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Teil 3 - Strategie einer

kommunistischen Alternative

 

 

 

"Wenn die Entwicklung der nächsten Jahrzehnte darauf hinausliefe, daß die 10 bis 15 Milliarden, auf die sich der Bestand der Menschheit einpegeln soll, den Verbrauchs- und Emittierungs­maxima der entwickeltsten Länder nachjagen, dann werden die kommenden Generationen sich damit befassen, Sauerstoff für die Atmosphäre, Wasser für die Flüsse, Kälte für die Pole herzustellen."  (S. 311, hier gekürzt)

 

 

10. Bedingungen und Perspektiven für die allgemeine Emanzipation

299-326

Dieser letzte Teil stellt zwangsläufig die schwierigste Aufgabe dar und wird den ungesichertsten und lückenhaftesten Text abliefern, denn Programm­atisches ist — zwar nicht unbedingt aus Erkenntnisgründen, aber aus soziologischen — eine Sache kollektiver, öffentlicher Praxis. Nichtsdesto­weniger muß es gewagt werden. Und ich will mich mit Bestimmtheit äußern auch auf das Risiko des "Utopismus" hin.

Utopieabwehr

Die Marxisten haben eine Abwehrhaltung gegen Utopie. Es war so mühsam, sich davon loszumachen, seinerzeit. Aber Utopie gewinnt jetzt eine neue Notwendigkeit. Denn jene historische Spontaneität, die Marx auf den Begriff des naturgeschichtlichen Prozesses brachte und die unsere Marxisten-Leninisten unter dem Namen der objektiven ökonomischen Gesetze feiern, muß heute überwunden werden. 

Es muß genau das geschehen, was die Begründer des Marxismus erwarteten: daß die kommunistische Bewegung »alle naturwüchsigen Voraussetzungen zum ersten Mal mit Bewußtsein als Geschöpfe der bisherigen Menschen behandelt, ihrer Naturwüchsigkeit entkleidet und der Macht der vereinigten Individuen unterwirft«

Sie muß »alles von den Individuen unabhängig Bestehende« unmöglich machen, »sofern dies Bestehende dennoch nichts als ein Produkt des bisherigen Verkehrs der Individuen selbst ist« (MEW 3/70 f.). Naturprozesse enden normalerweise retrogressiv; der wahrscheinlichste Weg, der aus dem Wechselspiel von Zufall und Notwendigkeit hervorgeht, ist die Parabel von Aufstieg, Kulmination und Untergang aller einzelnen Lebensformen. 

Es wird eine Forderung des Überlebens, die menschliche Existenz »auf den Kopf, das ist auf den Gedanken« zu stellen, wie Hegel einst idealistisch vorgreifend die Stunde von 1789 verklärte. Das ist eine Forderung zuerst an die industriell entwickeltsten Völker, die die materiell-technischen Voraussetzungen dafür besitzen und sich die dazu notwendige soziale Organisation geben müssen, um damit zugleich den zerstörerischen und nivellierenden Druck der von Europa ausgegangenen Zivilisation auf die Lebensformen aller anderen Völker abzubauen. 

 

Die allgemeine Emanzipation

Die allgemeine Emanzipation ist heute die absolute Notwendigkeit, weil wir in dem blinden Spiel der subalternen Egoismen, in der Unsolidarität, dem Antagonismus der atomisierten, entfremdeten Individuen, Gruppen, Völker, Konglomerate aller Art immer schneller dem Punkt zueilen, von dem es keine Wiederkehr im Guten mehr gibt. 

Das muß man wissen, ehe man fragt, wie sie möglich sei. Die allgemeine Emanzipation des Menschen, oder auch einfach: die menschliche Emanzipation (im Unterschied z.B. zur bloß politischen) ist nichts anderes als die subjektive Seite der kommunistischen Bewegung. Der Kommunismus ist gekennzeichnet durch die »originelle und freie Entwicklung der Individuen, die sich auf die <universelle Betätigungsweise der Individuen> auf der Basis der vorhandenen Produktivkräfte« gründet (MEW 3/424 f.). 

Es kann keinen Zweifel daran geben, daß der ursprüngliche Marxismus die universelle Aneignung, die Aneignung der Totalität der gesellschaftlich erzeugten Produktivkräfte durch die Individuen als solche (nicht nur durch ihren Verband) antizipierte (MEW 3/67 f.). 

300/301


Es heißt dort ganz ausdrücklich, bei der kommunistischen Aneignung müsse »eine Masse von Produktions­instrumenten unter jedes Individuum ... subsumiert werden«, nicht nur, selbstverständlich, das Eigentum unter alle. Erst — so muß man heute betonen — erst »mit der Aneignung der totalen Produktivkräfte durch die vereinigten Individuen hört das Privateigentum auf«, erst damit und nicht eher! 

Marx und Engels sagen später ausdrücklich noch einmal: »Wir haben ferner gezeigt, daß das Privateigentum nur aufgehoben werden kann unter der Bedingung einer allseitigen Entwicklung der Individuen, weil eben der vorgefundene Verkehr und die vorgefundenen Produktivkräfte allseitig sind und nur von allseitig sich entwickelnden Individuen angeeignet, d.h. zur freien Betätigung ihres Lebens gemacht werden können« (ebenda/424). 

Und sie konstatieren, indem sie noch einmal den Inhalt der kommunistischen Bewegung, der Bewegung der menschlichen Emanzipation zusammenfassen, »daß die Aufhebung der Verselbständigung der Verhältnisse gegenüber den Individuen, der Unterwerfung der Individuen unter die Zufälligkeit, der Subsumtion ihrer persönlichen Verhältnisse unter die allgemeinen Klassenverhältnisse etc. in letzter Instanz bedingt ist durch die Aufhebung der Teilung der Arbeit« (ebenda).

Die allgemeine Emanzipation ist also die Befreiung der Individuen von allen sozial bedingten Entwicklungsschranken, die ihren Ausschluß von der Mitbe­stimmung über die allgemeinen Angelegenheiten, von der bewußten Verursachung gesellschaftlicher Veränderungen zur Folge haben müßten. Ich hatte im 1. Teil gezeigt, wie sich der allgemeine Zusammenhang am Ausgang der Urgesellschaft über den Individuen zu konstituieren beginnt und wie ihnen dabei auch subjektiv die Vermittlung ihrer einzelnen Betätigungsweisen mit dem Ganzen verlorengeht. Die allgemeine Emanzipation erfordert in erster Linie, die Universalität der Aneignungstätigkeit für alle Individuen zu ermöglichen. 

301


Sie ist verwirklicht, so weit die Menschen positiv in die Lage versetzt sind, sich schöpferisch die soziale Totalität anzueignen — anders gesagt, sich die Quintessenz der Gesamtkulturleistung subjektiv zu eigen zu machen, die die jeweils zeitgenössische Menschheit objektiv produziert bzw. reproduziert (überliefert).

Damit ist verlangt, das gesamte gesellschaftliche Leben und insbesondere den Produktionsprozeß einschließlich seines informationellen Überbaus so zu organisieren, daß alle die dem allgemeinen Niveau der vorhandenen Produktivkräfte und dem System der sozialen Regulation entsprechenden individuellen Fähigkeiten erwerben können.

Hier wird schon sichtbar, daß die Bedingungen der allgemeinen Emanzipation weit über die Bereitstellung materieller Mittel im engeren Sinne hinausgehen. Haupt-»Entwicklungsmittel« wird mehr und mehr die Organisation des sozialen Ensembles schlechthin. Auf diesem Felde vor allem muß die objektive Basis für die »Entwicklung der Individuen zu totalen Individuen« (MEW 3/68) geschaffen werden.

Anstatt pseudomarxistisch festzustellen, welches Bewußtsein sich zwangsläufig aus den bestehenden Bedingungen ergeben wird, um dann die entsprechenden entfremdeten Bedürfnisse zu befriedigen, gilt es zu fragen, welche Realitäten erzeugt werden müssen, um den Teufelskreis der Verdinglichung zu durchbrechen, die Bedürfnisinhalte zu verändern.

Denn die bestehenden Bedingungen sind weniger durch einen bestimmten Entwicklungsstand der materiell-technischen Basis als durch zwei überholte Produktions­weisen, zwei überfällige Produktionsverhältnisse gekennzeichnet. Die Konservativen beider Systeme erheben ein Geschrei über Voluntarismus. Aber damit geben sie nur zu erkennen, daß sie die Veränderung fürchten, jedenfalls nicht führen und verantworten möchten. Man muß sich darauf besinnen, daß es ein Gesellschaftskörper in seiner Subjekteigenschaft ist, der die ökonomischen Gesetze hat, und nicht umgekehrt. 

302


Wenn Nomadenvölker aus ihren Steppen aufbrachen, um ein zivilisierteres Land auszubeuten und zu beherrschen, dann warfen sie mit diesem kollektiv-subjektiven Akt das ganze System ihrer bisherigen ökonomischen Notwendigkeiten über den Haufen und schufen sich in widerspruchsvoller Kooperation mit den Unterworfenen ein neues. 

Unser Problem erscheint unvergleichbar mit solchem archaischen Beispiel, weil man nirgend mehr hinziehen, weil man keine Vergangenheit mehr abbrechen kann wie ein nomadisches Zeltlager, weil das ungeheure Massiv der Sachenwelt, von der wir abhängiger sind als je eine Zivilisation vor uns, den ökonom­ischen Zwängen eine außerordentliche Trägheit verleiht. Doch »wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch«.  

Selbst die mechanistischsten Materialisten ahnen heute, daß es mit der »wachsenden Rolle des subjektiven Faktors« noch eine andere Bewandtnis als die der bewußten Vollstreckung historischer Gesetze hat. Immer schon kam im Marxismus auch vor, daß das Sein das Bewußtsein bestimmen kann, das Sein neuzubestimmen. Die menschliche Natur, selbst von weither eine soziale Schöpfung, geht mit ihren fundamentalen Bedürfnissen und Bestrebungen von innen in die historischen Gesetze ein und wird zur Quelle der Veränderung, wenn ihr der Widerspruch zu, den objektiven Umständen, die aus der materiellen Praxis hervorgegangen sind, zu schmerzhaft wird. Das Bewußtsein ist schließlich ihr prominentes Organ. 

Wir haben zum ersten Mal in der Geschichte wirklich massenhaft »überschüssiges Bewußtsein«, nämlich energische psychische Kapazität, die nicht mehr von den unmittelbaren Notwendigkeiten und Gefahren der menschlichen Existenz absorbiert wird und sich daher den ferneren zuwenden kann. Früher hat die Knappheit der Genuß- und Entwicklungsmittel, der Mittel, die zur Produktion und Reproduktion höherer geistiger Fähigkeiten notwendig sind, stets gebildete Eliten mit ungebildeten Massen konfrontiert. 

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Diese Komponente des Klassenkampfes fand ihren Ausdruck immer wieder in einer Tendenz zu kultureller Regression auf beiden Seiten des sozialen Gegensatzes — ausschließende Hoffart hier, neidische Zerstörungslust dort als bedeutende Triebfedern ökonomischer und politischer Aktion. Jetzt verliert diese Konfrontation ihre scharfe Frontlinie, weil die Technologie gebildete Massen erfordert und zugleich die Bedingungen hervorbringt, um individuelle Unterentwicklung und Subalternität zu liquidieren. Es kommt darauf an, die »Überproduktion« von Bewußtsein zu forcieren, um das ganze historische Geschehen »auf den Kopf zu stellen«, die Idee zur entscheidenden materiellen Gewalt zu machen. 

 

Umbruch

Die Dinge steuern auf einen Umbruch hin, der noch tiefer geht als der gewöhnliche Übergang von einer Formation zur andern innerhalb ein und derselben Zivilisation. Was jetzt bevorsteht und eigentlich bereits begonnen hat, ist eine Kulturrevolution im wahrsten Sinne: eine Umwälzung der ganzen subjektiven Lebensform der Massen, einzig beziehbar auf jenen anderen Übergang, der auf dem Wege von Patriarchat, vertikaler Arbeitsteilung und Staat in die Klassengesellschaft hineinführte. In dieser zweiten Kulturrevolution wird der Mensch seine Existenz auf sein Bewußtsein gründen, auf die »höchste Daseinsweise der Materie«, und sich auf die soziale Organisation dieser Noosphäre konzentrieren, um von hier aus sein Naturverhältnis neu zu regeln.

Die Perspektive dieser Kulturrevolution hängt mit einigen Problemen zusammen, die für die alten Sozialisten und Kommunisten, besonders gerade für die wissenschaftlichen, keinen Vorrang bzw. keine selbständige Bedeutung hatten. Die Marxisten stehen in mehrfacher Hinsicht vor einer für ihr bisheriges Selbstverständnis neuen Situation. 

Die allgemeine Emanzipation des Menschen sollte nach ihrer überlieferten Auffassung durch die Emanzipation einer Klasse vermittelt sein, der Arbeiterklasse, deren bisherige Existenzbedingungen nach wie vor tatsächlich aufgehoben werden müssen, um die Gesellschaft zu befreien, während aber die Schranken, von denen der proletarische Befreiungskampf in der kapitalistischen Gesellschaft emanzipiert, eben doch bei weitem noch nicht die letzten sein konnten. (Analoges gilt natürlich in noch stärkerem Maße für die unterdrückten und ausgebeuteten Massen in bisher überwiegend agrarischen Ländern.) 

304


Wie sich zeigte, stößt der Mensch in den komplexen Industriegesellschaften beider Formation auf allgemeinere, nicht an eine spezifische Klassenstruktur gebundene Hemmnisse der Selbstverwirklichung, auf eine Schicht von Herrschaftsverhältnissen, die mit dem Kapital noch längst nicht weicht.

Da die Bewegung der Arbeiterklasse (in den kapitalistischen Ländern) unter diesen Umständen eine zu schmale Basis ist, um die Gesellschaft umzugestalten (spielen die spezifischen Arbeiterinteressen nicht immer öfter sogar eine grundsätzlich konservative Rolle?), sind ja die westeuropäischen und japanischen Kommunisten schon dabei, sich an die Weltveränderungsbedürfnisse praktisch aller progressiven Elemente" anzupassen, welcher traditionellen Klasse, Schicht, Sektion sie auch zuzurechnen seien. Es bilden sich offensichtlich ganz andere Interessenfronten heraus, die bereits auf eine Ordnung jenseits der bisherigen Ökonomik hinweisen.

 

Italien

Gerade für Italien, wo es sich am deutlichsten ausprägt, ist das Phänomen weltgeschichtlich nicht erstmalig, was den historisch-methodologischen Aspekt betrifft. So wie heute in der allgemeinen Krise der alten Ordnung, die alle Menschen des Landes in Mitleidenschaft zieht, die Kommunisten in allen Kreisen der Bevölkerung Proselyten machen, haben einst die Christen über alle Klassengegensätze hinweg die Römer für sich gewonnen und einen neuen Staats- und Gesellschaftscharakter vorgeprägt, indem sie den Weg vom plebejischen Ursprung ihrer Bewegung zur herrschenden Kirche zurücklegten. Natürlich hat die Analogie ihre Grenzen. 

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Wichtig ist aber, zu erkennen, daß sich materielle Interessen, wie sie selbstverständlich auch den ideologischen Eroberungen der Christen im spätantiken Rom zugrunde lagen, keineswegs immer auf einen so einfachen ökonomischen Gegensatz — in dem engen Sinne des Begriffes, um den herum der Klassenkampf der Arbeiter zweifellos ursprünglich organisiert wurde — reduzieren. Es hatte ja übrigens auch Rom seine Zeit der Gracchen, wo das Bewegungsgesetz seiner Gesellschaft so rein auf das Problem des Grundeigentums reduziert schien wie das der europäischen Gesellschaft im 19. Jahr­hundert auf das Problem der kapitalistischen Ausbeutung. 

In beiden Fällen sind das Perioden der vollen Jugendentfaltung einer Formation gewesen. Die einmal so eklatant vorherrschenden Gegensätze können erhalten bleiben, aber ihren Stellenwert bis zur relativen Bedeutungslosigkeit verlieren, wenn es in den Spätphasen um die Frage geht, was nun danach kommen soll. Die ganze Struktur des traditionellen Gegensatzes kann dann irrelevant werden, sein Mechanismus ein retardierendes Element des Übergangs­prozesses.

 

Globale Krise

Wie sollen sich die revolutionären Kräfte verhalten, wenn zunächst (wie in Italien) die gesamtnationale, aber schon bald die globale Krise über eine Gesellschaft, über die Menschheit kommt? 

Marx und Engels hatten allgemein die historische Möglichkeit des gemeinsamen Untergangs der kämpfenden Klassen (MEW 4/462) in der oder jener bestimmten Gesellschaft anerkannt. Jetzt ist eine solche Gefahr in der Gesamtsituation der Menschheit enthalten. Der Kommunismus bleibt nur möglich, wenn sie gebannt werden kann. Unter diesen Umständen darf sich die kommunistische Bewegung nicht mehr auf den Standpunkt ausschließender, besonderer Klasseninteressen stellen, die überdies weniger denn je die Grenzen der verschiedenen nationalen und supranationalen Wirtschaftskomplexe transzendieren. 

Statt der Hegemonie des Proletariats über den Block der verschiedengradig revolutionären Kräfte (wie Lenin die Sache noch sehen mußte; siehe etwa Leninwerke 6/35) also Schaffung eines übergreifenden — sei's auch formell eklektischen Konsens zur Lösung der allgemeinen Krise, Konstituierung der Partei und ihres in alle gesellschaftlichen Schichten reichenden Massenanhangs zum allgemeinen Repräsentanten einer neuen Ordnung, Kontinuität der grundlegenden Reproduktionsfunktionen, Isolierung und Abdrängung der verbrauchten Fraktionen des ancien régime von den Lebensadern der Gesellschaft, nicht zuletzt von den Hebeln der Staats- und Verwaltungsmaschinerie.*

*  detopia-2014: Ich vermute: Kursiv ist von Lenin. Obwohl es andererseits auch modern klingt; also von Bahro sein könnte. 

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Hinter der Formel vom historischen Kompromiß, die de facto die »Diktatur des Proletariats« in ihrem politischen Oberflächenaspekt ersetzt hat, steht die substantielle Idee (substantiell nicht, weil sie neu wäre, sondern weil sie jetzt praktische Erfolgsaussicht hat) einer umfassenden sozialen Regeneration, die sich auf alle produktiven Kräfte der Gesellschaft stützen soll. 

Das ist die Konzeption, die Dominanz der kapitalistischen Struktur im nationalen Leben sukzessiv zum Verschwinden zu bringen, indem man die Kontrolle über den für das ökonomische Funktionieren immer wichtigeren Staatsapparat erlangt, während man zugleich den traditionellen Klassenkampf entschärft durch forciertes Aufschließen der unterentwickelten Klassen und durch produktive Verwendung der nichtparasitären Elemente aus den privilegierten Klassen.

Vermutlich wird sich herausstellen, daß die reale Demokratisierung des nationalen Lebens unter den Bedingungen so oder so vordringender staats­mono­polistischer Regulierung den nächsten wirklichen Fortschritt in der ökonomischen Emanzipation der Massen bedeuten, das Tor zu dem Weg der von unten in die Institutionen hineinwachsenden Selbstverwaltung aufstoßen kann — wie wir es von einer raschen totalen Enteignung gleich Verstaatlichung nach aller Erfahrung mit dem real existierenden Sozialismus kaum zu erwarten hätten.

Hier haben wir die Kopplung noch zu einem anderen Gesichtspunkt, unter dem das Emanzipationsproblem den Bezugsrahmen von Klassenbefreiung sprengt. Wir wissen, auch für Marx gehörten die Menschen nicht etwa in ihrer Eigenschaft als Individualitäten den sozialen Klassen an, so sehr sie darin betroffen waren. 

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Also können sie in dieser Eigenschaft auch nicht automatisch befreit werden, wenn sie sich klassenmäßig befreien. Marx und Engels kamen leicht über diesen Punkt hinweg, weil ihnen der Klassenkampf des Proletariats direkt in die allgemeine Emanzipation mündete. Schon 1845/46 schrieben sie (MEW 3/424): 

»In der gegenwärtigen Epoche hat die Herrschaft der sachlichen Verhältnisse über die Individuen, die Erdrückung der Individualität durch die Zufälligkeit, ihre schärfste und universellste Form erhalten und damit den existierenden Individuen ... die Aufgabe gestellt, an die Stelle der Herrschaft der Verhältnisse und der Zufälligkeit über die Individuen die Herrschaft der Individuen über die Zufälligkeit und die Verhältnisse zu setzen.« 

Erst heute aber, durch die moderne Superorganisation, wird die Unterdrückung der Individualität so unmittelbar zu einem Stein allgemeinen Anstoßes, daß sich von hier aus Gegenkräfte formieren und in Bewegung setzen lassen. 

 

Zwischenmenschlichen Beziehungen

 

Die eigentlich menschlichen Bedürfnisse hängen vom Ursprung an untrennbar mit dem Faktum der Individualität zusammen und weisen in die Richtung der zwischenmenschlichen Beziehungen, der persönlich bedeutsamen Kommunikation mit anderen, mit antwortender, beeinflußbarer Gemeinschaft. Alle objektive Kultur verlöre ihren Sinn (falls man die Ansprüche nicht auf Arterhaltung zurückschraubt), wenn der soziale Zusammenhang den Charakter konkreter, menschlich verbindlicher Kommunikation so weit einbüßte, daß alle Aktivität abstrakt und funktionell wird, Dienst an einem Mechanismus, der andererseits nichts als ein komfortables privates Vegetieren ermöglicht. Die Nichtigkeit der Person vor der objektiven Spontaneität eines am Ende bis zur Weltregierung zentralisierten Informationsprozesses würde jede Harmonie von Individuum und Gesellschaft ausschließen. Die negativen Utopien von Orwell und Huxley sind essentiell noch nicht von unserem Horizont gewichen.

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Man muß sich die psychologische Dimension des Individualitätsproblems in der superkomplexen Industriegesellschaft klarmachen. Die verschiedenen Lebensbereiche — Arbeit, Bildung, Wohnen, Erholung — sind so weit auseinandergetreten, fast alle Tätigkeiten so weit entpersönlicht, selbst die privaten Bindungen so vieler Notwendigkeiten beraubt, daß die Entfremdung des Menschen vom Menschen zum allgemeinen Schicksal zu werden droht. Das Unglück der Einsamkeit, des totalen Kommunikationsverlusts unterhalb der riesigen Oberfläche abstrakter, seelisch gleichgültiger Funktionalaktivitäten greift immer tiefer. Wir finden emotionale Beziehungslosigkeit bis in die intimen Kontakte der Kleinfamilie, dieses letzten Residuums ursprünglicher Gemeinschaftlichkeit. Eine Lebensweise, die in solchen Mißklang für die Individuen mündet, mag nach welchen Kriterien auch immer fortgeschritten sein, sie bewegt sich nicht in einer Perspektive der menschlichen Emanzipation.

Aber alle diese Fragen — nach dem sozialen Subjekt einer Umgestaltung, nach der Bewältigung der bürokratischen Herausforderung, nach der Wieder­eingliederung des Menschen in ein Gemeinschaftsleben — werden von einer noch darunter liegenden weiteren Problemschicht bestimmt, die sich womöglich noch weniger als die Neuorientierung in der Klassenfrage auf die ursprünglichen Voraussetzungen der marxistischen Tradition reduziert und um so nachhaltiger ihre Neuanpassung verlangt. 

Unsere gewohnte Vorstellung vom Übergang ist die Formationsablösung innerhalb der grundlegenden Bedingungen, die die in ihrem Industrialismus gipfelnde europäische Zivilisation {nicht nur in Europa) geschaffen bzw. hervorgerufen hat. Selbst ein so tiefer Denker wie Gramsci akzeptierte die Technik, den Industrialismus, den Amerikanismus, den Fordismus als Verhängnis und stellte uns Kommunisten als die eigentlichen Vollstrecker der menschlichen Anpassung an die moderne Technologie und Maschinerie dar. 

Von Marxisten wurde nicht oft gedacht, daß die Menschheit nicht nur ihre Produktionsverhältnisse, sondern den Gesamtcharakter ihrer Produktionsweise, also auch die Produktivkräfte, die sogenannte Technostrüktur, grundlegend umwälzen müsse und daß sie ihre Perspektive an keine historisch überkommene Form der Bedürfnisentwicklung und -befriedigung und der dazu zweckbestimmten Produktenwelt gebunden betrachten dürfe.

309


Der ganze Typus von erweiterter Reproduktion, den die europäische Zivilisation in ihrer kapitalistischen Ära hervorgebracht hat, diese lawinenartig anschwellende Expansion in allen materiell-technischen Dimensionen, beginnt sich als unhaltbar darzustellen. Der Erfolg, den wir mit unseren Mitteln der Naturbeherrschung hatten, droht uns und alle anderen, die er unbarmherzig in seinen Sog reißt, zu vernichten. 

Die gegenwärtige Lebensweise der industriell fortgeschrittensten Völker bewegt sich in einem globalen antagonistischen Widerspruch zu den natürlichen Existenzbedingungen des Menschen. Wir nähren uns von dem, was andere Völker und künftige Generationen zum Leben nötig hätten. Zumindest vermehrt ihnen unsere Verschwendung aller leichter zugänglicher Ressourcen die notwendige Arbeit und hält so ihre Befreiung von den alten historischen Zwängen auf. 

Die gegenwärtigen Rohstoff- und Umweltprobleme sind das Nebenprodukt von nur zwei Jahrhunderten industrieller Tätigkeit eines Bruchteils der Menschheit. Vom ökonomischen Prinzip der Profitmaximierung her, das mächtig in den real existierenden Sozialismus hineinregiert, ist es ein wesentlich quantitativer Progreß mit dem Trieb ins schlecht Unendliche. Er muß aufhören, weil der Anteil der Erdrinde, den man im industriellen Stoffwechsel mit der Natur vermählen kann, trotz aller möglichen und unsinnigen Ausdehnung und Beschleunigung des Umschlags begrenzt ist, wenn der Planet bewohnbar bleiben soll.

Die von Wissenschaft und Technik faszinierten Futurologen vergessen zu gern, daß die Erschließung der vergleichsweise unerschöpflichen Energiequellen, die sie versprechen, offenbar zuerst den höchsten Einsatz des sich erschöpfenden bisherigen Energievorrats voraussetzt.

310/311

Wenn die Entwicklung der nächsten Jahrzehnte darauf hinausliefe, daß die 10 bis 15 Milliarden Individuen — auf die sich der Bestand der Menschheit nach den gegenwärtigen Extrapolationen einpegeln soll — den Verbrauchs- und Emittierungsmaxima der entwickeltsten Länder nachjagen, werden sich die kommenden Generationen damit befassen, Sauerstoff für die Atmosphäre, Wasser für die Flüsse, Kälte für die Pole herzustellen. [vgl. z.B. bei S.Emmott 2013]

Unter Hinweis auf die »grundlegende Verschiedenheit der beiden Weltsysteme« äußern sich sowjetische Theoretiker ernsthaft und optimistisch über den Abbau anderer Planeten oder über die immer noch aufwandsbescheidenere Verhüttung der irdischen Gebirge. 

In dem technokratischen und scientistischen Glauben, der Fortschrift von Wissenschaft und Technik auf seinen eingefahrenen Bahnen werde die sozialen Probleme der Menschheit lösen, liegt eine der lebensfeindlichsten Illusionen der Gegenwart. 

Die sogenannte wissenschaftlich-technische Revolution, die jetzt noch überwiegend in dieser gefährlichen Perspektive vorantreibt, muß von einer neuen gesell­schaftlichen Umwälzung her umprogrammiert werden. 

Die Idee des Fortschritts überhaupt muß radikal anders interpretiert werden, als wir es gewohnt sind.

Vor einem Menschenalter hat Tolstoi vor der Unersättlichkeit gewarnt, die die anbrechende kapitalistische Epoche in den durch jahrhundertelanges Warten auf Land ausgehungerten Seelen der unternehmendsten russischen Bauern zum Vorschein brachte.

<Wieviel Erde braucht der Mensch?>: Der Teufel verspricht Pachom soviel Boden, wie er von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang umlaufen kann. Der Bauer schlägt einen so weiten Bogen, daß er am Ende auf dem Hügel, den er erreichen muß, um seinen Kreis zu schließen, tot zusammenbricht. Der Knecht hebt die Hacke auf und gräbt für Pachom ein Grab, »grad so lang, als er vom Kopf bis zu den Füßen einnimmt — nicht ganz drei Arschin«.    [Leo Tolstoi bei detopia]

   311/312

Dieses Gleichnis hat jetzt unmittelbar jene universale Bedeutung erlangt, an die der greise Prophet sicherlich ohnehin dachte. Der Pro-Kopf-Verbrauch an Rohstoff und Energie, die Pro-Kopf-Produktion an Stahl und Zement sind die Kriterien par excellence — für einen total entfremdeten Fortschritt.

Die Strategie des »ökonomischen Wettbewerbs«, die sich diesem verfehlten Maßstab unterwirft, fesselt uns an den gründlichsten Wahnsinn der Epoche: eher an den Exodus aus diesem Sonnensystem zu denken, als eine kühne Neuorganisation der menschlichen Existenz auf dieser Erde ins Auge zu fassen. 

Das Mitmachen bei der eigentümlichen »Systemkonkurrenz« derer, die die »Führungsgrößen« für den Ausstoß einstellen, um das politisch-militärische Machtaufgebot pari zu halten, ist soviel bequemer und persönlich risikoloser als der Versuch, die Massen gegen ihre Gewohnheiten zu einer Umkehr und zu einem Aufbruch zu bewegen. 

Man verspürt da nicht die geringste Affinität zu jener Antwort Tschechows auf die Tolstoische Frage: Der Mensch braucht nicht drei Arschin Land, er braucht auch kein kleines Gut, er braucht die ganze Erde, die ganze Natur. Das heißen sie Belletristik. 

Die Wirtschaftsplanung beispielsweise der DDR verfolgt statt dessen das Ziel, in den Jahren 1970-1990 die Warenproduktion, mit gewissen Abstrichen also auch den Materialverbrauch, zu vervierfachen. Diese Erzeugungsschlacht führt ihren innersten Triebfedern nach niemals über das von allen Generalen geheiligte Gleichgewicht der Abschreckung hinaus, und ebensowenig über die Knappheit der Existenz- und Entwicklungsmittel. 

In einer Richtung, die Marx nicht gemeint hat, erweitert sich hier ohne ersichtliche Grenze »das Reich der Naturnotwendigkeit, weil der Bedürfnisse« (MEW 25/828), treiben wir den historischen Augenblick, »wo der Zwang und die Monopolisierung der gesellschaftlichen Entwicklung (einschließlich ihrer materiellen und intellektuellen Vorteile) durch einen Teil der Gesellschaft auf Kosten des anderen wegfällt« (ebenda 827), uneinholbar vor uns her. 

Die Steigerung der Arbeitsproduktivität, als Instrument zur Vergrößerung der verfügbaren Zeit für die Entfaltung der Individuen, wird zum Vehikel dieses verhängnisvollen Wettrennens entfremdet. 

312


Mit dem RGW-»Internationalismus« unserer herrschenden Parteien, wie übrigens auch mit dem Westeuropäismus der IKP, der FKP usw., sitzen wir der faktischen Interessenlage nach im gleichen Boot mit dem kapitalistischen Staatsmonopolismus und Neokolonialismus, ob auch auf den Decks, in den Laderäumen und an den Maschinen um den Kurs und um die Verteilung der Anrechte gekämpft werde. 

Unser gesellschaftliches Leben ist hüben wie drüben so organisiert, daß den arbeitenden Menschen das zweite Auto näher ist als die einzige Mahlzeit des Slumbewohners und des Bauern auf der Südhalbkugel der Erde, und näher auch als die Sorge um die Erweiterung ihres Bewußtseins, um ihre Selbst­verwirklichung als Menschen. Besonders wer den kapitalistischen Standard erst einholen will, hat noch lange übergenug mit sich und seinen »Wachstums«-Problemen zu tun. 

Genau so weit, wie sich die Kommunisten dieser durchaus partikulären Interessenlage bloß einfach anpassen, sind sie gewiß nicht, was sie zu sein vorgeben: Vorkämpfer der allgemeinen Emanzipation. Sie machen sich mit aller Macht die Übel zu eigen, die sie abschaffen wollten: die Herrschaft der Verdinglichung, der Entfremdung, und die anarchische Konkurrenz der Sonderinteressen. Nicht das Produktionswachstum, sondern die Kulturrevolution — als aktuelle Form der ökonomischen Emanzipation — ist das Mittel, die kapitalistische Struktur endgültig abzulösen.

 

Noosphäre 

 

Der biologische Mensch hat mehr Hirn als jedes andere Lebewesen, aber im sozialen Ensemble wird die bewußte Regulation von dem »unorganischen Leib«, den er sich zugelegt hat, überwältigt. Die Gattung Mensch »weiß« infolge fehlender Organisation ihrer Noosphäre weniger als primitivere Arten, was für sie gut ist. Abgesehen von dem Nachholbedarf der Entwicklungsländer (der jedoch nicht nach unseren Pro-Kopf-Leistungen zu bemessen ist), ist es nicht wahr, daß wir für weitere Generationen dieses ökonomische Wachstum brauchen.

313


Zur Zeit entstehen der Menschheit daraus jeden Augenblick mehr Probleme, als sie bei den bestehenden Gesellschaftsstrukturen mit Hilfe von Wissenschaft, Technik und Organisation zu lösen unternehmen kann. Allzu oft wird der Teufel mit Beelzebub ausgetrieben. Und die Wachstumspolitik erweist sich eher als stabilisierendes Agens für die jeweiligen Herrschaftsverhältnisse. 

Die kommunistische Assoziation als ein Gesellschaftskörper, der seiner Probleme Herr wird, ohne darum seine Individuen strangulieren zu müssen, kann nur eine Ordnung quantitativ einfacher oder zumindest sehr langsam und bedächtig erweiterter Reproduktion von Menschen, Werkzeugen und materiellen Gütern sein. 

Nur so kann der relative Überfluß an lebensnotwendigen Gütern im Weltmaßstab zustande kommen; bei der fortdauernden Herrschaft der alten Ökonomie mit ihrer permanenten »Revolution der Erwartungen«, die von den jeweils neuesten Luxusbedürfnissen vorangetrieben wird, muß die Gesellschaft immer zu arm für den Kommunismus sein. Auf dieser Basis wird man den Kommunisten auch noch in hundert Jahren entgegenhalten können, sie wollten die Armut verallgemeinern. 

 

Selbstregulation 

Überdies kann sich nur bei langsamer Evolution der Technologie allmählich die zuverlässige Selbstregulation des sozialen Prozesses herausbilden, die das Gegenteil der Steuerung durch einen bürokratischen Mechanismus wäre, der sich in seiner beschränkten Allwissenheit fortwährend auf dem Rücken der Individuen mit den Disproportionen und Disfunktionen herumschlägt, die er verursacht, weil seine Erkenntnis immer zu spät kommt. Der Bürokratismus ist die unentrinnbare Konsequenz der Spontaneität, mit der die Gesetze unserer fetischisierten Dingwelt über uns herrschen. Solange die notwendige Arbeit nicht aufhört, die Menschen zu hetzen, solange immer mehr vergegenständlichte Arbeit »notwendig« wird, um die Bedürfnisse eines Menschen zu befriedigen, kann der Streit um das Notwendige, kann das gleiche Recht für ungleiche Individuen, kann der Staat nicht aufhören.

314/315

Um sich zum Herrn über die Natur zu machen, mußte die Menschheit sich und ihre Werkzeuge erweitert reproduzieren. Um aber in der Natur zu bleiben und die Kontrolle über sich selbst zu gewinnen, muß sie sich in ihrem Naturverhältnis stabilisieren. Im Weltmaßstab gesehen, müssen die »Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums« zwar immer noch eine kurze historische Stunde lang auch voller, vor allem aber müssen sie anders fließen als bisher. Die Epochen erweiterter Reproduktion waren gekennzeichnet durch den Vorrang, den die Produktion von Dingen vor der Entwicklung des Menschen hatte. Das Muster von sozialer Ungleichheit um des kulturellen Fortschritts willen, das auch noch die Gesellschaft des real existierenden Sozialismus von Grund auf prägt, hat zuletzt zu dem erschreckenden Defizit an kollektivem Selbstbewußtsein gegenüber unserer Sachenwelt geführt, dem wir uns jetzt gegenübersehen.

Die extensive Phase der Menschheit geht so oder so zu Ende, im Guten oder im Bösen. 

Die Gattung kann und wird ihre materielle Basis weiter qualifizieren, aber sie muß um ihrer Fortdauer und ihres Lebenssinnes willen mit der Megalomanie brechen, muß kollektive Rücksicht gegenüber dem Naturzusammenhang lernen, den sie bisher eher zu stören als zu verbessern vermocht hat. 

Sie muß ihren Aufstieg fortsetzen als eine »Reise nach Innen«. 

Der Sprung ins Reich der Freiheit ist nur denkbar auf dem Untergrund eines Gleichgewichts zwischen Menschengattung und Umwelt, dessen Dynamik sich entschieden aufs Qualitative und Subjektive verlegt. 

Wenn es nicht gelingt, die Gesellschaft so zu organisieren, daß sie diese Richtung rechtzeitig einschlagen kann, wird sie wenig später unter den Schlägen katastrophaler zivilisatorischer Zusammenbrüche, im Zeichen barbarischer Kämpfe und Diktaturen, dahin gezwungen werden.

315/316

Oft wird infolge eines Mißverständnisses, das den Dingwelt-Fetischismus unseres kulturellen Selbstbildes unterstreicht, die Befürchtung geäußert, es könnte über dem Verzicht auf das Wirtschaftswachstum die Antriebsdynamik der Gattung verlorengehen. 

Zunächst spielt da leicht der schlichte Irrtum mit hinein, als müßte eine Ordnung einfacher Reproduktion auch auf die Steigerung der Arbeitsproduktivität verzichten — weil ja größerer Ausstoß offenbar der Zweck der Produktivitätssteigerung ist. Einen anderen Sinn kann ihr der Common sense nicht abgewinnen, weil sich die Protagonisten des »ökonomischen Wettbewerbs« in ihrer Massenkommunikation völlig einig sind über das Übel der Arbeitslosigkeit. 

Da hebt sich denn der real existierende Sozialismus dadurch so vorteilhaft vom Spätkapitalismus ab, daß er den Menschen die sichere Perspektive der Voll­beschäftigung mit entfremdeter Arbeit bietet. Aber das tiefere Vorurteil liegt in der Unterstellung, die menschliche Kreativität könne sich nur an einer Ökonomik erweiterter Reproduktion entfalten. Da die qualitative Entwicklung der menschlichen Wesenskräfte und also auch ihrer Objektivationen nie zum Stillstand kommt, bleibt die Erhaltung des Gleichgewichts in ihrem Naturverhältnis indessen ein »ewiges« Problem. 

Und für Generationen steht ja erst einmal die Wiederherstellung der ökologischen Stabilität als eine schöpferische Herausforderung erster Ordnung und äußerster Vielfalt an.

Darüber, hinaus aber ist gar nicht erwiesen, daß der Mensch überhaupt für alle Zeit aus der Sphäre des Stoffwechsels mit der Natur den Hauptantrieb seiner Tätigkeit erfahren muß. In den Mittelpunkt der praktischen und theoretischen Aktivität rücken zweifellos die Probleme der sozialen Regulation, die inneren Widersprüche des Ensembles der gesellschaftlichen Verhältnisse, und nicht zuletzt die Probleme der individuellen Regulation, also der menschlichen Physiologie und Psychologie. Vom Individuum her gesehen stellt sich ohnehin die schier unlösbare und doch für seinen Anteil an der zwischenmenschlichen Kommunikation entscheidende Aufgabe der Aneignung der sozialen Totalität. 

316


Denn so sehr die »Reise nach Innen«, die Verinnerlichung der individuellen Existenz eine Komponente der emotionalen Abstraktion von allem Objekt einschließt, ist und bleibt natürlich ihr fundamentaler Gehalt eben jene Aufhebung der Entäußerung, jene Anverwandlung der von der Gattung geschaffenen Kultur, die Hegel als die große Arbeit des subjektiven Geistes begriffen hatte. 

Den Genuß aus seinem Dasein in Gesellschaft und Kultur, aus der Kommunikation und Konkurrenz mit anderen Individualitäten, kann der Mensch nur mit der Anstrengung aller seiner Sinne, Kräfte, Fähigkeiten erlangen. Am meisten lieben wir, gekannt zu sein, schreibt irgendwo Christa Wolf. Dies aber treibt den Menschen ungeheuer, etwas zu sein. 

All das mündet in die Überlegung, daß nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts selbst der wohlverstandene Begriff der Aufhebung des kapitalistischen Privateigentums noch zu eng ist, nicht mehr ausreicht, in bestimmter Hinsicht sogar fehlgeht, wenn es gilt, den Kommunismus als Zukunft der Menschheit vorzustellen. 

Am nächsten kommt den heutigen Erfordernissen in dieser Hinsicht die Zielprojektion des jungen Marx mit ihrer auf die Verarbeitung der rousseauistischen Tradition zurückgehenden Orientierung auf die Aufhebung des Privateigentums als Versöhnung von Kultur und Natur, die später sicherlich an die Peripherie des Marxschen Denkens rückte. 

In den Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten (MEW Ergänzungsband, Erster Teil/536 ff.) ist die Rede von der kommunistischen Gesellschaft als wahrhafter Auflösung des Widerstreits nicht nur zwischen Mensch und Mensch, sondern auch zwischen Mensch und Natur, darunter seiner eigenen. Marx faßte den Kommunismus dort als die der menschlichen Natur gemäße Lebensweise, wobei er selbstverständlich den gesellschaftlichen Charakter des menschlichen Wesens hervorhob. Erst hier, im Kommunismus, 

»ist ihm (dem Menschen) sein natürliches Dasein sein menschliches Dasein ... Also die Gesellschaft ist die vollendete Wesenseinheit der Menschen mit der Natur, die wahre Resurrektion der Natur, der durchgeführte Naturalismus des Menschen und der durchgeführte Humanismus der Natur.«

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Aber dieses Ziel bildete eben damals keinen Widerspruch mit der weiteren Ausdehnung des Produktionsprozesses. Es erforderte im Gegenteil, die modernen Produktivkräfte für die rascheste Vermehrung des Ausstoßes zu entfesseln. Diese Perspektive bedarf jetzt dringend der Korrektur. Die Kommunisten müssen ihr Verständnis vom »ökonomischen Grundgesetz des Sozialismus« — »Sicherung der höchsten Wohlfahrt...«, wie es bei Lenin (LW 6/40) beginnt — und vom Überfluß an materiellen Gütern als Voraussetzung des Kommunismus modifizieren. 

So weit die großen Lehrer des Sozialismus und Kommunismus davon entfernt waren, die Aufgabe der sozialistischen Akkumulation auf maximale Güter­erzeugung zurückzuführen, spiegeln ihre Formulierungen doch bis heute eine Epoche wider, in der die werktätigen Massen nie des Existenzminimums an Nahrung, Kleidung, Wohnung, Bildung sicher waren. 

Heute, wo der Spätkapitalismus diese Unsicherheiten sogar seinen Arbeitslosen weitgehend erspart, liegt auf der Hand: zur bloßen Wohlstands­versicherung bedarf es des Sozialismus nicht mehr — solange die Ressourcen reichen. 

Dagegen müßte er bei den notwendigen tiefgreifenden Strukturveränderungen von Produktion und Konsumtion vorangehen. Ein reiches Land wie die DDR, das erst jetzt, 5 bis 10 Jahre später als möglich gewesen wäre, daran geht, die Wohnungsfrage der Massen zu lösen, verausgabt schon seit 20 Jahren in wachsendem Umfang Arbeit für vergleichsweise Luxusprodukte wie die unvermeidlichen Privatfahrzeuge, für verschiedene Staatspaläste, für Zweitwohnungen aller privilegierten Schichten in den Erholungsgegenden u.v.m. 

Man kann den Direktor eines Berliner Textil-, also eines ausgesprochenen Frauenbetriebes, im Rundfunk darüber reden hören, daß »uns die wachsenden Bedürfnisse der Bevölkerung das Dreischichtregime diktieren« mögen die Kleiderschränke aus den Fugen gehen! Wer nicht »zurückbleiben« will, muß dreimal im Leben die Möbel hinauswerfen.

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Wir beschleunigen den »moralischen Verschleiß« der technischen Konsumgüter. Wir stampfen eine zweite Industrie aus dem Boden, um das Komplement der entfremdeten Arbeit, die entfremdete Freizeit, totzuschlagen. Mit Überstundenarbeit für die Planerfüllung sichern wir mühsam das Wachstum einer Warendecke an Gütern, Dienstleistungen, Unterhaltung usw., die unter allen gegebenen Umständen mit ihrem Überschuß über das Notwendige ähnlich wie im Kapitalismus nicht so sehr Entwicklung der Persönlichkeit vorantreibt als vielmehr unterbliebene Persönlichkeitsentwicklung kompensiert. 

Die Frage, wozu wir dieses Karussell zu immer schnellerer Umdrehung anspornen, bleibt der geheimen Verzweiflung der isolierten Individuen überlassen, und die Antwort­tendenz erscheint unter anderem in der steigenden Selbstmordrate.

 

Es ist hier nicht der Platz, die Vielfalt der Faktoren anzuführen, die unsere Staatsplanung zum ausführenden Organ solcherart wachsender Bedürfnisse macht. Grundsätzliches hierzu habe ich im Zweiten Teil gesagt. Außer Zweifel steht auch, daß ihnen selbst eine revolutionäre Führung nicht abrupt und vornehmlich restriktiv begegnen könnte. 

Aber wo und wie werden Gegenpositionen aufgebaut, positive Tatsachen in der Verteilung der Ressourcen, der Investitionen, der Arbeit, der Ausbildungs­kapazitäten geschaffen, um die Bedürfnisstruktur der Gesellschaft in die Richtung der Lebensformen zu drängen, die den Zweck der »höchsten Wohlfahrt« als Grundlage der allgemeinen Emanzipation, d.h. der »freien allseitigen Entwicklung aller Mitglieder der Gesellschaft« (LW 6/40) befördern?

Wo wird wenigstens theoretische Vorarbeit dafür geleistet, zugelassen? Die Parteiführung schickt ihre Gesellschaftswissenschaftler — kluge, die es besser wissen müssen, wie Nick (Einheit 5-6/76) — vor, um solche Fragestellungen als bürgerliche Sabotage anzuzeigen und die »globalen Menschheitsprobleme« (immerhin! S. 593) geschickt mit Effektivitäts- und Intensivierungsparolen zuzudecken, die in begrenzterem Zusammenhang durchaus angebracht sind.

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»Laßt uns den Kapitalismus mit Masse an Warenproduktion schlagen, Wert gegen Wert! Gebt Ruhe, bis wir mindestens 51 Prozent der Welt­industrie­produktion abrechnen können! Seht ihr denn nicht, daß uns die zyklische Krise gerade einige Prozente gutmachen läßt?« 

Das ist der innere Habitus solcher Propaganda, die sich kurzsichtig und stumpfsinnig in den Dienst der historischen Spontaneität stellt. 

Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte in den industriell fortgeschrittensten Ländern hat bewiesen, daß das Problem der allgemeinen Emanzipation gar nicht in der Sicherung einer ausreichenden materiellen Existenzgrundlage für alle besteht. Dies bleibt zwar eine unabdingbare Voraussetzung (wobei der notwendige Umfang dieser Basis höchstwahrscheinlich in weiteren Grenzen schwankt, als wir anzunehmen geneigt sind, wenn wir den Blick allzu sehr auf den aktuellen Standard der eigenen Gesellschaft fixieren), aber »habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde« — doch nicht »von selbst«. 

Die Masse und Vielfalt an Gütern und Genüssen, die sich der Konsumtion aufdrängen und den Zeitplan der Individuen einerseits nach der Vermehrung der abstrakten Arbeit, andererseits nach der passiven Rezeption des »für teures Geld Erworbenen« hin verzerren, kann sogar geeignet sein, die Quellen der Emanzipation zuzuschütten und eine parasitäre Mentalität zu erzeugen. Die gegenwärtige Wirtschaftspolitik in den RGW-Ländern wird die Bedingungen für die Entfaltung der Persönlichkeit nur dort verbessern, wo es noch echten Mangel zu beheben gilt. Erzeugt sie doch selbst den für die wissenschaftlich-technische Entwicklung unerläßlichen Bildungszuwachs in solchen Formen, die dem Menschen schon im Lernprozeß allen Gewinn für die Entfaltung der Persönlichkeit versagen. In dieser Richtung dürfen wir nicht länger hoffen und suchen.

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Als wirkliches Problem der allgemeinen Emanzipation erweist sich hartnäckig die immer wieder vergebens von interessierter offizieller Seite eskamotierte Entfremdung der Individuen von den Quellen der selbsterzeugten gesellschaftlichen Macht, ihre sogar noch zunehmende Ohnmacht und Einflußlosigkeit in bezug auf den Gesamtprozeß, der ihr Schicksal ist, ihre Armut an kommunikativen Beziehungen. 

Allerdings ist der Begriff Entfremdung zu abstrakt, er beklagt und denunziert mehr, als er erklärt und mobilisiert. Meine Analyse in den vorangegangenen beiden Teilen erlaubt es, der Forderung nach Aufhebung der Entfremdung eine präzisere Formulierung als aktuelle Aufgabe zu geben, die besonders in den Ländern des real existierenden Sozialismus reine, nämlich durch keine kapitalistische Form mehr verhüllte Gestalt angenommen hat. Es ist eine langfristige Aufgabe mit konkretem sozialökonomischem Inhalt, die unmittelbarin Angriff genommen werden kann — soweit es die materiell-technischen Bedingungen und die Entwicklungstendenzen unserer Sozialstruktur betrifft. Was fehlt, ist einzig die Neuformierung der politischen Macht, einer solchen politischen Macht, die bereit und fähig wäre, den ideologischen Konsensus und den organisatorischen Rahmen für die Kulturrevolution zu schaffen. 

Die geschichtliche Aufgabe, von der ich spreche, ist die Überwindung der Subalternität, der Daseinsform und Denkweise »kleiner Leute«. Sie bedeutet in ihrem Kern Aufhebung der alten, vertikalen Arbeitsteilung, Umwälzung der ganzen mit ihr verbundenen Bedürfnisrichtung und -struktur. Sie geht einher mit der radikalen Veränderung aller unserer gewohnten Institutionen und Verfahrensweisen in Gesellschaft und Wirtschaft. Die massenhafte Überwindung der Subalternität ist die einzig mögliche Alternative zu der grenzenlosen Expansion der materiellen Bedürfnisse.  wikipedia  Subalternität

Sie kann die Triebkräfte des Bedürfnis­wachstums im bisherigen Sinne, seinen trägen, im Mehrwertschaffen verankerten Mechanismus stillegen, und zwar aus folgendem Grunde: 

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Das überschüssige Bewußtsein, von dem ich sprach, die freie, nicht mehr vom Kampf um die Existenzmittel absorbierte psychische Kapazität, verteilt sich komplementär auf zwei diametral entgegengesetzte Erscheinungsformen sozialer Interessiertheit. Sie beziehen sich beide auf die fundamentalen sozialen Bedürfnisse des Menschen, weshalb sie im allgemeinen auch in jedem individuellen Bewußtsein miteinander konkurrieren, also die Individuen weniger als frühere Gegensätze in feste soziale Gruppierungen dividieren. Ihr Kampf beginnt damit, daß sich in dem individuellen Bewußtsein »die eine Seele von der anderen trennen« will.

Die kompensatorischen Interessen auf der einen Seite sind die unvermeidliche Reaktion darauf, daß die Gesellschaft die Entfaltung, Entwicklung und Bestätigung zahlloser Menschen frühzeitig beschränkt und blockiert. Die entsprechenden Bedürfnisse werden mit Ersatz­befriedigungen abgespeist. Man muß sich im Besitz und Verbrauch von möglichst vielen, möglichst (tausch-)wertvollen Dingen und Diensten dafür schadlos halten, daß man in den eigentlich menschlichen Bedürfnissen zu kurz gekommen ist. Auch das Streben nach Macht fällt, als eine Art höherer Ableitung, mit unter die kompensatorischen Interessen.

Die emanzipatorischen Interessen dagegen richten sich auf das Wachstum, die Differenzierung und die Selbstverwirklichung der Persönlichkeit in allen Dimensionen menschlicher Aktivität. Sie verlangen vor allem die potentiell allumfassende Aneignung der in anderen Individuen, in Gegenständen, Verhaltens­weisen, Beziehungen objektivierten menschlichen Wesenskräfte, ihre Verwandlung in Subjektivität, in einen Besitz nicht der juristischen Person, sondern der geistigen und sittlichen Individualität, der seinerseits nach produktiver Umsetzung drängt.

Das ist zunächst eine sehr allgemeine Umschreibung. Emanzipatorische Interessen sind so alt wie die Klassengesellschaft, wie der Ausschluß der arbeitenden Massen von einer wachsenden Zahl je historisch gegebener Betätigungen, Beziehungen und Genüsse — wenn sie sich auch meist nicht breit entfalten und sozial manifestieren konnten.

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Die erkennbaren Schranken sind es, von denen sich die Menschen jeweils emanzipieren wollen, um den Zugang zu etwas, die Aneignung von etwas zu erlangen, das sie immer wieder unter den durch keine zynische Spötterei auszutreibenden Ideen der Freiheit, der Freude, des Glücks vorstellen. Die unaus­geschöpften Möglichkeiten der menschlichen Natur, die ihrerseits mit dem Kulturfortschritt wachsen, sind der innerste Stoff aller Utopie, ein sehr realer, durchaus nicht immaterieller Stoff übrigens. Sie zwingen zu dem Wunsch, das Leben umzugestalten.

Aus dieser Komplementarität von kompensatorischen und emanzipatorischen Interessen in dem überschüssigen Bewußtsein folgt, daß die Kulturrevolution, die die Subalternität überwindet, die Bedingung für den Bruch mit der extensiven Wirtschaftsdynamik, für die Wiedereinordnung des Menschen in das Naturgleichgewicht ist. Um aber die konkreten Zielrichtungen, die absehbaren Handlungslinien, die notwendigen praktischen Schritte zu erkennen, auf die es dabei unter den heutigen Umständen ankommt, müssen wir uns erinnern, welche positiven Voraussetzungen die Aneignung der Kultur durch alle Individuen hat, und von dort aus fragen, wie sie herbeizuführen sind. 

Es sind zugleich die Voraussetzungen wirklicher sozialer Gleichheit, die wir, wie die Geschichte inzwischen hinreichend gezeigt hat, nicht in den Dimensionen der Einkommens­verteilung, der Sozialversicherung, überhaupt der Konsumtion zu suchen haben. Es müssen alle Menschen die reale Möglichkeit des Zugangs zu allen wesentlichen Tätigkeitsbereichen erlangen, und zwar bis hinauf zu deren höchstem Funktionsniveau. Denn Kulturgüter sind nur so weit angeeignet, als man an ihrer Schöpfung Anteil nehmen könnte — selbst oder durch Vermittlung anderer Individuen, mit denen man niveaugleich kommunizieren kann. 

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Jeder muß sich prinzipiell auf die Höhe der wissenschaftlich-technischen Mittel erheben können, mit denen unsere Gesellschaft in ihrem Naturverhältnis umgeht, und erst recht auf die Höhe der sozialen Regulation, des institutionellen Funktionierens. Und die soziale Gleichheit verlangt auch im emotionalen, ästhetischen Erleben psychische Strukturen, die ein über mehrere Stufen vermitteltes inneres und äußeres Reagieren erlauben, das mit dem Abstraktheitsgrad der allgemeineren, durch höhere Stufen in der Hierarchie der Informationsverarbeitung repräsentierten Zusammenhänge Schritt hält. 

Demnach erhebt sich die Frage, wie die Individuen eingreifendes Verhalten, die entsprechenden Dispositionen motivationaler, kognitiver urid emotionaler Art erwerben, erlernen können und wie man dementsprechend Arbeit, Bildung und Leben, wie man die Organisation der Gesellschaft, das System und die Funktionsweise ihrer Institutionen einzurichten hätte.

Die Subalternität, die in verschiedenen Graden und Ausprägungen die überwältigende Mehrheit der Menschen betrifft, ist ein Effekt der gesamten modernen Produktionsweise und kann daher nur mit ihrer Umgestaltung überwunden werden. Wir sahen, daß sie in Relation zu dem konkreten Gemeinwesen steht, dem die Individuen angehören, genauer gesagt, in Relation zu der höchsten Ebene aktiver gesellschaftlicher Organisation, die sich verselbständigt über sie erhebt. Der Grad möglicher Subalternität wächst mit der Stufenzahl der Hierarchie. Hier wirkt ein tiefer Widerspruch in der Geschichte. Je größer und komplexer der soziale Verband, desto subalterner bisher die Individuen. Man konnte in der Gens und dann im Stamm nicht so subaltern, so ohnmächtig und einflußlos sein wie in einem modernen Nationalstaat. Man sieht daran, wie groß die Aufgabe der Kulturrevolution ist, die objektiven Entfaltungsbedingungen der menschlichen Subjektivität neuzugestalten. 

Die einander wechselseitig voraussetzenden Hauptrichtungen ihres Eingriffs gegen die Ursachen der Subalternität, für die Verwirklichung realer Gleichheit werden sein:

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Es besteht weder die Hoffnung noch die Gefahr, daß diese Ziele, von denen keines das erste und keines das letzte, keines ohne die anderen erfüllbar ist, »zu schnell« erreicht werden. 

Damit kann man die Gesellschaft nicht überrumpeln wie mit einem Staatsstreich. Man kann ihr nicht »über Nacht« das spontane Mengenwachstum der Produktion, die alte Arbeitsteilung, die Rationierung der höheren Bildung, die patriarchalische Erziehung, das Leistungsprinzip bei der Verteilung der Einkommen, die Gemeinschaftslosigkeit und den Bürokratismus abgewöhnen wollen. 

Ein solcher Versuch ergäbe zweifellos Zusammenbruch, Chaos, Anarchie, Verzweiflung, am meisten bei den bisher Zukurzgekommenen — alles, was sich die Verteidiger des bestehenden Zustands nur zum Angstmachen wünschen können. 

Vielmehr gilt es zunächst, die politischen und geistigen Voraussetzungen dafür zu schaffen, daß die grundlegenden Nöte unseres Lebens nicht weiterhin als endgültige Tugenden behandelt und von Leuten, die nicht wissen, was sie tun, in die Zukunft »weiterentwickelt« werden können.

Auf das Problem des politischen Herangehens an die Kulturrevolution und ihrer schrittweisen Verwirklichung komme ich später, in den letzten Kapiteln, zurück. Hier sollen jetzt erst die Überlegungen angedeutet werden, die zur Formulierung der fünf genannten Zielrichtungen geführt haben:

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Rudolf Bahro (1977) Die Alternative