Start    Weiter

Interview in »Kennzeichen D« im ZDF

Dirk Sager am 23. August 1977

90-94

Rudolf Bahro:

Die Partei hier in ihrer jetzigen Gestalt ist eigentlich der konzentrierte Ausdruck — und sie ist das mit Notwendigkeit, also nicht durch irgendein schuldhaftes Versagen — sie ist mit Notwendigkeit der Ausdruck der Tatsache, daß der Impuls der Oktoberrevolution jetzt verbraucht ist, daß der nichtkapitalistische Weg der Industrialisierung, der damals eingeschlagen wurde, jetzt an einen Punkt gelangt ist, wo man also qualitativ, das ist das Wesen der Sache, qualitativ nicht mehr vorankommt.

Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, daß die bei uns herrschende Partei, und ich könnte genau so gut von der KPdSU sprechen, daß genauer gesagt die Parteiapparate, daß die also absolut nicht aufgeschlossen sind für irgendwelche Problemstellungen. Es ist fast gar nicht wichtig, wie radikal man fragt, sie möchten überhaupt nicht befragt werden. Sie möchten nicht vor die Notwendigkeit gestellt werden, irgend etwas anders machen zu müssen, als sie es bisher gemacht haben, weil sie nicht glauben, daß sich dann das so aufrechterhalten läßt wie bisher, und das ist tatsächlich so.

Wovon ich ausgehe ist, daß diese Partei in ihrer bisherigen Existenzform, die ihre Notwendigkeit hatte, ihre Vernunft auch hatte im bekannten historischen Sinne, jetzt eben unvernünftig geworden ist, den Anforderungen nicht mehr entspricht. Diese Existenzform muß aufgegeben werden, damit die sozialistische Gesellschaft, die real sozialistische Gesellschaft den Weg zum wirklichen Sozialismus einschlagen kann.

Ich habe übrigens mein Buch auch hier in einer kleinen und unprofessionell gemachten Ausgabe verbreitet, ganz bewußt mit der Aufschrift »Berlin, Hauptstadt der DDR, 1976«, weil das Buch von hier ist und hier entstanden ist. Das andere ist einfach ein Zwang der Umstände.

Die Partei, der Parteiapparat, will im Prinzip eigentlich folgendes erreichen: Die Opposition soll die Möglichkeit haben, entweder zu schweigen und das heißt, sie ist politisch gar nicht existent, oder wie das eben heißt, dem Feind zu dienen. Aber ich bin sicher, wir müssen uns von dieser von dem System zu seinem Selbstschutz, von dem politischen Überbau zu seinem Selbstschutz gesetzten Alternative frei machen und es einfach riskieren, unser Gedankengut auf dem eben möglichen Weg unter die Leute zu bringen.

 

Dirk Sager: Was hat sie bewogen, fast 10 Jahre an diesem Buch zu arbeiten, wo sie gleichzeitig einen Beruf hatten und arbeiten mußten?

Rudolf Bahro:

Das ist eine sehr schwierige Frage, weil sie natürlich eigentlich hinter dieses Buch zurückführt. Da muß ich davon ausgehen, daß ich wirklich aus tiefster Überzeugung Marxist und Kommunist geworden bin. Daß ich das Empfinden hatte seinerzeit — 1952 bin ich Kandidat der Partei geworden — daß eigentlich alle humanistischen Ideale, die die Menschheit jemals hervorgebracht hat, in dieser kommunistischen Perspektive aufgehoben sein werden. Das mag phrasiologisch klingen, das war auch damals so, natürlich waren das zum Teil Phrasen, aber die Christen würden sagen, ich hatte den Glauben. Und wenn man die Sache nun genau betrachtet, dann ist es eigentlich immer bei diesem Glauben geblieben bei mir, nur daß ich ihn natürlich rationalisiert, qualifiziert, reflektiert habe.

Und in dem Maße, wie ich gesehen und erfahren habe — es war einfach ein Desillusionierungsprozeß natürlich, den zahllose Leute durchgemacht haben — daß unsere Verhältnisse nicht, übrigens, ich sage in meinem Buch noch nicht, auf diese Perspektive hinauslaufen; daß der real existierende Sozialismus noch durch eine wirkliche Revolution und jetzt nicht im Sinne »Sturm auf das Winter-Palais«, sondern durch eine wirklich tiefgehende soziale Umwälzung vom Kommunismus getrennt ist, in dem Maße mußte ich eigentlich auf den Gedanken kommen, herauskriegen zu wollen, was sind denn das dann hier für Verhältnisse, was ist der real existierende Sozialismus wirklich, und was kann man unter den dann doch ganz anderen Voraussetzungen hoffen.

Und jetzt kam ein für mich außerordentlich wichtiges, ein wirklich einschneidendes, entscheidendes politisches Erlebnis dazu, und das war der sogenannte Prager Frühling. Ich war also vom ersten Augenblick an mit aller Energie, inneren Energie, an den Vorgängen dort in der Tschechoslowakei beteiligt, hatte ungeheuere Hoffnungen auf die Möglichkeiten gesetzt, die in diesem Prozeß beschlossen lagen, ohne übrigens manches Problematische an der inneren Entwicklung zu übersehen, aber ich war überzeugt, daß diese Erfahrung unbedingt positiv durchgestanden und gemacht werden muß. Und der Einmarsch in der Tschechoslowakei, die Intervention gegen diesen Versuch der Erneuerung des Sozialismus, das hat für immer irgend etwas in mir verändert. Das war der Augenblick, in dem ich hart und unversöhnlich geworden bin.

Bis dahin hatte ich immer noch versucht, durch immanente Kritik am Apparat, an unseren Verhältnissen was bessern zu wollen, habe geglaubt, daß das eventuell durch einen Generationswechsel innerhalb der Partei zu lösen ist. Ich hatte natürlich damals auch unsere Strukturen nicht durchschaut. Ich hatte zwei Tage nach, nein, einen Tag nach dem 21. August, meine Parteiaustrittserklärung fertig und habe dann eingesehen, das genügt nicht. Das wäre sicher eine notwendige, moralisch notwendige Geste wäre das gewesen, aber das verpufft mit dem Augenblick dieser Niederwerfung. Ich muß etwas Besseres machen, und ich bin in der Lage, etwas Besseres zu machen.

 

Dirk Sager: Sie folgern Ihre Alternative aus Marx. Wie sieht Ihre Alternative aus?

Rudolf Bahro:

Die erste Bedingung, die Vorbedingung, sehe ich in einer Erneuerung der Partei. Ohne eine kommunistische Partei kann man in einer Gesellschaft, die in Wirklichkeit doch noch antagonistisch funktioniert, den Durchbruch zum Sozialismus und Sozialismus-Kommunismus — das ist eine Formation eigentlich — nicht erreichen. Deshalb plädiere ich zunächst, weil die verhärtete gegenwärtige Parteistruktur, die Apparatherrschaft, aufgebrochen werden muß, für die Legalität einer kommunistischen Opposition. Das heißt, man muß überhaupt erst einmal den Spielraum erobern, um für diese Erneuerung der Partei kämpfen zu können. Und dann geht es natürlich darum, was nun der reale Inhalt dieses gesellschaftlichen Fortschritts zum Sozialismus hin sein soll.

Die erste Aufgabe, die ökonomische Kernfrage, besteht in der Überwindung der alten Arbeitsteilung. Darunter hat Marx nicht die Überwindung der Spezialisierung verstanden, etwa zwischen Schlosser und Maurer oder Physiker und Chemiker, sondern darunter hat er verstanden die vertikale Arbeitsteilung. Die Arbeitsteilung, um mal die Extreme zu nennen, zwischen dem Mitglied des Politbüros, das über die Fragen von Krieg und Frieden zu entscheiden hat, und der Reinemachefrau, die darüber entscheiden kann, welche Scheuerlappen für ihre Arbeit verwendet werden sollen. Ich fordere, ich setze das erste Wort in Anführungsstriche, »universitäre« Bildung für alle Gesellschaftsmitglieder.

Ich gehe davon aus, daß nur Menschen, die das Abstraktionsvermögen erworben haben, um die hochkomplexen Strukturen, die die Gesellschaft heute einfach vorstellt, zu durchdringen, nicht subaltern sein werden. Früher im einfachen Stammwesen hat jeder alles mitvollziehen und durchschauen können. Um das heute tun zu können, brauchen alle »universitäre« Ausbildung. Darunter verstehe ich aber nicht hauptsächlich die Spezialisierung, sondern eine gesellschaftliche Allgemeinbildung universitären Stils.

Schließlich frage ich, wie der ökonomische Gesamtprozeß anders als bisher gesteuert und geregelt werden kann. Wir haben hier ja praktisch das Prinzip der kapitalistischen Konzern-Organisation überboten, indem wir es im gesamtgesellschaftlichen Maßstab betreiben. Nun scheint es mir eine unbestreitbare Tatsache zu sein, daß dieses Prinzip der Super-Organisationen individualitätsfeindlich ist.

Man muß sich also überlegen, auf welche Weise man dieses gesellschaftliche Ganze anders zusammenbringen kann, denn die gesamtgesellschaftliche Organisation muß erhalten bleiben. Aber wie? Da bin ich zurückgegangen auf den alten Marxschen Begriff der Assoziation, der freien Assoziation. Unter Assoziation verstand er einfach das Zusammenwachsen der verschiedenen produzierenden Gemeinschaften, der Grundeinheiten der gesellschaftlichen Arbeit von unten her, ihre Beiordnung, ihre Nebenordnung. Ein Prinzip, das Assoziationsprinzip, das im Gegensatz steht zu dem bei uns herrschenden Subordinationsprinzip.

 

Dirk Sager:
Herr Bahro, nun sind Sie nicht der erste, der ein Haar in der Suppe des sogenannten real existierenden Sozialismus gefunden hat. Was unterscheidet ihre Arbeit von Vorläufern? 

Rudolf Bahro:

Da würde ich vor allem zwei Dinge hervorheben. Erstens hat sich, glaube ich, noch niemand die Mühe gemacht, so weitgehend über Alternativen nachzudenken, über eine andere Möglichkeit, hier Gesellschaftspolitik zu machen, wie ich das in diesem Buch versuche. Und zweitens, das ist sicher in unserem bisherigen Gespräch noch nicht so hervorgetreten, mein Buch ist von Grund auf ein theoretisches Buch. Das scheint auf den ersten Blick ganz ungefährlich zu sein. Aber ich bin sicher, daß gerade daher die Unerbittlichkeit meiner Kritik am real existierenden Sozialismus kommt, aus dem einfachen Grunde: Ich setze eigentlich dort an und verfolge dasselbe Ziel, das Marx verfolgt hat, als er den Kapitalismus analysiert hat.

Von dem Grundinstrumentarium des Marxismus ausgehend habe ich unsere Produktionsverhältnisse analysiert und also, ich möchte doch hoffen lückenlos, dargetan, wie sie tatsächlich funktionieren. Das ist eine Analyse, der wird man sich bei uns, wenn man subjektiv ehrlich ist, beim Lesen meines Buches nicht entziehen können. Selbst Politbüromitglieder, wenn sie über diesem Text sitzen werden, werden sich gezwungen sehen, hin und wieder still vor sich hinzusprechen: Verdammt, so ist es, verdammt, so ist es.

93-94

#

 

 

www.detopia.de    ^^^^