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Zur Einführung  Ein Interview-2000 mit dem Autor    leicht gekürzt von detopia-2021

 

 

1) Hat dich irgendetwas besonders geprägt?

Tobias: Geprägt haben mich vor allem die sechziger Jahre mit ihrem hippiesken Idealismus, den Studenten­revolten, der sexuellen Befreiung und der wilden Grundstimmung. Auch die damaligen ersten Farbbilder der Erde aus dem Weltraum haben mein Weltbild sehr geprägt. Ich war total perplex, denn die Erde war nicht der solide, unverrückbare Boden, für den ich sie hielt, sondern nur ein Art blauer Ping-Pong-Ball mit Drall im All. Die Erde war so wunderschön und zart zugleich. Diese Bilder haben sozusagen meinen globalisierten Beschützerinstinkt geweckt.

2) Aber da hättest du doch auch Umweltschützer werden können. Wo ist diese ganze Radikalität begründet? Dieser radikale Schritt, die ganze Gesellschaft zu ändern? Warum können wir nicht nur Teile ändern. Warum ist dieser Schritt so extrem notwendig?

Nun ja, Radikalität ist ja an sich nichts schlechtes. Radikal kommt von lateinisch “Radix”, die Wurzel. Radikalität bedeutet dem Wortsinn also nichts anderes, als dass du das Problem bei der Wurzel anpackst. Das du eben den Sachen auf den Grund gehst. Wenn ich nur Umweltschützer geworden wäre, dann hätte ich das Problem eben nicht bei der Wurzel angepackt, denn die ganzen Umweltschutzmaßnahmen wie Dosenpfand, geregelter 3-Wege-Katalysator und Alibi-Jutetüten sind nur ein Tropfen klaren Gebirgswassers auf den verschmutzten Stein.

Sie helfen auf lange Sicht nicht, den globalen Ökokollaps abzuwenden. Die Wurzeln der Umweltverschmutzung liegen tiefer begründet – bei dem ganzen scheiß-kapitalistischen System und das muß eben ausgemerzt werden.

3) Wie sähe für dich eine vernünftige Umwandlung der kapitalistischen Gesellschaft aus? Wie könntest du es schaffen?

Jeder muß sich selbst aus seinem Sumpf ziehen. Dann können wir es gemeinsam schaffen.

4) Das ist ja nicht viel anders als im Kapitalismus!

Was ich damit sagen will, ist, dass es nicht angehen kann, dass alle von mir verlangen, ich solle doch gefälligst die Panokratie aufbauen. Die Panokratie muß von unten nach oben, eben aufwärts, von allen Panokraten und Panokratinnen errichtet werden. Ich kann und darf nicht diktieren, wie die Panokratie errichtet werden soll. Wenn ich die ganze Panokratie diktieren würde, was wäre es dann anderes als 'ne Diktatur? Ich sehe mich nur als Zündfunken. Den Brennstoff für die Panokratie müssen schon andere liefern.

5) Du kannst ja nicht auf eine Mehrheit hoffen, eher schon auf eine Minderheit von Intellektuellen, die das Problem wichtiger und sensibler betrachten. Welche realistische Chance siehst du für die Panokratie?

Ich hoffe gar nicht auf eine Mehrheit. 

6) Das wäre ja schon nicht mehr demokratisch!

Ich spekuliere ja gar nicht auf eine Mehrheit, die von Anfang an von der Panokratie überzeugt ist und irgendwann das kapitalistische System stürzt. Das wäre illusorisch. Das kapitalistische System wird sich irgendwann selbst zugrunde richten – ökonomisch wie ökologisch. Und in dieser Krisensituation kommt es darauf an, dass schon ein paar panokratische Poyzellen mit einigen tausend Menschen aufgebaut sind – das reicht vollkommen.

7) Warum sollte das ausreichen?

Der Trumpf der Panokratie ist, dass sie durch das Subsidiaritätsprinzip und der Moyzell-Autarkie Katastrophen unbeschadet überstehen kann. Wenn beim großen Kollaps schon einige Poyzellen existieren, kann sich die Panokratie flexibel in diesen historischen Chancen vergrößern - ganz im Gegensatz zum Kapitalismus, diesem verwesenden Dinosaurier, der dann an seiner eigenen Größe erstickt.

 

8) Der hat sich aber doch in der Geschichte als recht stabil erwiesen, gerade in Krisensituationen.

Nur scheinbar! Schon die Ölkrise der siebziger Jahre hatte ihn für einige Wochen ziemlich zugesetzt. Und die Weltwirtschaftskrise nach dem Schwarzen Freitag hatte ihn sogar fast komplett lahm gelegt. – Und das waren nur vergleichsweise Kaffeeklatschgründe und sind nicht vergleichbar zu dem World-Wide-Crash der noch in diesem 21. Jahrhundert folgen wird.

9) Du geizt ja nicht mit Prognosen! Auch in Deinem Buch gibt es – in Nebensätzen versteckt – Aussagen, die im nachhinein als Prophetie gedeutet werden können. Denn erstaunlich viele Dinge, die in Deinem Buch fiktiv beschrieben wurden, haben sich schon erfüllt. Darunter gehören der Tod von Lady Di durch die Regenbogenpresse, die Renaissance des Rechtsextremismus im Allgemeinen und der Wahlerfolg Haiders in Österreich im Speziellen, die Globalisierung, der Höhenflug des Internet, u.v.m.

Das ganze ist um so erstaunlicher, da sich dies 1991, als du das Buch geschrieben hast, wirklich noch niemand vorstellen konnte, manche Sachen wie Cyberspace, Jörg Haider und neuronale Netzwerke waren sogar den meisten vollkommen unbekannt. Nun fehlt irgendwie nur noch der globale Ökokollaps und der weltweite Börsencrash. Wie fühlt man sich als Kassandrarufer in der kapitalistischen Wüste?

Blubb: Nun, ich bin kein Hellseher, aber man brauchte damals auch kein Hellseher zu sein, um so etwas vorherzusehen, nur ein wenig gesunden Menschenverstand. Im übrigen bin ich der Ansicht, dass man die Zukunft langfristig nicht vorhersagen kann. Aber bei meinem globalen Ökokollaps bleib ich trotzdem, weil dies einfach all zu offensichtlich ist.

 

10) Ist die Panokratie also ein System für zukünftige Generationen?

Ja, unsere Generation muß sich im klaren sein, dass sie die Panokratie nicht mehr selbst erleben wird, jedenfalls nicht im großen Stil. Jeder der für die Panokratie kämpft, kämpft für seine Kinder und Kindeskinder, dass die einst in einer menschenwürdigen Gesellschaft aufwachsen können.

Viele Menschen möchten ja die Panokratie jetzt und sofort und am besten schon vorgestern realisiert haben. Leider geht’s aber so schnell nicht. Leider - denn wir haben nicht mehr viel Zeit.

 

11) Wäre es aber ein Widerspruch, sich aber schon jetzt sich schon aktiv politisch zu engagieren, d.h. wir gründen eine panokratische Partei? Sozusagen eine Liga, die uns vertritt in diesem System?

Eine panokratische Partei ist etwas sehr heikles. So was kann schnell schräg abgehen. Schließlich biedert man sich an diese Scheindemokratie an. Eine panokratische Partei würde auch geltungssüchtige und machtgierige Personen anziehen, also genau das, was die Panokratie nicht braucht.

Aber auf der anderen Seite könnte eine panokratische Partei auch helfen, etwas Öffentlichkeitsarbeit zu leisten und die Panokratie landesweit bekannt zu machen. Letzten Endes glaube ich aber, dass die Gefahren die Vorteile überwiegen. Eine panokratische Partei ist ein Spiel mit dem Feuer, dass zu leicht daneben gehen kann.

12) Könntest du dir nicht denken, dass eine panokratische Partei als Forum für panokratisch interessierte Menschen dienen könnte?

Natürlich, aber ich sehe die Sache trotzdem sehr skeptisch. Panokratische Partei heißt auch, dass sehr viele Mitläufer einbezogen werden. Das ist politischer Alltag! Und das würde auch Führer­persön­lichkeiten auf den Plan rufen. Wie sieht aber dann die panokratische Übergangslösung aus? Viel wichtiger als eine panokratische Partei ist, dass die panokratische Idee verbreitet wird, nicht nur wie bis jetzt in den deutschsprachigen Ländern, sondern auch global. Und dafür ist diese Pano-Homepage wie auch andere Homepages enorm wichtig. Das Internet ist dafür ein hervorragendes Medium. Irgendwann kommt es aber auch darauf an, dass sich zumindest einige Moyzellen bilden, die sich dann untereinander vernetzen, so dass das Ganze nicht nur ein theoretisches Gebilde bleibt, sondern auch in der Praxis erprobt wird.

13) Selbst wenn der Kapitalismus sich in den nächsten 100 bis 150 Jahre totrennen würde, wäre es doch sehr schwierig, die Leute auf den gemeinsamen Nenner “Panokratie” zu bringen.

Es müssen ja nicht alle sein. Das kann ja nicht funktionieren. Das wäre ja schon ein Widerspruch in sich, wenn man alle Menschen eines Landes zu einer Panokratie zwingen würde. Das ist der grundsätzliche Denkfehler, den viele machen. Panokratie kann man nicht erzwingen. Sie wächst.

14) Wie wird dieses Wachsen aussehen?

Die Panokratie wird von einigen Menschen langsam errichtet werden - als alternatives System neben dem Kapitalismus -, erst ganz im Kleinen und in möglichst friedlicher Koexistenz. Wenn dann der große Öko- oder Wirtschaftscrash kommt, wird die Panokratie einfach die besseren Karten haben als diese hochspezialisierte globalisierte Marktwirtschaft, so rein in der Strategie ums Überleben. Dann kann es sein, dass all die anderen Menschen, die Vorteile der Panokratie erkennen und auch so was Schönes haben wollen. 

15) Bei “dem Schönen” sehe ich aber eine Menge praktischer Probleme.

Klar, trotzdem wird’s funktionieren. Ich habe zusammen mit Freunden die Panokratie hunderte Male auf Schwachstellen untersucht und keine gefunden. Bei einigen Fragen werden allerdings nach dem Praxistest vielleicht noch kleinere Korrekturen erfolgen. Z.B. könnte ich mir vorstellen, dass bei gewissen Alltagsgütern die Individualproduktion nicht praktikabel ist und eine Massenproduktion eingeführt wird. Aber grundsätzlich sollte die Panokratie nach ein Paar Anlaufschwierigkeiten wunderbar funktionieren.

16) Mir fallen dabei aber durchaus ein paar Schwachstellen auf. Was sieht z.B. die Panokratie für Gewalttäter vor. Wie sähe eine panokratische Lösung für so was aus. Nehmen wir einen aktuellen Fall - Frank Schmökel.

Die Antwort ist, einen Schmökel hätte es in der Panokratie nie gegeben. Wenn wir seine Lebensgeschichte anschauen, so erkennen wir, dass er von der Gesellschaft zu demjenigen Ungeheuer gemacht wurde, der er ist: Ihm wurde im Sozialismus nie richtige Hilfe angeboten und von einem Heim ins andere gesteckt. Er wurde sogar in den sozialistischen Heimen von den Mitbewohnern zur Sodomie gezwungen. Seine Eltern haben sich dabei nie um ihn gekümmert. Kein Wunder, dass der ein Knacks abbekam.   wikipedia  Frank_Schmökel

 

17) ...oh der Arme! (ironischer Unterton)

Nein, damit möchte ich die Taten von ihm nicht schönreden, er ist trotzdem für das verantwortlich, was er verbrochen hat. Aber letztendlich ist es doch so, dass das Monster Schmökel eigentlich aus der Höhle des Sozialismus und der Hölle des Kapitalismus entkrochen ist.

 

18) In der Panokratie wäre es also nie so weit gekommen. Aber was wäre, wenn doch?

Na ja, wenn einer schon so versaut worden ist, dann hilft wohl nix mehr. Dann müssen sich die Mitmoyzellisten, die die Person am besten kennen, zusammen mehrheitlich entscheiden, wie verhindert werden kann, dass er noch mal eine solche Tat begeht. Dies kann auch drastische Maßnahmen zur Folge haben, denn bei Sexualstraftätern ist die Gefahr eines Rückfalls all zu hoch. Aber sie müssen bei ihren Entscheidungen immer berücksichtigen, dass sie trotz allem einen Menschen vor haben, der trotz seinen scheußlichen Taten eine Würde besitzt. Daher auch die konkreten Phasen für die I-Wacht in der Panokratie. Sie dienen dazu, damit es nicht zur Lynchjustiz in solchen Fällen kommt.

 

19) Kommen wir vom Lynchjustiz zum Rufmord. Eine süddeutsche Sekte hält dich für “den Antichristen”, der Rechte Rand attackiert dich als “linke Zecke”, und dies nicht nur verbal, der Verfassungsschutz hat dich auch observiert, die AG Neue Streitkultur hält dich in Zusammenarbeit mit dem marxistisch-leninistischen Flügel der Darmstädter Falken für einen “gefährlichen Nazi”, Kölnkrach schimpft dich einen “Hippie” und die Junge Union nannte dich “Anarcho-Punk”. - Du hast dir scheinbar mit deinen Büchern nicht viele Freunde gemacht.

Na, am besten sollten sich all diese Gruppen mal zusammenschließen und mal demokratisch abstimmen, was ich nun genau bin, sonst bekomm` ich ja noch `ne Identitätskrise (lacht). Aber irgendwie ehrt mich das ganze ja auch. Das heißt doch zumindest, dass man mich ernst nimmt, und ein Negativimage ist ja irgendwie auch schon Promotion. Nur das mit dem Nazi und dem Hippie hat mich ja schon irgendwie geärgert. Aber wie heißt das nigerianische Sprichwort: “Geht der Löwe durchs Dorf, kläffen die Köter!”

 

20) Aber woran liegt es deiner Meinung nach, dass die Urteile so scharf ausfallen?

Das liegt daran, dass die Panokratie etwas vollkommen neues ist. Sie ist ein Politsystem, das sich über das klassische Schema zwischen links und rechts erhebt. Fast jeder zieht ja in seinem Kopf eine politische Linie die von der PDS am linken Rand, der dann über die Grünen, SPD, FDP, CDU, CSU bis hin zur NPD am rechten Rand geht. Aber die Panokratie liegt jenseits dieser eindimensionalen Linie. Diese elenden Spacken können die Panokratie daher nicht in ihr eindimensionales Weltbild einordnen. 

So kann es kommen, dass die Marxisten mich für rechts halten, die Faschos für links und die Liberalen für radikal. – Ganz einfach! Dazu kommt noch, dass ja irgendwie jeder im Buch sein Fett abkriegt.

21) Es gibt aber auch Menschen, die nur halb ihr Fett abkriegen, zum Beispiel die Anarchisten!

Dies liegt wohl einfach daran, dass die Panokratie eine Weiterentwicklung der Anarchie ist, und man sollte nie am Stamm sägen, wenn man in der Krone sitzt.

22) Bleiben wir bei der Anarchie. Was ist der Unterschied zwischen der Anarchie und der Panokratie?

Bevor ich zu den Unterschieden komme, möchte ich erst einmal die Gemeinsamkeiten unterstreichen. So haben beide Ideen gemein, dass es keine Obrigkeit und kein Geld mehr gibt, somit auch keine Klassen oder Schichten innerhalb der Gesellschaft. Aber damit sind die Gemeinsamkeiten schon erschöpft. Die Panokratie ist eine Weiterentwicklung der Anarchie. Diese Weiterentwicklung basiert vor allem auf einer Konkretisierung, die bewirkt, dass die Panokratie stabiler und geordneter als die Anarchie verläuft. Die Panokratie ist sozusagen eine strukturierte Anarchie.

23) Kannst du da etwas konkreter werden?

Die Panokratie hat eine Stukturierung in sogenannte Subsidiarzellen, ein konkretes geordnetes Wirtschaftssystem ohne Geld. Sie besitzt ein konkretes Wahlsystem, das radikal basisdemokratisch ist, mit speziellen Computer-Volksentscheiden. Es gibt noch viel mehr Unterschiede – das Ganze ist recht schwer in einigen Sätzen zu erklären, am besten, man liest sich das Buch mal durch.

24) Gibt es auch Gemeinsamkeiten zwischen dem Marxismus-Leninismus und der Panokratie?

Definitiv nein!

25) Dies ist eine ziemlich kurze Antwort. Du scheinst ja immer kurz angebunden wenn es um den Sozialismus geht. So hast du den Marxismus mit nur einer Seite kurz abgehandelt, was viele Sozialisten ziemlich geärgert hat.

Da liegt einfach daran, dass der Marxismus so offensichtlich falsch ist, dass ich nicht lange Abhandlungen brauchte, um ihn zu widerlegen. Wer <Das Kapital> und die Briefe von Marx durchgeforstet hat, der muß erkennen, dass seine Werke mit der größte reaktionäre Schwachsinn ist, der letztes Jahrtausend produziert wurde. 

Er forderte u.a. “gleichen Arbeitszwang für alle”, “den revolutionären Terror” und war durchaus für das “Köpfen” der Bourgeoisie. Stalinismus und der real-existierende Sozialismus in der Ex-DDR waren also nicht einfach ”historische Betriebsunfälle” sondern eine logische Folge des Marxismus/Leninismus.

26) Ganz schön harter Tobak!

Marx war sogar durch seine ekelhaften antisemitischen Äußerungen, seiner Gewaltverherrlichung und seinem irrsinnigen Materialismus nicht unwesentlich daran beteiligt, den Boden für den Naziterror zu pflügen. Leider gibt es immer noch – gerade im Westen - genügend verklärte marxistische Wochenendrevolutionäre, die die Gulags im Kiffrausch schönreden und sich dabei unheimlich cool finden. Ehrlich gesagt, diese Revisionisten ekeln mich dabei an. Nein, wirklich! Sozialisten können keine Partner für Panokraten sein. Der Graben zwischen beiden ist zu groß.

 

27) Kein Wunder, dass dich die Sozialisten nicht mögen! Ein weiteres Kapitel hat dir besonders viele Feinde unter den Marxisten gebracht, nämlich das über die Verschwörungstheorien. Es wirkt auch aus meiner Sicht wie ein Fremdkörper in deinem Buch. Es passt irgendwie gar nicht hinein. Kannst du dazu etwas sagen?

Ich habe hier ganz bewußt ein total bescheuertes Tabu der linken Szene gebrochen. Verschwörungstheorien sind zur Zeit nicht “politisch korrekt”. Du brauchst z.B. heute nur zu äußern, dass Hitler in der geheimen Thule-Gesellschaft aktiv war und schon ist man als vermeintlicher “Nazi” geoutet. Und das, obwohl dies eine unumstößliche Tatsache ist.

Es wird eine politische Hexenjagd auf Verschwörungstheoretiker veranstaltet. Alles wird undifferenziert in einen braunen Topf geschmissen. Diese Hexenjagd hat verdammt viel Parallelen zur heiligen Inquisition. Von der Hatz auf “magische Weltbilder” über die Intoleranz gegenüber Andersdenkenden bis hin zum blindem Aktionismus. Das ganze wirkt gerade vor dem Hintergrund abstrus, dass gerade diejenigen Personen, die so vehement gegen Verschwörungstheorien polemisieren, oft selber an Verschwörungstheorien glauben.

Denn gerade die Sozialisten propagieren doch ebenfalls ihre eigenen Verschwörungstheorien, man denke doch gerade an die angebliche oder tatsächliche Ermordung von Ulrike Meinhof in Stammheim, an die Exekution von Wolfgang Grams oder – ein ganz anderes Beispiel – an die chinesische Viererbande. Natürlich sind Verschwörungstheorien des öfteren von rechten Gruppen instrumentalisiert worden. Sie können gefährlich sein– ohne Frage! Aber indem man das Thema totschweigt, löst man nichts. Im Gegenteil, man treibt immer mehr Jugendliche in die rechte Ecke.

28) Wie kann ich das verstehen?

Da das Thema totgeschwiegen wird, kommt der Durchschnittsjugendliche erst sehr spät mit diesen Verschwörungen in Berührung – und zwar leider durch die extremistische rechte Seite. Dies ist fatal, denn dann glauben diese Jugendlichen, die Linke würde ihnen etwas verschweigen, sie gar über die rechte Ideologie belügen. Dann wird ihr Weltbild auf einmal total erschüttert und sie glauben den Faschos dann plötzlich alles. Erst durch das Tabu der Verschwörungstheorien werden sie also erst richtig gefährlich.

29) Aber ist das Propagieren einer Verschwörungstheorie nicht noch gefährlicher, da sie zur Passivität verleitet?

Verschwörungstheorien sind genau dann gefährlich, und wirklich nur dann, wenn du sie als absolute unumstößliche Wahrheit betrachtest. Wenn du die Verschwörungstheorie als eine interessante Hypothese unter vielen siehst, verliert sie ihre Gefährlichkeit und sie hilft dir dann, das Weltbild zu erweitern. Zudem glaube ich nicht, dass es gut ist, die Realität zu verschweigen, nur um eine eventuelle Passivität bei labilen Personen zu verhindern – denn die Realität ist, Verschwörungen hat es gegeben, gibt es und es wird sie immer geben. In der Politik laufen die wichtigen Entscheidungen eben hinter den Kulissen ab.  Das was in den Nachrichten kommt, ist nur die Oberfläche eines Ozeans mit riesigen Strömungen im Verborgenen.

30) Jetzt kommt noch eine Frage, die wohl viele interessiert. Glaubst du selbst an die Illuminaten?

Ich glaube nicht an eine tatsächlich arbeitende konspirative Gruppe namens Illuminaten welche die Welt regiert. So eine Konspiration wäre schon längst aufgeflogen. Ich glaube viel eher an eine archetypische Illuminatenkraft, die Prozesse auf der Erde negativ strukturiert, und sich in bestimmten Gesellschaftsmustern immer wieder in vielen Variationen widerspiegelt. Das macht die Illuminaten allerdings nicht weniger real. Aber mal ganz nebenbei, das Interview zielt mir gerade zu sehr auf die Verschwörungstheorien ab, die doch eigentlich für die Panokratie total unerheblich sind.

31) Selber schuld! Wieso hast du das Kapitel dann mit überhaupt hineingenommen?

Ich wollte, dass der Leser einen vernünftigen Umgang mit Verschwörungstheorien lernt, dass er ihre Gefährlichkeit erkennt und sie als mehr oder minder wahrscheinliche Hypothesen ansieht. Absolute Wahrheit kann es gerade hier nicht geben. Weiterhin wollte ich aufzeigen, dass das mit der jüdischen Weltverschwörung absoluter Quatsch ist. Ich habe die Argumente der rechten Verschwörungstheoretiker entkräftet.

32) Wenn du das Buch noch mal schreiben würdest, würdest du irgendetwas anders machen?

Nein, größtenteils ist es gut so. Ich stehe immer noch hinter dem, was ich geschrieben habe. Aber ich würde noch einige Kapitel hinzufügen, die im Buch etwas zu kurz gekommen sind. So würde ich z.B. noch ein Kapitel über den Tierschutz machen. Ich würde klarmachen, wie verheerend sich die Massentierhaltung für Mensch und Tier gleichermaßen auswirkt, und dass es eine “artgerechte Tötung” von Tieren nicht geben kann. 

33) Bist du also Vegetarier?

Ja, konsequent seit mehreren Jahrzehnten. Fleischfressen ist schlecht, für alle Menschen, sowohl ökologisch, politisch, karmisch, moralisch als auch gesundheitlich. Ich halte aber in diesem Hinblick nichts vom moralisch erhobenen Wurstfinger. Die Karnivoren müssen das schon selbst erkennen.

 

34) Noch vor ein paar Jahren kam fast ständig von dir ein Bild, ein neuer Artikel oder ein Buch heraus. Doch in letzter Zeit hört man ziemlich wenig von dir. Hat dich der ganze Stress um die Panokratie etwa müde gemacht?

Es stimmt zwar, dass all die Gerichtsverhandlungen, Observationen, Anschläge und Anfeindungen sowie die verpatzten Chancen ein Panokratie­gelände zu finden und die oft vergeblichen Mühen, Panokraten zu motivieren, mir ziemlich viel Nerven gekostet haben. 

Ich bin aber nach wie vor von der Panokratie überzeugt. Der Grund für mein Ausscheiden aus dem öffentlichen Leben liegt wo ganz anders. Ich bin zur Zeit sowohl privat als auch beruflich ziemlich eingespannt. Dies wird auch voraussichtlich für die nächsten paar Jahre so bleiben. Ich habe einfach keine Zeit mehr, mich irgendwie um die Panokratie zu kümmern. 

Interessanterweise scheint es gerade jetzt, wo ich mich ausgeklinkt habe, mit der Panokratie so richtig abzugehen. Ich halte das für einen Wink des Schicksals. Meine Aufgabe ist erledigt. Ich soll scheinbar ab jetzt meine Patschehändchen von der Politik lassen

Tobi Blubb, vielen Dank für dieses Interview!

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Quelle: panokratie.de   
Das Interview wurde am 12.11.2000 geführt. 
Leicht gekürzt von detopia-2006

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Panokratie - Gesellschaftsordnung im Anarchismus