Prof. Dr. Jörg Baberowski 

Verbrannte Erde

Stalins Herrschaft der Gewalt

2012 bei C.H. Beck, 600 Seiten

 

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Lesebericht Audio 2012  9min 

Audio 2014 Rede Baberowski Potsdam
7min, Orzessek

 

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*1961 am Bodensee

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Stalinbuch

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Der rote Terror

Die Geschichte des Stalinismus

2003 bei DVA,  290 Seiten   Dnb Buch    Inhalt.pdf

 

 


Macht ohne Grenzen

Herrschaft und Terror
im Stalinismus

 2014

 DNB.Buch

222 Seiten

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Neben dem Holocaust zählt der stalinistische Terror zu den größten Grausamkeiten des letzten Jahrhunderts.

20 Millionen Menschen verlieren durch Stalin ihr Leben.

Jörg Baberowski gibt einen Überblick über dieses finstere Kapitel, das - anders als die NS-Verbrechen - bis heute kaum aufgeklärt ist. 

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion dringen Einzelheiten über das Ausmaß der Gewalt und des Schreckens von Stalins dreißigjähriger Herrschaft an die Öffentlichkeit. Allmählich werden Archive geöffnet und das Bild der sowjetischen Geschichte wird wesentlich verändert. 

Stalins Rolle erscheint in einem neuen Licht. Es ist nunmehr unbestritten, dass er selbst den Massenterror vorantrieb.

Noch vor dem Beginn des Krieges ließ das Regime Völkergruppen deportieren, Hunderttausende kamen dabei um, und auch während des Zweiten Weltkrieges und nach 1945 hörten die terroristischen Übergriffe des Regime gegen Zivilisten und Soldaten nicht auf.


zu Frankfurter Rundschau.2004  zu Baberowski2003

Elke Schubert spricht dieser "fundierten und spannend zu lesenden Untersuchung" von Jörg Baberowski das Verdienst zu, "die permanente Gewalt als Element der russischen Gesellschaft" in den Mittelpunkt gestellt zu haben. 

Für den Autor, so erfährt man, ist der Begriff des Stalinismus eng mit der Person Stalins und seiner dreißigjährigen Herrschaft verbunden, und lässt sich also auch nicht ohne weiteres auf die anderen kommunistischen Systeme der ehemaligen Ostblockstaaten übertragen. Entsprechend verfolgt der Autor in dieser Untersuchung zum Stalinismus, wie Schubert berichtet, dann auch den Weg Stalins von den Anfängen der Oktoberrevolution bis zu seinem Tod im Jahre 1953. 

Hinsichtlich der Erklärung des Stalinismus reichen für den Autor dabei, wie die Rezensentin berichtet, weder intentionale (Planung millionenfachen Mords durch eine "Clique") noch funktionale Erklärungsmodelle (Terror als Reaktion auf konkrete Probleme) aus - weshalb Baberowski das Studium des Aufstiegs Stalins mit einer differenzierenden Untersuchungen verschiedener Milieus im Probleme des Sowjetreichs verbindet.


zu Neue Zürcher Zeitung, 15.10.2003

Edward Kanterian bricht nicht in Jubel aus, ist aber durchaus zufrieden mit Jörg Baberowskis Überblick zum Stalinismus.

Der Autor verstehe es, das stalinistische Terrorsystem historisch und soziologisch schlüssig herzuleiten und dabei ein integratives Erklärungsmodell zu entwerfen, das verschiedene, für sich genommen zu kurz greifende Erklärungen sinnvoll vereinige:

Stalin und seine Clique standen hinter den Verbrechen, die aber zugleich auch ein Auswuchs der strukturellen Organisation des Sowjetstaates waren. Die Wurzeln des Stalinismus sucht Baberowski zum einen in der wahnsinnigen Vision des "neuen Menschen", einer radikal übersteigerten Variante des Menschenbildes der Moderne, zum anderen in den "archaischen Traditionen der Gewalt und der Gefolgschaft, aus denen Stalin selbst und seine Gefolgsleute stammten". Als dann die hochfliegende ideologische Vision mit der Realität in Konflikt geriet, brach die Gewalt aus. Diese Zusammenhänge belegt der Autor Kanterian zufolge recht "eindrucksvoll", so dass dem Rezensenten nur bleibt, die fehlende Auseinandersetzung mit der keinesfalls einstimmigen Forschungsliteratur zum Thema zu bemängeln und darauf hinzuweisen, dass es den Stalinismus auch ohne die Person Stalins gegeben hätte - ob Baberowski Gegenteiliges behauptet, wird allerdings nicht deutlich. 

 

zu Süddeutsche Zeitung, 05.04.2004

Obwohl der "Kern der stalinistischen Herrschaft" "in der unablässigen Ausweitung exzessiver Gewalt" bestand - referiert unser Rezensent Joachim Foeller die These Jörg Baberowskis - habe "das Regime keine totale Kontrolle über die verschiedenen Gesellschaften und Lebensweisen seines Imperiums ausgeübt. 

Den Stalinismus betrachtet der Autor dabei als ein Phänomen, das wesentlich mit zwei Dingen verbunden ist: mit der Person Stalin selbst und mit Mordlust. 

Dagegen erhebt unser Rezensent Einwände: "Denn wesentliche Elemente des totalitären Systems hatte bereits Lenin geschaffen. An diktatorischen Persönlichkeiten mit ausgewiesener Mordlust herrschte in der Sowjetunion zur fraglichen Zeit kein Mangel, wie der Autor selbst eindrucksvoll belegt."

Zweifelhaft findet Foeller auch die Behauptung Baberowskis, dass nach dem Tod Stalins "die Furcht aus den Köpfen und Seelen der Menschen gewichen sei". Dennoch würdigt unser Rezensent die Detailliertheit der Studie, denn sie erlaube es, ein "angemessenes Verständnis der Wirklichkeit des Stalinismus als Epoche" zu gewinnen; mehr noch: sie zeige, "wie Stalins Sowjetunion funktioniert hat".


zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.01.2004

Jörg Baberowski sei ein "engagiertes Buch" über die Geschichte des Stalinismus gelungen, freut sich Helmut Altrichter. 

Der Autor verortet den Ursprung stalinistischen Terrors, auf dessen Höhepunkt 1937/38 innerhalb von fünfzehn Monaten eineinhalb Millionen Menschen verhaftet und knapp die Hälfte davon ermordet worden seien, wie der Rezensent berichtet, in der Revolutions- und Bürgerkriegszeit.

Gestützt auf die erst in den Neunziger Jahren geöffneten Archive, bestimmt der Autor drei wesentliche Momente des Stalinismus: Zum einen die Fortsetzung der seit Anfang des 18. Jahrhunderts betriebenen Versuche zur Verwestlichung Russlands; zum anderen ein "Gewaltkult", der aus einer Verbindung der Fronterfahrungen der Soldaten mit "der Gewaltkultur des Dorfes" entstanden sei, und zuletzt die "Ausbildung eines umfassenden stalinistischen Klientelsystems", wie der Rezensent schreibt. 

Der Autor liebe die "dicken Striche, die kräftigen Akzente" und sei "im Streit der Schulen und Deutungsversuche" nicht eindeutig zu verorten, bemerkt Altrichter, der vermutet, dass sich Baberowski nicht auf einen Zugang festlegen und bei Bedarf die Perspektive wechseln wolle. Dabei scheue sich Baberowski nicht, Stellung zu beziehen und Urteile zu fällen, lobt der Rezensent das Buch, das die Erträge der Forschung "sachkundig zusammenfasst und um eigene Recherchen, Beobachtungen, Überlegungen bereichert."


Weitere Leseberichte

 

dlf  neue-erkenntnisse-ueber-sowjet-terror  2012 mit boris schumatsky

 

dlf  stalin-war-ein-psychopathischer-gewalttaeter.954.de.html?dram:article_id=147048  2012 mit frank meyer

 

 

 

Der bedrohte Leviathan

Staat und Revolution in Rußland

DNB.Buch   Inhalt.pdf

2021, 126 Seiten

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

aus wikipedia-2021

 

 

Jörg Baberowski ist ein deutscher Historiker und Gewaltforscher. Er ist seit 2002 Professor für Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin. Baberowski hat sich spezialisiert auf die Geschichte der Sowjetunion und des stalinistischen Terrors.

Leben
Baberowskis Großvater väterlicherseits stammte aus dem Gebiet des heutigen Polen und kam im späten 19. Jahrhundert als Berufssoldat nach Deutschland, wo dann Baberowskis Vater im Rheinland aufwuchs. Die Familie mütterlicherseits entstammte dem streng katholischen Milieu Ostwestfalens.[1]

Er ist nach eigener Aussage mit einer iranisch-stämmigen Frau verheiratet, die vor der islamischen Revolution im Iran in den 80er Jahren nach Europa und weiter in die Bundesrepublik Deutschland floh.

Als Schüler engagierte sich Jörg Baberowski im Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW).

Nach dem Abitur 1982 am Gymnasium Liebigstraße in Holzminden studierte Jörg Baberowski von 1982 bis 1988 in Göttingen Geschichte und Philosophie, unter anderen bei dem Osteuropa-Historiker Manfred Hildermeier.

Russisch brachte sich Baberowski im Selbststudium bei.

Das Thema seiner Magisterarbeit war „Politische Justiz im ausgehenden Zarenreich 1864–1917“.

Ab 1989 war Baberowski wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Osteuropäische Geschichte der Goethe-Universität in Frankfurt. An der dortigen Historischen Fakultät wurde er im Winter 1993 mit einer von Dietrich Beyrau und Manfred Hildermeier betreuten Arbeit über Autokratie und Justiz im Zarenreich promoviert.

1994 wechselte er als Assistent an das Institut für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde der Universität Tübingen, wo er sich im Juli 2000 an der Geschichtswissenschaftlichen Fakultät mit der Arbeit Auf der Suche nach Eindeutigkeit. Zivilisatorische Mission, Nationalismus und die Ursprünge des Stalinismus in Azerbajdžan 1828–1941 (Buchtitel: Der Feind ist überall. Stalinismus im Kaukasus) habilitierte. 2001 wurde ihm die Venia legendi für Osteuropäische Geschichte verliehen. Darüber hinaus absolvierte er diverse Forschungsaufenthalte und betrieb Archivstudien, unter anderem in Aserbaidschan, Finnland und Russland.

Im April 2001 übernahm Jörg Baberowski vertretungsweise einen Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte an der Universität Leipzig.

Seit Oktober 2002 ist er Lehrstuhlinhaber für Geschichte Osteuropas am Institut für Geschichtswissenschaften (IfG) der Humboldt-Universität zu Berlin, dessen Leitung er von 2004 bis Februar 2006 sowie 2008/09 als Geschäftsführender Direktor innehatte.

Von 2007 bis 2013 war er Sprecher des Sonderforschungsbereiches 640 „Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel“. 2008/09 war er Prodekan und 2009/10 Dekan der Philosophischen Fakultät I. Er war Mitglied des Forums Exzellenzinitiative, von 2012 bis 2015 war er Vorsitzender des Forums Geisteswissenschaften. Von 2004 bis 2006 und von 2007 bis 2009 war er Vorsitzender des Fördervereins des Instituts für Geschichtswissenschaften.

Jörg Baberowski arbeitete von 2017 bis 2019 an der – schlussendlich gescheiterten – Gründung eines Zentrums für Diktaturforschung an der Humboldt-Universität. Zu diesem Zweck veranstaltete er mit Michael Wildt im Oktober 2017 zusammen mit und in der Dependance der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur die Tagung Diktaturen als alternative Ordnungen als Auftaktkonferenz des interdisziplinären Verbunds für vergleichende Diktaturforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Er ist Mitglied der Wissenschaftlichen Beiräte der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, des Zentrums gegen Vertreibungen und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur sowie der Beiräte für Publikationen des Goethe-Instituts, des Bürgerkomitees 15. Januar und von Clio-online.

Er gehört ferner dem Arbeitskreis für moderne Sozialgeschichte, dem Ausschuss des Historikerverbandes und dem Forschungskolleg „Der Erste Weltkrieg und die Konflikte der europäischen Nachkriegsordnung (1914–1923)“ am Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin an.

Er ist Mitherausgeber folgender Reihen und Fachzeitschriften:

Veröffentlichungen und Kriegsfolgen-Forschung des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung,

Studien zur Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts,

Ordnungssysteme – Studien zur Ideengeschichte der Neuzeit,

Beiträge zur Geschichte Osteuropas,

Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung,

Jahrbücher für Geschichte Osteuropas,

Forschungen zur Osteuropäischen Geschichte,

Zeitschrift für Moderne Europäische Geschichte,

Zeithistorische Forschungen,

Kritika – Explorations in Russian and Eurasian History und Eigene und Fremde Welten – Repräsentationen sozialer Ordnung im Vergleich und Ab Imperio – Issledovanija po novoj imperskoj istorii i nacionalizmu v postsovetskom prostranstve.

 

Werk

 

Dissertation
In seiner Dissertation hinterfragte Jörg Baberowski den damals geltenden Kenntnisstand zur russischen Justizreform von 1864 und der nachfolgenden Rechtsentwicklung. Während viele Historiker des Zarenreichs meinten, konservative Juristen und Rechtspolitiker hätten sich im Zarenreich schließlich durchgesetzt und die Revolution von 1917 mit provoziert, betonte er, dass die Reformen von 1864 von Idealismus geprägt und eine Überforderung des rückständigen Landes gewesen seien; die sogenannten Gegenreformen von Alexanders III. seien demnach eine Anpassung des Modernisierungsweges an die rückständigen Bedingungen Russlands.[7]

Kritik am Fach Osteuropäische Geschichte
1998[8] konstatierte er ein Ende des Faches Osteuropäische Geschichte. Nach Ende der Sowjetunion und des Warschauer Paktes sah er eine Chance, die seiner Meinung nach zahlreich vorhandenen Defizite, die Isolation des Fachs und die aus seiner Sicht rückständigen Methoden durch Neuintegration in die entsprechenden modernen Strömungen der Neuzeit- und Zeitgeschichte zu überwinden. Um den Aufsatz entspann sich eine kontroverse Debatte insbesondere in der Zeitschrift Osteuropa um die Stellung der Osteuropa-Forschung in Deutschland.[9][10][11][12] Beiträge der Debatte wurden im Sammelband Wohin steuert die Osteuropaforschung? veröffentlicht.[13]

Theorie der Moderne
Jörg Baberowskis wissenschaftliches Hauptthema ist die stalinistische Gewaltherrschaft in der Sowjetunion. Hierzu legte er zunächst – in seiner als Der Feind ist überall veröffentlichten Habilitationsschrift über den Stalinismus im Kaukasus ebenso wie in seiner ersten Gesamtinterpretation der Geschichte des Stalinismus, Der rote Terror (beide 2003) – eine vor allem an Zygmunt Baumans Theorie der Moderne orientierte Interpretation vor.

Bauman hatte in seinem einflussreichen Buch Moderne und Ambivalenz die Gewaltexzesse des 20. Jahrhunderts, insbesondere den Holocaust, auf eine Tendenz der Moderne zurückgeführt, Eindeutigkeit in einer sozialen Welt herstellen zu wollen, die grundsätzlich ambivalent, komplex, vielfältig sei.

Entgegen früheren Modernisierungstheorien begriff Bauman die Moderne nicht grundsätzlich als positive Fortschrittsgeschichte und die in ihr um sich greifende Gewalt folglich nicht als Rückfall oder Abirrung. Gewalt und Intoleranz seien vielmehr die logische Konsequenz einer Moderne, die radikal eindeutige Ordnungen herbeiführen wolle.

 

Unter anderem mit diesem Ansatz erklärte Baberowski die stalinistische Terrorherrschaft: „Die stalinistische Gewalt kam aus dem Verlangen, Eindeutigkeit herzustellen und Ambivalenz zu überwinden. Wie die aufgeklärten Modernisierer in den zarischen Ministerien auch, träumten die Bolschewiki von übersichtlichen Ordnungen, aus denen jede Uneindeutigkeit ausgebrannt war. Für sie war der Staat ein Gärtner, der wilde Landschaften in symmetrisch angelegte Parks verwandelte. […] Der Sozialismus hatte am Projekt der Moderne nichts auszusetzen, er hielt sich im Gegenteil für seine eigentliche Vollendung.“[15]

Baberowski betrachtet den Stalinismus in seiner häufig akzentuierenden, plakativen und zuspitzenden Schrift zum roten Terror nicht als etwas, was in den 1930er Jahren begonnen habe. Die Wurzeln reichten vielmehr weit zurück in das Zarenreich mit seinen Versuchen der schnellen Verwestlichung, Europäisierung und Disziplinierung. Die Bolschewiki hätten daran angeknüpft, die Gewaltausübung aber vervielfacht. Sie seien zudem gefangen in der Vorstellung, Menschen, die sich nicht hätten fügen wollen, seien Feinde und zur Vernichtung bestimmt. Die Gewalterfahrungen von Krieg und Revolution taten das Übrige, um diese permanenten Exzesse zu befeuern; die tradierten Gewalterfahrungen in den Dörfern Russlands verschärften das Gewaltpotenzial weiter. Unter Stalin habe sich dann ein umfassendes Klientelsystem etabliert, das dem Diktator erlaubt habe, seine Herrschaft über einen Personenverbandsstaat durchzusetzen.

In diesem Erklärungsrahmen spielte notwendig auch die hier als betont modern interpretierte Ideologie des Kommunismus eine starke Rolle. Die Gewaltexzesse des Stalinismus resultierten demzufolge gerade aus der kommunistischen Ideologie der Bolschewiki. Allerdings betonte Baberowski auch die Herkunft vieler wichtiger Machthaber – nicht zuletzt Stalins selbst – aus einer Kultur der Gewalt sowie die beständige Perpetuierung dieser Kultur in Lebenswelt, Symbolik und Herrschaftsstil der Machthaber.[17] Er wies auch in Abgrenzung von Stéphane Courtois darauf hin, dass „nicht jede Form kommunistischer Herrschaft […] terroristisch“ gewesen sei.[18]

Zu den Studien über Gewalt leitete 2006 der Essay Ordnung durch Terror. Gewaltexzesse und Vernichtung im nationalsozialistischen und im stalinistischen Imperium, den Baberowski zusammen mit Anselm Doering-Manteuffel über Gewaltexzesse und Vernichtung im Nationalsozialismus und im Stalinismus vorgelegt hat.

Diese vergleichende Schrift re-etablierte nicht die These von Ernst Nolte, die stalinistische Gewalt sei das logische und faktische Prius der NS-Vernichtungspolitik gewesen, sondern arbeitete Ähnlichkeiten und jeweils deutliche Eigenheiten heraus.

Einige zentrale Überlegungen des Essays fasste Hans Mommsen zusammen. Während Jürgen Elvert das Werk als seriöses Destillat der Forschungen zum NS und zum Stalinismus lobte, kritisierte Jürgen Zarusky unter anderem eine zu schematische Parallelisierung von Motiven und Handlungen beider Regime; wichtige Gewaltereignisse würden zudem nicht in die Betrachtung einbezogen.[19][20]

 

Gewalttheorie

In den Jahren nach Der rote Terror lässt sich eine grundlegende Umakzentuierung von Baberowskis Erklärungen der stalinistischen Gewalt feststellen. Der Fokus rückte von der kommunistischen Ideologie ab und wandte sich stärker als zuvor einer Theorie der Gewalt zu. In den Jahren der stalinistischen Herrschaft sei Gewalt „das eigentliche Kommunikationsmedium der bolschewistischen Führung“ gewesen.[21]

Baberowski betonte überdies die Rolle des Raums bei der Ausübung von Gewalt und verortete die stalinistische Gewalt in staatsfernen Räumen.[22] Diese Gewalträume aber, so betonte Baberowski jetzt, seien gerade „nicht modern“ gewesen: „Stalin und Mao träumten nicht nur von der schönen neuen Welt, sie kamen aus der alten Welt und sie handelten so, wie man es von vormodernen Herrschern erwarten konnte. Ihre Herrschaft war weder bürokratisch noch ordentlich. Man könnte auch sagen, dass die monumentalen Fassaden, die den totalitären Regimes des 20. Jahrhunderts ein ‚ordentliches‘ Gesicht gaben, nur verdeckten, dass hinter diesen Fassaden vormoderne Kriege geführt wurden“.

2012 veröffentlichte Baberowski die Studie Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt, die er explizit als Revision seines Buches Der rote Terror verstanden wissen wollte.[24] Statt der kommunistischen Ideologie unterstrich er nun die Bedeutung der psychopathischen Persönlichkeit Stalins sowie von physischer Gewalt für die stalinistische Herrschaftspraxis. Stalin sei „die Spinne im großen Netz des Terrors“ gewesen, sein Herrschaftsanspruch, und in zweiter Linie auch der Machtanspruch seiner Satrapen, sei im eigentlich schwachen sowjetischen Staat durch Gewaltausübung ständig zur Geltung gebracht worden.

Das Buch wurde vielfach besprochen, auch in einer breiteren Öffentlichkeit, und trug Baberowski den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch/Essayistik ein. Wissenschaftlich wurde es kontrovers diskutiert, z. B. von den Autoren einer Sonderausgabe der Fachzeitschrift Osteuropa.[26]

Ein weiteres, 2015 erschienenes Werk ist Räume der Gewalt. Hier stellt der Autor die These auf, dass Gewalt nie verschwinden werde, allenfalls eingehegt werden könne. Nicht Ideologien seien zentral für die Gewaltausübung, sondern Möglichkeiten und Situationen. Gewalt bleibe stets eine Handlungsoption, insbesondere dann, wenn Menschen in Situationen eintreten, in der Gewalt nicht verboten, sondern geboten sei oder als notwendig erachtet werde.

Im Rahmen dieser Schrift setzte sich Baberowski kritisch mit den Gewalttheorien von Steven Pinker, Norbert Elias, Zygmunt Bauman, Johan Galtung und Wolfgang Sofsky auseinander.

Bei der Darstellung von Gewalt kam es ihm auf Plastizität an, denn man erfahre wenig von den Wirkungen von Gewalt, wenn sie nicht als blutiges Geschehen übermittelt werde.

 

 

Kontroversen

Baberowski kritisierte in mehreren Beiträgen zur Flüchtlingskrise in Europa 2015 die Politik Angela Merkels und eine einseitige Fokussierung auf die Willkommenskultur der deutschen Zivilgesellschaft. Er forderte eine restriktivere Asylpolitik sowie eine Einwanderung nach Regeln eines entsprechenden Gesetzes.

Er kritisiert auch „linke Eliten“, die „im Westen Europas darüber entscheiden“ würden, „was gesagt werden dürfe“, und versuchten „den Bürgern einzureden, sie müssten die Verunsicherung, die durch die Globalisierung, durch Massen­einwanderung und Kriminalität“ entstehe, „als Preis für eine offene Gesellschaft begreifen“.

Jene linken Eliten könnten „nicht verstehen, warum manche der Ordnung den Vorzug gegenüber der Grenzenlosigkeit geben“, wie es die Menschen in Osteuropa täten, die „Gewalt und Unordnung“ kennengelernt hätten.

Seit Baberowski 2014 den britischen Historiker und Trotzki-Biografen Robert Service zu einem Vortrag an seinen Lehrstuhl eingeladen hatte, befindet er sich in einem Konflikt mit der trotzkistischen Splitterpartei[31] Sozialistische Gleichheitspartei (SGP) und deren Hochschulgruppe IYSSE in Berlin,[32] die ihm in einer Vielzahl von Vorträgen und Veranstaltungen revisionistische und rechtsradikale Standpunkte vorwirft.[33][34]

Im November 2017 verlor Baberowski einen Prozess vor dem Landgericht Hamburg gegen die SGP, die Baberowski somit weiterhin „Geschichtsfälschung“ vorwerfen kann, da diese Einschätzung vom Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt sei.

 

Medien berichteten im ersten Halbjahr 2017 ebenfalls über einen Konflikt zwischen Baberowski und Vertretern des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) der Universität Bremen.

Nachdem dieser gegen einen Vortrag Baberowskis protestiert und ihm in Flugblättern und im Internet Rassismus und Rechtsradikalismus vorgeworfen hatte,[36] klagte Baberowski gegen einige der vom AStA verbreiteten Aussagen. Er erwirkte eine einstweilige Verfügung und gewann zunächst, nach Widerspruch des AStA, am 15. März 2017 in erster Instanz am Landgericht Köln.[37]

Als sich abzeichnete, dass das Oberlandesgericht Köln als nächste Instanz gegen ihn entscheiden würde, zog Baberowski seinen Antrag am 2. Juni 2017 zurück. Präsidium und Dekanat der Philosophischen Fakultät I der Humboldt-Universität stellten sich bereits nach dem Urteil in erster Instanz und erneut nach der Verhandlung vor dem Oberlandesgericht hinter Jörg Baberowski. Seine Integrität stehe außer Zweifel, seine wissenschaftlichen Äußerungen seien durchaus kontrovers, aber keineswegs rechtsradikal. Eine Reihe von Professoren, mehrheitlich vom Institut für Geschichtswissenschaft (IfG) der Humboldt-Universität, schloss sich dieser Erklärung an.[38] Die juristische Auseinandersetzung stieß auf ein geteiltes Echo.

Nachdem von vier Fachgutachten zwei negative unter Bruch der Vertraulichkeit der tageszeitung zugeleitet wurden,[42] stieg die juristische Fakultät der Humboldt-Universität 2019 aus dem Projekt der Gründung eines Zentrums für Diktaturforschung aus.

Damit waren die Bedingungen für dessen Verwirklichung nicht mehr gegeben und Baberowski zog den Antrag, den er und Anna-Bettina Kaiser vorgelegt hatten,[43] zurück.

Der Historiker behauptete, die Humboldt-Universität habe sich „längst vom Prinzip der Wissenschaftsfreiheit verabschiedet“, und bezeichnete einige seiner studentischen Kritiker als linksextremistische Fanatiker. Seine Vorwürfe hinsichtlich der Wissenschaftsfreiheit wurden von Dekanat und Kollegen zurückgewiesen.

 

Auszeichnungen

2012 Preis der Leipziger Buchmesse für Verbrannte Erde: Stalins Herrschaft der Gewalt in der Kategorie „Sachbuch/Essayistik“[46]
Schriften (Auswahl)
Monographien

Autokratie und Justiz. Zum Verhältnis von Rechtsstaatlichkeit und Rückständigkeit im ausgehenden Zarenreich 1864–1914 (= Studien zur europäischen Rechtsgeschichte. 78). Klostermann, Frankfurt am Main 1996, ISBN 3-465-02832-5.
Der rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus. DVA, München 2003, ISBN 3-421-05486-X (Bundeszentrale für politische Bildung 2007).
Der Feind ist überall. Stalinismus im Kaukasus. DVA, München 2003, ISBN 3-421-05622-6.
Der Sinn der Geschichte. Geschichtstheorien von Hegel bis Foucault (= Beck’sche Reihe. 1623). C.H. Beck, München 2005, ISBN 3-406-52793-0.
mit Anselm Doering-Manteuffel: Ordnung durch Terror. Gewaltexzesse und Vernichtung im nationalsozialistischen und im stalinistischen Imperium. [Dietrich Beyrau zum 65. Geburtstag]. Dietz, Bonn 2006, ISBN 3-8012-0368-9.
Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt. C.H. Beck, München 2012, ISBN 978-3-406-63254-9.
Räume der Gewalt. S. Fischer, Frankfurt am Main 2015, ISBN 978-3-10-004818-9 (Bundeszentrale für politische Bildung 2016).
Herausgeberschaften

Moderne Zeiten? Krieg, Revolution und Gewalt im 20. Jahrhundert. Mit 5 Tabellen. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2006, ISBN 3-525-36735-X (Bundeszentrale für politische Bildung 2006).
mit Hartmut Kaelble, Jürgen Schriewer: Selbstbilder und Fremdbilder. Repräsentation sozialer Ordnungen im Wandel (= Eigene und fremde Welten. Band 1). Campus, Frankfurt am Main u. a. 2008, ISBN 978-3-593-38016-2.
mit David Feest, Maike Lehmann: Dem Anderen begegnen. Eigene und fremde Repräsentationen in sozialen Gemeinschaften (= Eigene und fremde Welten. Band 10). Campus, Frankfurt am Main u. a. 2008, ISBN 978-3-593-38722-2.
mit David Feest, Christoph Gumb: Imperiale Herrschaft in der Provinz. Repräsentationen politischer Macht im späten Zarenreich (= Eigene und fremde Welten. Band 11). Campus, Frankfurt am Main u. a. 2008, ISBN 978-3-593-38721-5.
Arbeit an der Geschichte. Wie viel Theorie braucht die Geschichtswissenschaft? (= Eigene und fremde Welten. Band 18). Campus, Frankfurt am Main u. a. 2010, ISBN 978-3-593-39149-6.
mit Gabriele Metzler: Gewalträume. Soziale Ordnungen im Ausnahmezustand (= Eigene und fremde Welten. Band 20). Campus, Frankfurt am Main u. a. 2012, ISBN 978-3-593-39231-8.
Was ist Vertrauen? Ein interdisziplinäres Gespräch (= Eigene und fremde Welten. Band 30). Campus, Frankfurt am Main u. a. 2014, ISBN 978-3-593-50062-1.
mit Robert Kindler: Macht ohne Grenzen. Herrschaft und Terror im Stalinismus. Campus, Frankfurt am Main u. a. 2014, ISBN 978-3-593-50164-2.
Weblinks
Commons: Jörg Baberowski – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Literatur von und über Jörg Baberowski im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
Kurzbiografie und Rezensionen zu Werken von Jörg Baberowski bei perlentaucher.de
Jörg Baberowski Humboldt-Universität Berlin – Lehrstuhl Geschichte Osteuropas
Stalin war ein psychopathischer Gewalttäter. Jörg Baberowski im Gespräch mit Frank Meyer, deutschlandfunkkultur.de, 29. Februar 2012.
Verwandte Diktaturen? Zum Verhältnis von Nationalsozialismus und Stalinismus. Debatte zwischen den Zeithistorikern Jörg Baberowski, Norbert Frei und Martin Sabrow, KörberForum, Mitschnitt. Abgerufen am 15. September 2015
Max Henninger: Rhetorik der Desillusionierung. Kritische Anmerkungen zu Jörg Baberowskis Gewaltbegriff. Sozial.Geschichte Online, 13, 2014, S. 74–79

 

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