIR DISKUTIEREN 
BIS AUCH DU ÜBERZEUGT WORDEN BIST —

und Jirro, aus seiner Ohnmacht erwachend, hört den stählernen Klang der vertrauten Stimme und weiß nun wie aus einer Offenbarung, daß sie ausgestrahlt wurde, mit ihm zu reden, mit ihm in der Stunde der ärgsten Verwirrung, und tief am Grund der dämmernden Schlucht, darüber sich kein Firmament wölbt, ist ihm, als ob ein Auge ihn sähe und seine geheimsten Gedanken läse, und so schnell, wie er kann, rennt er in seine Wohnung, und packt seine Sachen, und ist bereit.

 

Ende 

 

 

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Franz Fühmann