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Sechs Vorträge
von Rudolf Bahro über das Buch
Die Alternative - Zur Kritik des real existierenden Sozialismus

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detopia-2021:  Eine knuffige Kurzfassung der "Alternative" - vom Meister höchstpersönlich.

 

  I 

9-31

Ich will zunächst über Ausgangspunkt und Zielsetzung meines Buches Zur Kritik des real existierenden Sozialismus — wie der ursprüngliche Titel - vielleicht etwas altmodisch - allein gelautet hat — sprechen.

Nun[mehr] ist das der Untertitel. Er erinnert mit voller Absicht an Marxens berühmte Formations­analyse, besonders an seine Vorstudie zum <Kapital> von 1859, die er Zur Kritik der Politischen Ökonomie nannte. 

Ich habe während 10 Jahren nahezu meine gesamte freie Zeit dafür aufgewandt, den real existierenden Sozialismus als Gesellschaftsformation eigenen Typs zu analysieren. Das bisherige Ergebnis mag noch nicht jene Geschlossenheit haben, die Marx zuletzt in seiner Kritik der bürgerlichen Gesellschaft erreichte. Doch der Text muß jetzt an die Öffentlichkeit, selbstverständlich nicht nur außerhalb Osteuropas, nicht nur außerhalb der DDR, so schwer hier die Verbreitung ist. Ich war übrigens von vornherein entschlossen, unter meinem Namen aufzutreten. Eine direkte Herausforderung, wie sie dieses Buch bezweckt, erfordert nicht nur moralisch, sondern auch politisch das offene Visier. 

Aus dem revolutionären Prozeß seit 1917 ist eine ganz andere Gesellschaftsordnung hervorgegangen, als seine Vorkämpfer erhofft hatten. Das wissen jetzt eigentlich alle, die unter dieser neuen Ordnung leben. Wenn unsere Zustände offiziell in die alten Marxschen Kategorien gefaßt werden, dann handelt es sich längst um absichtliche Heuchelei, um bewußtes Erzeugen falschen Bewußtseins.

Meine Kritik des real existierenden Sozialismus zielt auf die Begründung einer radikalen, das heißt bis an die ökonomischen Wurzeln gehenden kommunistischen Alternative zu der politbürokratischen Diktatur, die unseren gesellschaftlichen Arbeits- und Lebensprozeß in Fesseln schlägt. Ich mache Vorschläge für die Programmpositionen jenes neuen Kommunistischen Bundes, der nach meiner Überzeugung überall geschaffen werden muß, um den Durchbruch vom »real existierenden« zum tatsächlichen Sozialismus vorzubereiten und anzuführen.

Eine andere Perspektive als die sozialistische, kommunistische gibt es nach meiner Analyse nicht.

Da eine solche Alternative nicht irgendwelche Einzelheiten betrifft, sondern die Umwälzung des ganzen sozialen Zusammenhangs, eben eine Formations­ablösung, muß sie in aller Komplexität wenn nicht gleich vollständig ausgeführt, so doch wenigstens umrissen werden.

Der Sozialismus, den Marx und Engels vorausgesehen haben und den Lenin und seine Genossen auch für Rußland zweifellos erhofften, wird kommen. Er muß erkämpft werden, weil er mehr denn je die einzige Alternative zu einer globalen zivilisatorischen Katastrophe ist. Aber er ist noch nirgends in der Welt über erste Ansätze hinausgekommen. Solche Ansätze gibt es, wie mir scheint, zum Beispiel in Jugoslawien. In den anderen osteuro­päischen Ländern gibt es sie kaum.

Was Marx unter Sozialismus und Kommunismus verstand, ist den heutigen Kommunisten, selbst denen, die es wirklich sind, wenig geläufig. Aber soviel ist immerhin evident, daß die sowjetische und osteuropäische Gesellschaft unvereinbar mit den marxistischen Zielvorstellungen ist. Der real existierende Sozialismus ist — unbeschadet mancher Errungenschaften — gekennzeichnet

Er ist weiter gekennzeichnet

Lassen wir es zunächst bei dieser beschreibenden Aufzählung. Die Elemente sind ja bekannt genug. Nicht genügend erkannt ist ihr innerer, genetisch bedingter Zusammenhang. Aber dazu später. 

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Besonders in den entwickelteren Ländern bringt ein System mit solchen Merkmalen den Massen zu wenig wirklichen Fortschritt zur Freiheit. Es bringt ihnen vornehmlich eine andere Abhängigkeit als die vom Kapital. Die Verhältnisse der Entfremdung, der Subalternität haben nur eine Oberflächenschicht eingebüßt; sie dauern auf neuer Stufe an. Und sofern noch positive Errungenschaften der voraufgegangenen Epoche dabei verlorengehen, ist diese andere Abhängigkeit eben in mancher Hinsicht drückender als die alte.

In ihrer jetzigen politischen Verfassung hat diese Ordnung keinerlei Aussicht, die Menschen für sich zu gewinnen. Angesichts der totalen Konzentration der gesellschaftlichen Macht tritt die Bedeutungslosigkeit des Individuums hier sichtlicher und allgemeiner zutage als bei dem Spiel der Zufälle und Wahrscheinlichkeiten an der schillernden Oberfläche des kapitalistischen Reproduktionsprozesses. 

Der Koloß, der sich bei uns »Partei-und-Regierung« nennt und der ja die Gewerkschaften usw. einschließt, »vertritt« die von den Klassikern der sozialistischen Idee gemeinte freie Assoziation ebenso, wie in allen früheren Zivilisationen, besonders aber in den ältesten, der Staat die Gesellschaft vertrat. Wir haben eine Staatsmaschine, wie sie Marx und Engels durch die proletarische Revolution zerbrechen wollten, um sie in keiner Form und unter keinem Vorwand wieder auferstehen zu lassen. Dies geht speziell aus ihren Schriften zur Pariser Kommune unwiderlegbar hervor.

Der Staat ist in ihren Augen — und nun folgen lauter Originalausdrücke — ein Schmarotzerauswuchs, ein Ungeheuer, eine Boa constrictor, die die lebendige Gesellschaft umklammert, eine übernatürliche Fehlgeburt, eine abscheuliche Maschine der Klassenherrschaft. Alles das. »Die Proletarier müssen den Staat stürzen, um ihre Persönlichkeit durchzusetzen.« So stand es bereits in ihrem Buch »Die deutsche Ideologie« von 1845/46.

Demgegenüber hat Marx auch vorwegnehmend beschrieben, was nun bei uns alltäglich Schule macht. »Jedes geringfügige Einzelinteresse, das aus den Beziehungen der sozialen Gruppen hervorging ..., (wird) von der Gesellschaft selbst getrennt ... und ihr in Form des Staatsinteresses ... entgegengesetzt« und dann »von Staatspriestern mit genau bestimmten hierarchischen Funktionen verwaltet«. So haben sich die Klassiker den Sozialismus also gewiß nicht vorgestellt. Man hat besonders in Jugoslawien, wo sich der Bund der Kommunisten nicht mit dieser Erscheinung abfand, den Ausdruck »Etatismus« (von l'etat, französisch der Staat) geprägt, um ein kurzes Wort für das Prinzip der bürokratisch-zentralistischen Diktatur zu haben. Den Begriff »Sozialismus« konnte ich also unmöglich benutzen, um die bestehenden Verhältnisse beim Namen zu nennen. 

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Andererseits erschien mir der für einen bestimmten Aspekt recht treffende Etatismusbegriff doch zu schmal. Daher habe ich lange mit der Aufschrift gezögert. Immerhin gesteht die widerwillig reflektierte Selbstbezeichnung des Systems als »real existierender Sozialismus« zumindest indirekt ein: es gibt eine Differenz zwischen der vorgeblich festgehaltenen sozialistischen Überlieferung und der Wirklichkeit der neuen Gesellschaft. So habe ich die Formel schließlich doch akzeptiert und sogar auf die Anführungszeichen verzichtet, dafür um so unmißverständlicher jene Differenz herausgearbeitet. 

Es geht dabei keineswegs um eine Anklage auf Abweichung von irgendwelchen geheiligten Prinzipien. Wo ich polemisiere, dient das einzig der Demontage falscher Fassaden. Ich bin entschieden der Ansicht, daß es höchste Zeit ist, unter revolutionären Marxisten mit aller »Deformationstheorie« Schluß zu machen, Schluß mit der alten Empörung über entstellten und über »verratenen Sozialismus«, so begreiflich sie einmal war.

Wenn man das historische Drama auf ein Problem schlechter Verwirklichung reduziert, geht man von irrealen Voraussetzungen aus und führt das theoretisch-politische Denken in die Irre. Sicher, man kann die Praxis des real existierenden Sozialismus mit der klassischen Theorie konfrontieren, und man muß es tun, um ihr gegenüber die Substanz der sozialistischen Idee zu bewahren. Aber man muß diese Praxis aus ihrer eigenen Gesetzmäßigkeit erklären. Denn sie ist alles andere als willkürlich erzeugt oder schwächlich »zugelassen« worden. Sie hat ganz andere Fundamente als die ursprünglich vorgestellten. Sie bedarf auch nicht der Rechtfertigung, Entschuldigung und Beschönigung, sondern der wahrhaftigen Beschreibung und Analyse.

Ich will kurz die Grundeinstellung charakterisieren, von der ich mich in dieser Hinsicht leiten ließ. Unbestreitbar hat die Revolution den Völkern in der Regel einen erheblichen materiellen und massenkulturellen Fortschritt gebracht. In vielen Fällen hat sie ihre nationale Existenz und Eigenart gegen den auflösenden, zerstörerischen Einfluß des kapitalistischen Industrialismus geschützt oder wiederhergestellt. Man kann mit Gewißheit sagen, daß aus diesem Vorgang, der sich gegenwärtig in Asien und Afrika fortsetzt, wo er viel adäquater ist, eine elementare historische Notwendigkeit spricht. Aber die Kommunisten müssen wissen, daß das, woran sie da mitwirken, keine sozialistische, keine kommunistische, keine Perspektive der allgemeinen Emanzipation hat. 

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Die neue Ordnung mag proto-sozialistisch heißen, also Sozialismus im Larvenstadium sein, Vorbereitung des Sozialismus, aber in demselben Sinne, wenn auch nicht mit den gleichen Akzenten, wie auch der Spätkapitalismus seit langem als protosozialistisch, als Sozialismus im Larvenstadium, als Vorbereitung des Sozialismus gilt. Und sofern Kommunisten in dieser Gesellschaft machtkonformen Einfluß ausüben und nicht für die Überwindung des bestehenden Zustands kämpfen, müssen sie wissen, daß sie an einer anderen Herrschaft des Menschen über den Menschen beteiligt sind, an einem anderen System der Unterdrückung und der Ausbeutung, jawohl, auch der Ausbeutung. Der »realsozialistische« Funktionär, der Vorgesetzte, der »Natschalnik«, und zwar nicht nur in Gestalt des hohen politbürokratischen Würdenträgers, sondern bereits des normalen Partei-, Staats- und Wirtschaftsfunktionärs, repräsentiert — oft gegen seinen Willen — den jüngsten Typ des Herrn. Ich habe diese Rolle lange genug selbst mit gespielt und erfahren.

Die etablierte Apparatherrschaft identifiziert sich, scheinbar historisch beglaubigt, mit der Marxschen Idee, mit dem Gedanken der Kommune. Dadurch hat sie alle alten sozialistischen Hoffnungen zum Gespött der Massen gemacht. Von der Elbe bis zum Amur nährt sie nun täglich die Sehnsucht nach Restaur­ation irgend­welcher früherer Zustände. 

Es kennzeichnet den rapiden ideologischen Verfallsprozeß in den osteuropäischen Ländern seit der militärischen Polizeiaktion vom August 1968, daß sich das Gros der oppositionellen Elemente erst einmal auf rein liberal­demokratische Forderungen, auf eine Menschen­rechts­kampagne, zurückgeworfen sieht, auf eine Position also, die zugleich die breiteste und die platteste, konstruktiv gehaltloseste ist. Die Kruditäten, die man berechtigt angreift, können nur mit dem politischen Überbau verschwinden, der sie nötig hat. Es bleibt natürlich eine Blamage, die das Regime unserer ganzen Gesellschaft bereitet hat, daß der auffälligste Teil der inneren Opposition ausgerechnet beim USA-Präsidenten Rat und Hilfe sucht. Menschenrechte, politische Demokratie — gewiß! Aber was den osteuropäischen Ländern fehlt, und nicht zuletzt auch der Sowjetunion selbst, das ist der organisierte, langfristige Kampf um eine andere Gesamtpolitik. Er muß gründlich vorbereitet werden, zunächst vor allem durch eine breite Aufklärungs­bewegung, die Einsichten in den Entstehungs­zusammenhang und in die innere Logik der Verhältnisse verbreitet, die überwunden werden sollen.

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Einstweilen fehlt es häufig an jener Art Verständnis für die geschichtliche Gesamtbewegung, zu der sich Marx und Engels ihrerzeit hinaufgearbeitet hatten. Eine der Hauptursachen hierfür besteht in der unbewältigten Erfahrung der russischen Revolution und ihrer Folgen. Auch aus diesem irritierenden Perspektive­verlust, nicht nur aus der drohenden Unterdrückung, erklärt sich die Verbreitung pessimistischer, defaitistischer Stimmungen selbst unter Menschen, die potentiell für eine revolutionäre, kommunistische Opposition kandidieren. Die Kommunisten müssen sich darauf besinnen, daß sie die entwickeltste Theorie und Methode sozialer Erkenntnis geerbt haben, die bisher erdacht und erprobt wurde. Sie ist nach wie vor das geeignete Instrument, um in der Wirklichkeit selbst den alternativen Ansatz aufzudecken.

Der Sozialismus bedeutete einst das Versprechen, eine andere, höhere Zivilisation zu schaffen, um die Grundprobleme der Menschheit auf eine Weise zu lösen, die zugleich das Individuum befriedigt und befreit. Als die Bewegung aufbrach, war von der allgemeinen Emanzipation des Menschen die Rede, nicht nur von diesem mittelmäßigen, aussichtslosen Wohlstand, mit dem wir dem Spätkapitalismus vergebens den Rang abzulaufen suchen.

Indessen scheinen die Kommunisten bisher immer nur an die Macht gekommen zu sein, um die alte Zivilisation beschleunigt nachzubauen. In einem umfassendsten, nicht politischen, sondern kulturellen Sinne, setzen die Länder des real existierenden Sozialismus einigermaßen zwanghaft »den kapitalistischen Weg fort«. Vornehmlich reaktiv in Angriff genommen, ist der sogenannte sozialistische Aufbau gerade in seiner Eigenschaft als nicht-kapitalistischer Weg zu wenig autonom, wo es um die menschliche Lebensweise, um die existentiellen Probleme der Individuen geht.

In der Konkurrenz um die Höhe des Warenausstoßes und der Produktivität machen wir uns mit aller Gewalt die Übel zu eigen, denen wir auf jeden Fall entgehen wollten. Es ist nicht einmal erlaubt, öffentlich darauf hinzuweisen, daß die kapitalismus-typische Wachstumsdynamik, die unsere Pläne bestimmt, in geschichtlich kurzer Frist ökonomisch, politisch, psychologisch unhaltbar wird.

Das Denken der Menschen wird systematisch provinzialisiert und einseitig auf private Bedürfnisse zurückgeworfen, und das in einem Augenblick, in dem die Mobilisierung von Vernunft und Einsicht höchste Dringlichkeit hat. Die heutigen Umwelt- und Ressourcen­probleme sind das Ergebnis von nicht mehr als 200 Jahren industriellen Fortschritts, den ein Bruchteil der Menschheit zuwegebrachte. Verallgemeinert und in die Zukunft verlängert, ist dieses Modell der sichere Katastrophenkurs. 

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Das Tempo, in dem sich die Welt verändert, muß eher bestürzen als ermutigen, solange der Gesamtprozeß noch immer naturwüchsig auf Konstellationen hinausläuft, die niemand gewollt hat. Und der ökonomische Prozeß in den realsozialistischen Ländern treibt en detail bewußt, im Großen blindlings in diesem Strome mit.

Die kommunistische Alternative darf sich also weder auf den Appell an die unmittelbaren Bedürfnisse noch an die verständlichen Ressentiments beschränken, die durch die Erscheinungsformen unserer politischen Verhältnisse hervorgerufen werden. Die Ablösung der politbürokratischen Diktatur hat eine viel tiefere Notwendigkeit. Die herrschenden Machtinteressen hindern die Bevölkerung unserer Länder daran, progressiv zu den Problemen Stellung zu nehmen, die in der Weltsituation der Gegenwart aufgeworfen sind. Individuell ahnen viele Menschen, daß der Gedanke des Fortschritts völlig anders gefaßt werden muß, als sie es gewohnt sind. Aber ihre entfremdeten gesellschaftlichen Verhältnisse, geronnen in nach wie vor mechanistisch und irrational funktionierenden Institutionen, verbieten ihnen, nach besserer Einsicht zu leben, und deshalb kann sie sich gar nicht erst voll herausbilden.

Mein Entwurf wendet sich nicht an eine Sekte von Kryptokommunisten, sondern an alle, ohne Ansehen der offiziellen Position und des bisherigen offiziellen Gesichts, die in unseren Ländern auf eine Emanzipation von der modernen Sach- und Staatssklaverei hoffen. Die kommunistische Perspektive ist — und danach muß man sich auch den neuen Bund der Kommunisten vorstellen — kein Parteimonopol, auch kein Monopol irgendeiner engen weltanschaulich-politischen Schule. Im Gegenteil! Wie wir sehen, verlagert sich die soziale Entwicklungsdynamik allmählich von der materiellen Expansion auf die Entfaltung der menschlichen Subjektivität, also vom großen Haben- und Vorzeigenmüssen auf ein Leben für tieferes menschliches Wissen, Fühlen und Sein. Daraus erwächst die Möglichkeit für ein großes Bündnis aller Kräfte und Strömungen, die die Menschen aus der Gefangenschaft der selbstgeschaffenen Sachzwänge herausführen möchten.

Beispielsweise müssen die Kommunisten in dieser Frage unbedingt mit den neueren Entwicklungen in der christlichen Bewegung rechnen. Es wird mehr und mehr zum Allgemeingut aller denkenden Christen, daß der historische Materialismus von Marx ein unentbehrliches Instrument ist, um den tiefen Umbruch der Verhaltensweisen real zu ermöglichen. Die Marxisten ihrerseits werden die aktuelle Bedeutung jenes ethischen Provokationsprinzips begreifen, das in der Bergpredigt Jesu Christi liegt.

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Die neue politisch-soziale Umwälzung, die jetzt notwendig ist, greift in die innersten Schichten unserer Zivilisation. Ich spreche von einer Kulturrevolution, im weitesten Sinne, von einer — übrigens wesentlich gewaltlosen — Umwälzung der ganzen subjektiven Lebensform der Massen.

Sie muß natürlich durch den bewußten Willen ebenso hindurch wie durch die unbewußten Gefühle der Individuen. Das Ziel besteht darin, wirklich den gesellschaftlichen Rahmen für die freie Entwicklung eines Jeden zu schaffen, die nach dem Kommunistischen Manifest die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist. Der Kommunismus kann nicht anders vorrücken, als indem er sich am Menschen beweist, an seinem sichtlichen und erlebbaren Aufstieg zur Freiheit, und das heißt vor allem in äußerer auch zu innerer Freiheit.

Die Geschichte kommt uns hier mit einer unentrinnbaren Herausforderung. Unsere Zivilisation ist an jene Grenze der Ausdehnung gelangt, wo die innere Freiheit des Individuums ab Bedingung des Überlebens erscheint. Sie ist einfach die Voraussetzung für den einsichtigen kollektiven Verzicht auf die so verhängnisvolle wie subjektiv zwecklose Fortsetzung der materiellen Expansion.

Die allgemeine Emanzipation wird zur absoluten historischen Notwendigkeit.

 

 

   II  

 

Wenn man die Freiheit des Individuums zur absoluten Notwendigkeit, zur Bedingung des Überlebens erklärt, wie in dem vorigen Vortrag geschehen, legt man wohl den Übersprung zur Utopie alten Stils sehr nahe, zu einer neuesten Idealkonstruktion der Gesellschaft, die diesen freien Menschen mit Wahrschein­lichkeit bewirken soll. Dieser Kurzschluß muß vermieden werden. Die Alternative kann nur begründet werden aus der Kritik des real existierenden Sozialismus, aus einer solchen Kritik, die sich darauf konzentriert, die aktuellen Schranken der Emanzipation, die Ursachen der Unfreiheit aufzudecken und zu verstehen. Dies Verstehen kann man von der Geschichte her gewinnen.

Die erste Frage lautet: Wie kommt es zum real existierenden Sozialismus? Für Marx — und damit zunächst auch für Lenin — sollte der Kommunismus hervorgehen aus der Aufhebung des vollentwickelten kapitalistischen Privateigentums. Er sollte Zustandekommen durch die positive Aneignung des unter dem Kapital erzeugten sozialen Reichtums. Und die dazu nötige Revolution sollte die gleichzeitige Tat der fortgeschrittensten Völker sein.

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Lag denn die russische Revolution in dieser Perspektive? War das alte russische Reich, das in der Sowjetunion aufgehen sollte, überhaupt ein kapitalistisches Land, wenn auch ein unterentwickeltes? Noch im Jahre 1881 galt Rußland Marx und Engels nicht einmal als feudal. Es galt ihnen als halb-asiatisch, und das war keine geographische, sondern eine näher ausgeführte politökonomische Charakteristik. Für Rußland konnte die Aufhebung des kapitalistischen Privateigentums einfach deshalb keine große positive Bedeutung haben, weil es dort nur wenig kapitalistisches Privateigentum gab und weil das ökonomische Leben erst punktuell davon berührt war. Die Tragödie der russischen sozialistischen Avantgarde beruht darauf, daß sie faktisch eine andere Aufgabe zu erfüllen vorfand, als die, zu der sie sich unter dem Einfluß ihrer westeuropäischen Vorbilder berufen hatte. Die Oktoberrevolution leitete dann auch einen ganz anderen Prozeß ein als die für Westeuropa erwartete sozialistische Revolution.

Der Weg, den Rußland 1917 unter der besonderen Belastung des Weltkriegs als erstes Land eingeschlagen hat, ist offensichtlich viel mehr durch die äußeren Widersprüche des Weltimperialismus als durch die »normalen« innerkapitalistischen Widersprüche ausgelöst worden. Indem der moderne Kapitalismus mit seiner technisch-ökonomischen Expansion und mit den Spaltprodukten seiner Zivilisation die überkommene Lebensweise aller anders organisierten Völker aufbrach, zwang er sie zu dem Versuch, sich sozialökonomisch neu zu formieren. Wo die Kraft ausreichte und die weltpolitische Konstellation es erlaubte, gewannen sie dabei ihre Autonomie gegenüber dem Kapitalismus zurück. Das ist das Phänomen des nichtkapitalistischen Weges zur Industriegesellschaft, das ich im Ersten Teil meines Buches untersuche. Dieser Weg wurde nicht zufällig überall dort besonders erfolgreich beschritten, wo sich die Avantgarde nach den Prinzipien organisierte, die Stalin als Marxismus-Leninismus kanonisiert hat. 

Die osteuropäischen Länder im allgemeinen, die Tschechoslowakei und die DDR im besonderen sind natürlich nicht charakteristisch für diesen nicht-kapitalistischen Weg, auf den sie nach 1945 mitgerissen wurden. Der real existierende Sozialismus ist die Ordnung, unter der sich Länder vorkapitalistischer Formation eigenständig die Voraussetzungen des Sozialismus erarbeiten, wobei der Druck der vom Kapitalismus erzeugten industriellen Produktivkräfte den entscheidenden Anstoß gibt. In Asien und Afrika, auch in denjenigen lateinamerikanischen Ländern, die noch ein bedeutendes indianisches Subproletariat haben, war es vornehmlich die von Marx so genannte asiatische Produktionsweise, auf die der kapitalistische Kolonialismus stieß. 

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Es ist ganz klar, daß die neue Ordnung insoweit nicht Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Kommunismus sein kann; führt sie doch im Idealfall gerade am Kapitalismus vorbei. Ihr Platz in der Geschichte ist dadurch bestimmt, daß sie, wie der Kapitalismus auch, die Produktivkräfte an die Schwelle der sozialistischen Umgestaltung heranführt, aber auf formationell ganz verschiedene Weise. 

Hier liegt der Grund, daß alle Kritik, die das ökonomische Wesen des real existierenden Sozialismus an gewissen Analogien zum Staatskapitalismus festmachen will, gänzlich versagt. Zweifellos spielt die staatliche Zentralisation bei uns eine ausschlaggebende Rolle, und selbstverständlich werden die Produktionsbedingungen dabei nicht etwa volkseigen. Verstaatlichung, nicht Vergesellschaftung, ist tatsächlich das hervorstechende Merkmal. Aber es deutet ebensowenig auf Staatskapitalismus hin wie der Speicher der Pharaonen. Ich erwähne das alte Ägypten hier, weil das Phänomen des nichtkapital­istischen Weges genetisch und logisch dorthin zurückwurzelt, wo die Klassengesellschaft großen Stils als ökonomische Despotie begann.

Historisch ist der Staat als korporativer Apparat der ursprünglichste Enteigner der Gesellschaft. Und jetzt ist er die letzte Instanz, die der Gesellschaft ihr Eigentum vorenthält, auch nachdem das Privateigentum gefallen ist. Übrigens zeigt er diese Tendenz selbst im Spätkapitalismus. Für die politische Ordnung der nichtkapitalistischen Länder bedeutet das den Übergang von einem stagnierenden agrarischen zu einem dynamischen Industrialisierungs-Despotismus. An der Spitze des von ihr geschaffenen Apparatstaates war die bolschewistische Partei Lenins in Rußland weitgehend der außerordentliche Stellvertreter (nicht allerdings Platzhalter) der abgedrängten kapitalistischen Ausbeuterklasse, die noch nicht tief genug in dem primär halbasiatischen ökonomischen Leben des riesigen Bauernlandes verwurzelt gewesen war.

Die neue Gesellschaftsverfassung und ihren Überbau sozialistisch oder kommunistisch zu nennen, ist ein ungeheures Mißverständnis. Sie ist von vornherein kein System realer Freiheit und Gleichheit. Sie kann es gar nicht sein. Sie reproduziert gesetzmäßig genau die Schranken, die der freien Entfaltung selbstbewußter Subjektivität, individueller Autonomie den Weg verlegen. Sie verkörpert gerade alle strukturellen Bedingungen individueller Subalternität. Das ist ihr reguläres Dilemma, denn die Subalternität, nämlich die Mentalität und Verhaltensweise abhängiger, dem großen Ganzen entfremdeter »kleiner Leute« kann nicht innerhalb dieser Struktur, sondern nur durch ihre Ablösung überwunden werden.

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Der ganze Zweite Teil meines Buches geht der Frage nach, auf welcher allgemeinen Grundlage bei uns die Herrschaft des Menschen über den Menschen andauert und wie unsere sozialökonomische Struktur konkret funktioniert, um gerade in diesen niederdrückenden sozialpsychischen Effekt auszulaufen. Das Problem der Subalternität ist der Angelpunkt meiner Alternativkonzeption. Denn unter dem praktisch-politischen Gesichtspunkt der anzugreifenden Schranken hat die Bewegung der allgemeinen Emanzipation heute genau die Aufgabe, jene Bedingungen zu liquidieren, die statt freier Menschen subalterne Individuen, eine Art denkender Ameisen, hervorbringen.

Der Begriff Subalternität verweist auf eine objektive Struktur, die diese Mentalität massenhaft erzeugt und die darüber hinaus die Macht besitzt, auch innerlich freie Menschen formell als Subalterne einzuordnen und zu behandeln. Zunächst ist ein Subalterner einfach ein im Rang Untergeordneter, der über eine von oben abgegrenzte Kompetenz hinaus nicht selbständig handeln und entscheiden darf. Er ist der Grundbaustein jeder Hierarchie. Wenn jedoch diese Rolle das soziale Gesamtverhalten der ihr Unterworfenen bestimmt, wenn sich ihr gesamter Lebensprozeß hauptsächlich im Zeichen irgendwelcher untergeordneten Teilfunktionen für ein unkontrollierbares Ganzes abspielt, dann wird die Subalternität aus einer Eigenschaft der Unterfunktion zur Eigenschaft des sie ausführenden Individuums. Sie beherrscht nun das subjektive Verhalten, und sogleich tritt als ihr Pendant die Verantwortungslosigkeit für allgemeinere Zusammenhänge hinzu. Alle Klassengesellschaft, jedes Herrschaftsverhältnis erzeugt Subalternität. Aber keine andere Klassengesellschaft seit der asiatischen Produktionsweise hat ihre gemeinfreien Mitglieder vom Prinzip her ähnlich durchgängig subalternisiert wie der real existierende Sozialismus. Er ist ein System der Subalternität und — wie Andras Hegedüs schon vor Jahren feststellte — dementsprechend auch ein System der organisierten Verantwortungslosigkeit. Worauf ist dies zurückzuführen? 

Um das zu klären, analysiere ich im einzelnen

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Da die schöne Literatur dort soziologischen Aufschluß gibt, wo die offizielle Gesellschaftswissenschaft verhüllt oder verschweigt, habe ich die hiervon ausgehenden subjektiven Auswirkungen mit einem Exkurs über Sowjetliteratur der sechziger Jahre belegt. Die Bücher bezeugen die Unfruchtbarkeit der obrigkeitlichen Reglementierung bei dem heutigen Entwicklungsstand der Produktivkräfte. Sie denunzieren die Hemmungen der Initiative und den Abbau der Individualität durch das alles übergreifende Vorgesetztenwesen. Und sie decken, dies ist sehr wichtig, das patriarchalische Urgestein der neuesten Herrschaftsverhältnisse auf.

Jedoch sind die genannten Faktoren erst die den Subalternitäts-Ursachen nächstliegende, oberste Schicht. Man mag anerkennen: es ist so. Aber kann man es ändern? Allem Anschein nach ist zum Beispiel die hierarchische Arbeitsorganisation ihrerseits objektiv bedingt durch die Gesetzmäßigkeiten der Informations­verarbeitung und -Zusammenfassung, ohne die es keine Steuerung und Regelung unserer hochkomplexen Gesellschaft gibt. Allem Anschein nach spiegelt die soziale Differenzierung jenseits der traditionellen Klassenteilung weitgehend die Differenzierung der Arbeitsfunktionen selbst wider, und so weiter. Auf dieser Ebene der Analyse können daher Forderungen, die sich auf die Überwindung der Subalternität beziehen, noch leicht als unrealistisch abgetan werden. Manche Menschen, auch marxistisch eingestellte, fallen sogar auf den alten ideologischen Trugschluß herein, die Subalternität und Inferiorität der Individuen sei die Ursache statt die Folge der vorgefundenen Herrschaftsverhältnisse.

Um den Ansatz für eine Alternative zu finden, muß man die Analyse eine Schicht tiefer treiben. Man muß nach dem allgemeinen Produktionsverhältnis fragen, das den Formationscharakter des real existierenden Sozialismus bestimmt und als gemeinsamer Nenner in den verschiedenen subalternitäts­erzeugenden Faktoren erscheint. Dieses grundlegende Produktionsverhältnis ist gesamtgesellschaftliche Organisation auf der Basis der alten Arbeitsteilung. Auf dieser Basis kann es sich nämlich nur um gesamtstaatliche Organisation handeln, so daß wir, genauer gesagt, im real existierenden Sozialismus Verhältnisse der alten Arbeitsteilung und des Staats vorfinden. Dieses »und« meint keine Aufzählung, sondern es soll die beiden Bestimmungen in eine zusammenziehen: Verhältnisse der alten Arbeitsteilung und des Staats.

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Weiter kommt es bei diesem Begriff auf die Unterstreichung »alte Arbeitsteilung« an. Unter der alten Arbeitsteilung hat man, mit Marx, nicht etwa die Spezialisierung als solche, also die Konzentration auf diese oder jene Tätigkeiten zu verstehen, sondern die bereits erwähnte Unterordnung der Individuen, die Unterordnung ihres ganzen Lebensprozesses unter spezialisierte Teilfunktionen. Diese Unterordnung erst bewirkt, daß die Individuen so selten als gesellschaftliche Menschen auftreten, so oft bloß als Verkäuferinnen, Chauffeure, Lehrerinnen, Ingenieure, Politiker, Generäle usw. Das Dilemma der alten Arbeitsteilung beginnt schon mit den Unterscheidungen auf gleicher Ebene der Tätigkeit, etwa zwischen Schlosser und Maurer, Physiker und Ökonom, sofern nämlich ihre Zurückführung auf bloße Fachkompetenzen zwar kein Machtverhältnis zwischen ihnen, aber eine besondere zusammenfassende Instanz über ihnen hervorrufen kann. Entscheidend für die soziale Ungleichheit ist aber die vertikale Arbeitsteilung nach Arbeitsfunktionen verschiedener Anforderungsniveaus an Fähigkeiten und Kenntnisse, dementsprechend nach verschiedenen Bildungsgraden und nicht zuletzt nach hierarchisch übereinander­getürmten Leitungskompetenzen.

Wie die Psychologie eindeutig nachwies, hängt die Ausprägung der menschlichen Fähigkeiten nachhaltig von den ausgeübten Tätigkeiten ab. Wer hauptsächlich Arbeiten zu verrichten hat, die seine Urteilskraft, sein Abstraktionsvermögen nicht entwickeln, wird dadurch weitgehend von der Möglichkeit ausgeschlossen, über allgemeinere Angelegenheiten mitzuentscheiden. Im real existierenden Sozialismus versteht man unter Demokratie, daß die Menschen nach ihrer Kompetenz mitarbeiten, mitplanen und mitregieren sollen. Kompetent ist die Reinemachfrau für die Scheuerlappen und das Mitglied des Politbüros für die Vorbereitung auf Krieg und Frieden. 

Indem diese alte Arbeitsteilung die Menschen in verschiedenem Grade, aber jeweils definitiv und einschneidend, von den zusammenfassenden Funktionen, von der Formierung des allgemeinen Willens ausschließt, schafft sie die Kernzone der Subalternität. Aus der sozialen und politischen Machtlosigkeit entspringt das subalterne Verhalten.

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Die historische Wurzel, die trotz mancher Modifikationen bis heute hierin weiterwirkt, ist der Gegensatz zwischen vorwiegend körperlicher bzw. ausführender Arbeit und vorwiegend geistiger bzw. planender und kommandierender Tätigkeit. »Diejenigen, die mit den Händen arbeiten, tragen andere; diejenigen, die mit dem Kopf arbeiten, werden von anderen getragen«, lehrte vor über zweitausend Jahren der chinesische Philosoph Mengdse. Die vertikale Arbeitsteilung wächst ohne weiteres Zwischenglied hinüber in den Staat.

Die Staatsfunktion ist ursprünglich, in der alten Ökonomischen Despotie, nahezu identisch mit der Leitung der Großen Kooperation und mit der Leitung des gesellschaftlichen Gesamtlebens. Marx spricht im Kapital von der altägyptischen Priesterkaste als Leiterin der Agrikultur. Man weiß, daß die orientalische Staatsbürokratie und Theokratie, mit oder ohne Großkönig an der Spitze, weder am Boden noch an den Arbeitenden Privateigentum hatte. Sie hatte »nur« als Korporation, das heißt als administrativer und ideologischer Staatsapparat, die Verfügungsgewalt über die Überschüsse an Gütern und an Arbeitskraft. Der allgemeine Typ dieses Herrschaftsverhältnisses ist dem real existierenden Sozialismus gleich, und es handelt sich dabei nicht um eine oberflächliche Analogie, sondern um eine substantielle Verwandtschaft in der Grundstruktur der Produktionsverhältnisse .

Bei dem großen zeitlichen und historischen Abstand und bei dem eklatanten Unterschied der technischen Basis mag dies zunächst verwundern. Ich erinnere aber an den bekannten Marxschen Gedanken, daß der moderne Kommunismus eine Art Rückkehr auf höherer Stufe sein würde. In dieser Perspektive rücken die frühe und die späte Klassengesellschaft großen Stils in ihrer Eigenschaft als Übergangsperioden einmal am Eingang und einmal am Ausgang der Klassengesellschaft logisch zusammen.

Man soll sich auch erinnern, daß sich Marx die Entwicklung der Produktionsweisen nicht zuletzt am geotektonischen Modell verständlich machte, als einen Überschichtungsprozeß. Die Urgemeinschaft war ihm primäre Formation. Darüber liegen sekundäre und tertiäre Gesellschaftsformationen. In diesem Sinne sind die Verhältnisse der alten Arbeitsteilung und des Staats sekundäre Formation. Sie stellen das älteste, fundamentalste und allgemeinste klassengesellschaftliche Produktionsverhältms dar. Es zieht sich als Ur- und Grundbestand aller Unterdrückung, aller Ausbeutung, aller Entfremdung der Individuen vom Gemeinwesen seit Ausgang der Urgemeinschaft bis in unsere Tage. Erst über dieser Schicht erhoben sich die spezifischen entwickelten Klassengesellschaften tertiärer Formation, mit dominierendem Privateigentum an den Produktionsmitteln, also Sklaverei, Feudalismus und Kapitalismus.

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Die Gebrechen der kapitalistischen Formation vor Augen und in der Hoffnung, mit ihrer Ablösung alle Emanzipation auf einmal vollziehen zu können, haben das die alten Sozialisten theoretisch noch nicht bis zur letzten Konsequenz verfolgt. Wohl wußten sie immer, ohne Aufhebung der alten Arbeitsteilung und des Staats gibt es keine soziale Gerechtigkeit, keine reale Freiheit, keine Gleichheit, keine Brüderlichkeit. Doch schien es hier kein besonderes Problem zu geben, da sich dieser Prozeß synchron mit der Aufhebung des kapitalistischen Privateigentums vollziehen sollte. Inzwischen ist offensichtlich, daß mit dem Privateigentum nur die tertiäre Formation abgeräumt ist, während die gemeinsame Grundlage aller Herrschaftsverhältnisse noch einmal für sich allein Epoche macht. 

Der ökonomische Kern der Klassenherrschaft, ihre Konsequenz für die Stellung des Menschen in der Gesellschaft, blieb sich stets gleich: ihr eigenes Mehrprodukt, anfangs direkt ihre eigene Mehrarbeit, wird ihrer Kontrolle und Verfügungsgewalt entzogen und ihnen gegenüber in fremden Händen als Machtmittel konzentriert. Das spezifische Wesen des real existierenden Sozialismus als Gesellschaftsformation ist eben die Zurückführung auf dieses allgemeine Wesen aller Klassenherrschaft.

Die Privateigentumsverhältnisse hatten die Staatsfunktion allmählich an den Rand des ökonomischen Prozesses gedrängt. Besonders der klassische bürgerliche Staat war ja — wie der junge Marx das genannt hatte — nur »politischer Staat«, das heißt bloß ergänzende Deckung der Produktionsverhältnisse, letzten Endes ökonomisch überflüssig. Im real existierenden Sozialismus dagegen gewinnt der Staat auf erweiterter Stufenleiter seine ursprüngliche Allseitigkeit zurück. Wir haben hier Vergesellschaftung des Reproduktionsprozesses und seiner Leitungsfunktion in der entfremdeten Form universaler Verstaatlichung. Der nichtkapitalistische Apparatstaat ist administrativer Überbau und politischer Ausdruck der alten Arbeitsteilung in einem. Er tritt als absoluter Arbeitsherr der Gesellschaft auf. Er fungiert so, wie Marx seinerzeit die allgemeine Bank der saint-simonistischen Schule charakterisiert hatte: als ein »Papsttum der Produktion«. Hier ist eine Ordnung der Dinge entstanden, die dem Menschen mit Mephisto unablässig den Grundtext der Subalternität suggeriert:

Glaub unsereinem, dieses Ganze
ist nur für einen Gott gemacht.

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Übrigens zeigt die Erfahrung, daß die Verstaatlichung auch in den entwickelten kapitalistischen Ländern, selbst wenn sie unter sozialistischen Vorzeichen angestrebt wird, nicht zwangsläufig einen Fortschritt in der Richtung der menschlichen Emanzipation bedeutet. Der Bürokratismus als politische Herrschaftsform ist die ausschlaggebende Herausforderung jeder nicht- und auch jeder nachkapitalistischen Gesellschaft, die ihre Geburtswehen hinter sich hat und über die notwendigsten ökonomischen Grundlagen verfügt. 

Alles in allem stellt das Staatseigentum, wie es im real existierenden Sozialismus rein entwickelt ist, ein ganz eigentümliches, besonderes Produktions­verhältnis dar. Nicht erst für den Analytiker, sondern auch schon für das spontane Massenempfinden gibt es sich darin zu erkennen, daß es eine ganz bestimmte Polarisierung der Gesellschaft hervorruft, die eben an die Verfügungsgewalt über das soziale Produkt anknüpft. Der Funktionärskörper — dazu gehört im wesentlichen die hauptamtliche Besetzung der gesamten politischen und staatlichen Leitungspyramide samt militärischem, polizeilichem und ideologischem Anhang; auch die höhere Wirtschaftsbeamtenschaft gehört dazu — dieser Funktionärkörper steht den Massen tendenziell antagonistisch gegenüber.

»Zum Wohle des Volkes«, wie der Apparat speziell seit dem polnischen Dezemberschreck von 1970 nicht oft genug wiederholen kann, entscheidet man an der Spitze der Pyramide über die Ziele, für die das Mehrprodukt verausgabt werden soll. Wie bei jeder früheren Herrschaft geht die ständige und wenn möglich erweiterte Reproduktion ihres Monopols in den Gesamtkalkül für die gesellschaftliche Entwicklung ein. Die Massen haben keinen Zugang zu den Stellen, an denen die Fäden zusammenlaufen, können also auch nichts kontrollieren. So steht die gesamte realsozialistische Gesellschaft eigentumslos ihrer Staatsmaschine gegenüber.

Wenn das so ist, dann besteht die nächste Aufgabe der gesellschaftlichen Kräfte offenbar darin, die Machtverhältnisse im Gesamtsystem so zu verändern, daß die Verwaltung kontrolliert wird, statt selbst alles zu kontrollieren. Sie müssen erreichen, daß der Apparat nicht mehr die Gesellschaft hat, sondern die Gesellschaft den Apparat. Dann bekämen wir statt des gesamtstaatlichen den gesamtgesellschaftlichen Plan, und es wäre der Anfang gemacht mit der sozialistischen Selbstverwaltung.

Es geht aber aus dieser ganzen Analyse hervor, daß es dazu mehr als bloß einer politischen Revolution bedarf, nämlich einer Umwälzung gegen die ökonomische Grundlage der bestehenden Verhältnisse, gegen die alte Arbeitsteilung, nicht zuletzt auch gegen deren systematische Reproduktion durch das mit ihr abgestimmte Bildungssystem. Und es erhebt sich die Frage, wer diese Umwälzung tragen soll.

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   III  

 

Die Formationsanalyse des real existierenden Sozialismus führt hin zu der Notwendigkeit einer erneuten sozialen und politischen Umwälzung, einer Kultur­revolution gegen die Herrschaft der alten Arbeitsteilung und des Staats. Es kommt aber darauf an, in den Verhältnissen selbst die Quelle der Bewegung aufzudecken, die den bestehenden Zustand aufhebt.

Wo sind denn die Kräfte, die sich dafür engagieren werden? Existieren sie überhaupt? 

Es ist wahr, daß sie einstweilen nicht eklatant hervortreten. Die große Ausnahme war das Jahr 1968 in der Tschechoslowakei. Ich komme an späterer Stelle dieser Vorträge noch einmal darauf zurück. Hier will ich zunächst nur eine Erkenntnis abheben. 

Damals zeigte sich nicht nur, daß das Potential da ist. Es wurde auch die Ursache sichtbar, die es gewöhnlich blockiert. Diese Ursache wurde gerade dadurch sichtbar, daß sie für ein paar Monate ausfiel, nämlich die Herrschaft jener Partei, welche einstmals programmatisch unter dem Zeichen der allgemeinen Emanzipation angetreten ist, heute aber das Zentrum aller Unterdrückung in unserer Gesellschaft darstellt. Diese Partei mit ihrem Apparat hält genau jene Stelle besetzt, die einer Avantgarde für die emanzipatorischen Interessen zukommt. In dem Augenblick, als die KPC auch nur den Ansatz erkennen ließ, wieder in die ursprüngliche emanzipatorische Funktion der Kommunistischen Partei einzutreten, begannen sich sofort alle Nadeln sozialer Hoffnung auf sie hin auszurichten und zu bündeln.

Man sieht hieran schon empirisch, wie sehr das Problem des revolutionären Potentials im real existierenden Sozialismus mit dem Parteiproblem zusammenhängt. Beide Probleme gehören noch zur Analyse der bestehenden Produktionsverhältnisse. Sie betreffen sogar ihren für die Perspektive von Veränderungen entscheidenden, dynamischen Aspekt. Darüber will ich in diesem und im nächsten Vortrag sprechen. Zunächst seien die beiden Probleme genauer beim Namen genannt. Das ist erstens die massenhafte Erzeugung überschüssigen Bewußtseins durch den Gesamtprozeß der realsozialistischen Reproduktion. Das ist zweitens die führende Rolle der Partei als soziologische Realität. Beides sind konstitutive Faktoren unserer Produktionsverhältnisse. 

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Der erste Faktor wurde bisher noch kaum überhaupt als politökonomische Tatsache erkannt, der zweite wurde nur selten theoretisch so konsequent eingeordnet, wie er machtpolitisch praktiziert wird. Die beiden Faktoren, das will ich vorwegnehmen, wirken derzeit gegeneinander. Das ist das Dilemma, in dem der real existierende Sozialismus nach einer ursprünglichen Akkumulationsperiode, in der noch wenig überschüssiges Bewußtsein produziert wurde, stagniert.

Wenn ich bei der Frage nach dem Subjekt der Veränderung meine Aufmerksamkeit auf das überschüssige Bewußtsein richte, wenn ich hierin das Potential, das Reservoir sehe, aus dem sich dieses Subjekt rekrutieren wird, so gehe ich von einer alten theoretischen Gewohnheit ab, die leicht fälschlich mit dem historischen Materialismus selbst gleichgesetzt wird. Üblicherweise hätte man sich ja sogleich nach der bestimmten Klasse oder Schicht umzusehen, die für die entsprechende historische Rolle disponiert ist. Es läge zum Beispiel nahe, an die Intelligenz zu denken. Das hätte immerhin einen rationellen Kern, hieße aber dennoch einen falschen Ausgangspunkt beziehen. Die Sozialstruktur in der späten, sich auflösenden Klassengesellschaft ist nur nach rückwärts in solchen Kategorien zu beschreiben. Besonders untauglich geworden ist der Begriff der Arbeiterklasse. Jenseits des Kapitalismus dient er nur noch zur Verhüllung und Pseudolegitimation der Macht. Von einer Herrschaft der Arbeiterklasse kann gar keine Rede sein, schon gar nicht für die Zukunft. Der Apparat herrscht auch nicht etwa stellvertretend für sie, er herrscht über sie. Die Arbeiter haben in dem Staat, dem man ihren Namen gibt, ebensoviel zu sagen, wie die gemeinen Soldaten in einer regulären Armee.

Jedoch läßt sich auf den Widerspruch zwischen Volk und Funktionären, oder genauer zwischen den Massen und dem Apparat, den die Analyse konstatiert, noch keine Hoffnung gründen. Es handelt sich hier gerade um jenen Widerspruch, in dem sich der real existierende Sozialismus ebenso normal bewegt wie die klassische bürgerliche Gesellschaft in dem Widerspruch von Lohnarbeit und Kapital — ohne zwangsläufig daran zugrundezugehen. Gewiß gibt es Krisen und Zuspitzungen, aber sie laufen meist auf teilregenerative Kompromisse hinaus, wie 1970 in Polen, wo Edward Gierek das Ergebnis, an die Arbeiter gewandt, auf die bezeichnende Formel brachte: »Ihr werdet gut arbeiten, und wir werden gut regieren.« Damit beginnt nur ein neuer Zyklus des installierten Dilemmas. Der Widerspruch zwischen den Massen und dem Apparat führt seinem Wesen nach nicht über das bestehende System hinaus.

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Genauer betrachtet, liegt das daran, daß die Gesamtsituation der Gesellschaft in diesem Widerspruch auf eine zu enge, einseitige Weise gefaßt wird, nämlich aus der Perspektive des Apparats. Gegenüber dem Apparat, und von ihm aus definiert, repräsentieren die Massen vornehmlich die Masse an Subalternität, die die Folge und Kehrseite der Konzentration alles offiziell anerkannten Wissens und aller Entscheidungsmacht in der bürokratischen Hierarchie ist. Die eine Seite des Hauptwiderspruchs, der unsere politische Entwicklung vorantreibt, die Apparatherrschaft, ist in dieser Gegenüberstellung adäquat und vollständig vertreten. 

Der Begriff des Apparats, als des anzugreifenden Pols, ist exakt genug für strategische Zwecke. Seine Herrschaft zu brechen — übrigens nicht gleichbedeutend mit seiner Abschaffung —, ist die historische Aufgabe. Aber »die Massen« werden nicht das Subjekt sein, das diese Tat vollbringt.

Es sei denn, man weitete ihren Begriff erneut in jener Weise aus, in der Marx seinerzeit den Begriff des Proletariats ausweitete, als er ihm eine welthistorische Mission zusprach. Ich denke, es ist heute klar, daß das eine Mystifikation war, wenn auch keine grundlose oder unfruchtbare. Sie reflektierte die Rolle der revolutionären Intelligenz, welch letztere »das Bewußtsein« in die für sich genommen eben doch subalterne Klasse hineintragen, also ihre Führung übernehmen sollte. Gerade darin war übrigens die nach- bzw. nichtkapitalistische Apparatherrschaft schon in den vorrevolutionären Arbeiterorganisationen vorgeprägt.

Die Unzulänglichkeit des Modells von Apparat und Massen (diese reell, also ohne Mission genommen) besteht vor allem darin, daß es sich gänzlich in dem Bereich des »entfremdeten«, des durch die notwendige Arbeit und ihre Regulierung absorbierten Bewußtseins bewegt und das überschüssige Bewußtsein einfach außer Betracht läßt. Auf diese Weise wirkt eben der Standpunkt des Apparats, der keine Verwendung für diesen Überschuß hat, ihn vielmehr fürchtet, in die Theorie hinein. Absorbiertes Bewußtsein nenne ich jenen Aufwand an psychosozialer Energie, der einerseits in der Hierarchie der Leitungsfunktionen, andererseits in den Routinetätigkeiten des Reproduktionsprozesses verbraucht wird. 

Es stehen sich also darin gegenüber: hier das zum Kommando über den Arbeits- und Lebensprozeß organisierte bürokratische Wissen, das sich politisch in den Apparatinteressen, in der von vornherein provokatorischen Hoffart der Machtausübung ausdrückt — dort die abstrakte, entfremdete Arbeit in Produktion, Dienstleistung, Verwaltung, die sich in den subalternen Reaktionen und Verhaltensweisen, in Leistungszurückhaltung und Duckmäuserei, in Interesselosigkeit und Gleichgültigkeit vor den allgemeinen Angelegenheiten niederschlägt.

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Kurzum, das sind zwei Seiten ein und derselben Medaille; es bleibt eine letzten Endes unfruchtbare Konstellation, solange die Kräfte auf dem Niveau dieses Modells verharren. Der bürokratische Apparat und die subalternen Massen sind einander wert.

Aber genau das, was bei dieser Gegenüberstellung herausfällt, eben das überschüssige Bewußtsein, ist das für die Veränderung der Gesellschaft ausschlaggebende Potential. Das überschüssige Bewußtsein ist die wachsende Menge freier, nicht mehr in notwendiger Arbeit und hierarchischem Wissen gebundener psychosozialer Energie. In gewissem Umfang hat es dies immer gegeben. Es gehört geradezu zum Menschen, nie völlig in den beschränkten Zuständen aufzugehen, die der notwendige und offizielle Zusammenhang der Gesellschaft jeweils setzt. Früher haben hauptsächlich die Religionen ihren Antrieb aus dieser Transzendenz der menschlichen Wesenskräfte bezogen. Solange die Gesellschaft nur wenig Qualifikation, nur eine kleine Elite erzeugt, absorbiert der Apparat den größten Teil der von der unmittelbaren Produktion freigesetzten psychischen Energie und Kapazität. Die Form der alten Ökonomischen Despotie hing maßgeblich auch mit der Größe oder vielmehr Kleinheit, mit der Qualifikation und den Reproduktionsgesetzen der verfügbaren Elite zusammen. Damals wurde diese soziale Qualifikation bloß im Maßstab der einfachen Reproduktion jeweiliger Herrschaftsverhältnisse erzeugt. In der materiellen Produktion trat ja kaum Bedarf nach intellektueller Arbeit auf!

Heute haben wir es mit einer durchgreifenden Intellektualisierung der subjektiven Produktivkräfte zu tun. Die Gesellschaft produziert, obwohl der Apparat die Entwicklungsrate drückt, eine solche Masse an allgemeiner Fähigkeit, an menschlicher Qualifikation schlechthin, daß sie unmöglich direkt vom Apparat beschäftigt werden kann. Daher sehen wir dessen unentwegte Anstrengung, das unverwendete überschüssige Bewußtsein teils mit unproduktiver Geschäftigkeit abzubauen, teils mit Terror zu paralysieren, vor allem mit Ersatzbefriedigung abzuspeisen. Dies letztere ist, beiläufig, der eigentliche machtpolitische Zweck der vielgepriesenen »Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik«.

Im real existierenden Sozialismus erlangt das überschüssige Bewußtsein eine zusätzliche Sprengkraft dadurch, daß es auf eigens gegen sich gerichtete Schranken stößt, auf die präventive Eifersucht, in der sich das bürokratische Machtmonopol einfach nicht bezähmen kann.

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Es wird ihm systematisch die reale Qualität, die Potenz als Produktivkraft, die Kompetenz zu sozialer Erkenntnis und Entscheidung bestritten. Der Apparat handelt unter der ihm eingeschriebenen Anmaßung, selbst jeweils schon alles bedeutungsvolle Bewußtsein zu repräsentieren. Wo käme man hin, wenn irgendwer in der Gesellschaft mehr und besseres wüßte als die Politbürokratie. Mindestens muß jeder seine Einsicht unterordnen, muß geduldig und bescheiden abwarten, ob seine Vorschläge »machbar«, nämlich von der Maschinerie zu assimilieren sind oder nicht. Alles hat sich dem Endzweck der bürokratischen Stabilität anzupassen. Die Künste, die Wissenschaften sollen vornehmlich Organe dieser Machterhaltung sein. Alles, was das amtliche Universum überschreitet, und was eben das Wesen des überschüssigen Bewußtseins ausmacht, wird entweder blockiert oder in die Sphäre voneinander isolierter Privatangelegenheiten abgedrängt.

Die entfremdete Arbeit und der apparative Druck bestimmen zunächst die Masse des überschüssigen Bewußtseins dahin, in der Freizeit nach bequemen Ersatz­befriedigungen zu streben, die nach Möglichkeit auch bereitgestellt werden. Die Umstände beschränken und verhindern die Entfaltung, Entwicklung und Bestätigung zahlloser Menschen von frühester Jugend auf. Nun sind sie gezwungen, im Verbrauch von Dingen, in passiver Unterhaltung, in prestige- und machtorientierten Attitüden Entschädigung zu suchen. Darauf beruhen die kompensatorischen Interessen. Dieser Begriff ist mir sehr wichtig; ich komme noch darauf zurück, wie die Kulturrevolution auf sie reagieren soll. 

Doch das eigentliche Wesen, die innerste Tendenz des überschüssigen Bewußtseins, drückt sich nicht in den kompensatorischen, sondern in den emanzipatorischen Interessen aus. Sie richten sich auf das Wachstum des Menschen als Persönlichkeit, auf die Differenzierung und Selbstverwirklichung der Individualität in allen Dimensionen sozialer Aktivität. Sie verlangen vor allem die potentiell allumfassende Aneignung der Kultur, die zwar mit den Sachen zu tun hat, die man verbrauchen kann, aber prinzipiell auf etwas anderes zielt: auf die menschlichen Wesenskräfte, die in anderen Individuen, in Gegenständen, Verhaltensweisen, Beziehungen, auch in den Institutionen verwirklicht sind. Das höchste Ziel dieser Aneignung ist die Befreiung von aller Beschränktheit und vor allem Subalternität des Denkens, Fühlens und Verhaltens, ist die Erhebung des Individuums auf die Ebene des Gesamtlebens der Gesellschaft. 

Und was der ganzen Menschheit zugeteilt ist, 
will ich mit meinem Innern Selbst genie
ßen,

hieß das bei Goethe.

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In ihrer bewußten Form sind die emanzipatorischen Interessen revolutionär, und ihr politisches Programm wird dann der Kampf um die Bedingungen der allgemeinen Emanzipation. Ich bin damit, um das Potential für die bevorstehende Umgestaltung aufzudecken, über eine Strukturanalyse des gesellschaftlichen Bewußtseins vorgegangen, das ich in seiner Eigenschaft als durchaus materielle, sozialökonomische Realität nehme. Der Apparat, der Staat selbst ist ja bekanntlich »ideologischer Überbau«, ist seiner Substanz nach entfremdetes, herrschaftlich funktionierendes Bewußtsein. Das geistige Leben der Gesellschaft überhaupt ist das Kampffeld der kommenden Kulturrevolution — dieses geistige Leben jedoch nicht etwa im Gegensatz zum materiellen Dasein, sondern gerade mit dem Schwerpunkt der Information und Entscheidung über den Reproduktionsprozeß und seine Ziele. Es geht um einen neuen Typ der Regelung für das Gesamtleben der Gesellschaft, um eine neue Ordnung der Erkenntnisarbeit, und ihres institutionellen Gerüsts.

Von daher muß sich eine revolutionäre Strategie auf ein ganz bestimmtes Kräfteverhältnis innerhalb des gesellschaftlichen Bewußtseins einstellen, man könnte auch sagen, auf ein Kräfteverhältnis innerhalb des Aufgebots an angesammelter Qualifikation, an subjektiver Produktivkraft, auf die Struktur des psychischen Energieumsatzes und -aufwandes der Gesellschaft.

Daraufhin habe ich die zuvor bereits kurz charakterisierten vier Fraktionen des gesellschaftlichen Bewußtseins unterschieden, zwei in dem absorbierten, zwei in dem überschüssigen Bewußtsein. In dem absorbierten Bewußtsein stehen sich, wie wir sahen, die bürokratischen Apparatinteressen und subalternen Reaktionen der Massen gegenüber, in dem überschüssigen Bewußtsein die kompensatorischen und die emanzipatorischen Interessen der Individuen. Diese vier Fraktionen, die sich gesetzmäßig aus den Antworten der Menschen auf die Widersprüche der realsozialistischen Produktionsweise herausbilden, konstituieren das für unsere Verhältnisse typische politische Kräftefeld.

Dabei geht es nicht, bzw. nur im Ausnahmefall darum, etwa bestimmte Individuen auf bestimmte dieser Bewußtseinsfraktionen zurückzuführen. Im allgemeinen kann man davon ausgehen, daß alle Individuen mehr oder weniger an allen vier genannten Fraktionen teilhaben. Es fragt sich nur, welche Interessenrichtung jeweils in ihrer Motivationsstruktur und damit in ihrem Verhalten vorherrscht. Danach scheiden sich die Geister. 

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Es gibt allerdings Menschen, die auch subjektiv derart durchbürokratisiert, derart mit dem Apparat identifiziert sind, daß man sie auf ihre offizielle Rolle reduzieren kann. Diese Minderheit ist die Apparatpartei im engeren Sinne, die Partei der politbürokratischen Reaktion, gegen die sich der Angriff konzentrieren muß.

Vorgetragen werden kann dieser Angriff nur von emanzipatorischen Interessen her. Zwischen diesen beiden Polen geht die ideologische Schlacht um den Einfluß auf die Masse des in notwendiger Arbeit und kompensatorischen Befriedigungen gebundenen psychosozialen Potentials. Solange der Apparat dominiert, sehen sich die emanzipatorischen Interessen, die dann auch soziologisch einigermaßen atomisiert sind, mit der unter diesen Umständen überwiegend subalternen Verhaltenstendenz aller übrigen Bewußtseinsfraktionen konfrontiert, d. h. der Apparat ordnet sich alles übrige Bewußtsein machtpolitisch unter. In der Kulturrevolution dagegen, deren Voraussetzungen heranreifen, wird umgekehrt der herrschende Apparat isoliert, und die Individuen erlernen auch in ihrer notwendigen Arbeit und in ihren freien Betätigungen bzw. Genüssen ein integrales, nämlich auf die einsichtige Einordnung ins Ganze gerichtetes Verhalten. 

Die emanzipatorischen Interessen bilden die Substanz, die zu dem Subjekt der kommenden Umgestaltungen zusammengefaßt und organisiert werden muß. Rein empirisch besteht dieses Subjekt aus den energischen, schöpferischen Elementen in allen Schichten und Bereichen der Gesellschaft, aus all den Menschen, in deren Individualität die emanzipatorischen Interessen vorherrschen oder jedenfalls eine große, verhaltens­beeinflussende Rolle spielen. Es ist der Auftrag einer wirklich Kommunistischen Partei im real existierenden Sozialismus, diese Kraft zu formieren, ihr die konvergente politische Organisation zu geben, deren sie bedarf, um gegen die Apparatherrschaft zu kämpfen und gegen alle Einflüsse bloß subalternen und kompensatorischen Verhaltens ihre Identität zu behaupten. 

Die herrschenden Parteien im real existierenden Sozialismus bieten die Basis hierfür ganz offensichtlich nicht. Ihre »führende Rolle« hat einen ganz anderen, durch und durch repressiven Inhalt. Haben sie sich doch vollständig an die Apparatinteressen ausverkauft. Mehr noch, sie bilden ausdrücklich deren militante Spitze. Sie sind die eifersüchtigsten Wächter der Staatsautorität. Daher ist ihnen gegenüber der Platz für einen neuen Bund der Kommunisten vakant, der den emanzipatorischen Bedürfnissen solidarischen Rückhalt bietet und eine höhere moralisch-politische Autorität als jeglicher Apparat verbürgt.

 Die kommunistische Bewegung muß neu geschaffen werden, eine Bewegung, die wieder klar die menschliche Emanzipation auf ihre Fahne schreibt und daraufhin das Leben umgestaltet.

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(1977)

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Kurzform von Die Alternative Von Rudolf Bahro