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1. Eintritt in das esoterische Universum

 

 Was ist Esoterik?  

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Wir hatten die Esoterik im Vorwort als Geheimlehre bezeichnet, denn so wird sie normalerweise definiert. Wenn auch verschiedene Gelehrte den Begriff »Esoterik« unterschiedlich vom griechischen »eso«, »esotero«, »esoteros« oder »esoterikos« ableiten, immer geht es um das Geheime, Verborgene: um geheime Rituale und Praktiken, um Geheimschriften oder Geheimgesellschaften; dabei kann »Esoterik« entweder die Lehre meinen, z.B. die Lehre von der Geisterbeschwörung, oder die Anwendung der Lehre, das Tun, z.B. das Geister­beschwören selbst.

Auch der Begriff des Okkultismus besitzt eine verwandte Bedeutung, er stammt her vom lateinischen »occultus«: geheimgehalten, verborgen. Ähnlich nennt man die Esoterik eine Arkandisziplin, und dieser Begriff stammt her vom lateinischen »arcanus«: geheim, geheimnisvoll. Um ein Letztes zu nennen: Die Esoterik ist verbunden mit der Mystik und den Mysterienkulten, und in diesen Bezeichnungen verbirgt sich das griechische »mysticos« (bzw. lateinische »mysticus«) — wiederum mit der Bedeutung: geheim.

Man könnte also meinen, das Geheime und Geheimnisvolle sei der Inbegriff alles Esoterischen, aber das genügt wohl kaum als Definition. Denn dann würde sich die Esoterik ja völlig auflösen, wenn ihre Geheimnisse publik wären. Und man hat heute, wo der Prozeß der Popularisierung in vollem Gang ist, gerade umgekehrt den Eindruck, daß die esoterische Bewegung immer weiter wächst.

Die Geheimhaltung macht also noch nicht die ganze Esoterik aus, dennoch ist sie ein zentrales Element, wobei wir aber verschiedene Punktionen unterscheiden müssen. Traditionellerweise wurde immer argumentiert, das Geheimhalten diene erstens dazu, die heiligen Lehren, Kulte, Stätten usw. vor Entweihung und Entheiligung zu schützen, und zweitens um Uneingeweihte davor zu bewahren, mit für sie gefährlichen Kräften oder Geisteswesen in Kontakt zu kommen.

Daneben lassen sich aber auch viel profanere Gründe denken, warum bei den Esoterikern alles so »mysteriös« zugeht, nämlich weil sie im Laufe der Geschichte fast ständig Anfeindungen und Verfolgungen ausgesetzt waren und sich nur durch Isolation und Verschwiegenheit schützen konnten. Eine Geheimnis­tuerei kann aber auch dazu nützen, Privilegien und Macht zu erlangen wie zu bewahren. Wissen ist Macht, und für geheimes Wissen gilt das um so mehr.

Wenn wir davon ausgehen, daß mit dem Geheimen und Heimlichen nicht das ganze Wesen der Esoterik erfaßt ist, wie aber bestimmen wir sie dann weiter? Man kann noch einmal auf das griechische Wort »eso« zurückgreifen, das zuvorderst innen bedeutet, im Gegensatz zu »exo«: außen. Von daher hat man die Esoterik auch als inneren Weg bezeichnet.


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Soll heißen ein Weg, auf dem wir unser eigenes Inneres, unsere Seele und unseren Geist, bilden und entwickeln, und zwar speziell mit inneren Methoden wie beispielsweise Introspektion (Innenschau), Selbstbesinnung und Meditation.

Diese Kennzeichnung der Esoterik als Selbsterfahrung und Selbstentfaltung trifft aber nur einen Teil ihrer Richtungen, und das gilt gerade heute. Da geht es vielen keineswegs nur um innere Werte, sondern sie suchen im Esoterischen gerade den äußeren Erfolg, beruflichen Aufstieg und Reichtum, wenn z.B. die Börsenkurse mittels Astrologie berechnet werden, Auch verwendet man nicht nur innere — seelisch-geistige — Methoden, sondern ebenso elektronische Gehirnmaschinen.

Falls wir die Esoterik nicht künstlich auf einen Bereich einengen wollen, müssen wir akzeptieren, daß sie ein äußerst vielschichtiges und reichhaltiges Gebiet ist, welches sich einer einfachen, eindeutigen Defitinion verweigert. Im Grunde gibt es nicht eine einheitliche Vorstellung von Esoterik, sondern eine Unzahl von verschiedenen Richtungen.

 

Ordnung und Abgrenzung  

Versuchen wir, die unüberschaubare Vielfalt des Esoterischen etwas zu ordnen. Zunächst einmal kann man unterscheiden zwischen theoretischer und praktischer Esoterik. Die theoretische Richtung befaßt sich vor allem mit Fragen wie etwa: Was ist der Mensch? Was ist Gott? Was ist die Welt? Die sich daraus ableitende, aber im Vordergrund stehende praktische Richtung versucht, dem Menschen Hilfestellung und Rat zu bieten: bei erhabenen Zielen wie der Selbstvervollkommnung, aber auch bei banalen Alltags­problemen wie »Soll ich meine Reise besser heute oder morgen antreten?«

Die (theoretische und praktische) Esoterik läßt sich in etwa fünf Teilgebiete untergliedern:

  • (1)  Mystik

  • (2)  Magie 

  • (3)  Wahrsagen 

  • (4)  Psi 

  • (5)  Spiritismus

(1)  Bei der Mystik (oder dem Spiritualismus), der edelsten esoterischen Disziplin, geht es darum, sein höheres Selbst zu entfalten und sich mit dem Göttlichen zu vereinen.

(2)  Der Magier verfolgt vor allem das Ziel, Macht über jenseitige Kräfte, Geister oder andere Menschen zu gewinnen, und oft mit ganz unedlen Absichten.


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(3)  Unter Wahrsagen (oder Divination) möchte ich Methoden wie Astrologie, Tarot und I Ging zusammen­fassen, mit denen man Erkenntnis und Rat, vor allem die Zukunft betreffend, zu erlangen hofft.

(4)  Mit »Psi« (oder Okkultismus) bezeichnet man übernatürliche Fähigkeiten wie Hellsehen und Telepathie oder Psychokinese, d.h. die Bewegung von Gegenständen allein durch geistige Kräfte.

(5)  Unter Spiritismus kann man verschiedenste Formen des Geisterkontaktes zusammenfassen, vom Tischrücken über Channeling bis zum Hexen(un)wesen und Satanismus.

 

Sicherlich ist diese Einteilung relativ, es gibt Übergänge zwischen den Bereichen, und man könnte sie auch anders zusammenordnen.1 Ebenso ist es schwierig, die Esoterik gegen andere Disziplinen abzugrenzen, denn sie steht in mehr oder weniger enger Verbindung vor allem zu Philosophie, Religion, Psychotherapie und Wissenschaft.

Philosophie       Wissenschaft

Esoterik

Religion        Psychotherapie

Wie die Philosophie fragt auch die Esoterik danach, »was die Welt im Innersten zusammenhält«. Doch während die meisten Philosophen auf ihren geschulten Verstand bauen, halten die Esoteriker dagegen, daß es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als wir es uns mit unserer Schulweisheit träumen lassen.

Gerade zwischen Religion und Esoterik sind die Grenzen fließend, um so mehr haben hier erbitterte Grabenkämpfe stattgefunden. Die christliche Kirche setzt den Glauben gegen esoterischen Aberglauben oder Unglauben, aber die Esoteriker meinen, die innere Erfahrung des Göttlichen der kirchlichen (Str)enggläubigkeit entgegenhalten zu können.

Wie die Psychotherapie versteht sich auch die Esoterik als eine Methode, die dem Menschen hilft, seelische Probleme zu überwinden und sich selbst zu finden. Doch während Psychologen die »negative Kindheit« als Krankheitsursache sehen, verweisen Esoteriker z.B. auf »negatives Karma«, das heißt Belastungen aus früheren Leben. Allerdings verwenden heute bereits viele Therapeuten auch esoterische Verfahren.

Das Verhältnis der Esoterik zur Wissenschaft ist ähnlich gespannt wie das zur Kirche. Wenn die Wissenschaftler den Esoterikern Irrationalismus ankreiden, so kontern diese mit dem Vorwurf des engstirnigen Rationalismus. Und obwohl es heute durchaus (wieder) Annäherungen zwischen diesen beiden Bereichen gibt — die Domäne der wissenschaftlichen Forscher bleibt die materielle Welt, während die esoterischen Sucher vor allem interessiert: »Wie erlangt man Erkenntnis höherer Welten?«

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Geschichte der Esoterik: 
Von Atlantis bis in unsere Gegenwart

 

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Genauso wie die Esoterik an sich schwierig zu umgrenzen ist, so ist es natürlich auch ihre Geschichte. Sie läßt sich nur bestimmen und verstehen im Zusammenhang mit der gesamten Geschichte, vor allem Geistesgeschichte von Philosophie, Religion etc., wovon ich allerdings (selektiv) nur so viel aufgreifen möchte, wie zum Verständnis der Esoterikentwicklung nötig ist.

Die Geschichte ist unerhört wichtig für die Esoterik, denn die meisten ihrer Methoden, wie die Astrologie, reichen Jahrhunderte oder noch weiter zurück, und man ist stolz auf diese Verwurzelung in der Vergangenheit. So betont der fachkundige Hans-Dieter Leuenberger, »daß Esoterik nicht einfach ein anderes Wort für alternativ, grün, versponnen oder gar verschwommen ist, sondern daß mit Esoterik eine jahrtausendealte geistige Tradition der Menschheit bezeichnet wird ...«2)

Wir finden sogar die Tendenz, einfach alle Geistesströmungen des Altertums als »esoterisch« für sich zu vereinnahmen. Eine solche »Esoterisierung« mag dadurch motiviert sein, daß alles, was im Dunkel ältester Vergangenheit ruht, für uns zum großen Teil verborgen bleibt und damit geheimnisvoll und rätselhaft wirkt. Es gibt aber auch noch einen besseren Grund, denn man kann wirklich mit gewisser Berechtigung sagen, daß ehe sich die institutionalisierte staatliche Kirche, vor allem aber ehe sich die Wissenschaft durchsetzte, eine esoterische, soll heißen archaische, magische oder mythologische Weltanschauung generell vorherrschte. Und insofern hat sich — wie wir noch sehen werden — die Verbreitung der Esoterik grundsätzlich in dem Ausmaß zurückentwickelt, wie die Kirche und später die Wissenschaft sich ausbreiteten.

Das wissenschaftliche Denken geht also (wenigstens partiell) auf ein magisches, mythisches u.ä. zurück oder war — in einem noch vorwissenschaftlichen Stadium — mit diesem identisch, genauso wie die Astronomie und Astrologie im alten Babylonien noch zusammengehörten (ähnliches gilt für Chemie und Alchemie). Aber die Wissenschaften haben sich ständig weiterentwickelt, unsere heutige Astronomie ist nicht mehr mit der vor 4000 Jahren zu vergleichen.

Dagegen blieb die Esoterik vielfach den alten Lehren verhaftet. Zwar gibt es z.B. in der Astrologie auch neue Entwicklungen, aber im wesentlichen bezieht man sich noch immer auf die Erkenntnisse der betagten babylonischen Sterndeuter. 


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Nur bedeutet dies für die Esoteriker kein Steckenbleiben, keinen Anachronismus, sondern sie behaupten gerade, daß die »Alten« ein höheres (oder auch tieferes) Wissen als wir besaßen, daß ihre Weisheit unserem heutigen Kopfwissen weit überlegen war. Und so sei es unsere Aufgabe, die geistigen Schätze der Vergangenheit wieder auszugraben.

Ich möchte im folgenden einen Überblick geben, der sich primär auf die europäische Esoterikgeschichte konzentriert. Vieles, was in dieser Übersicht nur knapp und stark vereinfachend geschildert werden kann, wird später noch genauer beschrieben werden. Die Dimension des Geschichtlichen bringt es mit sich, daß über manche »Fakten« und Daten unterschiedliche Angaben in der Fachliteratur gemacht werden. Ich habe mich in solchen Fällen normalerweise auf eine Version festgelegt, um die Übersichtlichkeit zu wahren.3

 

Außereuropäische Traditionen — 
Asien, Amerika, Afrika, Australien 

 

Die wichtigste Rolle spielt hier sicherlich der (Ferne) Osten, sprich Asien. Immer wieder im Verlauf der Geschichte wurde die Esoterik von östlichen Ideen befruchtet, und auch gerade heute genießt das östliche Denken bei vielen Esoterikern in der westlichen Welt den höchsten Rang. Man neigt im allgemeinen dazu, die asiatischen Religionen — nicht nur in ihrer vergangenen, sondern auch in ihrer gegenwärtigen Form — automatisch der Esoterik zuzurechnen, ganz anders als etwa das Christentum.

Als erstes möchte ich den Hinduismus in Indien nennen. Er ist historisch vor allem bestimmt durch die Veden, heilige Schriften, die etwa 1500-500 v. Chr. verfaßt wurden, aber auf ältere mündliche Überlieferungen zurückgehen. Eine besondere Bedeutung besitzt der letzte Teil der Veden, die Upanishaden, die in erster Linie die Erkenntnis des Selbst durch Meditation behandeln. Neben den vedischen Schriften spielen aber auch Epen eine große Rolle im Hinduismus, vor allem das Mahabharata mit der darin enthaltenen Bhagavadgita, einem Dialog des sagenhaften Krishna mit dem Krieger Ariuna. (In der Uriassung wohl aus dem 2. Jahrhundert v. Chr.) 

Der Hinduismus nimmt ein unfaßbares, göttliches Urprinzip an: Brahman. Es wurde später zu dem Gott Brahma (dem Weltschöpfer) personalisiert, der zusammen mit den Göttern Vishnu (Welterhalter) und Shiva (Weltzerstörer) eine Trinität bildet. Die Götter treten aber in verschiedenen Gestalten auf, Vishnu z. B. in der Bhagavadgita als göttlicher Held Krishna. Ebenfalls in der Zeit der Veden und danach entstanden in Indien verschiedene Yoga-Schulen. Yoga ist ein (mehrstufiger) Weg, zur Vereinigung mit Brahman zu gelangen. Er umfaßt weit mehr als die bei uns im Westen bekannten Körperübungen. Die berühmteste Lehrschrift sind die Yoga-Suft-as (Lehrsätze) des indischen Weisen Patanjali (etwa 2. Jahrhundert v. Chr.)4


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Um 560-480 v.Chr. lebte Gautama Buddha, der Begründer des Buddhismus. Seine Lehre kennt ursprünglich keinen Gott, sie beinhaltet »nur« einen Weg, die Welt, die als Leiden begriffen wird, zu überwinden, vor allem durch Meditation. Buddhas Worte wurden jahrhundertelang mündlich weitergegeben und erst im 1. Jahrhundert n. Chr. aufgeschrieben, in den sogenannten Pali-Texten.

In Verbindung zu Hinduismus wie Buddhismus steht der Tantrismus, kurz auch Tantra genannt. Es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher tantrischer Schulen, die aber die Auffassung teilen, daß alles im Kosmos miteinander verbunden ist: Alles ist eins. Die sexuellen Praktiken, die naturgemäß im Westen die größte Aufmerksamkeit gefunden haben, stellen nur einen kleinen Teil des Tantra dar.

Der Buddhismus, der sich in Indien auf die Dauer nicht gegen den Hinduismus behaupten konnte, breitete sich in verschiedene Länder aus, unter anderem nach Tibet in Form des Lamaismus, nach Japan, wobei uns Westlern vor allem der Zen-Buddhismus und die Zazen-Meditation bekannt sind, und auch nach China, wo er allerdings sehr wechselhafte Zeiten erlebte.

Etwa zur gleichen Zeit wie Buddha in Indien lehrte in China Laotse (auch Lao-tzu, etwa 604-520 v. Chr.); einige Wissenschaftler bestreiten allerdings, daß er wirklich gelebt hat, und betrachten ihn als legendäre Person. Laotse gilt als Begründer des Taoismus und ist vor allem durch das Weisheitsbuch Tao-te-king bekannt. Darin wird das Tao als unbegreiflicher, rätselhafter Urgrund der Welt beschrieben oder besser umschrieben.

Schon Laotse schöpfte aus dem I Ging, dem »Buch der Wandlungen«» neben dem Tao-te-king die berühmteste esoterische Schrift der Chinesen. Das I Ging, als Orakel und Ratgeber verwendet, erfreut sich übrigens in den letzten Jahren bei uns steigender Beliebtheit. Man datiert es auf etwa 1000 v. Chr., aber es ist in mehreren Etappen von verschiedenen Autoren immer weiter ausgebaut worden.

Einer dieser Autoren war Konfuzius, auch Kung-fu-tse bzw. »Meister Kung« genannt; er lebte von 551 bis 479 v. Chr. Konfuzius' Lehre, die vor allem in einer Zusammenfassung klassischer chinesischer Weisheiten bestand und von seinen Nachfolgern zum Konfuzianismus entwickelt wurde, war weniger eine Religion als eine Moral- und Sozialphilosophie, die aber dann religiös überhöht wurde. Konfuzius forderte vom Menschen insbesondere Weisheit, Güte, Treue, Ehrfurcht und Mut — zur Bildung eines harmonischen Gemeinwesens.

Buddha, Laotse und Konfuzius, die drei wohl größten asiatischen Weisheitslehrer, lebten also im 6. Jahrhundert v. Chr. Und wie wir noch sehen werden, erwachte in dieser Zeit auch die griechische Philosophie mit Denkern wie Thales, Pythagoras und Heraklit. 


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Ebenfalls in diesem Jahrhundert riefen bei den Juden die Propheten zur sittlichen Entscheidung für Gott Jahwe auf, und in Persien wurde die Religion Zarathustras zur prägenden Kraft. Manche Historiker sprechen deshalb — etwas überpointiert — von einer »Achsenzeit« der Weltgeschichte, in der das Denken, die Persönlichkeitsentwicklung und die Ethik des Menschen einen Aufschwung vollzogen.

 

Neben Asien spielt Amerika die größte Rolle für die europäische Esoterik, zunächst einmal Nordamerika mit seinen Ureinwohnern, den Indianern. Zeitliche Einordnungen sind hier schwierig, weil uns schriftliche Quellen fehlen. Die Religion der Indianer wurde vielleicht auch deshalb oft simplifiziert, als Glaube an den »großen Manitu« und die jenseitigen »ewigen Jagdgründe«. Aber die indianische Religion ist durchaus komplex, sie umfaßt Geisterglauben, Magie und Schamanismus

In den letzten Jahren, im Rahmen der New-Age-Bewegung, hat das religiöse Denken der Indianer eine neue Wertschätzung erfahren, auch durch Vortragsreisen von »Medizinmännern« wie Rolling Thunder oder Sun Bear. Denn die Indianer besitzen eine zutiefst ökologische Religion, die die Verbundenheit von Mensch und göttlicher Natur herausstellt und die daher gerade für die »zivilisierte Welt« von Bedeutung ist, in der man sich der Natur entfremdet hat und sie zu zerstören droht. 

Noch anziehender für die Esoterik sind aber die geheimnisvollen alten Kulturen Mittel- und Südamerikas: vor allem die Mayas (Blütezeit etwa 300-900 n. Chr.) mit ihren großartigen Tempelpyramiden und einer hochstehenden Kalenderastronomie. Die Mayas besaßen ein reiches religiöses Leben mit einem bunten Götterreigen, einer umfangreichen Priesterklasse und aufwendigen religiösen Zeremonien, wobei die wahrsagenden Priester bewußtseinsverändernde Drogen eingenommen haben sollen. Besondere Verehrung genoß der Schlangengott Kukulkan, die »gefiederte Schlange«, von dem Erich von Däniken sogar vermutete, er sei vom Ursprung her ein Außerirdischer, ein Besucher von einem anderen Stern.

Auch die mexikanischen Völker wie Zapoteken, Tolteken und zuletzt Azteken besaßen eine hochentwickelte Kultur und Religion, etwa seit dem l. Jahrhundert, bis die christlichen Spanier im 16. Jahrhundert ihr möglichstes taten, alles »Heidnische« zu vernichten. Was die heutigen Esoteriker in ihrer Begeisterung für diese frühen »esoterischen« Kulturen aber oft übersehen, sind die exzessiven Menschenopfer, die Blutorgien, mit denen damals grausamen Göttern gehuldigt wurde. 

In Südamerika ist es das Reich der Inka, das die Phantasie okkulter Kreise am meisten angeregt hat: große Kultbauten, Sonnenpyramiden zu Ehren des Sonnengottes; Nonnen, die das heilige Feuer hüteten und in strenger Keuschheit lebten, mußten als »Gottesbräute« ihrem Herrn dienen. Doch schon nach etwa hundert Jahren ging die Herrschaft der Inkas unter. War es der Spanier Cortes, der das Aztekenreich vernichtete, so war es der Spanier Pizarro, der 1533 den letzten Inka-König töten ließ.


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Von Amerika nach Afrika. Die heutige Esoterik bezieht sich in ihrer Geschichte nur wenig auf Afrika, jedenfalls nicht auf Schwarzafrika (zur Bedeutung nordafrikanischer Staaten wie Ägypten kommen wir noch). Bei den afrikanischen Ureinwohnern finden sich religiöse Formen wie Animismus, der Glaube an die Beseeltheit von Natur und Naturkräften, also an Naturgeister und -götter; Fetischismus, die Anbetung eines leblosen Gegenstandes, z.B. eines Steins, dem übernatürliche Kräfte zugeschrieben werden; und Totemismus, die Verehrung eines Tieres oder ähnliches als Symbol einer Sippe oder Familiengruppe, wobei das Totem(-Tier) oft ,als übernatürlicher Ahne der Gruppe gilt.

Die religiösen Rituale sind meist mit Singen, Tanzen, Trommeln und rhythmischem Sprechen verbunden, was zu einer Trance führt. Berühmtberüchtigt ist Voodoo, das sind magische, vor allem schwarzmagische Praktiken mit Schlangentänzen, Sexopfem, manchmal sogar Kannibalismus, zur Beschwörung von Geistern, Ungeheuern und Zombies. Der Voodoo-Kult entstammt allerdings Haiti und wurde durch den Sklavenhandel nach Afrika verbreitet (in der Literatur findet man aber auch die umgekehrte Version, daß er von Afrika nach Haiti gekommen sei).

Australien, der kleinste Kontinent, erfährt erst in der letzten Zeit von den Esoterikern mehr Beachtung, denn man fand heraus, daß die Aborigines, die Ureinwohner, ein eindrucksvoll magisch-religiöses Weltbild besaßen. Eine große Rolle in ihrer religiösen Praxis spielten die Tjurungas, »Seelensteine«, denen man besondere Kraft- und Schutzwirkungen zuschrieb. Sie wurden wie ein Schwirrnolz verwendet, das heißt an einer Schnur herumgewirbelt, wodurch ein brummendes Geräusch entstand, das man für eine Geisterstimme hielt. Die Initiationsriten waren sehr hart, sie umfaßten Feuerproben und auch Zahnausschlagen. Die Aborigines, die bis in die Gegenwart hinein auf einer steinzeitlichen Stufe lebten, verteidigen heute so verzweifelt wie vergeblich ihre religiösen Traditionen und heiligen Orte gegen das Vordringen der Zivilisation.

 

Der Ursprung im Mythos — 
Das sagenhafte Atlantis  

 

Wir kommen jetzt zur Geschichte der europäischen Esoterik bzw. ihrer Ursprünge. Generell läßt man die Alte Geschichte etwa 3000 v. Chr. beginnen, bei den frühen Hochkulturen mit ihren gewaltigen Bauwerken und der Entwicklung einer Schrift, als das mentale, geistige Stadium der Menschheit seinen Anfang genommen haben soll. Entsprechend setzt auch die Esoterik ihren Beginn in diese Zeit der alten Ägypter und Babylonier.

Aber was war vorher, in der Vorgeschichte?  In dieser Zeit lebten die Menschen noch stärker eingebunden in eine ganzheitliche Welt, in der Profanes und Heiliges, Weltliches und Religiöses kaum voneinander unterschieden waren. Magie und Zauber wurden als integraler Bestandteil dieses Lebens angesehen


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und verhalfen zur Ordnung und Orientierung, indem sie unbegreifliches Geschehen als Verhalten von Dämonen und Geistern scheinbar erklärbar, vorhersehbar und sogar kontrollierbar machten. Insofern ist eigentlich gerade diese Frühzeit mit ihrem ganzheitlichen Weltbild für die Esoterik von besonderer Bedeutung.

Nur gibt es aus dieser Epoche keine schriftlichen Quellen; zum Teil lebt sie fort in Bildern wie Höhlenmalereien und Felszeichnungen, z.B. den Tierbildern in der Höhle von Altamira in Nordspanien aus der Altsteinzeit, etwa 12.000 v.Chr. Pfeile, die auf die Tiere zielen, stehen wahrscheinlich für einen Jagdzauber; man wollte das Wild auf magische Weise schon erledigen, bevor ein wirklicher Pfeil losgeschossen wurde. 

Vor allem wird die vorgeschichtliche Zeit aber mündlich überliefert — in Sagen und Mythen, die dann später niedergeschrieben wurden. Darunter gibt es nun auch solche Mythen, die davon künden, daß es vor Urzeiten schon einmal hochstehende Zivilisationen auf der Erde gab, wie manche Esoteriker spekulieren, sogar geistig und wissenschaftlich weiter entwickelt als unsere heutige: z.B. Lemuria, wobei die Lemurier beschrieben werden als »vier Meter groß, hermaphroditisch, eierlegend und mit einem dritten Auge am Hinterkopf ausgestattet«, oder das unterirdische Reich Agartha mit seinem geheimnisvollen Zentrum Schimballah. Natürlich auch Atlantis, die legendäre Insel von der Größe eines Erdteils, die in einer gewaltigen Katastrophe unterging.

Urheber der Geschichte von Atlantis ist der griechische Philosoph Platon (427-347 v. Chr.), der sie allerdings aus »gutunterrichteten ägyptischen Kreisen« übernommen haben will. Bis heute bleibt umstritten, ob diese Insel je real existierte. Unzählige Theorien über ihre geographische Lage sind inzwischen aufgestellt worden. Die bekannteste besagt, daß Atlantis mit der Insel Thera (Santorin) identisch sei, die durch einen Vulkanausbruch 1470 v. Chr. verwüstet wurde; aber nach Platon soll die Katastrophe bereits 9000 Jahre vor seiner Zeit geschehen sein. Andere verlagern das Geschehen noch viel weiter in die Vergangenheit: Atlantis soll vor etwa einer Million Jahren existiert haben und vor 80 000 Jahren untergegangen sein.

Wie auch immer: Atlantis — allein der Klang dieses Namens läßt bis heute die Herzen von Esoterikern höher schlagen und beflügelt ihre Phantasien. Viele glauben, die Einwohner dieses märchenhaften Landes seien eine Art Übermenschen gewesen — mit spiritueller Weisheit und magischen Kräften, die sie allerdings zuletzt mißbrauchten, was die eigentliche Ursache für den Untergang gewesen sein soll. So ist es auch kein Wunder, daß sich bei spiritistischen Sitzungen häufig ehemalige Atlanter als weise »Geistlehrer« melden, aktuell in unseren Tagen, z.B. »Lye, der Alte aus Atlantis«, durch das Medium Julie Aspoti.

Anhänger der Archäoastronautik wie Erich von Däniken halten die Atlantisbewohner sogar für uns weit überlegene (ehemalige) Außerirdische. Hierzu paßt die Spekulation, einige Atlanter hätten den Untergang ihrer Insel überlebt und seien nach Ägypten gekommen, wo sie maßgeblich den plötzlichen Aufschwung zur Hochkultur bewirkten.


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Geheimnisvolle Hochkulturen des Orients (etwa ab 3000 v. Chr.)

 

Bleiben wir gleich bei Ägypten, das wohl die größte Rolle in der esoterischen Historie spielt. Fast alle Geheimlehren von der Alchemie bis zur Traumdeutung sollen hier ihren Ausgang genommen haben, was aber nicht immer der historischen Wahrheit entspricht.

Unbestreitbar ist der mächtige Priesterstand mit verschiedenen Klassen, wobei die angehenden Priester in Tempelschulen ihre Einweihung in die Mysterien erhielten. Eine besondere Bedeutung besaß dabei der Totenkult. Die Ägypter glaubten an ein körperliches Weiterleben nach dem Tod, und so gaben sie ihren einbalsamierten Toten (jedenfalls den begüterten) reiche Gaben mit auf den Weg. Im Ägyptischen Totenbuch, einer Sammlung von Grabinschriften, die — etwa 2350-2175 v. Chr. entstanden — zu den ältesten Texten der Menschheit gehören, werden dem Toten Ratr schlage gegeben, wie er sich auf seiner Reise ins Schattenreich verhalten soll.

Im Zusammenhang mit dem Totenkult stehen auch die Pyramiden als Grabstätten der Pharaonen; am bekanntesten sind die drei bei Gise, vor allem die Cheopspyramide (etwa 2600 v. Chr.). Aber daß dieses rätselhafte Monument ein »simples« Grab sein sollte, schien vielen Esoterikern völlig unzumutbar, und so entwickelte sich ein reger Pyramidenmystizismus: Die Pyramide habe als Einweihungsstätte für die ägyptische Mysterienschule gedient, sie enthalte in ihren Baumaßen astronomische und mathematische Daten, z.B. die Kreiszahl »Pi«, und aus der Anatomie ihrer Gänge ließe sich der Verlauf der Weltgeschichte vorhersehen — danach hätte der letzte Weltuntergang etwa 1987 stattfinden sollen ... Einer breiteren Zustimmung erfreut sich in okkulten Kreisen die Theorie, daß jede Pyramide einfach von ihrer Form her eine besondere Kraft (Pyramid Power) ausstrahle.5

Übertreffen in ihrer geheimnisvollen Aura werden die Pyramiden vielleicht noch von der Sphinx, einem geflügelten Mensch-Löwe-Wesen. Dieses gewaltige, zwanzig Meter hohe Steinbild, fast stets nur als »die rätselhafte Sphinx« apostrophiert, soll das Geheimnis esoterischen Wissens symbolisieren und sein Wächter sein, so schrieb schon der griechische Philosoph Plutarch im 1. Jahrhundert n. Chr. Aber nach Auffassung der Ägyptologen ist die Sphinx eine symbolische Darstellung des Pharaos Chephren oder des Sonnengottes Re — manches Geheimnis erweist sich also bei nüchternem Blick als gar nicht so geheimnisvoll...


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Ägypten hat aber esoterisch noch mehr zu bieten. Hier nahm auch der Kult der Isis, der großen Göttin, seinen Ausgang, der sich in römischer Zeit (mit gewissen Abänderungen) über das ganze Imperium verbreitete und auch Einfluß auf die christliche Vorstellung der Jungfrau Maria, der Mutter Gottes, gewonnen hat. Vor allem aber gibt es hier den Gott Thot, den Gott der Weisheit und Magie, den die Griechen später mit dem Götterboten Hermes gleichsetzten und der uns in Gestalt des legendären Hermes Trismegistos — als Ahnherr der hermetischen Geheimlehre — noch beschäftigen wird. Nicht zuletzt er hat dazu beigetragen, daß Alt-Ägypten für viele Esoteriker ihr »gelobtes Land« ist; vielleicht taucht es bei ihren Wiedergeburtserlebnissen deshalb so häufig als Heimat in einem früheren Leben auf.

Vielfach liest man, auch die Alchemie hätte ihren Ursprung im Land der Pharaonen: Alchemie, die Kunst der Herstellung von Gold (bzw. der Versuch dazu), die den wahren Adepten allerdings vor allem als ein Weg zur geistigen Selbstentwicklung galt. Kurt Seligmann, ein Kenner der Esoterikgeschichte, bestreitet jedoch diese Urheberschaft. Zwar seien die alten Ägypter bereits Meister der Metallbearbeitung gewesen, aber das habe noch nichts mit geistiger Alchemie zu tun gehabt, die nach seiner Auffassung zu den jüngeren magischen Disziplinen gehört und sich erst im 1. nachchristlichen Jahrhundert entwickelt hat.6

Ungefähr zur gleichen Zeit, als sich im Reich der Pyramiden die erste Hochkultur entfaltete, geschah dies auch in Mesopotamien, dem »Zweistromland« zwischen Euphrat und Tigris, wobei verschiedene Völker, Sumerer, Akkader, Assyrer u.a., mitwirkten. Im 18. Jahrhundert v. Chr. entstand hier das Reich Babylonien mit dem alten Babylon als Hauptstadt. Die Babylonier gelten als die eigentlichen Begründer der Astronomie wie Astrologie. Von ihnen stammen auch viele Mythen, die später andere Religionen beeinflußten, z.B. über die Schöpfung und über die Sintflut. Besondere Faszination, gerade auch in der Welt der Esoterik, hat der Mythos von Gilgamesch, einem König aus Uruk, ausgelöst — als Gilgamensch-Epos etwa 2000 v. Chr. auf Tontafeln geritzt. Angeblich hat Gilgamesch um 2670 v. Chr. tatsächlich gelebt, aber seine Person wurde heroisiert und mythologisiert. Das Epos berichtet über seine (vergebliche) Suche nach dem Kraut ewigen Lebens, also nach der Unsterblichkeit — ein wahrhaft esoterisches Motiv, das uns vor allem in der alchemistischen Suche nach dem Lebenselixier wiederbegegnen wird.

Auch der »Turmbau zu Babel« hat besonderes okkultistisches Interesse gefunden. Entgegen dem biblischen Bericht war der babylonische Turm keineswegs extrem hoch, er sollte nur symbolisch in den Himmel ragen, denn er symbolisierte mit seinen sieben Stufen die sieben damals bekannten Planeten, die ihrerseits wiederum mit sieben Phasen der geistigen Entwicklung des Menschen auf dem Weg zu Gott in Verbindung gebracht wurden.


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Andererseits war der Tempelturm quadratisch (viereckig) gebaut und entsprach damit der altsumerischen Vorstellung von einem viergeteilten Himmel. Diese Berück­sichtigung »magischer Zahlen« in der Architektur zeigt, daß auch die Zahlenmystik in Babylon schon eine Rolle spielte. Übrigens erlebte der Turm wie seine Stadt seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. verschiedene Male Zerstörung und Wiedemeuaufbau. Unter Nebukadnezar (605-592 v. Chr.) fand das Neubabylonische Reich der Chaldäer zu neuer Blüte, und auch die chaldäische Astrologie, die schon Entsprechungen zwischen Planeten, Farben und Metallen kannte: Jupiter entsprach so die Farbe Weiß und das Metall Zink — Saturn die Farbe Schwarz und das Metall Blei.

 

Die Zeit des Alten Testaments (etwa ab 1300 v. Chr.)

 

Die Geschichte des Volkes Israel ist mit der Ägyptens wie mit der Babyloniens verbunden. Der Religionsstifter des Judentums, Moses, lebte um 1225 v. Chr. am ägyptischen Hof, wo er — jedenfalls nach esoterischer Geschichtsschreibung — die Mysterienschule der Priester durchlaufen hat, also zum »Eingeweihten« wurde. Moses soll dann Mitte des 13. Jahrhunderts den Auszug der Kinder Israels aus Ägypten, wo diese wie Sklaven lebten, geleitet haben, was allerdings historisch nicht gesichert ist. Jedenfalls heißt es, daß die Israeliten auf diese Weise mit der ägyptischen Religion und Esoterik in Berührung kamen und partiell auch als Erbe dieser Traditionen gelten können, was sich zwar kaum in ihrer offiziellen Religion zeigt, aber in der jüdischen Mystik, der Kabbala.

In Ägypten haben die Israeliten vielleicht auch die Verehrung des göttlichen Stiers (bzw. seiner Standbilder) kennengelernt, was von Moses »Tanz um das Goldene Kalb« genannt wurde. Nach anderer Auffassung wurde diese Götzenanbetung von den Kanaanitern übernommen, der vorisraelischen Bevölkerung Palästinas, die den Stiergott Baal verehrten — wie auch immer: Stierkulte waren ohnehin im ganzen Orient verbreitet. Jedenfalls war solches religiöse »Fremdgehen« natürlich eine schlimme Verfehlung im Judentum, das — als streng monotheistisch — nur den Glauben an den einen Gott Jahwe zuließ, von dem man sich überdies kein Bildnis machen durfte.7

Um 587 v. Chr. wurde — nach der Eroberung Jerusalems — der größte Teil des israelitischen Volkes von Nebukadnezar in die Verbannung nach Babylon verschleppt, wo sie mit chaldäischer Magie in Berührung kamen. »Trotz des hartnäckigen inneren Widerstandes waren die Juden im Exil nicht imstande, sich fremdem Einfluß zu entziehen. Viele vergaßen ihre Heimat, und nur ganz wenige blieben standhaft in ihrem Glauben. Auch die in Palästina zurückgeblieben waren, unterlagen kaum weniger den assyrisch-babylon­ischen Einflüssen.«8 Und dies, obwohl die Propheten wie Jesaja (8. Jahrhundert v. Chr.), Jeremias (7. Jahrhundert v. Chr.) und Hesekiel (6. Jahrhundert v. Chr.) immer vor einem Abfall vom Glauben gewarnt hatten und man die Babylonische Gefangenschaft auch als Strafe Jehovas für solchen Abfall ansah.


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Als die Juden — wie man sie seit dem babylonischen Exil nennt — in ihre Heimat zurückkehrten (um 540 v. Chr.), hatten sie das Vertrauen in ihre eigene irdische Macht verloren. Sie richteten ihre Hoffnungen auf das Kommen eines Messias, eines Heilsbringers; noch mehr richteten sie ihre Erwartungen aber auf ein Leben nach dem Tod — Gottes Reich war nicht von dieser Welt. 

Die Entwicklung des Judentums ist von großer Bedeutung für die gesamte (Geistes-)Geschichte, aber besonders für die esoterische. Denn aus dem Judentum entsprang das Christentum, das zur vielleicht wichtigsten geistigen, religiösen und politischen Macht wurde und das Abendland prägte. Und wenn es auch Berührungs- und Überschneidungspunkte zwischen Christentum und Esoterik gibt, so wurde das Esoterische doch von der Kirche überwiegend attackiert. Diese Auseinandersetzungen zwischen verordneter, institutionalisierter Religion und spontanem Glauben, einschließlich Volks- und Aberglauben, nehmen bereits in der jüdischen Religion ihren Anfang. Andererseits haben manche ihrer Elemente wie Messiaserwartung, Jenseitsorientierung oder Auserwähltheitsvorstellung bestimmte esoterische Richtungen (nicht alle!) deutlich beeinflußt. 

Weniger bekannt ist der Einfluß des Parsismus, der Religion der Perser, auf das Christentum wie die Esoterik. Sein Religionsstifter Zarathustra (griech. Zoroaster) lebte etwa 600 v. Chr. in Persien; die Angaben über seine Lebensdaten gehen allerdings weit auseinander.9 Wie schon bei älteren Religionen, z.B. der der Akkader, finden wir bei ihm einen ausgeprägten Dualismus: einen Gegensatz zwischen dem Guten, repräsentiert von Gott Ahura Mazda (modern Ormazd), und dem Bösen, vertreten von Ahriman, dem obersten Teufel. Aber während die früheren Lehren von einem ewigen Kampf zwischen Gut und Böse, Licht und Dunkelheit ausgingen, siegt bei Zarathustra zu guter Letzt das Gute. Der Philosoph Friedrich Nietzsche hat ihm, der »wahrhafter sei als sonst ein Denker«, mit seinem berühmten Buch »Also sprach Zarathustra« ein Denkmal gesetzt.

 

Antike — Okkultes bei den alten Griechen (etwa 800-400 v. Chr.)

 

Natürlich beginnt die Geschichte der Griechen nicht erst um 800 v. Chr., aber doch ihre Blüte und die Entwicklung zur Großmacht. Aus ihrer »Vorgeschichte« sind für die Esoterik besonders interessant: der mythische Kampf um Troja (etwa im 3. Jahrtausend v. Chr.), den der Dichter Homer um 750 v. Chr. in seinem Epos »Ilias« beschrieb, sowie die minoische Kultur (im 2. Jahrtausend v. Chr.), benannt nach König Minos, der in Knossos auf Kreta das vielleicht berühmteste Ungeheuer der griechischen Mythologie in einem Labyrinth gefangenhielt, den Minotauros, ein Wesen mit Menschenleib und Stierkopf.


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Zurück zur griechischen Klassik und ihrer Religion und Magie. Eine große Rolle spielte das Wahrsagen von Propheten und Sehern, die beispielsweise aus dem Vogelflug die Zukunft erkennen wollten, vor allem aber mit Hilfe von Orakeln. Das berühmteste war das Orakel von Delphi im Tempel des Gottes Apoll, wo man der in Trance befindlichen Tempelpriesterin Pythia Fragen stellen konnte, auf die sie — leider recht vieldeutige — Antworten gab.

Ganz anders der Kult um Dionysos, den Gott des Weines, zu dessen Ehren man ausufernde Orgien mit »Wein, Weib und Gesang« feierte. Ahnlich der Orphismus, eine religiöse Strömung, die sich auf den legendären Sänger Orpheus bezieht, der in die Unterwelt, den Hades, hinabstieg, um seine Frau zu retten. Auch in den Eleusischen Mysterien steht das intensive religiöse Erleben im Vordergrund. In einer der Erdgöttin Demeter geweihten Einweihungsstätte in der Stadt Eleusis durchliefen die Aspiranten verschiedene, teilweise erschreckende magische Zeremonien, wonach sie sich wie neugeboren fühlten und auf ein glückliches Leben nach dem Tod hoffen konnten. Die ganze Religiosität der Griechen war verbunden mit dem Glauben an eine Hierarchie von Göttern, an der Spitze der Himmelsherrscher Zeus. Die Götter, die auf dem Berg Olymp wohnen sollten, waren sehr menschenähnlich — einschließlich menschlicher Schwächen wie Neid und Eifersucht —, aber sie waren unsterblich.

Auch die Philosophen glaubten an das Magisch-Mystische. Bekannt ist dies von Pythagoras (etwa 580-500 v. Chr.), immerhin ein ausgezeichneter Mathematiker, berühmt durch den »Satz des Pythagoras«, der allerdings kaum von ihm selbst stammt. Er vertrat die Lehre, Zahlen seien die Prinzipien der Welt, in den Zahlenverhältnissen (Proportionen) spiegele sich die Harmonie des Kosmos. Nach dieser Zahlenmystik tönen die Himmelskörper in bestimmten Intervallen, wodurch sich eine »Sphärenmusik« ergäbe. Pythagoras soll aber auch die vielleicht erste Geheimgesellschaft gegründet haben, den Pythagoreischen Bund.

Der große Denker Platon (427-347 v. Chr.) hat mit seiner Ideenlehre die Philosophie, aber noch mehr die Esoterik bis heute beeinflußt; er lehrt den Vorrang der Ideen als geistige Wesenheiten gegenüber der Welt unserer Sinne. Was man in Philosophielexika kaum liest ist, daß Platon auch an okkulte Lehren wie die Astrologie glaubte. Seligmann geht sogar so weit zu behaupten: »Alle Philosophen des Altertums glaubten an die Wirklichkeit der Magie. Auch Heraklit, Thales, Pindar, Xenophon und Sokrates vermochten sich ihrem Bannkreis nicht zu entziehen.«

Selbst wenn man diese Aussage als übertrieben kritisiert, es bleibt die Frage: Wie paßt dieser »Okkultismus« selbst der weisen Philosophen zum offiziellen Bild des griechischen Athen als Geburtsstätte des logischrationalen Denkens und der abendländischen Wissenschaft? Wir müssen eben zwei Seiten des griechischen Wesens unterscheiden:


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das Apollinische (nach dem Gott Apollon), die vernünftige, geordnete, harmonische Seite, und das Dionysische (nach dem Gott Dionysos), den irrationalen, dunklen, chaotischen Gegenpol. Im griechischen Geist waren diese Pole beide besonders ausgeprägt, aber sie spielen generell in der menschlichen Seele und gerade auch in der Esoterik eine wesentliche Rolle.

Teilweise, aber keineswegs ausschließlich übernahmen die Griechen dionysische Ideen und Praktiken aus dem Osten. Nach Leuenberger sind sie sogar neben den Juden die Erben der ägyptischen Geheimlehren: »Während am Südufer des Mittelmeeres das ägyptische Reich langsam ins Dunkel der Geschichte sank, erstrahlte an seinem nördlichen Ufer Griechenland zu seiner höchsten Blüte. Das griechische Volk war denn auch dazu auserwählt, aus den Händen des ermattenden Ägypten die Mysterien entgegenzunehmen, um sie für die kommende Epoche zu hüten und zu bewahren.« Und Leuenberger betont, daß sowohl Platon wie Pythagoras auf Reisen nach Ägypten in die Geheimlehren eingeweiht wurden. Sicher ist, daß die Griechen mit vielen Völkern in Kontakt standen und offen waren für fremde Kulturen und Religionen, dennoch aber ihre kulturelle Eigenständigkeit bewahrten. Gerade deshalb sagt man ja, daß die griechische Klassik die Basis schuf für die europäische Hochkultur der folgenden Jahrhunderte.

 

Hellenismus — Von den Griechen zu den Römern (etwa 400 v. Chr. bis 0)

 

Unter Alexander dem Großen (356-323 v.Chr.) breitete sich der griechische Geist seinerseits immer weiter aus, man spricht vom Zeitalter des Hellenismus, dem ersten Zeitalter abendländischer Weltherrschaft, als die griechische Kultur zur Weltkultur wurde — wenn auch das frühere Zentrum, Athen, stark an Einfluß verloren hatte. 332 v. Chr. gründete Alexander die Stadt Alexandria (oder Alexandrien) in Ägypten. Sie wurde zum Mittelpunkt der Begegnung und Durchdringung von Abendland und Morgenland und Ausgangspunkt vieler esoterischer Strömungen. Ein berühmter Sohn dieser Stadt ist Ptolemäus (etwa 100-180 n. Chr.), der Begründer des (geozentrischen) Ptolemäischen Weltbildes mit der Erde als Himmelszentrum, der aber nicht nur Astronom, sondern auch Astrologe war.

Etwa ab 500 v. Chr. begann die Ausbreitung Roms zur Weltmacht. Erst verliefen die Entwicklungen in Griechenland und Italien weitgehend parallel; als es schließlich zur Konfrontation kam, wurde Griechenland besiegt und (um 150 v. Chr.) Rom einverleibt. Zwar erlebte es zeitweilig noch bis Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. eine äußere Blüte, aber politisch blieb es ohne Bedeutung. In seiner Endzeit wurde das Land von orientalischen religiös-mystischen Strömungen überflutet, als Reaktion auf den Zusammenbruch des Staates, aber wohl auch auf die Verdrängung der eigenen Religion durch eine zunehmend aufklärerisch-rationale Philosophie, die sich in sophistischen Spitzfindigkeiten erging.


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So wurde Rom zum Erbe der Griechen: »Die in Griechenland glanzvoll eröffnete abendländische Antike erlebt durch den Aufstieg des römischen Stadtstaates am Tiber einen zweiten Höhepunkt...«

»Römischer Geist und römische Kultur wachsen über ihre nationalen Schranken zur Menschheitskultur auf und treten... das Erbe der griechischen Klassik und Humanität an.«10 Wenn das auch etwas pathetisch übertrieben klingt, der kulturelle, vor allem aber politisch-militärische Erfolg der Römer ist nicht zu bestreiten. Doch ihre Religion war nie gleichermaßen einflußreich: Ursprünglich ein nüchterner Glaube ohne Tempel und Gottesbilder, wurden später die eigenen Götter wie Jupiter, Mars und Quirinus durch fremde, besonders griechische Götter ergänzt bzw. mit diesen identifiziert.

 

Diese Auffrischung verhinderte aber nicht eine Religionskrise, die primär wie in Griechenland durch die (von dort importierte) philosophische Aufklärung entstand. Gebildete Römer wie der Philosoph Seneca (4 v. bis 65 n. Chr.) fanden zwar Trost in der Philosophie, vor allem im Stoizismus, der eine »stoische Ruhe«, eine Gelassenheit gegenüber den Wirrnissen des Lebens predigte. Aber das Volk konnte solches nicht befriedigen. Zwar nahm seit Einführung des Kaisertums (ab 27 v. Chr.) der Herrscherkult immer stärker religiöse Züge an, z.B. ließ sich Kaiser Commodus (161-192) als Gott verehren, doch diese Staatsreligion mit ihren zur Form erstarrten Zeremonien erfüllte nicht die Heilswünsche der Menschen.

Das ist ein wichtiger Grund dafür, warum Magie und Astrologie in Rom Hochkonjunktur hatten und für viele Wahrsager ein gutes Geschäft bedeuteten. Allerdings war das so eine Sache mit dem Okkultismus in Rom: zeitweilig wurde er geduldet, dann wieder verfolgt, je nachdem auch, ob man ihn für staatsgefährdend hielt. Überhaupt betrieben die Herrscher eine Doppelmoral: Öffentlich kritisierten sie die Magie, aber privat betrieben sie sie selbst, z.B. um so die Pläne ihrer Gegner zu erfahren. Was den Mächtigen und Weisen ziemt, schickt sich eben noch lange nicht fürs gemeine Volk.

 

Spätantike — Römer, Christen, Magier (etwa 0-500 n. Chr.)

 

In dieser Zeit entstand das Christentum. Jesus wurde etwa vier (oder sieben) Jahre vor der Zeitrechnung geboren. Ab 28/29 führte er ein Wanderleben als Lehrer und Wunderheiler in Palästina, etwa im Jahre 30 wurde er gekreuzigt; unmittelbar danach entstanden die ersten Gemeinden der frühen Christen. Manche Esoteriker sehen Jesus als einen der Ihren, einen Meister, der in Indien, Tibet oder Ägypten seine Einweihung erhielt und esoterische Lehren wie die von der Wiedergeburt vertrat.11 


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Das Christentum war eigentlich kein Problem für die Römer, denn die waren sehr tolerant in religiösen Dingen. »Hätten sich die Christen damit begnügt ihren neuen Gott zu verehren, niemand hätte ihnen deswegen ein Haar gekrümmt. Im römischen Pantheon hatten schon viele fremde Götter gastliche Aufnahme gefunden, und man hätte dort auch für Christus ein Plätzchen übrig gehabt.«12 Aber die Christen erhoben einen Monopolanspruch und lehnten den Kaiserkult als heidnisch ab. So kommt es schließlich (im 3. Jahrhundert) zur systematischen Christenverfolgung. 

Doch getragen von der Missionstätigkeit vor allem des Paulus, hatte das Christentum inzwischen einige Verbreitung gefunden. Hinzu kam, daß das Römische Reich seine Kräfte gegen vermehrte Angriffe von außen konzentrieren mußte. Rom stand allerdings schon immer in kriegerischer Auseinandersetzung mit anderen Völkern. Um ein esoterisch bedeutsames Beispiel zu nennen: die Kelten, Hauptstamm der Gallier, die Cäsar — Asterix und Obelix zum Trotz — schon fünfzig Jahre v. Chr. unterworfen hatte. Die Kelten besaßen eine reiche Mythologie und Religion mit vielen weiblichen Gottheiten. Ihre religiösen Riten feierten sie — von den sogenannten Druiden, den Priestern, geleitet — meist auf heiligen Hainen oder an großen Megalithbauten. Anders als in manchen Esoterikbüchern zu lesen ist, stammen diese Monumentalbauten aber nicht von den Kelten selbst, sondern aus vorkeltischer Zeit, der berühmte Steinring von Stonehenge in Großbritannien etwa aus der Zeit 1500 v. Chr. 

Auch mit den Germanen hatten die Römer schon lange Probleme. Deren religiös-magische Bräuche — ihre Kenntnis verdanken wir übrigens vor allem den Römern — sind zu umfangreich, um hier mit ein paar Worten beschrieben zu werden. Ihr oberster Gott war Wotan (oder Odin), der das achtbeinige Totenpferd Sieipnir ritt. Neben der Runen-Magie der Germanen erfreut sich ihre Mythologie bei manchen heutigen Esoterikem großer Beliebtheit, wobei allerdings die Gefahr einer rassistischen »Germanentümelei« besteht.

Zurück in die Vergangenheit. Im 4. Jahrhundert wurde es für Rom immer schwieriger, sich der Germanen zu erwehren, vor allem nachdem mit dem Einfall der Hunnen in Europa (375) die eigentliche Völkerwanderung begann. Kaiser Konstantin I. (285-337) sorgt so mit dem Toleranzedikt von 313 für Ruhe in der Auseinandersetzung mit den Christen, er ließ sich sogar selbst in seinem Todesjahr noch taufen. Unter Theodosius I. wurde das Christentum 391 Staatsreligion, und er verbot alle heidnischen Kulte. Das Christentum hatte sich aber nicht nur gegen den Kaiserkult durchzusetzen, sondern es gab eine Vielzahl vor allem orientalisch geprägter Kulte, denen viele Menschen anhingen. 
   Die wichtigsten:


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Obwohl es neben kirchenkritischen Gnostikem wie Basilides und Valentinus auch kirchlich-gläubige gab, z.B. Clemens von Alexandrien, wurde die gnostische Bewegung insgesamt vom Christentum abgelehnt. Der früheste Gnostiker, Simon Magus (15-53), wird in der Apostelgeschichte als Zauberer und Widersacher des Petrus vorgeführt. Die Gnosis war vor allem deshalb für das Christentum bedrohlich, weil sie weniger den kirchlich eingebundenen Glauben lehrt, sondern die eigene Gotteserfahrung bzw. Gotteserkenntnis, sei es durch Askese oder Ekstase.

Mithras-Kult, Manichäismus, Gnosis und Neuplatonismus, sie alle griffen Ideen aus der morgenländischen Welt auf, und überhaupt war dies eine Zeit des Orientalismus. Auch die berühmten hermetischen Schriften wurden wohl im 3. Jahrhundert niedergeschrieben. Und die Alchemie erlebte — ganz besonders durch Zosimos von Panopolis — eine frühe Blüte.


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Doch das Christentum setzt sich allmählich gegen alle östlich orientierten religiösen Strömungen durch. Anders als die frühen Christen, die offen für Glaubensvarianten und äußere Einflüsse waren, drängt das Christentum zur Staatsreligion geworden, auf strenge Einheitlichkeit und Abgrenzung gegen alle »Heiden«.13 Nach verschiedenen Verboten wird 529 vom christlichen Kaiser Justinian I. auch der Neuplatonismus verboten. Man kann feststellen, daß gegen 500 n. Chr. alle außerchristlichen Kulte im Römischen Reich vernichtet oder in den Untergrund abgedrängt waren. Aber die christliche Vereinheitlichung kann dennoch nicht die Einheit des Reichs sichern. 395 kommt es zur Teilung in das weströmische Imperium und das oströmische: Byzanz. Während Westrom 476 von dem Germanen Odoaker zerschlagen wird, bleibt das Byzantinische Reich bis ins 15. Jahrhundert bestehen. Das Christentum wird gerne als Hüterin des Erbes der griechisch-römischen Antike bezeichnet, als die vor allem im Orientalismus unterzugehen drohte. Aus esoterischer Sicht unterdrückte die Kirche damit aber wertvolle alte Weisheitslehren, und zwar so radikal, daß diese für etwa 700 Jahre nicht mehr ans Licht der Öffentlichkeit traten, was ihre Entwicklung zu Geheimlehren natürlich begünstigte.

 

Mittelalter — Harte Zeiten für Okkultisten (etwa 500-1200)

 

Mit dem Mittelalter begann also weitgehend eine Durststrecke für die Esoterik, wenn es auch Ausnahmen gab, die Astrologie z.B. teils geduldet wurde und vor allem in unteren Volksschichten heidnische und magische Bräuche wie Beschwörungen oder Zauberformeln im geheimen weiter praktiziert wurden. Überhaupt war der christliche Glaube nicht beim ganzen Volk populär, aber man bekannte sich öffentlich dazu. Denn war es früher gefährlich gewesen, ein Christ zu sein, so jetzt, kein Christ zu sein. Auch die meisten Herrscher und Kirchenleute zweifelten nicht an der Wirksamkeit von Magie und Zauber, auch sie waren abergläubisch. Nur galten solche Praktiken als Einmischung in die göttlichen Regeln, als Teufelswerk, und waren deshalb verboten bzw. waren religiöse Bräuche, die ihren magischen Ursprung oder ihre magische Verwandtschaft (wie z.B. die Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi beim Abendmahl) nicht verleugnen konnten, nur dann erlaubt, wenn sie im kirchlichen Rahmen stattfanden und damit als gottgewollt galten. 

Nach dem Sieg über die Esoterik konzentrierte sich die Kirche auf die Auseinandersetzung mit den politischen Machthabern, Kaisern und Königen, wobei sie ebenfalls Erfolg hatte. Erst im 12. Jahrhundert traten esoterische Gruppierungen wieder stärker an die Öffentlichkeit, vor allem die Katharer (griechisch »die Reinen«) und die Albigenser (mit Hauptsitz in der Stadt Albi).14 Sie knüpften an frühere Strömungen wie Gnosis und Manichäismus an und lehrten wie diese einen krassen Dualismus: zwischen einem guten Gott, der die geistige Welt geschaffen hat, und einem bösen Gott oder gar Teufel als Schöpfer der materiellen Welt. Zur Überwindung der Fleischlichkeit gingen sie meist den Weg strenger Askese.


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Ende des 12. Jahrhunderts entstanden — wahrscheinlich im Zusammenhang mit dem Gedankengut der Katharer — die berühmten Groß-Dichtungen, vor allem die von Chretien de Troyes (um 1180) und von Wolfram von Eschenbach (um 1200). Der Gral wird der Sage nach mal als die Schale angesehen, in die das Blut von Jesus floß, als er am Kreuz mit einer Lanze verletzt wurde, mal auch als der Kelch vom letzten Abendmahl. Bei Wolfram von Eschenbach ist der Gral dagegen ein heiliger Stein, den zu suchen sich der Ritter Parzival aufmacht. Jedenfalls hat der Mythos vom Gral bzw. das Symbol des Grals (ähnlich wie die heilige Lanze, mit der Jesus in die Seite gestochen sein soll) eine enorme Bedeutung in der westlichen Esoterik gewonnen.

Aber nicht nur im Inneren erwuchsen der Kirche neue Widersacher, sondern auch im Äußeren. Mit dem Propheten Mohammed (570-632) entstand eine neue Weltreligion, der Islam. Der Islam ist noch strenger monotheistisch als das Christentum: Er lehrt, daß es nur einen Gott — Allah — gibt, und lehnt die christliche Trinitätslehre ab. Für die Esoterik ist vor allem die islamische Mystik, der Sufismus, von Bedeutung, der die totale Hingabe und Liebe zu Allah fordert. Der Islam setzte sich bald in ganz Arabien durch, und unter seinem Zeichen begann die mohammedanische Eroberung halb Europas. Wenn die Kirche auch in einer Hinsicht hiervon profitierte — viele griechische Texte, auch des von ihr so verehrten Aristoteles, wurden nämlich zunächst ins Arabische übersetzt und erst von dort in die Kirchensprache Latein übertragen. Insgesamt erwuchs dem Christentum hier eine große Herausforderung.

Die schlimmste war die mohammedanische Eroberung Palästinas, des Heiligen Landes. Die römisch-christliche Kirche — ohnehin belastet durch das endgültige Schisma mit der byzantinischen Kirche im Jahre 1054 — startete einen ersten Kreuzzug (1096-1099), vorrangig um ihren Gläubigen die christlichen Pilgerstätten wieder zugänglich zu machen. Kurz danach (1118) wurde von dem Edelmann Hugo von Payen und mehreren Kreuzfahrern der Orden der Tempelritter gegründet, dessen Aufgabe es war, Pilger vor jedweden Überfällen zu schützen. Tatsächlich konnte Jerusalem durch den Kreuzzug zurückerobert werden, 1187 jedoch war es schon wieder von den »Muselmanen« besetzt.

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